{"id":12716,"date":"2016-06-01T18:19:07","date_gmt":"2016-06-01T18:19:07","guid":{"rendered":"https:\/\/cilip.site36.net\/?p=12716"},"modified":"2016-06-01T18:19:07","modified_gmt":"2016-06-01T18:19:07","slug":"literatur-50","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=12716","title":{"rendered":"Literatur"},"content":{"rendered":"<h4>Zum Schwerpunkt<\/h4>\n<p>Wir greifen aus der Vielzahl der Publikationen nur zwei aktuelle heraus, weil sie versprechen, jenseits der beh\u00f6rdlich-staatsoffiziellen, der journalistischen und der sonstigen \u201ezivilgesellschaftlichen\u201c Ver\u00f6ffentlichungen einen spezifisch wissenschaftlichen Beitrag zur Aufarbeitung des \u201eNSU-Komplexes\u201c zu leisten.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Lange, Hans-J\u00fcrgen; Lanfer, Jens (Hg.):<\/strong> <em>Verfassungsschutz. Reformpers\u00adpektiven zwischen administrativer Effektivit\u00e4t und demokratischer Transparenz, Wiesbaden (Springer VS) 2016, 199 S., 34,99 Euro<\/em><\/p>\n<p>Ein Sammelband nach einem klaren Muster: Man nehme ein paar bekannte Kritiker und ein paar bekannte Bef\u00fcrworter des \u201eVerfassungsschutzes\u201c und reichere die Zusammenstellung mit einigen allgemeinen \u00dcberlegungen an. Das f\u00fchrt zu keinem Ergebnis, hat aber den Charme, dass die LeserInnen sich ihre Position aussuchen k\u00f6nnen, wo sie sich in Zustimmung und Ablehnung best\u00e4tigt f\u00fchlen k\u00f6nnen. So kann es nicht verwundern, wenn aus b\u00fcrgerrechtlicher Sicht allein der Aufsatz von Martin Kutscha (\u201eWelche Verfassung sch\u00fctzt der Verfassungsschutz?\u201c) als lesenswert erscheint. Die tagespolitische Indienstnahme der \u00c4mter, die innenpolitischen Feinderkl\u00e4rungen sind offenkundig; n\u00e4hmen die \u00c4mter ihren Auftrag Ernst, Gefahren f\u00fcr die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung aufzudecken, sie m\u00fcssten sie sich z.B. \u2013 so Kutscha \u2013 mit den entdemokratisierenden Wirkungen der Globalisierung besch\u00e4ftigen \u2013 statt mit den Aktivit\u00e4ten der GlobalisierungskritikerInnen. Zu Beginn des Bandes wiederholen Leggewie und Meier ihr bekanntes Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen \u201eRepublikschutz\u201c, der die Gewaltanwendung als Eingriffskriterium (f\u00fcr die Polizei) benennt. Uwe Backes und Eckard Jesse erhalten dann Gelegenheit, ihr Mantra \u00fcber die Notwendigkeit und grunds\u00e4tzliche Demokratievertr\u00e4glichkeit des Verfassungsschutzes zu wiederholen. Christoph Gusy diskutiert die Kontrolle der \u00c4mter als Problem ihrer mangelnden Legitimation. Das Ergebnis ist salomonisch: Die Legitimation entsteht dadurch, dass \u00fcber sie gestritten wird. Armin Pfahl-Traughbers abschlie\u00dfende zw\u00f6lf \u201eThesen\u201c enden mit dem Aufruf, die \u00c4mter m\u00fcssten sich als \u201eDienstleister\u201c verstehen. Harmloser geht\u2019s nicht. Dies gilt in \u00e4hnlicher Weise auch f\u00fcr den Beitrag der Herausgeber, die eine politikwissenschaftliche Analyse des Verfassungsschutzes versuchen. Mit den Begrifflichkeiten der \u201ePolicy-Analyse\u201c ger\u00e4t das Politikum der \u00c4mter vollends aus den Augen. Thomas Grumke m\u00f6chte die Schritte ausfindig machen, durch die der Verfassungsschutz zum \u201eNachrichten-Dienst\u00adleister der wehrhaften Demokratie\u201c werden kann. Sein Fazit: Es liegt am Personal, dem es an der Fachkompetenz mangele. Oberfl\u00e4chlicher kann man die Probleme nicht l\u00f6sen wollen.