{"id":14460,"date":"2018-08-14T09:16:39","date_gmt":"2018-08-14T09:16:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=14460"},"modified":"2018-08-14T09:16:39","modified_gmt":"2018-08-14T09:16:39","slug":"narrative-der-militarisierung-zum-verhaeltnis-von-wirtschaft-und-polizei-auf-dem-europaeischen-polizeikongress","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=14460","title":{"rendered":"Narrative der Militarisierung:\u00a0Zum Verh\u00e4ltnis von Wirtschaft und Polizei auf dem Europ\u00e4ischen Polizeikongress"},"content":{"rendered":"<h3>von Stephanie Schmidt und Philipp Knopp<\/h3>\n<p><strong>Im Februar 2018 fand in Berlin der 26. Europ\u00e4ische Polizeikongress statt. Die vom \u201eBeh\u00f6rden Spiegel\u201c, einer \u00fcberregionalen (privaten) Zeitung f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Dienst, organisierte Verkaufsausstellung mit Kongresscharakter versammelt VertreterInnen von Sicherheitsbeh\u00f6rden, Politik und Wirtschaft.<\/strong><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>In diesem Artikel beleuchten wir die diskursiven Interaktionsdynamiken zwischen VertreterInnen deutscher Polizeien (und verwandter Sicherheitsorganisationen) und Wirtschaftsakteuren auf diesem Kongress, an dem wir selbst teilnahmen. Wir fokussieren insbesondere die narrativen Bez\u00fcge zwischen beiden und werden herausarbeiten, wie Narrationen der Wirtschaftsakteure eine Militarisierung der Polizei stimulieren. Es gibt f\u00fcr eine solche Untersuchung wohl kaum einen besseren Ort als den Europ\u00e4ischen Polizeikongress, denn sein zentraler Zweck ist die F\u00f6rderung der Zusammenarbeit und der Vernetzung von polizeilicher F\u00fchrungsebene mit der Sicherheits- und R\u00fcstungsindustrie.<!--more--><\/p>\n<p>Die Analyse der diskursiven Bezugnahmen muss notwendig zwei theoretische Leerstellen der Erforschung autoritativer und militarisierender Tendenzen in Polizeien angehen: Einerseits dominiert in dieser eine oberfl\u00e4chliche Sichtweise auf Militarisierungsprozesse, die \u00fcber das Aufzeigen technischer Innovationen der Bewaffnung und Ausr\u00fcstung der Polizei oft nicht hinausgeht, und andererseits die Frage, wie das wirtschaftliche Feld Einfluss auf die Polizei nimmt.<\/p>\n<p>Unter Militarisierung verstehen wir die Herausbildung von organisationalen Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsschemata (Habitus), die zunehmend milit\u00e4rischen Logiken folgen. Sie sind daher in sukzessive st\u00e4rkerem Ma\u00dfe gekennzeichnet durch Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber der Integrit\u00e4t vermuteter Straft\u00e4terInnen, eine starke Abgrenzung des \u201aEigenen\u2018 von diesen \u201aAnderen\u2018, die flie\u00dfend in offene Feind-Bestimmungen \u00fcbergeht, die Wahrnehmung einer chaotischen Umgebung, in der wie in einem Feindgebiet patrouilliert und eingegriffen werden muss, um \u201eChaos\u201c einzud\u00e4mmen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Die technische Aufr\u00fcstung der Polizei ist daher nur <em>ein<\/em> praktischer Ausdruck der Ver\u00e4nderungen des polizeilichen Habitus hin zur Militarisierung. Militarisierung stellt in Deutschland ebenso nur <em>eine<\/em> Entwicklungslinie dar, die in intra- und interorganisationalen K\u00e4mpfen durchaus durch andere Tendenzen (etwa das sog. Community Policing oder die Privatisierung von Sicherheitsproduktion) konterkariert wird.<\/p>\n<p>Das zweite theoretische Problem der kritischen Polizeiforschung ber\u00fchrt die Frage, wie das \u00f6konomische und das polizeiliche Feld miteinander verkn\u00fcpft sind, d. h. f\u00fcr unsere Untersuchung, was die \u00d6konomie mit der Militarisierung der Polizei zu tun hat. Denn Ver\u00e4nderungen des polizeilichen Feldes sind, wie Andrea Kretschmann richtig feststellt, <em>nicht<\/em> aus Entwicklungen der \u00d6konomie ableitbar.