{"id":13167,"date":"2017-09-08T12:16:58","date_gmt":"2017-09-08T12:16:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=13167"},"modified":"2017-09-08T12:16:58","modified_gmt":"2017-09-08T12:16:58","slug":"muslim-which-side-are-you-on-islamismuspraevention-als-regulierungsmechanismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=13167","title":{"rendered":"Muslim, which side are you on? Pr\u00e4vention als Regulierungsmechanismus"},"content":{"rendered":"<h3>von Sindyan Qasem<\/h3>\n<p><strong>Wie kann Herausforderungen einer scheinbar zunehmenden Bedrohung durch islamistisch begr\u00fcndeten Extremismus begegnet werden? Pr\u00e4ventionsarbeit gilt neben der polizeilichen Repression gegen vermeintliche \u201eGef\u00e4hrder\u201c als wichtige Ma\u00dfnahme. Die Rolle der Sicherheitsorgane in dieser Arbeit, aber auch grunds\u00e4tzlicher die Eigenschaft dieser Art von Pr\u00e4vention als Regierungspraxis wird wenig in Frage gestellt. <\/strong><\/p>\n<p>\u201aIslamismus\u2018 als Extremismus ist erst in j\u00fcngerer Zeit verst\u00e4rkt in den Fokus von Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen ger\u00fcckt. Trotzdem und vor allem aufgrund einer tats\u00e4chlich existierenden Gefahrenlage einerseits und einer gesamtgesellschaftlich stark alarmistischen Grundstimmung in Bezug auf Islam in Deutschland andererseits liegen schon einzelne Expertisen vor, mit dem Anspruch, die schnell wachsende und zum Teil aktionistisch gef\u00f6rderte Pr\u00e4ventionslandschaft im Kontext islamistischer Radikalisierungsprozesse zu \u00fcberblicken, zu kategorisieren und Problemfelder zu benennen.<!--more--><\/p>\n<p>2016 erschien eine von der Stiftung Deutsches Forum f\u00fcr Kriminalpr\u00e4vention initiierte und vom Institut f\u00fcr Konfliktforschung Bielefeld umgesetzte Systematisierung, 2017 ver\u00f6ffentlichte das Bundeskriminalamt eine Erhebung.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Beide beschreiben ein sich schnell ver\u00e4nderndes Feld, in dem zahlreiche AkteurInnen, sowohl mit staatlichem als auch zivilgesellschaftlichem Hintergrund, mit bemerkenswert unterschiedlichen Vernetzungsgraden Projekte und Initiativen auf lokalen, regionalen, landesweiten und l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Ebenen durchf\u00fchren. Die nachfolgend zusammengefassten skizzenhaften Beschreibungen basieren im Wesentlichen auf den beiden genannten Expertisen:<\/p>\n<p>So l\u00e4sst sich festhalten, dass die, in Hinblick auf den Zeitpunkt der Intervention (\u201aprim\u00e4re\u2018, \u201asekund\u00e4re\u2018 und \u201aterti\u00e4re\u2018 Pr\u00e4vention) und auf ihre Zielgruppendefinition (\u201auniverselle\u2018, \u201aselektive\u2018 und \u201aindizierte\u2018 Pr\u00e4vention), unterschiedenen Ma\u00dfnahmen in Deutschland zu einem gro\u00dfen Teil (noch) nicht ausreichend miteinander verschr\u00e4nkt sind und (noch) kein allgemeiner Qualit\u00e4tsstandard besteht. Als eine Besonderheit der Islamismuspr\u00e4vention im Gegensatz zu Rechtsextremismus- und Linksextremismuspr\u00e4vention wird beschrieben, dass sie verst\u00e4rkt auf ideologische Aspekte abhebt, statt zum Beispiel personenbezogene Ans\u00e4tze zu verfolgen. In den jeweiligen Umsetzungen spiegelt sich das in einem gro\u00dfen Anteil von Bildungsarbeit und einem p\u00e4dagogischen Pr\u00e4ventionsverst\u00e4ndnis vieler Tr\u00e4ger im Sinne von Aufkl\u00e4rung und Sensibilisierung wider. Unter zivilgesellschaftlich getragenen Projekten sind weiterhin auch Resilienz f\u00f6rdernde Ma\u00dfnahmen wie Demokratief\u00f6rderung, Identit\u00e4tsarbeit und die F\u00f6rderung sogenannter interkultureller Kompetenz verbreitet. Weitere Handlungsfelder sind Beratungen und Netzwerkbildung.<\/p>\n<p>Als Hauptf\u00f6rdernde der Initiativen werden staatliche Tr\u00e4ger identifiziert. Im Bereich der prim\u00e4ren und sekund\u00e4ren Pr\u00e4vention sind das vor allem Bundesministerien und Bundes\u00e4mter: Das Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterst\u00fctzt Projekte im Rahmen des Programmes \u201eDemokratie leben!