<\/p>\n<p><strong>Frindte, Wolfgang; Geschke, Daniel; Hau\u00dfecker, Nicole; Schmidtke, Franziska (Hg.):<\/strong> <em>Rechtsextremismus und \u201eNationalsozialistischer Untergrund\u201c. Interdisziplin\u00e4re Debatten, Befunde und Bilanzen, Wiesbaden (Springer VS) 2016, 509 S., 39,99 Euro<\/em><\/p>\n<p>Die meisten Beitr\u00e4ge dieses Bandes gehen auf die Jahrestagung Friedenspsychologie im Juni 2014 zur\u00fcck. Das Spektrum der Beitr\u00e4ge reicht von einem ausf\u00fchrlichen \u00dcberblick der HerausgeberInnen \u00fcber die westdeutsche Rechtsextremismusforschung seit den 1990er Jahren bis zu Pr\u00e4vention und Intervention. Im Hinblick auf die Sicherheitsapparate sind neben dem Aufsatz von Grumke (s.o., der abgedruckt wird) drei Beitr\u00e4ge von Bedeutung: Der Journalist Dirk Laabs zeichnet den beh\u00f6rdlichen Umgang mit dem Th\u00fcringer Heimatschutz nach (S. 225-257). Tenor: Quellenschutz stand \u00fcber dem Aufkl\u00e4rungsinteresse der Beh\u00f6rden. Auf den S. 341-355 stellen die MitarbeiterInnen des Moses-Mendelsohn-Zentrums ihre Untersuchung zu den Todesopfern rechtsextremer Gewalt in Brandenburg vor. Ergebnis: In der Definition \u201ePolitische motivierte Kriminalit\u00e4t\u201c wird ein deutlicher Fortschritt gegen\u00fcber dem alten Staatsschutz-Begriff gesehen, aber zur Erfassung der Kontexte von Gewalttaten sei er weiterhin unzureichend. Gegen Ende des Bandes liefern Daniel Geschke und Matthias Quent unter der \u00dcberschrift \u201eSekund\u00e4re Viktimisierung durch die Polizei?\u201c eine \u201eStudie zu den Erfahrungen von Betroffenen rechter Gewalt\u201c. Im Fr\u00fchsommer 2014 wurden 44 Opfer rechtsextremer Gewalt in standardisierten telefonischen Interviews befragt. Ergebnis: Das Fragezeichen im Titel muss gestrichen werden: JedeR Zweite f\u00fchlte sich nicht ernstgenommen; jedeR Dritte f\u00fchlte sich eher als T\u00e4terIn denn als Opfer und fast die H\u00e4lfte fand sich ungerecht behandelt. 20 Prozent gaben an, die Polizei habe sie f\u00fcr die zur Eskalation f\u00fchrende Gewalt verantwortlich gemacht.<\/p>\n<h4>Aus dem Netz<\/h4>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nsu-watch.info\">https:\/\/www.nsu-watch.info<\/a><\/p>\n<p>Unter dem Motto \u201eAufkl\u00e4ren &amp; Einmischen\u201c wird diese Seite von einer Reihe von Organisationen aus dem antifaschistischen Spektrum betrieben. Im Zentrum der Ver\u00f6ffentlichungen steht der M\u00fcnchner Strafprozess. NSU-Watch erstellt Protokolle der Sitzungen und stellt sie online. Wer sich detailliert \u00fcber den Prozess informieren m\u00f6chte, findet in den 273 Protokollen (Stand: April 2016) umf\u00e4ngliches Material aus erster Hand. Neben der Prozessdokumentation bietet die Seite zwei weitere Schwerpunkte. Zum einen findet sich aufbereitetes Material unter der \u00dcberschrift \u201eAnalyse&amp; Recherche\u201c. Unter den sieben Kategorien (von \u201eNSU &amp; Netzwerke\u201c bis \u201eMedien\u201c) interessiert in