{"id":13997,"date":"2018-05-15T20:20:07","date_gmt":"2018-05-15T20:20:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=13997"},"modified":"2018-05-15T20:20:07","modified_gmt":"2018-05-15T20:20:07","slug":"literatur-58","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=13997","title":{"rendered":"Literatur"},"content":{"rendered":"<h4>Zum Schwerpunkt<\/h4>\n<p>Vor mehr als zwei Jahrzehnten widmeten wir uns im Schwerpunkt dem Thema \u201ePolizei und Stadt\u201c (B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 51, H. 2\/1995). In seinem einleitenden Beitrag zitierte Wolf-Dieter Narr ausf\u00fchrlich aus den \u2013 auch heue noch lesenswerten \u2013 \u201eAusgrabungen der Zukunft in Los Angeles\u201c von Mike Davis (\u201eCity of Quartz\u201c, 1992). Dort hei\u00dft es: \u201e\u2026 man kann beobachten, wie beispiellos St\u00e4dteplanung, Architektur und Polizei in einer umfassenden Sicherheitsanstrengung verbunden werden\u201c. Diese Aussage gilt heute f\u00fcr alle entwickelten Weltregionen, nur dass sie erg\u00e4nzt werden m\u00fcsste, durch den gewaltigen Schub an planenden und \u00fcberwachenden Optionen, die die Digitalisierung mit sich gebracht hat. Sie liefert das technische Handwerkszeug mit dem die Versicherheitlichung des (st\u00e4dtischen) \u00f6ffentlichen Raumes bewerkstelligt wird und werden soll. Im Folgenden nur einige kurze Hinweise auf ausgew\u00e4hlte Ver\u00f6ffentlichungen der letzten Jahre.<!--more--><\/p>\n<p><strong>H\u00e4fele, Joachim; Sack, Fritz; Eick, Volker; Hillen, Hergen (Hg): <\/strong><em>Sicherheit und Kriminalpr\u00e4vention in urbanen R\u00e4umen. Aktuelle Tendenzen und Entwicklungen, Wiesbaden (Springer VS) 2017<\/em><\/p>\n<p>Zwischen der Einf\u00fchrung von Joachim H\u00e4fele und den abschlie\u00dfenden \u00dcberlegungen von Fritz Sack versammelt dieser Band zw\u00f6lf Aufs\u00e4tze, die sich mit unterschiedlichen Aspekten des im Titel genannten Themas besch\u00e4ftigen. Gemeinsam ist den Beitr\u00e4gen des Bandes, dass man sie \u00fcber weite Strecken als Kommentierung jener Entwicklungen verstehen kann, die vorgeben auf \u201eurbane Disorder\u201c zu reagieren. Dementsprechend spielt die \u201eBroken windows\u201c-Behauptung (urspr\u00fcnglich 1982 formuliert, in Deutschland seit den 1990er positiv rezipiert) eine zentrale Rolle. Die Kritik an einer Sicherheitsstrategie, die in der Bek\u00e4mpfung von \u201eUnordnung\u201c den entscheidenden Hebel zur Bek\u00e4mpfung von Kriminalit\u00e4t sieht, wird in den Beitr\u00e4gen auf verschiedenen Ebenen betrieben: auf der ideologischen in dem Beitrag von Bernd Belina (Bek\u00e4mpfung der Armen) auf der eher instrumentellen durch Andrew Wallace\u2018 Ausf\u00fchrungen zum b\u00fcrgerlichen Kampf gegen \u201easoziales Verhalten\u201c oder auf der institutionellen Ebene in der Landnahme privater Sicherheitsdienstleister (Kendra Briken und Volker Eick) oder das polizeiliche \u201eEngagement\u201c in Schulen. (Volker Eick)<\/p>\n<p><strong>Bauriedl, Sybille; Str\u00fcver, Anke:<\/strong> <em>Smarte St\u00e4dte. Digitalisierte urbane Infrastrukturen und ihre Subjekte als Themenfeld kritischer Stadtforschung, in: sub\\urban 2017, H. 1\/2, S. 87-104 (<a