{"id":1027,"date":"2009-02-08T16:06:52","date_gmt":"2009-02-08T16:06:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=1027"},"modified":"2009-02-08T16:06:52","modified_gmt":"2009-02-08T16:06:52","slug":"braune-wurzeln-der-lange-weg-des-bka-zur-eigenen-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=1027","title":{"rendered":"Braune Wurzeln &#8211; Der lange Weg des BKA zur eigenen Geschichte"},"content":{"rendered":"<h3>Interview mit Dieter Schenk<\/h3>\n<p><b>&#8222;Das BKA hat keine nationalsozialistische Vergangenheit&#8220;, erkl\u00e4rte die Bundesregierung noch 2001, als Dieter Schenks Buch \u00fcber die &#8222;braunen Wurzeln&#8220; des Bundeskriminalamts erschien. Sechs Jahre sp\u00e4ter nahm das Amt mit drei Kolloquien endlich den Anlauf, sich seiner Geschichte zu stellen.<a title=\"\" href=\"\/2009\/02\/08\/braune-wurzeln-der-lange-weg-des-bka-zur-eigenen-geschichte#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/b><\/p>\n<p><em>Herr Schenk, was war der Anlass f\u00fcr Ihr Buch \u00fcber die braunen Wurzeln des BKA?<\/em><\/p>\n<p>Ich war von 1981-89 beim BKA. In dieser Zeit habe ich zwar immer wieder von den &#8222;Charlottenburgern&#8220; geh\u00f6rt. Das seien Altvordere des Amtes gewesen, die aus der NS-Zeit belastet waren. &#8222;Charlottenburger&#8220; hie\u00dfen die deshalb, weil der Kern dieser Gruppe einen gemeinsamen Kommissarslehrgang an der SS-F\u00fchrerschule in Charlottenburg absolviert hatte. Wenn ich mehr \u00fcber diesen Kreis wissen wollte, konnte oder wollte man mir nichts sagen; \u00fcber diesen Leuten lag ein Grauschleier. Als ich dann Mitte der 90er Jahre mit der Biografie \u00fcber Horst Herold begann, wollte ich den &#8222;Charlottenburgern&#8220; auch ein Kapitel widmen, weil sie schlie\u00dflich zur Geschichte des BKA geh\u00f6ren. Ich habe dann in Erfahrung gebracht, dass es von Paul Dickopf, Herolds Vorg\u00e4nger als BKA-Pr\u00e4sident, einen umfangreichen Aktennachlass gibt. Dickopf starb 1973. Er hat alles m\u00f6gliche penibel gesammelt \u2013 das sind 68 B\u00e4nde im Bundesarchiv in Koblenz. <!--more--><\/p>\n<figure id=\"attachment_12182\" aria-describedby=\"caption-attachment-12182\" style=\"width: 192px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-12182\" src=\"https:\/\/cilip.site36.net\/files\/2009\/02\/Bundesarchiv_Bild_146-2007-0205_Paulinus_Dickopf-192x300.jpg\" alt=\"Bundesarchiv, Bild 146-2007-0205 \/ Doff \/ CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 146-2007-0205, Paulinus Dickopf, CC BY-SA 3.0 DE\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/Bundesarchiv_Bild_146-2007-0205_Paulinus_Dickopf-192x300.jpg 192w, https:\/\/wp-dev.daten.cool\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/Bundesarchiv_Bild_146-2007-0205_Paulinus_Dickopf.jpg 513w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-12182\" class=\"wp-caption-text\">Bundesarchiv, Bild 146-2007-0205 \/ Doff \/ CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 146-2007-0205, Paulinus Dickopf, CC BY-SA 3.0 DE<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Chef der Abteilung Verwaltung des BKA hat diesen Bestand 1975 ans Bundesarchiv abgegeben mit einer Sperrfrist von 25 Jahren. Damit hat man die Nazi-Vergangenheit des BKA w\u00e4hrend eines Vierteljahrhunderts praktisch zu einer Geheimsache erkl\u00e4rt. Eine Ausnahmegenehmigung f\u00fcr den Zugang zu diesem Fundus lehnte das BKA ab. Das sei wohl &#8222;nicht im Sinne des verstorbenen Herrn Dickopf&#8220;. Ich musste also bis zum Ablauf der Sperrfrist im Jahre 2000 warten. Inzwischen habe ich dann andere Sachen geschrieben. Mit den Dickopf-Akten lernte ich einen Umfang der Verstrickung des BKA kennen, die ich so nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten habe. Sie waren f\u00fcr mich der Ausgangspunkt weiterer Recherchen \u00fcber den leitenden Dienst \u2013 das waren 47 Beamte von der Gr\u00fcndung des BKA 1951 bis Anfang der 70er Jahre.