{"id":13286,"date":"2015-06-13T17:35:46","date_gmt":"2015-06-13T17:35:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=13286"},"modified":"2015-06-13T17:35:46","modified_gmt":"2015-06-13T17:35:46","slug":"fanprojekte-und-polizei-herausforderungen-in-einem-spannungsgeladenen-umfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=13286","title":{"rendered":"Fanprojekte und Polizei:\u00a0Herausforderungen in spannungsgeladenem Umfeld"},"content":{"rendered":"<h3>von Michael Gabriel<\/h3>\n<p><strong>Anfang 2015 arbeiten Projekte an 54 Standorten in 60 Fanszenen mit jugendlichen Fu\u00dfballfans. Die im Schnitt etwa 2,5 Mitarbeiter\u00adInnen haben in erster Linie die Interessen der Jugendlichen im Blick und ihre Arbeit zielt darauf ab, die individuelle und gesellschaftliche Lebenssituation der Jugendlichen zu verbessern.<\/strong><\/p>\n<p>Die Fanprojekte arbeiten auf der gesetzlichen Grundlage des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (Sozialgesetzbuch (SGB) VIII) und den Vorgaben des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit (NKSS).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Sie verfolgen einen sozialp\u00e4dagogischen Ansatz, in dessen Zentrum der Aufbau von belastbaren Beziehungen zu den jugendlichen Fans steht, um diese in ihrer Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung zu unterst\u00fctzen. Grundlegend sind dabei die Prinzipien der Freiwilligkeit, der Vertraulichkeit, der Parteilichkeit sowie das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe. Gemeinsam mit den jugendlichen Fans sollen die positiven Aspekte der Fankultur gef\u00f6rdert werden, um Gewalt und Diskriminierungen, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus entgegenzuwirken.<!--more--><\/p>\n<p>Wegen dieses Selbstverst\u00e4ndnisses ist es wichtig, Fanprojekte bei an\u00aderkannten Tr\u00e4gern der Jugendhilfe anzusiedeln. Damit wird ihre inhaltliche und organisatorische Unabh\u00e4ngigkeit von den Vereinen, den Sicherheitsorganen, aber auch den Fanszenen gew\u00e4hrleistet. Dies ist eine strukturelle Voraussetzung, damit sie ihrer vom NKSS gew\u00fcnschten Funktion als Vermittlungsinstanz gerecht werden k\u00f6nnen. Fanprojekte haben einen gro\u00dfen gesellschaftlichen Nutzen, nicht nur weil sie Jugendliche konkret bei der Bew\u00e4ltigung ihrer individuellen Problemlagen unterst\u00fctzen k\u00f6nnen, sondern weil sie die Sorgen, Bed\u00fcrfnisse aber auch Beschwerden der Jugendlichen zu den Vereinen, Verb\u00e4nden, in die Politik und zur Polizei transportieren und dort f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Partizipationsm\u00f6glichkeiten werben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die MitarbeiterInnen der Projekte begleiten die Fans in der Regel bei den Ausw\u00e4rtsspielen, die oftmals mit stundenlangen Bus- oder Zugfahrten verbunden sind, wobei sie sich auf die spezifischen Bedingungen der Fankultur (laute Ges\u00e4nge, Alkohol, P\u00f6beleien etc.) einlassen m\u00fcssen. Denn diese Orte der Fankultur stellen die besten Gelegenheiten f\u00fcr die Beziehungsarbeit der Projekte dar. Unter den verdichteten Bedingungen kommt es zu intensiven Kontakten, die die Grundlage f\u00fcr den Aufbau von belastbaren Beziehungen bieten und Grundlage f\u00fcr sp\u00e4tere p\u00e4dagogische Interventionen sind. Gleichzeitig erarbeiten sich die Fanprojekte hier das Vertrauen, im Falle von Konflikten vermittelnd auftreten zu k\u00f6nnen. Um diese Vermittlungsposition nicht zu gef\u00e4hrden und weil die Beziehungsarbeit auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruht, m\u00fcssen die MitarbeiterInnen der Fanprojekte bez\u00fcglich ihrer Kontakte zur Polizei transparent in Richtung Fanszene sein.