{"id":1032,"date":"2009-02-08T16:09:27","date_gmt":"2009-02-08T16:09:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=1032"},"modified":"2009-02-08T16:09:27","modified_gmt":"2009-02-08T16:09:27","slug":"dunkle-vergangenheit-lichte-gegenwart-vergangenheitspolitik-der-bundesdeutschen-polizei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=1032","title":{"rendered":"Dunkle Vergangenheit, lichte Gegenwart &#8211; Vergangenheitspolitik der bundesdeutschen Polizei"},"content":{"rendered":"<p><b>Die Sicherheitsorgane waren essentieller Teil der NS-Herrschaft und ihrer Vernichtungsmaschinerie. Sechzig Jahre nach Gr\u00fcndung der BRD wird dieses Wissen auch innerhalb der Polizei (fast) allgemein geteilt. Es bleibt allerdings folgenlos.<\/b><\/p>\n<p>Als im Herbst 2001 Dieter Schenks Buch \u00fcber die &#8222;braunen Wurzeln&#8220; des Bundeskriminalamts (BKA) erschien, wollte die PDS-Abgeordnete Ulla Jelpke von der Bundesregierung wissen, ob sie die in diesem Band erhobene Kritik teile, &#8222;dass das BKA zu Fragen nach der nationalsozialistischen Vergangenheit &#8230; leitender Mitarbeiter noch nie Stellung bezogen hat und sich damit bis heute nicht von diesen distanziert und f\u00fcr diese entschuldigt hat, zumal diese nie ein Wort des Bedauerns oder der Reue gezeigt haben?&#8220; Eigentlich handelte es sich dabei um eine harmlose Frage, die die aktuelle Institution BKA und ihre Funktionen nicht in Frage stellte. Die betreffenden Personen waren ohnehin l\u00e4ngst pensioniert und zumeist verstorben.<!--more--><\/p>\n<p>Die Bundesregierung jedoch antwortete unter anderem: &#8222;Das BKA hat keine nationalsozialistische Vergangenheit. Es ist erst im Jahr 1951 gegr\u00fcndet worden.&#8220;[1] Solche regierungsamtliche Chuzpe, zumal eine Unversch\u00e4mtheit gegen\u00fcber Mitgliedern des Parlaments und ihrer Funktion, befand sich im Einklang mit jener Linie, die \u00fcber Jahrzehnte hinweg den Umgang der bundesdeutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden mit ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus bestimmt hatte &#8211; erkennbar beispielsweise an Festschriften zu runden und halbrunden Geburtstagen dieser Institutionen.[2]<\/p>\n<p>Seit der Jahrhundertwende sind derartige Erkl\u00e4rungen seltener geworden. Selbst das BKA veranstaltete im Jahre 2007 eine Reihe von Kolloquien unter dem Titel: &#8222;Das Bundeskriminalamt stellt sich seiner Geschichte&#8220;. Bereits im Vorwort zur entsprechenden Dokumentation formulierte sein Pr\u00e4sident J\u00f6rg Ziercke das eigentlich Selbstverst\u00e4ndliche und Bekannte: &#8222;Die Polizei war w\u00e4hrend des Nationalsozialismus eine entscheidende St\u00fctze des Regimes. Sie hat als solche schwere Schuld auf sich geladen.&#8220;[3]<\/p>\n<p>\u00c4hnlich sp\u00e4t wie andere Institutionen und deren gegenw\u00e4rtige Vertreter r\u00e4umen deutsche Polizeien nunmehr ein, dass die Sicherheitsapparate &#8211; die Polizeien und Geheimdienste in ihrer seinerzeitigen und heutigen Variantenf\u00fclle &#8211; essentieller Teil der Herrschafts- und Vernichtungsmaschinerie gewesen sind. Das &#8222;wusste&#8220; man ohne Frage bereits vorher &#8211; oder h\u00e4tte es doch wissen m\u00fcssen. Selbst wenn man \u00fcber keine eigenen Erfahrungen mehr verf\u00fcgt, l\u00e4sst sich die nationalsozialistische Herrschaft, in ihrer Expansion, gesellschaftlichen Durchdringung und ihrer m\u00f6rderischen Effizienz anders nicht verstehen. F\u00fcr dieses Wissen h\u00e4tte es kein polizeiliches Pendant zur &#8222;Wehrmachtsausstellung&#8220; gebraucht.