unserem Kontext besonders die Kategorie \u201eBeh\u00f6rden\u201c. Exemplarisch zwei Ver\u00f6ffentlichungen aus dem letzten Monat: 1. Beispiel: PolizistInnen \u00fcberpr\u00fcfen die Personalien von StipendiatInnen der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die einen der NSU-Tatorte in M\u00fcnchen besuchen, in dessen unmittelbarer N\u00e4he eine Polizeistation liegt. Zwei Personen aus der Gruppe werden auf die Wache gebracht. Eine hatte den Tatort so fotografiert, dass in der Sichtachse die Polizeistation zu sehen war. Sie wird gezwungen, das Foto zu l\u00f6schen. Die Polizeiaktion wird mit dem \u201eVerdacht der Spionage\u201c begr\u00fcndet. 2. Beispiel: Unter der \u00dcberschrift \u201eKreatives Aktenhandling\u201c stellt Friedrich Burschel erneut die Frage, wie lange die \u201eMitverantwortung\u201c des Verfassungsschutzes an den Taten des NSU noch vertuscht werden kann. Im Zentrum des Beitrags stehen die Fragen, die auf den hessischen Verfassungssch\u00fctzer Temme sowie auf die V-Leute \u201ePrimus\u201c und \u201ePiatto\u201c zielen. Man sieht schnell: Das Vertuschen und Verschweigen der Amtsleitungen und der politisch Verantwortlichen harmoniert mit den Feindbildern der \u201estreet cops\u201c.<\/p>\n<p>\u201ensu-watch.info\u201c dokumentiert in einer weiteren Rubrik auch die T\u00e4tigkeit der parlamentarischen Untersuchungsaussch\u00fcsse des Bundes und in sechs Bundesl\u00e4ndern. (In L\u00e4ndern Hessen, Nordrhein-Westfalen und Baden-W\u00fcrttemberg gibt es spezielle \u201eNSU Watch\u201c-Seiten, die sich mit der Arbeit \u201eihrer\u201c Aussch\u00fcsse besch\u00e4ftigen.) Hier werden Berichte \u00fcber die Beratungen und Befragungen der Aussch\u00fcsse ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nsu-nebenklage.de\">http:\/\/www.nsu-nebenklage.de<\/a><\/p>\n<p>Dieser Blog wird von den Kieler Rechtsanw\u00e4lten Alexander Hoffmann und Bj\u00f6rn Ebeling betrieben. Er liefert in Deutsch, Englisch und T\u00fcrkisch \u201eProzessberichte aus Sicht der Nebenklage im Prozess gegen Verantwortliche des \u201aNationalsozialistischen Untergrund\u2018\u201c (so die Selbstbeschreibung auf der Startseite). Die Seite ist \u2013 neben der Suchfunktion \u2013 nur \u00fcber die Chronologie der Sitzungstage strukturiert; ein direkter Zugang zu bestimmten inhaltlichen Komplexen ist leider nicht m\u00f6glich. Zu den einzelnen Terminen werden nicht nur Kurzprotokolle \u00fcber den Verhandlungsverlauf (teilweise mit Links zu den NSU Watch-Protokollen), sondern auch Pressemitteilungen oder Entscheidungen des Gerichts im Wortlaut geboten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/dka-kanzlei.de\/news_nsu.html\">http:\/\/dka-kanzlei.de\/news_nsu.html<\/a><\/p>\n<p>Die Berliner Rechtsanw\u00e4lte Sebastian Scharmer und Peer Stolle vertreten im M\u00fcnchener Prozess die Kinder des in Dortmund 2006 ermordeten Mehmet Kubasik. Auf ihrer Seite werden der Fortgang des Prozesses und die Initiativen der Nebenkl\u00e4gerInnen dokumentiert. Die Seite ist ebenfalls chronologisch und nicht nach inhaltlichen Kriterien strukturiert. H\u00e4ufiger als auf den beiden anderen Seiten wird hier die Rolle der Beh\u00f6rden \u201egew\u00fcrdigt\u201c: Etwa wenn im Juni 2016 die