<\/p>\n<h4>Fankultur unter Druck<\/h4>\n<p>Das \u201eLebensgef\u00fchl Fankurve\u201c wird von zwei massiven, dem professionellen Zuschauersport Fu\u00dfball immanenten Kraftfeldern dominiert: Vermarktung und Sicherheit. Die Vereine und deren Dachverb\u00e4nde (Deutscher Fu\u00dfball-Bund, DFB und Deutsche Fu\u00dfball Liga, DFL) einigt das Interesse, das Spiel kommerziell erfolgreich zu vermarkten. Das lukrative Premiumprodukt Fu\u00dfball \u2013 so die Selbstdarstellung der DFL \u2013 l\u00e4sst sich nur gewinnbringend auf dem hart umk\u00e4mpften Markt der Unterhaltungsbranche platzieren, wenn es emotional positiv vermittelt werden kann. Eine stimmungsvolle Live-Atmosph\u00e4re ist deshalb erw\u00fcnscht, Gewalt und Randale stehen einem positiven Image entgegen. Daher sind die Erwartungen an Polizei und Sicherheitsdienste enorm hoch, f\u00fcr eine sichere Durchf\u00fchrung der Spiele zu sorgen. Das f\u00fchrt an jenen Orten, wo sich die jugendliche Fu\u00dfballfanszene versammelt \u2013 nicht nur rund um die Stadien, sondern beispielsweise auch an den Bahnh\u00f6fen, Treffpunkten oder in den Z\u00fcgen \u2013 zu einer st\u00e4ndigen, enorm hohen Polizeipr\u00e4senz. Die Fankultur sieht sich aus zwei unterschiedlichen Richtungen unter Druck, und es ist nicht erstaunlich, dass Fans auf die Frage, wodurch die Fankultur am st\u00e4rksten bedroht ist, Kommerzialisierung \u2013 z.B. fanunfreundliche Ansto\u00dfzeiten, Vermarktung der Stadionnamen \u2013 und Repression als die zentralen Faktoren benennen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Fanarbeit kommen erschwerend das gro\u00dfe Interesse der \u00d6ffentlichkeit und eine damit verbundene intensive Medienberichterstattung hinzu. Wenn zur besten TV-Sendezeit von Ultras als den \u201eTaliban der Fanszene\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> gesprochen wird und sich Innenminister regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber die angeblich stetig zunehmende Gewalt im Umfeld von Fu\u00dfballspielen \u00e4u\u00dfern, hat dies, wie Titus Simon schon 1999 anmerkte, unmittelbar Auswirkungen auf die Handlungsm\u00f6glichkeiten beider Seiten.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Die Art und Weise, wie Polizei und Innenpolitik \u00fcber Fans sprechen und welche Signale ausgesendet werden, hat Auswirkungen auf die Vorstellungen der \u00d6ffentlichkeit von \u201aden Fans\u2018, aber sie beeinflusst auch unmittelbar die Einstellungen von Fans zur Polizei. Beispielsweise besteht unter den Fanprojekten teilweise der Eindruck, Fu\u00dfballfans w\u00fcrden vor Gericht f\u00fcr dieselben Delikte h\u00e4rter bestraft als andere.<\/p>\n<h4>Spannungsfeld Fans \u2013 Polizei<\/h4>\n<p>Die Fanszene in Deutschland hat auf diese von ihr so empfundenen Bedrohungen durch lokale und bundesweite Organisierung reagiert. Neben einer Vielzahl von vereinsbezogenen Zusammenschl\u00fcssen gibt es mit \u201eBAFF\u201c, \u201eUnsere Kurve\u201c und \u201eProFans\u201c drei bundesweit agierende Organisationen, die sich \u00fcber alle Vereinsgrenzen hinweg f\u00fcr die vielf\u00e4ltigen Interessen der Fankultur einsetzen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Alle drei genie\u00dfen den Respekt der Institutionen und werden als Gespr\u00e4chspartner akzeptiert. Bei der gemeinsamen Anh\u00f6rung des Innen- und des Sportausschusses des Deutschen Bundestags im April 2014 war beispielsweise schon zum zweiten Mal ein Vertreter von \u201eUnsere Kurve\u201c als Experte geladen.