{"id":1244,"date":"2007-12-09T11:51:50","date_gmt":"2007-12-09T11:51:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=1244"},"modified":"2007-12-09T11:51:50","modified_gmt":"2007-12-09T11:51:50","slug":"polizeireporter-oeffentlichkeitsarbeiter-fuer-die-polizei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=1244","title":{"rendered":"Polizeireporter &#8211; \u00d6ffentlichkeitsarbeiter f\u00fcr die Polizei"},"content":{"rendered":"<h3>von Oliver Br\u00fcchert<\/h3>\n<p><b>Die Presse wird h\u00e4ufig als vierte Gewalt bezeichnet, der eine demokratische Kontrollfunktion gegen\u00fcber dem Staat zukomme. Der Realit\u00e4t der Polizeireportage entspricht das nicht.<\/b><\/p>\n<p>Wenn vom Umgang der Medien mit Kriminalit\u00e4t, Strafrecht und Polizei die Rede ist, dann geht es so gut wie immer um Beispiele skandalisierender Berichterstattung, die nahezu ausnahmslos Kriminalit\u00e4t \u00fcberzeichnet, T\u00e4ter moralisiert und ein hartes Durchgreifen staatlicher Autorit\u00e4ten nahe legt. Viel seltener wird nach den institutionellen Voraussetzungen solcher Berichterstattung gefragt, z.B. nach den Arbeitsbedingungen der Journalisten, die in diesem Bereich t\u00e4tig sind. In meiner Untersuchung \u00fcber Kriminalit\u00e4t in den Medien<a title=\"\" href=\"\/2007\/12\/09\/polizeireporter-oeffentlichkeitsarbeiter-fuer-die-polizei\/#fn1\" name=\"fnverweis1\">[1]<\/a> habe ich die Journalisten selbst zu ihren Arbeitsbedingungen befragt und die strukturellen Normen und Zw\u00e4nge herausgearbeitet, denen sie in ihrer t\u00e4glichen Arbeit unterworfen sind. Diese Mechanismen pr\u00e4gen Form und Inhalt der Berichterstattung in einem viel weitergehenden Ausma\u00df als das allgemeine Lamento \u00fcber die &#8222;Diktatur der Einschaltquote&#8220; erahnen l\u00e4sst.<!--more--><\/p>\n<p>In dieser Studie spielten Polizeireporter zwangsl\u00e4ufig eine wichtige Rolle: Polizeireportage macht einen gro\u00dfen Teil der medialen Berichterstattung \u00fcber Kriminalit\u00e4tsthemen aus. Einen speziell zust\u00e4ndigen Polizeireporter gibt es in nahezu jeder Tageszeitung. Die Arbeit als fester Polizeireporter scheint eine typische Durchgangsstation f\u00fcr den journalistischen Nachwuchs zu sein, weil fast \u00fcberall Polizeireporter gebraucht werden, daf\u00fcr offenbar auch gerne junge, unerfahrene (m\u00e4nnliche) Kollegen genommen werden, die dann aber h\u00e4ufig nach einer Weile in andere Positionen aufsteigen und ihr Themenfeld erweitern:<\/p>\n<p><em>Und da ist es dann so gewesen, dass dann mal ein Polizeireporter krank war &#8230; und, also Polizeireporter war da, in dieser Redaktion, in der Lokalredaktion eigentlich im Prinzip das Wichtigste, es wurde am h\u00f6chsten angesehen &#8230; weil die damit eben auch viele Schlagzeilen gemacht haben und es war wichtig, dass die Fotos da waren zu den Sachen &#8230; jo, und &#8230; da bin ich dann so reingerutscht, ne? Also das habe ich wohl ganz gut gemacht, dass ich Leute so &#8230; \u00e4h &#8230; dass Leute mit mir geredet haben, dass ich Fotos beschafft habe, von irgendwelchen Leuten &#8230; und eben auch die Artikel ganz gut geschrieben habe &#8230; und &#8230; ja, so ist das dann passiert. (Polizeireporter beim Fernsehen)<\/em><\/p>\n<p>Die Stellung des Polizeireporters wurde von allen Gespr\u00e4chspartnern als wohl angesehene Position beschrieben, die man gerne annimmt, weil sie interessante und aufregende T\u00e4tigkeiten umfasst und man viel lernen kann. Im Unterschied zu anderen journalistischen Arbeitsfeldern wurde als Zugangsvoraussetzung weder ein vorg\u00e4ngiges inhaltliches Interesse noch besondere fachliche Qualifikationen benannt.