Forderung der Angeh\u00f6rigen der Opfer bekr\u00e4ftigt wird, dass der zweite Untersuchungsausschuss des Bundestages das nachholen soll, was das M\u00fcnchener Gericht verweigert: die Rolle der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden aufzukl\u00e4ren; oder wenn die Weigerung des Gerichts kommentiert wird, den V-Mann \u201ePrimus\u201c vorzuladen; oder wenn die Beweisantr\u00e4ge zur Aktenvernichtung (\u201eOperation Konfetti\u201c) vorgestellt oder die Vernehmung des th\u00fcringischen V-Mann-F\u00fchrers im September 2015 ausf\u00fchrlich dargestellt wird.<\/p>\n<p>Die drei genannten Seiten liefern einen umfassenden Einblick in den Stand der NSU-\u201eAufkl\u00e4rung\u201c. Da der M\u00fcnchener Prozess das Zentrum bildet, doppeln sich Informationen. Aber wer sich durch die Masse des pr\u00e4sentierten Materials liest, bekommt einen umfassenden Einblick \u00fcber den Umfang, vor allem aber \u00fcber die Grenzen des gegenw\u00e4rtigen staatlichen Bem\u00fchens, die NSU-Verbrechen und ihre Hintergr\u00fcnde aufzukl\u00e4ren. (Norbert P\u00fctter)<\/p>\n<h4>Sonstige Neuerscheinungen<\/h4>\n<p><strong>Romahn, Ralf: <\/strong><em>Der Tigerbiss auf dem Wochenmarkt. Authentische Kriminalf\u00e4lle, Berlin (Verlag Das Neue Berlin) 2015, 224 S., 12,99 Euro<\/em><\/p>\n<p><strong>Wilfling, Josef:<\/strong> <em>Verderben. Die Macht der M\u00f6rder, M\u00fcnchen (Heyne Verlag) 2015, 319 S., 19,99 Euro<\/em><\/p>\n<p>In den letzten Monaten der DDR war Ralf Rohman als Oberstleutnant der Volkspolizei im Berliner Bezirk Mitte bei der Kripo f\u00fcr Gewaltverbrechen zust\u00e4ndig. Nach 1990 wurde der Rang dann dem eines Krimi\u00adnal\u00adoberrats im Westen angeglichen. Als solcher vernahm er neben anderen ehemaligen Mitgliedern des Politb\u00fcros nach dessen Festnahme auch Erich Honecker. Rohman h\u00e4tte also etwas zu erz\u00e4hlen, doch was er in der Verlagsreihe \u201eAuthentische Kriminalf\u00e4lle\u201c schildert, ist schlicht gesagt leider genau der Schrott, den man anhand des Buchtitels bef\u00fcrchten muss. Im Stil schlechter Groschenromane res\u00fcmiert er vier F\u00e4lle aus der Wendezeit, wobei \u00fcberfl\u00fcssiges Geschw\u00e4tz den meisten Raum einnimmt. Das klingt dann etwa so: \u201eEs lag absolut kein Vorteil darin, im Stehen zu telefonieren, doch hatte er das Gef\u00fchl, es ginge dann schneller\u201c; oder so \u201eNach dem Aussteigen rauchte Wallmeier eine Zigarette &#8230;\u201c Und das hat mit der Sache absolut nichts zu tun. \u00dcber Situationen, in denen es dagegen wirklich spannend werden k\u00f6nnte, geht der Autor mit wenigen S\u00e4tzen hinweg. Am deutlichsten wird dies, als eines Tages drei Beamte des Westberliner Staatsschutzes in seinem B\u00fcro auftauchen und um Einblick in die Ostberliner Akten zum libyschen Anschlag auf die Diskothek \u201eLa Belle\u201c von 1986 bitten. Die ganze Sache ist Rohman gerade sechs Seiten wert, auf denen \u00fcberwiegend Jacketts zurecht ger\u00fcckt, Kaffee angeboten oder verst\u00e4ndnisvoll genickt wird (S. 129-134). Eindeutig ein Buch, das niemand braucht.<\/p>\n<p>Dass es auch anders geht, zeigt Josef Wilfling. 