[4] Wie f\u00fcr das ansonsten &#8222;saubere&#8220;, nur kriegsm\u00f6rderisch funktionst\u00fcchtige Milit\u00e4r in all seinen Graden und Eins\u00e4tzen, so gilt mehr noch f\u00fcr die mehrfunktionale Polizei: Sie verfolgte, kontrollierte und mordete mit. Sie tat dies von Anfang bis Ende als tragende S\u00e4ule des Systems.<\/p>\n<h4>Die bundesdeutsche &#8222;Non-Decision&#8220;<\/h4>\n<p>Als eine &#8222;Nicht-Entscheidung&#8220; bezeichneten US-amerikanische Soziologen vor Jahrzehnten einen Sachverhalt, der so allgemein bekannt und selbstverst\u00e4ndlich erscheint, dass er wie eine Pr\u00e4misse nicht mehr in Frage gestellt wird. Um eine solche wirkungsreiche, aber nicht mehr auf ihre Wirkungen getestete Pr\u00e4misse handelt es sich bei dem, was Norbert Frei &#8222;Vergangenheitspolitik&#8220; genannt hat: In der Bundesrepublik allgemein wurden systematisch Personen, Institutionen und Verfahrensmuster kooptiert, die sich zwischen 1933 und 1945 &#8222;professionell&#8220; bew\u00e4hrt hatten.[5] Das gilt in besonderem Ma\u00dfe im Kontext der inneren Sicherheit &#8211; von der Schutzpolizei \u00fcber die Kriminalpolizei und ihrer Spitzeneinrichtung BKA, deren sp\u00e4tes bundesdeutsches Gr\u00fcndungsdatum ebenso wenig verwirren darf, wie das des Bundesnachrichtendienstes, den die USA der Bundesrepublik 1954 gleichsam als &#8222;Morgengabe&#8220; zur\u00fcckgegeben haben, bis zu den Bundes- und Landes\u00e4mtern f\u00fcr Verfassungsschutz.<\/p>\n<p>Dass die Sicherheitseinrichtungen, mit einem nach-nationalsozialistischen Lieblingswort (in der BRD war und ist in aseptischer Weise nur von der &#8222;Nachkriegszeit&#8220; die Rede) gesprochen, trotz mancher Entbr\u00e4unungen und sonstiger Modifikationen <em>wieder<\/em>errichtet worden sind, hat eine Reihe von Gr\u00fcnden: Dass man ein Volk aus Funktion\u00e4ren, T\u00e4tern und Mitl\u00e4ufern nicht einfach auswechseln k\u00f6nnte; dass ein durch Krieg und Kriegswirtschaft zerst\u00f6rtes Land eigene &#8222;funktionale Imperative&#8220; frei machte, beispielsweise ordnungs- und kriminalpolizeilicher Art; dass, und das nicht zuletzt, der Kalte Krieg und seine deutsche &#8222;Front&#8220; eine Reihe innen- und au\u00dfengerichteter, teilweise im Grundgesetz verankerter Sicherungsma\u00dfnahmen zu verlangen schien. Der R\u00fcckgriff auf bew\u00e4hrte Kompetenzen, deren Inhaber und Verfahrensweisen lag nahe. Auch das ist ein Grund, warum die Denazifizierung in einem Fiasko endete. Sie tat dies in der Produktion einer F\u00fclle unterschiedlich wei\u00dfer &#8222;Persilscheine&#8220; und einer weitreichenden Vertuschungs-, Verleugnungs- und T\u00e4uschungskameraderie. Die BRD wurde im lange warmen Schaumbad der L\u00fcge, der Ausreden und Rationalisierungen &#8222;sozialisiert&#8220;.