<\/p>\n<p><em>Bleiben wir einen Moment bei den Schwierigkeiten der Recherche. Sie haben mehrfach betont, dass Sie f\u00fcr Ihr Buch kein einziges offizielles Papier des BKA einsehen konnten.<\/em><\/p>\n<p>Das ist richtig. Als ich mit den Arbeiten anfing, habe ich den damaligen Bundesinnenminister Otto Schily schriftlich um Akteneinsicht gebeten, was dieser auch per Erlass bewilligte \u2013 und zwar sowohl f\u00fcr die Best\u00e4nde des Bundesinnenministeriums (BMI) als auch f\u00fcr die des BKA. Bei einem ersten Gespr\u00e4ch im BKA schien man da auch ganz offen. Als ich nach Monaten trotzdem keine Unterlagen bekam, habe ich das angemahnt. Um es kurz zu machen: \u00dcber mehr als ein Jahr hinweg haben das BKA und sein damaliger Pr\u00e4sident Ulrich Kersten beamten- und datenschutzrechtliche Probleme vorgeschoben, um mir Akten zu verweigern; und das, obwohl Schily mir schwarz auf wei\u00df die Genehmigung erteilt hatte und ich im Bundesarchiv die BMI-Akten einschlie\u00dflich Personalentscheidungen, Beurteilungen von Beamten etc. einsehen konnte. Anfangs dachte ich, mein ganzes Projekt w\u00fcrde scheitern. Aber insgesamt kam mit den Akten aus dem Dickopf-Nachlass und zahlreichen Unterlagen aus Bundes- und Landesarchiven sowie aus Polen mehr als ausreichend Material zusammen.<\/p>\n<p><em>Sie sagten, Sie haben das Ausma\u00df der Verstrickung nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Was meinen Sie damit?<\/em><\/p>\n<p>Von den 47 Leuten in Leitungsfunktionen waren alle bis auf zwei NSDAP-Mitglieder gewesen. Das hatte ich mir schon gedacht, denn die waren ja auch vorher schon in entsprechenden Positionen im Polizeidienst. Nicht vermutet hatte ich jedoch, dass etwa die H\u00e4lfte von ihnen unmittelbar in Nazi-Verbrechen involviert war. Teils waren sie als Angeh\u00f6rige des Reichskriminalpolizeiamtes (RKPA) f\u00fcr die so genannte vorbeugende Verbrechensbek\u00e4mpfung und damit f\u00fcr den Erlass von Vorbeugungshaftbefehlen und die Einweisung in Konzentrationslager zust\u00e4ndig. Eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von ihnen war als Mitglieder von Einsatzgruppen oder gar in f\u00fchrender Position unmittelbar an Exekutionen in Polen und der Sowjetunion beteiligt. Bernhard Niggemeyer, der dritte Mann in der Hierarchie des BKA, war Leitender Feldpolizeidirektor der Heeresgruppe Mitte in Russland. Unter seiner Regie standen zw\u00f6lf Gruppen der Feldpolizei, die als Gestapo der Wehrmacht galt und massenhaft in Exekutionen involviert war. Das Bild war pl\u00f6tzlich ganz deutlich: Das BKA ist von ehemaligen Nazi-T\u00e4tern aufgebaut worden.<\/p>\n<p><em>Welche Rolle spielte Dickopf in diesem Kontext?