href=\"http:\/\/www.zeitschrift-suburban.de\">www.zeitschrift-suburban.de<\/a>)<\/em><\/p>\n<p>Was im Sammelband von H\u00e4fele u.a. fehlt, wird in gewisser Weise hier geliefert: Die Bedeutung der technischen Infrastruktur wird f\u00fcr die modere Stadt erheblich wachsen. Der Aufsatz stellt die Zukunft und Gegenwart der \u201esmart cities\u201c auf drei Ebenen dar: Zun\u00e4chst wird die \u201eRhetorik und Materialit\u00e4t digitalisierter Infrastrukturen\u201c charakterisiert. Insbesondere der unmittelbare Zusammenhang mit dem Umweltdiskurs wird nachgezeichnet. Der zweite Zugang betrachtet die unternehmerische Stadt: Die Digitalisierung ist ein Instrument des Stadtmanagements; sie verspricht effektive und kosteng\u00fcnstige L\u00f6sungen, die von privaten IT-Anbietern offeriert werden. Auf der dritten Ebene werden schlie\u00dflich die Individuen als Objekte und Subjekte von Digitalisierung thematisiert. In den \u201ePerspektiven\u201c diskutieren die Autorinnen Risiken und Chancen der st\u00e4dtischer Digitalisierungsprozesse, ohne dass spezifische Risiken genauer benannt w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong><em>Kr\u00fcger, Daniela; Voss, Martin; Seidelsohn, Kristina<\/em><\/strong>:<em> Fragmentierte Sicherheit \u2013 Zur Produktion und Reproduktion von (Un-)Sicherheitsr\u00e4umen in St\u00e4dten, in: Soziale Probleme 2017, H. 2, S. 285-299<\/em><\/p>\n<p>Dargestellt wird eine Untersuchung in Stuttgart und Wuppertal, in der \u00fcber Befragungen Licht in die st\u00e4dtischen \u201efragmentierten Sicherheitsr\u00e4ume\u201c gebracht werden sollte. Befragt wurden 23 lokale SicherheitsexpertInnen (Feuerwehr, Polizei, Stadtverwaltung) und 20 \u201emarginalisierte B\u00fcrgerInnen\u201c. Die lokale \u201eSicherheitsarbeit\u201c, so die Antwort, ist von \u201eStatistik und Imaginationen gepr\u00e4gt\u201c, also von b\u00fcrokratisch erzeugtem Wissen und von den Bildern, die auf deren Grundlage entworfen werden. Eine solche Strategie f\u00fchre nicht zu mehr Sicherheit, sondern ziele auf \u201edie Regulierung von (Un-)Sicherheitsr\u00e4umen.<\/p>\n<p><strong>Tuchscherer, Lisa:<\/strong> <em>Stadtpolizei statt Polizei, Berlin (Duncker &amp; Humblot) 2017<\/em><\/p>\n<p>Diese aus dem Jahr 2006 stammende juristische Dissertation untersucht die Renaissance st\u00e4dtischer Polizeien am Beispiel Frankurt\/Main. Neben einigen bedenkenswerten Befunden (etwa, dass B\u00fcrgerInnen die verschiedenen Polizeien und deren Zust\u00e4ndigkeiten und Befugnisse nicht auseinanderhalten k\u00f6nnen) und einigen fraglichen Behauptungen (etwa, dass mehr Pr\u00e4senz von Uniformierten das Sicherheitsgef\u00fchl verbessere) entt\u00e4uschen die rechtspolitischen Schlussfolgerungen der Autorin: Um Rechtsstaatlichkeit zu gew\u00e4hrleisten, seien die st\u00e4dtischen Polizeien zu professionalisieren (insbesondere durch die Verbesserung der Ausbildung), ihre Zust\u00e4ndigkeiten seien auf pr\u00e4ventive Aufgaben zu begrenzen, w\u00e4hrend alle \u201egrundrechtssensiblen\u201c Bereiche der Landespolizei \u00fcberlassen bleiben m\u00fcsse (S. 168). Dass die \u201e\u00dcberwachung der Einhaltung von Verhaltensregeln\u201c \u2013 beispielhaft genannt werden: Kontrollen in Parks und Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen \u2013 nichts grundrechtssensibel sein sollen, ist f\u00fcr eine juristische Doktorarbeit ein gewagte These. Im Hinblick auf die Wirklichkeit in den Innenst\u00e4dten verharmlost sie die soziale Ausgrenzung unter der Fahne von Sicherheit und Ordnung.