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Sie entstehen vielmehr in relativ autonomen Eigengesetzlichkeiten, die durch gesellschaftliche Bedingungskonstellationen pr\u00e4figuriert werden. Beispielsweise sickern neoliberale Effizienzkriterien in die Organisation Polizei ein, was man als eine <em>\u00d6konomisierung<\/em> des staatlichen Gewaltmonopols bezeichnen kann.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Zudem sind die Transformationen sozialer Probleme (mit zumindest zum Teil \u00f6konomischen Ursachen) in Sicherheitsprobleme als polizeirelevante Einflussfaktoren zu nennen. Das bedeutet unter anderem schlichtweg eine Ausweitung der polizeilichen Aufgabenfelder z. B. durch erh\u00f6hte Zahlen zu begleitender Proteste oder das Polizieren von Migrationsbewegungen und Gefl\u00fcchtetenunterk\u00fcnften. Mit der Untersuchung der diskursiven Interaktionsdynamiken auf dem Europ\u00e4ischen Polizeikongress wollen wir einen analytischen Weg vorschlagen, der die profitlogisch motivierte Best\u00e4tigung polizeilicher Dispositionen durch WirtschaftsvertreterInnen in den Blick nimmt. Wir werden also aufzeigen, wie polizeiliche Krisendeutungen, Wahrnehmungsschemata und Praktiken der Militarisierung in der \u201elokalen narrativen Struktur\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> des Polizeikongresses gef\u00f6rdert werden, indem das Werben auf feldspezifische Legitimationsressourcen und hegemonialen Selbstbilder einer kriegerischen PolizistInnenkultur ausgerichtet wird.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Aus der Perspektive der Konsumsoziologie untersuchen wir also die Form und Struktur des Werbens der (R\u00fcstungs-)Industrie und ihre Beziehung zu polizeilichen Selbst- und Weltbildern. F\u00fcr den Konsumphilosophen Jean Baudrillard war fr\u00fch klar, dass das wirtschaftlich motivierte Werben \u201ekeiner Logik der Thesen und des Beweises, sondern einer Logik der Fabel und des Mitspielens\u201c folgt.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Die Werbung best\u00e4tigt, kultiviert und befriedigt die Bed\u00fcrfnisse der polizeilichen KundInnen selektiv. Das wirtschaftliche Werben erzeugt damit keine Bed\u00fcrfnisse aus dem Nichts, sondern st\u00e4rkt und entwickelt einige Narrative und Logiken des polizeilichen Denkens, F\u00fchlens und Handelns, die wir im Folgenden vorstellen werden.<\/p>\n<h4>Die \u201eKrise\u201c der Polizei<\/h4>\n<p>Militarisierung stellt eine spezifische Krisenl\u00f6sungsstrategie der Polizeien dar. Um sie zu verstehen, ist es unverzichtbar die zugrundeliegende polizeiliche Zeitdiagnose zu erfassen. Diese Deutungen wurden auf dem Polizeikongress auch in fast allen Vortr\u00e4gen und Werbereden der UnternehmensvertreterInnen aufgenommen und zeichneten \u2013 beinahe ausschlie\u00dflich \u2013 krisenhafte Bilder der aktuellen \u201eLage\u201c.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>In zentralen Reden auf dem Polizeikongress tauchten immer wieder drei Ereignisse auf, die zur Veranschaulichung der gegenw\u00e4rtigen Probleme polizeilichen Handelns herangezogen und als Z\u00e4suren der polizeilichen Arbeit beschrieben wurden. Sie dienen als Legitimationsgrundlage f\u00fcr Militarisierungstendenzen. Erstens war dies der islamistische Terroranschlag auf einen j\u00fcdischen Supermarkt und die Diskothek Bataclan in Paris 2015, zweitens der LKW-Anschlag von Anis Amri auf den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz 2016 sowie drittens der G20-Gipfel in Hamburg 2017. Alle drei galten als Ereignisse, die entweder durch bestimmte Mittel, wie dem Angriff mit Sturmgewehren (Paris), durch die Allgegenwart von m\u00f6glichen \u201eTatwaffen\u201c (Berlin) oder durch die