<\/em><\/p>\n<p>Er war die Vaterfigur f\u00fcr die &#8222;Charlottenburger&#8220;, zu denen im engeren Sinne sieben Leute geh\u00f6rten, die mit ihm 1938\/39 im selben Lehrgang waren. Bis 1942 sind dann noch weitere an der SS-F\u00fchrerschule ausgebildet worden, die als seine Vertrauten im BKA Stellen erhielten, insgesamt waren es 24 SS-F\u00fchrer. Dickopf nahm f\u00fcr sich in Anspruch, ein Widerstandsk\u00e4mpfer geworden zu sein, nachdem ihn die Milit\u00e4rische Abwehr in die Schweiz geschickt hatte. Das haben ihm auch die aufeinander folgenden Innenminister abgenommen. In der Schweiz konnte ich mit einer Sondergenehmigung geheime Akten einsehen. Die damaligen Untersuchungen gegen Dickopf machen klar, dass er ganz offensichtlich ein Doppelspion war. Es gibt eine Zeugenaussage, wonach er seine Berichte \u00fcber die Vatikan-Botschaft nach Berlin weitergeleitet hat. Und es gibt eine ganze Reihe von weiteren Beweisen. Er hat in Lausanne bei Fran\u00e7ois Genoud gewohnt, einem schweizerischen Nazi, der ihn auch nach dem Krieg weiter unterst\u00fctzte \u2013 unter anderem 1968 bei der Wahl zum Interpol-Pr\u00e4sidenten. Dieser Genoud hatte nach dem Krieg auch Verbindungen zu arabischen Staaten, die er beeinflusst haben soll, f\u00fcr Dickopf zu stimmen.<\/p>\n<p>Sicher ist auch, dass Dickopf in der Schweiz \u00fcber eine Reihe von falschen Papieren verf\u00fcgte, \u00fcber Geldmittel, die ganz eindeutig mit seiner Aufgabe f\u00fcr die Abwehr zusammenhingen. Kurz vor Toresschluss, im Januar 1945, hat er sich dann mit der US-Gesandtschaft in Bern in Verbindung gesetzt und scheinbar sein Wissen offenbart, wobei er gar keine Namen nannte, sondern nur Organisationsstrukturen schilderte. Das hat aber ausgereicht, dass er sich bei den Amerikanern als Fachmann f\u00fcr die Kriminalpolizei Vertrauen erwerben konnte und zumindest bis 1951 Mitarbeiter des CIA wurde. Auf diese Weise wurde er dann zun\u00e4chst im BMI f\u00fcr den Aufbau des BKA zust\u00e4ndig, ab 1952 war er Vizepr\u00e4sident und ab 1965 Pr\u00e4sident des Amtes.<\/p>\n<p><em>Wie hat man beim BKA und bei den politisch Verantwortlichen auf das Buch reagiert?<\/em><\/p>\n<p>Die PDS hat im Bundestag kurz nach Erscheinen des Buches eine Anfrage gestellt. In der Antwort der Bundesregierung finden sich die S\u00e4tze: &#8222;Das BKA hat keine nationalsozialistische Vergangenheit. Es ist im Jahre 1951 gegr\u00fcndet worden.&#8220;<a title=\"\" href=\"\/2009\/02\/08\/braune-wurzeln-der-lange-weg-des-bka-zur-eigenen-geschichte#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Wenn ich das bei Veranstaltungen zitiert habe, gab es immer ein h\u00e4misches Lachen. Mein Verlag Kiepenheuer und Witsch schlug damals vor, beim BKA und unter dessen Regie eine Podiumsdiskussion zu veranstalten. Die Antwort lautete, das sei nicht die geeignete Methode, die Sache zu erhellen. Das war im Jahre 2001. Letzten Endes hat erst J\u00f6rg Ziercke, der 2004 das Pr\u00e4sidentenamt antrat, mit dieser Linie gebrochen. Dass es ihm ein Anliegen ist, die Geschichte der Polizei unter den Nazis aufzuarbeiten, hat er schon in Schleswig-Holstein gezeigt. Er sorgte daf\u00fcr, dass vor einem Polizeigeb\u00e4ude, das fr\u00fcher eine Gestapo-Dienstsstelle war, ein Denkmal errichtet wurde. Und er hat auch ein Buch \u00fcber die T\u00e4tigkeit der Polizei des Landes w\u00e4hrend der NS-Zeit initiiert.<a title=\"\" href=\"\/2009\/02\/08\/braune-wurzeln-der-lange-weg-des-bka-zur-eigenen-geschichte#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p><em>2007 veranstaltete das BKA auf Zierckes Initiative drei Kolloquien unter dem Titel &#8222;Das Bundeskriminalamt stellt sich seiner Geschichte.&#8220; Wie bewerten Sie die?