<\/p>\n<p><strong>Abt, Jan; Hempel, Leon; Heckel, Dietrich; P\u00e4tzold, Ricarda; Wendorf, Gabriele (Hg.):<\/strong> <em>Dynamische Arrangements st\u00e4dtischer Sicherheit. Akteure, Kulturen, Bilder, Wiesbaden (Springer VS) 2014<\/em><\/p>\n<p>Der Band dokumentiert die Beitr\u00e4ge einer Tagung des von der Bundesregierung gef\u00f6rderten Forschungsprojekts \u201eDynamische Arrangements st\u00e4dtischer Sicherheitskultur\u201c. Im umfassenderen ersten Teil werden verschiedene Zug\u00e4nge zum Feld lokaler Sicherheitsproduktion \u2013 in der Regel anhand von Fallstudien entwickelt \u2013 vorgestellt. In ihrem Aufsatz \u201eDas Ende von Institutionen als Strukturierungsansatz?\u201c unternehmen Jan Abt und Renate Lieb den Versuch eine Systematisierung des kommunalen Akteursfeld. Durch die Charakterisierung von neun \u201eFunktionstypen\u201c sollen die lokalen Verh\u00e4ltnisse beschrieben und verstehbar gemacht werden. Die Ergebnisse einer solchen Systematisierung sind wenig \u00fcberraschend: Dass die Konflikte innerhalb eines Typus geringer sind als zwischen verschiedenen Typen, dass Konflikte h\u00e4ufig aus Unkenntnis des Gegen\u00fcbers resultieren, dass Akteure, die auf Vernetzung setzen, zunehmend wichtiger werden etc. Auch die Zuordnung der Akteure zu bestimmten Funktionen ist wenig erhellend, meist sogar tautologisch. Ein Blick \u00fcber den Tellerrand, auf die lokale politische \u00d6konomie und auf die Interessen, die sich mit \u201eSicherheit\u201c verbinden, h\u00e4tte weiterhelfen k\u00f6nnen. (alle: Norbert P\u00fctter)<\/p>\n<h4>Sonstige Neuerscheinungen<\/h4>\n<p><strong>Beek, Jan; G\u00f6pfert, Mirco; Owen, Olly; Steinberg, Jonny (eds.)<\/strong>: <em>Police in Africa. <\/em><em>The Street Level View, London (Hurst &amp; Company) 2017, 372 S., 34,00 <\/em><em>EUR<\/em><\/p>\n<p><strong>Math<\/strong>\u00e9<strong>y, Kosta; Matuk, Silvia (eds.)<\/strong>: <em>Community-Based Urban Violence Prevention. Innovative Approaches in Africa, Latin America, Asia and the Arab Region, Bielefeld (transcript) 2014, 306 S., 39,99 <\/em><em>EUR<\/em><\/p>\n<p>Postkoloniale Polizeiarbeit in ehemaligen Kolonien Afrikas steht im Mittelpunkt des in 15 Einzelkapiteln vorgelegten Sammelbands von Jan Beek und Kollegen, der Fragen nach Korruption und Corpsgeist, M\u00e4nnlichkeit und Militarismus, nach Recht und Ritual aus ethnographischer Perspektive im gegenw\u00e4rtigen westlichen und in S\u00fcdafrika unter drei Fragestellungen bearbeitet: Was ist die Polizei im gegenw\u00e4rtigen Afrika? Wer ist die Polizei in Afrika? Wie arbeitet diese Polizei? Die Fallstudien umfassen die DR Kongo, Ghana, Mosambik, Niger, Nigeria (mit drei Beitr\u00e4gen), Sierra Leone, S\u00fcdafrika (vier Beitr\u00e4ge) und Togo.