<\/p>\n<p>Auch die Ultras, die seit geraumer Zeit der wohl aktivste Teil in den meisten Fankurven sind, zeichnet eine ausgepr\u00e4gte innere Organisation sowie eine dezidiert kritische Haltung zu den oben skizzierten Entwicklungen im Fu\u00dfball aus. Dementsprechend erwarten auch sie, als Gespr\u00e4chspartner ernst genommen zu werden. Ihre spezifische Vorstellung von Fankultur f\u00fchrt zu einer Reihe von Konflikten mit unterschiedlichen Institutionen. In Bezug auf Fragen der Sicherheit ist hier in erster Linie der nicht erlaubte Gebrauch von Pyrotechnik, insbesondere von sogenannten bengalischen Fackeln, zu nennen, der regelm\u00e4\u00dfig zu Auseinandersetzungen mit Ordnungsdiensten und Polizei f\u00fchrt. Hinzu kommt, dass f\u00fcr einige Ultragruppen Gewalt Teil von Fankultur ist. Angriffe auf andere Ultras bei der Anreise, in Bussen oder an Treffpunkten sowie das Stehlen ihrer Fanutensilien erscheint manchen Gruppen legitim.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis zwischen Fans und Polizei ist jedoch weit \u00fcber die Ultraszene hinaus als angespannt bis zerr\u00fcttet zu bezeichnen; f\u00fcr die Ultras trifft dieser Befund in einem besonderen Ma\u00dfe zu. Bei vielen Fans, die ihre Mannschaften regelm\u00e4\u00dfig ausw\u00e4rts begleiten und bei diesen Gelegenheiten meist den ganzen Tag eng mit Polizei konfrontiert sind, hat sich eine ablehnende Haltung zur Polizei verfestigt, die jeglichen Dialog ablehnt. Christian Bieberstein von der Fanorganisation \u201eUnsere Kurve\u201c (selbst kein Ultra) formulierte es auf dem zweiten bundesweiten Fankongress von \u201eProFans\u201c im Januar 2014 so: \u201eDas Verh\u00e4ltnis war noch nie so schlecht. Es gibt keine Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit bei den polizeilichen Ma\u00dfnahmen, keine Transparenz, keine Selbstkritik \u2026 Einen Dialog kann es nur geben, wenn es Vertrauen gibt. Ein Vertrauen gibt es nicht.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Der Befund der Fanszene lautet: Mitunter scheint der Polizei nicht bewusst, dass sie nicht kommunizieren, denn eine Polizeikette ist auch eine Ansage.<\/p>\n<p>Dieser Befund ist deprimierend; insbesondere da aufseiten der Polizei die Kr\u00e4fte zunehmen, die die Bedeutung von Kommunikation und Dialog mit Fu\u00dfballfans erkannt haben. 2012 wurde das NKSS \u00fcberarbeitet.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Festgeschrieben wurde dabei auch eine polizeiliche Einsatzorientierung, die auf Transparenz, Verl\u00e4sslichkeit, Kommunikation, Differenzierung und Konsequenz beruhen soll. Damit soll der seit Langem von Fans ge\u00e4u\u00dferten Kritik begegnet werden, bei Ausw\u00e4rtsspielen durch mehrere Bundesl\u00e4nder oftmals mit unterschiedlichen, sich teilweise widersprechenden Polizeistrategien konfrontiert zu sein. Dies zu \u00e4ndern, stellt angesichts der Zust\u00e4ndigkeit von 16 Innenministern f\u00fcr ihre jeweilige Landespolizei wohl eine Mammutaufgabe dar. So sind die Signale in die Fanszenen, die mit Polizeitaktiken verbunden sind, oft widerspr\u00fcchlich.<\/p>\n<p>In Nordrhein-Westfalen (NRW) \u00e4nderte die Polizei beispielsweise zu Beginn der aktuellen Saison ihre Einsatzstrategie und setzte bei \u201eNicht-Risikospielen\u201c gezielt \u2013 und erfolgreich \u2013 weniger BeamtInnen ein,<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> begleitet von einem entsprechenden Echo in den Medien. Ein paar Monate sp\u00e4ter wurde \u2013 einer Vorgabe der Innenministerkonferenz folgend \u2013 ein neues Konzept vorgestellt, das, so Innenminister Ralf J\u00e4ger, \u201edie Intensivt\u00e4ter von Fu\u00dfballkrawallen in Manndeckung\u201c nehmen soll.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Vorher war durch eine Anfrage im Landtag bekannt geworden, dass die Polizei in NRW bereits verdeckte ErmittlerInnen in der Fanszene einsetzt.