<\/p>\n<h4>Harte Kerle<\/h4>\n<p>Polizeireporter orientieren sich in ihrer Berichterstattung an den Ereignissen, bei denen die Polizei t\u00e4tig wird. Daher ist die Polizei auch ihre erste und wichtigste Informationsquelle. Die Polizei wiederum betreibt zu diesem Zweck eigene Pressestellen und Informationssysteme, versorgt die lokalen Polizeireporter mitunter auch pers\u00f6nlich mit den aktuellen Nachrichten. Ein Polizeireporter einer \u00fcberregionalen Tageszeitung beschreibt seine Arbeit folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>Wir m\u00fcssen ja rund &#8230; also einer der beiden Polizeireporter muss praktisch, muss immer erreichbar sein &#8230; Jetzt zum Beispiel hab ich eben auch Bereitschaft und &#8230; okay, diese Bereitschaft teilen sich f\u00fcnf Leute, weil man sonst ja durchdrehen w\u00fcrde &#8230; also das geh\u00f6rt dazu, wenn ich jetzt Bereitschaft habe und jetzt f\u00e4llt das Rathaus um oder so, dann kriege ich halt einen Anruf von entweder Feuerwehr oder Polizei oder beiden, und dann w\u00fcrde ich mich halt in Marsch setzen und w\u00fcrde den Fotografen \u2013 es gibt auch immer einen diensthabenden Fotografen, also rund um die Uhr ist immer jemand zust\u00e4ndig und zu erreichen \u2013 w\u00fcrde da hingehen, w\u00fcrde halt Berichterstattung machen und dann, je nachdem wann es ist, entweder sofort dann in die Redaktion und in die Tasten hauen &#8230; und das dann, je nachdem wie sich die Sache weiterentwickelt, aktualisieren im Laufe des Tages.<\/em><\/p>\n<p><b>F:<\/b> <i>Ja, das hei\u00dft, Ihr geht immer selber hin, vor Ort, oder gibt es auch Sachen, die \u00fcber Polizeimeldungen einfach laufen?<\/i><\/p>\n<p><em>Ja, das andere ist halt, dass die &#8230; die Polizei und die Feuerwehr geben t\u00e4glich so einen Bericht raus mit den Vorkommnissen, die die f\u00fcr wichtig halten &#8230; und die verarbeitet man dann zum Teil zu Meldungen, oder auch nicht, und zum Teil sind es auch gr\u00f6\u00dfere Geschichten, ich meine: wir haben ja relativ viel Kriminalit\u00e4t in Gro\u00dfstadt, auch viel &#8230; relativ viel Spektakul\u00e4res &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Zuerst erz\u00e4hlt er vom aufregenderen Part seiner Rolle als Polizeireporter: Er ist rund um die Uhr in Bereitschaft, genau wie die Polizisten und Feuerwehrleute, \u00fcber die er berichtet. Wenn etwas passiert, setzt er sich sofort &#8222;in Marsch&#8220;. Das klingt nach spannenden Geschichten, vor allem aber nach hohem pers\u00f6nlichen Einsatz. Er stellt sich als harter Kerl dar, der auch mitten in der Nacht an den Ort des Geschehens eilt und anschlie\u00dfend seinen Bericht &#8222;in die Tasten haut&#8220;. Erst auf Nachfrage erz\u00e4hlt er, wie die