<\/p>\n<p>Kurz gefasst, es werden u.a. folgende Fragen ventiliert: Wurde Polizeiarbeit <em>von<\/em> Europa <em>nach<\/em> Afrika exportiert (S. 19ff) oder wurden Polizeikonzepte <em>von<\/em> Afrika <em>nach<\/em> Europa, insbesondere nach Gro\u00dfbritannien im fr\u00fchen 19. Jahrhundert, transferiert (S. 103ff.). Die Existenz staatlicher Polizeien parallel und keineswegs in Konkurrenz zu \u201aB\u00fcrgerwehren\u2019 sorgt(e) f\u00fcr das, was jeweils f\u00fcr Ordnung gehalten wird: \u201eDas Bestehen solcher Gruppen ist nicht notwendigerweise Ausdruck eines schwachen Staats\u201c (S. 98), sondern eher Ausdruck geteilter Wissensbest\u00e4nde von Dominanten und Dominierten \u2013 nicht nur zum Nachteil Letztgenannter (S. 79ff.). Die in den Fallstudien untersuchten afrikanischen Polizeieinheiten arbeiten regelm\u00e4\u00dfig auf Grundlage sozialer Vorstellungswelten und nicht nach jeweils durchaus bestehender <em>Rechtslage<\/em> (S. 249ff.). Ein Instrument ist die Haftzelle \u2013 \u201emeist als Drohung benutzt, aber regelm\u00e4\u00dfig auch als gewaltt\u00e4tiges Element bei informellen L\u00f6sungen\u201c (S. 219). Mit diesem Sammelband haben die herausgebenden M\u00e4nner Teile der afrikanischen Polizei auf eine lesenswerte Art einem (europ\u00e4ischen) Lesepublikum nahegebracht und durchaus f\u00fcr den hiesigen Gebrauch <em>heimgeholt<\/em>.<\/p>\n<p>Math\u00e9y und Matuk w\u00e4hlen f\u00fcr ihren Sammelband einen sich (weitgehend) als Selbsthilfe verortenden Ansatz zu der Frage, wie \u2013 jenseits von den USA und Europa, wo dies beharrlich nicht gelingt \u2013 urbane Gewaltpr\u00e4vention funktioniert. Aus sozialwissenschaftlich-kritischer Pers\u00adpektive <em>passiert<\/em> dabei beides: sehr wenig und sehr viel. Sehr wenig mit Blick auf die theoretische Durchdringung der Herausforderung \u201eurbaner Gewalt\u201c (Ausnahme der Beitrag von al-Nammari zu pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlingscamps in Jordanien, S. 234ff.) und noch weniger in Perspektive auf \u201ekommunale Kriminalpr\u00e4vention\u201c, die mit herrschender Lehre lediglich nacherz\u00e4hlt wird (S. 24ff.) und sich f\u00fcr die nachfolgenden Kapitel als weitgehend irrelevant erweist, weil ihr eine kritisch reflektierte Perspektive fehlt. Sehr viel geschieht in den umfangreich illustrierten 15 Fallbeispiel-Kapiteln, die uns u.a. \u201e<em>lessons learnt<\/em>\u201c (9 Kapitel) und \u201e<em>alternative approaches<\/em>\u201c vorstellen (3 Kap.): Die Lektionen reichen von der Selbstbewaffnung in B\u00fcrgerwehren sowohl in Armuts- und Reichenquartieren Kameruns gegen Raub und Diebstahl (S. 78ff.), umfassen Konflikt(auf)l\u00f6sungen durch muslimisch bestimmte Traditionalismen und durch \u201e<em>pocket jurisdiction<\/em>\u201c (Polizeikorruption und -selbstbe\u00adreicherung) in Guinea-Bissau (S. 98ff.) und enden noch nicht mit dem Absingen der <em>Internationale<\/em> und von Liedern der Mao-\u00c4ra gegen (gewaltt\u00e4tige) Wohnungsr\u00e4umungen in China (S. 118ff.). Sie schlie\u00dfen n\u00e4mlich, als alternative Ans\u00e4tze, auch explizit religi\u00f6se Konfliktl\u00f6sungen ein, die \u2013 wie in Mumbai im Kontext der anti-muslimischen Riots von 1992\/93 \u2013 nachfolgend der nicht-t\u00f6dlichen Koexistenz von Muslimen und Hindus unter dem Motto \u201e<em>no secular people<\/em>\u201c dienten (S. 268ff.): Ein Mosaik, f\u00fcr das gerade angesichts der Vielschichtigkeit der Problemlagen \u2013 weit jenseits der hier behaupteten Gestalt von Stadt, Gewalt und Pr\u00e4vention \u2013 ein (selbst)kritisch-zusammenfassendes Abschlusskapitel der Herausgebenden angezeigt gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Vitale, Alex S.