<\/p>\n<p>Festzuhalten ist, dass man die Bundesrepublik in der grundrechtsblumigen F\u00fclle ihrer sechzig Jahre nicht verstehen kann, wenn man, gerade im Sicherheitsbereich, die pr\u00e4gekr\u00e4ftige Melange aus vergangenheitsgepr\u00e4gter Gegenwart nicht wahrnimmt, zu der sie das &#8222;Brot der fr\u00fchen Jahre&#8220; (Heinrich B\u00f6ll) hinunterschlang. Das Problem der &#8222;Elitenkontinuit\u00e4t&#8220; l\u00e4sst sich in der Tat nicht reduzieren auf eine &#8222;genuin nationalsozialistische Elite und deren Nachkriegschancen&#8220;. Zurecht fordert Frei, &#8222;den Blick auf die deutschen F\u00fchrungsschichten insgesamt zu richten&#8220;, auf all jene also, &#8222;die mit ihren F\u00e4higkeiten, ihrem Talent und ihrer Expertenschaft dazu beitrugen, dass Hitler und seine 1933 installierte &#8218;Bewegung&#8216; binnen weniger Jahre f\u00fcr Deutschland den Status einer politischen, \u00f6konomischen und milit\u00e4rischen Gro\u00dfmacht zur\u00fcckzuerobern vermochten, um schlie\u00dflich einen beispiellos verbrecherischen Krieg zu beginnen&#8220;.[6] Nur so wird einsichtig, warum Taten und Verhalten w\u00e4hrend des &#8222;3. Reichs&#8220; danach kein h\u00f6heres Karriere-Hindernis darstellten.<\/p>\n<p>Nicht nur in der Polizei, sondern auch sonst wurden sie erst zum ernsthafteren Thema, als nichts mehr zu tun, sprich: niemand mehr zu &#8222;retten&#8220; war. 1999 erinnerten sich die <em>deutschen<\/em> Historiker an ihre l\u00e4ngst verblichenen V\u00e4ter. Anfang des neuen Jahrhunderts lie\u00df die Max-Planck-Gesellschaft die Leistungen diverser Institute ihrer Vorl\u00e4uferin, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, f\u00fcr das nationalsozialistische Deutschland, insbesondere am Exempel &#8222;entgrenzter Medizin&#8220;, kundig durchleuchten. Und nun treibt ihre Vergangenheit die Polizei um, nun, da nichts mehr umzutreiben ist. Die einst aktiven Nationalsozialisten, Parteimitglieder oder nicht, solche, die sich jedenfalls funktional unbegrenzt der ausrottenden Nazi-Expansion zur Verf\u00fcgung stellten, leben nicht mehr. Die Institutionen im bundesdeutschen Kontext scheinen unbeschadet mancher, eher randst\u00e4ndig wirksamer Kontinuit\u00e4ten funktional qualitativ anders eingebaut und wirksam. Der Schrecken einstiger Taten und T\u00e4ter k\u00f6nnte an Sch\u00fclergef\u00fchle erinnern, wenn anl\u00e4sslich eines Lehr- (oder besser Leer-)gangs sp\u00e4tmittelalterliche Folterkammern besichtigt worden sind.<\/p>\n<h4>Massivit\u00e4t des Gewesenen und unabgegoltene Postulate<\/h4>\n<p>An neueren Publikationen zur Geschichte der Polizeien ist kein Mangel. Viele dieser Studien machen lokal und regional die ersten Nachkriegsjahre lebendig. Die Geschichte der fr\u00fchen bundesdeutschen Polizei kann nachvollzogen werden. Andere schildern beispielsweise die Aktivit\u00e4ten einzelner Polizeibataillone sehr genau.[7] Die meisten Untersuchungen neigen allerdings dazu, die behandelten Polizeien zu sehr f\u00fcr sich gesondert zu behandeln. Ihre Aussagekraft f\u00fcr die nationalsozialistische wie die liberaldemokratische bundesdeutsche Herrschaft wird in Kontinuit\u00e4t und Differenz nicht ausgelotet. Sobald von bundesdeutschen Polizeien die Rede ist, wird wie von lichter Gegenwart in graudunkle &#8222;Vorzeit&#8220; zur\u00fcckgeblendet. Es scheint durchgehend so, als b\u00f6ten die Gegenwart und ihre Polizeien kein Problemprofil, in dem ein Fragehaken festzumachen w\u00e4re, um nach der Genesis solcher Probleme zu fahnden. Selbst dort, wo in bundesdeutscher Vergangenheit der 50er und 60er Jahre dunkle Stellen und Machenschaften ausfindig gemacht werden, bl\u00fcht die Gegenwart in bundesdeutschem Sp\u00e4tsommer und tr\u00e4gt demokratisch reife Fr\u00fcchte.