22 Jahre war er Ermittler bei der M\u00fcnchner Mordkommission. Im Gegensatz zu Rohman hat er etwas zu sagen. Auch er schildert einige seiner F\u00e4lle, wobei man hier jedoch stets Einblicke in kriminalpolizeiliche Ermittlungstechnik, \u00ad<br \/>\n-tak\u00adtik und -schwierigkeiten erh\u00e4lt. Etwa wenn es um die Kluft zwischen Fahndungsnotwendigkeiten und Datenschutz geht. Oder wenn ein Fall pl\u00f6tzlich grenz\u00fcbergreifend wird und somit internationale polizeiliche Zusammenarbeit gefragt ist (S. 41ff.). Wilfling ist sich auch nicht zu schade, eigene Fehler einzugestehen, etwa wenn ihm ein Fall bei aller Professionalit\u00e4t pl\u00f6tzlich doch pers\u00f6nlich an die Nieren geht und er bei der Vernehmung \u201eausrastet\u201c. Als \u201egef\u00e4hrlichste Bev\u00f6lkerungsgruppe\u201c hat Wilfling w\u00e4hrend seiner Arbeit Ehem\u00e4nner ausgemacht (S. 114). Eine Einsch\u00e4tzung, die durch aktuelle Erhebungen der internationalen Frauenrechtsorganisation Terre des femmes gest\u00fctzt wird. Danach ist h\u00e4usliche Gewalt die h\u00e4ufigste Ursache von \u2013 z.T. schweren \u2013 Verletzungen von Frauen; in Deutschland betreffe dies etwa jede vierte Frau. Daneben setzt sich der Autor mit den teilweise katastrophalen Folgen von Mordtaten sowohl f\u00fcr die Familien der Opfer wie auch der T\u00e4ter auseinander. Weiterhin mit den verschiedenen Spielarten von L\u00fcgen und wie man sie erkennt. Oder mit \u201eZeugen mit Entlastungseifer\u201c, die es offenbar auch gibt. Insgesamt also ein Buch, das man durchaus lesen kann \u2013 aber nicht unbedingt lesen muss. (Otto Diederichs)<\/p>\n<p><strong>Forster, Fabian; Vugrin, Sascha; Wessendorff, Leonard (Hg.):<\/strong> <em>Das Zeitalter der Einsatzarmee.<\/em><em> Herausforderungen f\u00fcr Recht und Ethik. <\/em><em>Berlin (<\/em><em>BWV Berliner Wissenschafts-Verlag) <\/em><em>2014<\/em><em>,<\/em><em> 280 S.<\/em><em>; 32,00 Euro<\/em><\/p>\n<p>Der vom Bundesverband f\u00fcr Sicherheitspolitik an Hochschulen herausgegebene Sammelband betrachtet in vier Kapiteln und 19 Beitr\u00e4gen den Wandel der Bundeswehr von einer \u201eVerteidigungs- und Wehrpflichtarmee zu einer Einsatz- und Berufsarmee\u201c mit dem Ziel (und gef\u00f6rdert vom Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr), \u201eEntscheidungstr\u00e4gern in Parlament und Regierung fundierte Impulse\u201c zu liefern (S. 13).<\/p>\n<p>Kapitel 1 wiederholt den Untertitel und konstatiert \u201eeine schwierige Debatte\u201c (S. 5). Welche rechtlichen und ethischen Herausforderungen sich aus dem Einsatz bewaffneter Drohnen ergeben, wird dort in zwei Kapiteln angerissen, ein drittes behandelt Meinungsumfragen zum Thema: Rechtlich sei alles bestens, ethisch vieles bedenkbar, Volkes Meinung aber bedenklich: die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit von Drohneneins\u00e4tzen sei eine Frage \u201edes konkreten Einsatzes\u201c (S. 36); ethisch sei etwa ein \u201eKonfliktv\u00f6lkerrecht\u201c (S. 53) \u00fcberlegenswert, mit Habermas also ein an milit\u00e4rische Notwendigkeiten angepasstes Polizeirecht. Allerdings mache die ablehnende Haltung der Bev\u00f6lkerung zu Kampfdrohnen (ca. 60 Prozent) Sorgen, ein gutes Drittel noch Unentschiedener aber Hoffnung auf Akzeptanzgewinn (S. 24). Akzeptanz treibt auch den SPD-Bundestagsabge\u00adord\u00adneten