<\/strong>: <em>The End of Policing. London\/New York (Verso) 2017, 266 S., 15,33 <\/em><em>\u20ac<\/em><em> (inkl. E-Book)<\/em><\/p>\n<p>Der am Brooklyn College (New York) lehrende Soziologe hat mit dieser Monographie, die Verso zu Weihnachten zwischenzeitlich zum halben Preis vertrieb, einen auf den liberal-demokratischen US-amerikanischen Massenmarkt zugeschnittenen Band vorgelegt, dessen Titel vermutlich dem Absatz dienen, aber in keinem der zehn Kapitel entwickelt wird. Beginnend mit einer historisierenden Darlegung, dass und wie die (US-amerikanische) Polizei explizit dazu geschaffen wurde, den jeweiligen kapitalistischen Status quo f\u00fcr die wei\u00dfen Eliten zu erhalten, wird mit den Fallbeispielen der rassistischen Polizeigewalt und der polizeilichen Bearbeitung von psychischen Erkrankungen, Wohnungslosigkeit, freiwilliger Sexarbeit, (illegalisiertem) Drogenkonsum, Stra\u00dfengangs, Grenzschutz und politischem Protest die These vertreten, es handele sich weitgehend (wenn nicht durchweg) um sozialpolitische und -\u00f6kono\u00admische Herausforderungen, die auch sozialpolitisch und -\u00f6konomisch zu verhandeln und entkriminalisierend zu bearbeiten seien. Weitgehend ausgehend vom beginnenden 20. Jahrhundert werden jedem Kapitel die zeitlich nachfolgenden staatlichen und sogenannten zivilgesellschaftlichen Reformbestrebungen zugeordnet, kritisch gew\u00fcrdigt und, jenseits der Polizei, mit Alternativvorschl\u00e4gen zu deren Bearbeitung eher fortgeschrieben als kontrastiert. Umzusetzen sei \u2013 wie, dazu schweigt Vitale beharrlich \u2013 zuv\u00f6rderst die Entkriminalisierung von Armut, Krankheit und Konsum, sodann: eine bessere Schulbildung, die Schaffung lokaler Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten, sinnvolle Berufsausbildung und vor allem Jobs, die deutlich \u00fcber dem gegenw\u00e4rtigen Mindestlohn zu entlohnen w\u00e4ren. All das werde Gewaltkriminalit\u00e4t nicht beseitigen, gleichwohl m\u00f6ge sich die Polizei \u2013 deren endemische Korruptionsaffinit\u00e4t immer wieder herausgestellt wird \u2013 bitte bescheiden. Das ist soweit alles richtig (und die Endnotenliteratur lobenswert), nur ist damit der (zumindest f\u00fcr EinsteigerInnen) leidlich lesenswerte Band ohne einen eigenst\u00e4ndigen Gedanken des Autors zu Ende \u2013 und von einem <em>end of policing<\/em> erwartbar nichts zu sehen. (s\u00e4mtlich: Volker Eick)<\/p>\n<p><strong>Deppisch, Sven:<\/strong> <em>T\u00e4ter auf der Schulbank. Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust, Marburg (Tectum Verlag) 2017, 592 S., 39,95 EUR<\/em><\/p>\n<p>In seinem wahrlich dickleibigen Buch r\u00e4umt Deppisch mit der Legende von der angeblich \u201esauberen\u201c Polizei des \u201eDritten Reiches\u201c auf. Zum Teil geschieht dies recht kleinteilig, und so braucht der Autor denn auch rund 130 Seiten, bevor er \u00fcber die Polizei Preu\u00dfens und der Weimarer Republik zu seinem eigentlichen Thema kommt. Doch es sei ihm verziehen, denn immerhin handelt es sich auch dabei um eine detail- und quellenreiche Zusammenfassung \u2013 halbe Buchseiten sind teilweise mit Quellenangaben und weiterf\u00fchrenden Verweisen versehen.