<\/p>\n<p>In diesem Sinne ist die Historisierung der NS-Periode perfekt gelungen. Lieb Gegenwart kannst ruhig sein, da ist kein st\u00f6rend Unrat mehr unterm Nazistein. Will man die Polizeien im systemischen Zusammenhang der NS-Herrschaft verstehen lernen und informierte Fragen in angemessen ver\u00e4nderter Form auf die bundesdeutsche Gegenwart \u00fcbertragen, dann sollte man zuerst Raul Hilbergs bereits 1961 erschienenes Werk \u00fcber die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden zur Hand nehmen:<\/p>\n<p class=\"z\">&#8222;Ein administrativer Proze\u00df solchen Ausma\u00dfes l\u00e4\u00dft sich nicht von einer einzelnen Beh\u00f6rde durchf\u00fchren, selbst dann nicht, wenn es sich um ein so geschultes und effizientes Organ wie die Gestapo oder um das Kommissariat f\u00fcr Judenfragen handelt, denn ein Vorgang, der in jeder Phase des menschlichen Lebens eingreift, wird schlie\u00dflich die Kr\u00e4fte der gesamten organisierten Gesellschaft in Anspruch nehmen. Daher finden sich unter den T\u00e4tern nebeneinander die hochspezialisierten Techniker der R\u00fcstungsinspektionen, die nur mittelbar beteiligten Beamten des Reichspostministeriums und &#8211; bei der alles entscheidenden Aufgabe, die Unterlagen f\u00fcr den Abstammungsnachweis zusammenzustellen &#8211; die Mitglieder eines teilnahmslosen, die Augen verschlie\u00dfenden christlichen Klerus. So unterschied sich die Vernichtungsmaschinerie nicht grundlegend vom deutschen Gesellschaftsgef\u00fcge insgesamt: der Unterschied war lediglich ein funktioneller. Die Vernichtungsmaschinerie war <em>in der Tat<\/em> nichts anderes als eine besondere Rolle der organisierten Gesellschaft.&#8220; Ein kleiner, aber lebensentscheidender Zusatz: &#8222;Die deutsche B\u00fcrokratie lie\u00df sich durch Probleme nicht abschrecken; nie nahm sie zu Vorw\u00e4nden Zuflucht, wie die Italiener, zu Scheinma\u00dfnahmen, wie die Ungarn, oder zu Hinrichtungen, wie die Bulgaren. Die deutschen Verwalter dr\u00e4ngte es nach Perfektion. Anders als ihre Kollaborateure begn\u00fcgten sie sich niemals mit dem Minimum. Sie taten stets das Maximum&#8220;.[8]<\/p>\n<p>F\u00fchrt man sich diese b\u00fcrokratische Systematik, die eine F\u00fclle scheinbar heterogener Institutionen polizeilicher Art vernetzte, neu und neu vor Augen, dann ist die Frage von Kontinuit\u00e4t und\/oder Diskontinuit\u00e4t bis heute nicht so oberfl\u00e4chlich gegenwartsbetulich in einer Art wissenschaftlich-kriminalpolizeilichem &#8222;Wellness-Jargon&#8220; zu unterlaufen, wie dies in der eingangs zitierten Kolloquiumsreihe des BKA 2007 geschehen ist und wie es dessen Pr\u00e4sident h\u00f6chst selbst vorf\u00fchrte:<\/p>\n<p class=\"z\">&#8222;Der Vorwurf, in der Polizei und auch im Bundeskriminalamt seien in der Gr\u00fcndungsphase (der BRD, WDN), aber auch in sp\u00e4teren Jahren systematisch rassistische und fremdenfeindliche Einstellungen und Denkmuster weitergef\u00fchrt worden, ist nicht haltbar. Das Bundeskriminalamt hat sich vielmehr trotz der beschriebenen Kontinuit\u00e4ten vor allem in den Gr\u00fcndungsjahren zu einer modernen, demokratisch gefestigten, professionellen und international ausgerichteten Polizeibeh\u00f6rde entwickelt.