vielen t\u00e4glichen Meldungen entstehen: anhand der offiziellen Vorlagen, die von Feuerwehr und der Polizei herausgegeben werden und die er dann zu Meldungen &#8222;verarbeitet&#8220;. Dabei l\u00e4sst er auch durchblicken, dass die Mehrzahl der Berichte auf diesem Wege entstehen, denn es gibt ja so viel &#8222;Spektakul\u00e4res&#8220; in der Gro\u00dfstadt, dass er selbst bei &#8222;gr\u00f6\u00dferen Geschichten&#8220; nicht immer vor Ort gehen kann. Die Betonung der spannenden Anteile seiner T\u00e4tigkeit dient einer bestimmten Selbstdarstellung: Das Selbstbild als harter Kerl, der zusammen mit Feuerwehr und Polizei nachts raus geht, um die Ereignisse selbst in Augenschein zu nehmen, geh\u00f6rt zum Berufsethos des Polizeireporters \u2013 so wie Recherche \u00fcberhaupt im Zentrum des journalistischen Berufsethos steht. Dagegen entspricht es nicht einmal ann\u00e4herungsweise den (eigenen und gesellschaftlichen) Erwartungen an &#8222;seri\u00f6sen&#8220; Journalismus, lediglich offizielle Polizeiberichte zu Meldungen umzuarbeiten. Die Kluft zwischen diesem Ethos und gro\u00dfen Anteilen der Arbeitswirklichkeit muss \u00fcberbr\u00fcckt werden. Eine M\u00f6glichkeit besteht darin, die spannenden Anteile st\u00e4rker zu betonen und (so k\u00f6nnen wir vermuten) sie sich bei den anderen T\u00e4tigkeiten hinzuzudenken: Wenn ich wei\u00df, wie es an einem Tatort aussieht, brauche ich es nicht jedes Mal mit eigenen Augen zu sehen. Oder: Ich wei\u00df, dass es ohnehin weniger &#8222;spektakul\u00e4r&#8220; ist, als die gute Geschichte, die ich daraus mache.<\/p>\n<h4>Gute Kontakte<\/h4>\n<p>Ein sowohl f\u00fcr Polizei- wie auch f\u00fcr Gerichtsreportagen zust\u00e4ndiger Agenturjournalist beschreibt, dass man im Vorfeld eines Gerichtsprozesses h\u00e4ufig selbst beim &#8222;Gerichtssprecher&#8220; anrufen m\u00fcsse, um auf dem Laufenden zu bleiben. Er macht sofort deutlich, dass er selbst kaum einmal vor Ort geht. Meine in der Nachfrage ge\u00e4u\u00dferte Annahme, dass die Journalisten doch h\u00e4ufig gleichzeitig mit der Polizei am Tatort eintr\u00e4fen, weist dieser Gespr\u00e4chspartner als Vorurteil zur\u00fcck (als verkl\u00e4rte Vorstellung, die auf Fernsehkrimis basiert, aber nicht auf tats\u00e4chlicher Kenntnis seines Berufs) \u2013 damit auch die M\u00f6glichkeit, sich als &#8222;harter&#8220; Polizeireporter darzustellen. Seine Strategie, die geschilderte Kluft zu \u00fcberbr\u00fccken ist eine ganz andere. Der Hinweis, gar nicht an vielen Tatorten gewesen zu sein, unterst\u00fctzt seine allgemeine Selbstdarstellung in mehrfacher Hinsicht: Erstens verf\u00fcgt er \u00fcber Praktikanten und freie Mitarbeiter, die er schicken kann, zweitens grenzt er sich vom Boulevardjournalismus ab, und drittens legt er Wert darauf, dass sein Aufgabenbereich erheblich weiter gefasst sei, als nur Polizeiberichterstattung. In anderem Zusammenhang bekundet er, das &#8222;Rausgehen&#8220; sei einer der sch\u00f6neren Teile seiner Arbeit: &#8222;sch\u00f6ner als hier im B\u00fcro zu sitzen und anhand von Papier verschiedene Vorg\u00e4nge zu bearbeiten&#8220;. Aber es beschr\u00e4nkt sich auf Ausnahmesituationen:<\/p>\n<p><b>F: <\/b><i>Also dann reicht Ihnen das, was der &#8230; was per Anruf mitgeteilt wird? Also das passiert schon \u00f6fter, dass Sie angerufen werden und gesagt wird, da ist jetzt was und Sie fahren dann gar nicht selber hin?