<\/p>\n<p>Doch wenn es dann soweit ist, wird es richtig spannend: So fielen bereits im Herbst 1935 die meisten der ehemaligen Offiziersschulen der Ordnungspolizei an die \u2013 damals noch im Aufbau befindliche \u2013 Wehrmacht und damit gleich auch rund 56.000 Polizisten. K\u00fcnftig durfte niemand mehr als Polizeilehrer eingestellt werden, der selbst Jude oder mit einer J\u00fcdin verheiratet war. Fortan ging es vor allen Dingen darum, die Ordnungspolizei \u201ekriegstauglich (zu) machen\u201c; eine milit\u00e4rische Ausbildung wurde folgerichtig immer wichtiger, und in den politisch-ideologischen Ausbildungsf\u00e4chern wurde Kriegsgeschichte immer bedeutender: Polizeitaktik wurde f\u00fcr Hitlers \u201egr\u00fcne Soldaten\u201c weitgehend gleichbedeutend mit milit\u00e4rischen Strategien.<\/p>\n<p>Wie rasch und tief die neue Nazi-Ideologie von den Beamten aufgenommen wurde, zeigt recht eindrucksvoll das Beispiel eines Bezirksoberleutnants der Gendarmerie, der sich 1943 schriftlich an die F\u00fchrung des Offiziersanw\u00e4rterlehrgangs wandte, den er seinerzeit besuchte. Darin schildert er, wie bei einem Friseurbesuch trotz seines mehrfachen Protestes ein polnischer \u201eFremdarbeiter\u201c vor ihm bedient wurde und bittet, diese Anzeige an die Gestapo weiter zu leiten (S. 438f.). Weitere Beispiele sind nicht weniger eindrucksvoll.<\/p>\n<p>Zu aktuellen heutigen Polizeidebatten hat das Buch letztlich zwar nicht viel beizutragen, f\u00fcr die Polizeiforschung hingegen umso mehr. Zumal es recht eindrucksvoll aufzeigt, wie schnell und widerstandslos sich Polizeiapparate neuen, auch verbrecherischen, Staatsideologien f\u00fcgen. Wenn Deppisch somit res\u00fcmiert, ohne die Polizei sei der Holocaust nicht durchf\u00fchrbar gewesen, kann man ihm nur vorbehaltlos zustimmen. (Otto Diederichs)<\/p>\n<p><strong>Narr, Wolf-Dieter:<\/strong> <em>Radikale Kritik und emanzipatorische Praxis. Ausgew\u00e4hlte Schriften, M\u00fcnster (Westf\u00e4lisches Dampfboot) 2017, 218 S., 25,\u2013 EUR<\/em><\/p>\n<p>Ausgew\u00e4hlt und \u201ekommentiert von Wegbegleiter*innen\u201c aus dem Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie sind in diesem Band zw\u00f6lf Aufs\u00e4tze aus den Jahren 1980 bis 2016 versammelt. Entstanden aus Anlass seines 80. Geburtstags, will dieser \u201e\u201aB\u00e4ndchen\u2018 mit Schnuppertexten\u201c (Vorwort) neugierig machen auf die Arbeiten von Wolf-Dieter Narr als kritischem Intellektuellen, als Politik- und Sozialwissenschaftler und als politischer Aktivist, die sich durch ein \u201eradikales Verst\u00e4ndnis von Demokratie und Menschenrechten wie die Kritik gesellschaftlicher Herrschafts- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse\u201c auszeichnen.