in einigen Bev\u00f6lkerungsteilen vermeintlich gestiegene Ablehnung und Feindschaft gegen\u00fcber Polizist*innen (Hamburg) eine scheinbare Machtlosigkeit der Polizei aufzeigen, der mit strategischer und technischer Aufr\u00fcstung zu begegnen sei. Dies best\u00e4tigend listete ein \u201eWirkmittelvergleich\u201c (siehe Abb.) des Waffenherstellers Heckler &amp; Koch (H&amp;K) die zu erwartenden Waffen der \u201eGegner\u201c \u2013 Messer, Sturmgewehr AK47 und LKW \u2013 direkt neben den aus Sicht des Herstellers zu kleinen Waffen der Polizeien und den angemessenen milit\u00e4rischen Mitteln auf. Auf der gef\u00fcllten Liste des Milit\u00e4rs ist ein gro\u00dfes Arsenal an H&amp;K-Produkten abgebildet bis hin zum Maschinengewehr. Die Polizei verf\u00fcgt im Bild hingegen mit Pistole und Maschinenpistole \u00fcber weniger \u201eWirkmittel\u201c als sie TerroristInnen zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden.<\/p>\n<p>Dem Sturmgewehr AK47 kommt dabei eine beinahe mystische Funktion im Diskurs des Polizeikongresses zu. Es sei \u201edie Waffe, die der Gegner im Einsatz in der Regel bringt\u201c (Heckler &amp; Koch). Sie wird damit zum Symbol vermeintlicher polizeilicher Unterlegenheit, Konvergenzpunkt f\u00fcr artikulierte \u00c4ngste und Aufr\u00fcstungsbestrebungen.<\/p>\n<p>Nicht nur in Bezug auf Waffen, sondern auch im Hinblick auf die Zugriffsm\u00f6glichkeiten auf und den Austausch von Informationen sieht sich die TeilnehmerInnenschaft des Polizeikongresses in der Durchsetzungskraft staatlicher Sicherheitsmacht illegitim gez\u00fcgelt. So sprach G\u00fcnther Krings (CDU), parlamentarischer Staatssekret\u00e4r im Bundesinnenministerium, von \u201egrundrechtlichen Phantomschmerzen\u201c, die einer engeren Zusammenarbeit von Geheimdiensten und Polizei entgegenst\u00fcnden und daher einen Nachteil gegen\u00fcber vermeintlich \u201ev\u00f6llig\u201c freien und \u201eperfekt\u201c vernetzten kriminellen Organisationen darstellen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Das hier an der Bewaffnung veranschaulichte Risiko polizeilicher (Alltags-)Eins\u00e4tze ist gleicherma\u00dfen ein Kapital, das im Positionskampf um Ressourcen und Anerkennung zwischen Einheiten des Gewaltmonopols eingesetzt wird. So verdeutlicht der Leiter der Zentralen Unterst\u00fctzungsgruppe des Zolls (ZuZ, vergleichbar mit einem polizeilichen SEK) seine Zugeh\u00f6rigkeit und Relevanz im polizeilichen Feld neben der Darstellung von Effizienz und Erfolgszahlen mit der allt\u00e4glichen und doch unvorhersehbaren Gefahr bei Baustellenkontrollen, auf denen BeamtInnen mit bewaffneten Ex-Soldaten aus Jugoslawien zusammentreffen k\u00f6nnten. Die allt\u00e4gliche Routine kann in der polizeilichen Wahrnehmung sofort in einen Ausnahmezustand umschlagen, auf den man sich aus Gr\u00fcnden des Selbstschutzes vorbereiten m\u00fcsse.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Auch wenn die Polizei in ihrer allt\u00e4glichen Arbeit stets in als krisenhaft verstandenen Lagen agiert, gelten diese als grundlegend kontrollierbar. Mithilfe von polizeilichen Praktiken und der zur Verf\u00fcgung stehenden Technik k\u00f6nnen die BeamtInnen in den meisten F\u00e4llen davon ausgehen, \u201eHerr der Lage\u201c zu sein. Kippt dies jedoch, wie bei den von der Polizei so verstandenen Z\u00e4suren, wird die Lage zu einem unkontrollierbaren (Ausnahme-)Zu\u00adstand. Damit \u00e4hneln die polizeilichen Beschreibungen \u2013 wie auch die der wirtschaftlichen AkteurInnen \u2013 nicht nur einem Narrativ der Bek\u00e4mpfung von allgegenw\u00e4rtigen und doch versteckten GegnerInnen, sondern unterst\u00fctzen auch die Vorstellung von heldenhaften, jede Krise \u00fcberwindenden PolizistInnen. Dies geschieht auch im Bewusstsein des hohen Vertrauens in der allgemeinen Bev\u00f6lkerung und der politischen Wirkung des aktuell diagnostizierten Terrorrisikos auf Investitionen in die Polizeien.