&#8220;[9]<\/p>\n<p>Wenn die bundesdeutschen polizeilichen Institutionen derart entschuldet werden, schrumpfen die angesichts der Vortr\u00e4ge und Diskussionen der Kolloquiumsreihe mehrfach beobachteten &#8222;Sternstunden&#8220; zu Gedenkminuten der &#8222;Sensibilisierung&#8220;, einem Lieblingswort Zierckes. Sie k\u00f6nnen dann als Momente des Gruselns vor der vergangenen Geschichte im Rahmen der Aus- und Fortbildung abgehakt werden, f\u00fcr die Hans-Joachim Heiner im nieders\u00e4chsischen Innenministerium zust\u00e4ndig ist: &#8222;Da in allen Bundesl\u00e4ndern bis 2010 die Dipl.-Studieng\u00e4nge f\u00fcr den gehobenen Polizeivollzugsdienst in einem modularisierten Bachelor-Studiengang ver\u00e4ndert werden m\u00fcssen, begreifen alle Fachhochschulen jetzt die oben zitierte &#8218;Last der Vergangenheit&#8216; auch als eine didaktische Chance.&#8220;[10]<\/p>\n<h4>&#8230; fruchtbar noch &#8230;<\/h4>\n<p>Eine nicht historisierende NS-Analyse kann sich angesichts bundesdeutscher Geschichte und Gegenwart wie aus dem Wissen darum, was Polizei, Geheimdienste und staatliches Gewaltmonopol heute bedeuten, nicht mit blo\u00df &#8222;didaktischen Chancen&#8220; zufrieden geben. Selbstredend ist die Frage der personellen Kontinuit\u00e4t heute obsolet, sie kann auch \u00fcber die Karrieren von Personen hinaus nicht im Sinne unmittelbar fortgesetzter Merkmale und Muster gestellt werden. Dennoch muss eine gegen den verharmlosenden Strich geb\u00fcrstete Geschichtsschreibung und Erinnerung zur Kenntnis nehmen, dass auch die in der BRD wieder errichteten Sicherheitsorgane und ihr Recht von neuen Ausgrenzungen und Feindbildern lebten, die teilweise die alten waren. Das gilt f\u00fcr den Umgang mit Homosexuellen, die bis 1973 auch rechtlich weiter mit dem \u00a7 175 des Strafgesetzbuchs traktiert wurden, f\u00fcr die nunmehr nicht mehr &#8222;Zigeuner&#8220;, sondern &#8222;Landfahrer&#8220; gescholtenen Sinti und Roma, und es gilt erst recht f\u00fcr den Antikommunismus, der zum ideologischen Dreh- und Angelpunkt des Kalten Krieges auch im Innern wurde, der den Erlass eines neuen politischen Strafrechts, den Aufbau politischer Kommissariate bei den Kriminalpolizeien und den von Geheimdiensten rechtfertigte.<\/p>\n<p>Zum notwendigen Wissen geh\u00f6rt auch, dass der Wiederaufbau der Polizei in der BRD als Restauration des preu\u00dfisch-deutschen Polizeimodells erfolgte. Und dass die ohnehin nur zaghaft verfolgten und vielfach torpedierten Dezentralisierungs- und Entmilitarisierungskonzepte der britischen und US-amerikanischen Alliierten ganz erledigt waren, sobald die Entscheidungen wieder in H\u00e4nden deutscher Innenminister lagen. Die zuvor kommunalisierten Polizeien wurden wieder verstaatlicht. Sowohl das BKA als auch der Bundesgrenzschutz (BGS) und die Bereitschaftspolizeien der L\u00e4nder waren Ergebnisse dieses Restaurationsprozesses, bei dem die daran Beteiligten nach dem Motto &#8222;Erfahrungen sind kein Schrott&#8220; bewusst nicht nur