<\/i><\/p>\n<p><em>Genau. Es ist nat\u00fcrlich ab einer gewissen Bedeutung &#8230; des Verbrechens sieht das nat\u00fcrlich anders aus. Wenn dann also klar wird: Mann, oh, jetzt m\u00fcssen wir aber doch eine gr\u00f6\u00dfere Berichterstattung machen. Also wirklich ein richtig spektakul\u00e4res Verbrechen, wie &#8230; da ist vor knapp vier Jahren ein Junge in der &#8230; in einer &#8230; in einem unterirdischen Bachlauf in der N\u00e4he vom Bahnhof Vorort bestialisch ermordet und zerst\u00fcckelt worden. \u00c4h das ist ein Fall gewesen, der sehr gro\u00dfes Aufsehen hier in Gro\u00dfstadt erregt hat. <span style=\"text-decoration: underline\">Da ist es dann irgendwann doch mal so weit, da muss man &#8230; oder dann bietet es sich halt auch einfach an, dass man da vor Ort geht und kuckt, was jetzt \u00e4h &#8230; versucht das irgendwie szenisch einzufangen halt auch, was da passiert, wie das da aussieht, was die Polizei jetzt macht, wie die mit Hundertschaften da die Umgebung &#8230; durchsucht und \u00c4hnliches&#8230;<\/span><\/em><\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der geschilderten Arbeitsweise entsprechen sich die Erz\u00e4hlungen der beiden Polizeireporter weitgehend \u2013 sie lassen auf \u00e4hnliche Erfahrungen schlie\u00dfen. Selbst an den Tatort gehen muss der Reporter nur bei den &#8222;richtig spektakul\u00e4ren Verbrechen&#8220; und die sind relativ selten, stehen im Kontrast zum Berufsalltag. F\u00fcr den Tageszeitungs-Journalisten ergibt sich diese Situation offensichtlich h\u00e4ufiger; seine Voraussetzungen daf\u00fcr, dass ein Fall die &#8222;gewisse&#8220; Bedeutung erreicht hat, sind weniger eng begrenzt. Sein Bild vom Rathaus, das umf\u00e4llt, legt auch nahe, dass er sich nicht allein an der &#8222;Schwere&#8220; der Straftat orientiert, sondern einfach an allem, was ihm ungew\u00f6hnlich erscheint, was eben nicht allt\u00e4glich passiert. Die Betonung der besonderen &#8222;Bedeutung&#8220; des Verbrechens eignet sich hingegen zur Selbstdarstellung als bedeutender Redakteur, der nur in Aktion tritt, wenn sich wirklich wichtige Dinge ereignet haben. Erst wenn der Fall bereits &#8222;gro\u00dfes Aufsehen&#8220; erregt, wird klar, dass er selbst vor Ort gehen &#8222;muss&#8220;. Die Laufarbeit machen Bildreporter, freie Mitarbeiter oder Boulevardjournalisten.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt durchaus zu seiner Vorstellung einer seri\u00f6sen Polizeireportage, an Tatorte zu gehen und eigene Recherchen zu betreiben. Auch dabei kn\u00fcpft er, wie das Beispiel zeigt, an der Arbeit der Polizei an, wie sie mit &#8222;Hundertschaften&#8220; die Umgebung durchsucht. Das bezieht er jedoch nicht (explizit) auf eine Kontrollfunktion der \u00d6ffentlichkeit gegen\u00fcber den staatlichen Instanzen, sondern begr\u00fcndet es mit der \u00f6ffentlichen Erregung, aus der sich besondere Anforderungen an die Darstellung ergeben: Er versucht das Geschehen &#8222;szenisch einzufangen&#8220;. Wenn