<\/em><\/p>\n<p>Dass Ziercke es damit ernst meinte, davon bin ich \u00fcberzeugt. Das zeigte sich an seinen eigenen Beitr\u00e4gen. Auch dass er Leute wie Romani Rose vom Zentralrat der Sinti und Roma einlud, schien mir keine Alibi-\u00dcbung, denn der war ja kein bequemer Redner, sondern hat sehr eindeutig dargestellt, wie man mit Sinti und Roma unter den Nazis, aber auch noch in der Nachkriegszeit umgesprungen ist. Ziercke lehnte allerdings meinen Vorschlag ab, die aktuellen Menschenrechtsverletzungen im Alltag der internationalen Verbrechensbek\u00e4mpfung auf die Tagesordnung zu setzen mit der Konsequenz, dass weiterhin Folterregime mit millionenschwerer Polizeihilfe durch das BKA unterst\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>Eine andere Frage ist au\u00dferdem, wie die BKA-Abteilungs- und Referatsleiter und schlie\u00dflich auch die 5.000 Bediensteten auf so etwas reagieren. W\u00e4hrend des Kolloquiums sagte Ziercke, alle Abteilungsleiter h\u00e4tten das gebilligt. Ich bezweifle jedoch, dass die Mehrheit der BKA-Leute diesem Thema gegen\u00fcber aufgeschlossen ist. W\u00e4hrend und nach den Kolloquien waren da auch ganz andere T\u00f6ne zu h\u00f6ren \u2013 teilweise auf Stammtischniveau: Man h\u00e4tte das Geld auch anders ausgeben und eine Fortbildung machen k\u00f6nnen. Jemand hat geschrieben: Dies ist nicht mehr mein BKA. V\u00f6llig unverst\u00e4ndlicherweise hat auch die Gewerkschaft der Polizei Ziercke vorgeworfen, das Amt unter einen Nazi-Generalverdacht zu stellen. Das ist v\u00f6llig blamabel f\u00fcr eine Gewerkschaft, die unter den Nazis Schlimmes erlitten hat und auch in den ersten zwanzig Jahren des BKA unter den &#8222;Charlottenburgern&#8220; keinen Boden unter die F\u00fc\u00dfe bekam.<\/p>\n<p><em>Die Pr\u00e4senz der &#8222;Charlottenburger&#8220; und anderer Seilschaften im Amt zeigt zun\u00e4chst die personelle Kontinuit\u00e4t zur NS-Zeit. Wie sah das bei der Organisation und den Arbeitsformen aus?<\/em><\/p>\n<p>Ich habe ja auch die Akten des Kriminalpolizeiamtes der Britischen Zone ausgewertet, das eine Vorstufe des BKA war und dessen Mitarbeiter alle \u00fcbernommen worden sind, einschlie\u00dflich von 80 ehemaligen Angeh\u00f6rigen des Reichskriminalpolizeiamtes. Rolf Holle, der Leiter des Grundsatzreferates war, hat dort innerhalb eines halben Jahres Richtlinien zu allem m\u00f6glichen erstellt: \u00fcber Falschgeld, \u00fcber Fahndung, \u00fcber Meldedienst, Erkennungsdienst und so weiter. Ich habe mich gefragt, wie das m\u00f6glich war, in so kurzer Zeit das alles im Detail zu regeln. Erst als ich die entsprechenden Richtlinien des RKPA pr\u00fcfte, wurde mir klar, dass er die neuen Richtlinien einfach da abgeschrieben und nur die Nazi-Terminologie und vor allem die Konzentrationslager rausgelassen hatte.<\/p>\n<p>Beim BKA ging das weiter. Dickopf hat h\u00e4ufig gefragt: Wie haben die das denn fr\u00fcher, also im RKPA, gemacht? Und so wie fr\u00fcher wurde dann auch verfahren. Man \u00fcbernahm alle m\u00f6glichen Richtlinien bis hin zu Formularen. Der Personenschutz der Sicherungsgruppe wurde nach dem Muster des Reichssicherheitsdienstes aufgebaut. Das BKA war ein Abklatsch des RKPA in Bezug auf die Vorschriften und vor allem in Bezug auf die Organisation. Man findet im Organisationsschema des BKA alle wichtigen Gliederungen des RKPA wieder, das ja das Amt V des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), der Terrorzentrale in der Prinz-Albrecht-Stra\u00dfe, gewesen war.<\/p>\n<p><em>Allerdings verf\u00fcgte das BKA nicht \u00fcber die zentralistischen Kompetenzen des RKPA.