{"id":1569,"date":"2001-12-09T15:59:07","date_gmt":"2001-12-09T15:59:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=1569"},"modified":"2001-12-09T15:59:07","modified_gmt":"2001-12-09T15:59:07","slug":"literatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=1569","title":{"rendered":"Literatur"},"content":{"rendered":"<h4>Zum Schwerpunkt<\/h4>\n<p>Im Unterschied zu Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber &#8222;den Terrorismus&#8220; ist die Literatur \u00fcber die staatliche &#8222;Terrorbek\u00e4mpfung&#8220; sp\u00e4rlich. F\u00fcr die deutschen Anti-Terror-Reaktionen, auf die wir uns in diesem Heft konzentrieren, gilt dies uneingeschr\u00e4nkt. Die drei Jahrzehnte, in der Politik, Gesetzgebung, Polizei und Geheimdienste auf die RAF, die Bewegung 2. Juni, Revolution\u00e4re oder Anti-Imperialistische Zellen etc. reagierten, haben bislang zu keiner Gesamtbilanz gef\u00fchrt. Was vorliegt, sind Teilstudien oder Einblicke in einzelne Ma\u00dfnahmen, Verfahren oder Vorg\u00e4nge. Es ist kennzeichnend f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Anti-Terror-Politik, dass sie diese Bilanzen nicht vermisst. Noch bevor man sich dar\u00fcber im Klaren ist, was Strategien und Ma\u00dfnahmen &#8222;gebracht&#8220; haben, werden im Schnellverfahren die alten Rezepte herausgekramt und &#8222;aktualisiert&#8220;. F\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Auseinandersetzung sei auch an dieser Stelle auf unsere Homepage verwiesen, auf der wir unter <a href=\"\/terror\">www.cilip.de\/terror<\/a> neben den aktuellen Gesetzentw\u00fcrfen eine Reihe kritischer Stellungnahmen bereitstellen. Im Folgenden k\u00f6nnen wir nur Hinweise auf wenige wichtige Ver\u00f6ffentlichungen geben. Vollst\u00e4ndig verzichten wir auf die Darstellungen einzelner Vorg\u00e4nge und Verfahren, die in Buchform u.a. zum Schm\u00fccker-Verfahren, zum Celler Loch, zum Multiagenten Werner Mauss, zur Stasi-RAF-Connection oder zum &#8222;RAF-Phantom&#8220; vorliegen.<!--more--><\/p>\n<p><b>Waldmann, Peter:<\/b> <i>Terrorismus. Provokation der Macht, M\u00fcnchen 1998<\/i><br \/>\nAus der Flut der Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber Terrorismus ist diese \u00dcbersichtsdarstellung herauszuheben. Waldmann gibt eine auch Laien verst\u00e4ndliche Einf\u00fchrung in das Ph\u00e4nomen &#8222;Terrorismus&#8220;. Seine Darstellung reicht von der Diskussion des Begriffs Terrorismus \u00fcber die historische Entwicklung terroristischer Gewalttaten bis zu den (staatlichen) Gegenma\u00dfnahmen. Im Hinblick auf die staatlichen Reaktionen warnt der Autor vor \u00dcbereifer. H\u00e4ufig f\u00fchre versch\u00e4rfte Repression dazu, die Gruppen nach innen zu stabilisieren und deren Weltbild zu best\u00e4tigen. Mit liberalen Demokratien sei es nicht vereinbar, den Terrorismus ein f\u00fcr allemal beseitigen zu wollen. Vielmehr komme es darauf an, ihm in konkreten F\u00e4llen entgegenzutreten.