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Hinzu kommt ein verst\u00e4rkter Gebrauch von Gef\u00e4hrderansprachen, Meldeauflagen und Betretungsverboten gegen\u00fcber oftmals zentralen Personen aus den Fanszenen.<\/p>\n<h4>Fanprojekte und Polizei<\/h4>\n<p>Projekte und Polizei haben sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die Fans. Beide gehen von einem sich deutlich unterscheidenden Begriff der Pr\u00e4vention aus. W\u00e4hrend f\u00fcr die p\u00e4dagogische Fanarbeit die Potenziale der Fankultur handlungsleitend sind, ist die Polizei an ihre gesetzlichen Auftr\u00e4ge zur Gefahrenabwehr und zur Strafverfolgung gebunden und hat somit in erster Linie die Risiken der Fankultur im Blick. Diese unterschiedlichen Sicht- und Herangehensweisen sto\u00dfen immer aufeinander, wenn Polizei und Sozialarbeit sich begegnen.<\/p>\n<p>Jedoch gibt es wohl kaum ein T\u00e4tigkeitsfeld in der Sozialen Arbeit, in dem die Kontakte zwischen SozialarbeiterInnen und Polizei derart h\u00e4ufig und regelm\u00e4\u00dfig unter stark ritualisierten Spannungen stattfinden wie im Umfeld von Fu\u00dfballspielen. Woche f\u00fcr Woche bewegen sich Zigtausende Fu\u00dfballfans, unter ihnen viele Jugendliche, durch die Republik, um ihre Mannschaft in den Fu\u00dfballstadien zu unterst\u00fctzen; Woche f\u00fcr Woche werden sie auf ihren Wegen von der Polizei begleitet. Regelm\u00e4\u00dfig stehen sich beide Gruppen gegen\u00fcber \u2013 auf der einen Seite die Fans auf der Suche nach gemeinschaftlich erlebter Entgrenzung aus dem Alltag, auf der anderen Seite die Polizei mit ihrem Auftrag, Ruhe und Ordnung im \u00f6ffentlichen Raum zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Angesichts der verh\u00e4rteten Fronten zwischen Fans und Polizei steigt die Bedeutung der Fanprojekte (und der Fanbeauftragten der Vereine) als vermittelnde Instanzen. Dabei spielt die Arbeit in Netzwerken eine herausragende Rolle. Konzeptionell ist jedes Fanprojekt verpflichtet, einen eigenen Beirat einzurichten, der die Arbeit begleitet. Eine Teilnahme der Polizei ist hierbei obligatorisch. Gleichzeitig ist eine engere Vernetzung und Kommunikation mit den Sicherheitsorganen n\u00f6tig. Fanprojekte nehmen h\u00e4ufiger an den Sicherheitsbesprechungen vor den Spielen teil. Am Spieltag gibt es an allen Fu\u00dfballstandorten kurz vor Spielbeginn \u201eKurvengespr\u00e4che\u201c, bei denen sich alle Beteiligten noch einmal kurzfristig austauschen. Teilweise sind auch Fans mit von der Partie. An einigen wenigen Standorten finden auch turnusm\u00e4\u00dfige Auswertungsgespr\u00e4che statt, meistens zwischen den szenekundigen BeamtInnen der Polizei und den MitarbeiterInnen der Fanprojekte.<\/p>\n<p>Mit dieser Dynamisierung des Arbeitsfeldes r\u00fcckt f\u00fcr die Fanprojekte und die Polizei die Notwendigkeit in den Blick, eine konstruktive Ebene des Austauschs und des Dialogs zu finden. In einer Untersuchung von 2006 wurde festgestellt, dass strukturierte Beschreibungen, Analysen und Handlungsleitlinien, die zu einer Umsetzung in der allt\u00e4glichen Zusammenarbeit taugten, fehlten. In der direkten Beziehung herrschten Verunsicherungen, Abgrenzungen und negative Zuschreibungen vor. Voraussetzung f\u00fcr einen konstruktiven gemeinsamen Umgang, so die Autoren, stelle die Kenntnis des jeweiligen Arbeitsauftrages mit seinen fachlichen Implikationen dar.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>An diese Untersuchung anschlie\u00dfend erarbeitete die Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS) gemeinsam mit den Fanprojekten eine Handlungsstrategie zur Gestaltung des Dialogs mit der Polizei. Darin wird als Zielvorstellung formuliert, eine gr\u00f6\u00dfere Rollenklarheit im Spannungsfeld von N\u00e4he und Abgrenzung herzustellen, den Aufbau von professionellen und belastbaren Beziehungen zu entwickeln, eine funktionierende Kommunikation sicherzustellen und die F\u00e4higkeit zu f\u00f6rdern, konstruktive Kritik zu \u00e4u\u00dfern und anzunehmen.