Rainer Arnold (Verteidigungspolitischer Sprecher) in Kapitel 2 (\u201eVom Mandat zu den Rules of Engagement\u201c) um: Der Bundestag habe vor Milit\u00e4reins\u00e4tzen \u201eimmer verantwortlich und alles andere als populistisch gehandelt\u201c, hat er doch \u2013 das ist eine sch\u00f6n-sozialdemokratische Volte \u2013 etwa das Afghanistan-Mandat \u201eimmer wieder verl\u00e4ngert bzw. sogar ausgeweitet, obwohl die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung diesen Auslandseinsatz seit Jahren ablehnt\u201c (S. 130).<\/p>\n<p>Auch den anderen Beitr\u00e4gen ist gemein, allen milit\u00e4rischen L\u00f6sungen Legalit\u00e4t zu attestieren und Legitimit\u00e4t einhauchen zu wollen \u2013 nicht ohne den Vorwurf, es fehle an \u201euneingeschr\u00e4nktem R\u00fcckhalt aus der Heimat\u201c (S. 139). Den Beitr\u00e4gen zum Verh\u00e4ltnis zwischen Bundeswehr und \u201eGesundheitswesen\u201c (S. 55ff.) bzw. \u201eeinsatzbezogener Pressearbeit\u201c (S. 104ff.) merkt man das Unwohlsein an, die falschen Fragen zu stellen, aber die Antworten auf die richtigen zu kennen: Es ist erlaubt, aber es ist nicht richtig. Lesenswert sind die zwei Cyberwarfare-Beitr\u00e4ge (S. 69-103), weil sie die in diese Form der Kriegsf\u00fchrung system(at)isch eingebauten Kollateralsch\u00e4den benennen. Das Kapitel 3 \u201eKonzept gemeinsamer europ\u00e4ischer Streitkr\u00e4fte\u201c (S. 154ff.) serviert einen veritablen Ideologiesalat und oszilliert zwischen v\u00f6lkischer Attit\u00fcde (der Soldat k\u00e4mpft f\u00fcr den \u201eFortbestand der Nation, verstanden als Schicksalsgemeinschaft eines Volkes\u201c, S. 168), Laubs\u00e4gearbeiten zum sukzessiven Aufbau einer \u201eEuropaarmee\u201c (S. 210ff.) und systematischer Verschleierung polit\u00f6konomischer Interessen (passim). Ein Beitrag im Kapitel 4 (\u201eStrafrecht und Einsatzrealit\u00e4t\u201c) bezweifelt anl\u00e4sslich des Einstellungsbeschlusses der Bundesanwaltschaft gegen Oberst Klein (vgl. Kritische Justiz 2010\/3) einigerma\u00dfen abstrus die Anwendbarkeit des allgemeinen Straf- neben den Vorschriften des V\u00f6lkerstrafrechts, findet stattdessen aber, der bei Kundus auff\u00e4llig gewordene Klein \u201ewurde mittlerweile zu Recht [sic!] zum Brigadegeneral bef\u00f6rdert\u201c (S. 220). Zusammengenommen begr\u00fc\u00dft der Band unkritisch eine Einsatzarmee und unterl\u00e4sst (daher?) die konkrete Benennung deutscher Interessen \u2013 eine Bundestagsdrucksache h\u00e4tte es auch getan. (Volker Eick)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Schwerpunkt Wir greifen aus der Vielzahl der Publikationen nur zwei aktuelle heraus, weil sie<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[115,148],"tags":[],"class_list":["post-12716","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cilip-110","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12716","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12716"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12716\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12716"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12716"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12716"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}