<\/p>\n<p>Aus den in drei Abschnitten (\u201eGrundlagen\u201c, \u201eZeitdiagnosen und politisch-menschenrechtliche Interventionen\u201c und \u201ePerspektiven\u201c) gruppierten Beitr\u00e4gen sei exemplarisch je ein Aufsatz besonders erw\u00e4hnt, weil darin der Bezug zur Inneren Sicherheit so deutlich zutage tritt. Der 2005 im \u201eArgument\u201c erschienene Aufsatz \u201eStaatsgewalt. Politisch-soziologi\u00adsche Entbehrungen\u201c widerspricht jener \u201edicken S\u00fc\u00dfschicht allgemeiner Legitimation\u201c, mit der staatliche Gewalt \u00fcberzogen sei. Angesichts der Blindheit gegen\u00fcber seinen historischen Entstehungsbedingungen und seiner gegenw\u00e4rtigen Bedeutung, besteht Narr darauf, den \u201emoderne(n) Staat zuerst und vor allem als Produktionsverh\u00e4ltnis von Gewalt\u201c zu begreifen. Entgegen seines bis auf Hobbes zur\u00fcckgehenden Begr\u00fcndungsmythos begrenze der Staat nicht Gewalt, sondern er sorge daf\u00fcr, dass \u201eGewaltursachen erhalten und vermehrt werden.\u201c<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit Gewalt steht auch in anderen Beitr\u00e4gen im Zentrum. In \u201eDemonstranten, Politiker (Polizei) und Journalisten\u201c von 1983 \u2013 also noch vor dem Brokdorf-Beschluss des Verfassungsgerichts \u2013 werden die Produktionsverh\u00e4ltnisse von Gewalt auf der Ebene politischen Protests thematisiert. In zehn Thesen wird nicht nur eine Kritik am Versammlungsrecht formuliert (Demonstrationen w\u00fcrden als \u201eautorit\u00e4r gestaltete Aufm\u00e4rsche missverstanden\u201c), sondern die Gewaltfreiheit der Demonstrierenden wird als \u201evon der Sache her gezwungen\u201c, als \u201eprinzipiell erforderliche Gewalthemmung\u201c, die \u201eum unserer selbst willen unabdingbar\u201c ist, bezeichnet. Allerdings \u2013 und darin unterscheidet sich der Beitrag von den \u00fcblichen Aufrufen zur Gewaltfreiheit \u2013 weist Narr auf den massiven Einsatz staatlicher Gewalt hin, die die Anliegen unter einer \u201eGewaltwolke\u201c verberge. Die auch zugleich mit \u201eErstarrungstendenzen repr\u00e4sentativer Vermittlung von Interessen\u201c die Spannungen verst\u00e4rkten, demonstrierend Gewalt zu vermeiden.<\/p>\n<p>Zentral f\u00fcr die \u201ePerspektiven\u201c ist der 1985 gemeinsam mit Klaus Vack und Roland Roth verfasste Aufsatz \u201eMenschenrechte als politisches Konzept\u201c. Auch hier spielt die Gewaltfreiheit eine wichtige Rolle; wer von ihr rede, d\u00fcrfe aber weder das staatliche Gewaltmonopol noch die staatlich gesch\u00fctzten Gewaltverh\u00e4ltnisse ignorieren. Die menschenrechtliche Orientierung mache die Gewaltfreiheit jedoch \u201ezum regulativ strikten Prinzip\u201c. Entgegen dem wohlgef\u00e4lligen Bekenntnis zu \u201eden Menschenrechten\u201c besteht Narr darauf, dass \u201ealle Herrschaft\u201c \u201eein dauernder, nie hinnehmbarer Stein des Ansto\u00dfes\u201c bleibt. Deshalb begreift er \u201eMenschenrechte als Methode\u201c: Aus ihrer Verbindlichkeit resultiere ein bestimmtes Verh\u00e4ltnis zur Welt und zu sich selbst: Sie verlangten, \u201edass Einzelnes und Allgemeines, dass Ereignis und Struktur, dass Person und Gesellschaft insgesamt kontinuierlich zu betrachten sind.\u201c Deshalb bedeute \u201eMenschenrechte als politisches Konzept\u201c jederzeit den Zusammenhang von Form und Inhalt, von eigenen Zielen und eigenem Handeln im Auge zu behalten. Denn Menschenrechte ersch\u00f6pften sich nicht im Kampf um ein fernes Ziel, sondern um die Art und Weise, wie wir \u201ehier und heute\u201c leben (wollen).