<\/p>\n<p>Der Text richtet sich an die Verantwortlichen und MitarbeiterInnen in Fanprojekten und soll ihnen Orientierung geben und helfen, die eigene Rolle auch in Abgrenzung zur Polizei zu reflektieren. Mit dieser Initiative war und ist die Hoffnung verbunden, dass sich auch die Polizei an der Auseinandersetzung beteiligt, wie der Dialog gestaltet werden soll. Aufgrund der allt\u00e4glichen Erfahrungen stellt das Papier jedoch fest:<\/p>\n<p>\u201eZudem scheint die Bereitschaft der einzelnen Polizeien, mit Fans offen zu kommunizieren oder ihre Ma\u00dfnahmen nachvollziehbar zu erkl\u00e4ren oder gar abzusprechen, noch nicht allzu oft vorhanden zu sein. Dies steht ganz im Gegensatz zu so mancher polizeilicher Verlautbarung, die Kommunikation und Dialog in den Vordergrund stellen. Weiterhin wird vielfach auf die im Fu\u00dfball eher antiquierte \u201aManndeckung\u2018 von Fans gesetzt. Man ist offensichtlich nicht bereit, die zum Beispiel bei der WM 2006 praktizierte \u201aRaumdeckung\u2018 zu \u00fcbernehmen: Statt Pr\u00e4senz im Hintergrund gibt es dann den sogenannten Wanderkessel, sprich die enge und erzwungene Polizeibegleitung. Statt auf Absprachen mit den Fans zu setzen, gibt es allenfalls eine Lautsprecheransage, der Dialog wird hier offenbar mit dem Verk\u00fcnden von Regeln verwechselt. Statt sich gemeinsam auf Spiele vorzubereiten und zumindest im Ansatz Verantwortung zu teilen, werden von den Fanprojekten einseitig Informationen gesammelt oder gar eingefordert. Die Bereitschaft von Einsatzleitungen, sich auf offenere Sicherheitskonzepte (z.B. Einbeziehung von Fans, Konzept der \u201elangen Leine\u201c) einzulassen, ist noch die Ausnahme.\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>In der letzten Zeit verst\u00e4rkt sich im Netzwerk der Fanprojekte der Eindruck, dass im Nachgang von Konflikten der Sicherheitsorgane mit Fans und den folgenden polizeilichen Ermittlungen immer h\u00e4ufiger MitarbeiterInnen der Fanprojekte von der Polizei unter Druck gesetzt werden und als ZeugInnen vorgeladen werden. Dieses Vorgehen, auch wenn es nicht fl\u00e4chendeckend stattfindet, f\u00fchrt zu massiver Verunsicherung bei den Projekten und stellt eine schwere Belastung f\u00fcr die gemeinsame Arbeitsebene dar. Und es lenkt den Blick auf eine zentrale rechtliche Schwachstelle f\u00fcr SozialarbeiterInnen, die mit \u201eauff\u00e4lligen Jugendlichen\u201c arbeiten. Denn die Schweigepflicht nach \u00a7 203 Strafgesetzbuch und der den Jugendlichen zu gew\u00e4hrende Vertrauensschutz nach \u00a7 65 SGB VIII werden durch das fehlende Zeugnisverweigerungsrecht f\u00fcr ProjektmitarbeiterInnen erheblich aufgeweicht; dies erschwert die Fanarbeit in einem fachlich nicht zu tolerierendem Ausma\u00df.<\/p>\n<h4>Alternative Konzepte<\/h4>\n<p>Bundesweit gibt es kein einheitliches Bild. Neben den eben skizzierten eher negativen Entwicklungen bestehen auch positive Ans\u00e4tze. Das Innenministerium in Niedersachsen hat die Initiative der KOS und der Fanprojekte, Handlungsorientierungen f\u00fcr die eigene Berufsgruppe zu entwickeln, aufgenommen und eigene Projekte gestartet. So brachte der Sozialwissenschaftliche Dienst der Polizei eine Untersuchung auf den Weg, die \u2013 basierend auf aktuellen sozialpsychologischen Forschungsergebnissen im Kontext des Umgangs mit gro\u00dfen Menschenmengen \u2013, unter allen Beteiligten rund um die Organisation von Fu\u00dfballspielen nach gewaltf\u00f6rdernden und gewaltreduzierenden Faktoren sucht.