<\/p>\n<h4>Die Logik des \u201enoch nicht!\u201c\u2013 Blick in eine d\u00fcstere Zukunft<\/h4>\n<p>Viele der beschriebenen Bedrohungssituationen, die in Polizeien kursieren und von der Wirtschaft als Verkaufsargument in Anschlag gebracht werden, sind in Deutschland nicht eingetroffen (z.B. islamistischer Terroranschlag mit AK47-Sturmgewehren). Dennoch werden Polizeien der\u00adzeit mit diesen Begr\u00fcndungen aufger\u00fcstet und Selbst- und Weltbilder richten sich an den d\u00fcsteren Visionen aus. So folgten viele Verkaufsargumentationen einer Risikologik. Die gesellschaftliche Situation wird durch eine d\u00fcstere und unsichere Zeit gekennzeichnet, in der potenziell alles passieren kann, eingetreten ist es blo\u00df \u201enoch nicht!\u201c, so der Vertreter von Ulbricht Protection. Zuk\u00fcnftigen, durch verbesserte Bewaffnung der Straft\u00e4terInnen entstehenden Risikosituationen m\u00fcsste bereits heute vorgebeugt werden, bevor es zu sp\u00e4t sei und Sicherheitskr\u00e4fte zu Schaden k\u00e4men. Die Aufr\u00fcstung der Polizeien ist somit vor allem pr\u00e4ventiv. Die zuk\u00fcnftigen Gefahrenquellen umfassen eine weite Spanne von Ph\u00e4nomenen wie bewaffnete DemonstrantInnen \u00fcber AK47-Be\u00adschuss auf StreifenpolizistInnen, die daher Schutzausr\u00fcstung wie SEK-Be\u00adamtInnen br\u00e4uchten, bis hin zur Vereisung von Dienstwaffen oder der Notwendigkeit, unter Wasser zu schie\u00dfen (Vortrag von Heckler &amp; Koch).<\/p>\n<h4>Jeder kann ein Held sein &#8230; mit der richtigen Ausstattung<\/h4>\n<p>Neben dem allgegenw\u00e4rtigen Risiko zeigt ein weiterer Vortrag einer selbsternannten Randfigur des deutschen polizeilichen Feldes \u2013 des Leiters der Spezialabteilung der Z\u00fcricher Polizei \u2013, dass die Ausr\u00fcstung der Polizei selbst f\u00fcr Anerkennung sorgen kann. Seine Pl\u00e4doyers f\u00fcr die Nutzung von dezidiertem Milit\u00e4rmaterial und vor allem von Gummigeschossen fand bei vielen KongressteilnehmerInnen positive Beachtung, wenngleich die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sich gegen diese Militarisierungsstufe ausspricht.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Auch die T\u00f6tungseffizienz der Z\u00fcricher Spezialeinheit (\u201enach einem Schuss ist Schluss\u201c) wurde in einem Vortragspanel mit durchaus positiv gemeintem Lachen aufgenommen.<\/p>\n<p>Polizeiliche Helden sind also im lokalen Narrativ des Polizeikongresses dadurch gekennzeichnet, dass sie unter widrigen und gef\u00e4hrlichen Bedingungen effizient ihren Dienst tun. Daf\u00fcr ben\u00f6tigt der moderne Held eine f\u00fcr seine Aufgabe angemessene Ausr\u00fcstung, die ihm die Industrie bereitstellen k\u00f6nnte, wenn die Politik es denn so wollte. So wird auch mit diesen Helden geworben: Ein Ausstatter f\u00fcr Schutzausr\u00fcstung bemerkte im Gespr\u00e4ch mit uns, dass seine Firma das Schild herstellte, mit dessen Schutz ein Polizist im Pariser Bataclan zwei Terroristen hatte erschie\u00dfen k\u00f6nnen und nun ein Held sei.<\/p>\n<p>Die Wirtschaft bot der Polizei auf dem Polizeikongress daher nicht die Vermeidung von Risiken an, sondern r\u00fcstet die Figur des polizeilichen Helden mit der F\u00e4higkeit aus, die Risiken durch neue und \u201erobustere\u201c Ausstattung als \u201eImmunisierung\u201c und \u201eDispositonsprophylaxe\u201c zu managen.