<\/em><\/p>\n<p>Dickopf hat zwei politische Ziele nicht erreicht: die Weisungsbefugnis gegen\u00fcber den L\u00e4ndern und die uneingeschr\u00e4nkte Ermittlungsbefugnis der Zentralstellen, die das RKPA bzw. die Organisation der Kripo im Nationalsozialismus kennzeichneten. Diese beiden Punkte waren wegen des Grundgesetzes und vor allem wegen des Widerstandes der L\u00e4nder nicht durchsetzbar. Noch 1971 haben Dickopf und Holle eine Brosch\u00fcre herausgebracht \u2013 &#8222;Das Bundeskriminalamt&#8220; \u2013 und das Fehlen dieser beiden Elemente kritisiert. Dort findet sich auch der Satz, dass die Sicherheitspolizei nicht deshalb schlecht und verdammenswert gewesen sei, weil sie zur Zeit der Naziherrschaft das Licht der Welt erblickt hat.<\/p>\n<p><em>Die vorbeugende Verbrechensbek\u00e4mpfung und das Bild vom Berufs- und Gewohnheitsverbrecher bildeten seit den 20er Jahren den Kern der scheinbar unpolitischen, professionellen Ideologie der Kriminalpolizei. In der NS-Zeit zeigte sich aber gerade hier die Einbindung in die Vernichtungsmaschinerie.<\/em><\/p>\n<p>In der NS-Zeit ist das eindeutig so. Die mehrere hundert Seiten starke Erlasssammlung des RKPA zeigt das ganz klar. Die BKA-Schriftenreihe \u2013 die auch dem Vorbild des RKPA folgte \u2013 und Vortragsreihen befassten sich in mehreren Publikationen mit Fragen der vorbeugenden Verbrechensbek\u00e4mpfung. Eine von 1962 hei\u00dft: &#8222;Der Berufs- und Gewohnheitsverbrecher&#8220;. 1964 gab es auch eine Arbeitstagung zur vorbeugenden Verbrechensbek\u00e4mpfung. Die wollte man wieder aufgreifen \u2013 einschlie\u00dflich der Sicherheitsverwahrung, wobei man diskutierte, ob daf\u00fcr \u00fcberhaupt eine richterliche Entscheidung notwendig sei, weil doch nur die Kripo \u00fcber den polizeilichen Sachverstand verf\u00fcge. Leute wie Niggemeyer hatten f\u00fcr &#8222;Berufs- und Gewohnheitsverbrecher&#8220; KZ-Haft im Kopf und wollten es jetzt Sicherheitsverwahrung nennen. In der Realit\u00e4t konnte das nicht umgesetzt werden. Unter dem Titel vorbeugende Verbrechensbek\u00e4mpfung lief insbesondere die Verfolgung von Sinti und Roma \u2013 unter den Nazis hie\u00dfen sie Zigeuner, in den 50er und 60ern wurden sie dann umgetauft in &#8222;Landfahrer&#8220;. Ein BKA-Referatsleiter namens Dr. Josef Ochs, der im RKPA an der Stelle sa\u00df, die die Vorbeugungshaftbefehle gegen &#8222;Zigeuner&#8220; ausstellte, machte sich Mitte der 50er Jahre auf einer BKA-Tagung daf\u00fcr stark, diese &#8222;notorischen Verbrecher&#8220; stringenter zu verfolgen.<\/p>\n<p><em>Der Mythos des unpolitischen kriminalistischen Handwerks spielt auch in der internationalen Zusammenarbeit eine Rolle, wo das BKA seit langem eine gro\u00dfe Bedeutung hatte.<\/em><\/p>\n<p>Das zeigt sich daran, dass man auch heute wie in der Dickopf-\u00c4ra an Menschenrechtsverletzungen keinen Ansto\u00df nimmt, wenn es um die internationale polizeiliche Zusammenarbeit geht. Eine deutsche Polizeibeh\u00f6rde, die die Geschichte der Polizei im Nationalsozialismus verstanden hat, m\u00fcsste auch sensibel sein f\u00fcr die Rolle der Polizei in Diktaturen in anderen Regionen der Welt. 106 von 186 Interpol-Mitgliedstaaten, mehr als die H\u00e4lfte also, foltern und misshandeln, davon \u00fcber 80 systematisch. Systematisch hei\u00dft, dass Folter und Misshandlung seitens der Regierung des jeweiligen Staates entweder toleriert oder gar angeordnet werden. F\u00fcr mich ist es unbegreiflich, dass das BKA dem in der Zusammenarbeit nicht Rechnung tr\u00e4gt. Das war eines der wichtigsten Motive f\u00fcr mein neues Buch.<\/p>\n<p><em>1969 hatte das BKA etwa 900 Mitarbeiter. Heute hat es 5.000 und au\u00dferdem viel mehr Befugnisse. Ist es nicht so, dass das Amt unter den &#8222;Charlottenburgern&#8220; \u00fcber das Ideologische hinaus kaum eine Rolle spielte?