<\/p>\n<p>Die Polizei Niedersachsen genie\u00dft in diesem Kontext eine erwartungsvolle Aufmerksamkeit aus den Reihen der Fanprojekte, hat doch die Polizeidirektion Hannover auf Grundlage einer Analyse der legitimen Interessen der Fans schon 2007 eine wegweisende Einsatzstrategie entwickelt, die auf intensivere Kommunikation, eine zur\u00fcckhaltend agierende Polizei vor Ort und dem Einsatz von ausgebildeten sogenannten KonfliktmanagerInnen beruht und den Fans sogar R\u00fcckmeldem\u00f6glichkeiten mittels Online-Formular nach dem Einsatz einr\u00e4umte.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Dieses \u201eHannover-Konzept\u201c, das nicht auf die \u00fcbliche, in der Regel durch die Polizei strikt durchgesetzte Fantrennung setzte, f\u00fchrte sofort zu einer deutlich entspannteren Gesamtatmosph\u00e4re rund um einen Spieltag, zu weniger Vorf\u00e4llen und setzte die Einsatzleitung in die Lage, die Zahl der eingesetzten BeamtInnen zu reduzieren, was im Lichte der aufgeregten Diskussion um die Bezahlung der Polizei beim Fu\u00dfball ein h\u00f6chst interessanter, aber bisher wenig beachteter Aspekt ist.<\/p>\n<p>Willkommener Nebeneffekt aus Sicht der p\u00e4dagogischen Fanprojekte ist, dass den Fans mehr Eigenverantwortung und deutlich mehr Gestaltungsspielraum zugestanden wird, aufkommende Konflikte selbst zu regeln. Auch die Polizeien in Osnabr\u00fcck sowie in Magdeburg und Halle setzen auf den Einsatz von KonfliktmanagerInnen, in Wolfsburg wird aktuell wohl an einem eigenen standortspezifischen Konzept gearbeitet. In Sachsen-Anhalt gibt es zus\u00e4tzlich regelm\u00e4\u00dfige \u201eRunde Tische\u201c des Innenministeriums, zu denen auch die Fanprojekte eingeladen werden, die die M\u00f6glichkeit der gemeinsamen kritischen Reflexion bieten. Interessant sind auch die positiven Erfahrungen aus Chemnitz, wo es dem Fanprojekt gelungen ist, einen themenspezifischen Gespr\u00e4chskreis mit Fans und PolizeivertreterInnen zu installieren. Zu brisanten Spielen werden sogar Fans der Gastvereine eingebunden, die ihre Vorstellungen f\u00fcr einen gelingenden Ablauf einbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Fazit<\/h4>\n<p>Angesichts des weiterhin sehr angespannten Verh\u00e4ltnisses zwischen Fans und Polizei kommt dem Vermittlungsauftrag der Fanprojekte eine gro\u00dfe Bedeutung zu. Damit steigen auch die Anforderungen an die Kommunikation zwischen Fanprojekten und Polizei. Diese kann produktiv nur gelingen, wenn der jeweilige Arbeitsauftrag mit seinen spezifischen rechtlichen und fachlichen Implikationen bekannt und anerkannt ist. Es ist daher nicht zielf\u00fchrend, wenn in einer vereinnahmenden Geste von gemeinsamen Zielen gesprochen wird \u2013 denn so werden die f\u00fcr eine vertrauensvolle und konstruktive Kommunikation zwischen Polizei und Sozialarbeit dringend ben\u00f6tigten Klarheiten und Abgrenzungen der jeweiligen Arbeitsauftr\u00e4ge verwischt.<\/p>\n<p>Eine gelingende Kommunikation zwischen Fans und\/oder Fanprojekten und der Polizei setzt eines unabdingbar voraus: Die Bereitschaft der Polizei, ihre Handlungen und Einsatzkonzepte zur Diskussion zu stellen. Ein \u201aDialog\u2018, wie er in Deutschland leider noch viel zu h\u00e4ufig stattfindet, in dem von der Polizei nur die von ihr aufgestellten Rahmenbedingungen vermittelt werden, f\u00fchrt in die Sackgasse. Es w\u00e4re sicher lohnend, dar\u00fcber nachzudenken, wie ein Dialog der polizeilichen und der sozialpr\u00e4ventiven Perspektive organisiert und installiert werden kann, innerhalb dessen die Wirksamkeit von Sicherheitskonzepten losgel\u00f6st von Tagesanforderungen diskutiert werden k\u00f6nnte. Ein solcher Austausch existiert bisher nicht.