das \u00f6ffentliche Interesse gro\u00df ist, wird die Berichterstattung ausf\u00fchrlicher, braucht mehr Material und man muss die Geschichte m\u00f6glichst lebhaft darstellen. Dann ist es Chefsache, selbst vor Ort zu gehen. Die meisten Darstellungsprobleme lassen sich anders l\u00f6sen, zum Beispiel indem er mit den offiziellen Stellen telefoniert. Auch f\u00fcr ihn ist Recherche ein wichtiges Qualit\u00e4tsmerkmal, muss aber nicht (jedenfalls nicht regelm\u00e4\u00dfig) am Tatort stattfinden, sondern durch gute Kontakte zu &#8222;Institutionen und Beh\u00f6rden&#8220;, die ihm als &#8222;Informationsgeber&#8220; dienen. Nach dem Anteil von Routinearbeiten gefragt, erz\u00e4hlt er: &#8222;Man kennt mit der Zeit nat\u00fcrlich auch die Leute, die man schnell anrufen kann, dann hat man alle notwendigen Informationen zusammen.&#8220;<\/p>\n<p>Gute Kontakte zu haben, geh\u00f6rt zu den Selbstbeschreibungen aller Polizeireporter. In den Vorgespr\u00e4chen zu den Interviews und bei der Kontaktvermittlung signalisierten mir die anderen Polizeireporter allerdings, dass Kollegen, die nicht &#8222;raus gehen&#8220;, keinen guten Ruf in der Branche h\u00e4tten. So jemanden wollten sie mir nicht als Gespr\u00e4chspartner empfehlen. Der gehobene Redakteur grenzt sich hingegen genau in die andere Richtung ab: Er distanziert sich ausdr\u00fccklich von den &#8222;harten Kerlen&#8220;, die er grunds\u00e4tzlich in die N\u00e4he eines unseri\u00f6sen Boulevardjournalismus r\u00fcckt, der sich vor allem dadurch auszeichnet, Angeh\u00f6rige von Opfern zu bel\u00e4stigen \u2013 eine Berufsauffassung, die er durch seine Abgrenzung noch einmal als vorherrschend best\u00e4tigt. Auch eine im Rahmen der Untersuchung befragte Gerichtsreporterin f\u00fchrt das hohe Ansehen der Polizeireporter darauf zur\u00fcck, dass man &#8222;nachts rausgeht und dass man gute Kontakte pflegt&#8220;, aber auch, dass man &#8222;Leichen sehen&#8220; m\u00fcsse. Das sei nichts f\u00fcr sie, die das Geschehen lieber &#8222;von der sicheren Warte&#8220; des Gerichtsverfahrens aus betrachte. Der &#8222;gehobene&#8220; Polizeireporter muss die Harte-Kerle-M\u00e4nnlichkeit offensiver abwerten, um alleine auf Basis seiner guten Kontakte \u00dcberlegenheit reklamieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Eigene Ermittlungen<\/h4>\n<p>Alle Polizeireporter h\u00e4ngen in hohem Ma\u00dfe von Informationen ab, die die Polizei ver\u00f6ffentlichen <i>m\u00f6chte.<\/i> Das k\u00f6nnen sie unterlaufen und erg\u00e4nzen, indem sie z.B. den Polizeifunk abh\u00f6ren (das ist zwar nicht erlaubt, wird aber offenbar toleriert) und eigene Nachforschungen anstellen. Je nach Sparte werden sie versuchen, Bilder vom Tatort zu beschaffen, die Beteiligten (meist Angeh\u00f6rige der Opfer) zu interviewen, Hintergr\u00fcnde auszuleuchten, Expertenmeinungen einzuholen oder Interna zum Stand der Ermittlungen aufzuschnappen. Trotz all dieser Bem\u00fchungen, eine eigenst\u00e4ndige, unabh\u00e4ngige Berichterstattung zu etablieren, sind sie doch immer auf Informationen von Seiten der Polizei angewiesen, um \u00fcberhaupt zu erfahren, welche F\u00e4lle der M\u00fche wert sein k\u00f6nnten. Dazu ist es