\u201c. Weitere staatliche F\u00f6rdergelder kommen vom Bundesministerium des Inneren, vom Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge sowie von der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung. Auch die 2016 gegr\u00fcndete Bundesarbeitsgemeinschaft Religi\u00f6s Begr\u00fcndeter Extremismus, die als Interessensvertretung zivilgesellschaftlicher Tr\u00e4ger gegen\u00fcber den staatlichen und politischen Gremien auftritt, wurde und wird kurioserweise mit einer Anschubfinanzierung vom Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>In Bezug auf die F\u00f6rderung einzelner Initiativen und Projekte existiert ein weiteres Paradoxon: So wird einerseits von vielen Tr\u00e4gern berichtet, dass die Projektantr\u00e4ge auf die begrenzten F\u00f6rderungsh\u00f6hen und -dauern hin angepasst werden und somit teilweise deutlich an Qualit\u00e4t, Reichweite und Nachhaltigkeit einb\u00fc\u00dfen. Andererseits resultiert aus dem insgesamt stark gestiegenen Budget, welches sowohl von staatlichen als auch von nichtstaatlichen F\u00f6rderern zur Verf\u00fcgung gestellt wird, ein Druck, urspr\u00fcnglich anders deklarierte Ma\u00dfnahmen unter das Label der Islamismuspr\u00e4vention zu subsumieren und der Logik von Pr\u00e4vention und der damit einhergehenden Defizitorientierung zu unterwerfen.<\/p>\n<p>Inwiefern diese \u201aPr\u00e4ventionisierung\u2018 als Teil komplexer Machtbeziehungen und Regierungstechniken zu begreifen ist, soll im Folgenden anhand von zwei Beispielen hervorgehoben werden: erstens anhand der der Pr\u00e4ventionspolitik immanenten Anerkennungslogik von muslimischen PartnerInnen und der Konstruktion von \u201aaccepted communities\u2018 und zweitens anhand des Einflusses von Sicherheitsbeh\u00f6rden auf p\u00e4dagogische Pr\u00e4vention und Bildungsarbeit.<\/p>\n<h4>Pr\u00e4vention als patriotische Pflicht<\/h4>\n<p>\u201aDialog\u2018 gilt als Grundvoraussetzung f\u00fcr gelingende Kooperationen zwischen muslimischen Verb\u00e4nden, Interessensvertretungen, Gemeinden und AkteurInnen auf der einen und staatlichen oder staatlich gef\u00f6rderten Institutionen und Initiativen auf der anderen Seite. Mit der Deutschen Islam Konferenz (DIK) wurde bereits 2006 ein Dialogprojekt mit staatlich kuratierter Teilnehmendenliste initiiert. Die DIK, die nicht zuletzt aufgrund des bis 2014 stark vorhandenen Fokus auf sicherheitspolitische Themen kritisiert wurde, trug zwar wesentlich zur Institutionalisierung von muslimischen Strukturen in Deutschland bei, ist jedoch gleichzeitig auch als die Umsetzung eines \u201ecivilising project\u201c \u2013 und eben nicht als Form des Dialogs unter Gleichberechtigten \u2013 mit der Agenda einer Schaffung von liberal-s\u00e4kularen muslimischen Subjekten zu verstehen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Tats\u00e4chlich muss jede staatliche Praxis der Interaktion mit \u2013 zu nicht unwesentlichem Teil durch staatliche Ansprachen selbst als Subjekte geschaffenen \u2013 MuslimInnen auch unter dem Aspekt einer hegemonialen Normierung und Normalisierung betrachtet werden.<\/p>\n<p>Besonders im Kontext von Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen entsteht f\u00fcr muslimische Gruppen ein hoher Druck \u2013 zum Beispiel durch die oft reproduzierten jedoch empirisch nicht belegten Annahmen, dass von Moscheegemeinden erreichbare Subjekte tendenziell eher Bedarf f\u00fcr Pr\u00e4ventionsangebote h\u00e4tten oder dass in Moscheegemeinden und durch Angebote von Verb\u00e4nden eine h\u00f6here Reichweite oder eine authentischere Ansprache an Menschen mit tendenziell h\u00f6herem Radikalisierungspotenzial erreicht werden k\u00f6nnten. Weiterhin haben staatliche AkteurInnen mittlerweile zwar anerkannt, dass