<\/em><\/p>\n<p>Herold hat beklagt, das BKA sei, als er es 1971 \u00fcbernommen hat, eine blo\u00dfe Briefkastenbeh\u00f6rde gewesen, die ein Fahndungsbuch herausgab, das schon beim Erscheinen \u00fcberholt war, wo ein Meldedienst existierte, der keine sinnvollen Ergebnisse lieferte etc. In der Tat war man um den Kreis der ehemaligen Nazi-T\u00e4ter bestrebt, keine Au\u00dfenwirkung zu haben. Man wollte nicht auffallen. Man duckte sich weg, um Ermittlungsverfahren, die ja immer wieder auftauchten und Leute aus dem Amt gef\u00e4hrdeten, mit heiler Haut zu \u00fcberstehen und dann in Ruhestand zu gehen. Dickopf hatte seine Sch\u00e4fchen unter sich \u2013 auch in der Weise, dass die sich gegenseitig nicht belasteten, dass sie gedeckt und auch aus der Schusslinie genommen wurden, indem man sie, wie in einem Fall, kurz zum Statistischen Bundesamt abordnete und dann sp\u00e4ter wieder zur\u00fcckholte. Aber zum Schluss sind sie alle bef\u00f6rdert worden.<\/p>\n<p>Die Sicherungsgruppe spielte da eine andere Rolle. Erstens waren die ja r\u00e4umlich getrennt in Bad Godesberg, sp\u00e4ter in Meckenheim. Und zweitens wurden Leute rekrutiert, die sich selbst als Verteidiger des westlichen Gedankenguts und den Feind wie auch fr\u00fcher im Osten sahen. Das ging praktisch gegen alles, was links von deren eigener Sichtweise war. Die Sicherungsgruppe hat sich besonders in der Bek\u00e4mpfung von &#8222;Spionen&#8220; darin gefallen, eine Au\u00dfenwirkung zu haben.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der &#8222;Charlottenburger&#8220; ging bis Anfang der 70er Jahre in Ruhestand, mit satten Pensionen \u2013 im Gegensatz zu den Opfern, wenn sie \u00fcberlebt hatten. Mit Herold begann eine neue \u00c4ra. Das BKA sollte nun nicht mehr kleckern, sondern klotzen, es hat dann einen bis dahin ungekannten personellen Zuwachs gehabt. In seiner Antrittsrede stellte Herold zwar die Bek\u00e4mpfung der Wirtschaftskriminalit\u00e4t als Schwerpunkt dar. Dazu ist er nicht gekommen, was er immer bedauerte. Er wurde sofort in den Strudel der RAF-Bek\u00e4mpfung reingerissen. Die hat er auf eine Weise betrieben, die seiner F\u00e4higkeit, strategisch und technisch zu denken, entsprach. Das betraf insbesondere die Datenverarbeitung. Die Kritik an seiner Person, aber auch seine Verdienste und die entw\u00fcrdigende Behandlung nach seinem Rauswurf habe ich in seiner Biografie beschrieben.<\/p>\n<p><em>War die Tradition der alten Nazi-Seilschaften nach dieser Wende im BKA noch sp\u00fcrbar?<\/em><\/p>\n<p>Das lie\u00dfe sich nur durch betriebssoziologische Untersuchungen zuverl\u00e4ssig beantworten. Ohne Zweifel folgte der Nachwuchs in der Justiz den aus der Nazi-Zeit belasteten Ziehv\u00e4tern, was sich an freisprechenden Urteilen und Verfahrenseinstellungen ablesen l\u00e4sst. Herold hat sich mehrfach sehr kritisch \u00fcber den Geist der BKA-Abteilungsleiter ge\u00e4u\u00dfert, die er sinngem\u00e4\u00df als eine ihm feindlich gesinnte Mafia empfand. Ich habe in den 80er Jahren insgesamt einen autorit\u00e4ren F\u00fchrungsstil, rechtslastige Aufgabenerf\u00fcllung und ein reaktion\u00e4res Klima im Amt erlebt, das sich auch in Witzen und Anekdoten niederschlug. Da kam ein Referatsleiter aus dem Bereich Terrorismus aus Frankreich zur\u00fcck, wo eine Frau aus dem Randbereich des Terrorismus festgenommen worden war. Der erz\u00e4hlte dann bei einer Tasse Kaffee: Die XY wollte nicht mal sagen, wie sie hei\u00dft. Da hat ihr der