hilfreich, sich mit den entsprechenden Auskunftspersonen bei der Polizei \u2013 und das sind nicht nur die Pressestellen \u2013 gut zu stellen. Wenn man ohnehin an den selben F\u00e4llen arbeitet, bietet sich mitunter auch eine engere Zusammenarbeit an. Ein ehemaliger Polizeireporter bei einer Boulevardzeitung schildert das anhand der besonderen Situation kurz nach der &#8222;Wende&#8220; in einer ostdeutschen Gro\u00dfstadt:<\/p>\n<p><b>F: <\/b><i>&#8230; also zum Teil wussten Sie dann auch Sachen, die die Polizei nicht wusste? Was hat die Polizei davon gehalten?<\/i><\/p>\n<p><em>Ja, sie hat versucht nat\u00fcrlich genauso Informationen von uns zu kriegen, wie wir versucht haben, von der Polizei Informationen zu kriegen. Und das ist dann letztendlich &#8230; ist das auch so ein Geben und Nehmen.<\/em><\/p>\n<p><b>F: <\/b><i>Das hei\u00dft: mit denen hat man auch abends zusammen gesessen und dann gedealt?<\/i><\/p>\n<p><em>Man hat auch mit denen &#8230; gedealt und hat gesagt: Okay &#8230; ja, es gab so eine Geschichte, die war, die ist vielleicht exemplarisch f\u00fcr die Zeit: (\u00fcberlegt kurz) Das Dezernat &#8222;Organisierte Kriminalit\u00e4t&#8220;, zu denen hatte ich sehr, sehr gute Kontakte und &#8230; da gab es einen &#8230; einen Menschen der nach Gro\u00dfstadt kam und das erste Rauschgift verkaufen wollte in gr\u00f6\u00dferem Stil und dieser Mann sollte observiert werden. Das Problem war aber, dass dieser Mann im teuersten Hotel von Gro\u00dfstadt wohnte und auch sich haupts\u00e4chlich aufhielt. Und die Polizei hat einfach keine Kohle gehabt. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen, aber sie haben gesagt: &#8222;Wir k\u00f6nnen uns da nicht in das Hotel setzen, in die Lobby von dem Hotel und k\u00f6nnen da in f\u00fcnf Stunden drei Cola trinken.&#8220; So, da muss man dann schon sitzen und muss irgendwie auch so tun, als wenn man dazugeh\u00f6rt und da haben wir halt einen Deal gemacht mit der Polizei \u2013 das kann man heute, kann man das glaube ich locker erz\u00e4hlen \u2013 wir haben praktisch alle Informationen bekommen, daf\u00fcr haben wir f\u00fcr die Polizei die Leute observiert, haben selber Fotos gemacht, wie sie dort sitzen, wie sie sich mit Leuten treffen, mit Kunden, die das Rauschgift abnehmen wollten, und haben dies dann der Polizei zur Verf\u00fcgung gestellt. Davon, daf\u00fcr waren wir die ganze Zeit an den Informationen nah dran und als dann der Zugriff erfolgte &#8230; war ich halt mit meinen, ich hatte teilweise auch selber Fotos gemacht, war ich halt dabei und hatte eine Exklusivgeschichte. So ist zum Beispiel eine Geschichte zustande gekommen, was aber auch glaube ich deutlich macht, wie besonders die Zeit damals war. Das ist heute undenkbar also &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Das unter anderen Umst\u00e4nden &#8222;Undenkbare&#8220; an der geschilderten Situation ist weniger die gute Zusammenarbeit von Presse und Polizei \u2013 die wird durch die besonderen Umst\u00e4nde beg\u00fcnstigt, ist aber immer erstrebenswert \u2013, sondern vielmehr, dass die Presse der Polizei hinsichtlich der Mittel, die ihnen f\u00fcr ihre Ermittlungen zur Verf\u00fcgung