eine erfolgreiche Pr\u00e4vention unbedingt auf muslimische PartnerInnen angewiesen ist. Doch auch in deren Auswahl wirken normalisierende Mechanismen. Durch Einsch\u00e4tzung der Sicherheitsbeh\u00f6rden und durch staatliche Kooperationen mit selektierten Verb\u00e4nden, Gemeinden etc. entsteht ein Katalog von akzeptierten AkteurInnen. Nicht zuletzt sind es muslimische AkteurInnen selbst, die sich dieser Logik unterwerfen (m\u00fcssen), um in Partnerschaft mit zivilgesellschaftlichen und staatlichen Tr\u00e4gern Gelder beantragen zu k\u00f6nnen und um einen h\u00f6heren Anerkennungsgrad mit daraus folgenden materiellen und immateriellen Vorteilen zu erreichen. Zu beobachten ist das beispielsweise auch in der Rhetorik, dass der Bedarf eines islamischen Religionsunterrichts auch mit dem pr\u00e4ventiven Wirken von religi\u00f6ser Unterweisung f\u00fcr MuslimInnen begr\u00fcndet wird. Gem\u00e4\u00df Foucaults theoretischen \u00dcberlegungen zu zeitgen\u00f6ssischen Machtpraktiken, die nicht direkt auf Individuen und ihr Verhalten einwirken, sondern \u00fcber Diskurse sowie Formen der Selbstf\u00fchrung und Anleitung vermittelt werden, \u00e4u\u00dfert sich der Pr\u00e4ventionsgedanke auch in von (selbstredend nicht ausschlie\u00dflich) muslimischen AkteurInnen angewandten \u201aTechnologien des Selbst\u2018 und der \u00dcbernahme pr\u00e4ventiver Prinzipien als Grundvoraussetzung, \u201adeutsch\u2018 und dementsprechend anerkannt zu sein.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<h4>Sicherheit macht Schule<\/h4>\n<p>Eine weitere Problematik ergibt sich aus der oben beschriebenen auff\u00e4lligen Schwerpunktsetzung auf der ideologischen Komponente von Islamismus in verschiedenen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Ma\u00dfnahmen und der daraus folgenden Strategie, mit aufkl\u00e4rerischen und Werte vermittelnden Gegenangeboten pr\u00e4ventive Wirkungen anzustreben. Neben der allgemein g\u00fcltigen Pr\u00e4misse, dass Werte vermittelnde Ans\u00e4tze und sogenannte demokratief\u00f6rdernde Ma\u00dfnahmen immer auch normalisierend und normativ wirken m\u00fcssen, ist hier vordergr\u00fcndig die zunehmende Involvierung von Sicherheitsbeh\u00f6rden in die p\u00e4dagogische Praxis zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Teilweise ist diese \u00dcberschreitung der urspr\u00fcnglichen Aufgabenbereiche seitens der Sicherheitsbeh\u00f6rden dem Umstand geschuldet, als erste Institutionen den Bedarf p\u00e4dagogischer Programme gegen islamistische Radikalisierung erkannt zu haben. Als Folge entstand zum Beispiel 2014 das in Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation ufuq.de und der Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften Hamburg konzipierte und produzierte Medienpaket \u201eMitreden: Kompetent gegen Islamfeindlichkeit, Islamismus und dschihadistische Internetpropaganda\u201c des Programms Polizeiliche Kriminalpr\u00e4vention der L\u00e4nder und des Bundes. Das zum damaligen Zeitpunkt einzigartige Unterrichtsmaterial wurde weit verbreitet. Zu hinterfragen ist bei derartigen Angeboten allerdings die beinahe traditionell fehlende Rassismuskritik in polizeilichen Beh\u00f6rden oder im Verfassungsschutz, der vor allem im Bereich Multiplikatorenfortbildung aktiv ist. Eben auch weil das Vertrauensverh\u00e4ltnis einer gro\u00dfen Zahl muslimischer Menschen in Polizei und Verfassungsschutz wegen <em>racial profiling<\/em>, anhaltenden Stigmatisierungen oder nicht zuletzt den unzureichend aufgekl\u00e4rten Ermittlungsfehlern im Kontext der NSU-Anschl\u00e4ge nachhaltig gest\u00f6rt ist, erscheinen p\u00e4dagogische \u2013 und eben oft auch Werte vermittelnde und f\u00fcr Demokratie werbende \u2013 pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen mit inhaltlicher Beteiligung der Sicherheitsbeh\u00f6rden durchaus bedenklich.