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Die Verhaltensver\u00e4nderungen treten \u2013 auch das war am Rande pr\u00e4sent \u2013 in Konflikt mit \u201eb\u00fcrgernahen\u201c polizeilichen Strategien. Narrative \u00fcber eine krisenhafte Arbeit in einer Gesellschaft, die durch unsichtbare und unkontrollierbare Straft\u00e4terInnen zumindest zeitweise in einen Ausnahmezustand gebracht werde und die Fabeln \u00fcber gut ausger\u00fcstete Helden, die diesen Ausnahmezustand dennoch kontrollieren, sind dabei nicht nur Erz\u00e4hlungen, die zur Unterhaltung dienen. Es sind auch \u201eWeisen der Welterzeugung\u201c,<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> die polizeiliche Zeitdiagnosen mit konstituieren, verdoppeln und so auch eine Anpassung und Militarisierung der Polizei beg\u00fcnstigen. Die Ausrichtung auf das schlechterdings M\u00f6gliche, nicht auf das Wahrscheinliche, evoziert Ver\u00e4nderungen der Wahrnehmungs- und Handlungsschemata, die im Polizeialltag zu zunehmender Distanz zu verd\u00e4chtigen Bev\u00f6lkerungskreisen f\u00fchren k\u00f6nnen und schon jetzt zu einer neuen Aufr\u00fcstungskonjunktur der pers\u00f6nlichen und organisationalen Eigensicherung beitr\u00e4gt.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<h4>Schlussbemerkung<\/h4>\n<p>Die Polizei sieht sich in einer durch immer und \u00fcberall <em>m\u00f6gliche<\/em> Bedrohungen gekennzeichneten Situation. Das vermeintlich allgegenw\u00e4rtige und zunehmende Risiko ist f\u00fcr sie Krisenmerkmal wie auch zentrale Bedingung f\u00fcr die Ausbildung eines kriegerischen Selbstbilds in einem polizeilichen Feld, in dem effizientes und resolutes Vorgehen gegen \u201eGegner\u201c mit Anerkennung verkn\u00fcpft ist. Diese Anerkennung wurde auf dem Polizeikongress sowohl polizeiintern attribuiert, wie auch von Seiten der Wirtschaft und Politik diskursiv bef\u00f6rdert. Gleicherma\u00dfen ist die konstruierte, genuin <em>m\u00e4nnliche<\/em> Figur des heldenhaften Kriegers<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> nur so gut wie ihre waffen- und schutztechnische Ausr\u00fcstung, die deren M\u00e4nnlichkeit noch unterstreicht.<\/p>\n<p>Was die wirtschaftliche Werbung auf dem Polizeikongress mit verkauft, ist das, was als eine spezifische Auspr\u00e4gung der <em>Illusio<\/em> des polizeilichen Feldes bezeichnet werden kann:<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Sie best\u00e4tigt selektiv die Regeln und Anerkennungshierarchien des polizeilichen Feldes. So tragen die werbenden Interaktionen zur diskursiven Verdopplung von d\u00fcsteren Krisenszenarien und Gesellschaftsdiagnosen bei. Sie bef\u00f6rdern militarisierte Selbstbilder zumindest bei einem signifikanten und auch ranghohen Teil der Polizeien.<\/p>\n<p>Auf dem Europ\u00e4ischen Polizeikongress waren so verschiedene Dispositionen eines milit\u00e4rischen Habitus aufzufinden und wurden kultiviert. Dazu z\u00e4hlen die Indifferenz gegen\u00fcber den \u201eGef\u00e4hrdern\u201c, die Kernfiguren der Freund-Feind-Opposition sind und bereits zum Teil als auszuschalten wahrgenommen werden, das Bild einer chaotischen, gefahrvollen Umwelt, aber auch das Bild des heroischen Kriegers, der aufopferungsvoll gegen diese Widrigkeiten ank\u00e4mpft. Die adressierten und verbreiteten Selbst- und Weltdeutungen entsprechen dabei weit verbreiteten Bildern der PolizistInnenkultur und treten nicht selten \u2013 randst\u00e4ndig auch auf dem Polizeikongress \u2013 in direkte Opposition zur organisationalen Schauseite der Polizei, die B\u00fcrgerInnenn\u00e4he und die Deeskalation betont. Die hier aufgezeigten Militarisierungstendenzen sind auch innerhalb der Polizei nicht unumstritten, auf dem Polizeikongress jedoch diskursiv enorm wirkm\u00e4chtig.