stehen, \u00fcberlegen ist. Dadurch l\u00f6st sich das sonst \u00fcbliche Machtgef\u00e4lle auf: Nun ist die Polizei ihrerseits auf den Reporter angewiesen, der sonst nur hoffen kann, dass die Polizei ihn einweiht. Das gilt nicht nur f\u00fcr den geschilderten Sonderfall, dass Journalisten im Auftrag der Polizei einen Verd\u00e4chtigten observieren. Ein gleichberechtigtes &#8222;Geben und Nehmen&#8220; ergibt sich bereits aus dem Umstand, dass die Presse eigene &#8222;Informanten&#8220; hat und der Reporter eigene &#8222;Ermittlungen&#8220; anstellt, so dass beide Seiten davon profitieren Informationen auszutauschen. Es geht bei dieser N\u00e4he der Polizeireportage zur polizeilichen Ermittlungsarbeit weniger um &#8222;Vetternwirtschaft&#8220; oder einseitige Parteinahme \u2013 derselbe Reporter behauptet auch, ebenso gute Kontakte ins &#8222;kriminelle Milieu&#8220; gehabt zu haben \u2013, sondern vielmehr um eine grunds\u00e4tzliche Verwandtschaft im Zugang: Der Polizeireporter ermittelt. Daf\u00fcr ist es gelegentlich notwendig, mit anderen Ermittlern zusammenzuarbeiten, aber man muss auch selber in der Lage sein, &#8222;Informanten&#8220; anzuzapfen. Der Polizeireporter imaginiert sich letztendlich selbst als Polizist. Umgekehrt sch\u00e4tzt die Polizei den Reporter als Gelegenheit zur \u00f6ffentlichen Selbstdarstellung:<\/p>\n<p><b>F: <\/b><i>Das ist was, was sich nicht nur auf diese Umbruchsituation beschr\u00e4nkt?<\/i><\/p>\n<p><em>Nein, das ist generell so, das ist &#8230; klar, das ist im Grunde genommen wirklich \u00fcberall so: Jeder Polizist, der irgendwie seinen Job macht, hat ein Bed\u00fcrfnis da dr\u00fcber zu reden und er darf nicht dr\u00fcber reden. Und &#8230; der m\u00f6chte ja auch, dass seine Arbeit irgendwo in die \u00d6ffentlichkeit kommt, dass gezeigt wird, wie gut man gearbeitet hat und da dr\u00fcber sitzt halt die Pressestelle, die versucht, das zu steuern. Deswegen ist man als guter Polizeireporter sicherlich &#8230; ist man immer weiter mit seinen Kontakten als bis zur Pressestelle. Dass man die Pressestelle irgendwann einfach umgehen kann. Um dann mal zu sagen, so im Vier-Augen-Gespr\u00e4ch: &#8222;Mensch, was ist da eigentlich, was steckt da wirklich dahinter? Wir denken, das geht in diese Richtung, sind wir da v\u00f6llig falsch, liegen wir auf dem &#8230;&#8220; Ich meine, das ist nicht so, dass da einer kommt und sagt: &#8222;so und so, das ist der Name&#8220;, aber dass der sagt &#8222;ja, die Richtung, die ihr da eingeschlagen habt, die ist schon richtig. Wenn ihr da weiterbohrt, dann sto\u00dft ihr wahrscheinlich irgendwann auch auf \u00d6l&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Die \u00d6ffentlichkeitsarbeit der Pressestelle entspricht offenbar weder dem Bed\u00fcrfnis des Polizisten, der zeigen will, wie gut er gearbeitet hat, noch dem des Journalisten, der Tipps f\u00fcr seine eigenen Ermittlungen braucht. Aus den Arbeitsbedingungen entsteht ein &#8222;nat\u00fcrliches&#8220; B\u00fcndnis der M\u00e4nner an der Basis, an der Pressestelle vorbei, im pers\u00f6nlichen Kontakt von Mensch zu Mensch, von Ermittler zu Ermittler.