<\/p>\n<h4>Pr\u00e4vention und Rassismus<\/h4>\n<p>Die genannten Beispiele zeigen: Pr\u00e4vention ist ein \u00e4u\u00dferst ambivalentes Konzept mit fast selbstverst\u00e4ndlicher Omnipr\u00e4senz. Mit einer vorausschauenden und vorsorglichen Handlung verkn\u00fcpft sind jedoch immer auch ein nie in G\u00e4nze erf\u00fcllbares Versprechen einer imaginierten Zukunft einerseits und eine normative Definition von \u201aUnerw\u00fcnschtem\u2018 andererseits.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Trotz dieser Ambivalenz und Vagheit kommt Pr\u00e4vention im Allgemeinen eine entscheidende Rolle in der Konstitution moderner Staatlichkeit zu: Der Staat als Institution selbst erscheint sogar pr\u00e4destiniert daf\u00fcr, den Schutz des einzelnen Lebens mit dem Wohl des Kollektivs zu verbinden. In den von Michel Foucault systematisierten Machttechnologien ist der sich ab dem 18. Jahrhundert entwickelnde Regierungsstaat eben dadurch charakterisiert, mittels der Regulierung von Wahrscheinlichkeiten eine Bev\u00f6lkerung zu regieren und zu regulieren. Sicherheit als Dispositiv dieser Praxis erf\u00fcllt dabei die wesentliche Funktion, \u201eauf eine Realit\u00e4t zu antworten, so dass diese Antwort jene Realit\u00e4t aufhebt, auf die sie antwortet \u2013 sie aufhebt oder einschr\u00e4nkt oder bremst oder regelt.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Pr\u00e4ventionsverfahren mit dem Anspruch per se etwas im Vorfeld als negativ Erkanntes oder Bezeichnetes zu verhindern, tragen im gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang zu der von Foucault als Gouvernementalit\u00e4t bezeichneten Gesamtheit von \u201eInstitutionen, den Verfahren, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszu\u00fcben\u201c, bei.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Dementsprechend l\u00e4sst sich leicht der Schluss ziehen, dass insbesondere die Pr\u00e4ventionsverfahren zur Verhinderung von islamistischer Radikalisierung wesentlich bei der Regierung der in diesen Verfahren konstruierten Zielgruppe \u2013 in nicht wenigen F\u00e4llen also der \u201aMuslime\u2018 als nicht n\u00e4her differenzierter Gruppe \u2013 mitwirken. Islamismuspr\u00e4vention, so kann argumentiert werden, ist zu einem nicht unerheblichen Teil eben immer auch ein Mechanismus, um die Einwanderungsgesellschaft an sich \u201aregierbar\u2018 zu machen.<\/p>\n<p>\u201eMacht\u201c ist in diesem gouvernementalen Zusammenhang nun gerade nicht als oppositionelles Verh\u00e4ltnis zwischen einem \u201em\u00e4chtigen\u201c Staatsapparat und unterdr\u00fcckten B\u00fcrgerInnen zu verstehen. Vielmehr beschreibt Foucault Macht als allumfassendes Kraftfeld, in dem jegliches \u00f6ffentliches und nicht-\u00f6ffentliches Verhalten Gegenstand von Regulierung und Selbstregulierung ist.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Tats\u00e4chlich bauen moderne Regierungsformen in einer nur auf den ersten Blick paradox anmutenden Weise auf den Freiheiten der einzelnen Subjekte auf: Die Subjekte sind frei, sich selbst zu regulieren und dementsprechend in ihrer Freiheit gebunden. Die \u00e4u\u00dferen Rahmen dieser Freiheit werden in neoliberalen Systemen staatlich bestimmt.<\/p>\n<p>Im Kontext von Islam in Deutschland und Pr\u00e4ventionspolitik sind so beispielsweise die Gr\u00fcndung von Moscheegemeinden oder -verb\u00e4nden, die Errichtung von islamischen Theologielehrst\u00fchlen oder das Tragen von religi\u00f6ser Kleidung (theoretisch) durch die Religionsfreiheit legitimiert. Durch den Einfluss von Sicherheitsbeh\u00f6rden einerseits und Disziplinierungs- bzw. Selbstdisziplinierungsmechanismen andererseits sind sie aber auch machtvollen Mechanismen unterworfen, um regierbar zu sein. So beschreibt Farid Hafez die Errichtung von verschiedenen Zentren f\u00fcr Islamische Theologie in Deutschland als von Sicherheitsbeh\u00f6rden, vor allem vom Verfassungsschutz, und Ministerien gelenkte Prozesse, um MuslimInnen zu disziplinieren und zu integrieren.