<\/p>\n<p><a style=\"font-weight: bold\" href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a><span style=\"font-weight: bold\">\u00a0\u00a0 mehr Informationen und das Programm auf <\/span><a style=\"font-weight: bold\" href=\"http:\/\/www.europaeischer-polizeikongress.de\/\">www.europaeischer-polizeikongress.de<\/a><\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0 Bigo, D.: The (In)Securitization Practices of the Three Universes of EU Border Control. Military\/Navy \u2013 Border Guards\/Police \u2013 Database Analysts, in: Security Dialogue 2014, no. 3, S. 209-225 (211)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a0 Kretschmann, A.: Katalysator Wirtschaftskrise? Zum Wandel von Protest Policing in Europa, in<em>:<\/em> B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 106 (Oktober 2014), S. 52-58<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0\u00a0 Briken, K.: Ein verbetriebswirtschaftlichtes Gewaltmonopol? New Police Management im europ\u00e4ischen Vergleich, in: Kriminologisches Journal 2014, H. 4, S. 213-32; dies.; Eick, V. (Hg.): Urban (in)security. Policing in neoliberal times, Ottawa 2013<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>\u00a0\u00a0 Scheffer, T.: Zug-um-Zug und Schritt-f\u00fcr-Schritt. Ann\u00e4herungen an eine trans-sequentielle Analytik, in: Hirschauer, S. u.a. (Hg.): Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung, Berlin 2008, S. 368-398<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0\u00a0 vgl. dazu Behr, R.: Cop Culture. Der Alltag des Gewaltmonopols<strong>.<\/strong> M\u00e4nnlichkeit, Handlungsmuster und Kultur in der Polizei, 2. Auflage, Wiesbaden 2008<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a>\u00a0\u00a0 Baudrillard, J.: Das System der Dinge. \u00dcber unser Verh\u00e4ltnis zu den allt\u00e4glichen Gegenst\u00e4nden, 3. Auflage, Frankfurt\/Main, New York 2007, S. 207<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a>\u00a0\u00a0 Die \u201eLage\u201c ist ein zentraler, mithin fetischisierter polizeilicher Begriff, der als Ordnungskonstrukt polizeiexterne Situationen als polizeirelevante Ereignisse qualifiziert. Damit konstituiert die Lage auch ein T\u00e4tigkeitsfeld, das die Grundlage f\u00fcr polizeiliches Handeln bietet. Eine Lage markiert immer auch Handlungs<em>bedarf. <\/em>\u00a0Vgl. zum Begriff der Lage Jacobsen, A.: Die gesellschaftliche Wirklichkeit der Polizei: eine empirische Untersuchung zur Rationalit\u00e4t polizeilichen Handelns, Dissertation, Universit\u00e4t Bielefeld 2005<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a>\u00a0\u00a0 Ganz unsichtbar ist dieser Gegner freilich nicht. Denn es existiert eine klare Dominanz der Gefahrenzuschreibung auf (radikale) Linke und MigrantInnen.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a>\u00a0 s. <a href=\"https:\/\/www.gdp.de\/gdp\/gdp.nsf\/id\/DE_GdP-NRW-Einsatz-von-Gummigeschossen-ist-unverantwortlich-?open&amp;Highlight=gummi\">www.gdp.de\/gdp\/gdp.nsf\/id\/DE_GdP-NRW-Einsatz-von-Gummigeschossen-ist-un\u00adverantwortlich-?open&amp;Highlight=gummi<\/a> [30.5.2018]<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a>\u00a0 Br\u00f6ckling, U.: Vorbeugen ist besser\u2026 Zur Soziologie der Pr\u00e4vention, in: Behemoth. A Journal on Civilisation, 2008, No. 1, S. 38-48<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a>\u00a0 Goodman, N.: Weisen der Welterzeugung, Frankfurt a. Main, 1990<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a>\u00a0 z.B. durch Umstellung auf (schwere) ballistische Titanhelme, Tragen von Maschinenpistolen oder Einf\u00fchrung milit\u00e4rischer Einsatzmittel wie den Panzerwagen Survivor R<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a>\u00a0 Behr a.a.O. (Fn. 6)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a>\u00a0 Bourdieu, P.; Wacquant, L.: Reflexive Anthropologie, 3. Auflage, Frankfurt\/M. 2013<\/h6>\n<h3>Beitragsbild: Aus der Power Point Pr\u00e4sentation von Heckler &amp; Koch<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Stephanie Schmidt und Philipp Knopp Im Februar 2018 fand in Berlin der 26. 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