auf Weimarer, sondern auch auf NS-Konzepte zur\u00fcckgriffen. Eine Entmilitarisierung von BGS und Bereitschaftspolizeien erfolgte erst in den fr\u00fchen 70er Jahren, als sich die alten Konzepte gegen\u00fcber den neuen Formen des Protests als unbrauchbar erwiesen hatten. Die &#8222;Modernisierung der Verbrechensbek\u00e4mpfung&#8220; f\u00fchrte nach dem Abgang der braunen &#8222;Alt-Kriminalisten&#8220; gerade nicht zu einer Dezentralisierung der Kriminalpolizei, sondern zu einem Ausbau der Landeskriminal\u00e4mter und vor allem des BKA mit neuer Technik, neuen Befugnissen und immer mehr Personal. Die Restauration der deutschen Polizei nach dem Nationalsozialismus und nach dem Kriege war der Sockel, auf dem sich seither in mehreren Sch\u00fcben technokratische Reformen vollziehen konnten.<\/p>\n<p>Auch heute gilt: Nur schuldhaft ist Wissen darum zu unterdr\u00fccken, wie &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; zu einem permanenten Ausnahmezustand werden kann, wie institutionelle und habituelle Entgrenzungen und Enthemmungen Platz greifen. Gerade zu Zeiten, da immer neue, etwa &#8222;antiterroristische&#8220; Ausnahmezust\u00e4nde legalisiert werden und l\u00e4ngst exekutiv- und informationspolizeiliche Kompetenzen und Funktionen allein schon technologisch nicht mehr getrennt werden k\u00f6nnen, darf man die wahrhaft un-s\u00e4gliche NS-Erfahrung nicht im Sinne antiquarischer Geschichtsbetrachtung enteignen. Geschichtsschreibung muss den gegenwartsgerichteten Blick sch\u00e4rfen. Dann w\u00e4re unter anderen zu erkennen, dass die &#8222;pr\u00e4ventive Kehre&#8220;, von der neuerdings in Gesundheits-, Sozialpolitik, in innerer und \u00e4u\u00dferer Sicherheitspolitik gesprochen werden muss, zu einer neuen &#8222;Verpolizeilichung&#8220; sozialen Lebens f\u00fchrt (oder f\u00fchren k\u00f6nnte); dass an die Stelle der f\u00fcr liberale Demokratien kennzeichnenden Ausdifferenzierung und Trennung von polizeilichen und milit\u00e4rischen Aufgaben (oder von judikativen und polizeilichen Ma\u00dfnahmen) mehr und mehr eine neue Entdifferenzierung und Vermischung tritt; dass &#8211; damit eng verbunden &#8211; die immer schon prek\u00e4r ausfransenden Rechtsformen vollends ausleiern; dass die &#8222;Sicherheitsgesetze&#8220; allein ihrer Form nach den Charakter mehr oder minder umf\u00e4nglicher b\u00fcrokratisch-polizeilicher Erm\u00e4chtigungsgesetze gewinnen und die grundrechtliche Rechtssicherheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger trotz mancher verfassungsgerichtlicher Hemmungen rapide abnimmt. Betrachtet man solche Ver\u00e4nderungen mitten im Kontext angeblich funktionst\u00fcchtiger liberaler Demokratie im Zusammenhang eines juristisch und polizeilich expansiven neualten Feindbegriffs, dann reicht es nicht aus, mit rechtschaffenem wissenschaftlichen und\/oder polizeilichem Fu\u00df auf dem festen Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung aufzustampfen. Dann muss &#8211; angenehm, weil historisch m\u00f6glich &#8211; in der schlimmen Schule der NS-Herrschaft und ihrer inneren und \u00e4u\u00dferen Sicherung f\u00fcr die Gegenwart und die Zukunft gelernt werden. Sonst sollte man wenigstens darauf verzichten, die NS-Herrschaft zur didaktischen Stunde zu verniedlichen.