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Allgemein l\u00e4sst sich der Schluss ziehen, dass eine vom Verfassungsschutz ma\u00dfgeblich mitgestaltete und durch sicherheitsbeh\u00f6rdliche Wissensbest\u00e4nde angereicherte Pr\u00e4vention hegemoniale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in der Behandlung von MuslimInnen reproduziert. Werner Schiffauer beschreibt in diesem Zusammenhang die Schl\u00fcsselrolle des Verfassungsschutzes als wissensproduzierende Institution, die eigene ausschlie\u00dflich vom Sicherheitsdenken inspirierte Kategorien bildet, um MuslimInnen in Deutschland zu \u201akartografieren\u2018.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Dabei gibt es ein Problem: Das Wissen \u00fcber MuslimInnen, Islam und Islamismus entsteht nicht au\u00dferhalb von Macht, sondern ist Gegenstand wirkm\u00e4chtiger Reproduktionen von hegemonialen Ordnungen.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich dementsprechend festhalten, dass die dem Pr\u00e4ventionsgedanken immanente Definition von einem zu verhindernden Defizit beziehungsweise einer zu verhindernden Gefahr als Gegensatz zur \u201aFreiheit\u2018 in modernen Staaten konstruiert und diskursiv fixiert wird. Im konkreten Beispiel der Islamismuspr\u00e4vention bedeutet das, dass islamistisch begr\u00fcndete Gewalt als Gegensatz zu vormals unhinterfragten Grunds\u00e4tzlichkeiten zu einer Fixierung eben dieser Grunds\u00e4tzlichkeiten f\u00fchrt. Durch die Allgegenw\u00e4rtigkeit von Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen und den herrschenden Druck auf MuslimInnen, diese Ma\u00dfnahmen mitzutragen, vergewissern wir uns daher permanent und kontinuierlich selbst: \u201aMuslim, which side are you on?\u2018 Islamistisch oder nicht? Mit uns oder gegen uns?<\/p>\n<p>Erlauben wir uns, an dieser Stelle weiterzudenken, kommen wir unweigerlich zu dem Schluss, dass Islamismuspr\u00e4vention als regulierendes Instrument stets offen f\u00fcr rassistischen Missbrauch sein muss. Denn schon lange verl\u00e4uft die imaginierte Trennlinie zwischen Freiheit und Unfreiheit nicht mehr entlang der Kategorien \u201aGewaltbereitschaft\u2018 oder \u201aDemokratiefeindlichkeit\u2018. Vielmehr wird mit dem Sicherheitsdispositiv an MuslimInnen der Anspruch gestellt, zu einer deutschen Leitkultur zu subskribieren. Ein mit Homogenit\u00e4t gleichgestelltes Sicherheitsverst\u00e4ndnis f\u00fchrt dann in der Praxis zur Eindeutschung \u2013 und in diesem Falle: Entreligi\u00f6sierung \u2013 muslimischer Subjekte durch die Verweigerung von Anerkennung an diejenigen MuslimInnen, die sich einer imaginierten deutschen Leitkultur nicht unterordnen m\u00f6chten.<\/p>\n<h4>Anforderungen an eine gesamtgesellschaftliche Pr\u00e4ventionsarbeit<\/h4>\n<p>Die bis hierhin vorgetragene Kritik am Pr\u00e4ventionsgedanken stellt die Notwendigkeit von vorbeugenden Ma\u00dfnahmen gegen islamistisch begr\u00fcndeten Extremismus nicht unmittelbar in Frage. Vielmehr ergeben sich aus den genannten Problemfeldern und der Einordung von Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen als normalisierende und normierende Gouvernementalit\u00e4tspraxis einige Anforderungen, um ausschlie\u00dfende und stigmatisierende \u2013 und somit im Sinne der Pr\u00e4ventionslogik auch kontraproduktive \u2013 Praktiken zu vermeiden.<\/p>\n<p><strong>Nationale Pr\u00e4ventionsstrategie. <\/strong>Oft wird sowohl von staatlichen als auch zivilgesellschaftlichen AkteurInnen die Etablierung einer nationalen Pr\u00e4ventionsstrategie gegen islamistische Radikalisierungsprozesse gefordert. Aufgrund der damit einhergehenden Normierungen und Normalisierungen sind vereinheitlichte bundesweite Praktiken an sich jedoch abzulehnen. Viel eher w\u00fcrden auf lokale und regionale Gegebenheiten reagierende Praktiken von national vereinheitlichten Qualit\u00e4tsstandards und komparativen Evaluationsverfahren profitieren. Die Einf\u00fchrung derartiger Mechanismen sollte auf empirischen Erkenntnissen \u00fcber Radikalisierungsprozesse und -ursachen beruhen. Dazu w\u00e4ren beispielsweise weitaus mehr wissenschaftliche Belege zu den Zusammenh\u00e4ngen von Religiosit\u00e4t und Radikalisierungspotenzial, Radikalit\u00e4t und Gewaltbereitschaft sowie Ideologie und Gewaltbereitschaft als bisher vorhanden w\u00fcnschenswert.