franz\u00f6sische Kollege mal in die Fresse gehauen, und dann hat sie das pl\u00f6tzlich wieder gewusst. Man merkte, dass er zwar selbst nie so handeln w\u00fcrde, aber er fand das ganz wirkungsvoll und gut. Nach meinen Eindr\u00fccken aus dieser Zeit wirkte das alte Gedankengut weiter. Einen Beweis, in welchem Umfang das der Fall war, habe ich nat\u00fcrlich nicht, denn nicht ohne Grund wurden mir die Akten verweigert. In solchen steht zum Beispiel \u2013 wie ich sp\u00e4ter erfuhr \u2013 dass das Bundeskanzleramt das Bundesinnenministerium anwies, sich vor solche &#8222;alten Kameraden&#8220; zu stellen, die wegen ihrer Nazivergangenheit in die \u00f6ffentliche Kritik geraten waren.<\/p>\n<p>Die Mauer des Schweigens war ein halbes Jahrhundert Regierungspolitik. Ich bin nicht der Auffassung, dass heute noch im BKA der Geist alter Nazis weht. Vielmehr verhinderte ein Korpsgeist innere Demokratie. Sich sch\u00fctzend vor solche Mitarbeiter zu stellen, geschah mit zudeckender Loyalit\u00e4t und hat denselben Ursprung wie die Ignoranz gegen\u00fcber Folter in der internationalen Verbrechensbek\u00e4mpfung. Damit macht sich das BKA zu stillen Komplizen von Folterern, auch wenn es selbst niemals Folter anwenden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dass nunmehr der renommierte Historiker Prof. Patrick Wagner den Auftrag erhalten hat, die Kontinuit\u00e4ten aufzusp\u00fcren, begr\u00fc\u00dfe ich sehr. Hoffentlich erh\u00e4lt er die Akten in den BKA-Abteilungen, die Pr\u00e4sident Ziercke ge\u00f6ffnet haben will.<\/p>\n<h5>Dieter Schenk, Berlin und Schenklengsfeld, ist Publizist und Honorarprofessor f\u00fcr die Geschichte des Nationalsozialismus an der Universit\u00e4t Lodz.<\/h5>\n<h6><a title=\"\" href=\"\/2009\/02\/08\/braune-wurzeln-der-lange-weg-des-bka-zur-eigenen-geschichte#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Schenk, D.: Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA, K\u00f6ln 2001, 2. Auflage (als Taschenbuch) Frankfurt\/M. (Fischer) 2003; BKA (Hg.): Das Bundeskriminalamt stellt sich seiner Geschichte, K\u00f6ln 2008<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2009\/02\/08\/braune-wurzeln-der-lange-weg-des-bka-zur-eigenen-geschichte#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> BT-Drs. 14\/7733 v. 5.12.2001<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2009\/02\/08\/braune-wurzeln-der-lange-weg-des-bka-zur-eigenen-geschichte#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Freundeskreis zur Unterst\u00fctzung der Polizei Schleswig-Holsteins (Hg.): T\u00e4ter und Opfer unter dem Hakenkreuz \u2013 Eine Landespolizei stellt sich der Geschichte, Kiel 2001<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Dieter Schenk &#8222;Das BKA hat keine nationalsozialistische Vergangenheit&#8220;, erkl\u00e4rte die Bundesregierung noch 2001,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,98],"tags":[309,444,1011,1014,1210],"class_list":["post-1027","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-092","tag-bundeskriminalamt","tag-dieter-schenk","tag-ns-vergangenheit","tag-nsdap","tag-reichskriminalpolizeiamt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1027","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1027"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1027\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1027"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1027"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1027"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}