<\/p>\n<h4>Aus dem Netz<\/h4>\n<p><a href=\"https:\/\/wolfdieternarr.de\/\">https:\/\/wolfdieternarr.de<\/a><\/p>\n<p>Wer durch die \u201eausgew\u00e4hlten Schriften\u201c neugierig geworden ist, der oder die wird auf dieser Seite f\u00fcndig werden. Die \u201eGesammelten Schriften\u201c listen \u00fcber 500 Ver\u00f6ffentlichungen von Mitte der 1960er bis Mitte dieses Jahrzehnts auf; sofern sie im Volltext vorliegen, sind diese verlinkt \u2013 und je nach Berechtigung des\/der NutzerIn \u2013 komplett zug\u00e4nglich. Der Zugang zu den Texten kann auf f\u00fcnf Wegen erfolgen: nach Erscheinungsjahr, nach Art der Ver\u00f6ffentlichung, nach Co-AutorInnen, nach den Verlagen und nach den Periodika (\u201ePublikation\u201c), in denen sie ver\u00f6ffentlicht wurden. Auch wenn die Suche \u00fcber Schlagworte fehlt, so l\u00e4sst sich die Seite zielgerichtet nutzen: Wer nach W.-D. Narrs Auseinandersetzung mit der Inneren Sicherheit sucht, wird \u00fcber \u201eB\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/Cilip\u201c in die Suche einsteigen und 43 Aufs\u00e4tze finden (seit 1990); wer sich f\u00fcr den kritischen Sozialwissenschaftler interessiert, w\u00e4hlt den Zugang \u00fcber \u201eLeviathan\u201c (38 Aufs\u00e4tze von 1993-2011); und wer den sich politisch einmischenden Intellektuellen sucht, gelangt mit dem Klick auf das \u201eKomitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie\u201c auf 33 Ver\u00f6ffentlichungen aus den Jahren 1984 bis 2014 \u2013 das sind nur drei Zug\u00e4nge \u00fcber Initiativen, die ohne Wolf-Dieter Narr in dieser Form nie entstanden w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wer sich in die Seite ein wenig vertieft, stellt schnell fest, dass es ihr am wenigsten um Personenkult zu tun ist. Selbstredend ist das gesamte Werk nicht ohne die spezifischen F\u00e4higkeiten (etwa die Vertrautheit mit dem klassischen Altertum) und die individuellen Besonderheiten (etwa die Sprache) verstehbar. Aber zugleich ist es auch ein Spiegel bundesdeutscher Geschichte. Und zwar gehalten von einem, der sich nicht der der westdeutschen \u201eErfolgsgeschichte\u201c anpasst, sondern dessen Abstand zu dem, dessen Zeuge er wird, zunehmend gr\u00f6\u00dfer wird: In der zweiten H\u00e4lfte der 60er Jahre mit vergleichsweise akademischer Perspektive beginnend, werden die Publikationen in den Auseinandersetzungen der 1970er Jahre politischer: Berufsverbote, Lauschangriffe, die Formierung der Universit\u00e4ten, sp\u00e4ter dann: Demonstrationen und Demonstrationsrecht, Asylrecht, Haftsystem, Psychiatrie, polizeiliche Gewalt \u2013 und immer wieder Menschenrechte. Eine Kritik, die radikaler wird, weil sie sich treu bleibt. (Norbert P\u00fctter)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Schwerpunkt Vor mehr als zwei Jahrzehnten widmeten wir uns im Schwerpunkt dem Thema \u201ePolizei<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[120,148],"tags":[],"class_list":["post-13997","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cilip-115","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13997","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13997"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13997\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}