<\/p>\n<p><strong>Lokale Partnerschaften. <\/strong>Vor allem f\u00fcr Kooperationen mit muslimischen AkteurInnen, jedoch auch f\u00fcr die Akkumulation von Expertise und f\u00fcr interdisziplin\u00e4re Vernetzungsarbeit mit sozialarbeitenden, psychologischen, polizeilichen etc. AkteurInnen sollten enge Partnerschaften vor Ort geschlossen werden. So kann eine eigenverantwortliche, flexible und differenzierte Einsch\u00e4tzung seitens der Tr\u00e4ger \u00fcber die Geeignetheit und Tauglichkeit einzelner Kooperationen gew\u00e4hrleistet werden, ohne auf normierende landesweit oder bundesweit geltende Einsch\u00e4tzungen zur\u00fcckgreifen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Zielgruppen. <\/strong>Um jeglichen stigmatisierenden Zuschreibungen entgegenzuwirken, sollten die Zielgruppen pr\u00e4ventiver Ma\u00dfnahmen gegen islamistische Radikalisierung nicht mehr nach demographischen Merkmalen gefasst werden. Ohnehin fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage, ob \u201aMigrationshintergrund\u2018 und Radikalisierungspotenzial in einem Verh\u00e4ltnis zueinander stehen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Stattdessen sollten vermehrt ph\u00e4nomen\u00fcbergreifende Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen unternommen werden, um gegen jegliche Demokratiefeindlichkeit gleicherma\u00dfen vorzugehen. Gerade in der universellen Pr\u00e4ventionsarbeit gegen islamistische Radikalisierung finden sich noch zu viele Beschr\u00e4nkungen auf nach demographischen Markierungen beruhenden Zielgruppen.<\/p>\n<p><strong>Kompetenzorientierung. <\/strong>F\u00fcr p\u00e4dagogische Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen, die sich auf Einstellungen ihrer Subjekte konzentrieren, sollte statt einer Werteorientierung die Vermittlung von Schl\u00fcsselkompetenzen im Mittelpunkt stehen. W\u00e4hrend die Vermittlung von \u201aWerten\u2018 und sogenannte Demokratief\u00f6rderung zu selten tats\u00e4chlich vorhandene Diskrepanzen und Ungerechtigkeiten in Deutschland kritisch hinterfragen, f\u00f6rdert das Erlernen von Kompetenzen Kritikf\u00e4higkeit und Urteilsverm\u00f6gen. Kernkompetenzen im Kontext von Extremismuspr\u00e4vention sind zum Beispiel Medienkritikf\u00e4higkeit, das Erkennen von Propaganda sowie Multiperspektivit\u00e4t und Ambiguit\u00e4tstoleranz.<\/p>\n<p><strong>Integrationspolitik. <\/strong>Generell sollten integrative und pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen trennsch\u00e4rfer voneinander abgegrenzt werden \u2013 im Sinne von transparenten und differenten F\u00f6rderpraktiken, Methoden, Zielen und AkteurInnen. Eine Durchdringung von Ma\u00dfnahmen beispielsweise der Sozialen Arbeit mit dem Pr\u00e4ventionsgedanken f\u00fchrt schlussendlich zu erodiertem Vertrauen und weiteren Stigmatisierungen.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Das gilt besonders f\u00fcr Ma\u00dfnahmen, die Menschen mit Fluchterfahrung ansprechen. Hier ist zu beobachten, dass momentan vermehrt Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen ein h\u00f6herer Stellenwert als die Deckung von Grundbed\u00fcrfnissen wie Wohnraum oder einer psychologischen Betreuung einger\u00e4umt wird. Schlussendlich f\u00f6rdert wom\u00f6glich der Verzicht auf eine Allgegenw\u00e4rtigkeit von pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen in Bezug auf Islam und MuslimInnen in Deutschland eben das n\u00f6tige Vertrauen in staatliche Institutionen, welches f\u00fcr eine funktionierende Einwanderungsgesellschaft unabdingbar ist.