<\/p>\n<p>Der &#8222;lange Schatten des Nationalsozialismus&#8220; in der BRD biete &#8222;immer noch das Potential zum Skandal&#8220;, schrieben Stephan Alexander Glienke, Volker Paulmann und Joachim Perels in der Einleitung ihres gleichnamigen Buches. Allerdings sei sich doch &#8222;die \u00fcberwiegende Mehrheit der politisch Verantwortlichen der unwiderruflichen Lektionen bewusst.&#8220;[11] Ist sie das? Spiegeln sich die &#8222;unwiderruflichen Lektionen&#8220; &#8211; beispielsweise &#8211; in einer europ\u00e4ischen und deutschen Migrations- und Grenzpolitik, die Tausende im Mittelmeer ertrinken l\u00e4sst?<\/p>\n<h6>[1] BT-Drs. 14\/7733 v. 5.12.2001, S. 4; Schenk, D.: Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA, K\u00f6ln 2001 (Taschenbuchausgabe Frankfurt 2003)<br \/>\n[2] siehe den Beitrag von M. Schauerhammer, N. P\u00fctter und J. Woerlein in diesem Heft<br \/>\n[3] Ziercke, J.: Vorwort, in: BKA (Hg.): Das Bundeskriminalamt stellt sich seiner Geschichte. Dokumentation einer Kolloquiumsreihe, K\u00f6ln 2008, S. V-VII (V)<br \/>\n[4] vgl. den insgesamt sehr informationsreichen Band: Kenkmann, A.; Spieker, C. (Hg.): Im Auftrag. Polizei, Verwaltung und Verantwortung. Begleitband zur gleichnamigen Dauerausstellung &#8211; Geschichtsort Villa ten Hompel, Essen 2001<br \/>\n[5] s. Frei, N.: Vergangenheitspolitik. Die Anf\u00e4nge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, M\u00fcnchen 1996 (2. Taschenbuchauflage M\u00fcnchen 2003)<br \/>\n[6] Frei, N.: Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945, Frankfurt\/M. 2001<br \/>\n[7] Vgl. als \u00dcberblick zur &#8222;Nachkriegspolizei&#8220;: F\u00fcrmetz, G.; Reinke, H.; Weinhauer, K. (Hg.): Nachkriegspolizei. Sicherheit und Ordnung in Ost- und Westdeutschland 1945-1969, Hamburg 2001. Als Beispiel von Stadtstudien s. Steinborn, N.; Schanzenbach, K.: Die Hamburger Polizei nach 1945 &#8211; ein Neuanfang, der keiner war, Hamburg 1990; Boldt, E.B.: Die verschenkte Reform. Der Neuaufbau der Hamburger Polizei zwischen Weimarer Tradition und den Vorgaben der britischen Besatzungsmacht (1945-1953), M\u00fcnster, Hamburg, London 2002.; Dams, C.; D\u00f6necke, K.; K\u00f6hler, T. (Hg.): &#8222;Dienst am Volk&#8220;? D\u00fcsseldorfer Polizisten zwischen Demokratie und Diktatur, Frankfurt\/M. 2007; Schlo\u00dfmacher, N. (Hg.): &#8222;Kurzerhand die Farbe gewechselt&#8220;. Die Bonner Polizei im Nationalsozialismus, Bonn 2006. Zu den Polizeibataillonen s. Klemp, S.: Nicht ermittelt. Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz &#8211; Ein Handbuch, Essen 2005.<br \/>\n[8] Hilberg, R.: Die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden, Taschenbuchausgabe Frankfurt\/M. 1990, Bd. 3, S. 1062, 1072<br \/>\n[9] Ziercke, J. a.a.O. (Fn. 3), S. VI<br \/>\n[10] Heuer, H.-J.: Entzivilisierung der Polizeiarbeit, in: BKA a.a.O. (Fn. 3), S. 65-94 (66)<br \/>\n[11] Glienke, S.A.; Paulmann, V.; Perels, J. (Hg.): Erfolgsgeschichte Bundesrepublik? Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus, G\u00f6ttingen 2008, S. 7<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sicherheitsorgane waren essentieller Teil der NS-Herrschaft und ihrer Vernichtungsmaschinerie. 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