<\/p>\n<p>Dennoch ist zu konstatieren, dass die Bereitschaft auf Seiten der Polizei nach kommunikativen Wegen im Umgang mit Fankultur nachzudenken, gestiegen ist. Wenn diese Tendenz sich verfestigen sollte, dann w\u00e4re das aus unserer Perspektive ein gesellschaftspolitisch gutes Signal, denn eine selbstbewusste Polizei, die ihr Handeln kritisch zur Diskussion stellt, er\u00f6ffnet neue R\u00e4ume nicht nur im Umgang mit Fu\u00dfballfans.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0 Nationaler Ausschuss Sport und Sicherheit: Nationales Konzept Sport und Sicherheit. Fortschreibung 2012, www.kos-fanprojekte.de\/fileadmin\/user_upload\/material\/soziale-arbeit\/Richtlinien-und-Regeln\/nkss_konzept2012.pdf<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0 So die Moderatorin in der ARD-Sendung \u201eMenschen bei Maischberger\u201c am 22.5.2012<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0 Simon, T.: Sozialarbeit und Polizei, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 62 (2\/1999), S. 39-48 (42)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 www.aktive-fans.de (BAFF); www.unsere-kurve.de; www.profans.de<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0 zit. n. Tagesspiegel v. 19.1.2014, www.tagesspiegel.de\/sport\/fankongress-in-berlin-fans-und-polizei-haben-sich-nicht-viel-zu-sagen\/9352862.html<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0 Nationaler Ausschuss Sport und Sicherheit a.a.O. (Fn. 1)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0 Innenministerium NRW: Pressemitteilung v. 4.8.2014, www.mik.nrw.de\/presse-mediathek\/aktuelle-meldungen\/aktuelles-im-detail\/news\/nrw-polizei-sorgt-fuer-sicher\u00adheit-beim-fussball-innenminister-ralf-jaeger-wir-wollen-den-kraefte.html<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0 Spiegel online v. 4.2.2015, www.spiegel.de\/sport\/fussball\/gewalttaetige-fussballfans-in-nordrhein-westfalen-zentral-erfasst-a-1016683.html<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0 Landtag NRW Drs. 1768 v. 3.1.2013<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Klose, A.; Steffan, W.: Soziale Arbeit und Polizei im europ\u00e4ischen Kontext der Fanbetreuung, in: Pilz, G.A. u.a.: Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifu\u00dfball, Schorndorf 2006, S. 239-317<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Koordinierungsstelle Fanprojekte: \u201eAuf Augenh\u00f6he \u2026?\u201c Gespr\u00e4chsgrundlagen und Handlungsstrategien zur Gestaltung des Dialogs zwischen Fanprojekten und Polizei, Frankfurt 2012, www.kos-fanprojekte.de\/fileadmin\/user_upload\/material\/spannungsfel der\/Polizei\/KOS-leitlinien-fppo-201205screen.pdf<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> s. Pilz, G.A.: Gewalt und Gegengewalt. Zur Notwendigkeit von Dialog und Kooperation zwischen Polizei, Fanprojekten und Fans, in: M\u00f6ller, K. (Hg.): Dasselbe in gr\u00fcn?, Weinheim und M\u00fcnchen 2010, S. 56-63<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Michael Gabriel Anfang 2015 arbeiten Projekte an 54 Standorten in 60 Fanszenen mit jugendlichen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,113],"tags":[587,643,982,1094,1456],"class_list":["post-13286","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-108","tag-fankultur","tag-fussball","tag-nationales-konzept-sport-und-sicherheit","tag-polizei","tag-ultras"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13286","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13286"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13286\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13286"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13286"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13286"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}