<\/p>\n<p>Zwei Tendenzen ergeben sich aus den Schilderungen: Je st\u00e4rker eine Zeitung lokal verankert ist und je mehr sie zum Boulevardjournalismus tendiert, desto eher braucht sie Polizeireportagen, die auf eigenen Recherchen und der lebensnahen Schilderung des Geschehens am Tatort basieren. Aus diesen Arbeitsbedingungen ergibt sich ein Selbstbild des Polizeireporters als &#8222;harter Kerl&#8220;, als Kriminalpolizist, der \u00fcber gute pers\u00f6nliche Kontakte verf\u00fcgt und selbst \u2013 mitunter also gegen die Darstellungsinteressen der institutionalisierten \u00d6ffentlichkeitsarbeit der Pressestellen \u2013 ermittelt. Je st\u00e4rker sich die Polizeiberichterstattung hingegen an amtlichen Verlautbarungen und den zahlreichen kleinen Meldungen der Polizeipressestellen orientiert, desto st\u00e4rker wird Recherche mit (telefonischen) Kontakten zu den offiziellen Stellen gleichgesetzt. &#8222;Nat\u00fcrliche&#8220; B\u00fcndnispartner des \u2013 in seiner Selbstwahrnehmung \u2013 gehobenen Polizeireporters sind Pressesprecher und andere autorisierte Personen, weniger die Polizeibeamten an der &#8222;Basis&#8220;. Das sind zwei Pole einer Selbstdarstellung, die vor allem der Abgrenzung gegen die mit dem journalistischen Ethos unvereinbare T\u00e4tigkeit des Umarbeitens amtlicher Pressemeldungen dient, die aber immer auch Teil ihrer Arbeit ist. Die realen Arbeitsbedingungen stellen sich als jeweils unterschiedliche Kombinationen dieser drei Elemente dar. Allen Varianten der Selbstdarstellung ist gemeinsam, dass Polizeireporter stark auf die (Zusammenarbeit mit der oder Eingaben durch die) Polizei angewiesen sind und im Wesentlichen deren Arbeit dokumentieren. Im Ergebnis handelt es sich jeweils um Formen von \u00d6ffentlichkeitsarbeit, sei es in der amtlichen Version oder im Namen der Beamten an der Basis.<\/p>\n<h5>Oliver Br\u00fcchert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universit\u00e4t Frankfurt am Main.<\/h5>\n<h6><a title=\"\" href=\"\/2007\/12\/09\/polizeireporter-oeffentlichkeitsarbeiter-fuer-die-polizei\/#fnverweis1\" name=\"fn1\">[1]<\/a> Die gesamte Studie liegt als Buch vor: Br\u00fcchert, O.: Autorit\u00e4res Programm in aufkl\u00e4rerischer Absicht. Wie Journalisten Kriminalit\u00e4t sehen, M\u00fcnster 2005.<\/h6>\n<p>Bibliographische Angaben: Br\u00fcchert, Oliver: Polizeireporter. \u00d6ffentlichkeitsarbeiter f\u00fcr die Polizei, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 88 (3\/2007), S. 33-40<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Oliver Br\u00fcchert Die Presse wird h\u00e4ufig als vierte Gewalt bezeichnet, der eine demokratische Kontrollfunktion<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":10675,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,94],"tags":[437,813,1130,1155],"class_list":["post-1244","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-cilip-088","tag-desinformation","tag-journalismus","tag-polizeireporter","tag-pressearbeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1244","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1244"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1244\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10675"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}