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0 Trautmann, C.; Zick, A.: Systematisierung von in Deutschland angebotenen und durchgef\u00fchrten (Pr\u00e4ventions-)Programmen gegen islamistisch motivierte Radikalisierung au\u00dferhalb des Justizvollzuges, DFK, Bonn 2016; Gruber, F.; L\u00fctzinger, S.: Extremismuspr\u00e4vention in Deutschland: Erhebung und Darstellung der Pr\u00e4ventionslandschaft, BKA Forschungsstelle Terrorismus\/Extremismus, Wiesbaden 2017 (www.bka.de)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0 Amir-Moazami, S.: Dialogue as a Governmental Technique: Managing Gendered Islam in Germany. Feminist Review 2011, No. 98, pp. 9-27 (25)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0 zum theoretischen Umriss des Konzeptes der \u201aTechnologien des Selbst\u2018 siehe z.B. Foucault, M.: <em>Der <\/em>Gebrauch der L\u00fcste. Sexualit\u00e4t und Wahrheit 2, Berlin 1993, S. 18<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0 vgl. L\u00fcders, C:. Von der scheinbaren Selbstverst\u00e4ndlichkeit pr\u00e4ventiven Denkens, in: DJI Impulse \u2013 Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 2011, H. 2, S. 4-7; www.dji.de\/fileadmin\/user_upload\/bulletin\/d_bull_d\/bull94_d\/DJIB_94.pdf<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0 Foucault, M.: Sicherheit, Territorium, Bev\u00f6lkerung, Berlin 2006, S. 76<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0 ders.: Die \u201aGouvernementalit\u00e4t\u2019. Dits et Ecrits III, Berlin 2003, S. 820f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0 ebd.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0 Hafez, F.: Disciplining the \u201aMuslim Subject\u2018: The Role of Security Agencies in Establishing Islamic Theology within the State\u2019s Academia, in: Islamophobia Studies Journal 2014, No. 2, pp. 43-57<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0 Schiffauer, W.: Sicherheitswissen und Deradikalisierung, in: Friedrich-Ebert-Stiftung \u2013 Forum Berlin (Hg.): Handlungsempfehlungen zur Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus und Islamfeindlichkeit, Berlin 2015, S. 217-244<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> s. dazu auch Fahim, A. A.: Migrationshintergrund und biografische Belastungen als Analysekriterien von Radikalisierungsprozessen junger Muslime in Deutschland, in: Herding, M. (Hg.): Radikaler Islam im Jugendalter: Erscheinungsformen, Ursachen und Kontexte, Halle 2013, S. 22-40 (www.dji.de\/fileadmin\/user_upload\/bibs2014\/1461_ DJI_RadikalerIslam.pdf)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> siehe dazu zum Beispiel die Kritik am nationalen Extremismuspr\u00e4ventionskonzept in Gro\u00dfbritannien der Open Society Justice Initiative: Eroding Trust: The UK\u2019s Prevent Counter-Extremism Strategy in Health and Education, New York 2016; www.opensocietyfoundations.org\/sites\/default\/files\/eroding-trust-20161017_0.pdf<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Sindyan Qasem Wie kann Herausforderungen einer scheinbar zunehmenden Bedrohung durch islamistisch begr\u00fcndeten Extremismus begegnet<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,118],"tags":[434,579,1047,1146],"class_list":["post-13167","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-113","tag-deradikalisierung","tag-extremismus","tag-paedagogik","tag-praevention"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13167","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13167"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13167\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13167"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13167"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13167"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}