<\/p>\n<p><b>G\u00f6ssner, Rolf:<\/b> <i>Das Anti-Terror-System. Politische Justiz im pr\u00e4ventiven Sicherheitsstaat (Terroristen &amp; Richter, Bd. 2), Hamburg 1991<\/i><br \/>\nDieser Band liefert am ehesten einen Einblick in die Anti-Terror-Ma\u00dfnahmen der 70er und 80er Jahre: die Praxis des \u00a7 129a StGB, von Kontrollstellen, Schleppnetz- und Rasterfahndung, der Verlauf von Terrorismusprozessen, von Verdachtsch\u00f6pfungsstrategien im Vorfeld, der polizeilichen und verfassungssch\u00fctzerischen Arbeit mit V-Personen. Wer nach Beispielen f\u00fcr die vielf\u00e4ltigen Entgrenzungen und Entgleisungen des Anti-Terror-Systems sucht, der oder die wird in diesem Band f\u00fcndig werden.<\/p>\n<p><b>Lau, Stefan; Mischau, Anina:<\/b> <i>Normgenese, Zielsetzung und Rechtswirklichkeit des \u00a7 129 (R)StGB und \u00a7 129a StGB, in: Politisches Strafrecht und politische Kriminalit\u00e4t, Kriminologisches Journal 3. Beiheft 1991, S. 65-82<\/i><br \/>\nDer Aufsatz informiert in kompakter Form \u00fcber die Entstehungsgeschichte und Anwendungsbereiche der beiden Paragrafen. Seit ihren Anf\u00e4ngen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dienten die Bestimmungen zur Kriminalisierung der linken Opposition. Bedeutsam sind die Paragrafen kaum f\u00fcr die Strafverfolgung, sondern f\u00fcr die \u00dcberwachung, Kontrolle und Einsch\u00fcchterung kritischer Bewegungen und Gruppen.<\/p>\n<p><b>Bocker, Uwe:<\/b> <i>Der Kronzeuge. Genese und Funktion der Kronzeugenregelung in der politischen Auseinandersetzung mit dem Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland, Pfaffenweiler 1991<\/i><br \/>\n<b>M\u00fchlhoff, Uwe; Mehrens, Stefanie:<\/b> <i>Das Kronzeugengesetz im Urteil der Praxis (Interdisziplin\u00e4re Beitr\u00e4ge zur kriminologischen Forschung, Bd. 16), Baden-Baden 1999<\/i><\/p>\n<p><b>Breucker, Matthias; Engberding, Rainer O.M.:<\/b> <i>Die Kronzeugenregelung. Erfahrungen, Anwendungsf\u00e4lle, Entwicklungen, Stuttgart 1999<\/i><br \/>\nIn der juristischen Dissertation von Bocker wird die Diskussion um die Einf\u00fchrung einer Kronzeugenregelung zwischen 1985 und 1986 nachgezeichnet. Die Argumente, die der Autor mit den Bestimmungen des Grundgesetztes und mit den Grundprinzipien eines fairen Verfahrens gegen den &#8222;Verrat als Mittel der Strafverfolgung&#8220; vorbringt, haben bis heute nichts an ihrer G\u00fcltigkeit verloren. Demgegen\u00fcber haben wir die Schw\u00e4chen der beiden Monografien aus dem Jahr 1999 bereits in <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/2000\/08\/09\/literatur-5\/\">CILIP 66 (S. 105 ff.)<\/a> ausf\u00fchrlich er\u00f6rtert.<\/p>\n<p><b>Kruse, Gesine:<\/b> <i>Bundesrepublik Deutschland, in: Gropp, Walter (Hg.): Besondere Ermittlungsma\u00dfnahmen zur Bek\u00e4mpfung der Organisierten Kriminalit\u00e4t, Freiburg im Breisgau 1993, S. 105-209<\/i><br \/>\n<b>Sokol, Bettina:<\/b> <i>Rasterfahndung vor 20 Jahren und heute, in: B\u00e4umler, Helmut (Hg.): Polizei und Datenschutz. Neupositionierung im Zeichen der Informationsgesellschaft, Neuwied, Kriftel 1999, S. 188-198<\/i><br \/>\nIn Kruses Beitrag wird das gesamte Repertoire der verdeckten Polizeimethoden vorgestellt. Die Rasterfahndung (S. 148-172) ist nur ein Element in diesem Gef\u00fcge, dem &#8211; so die Darstellung &#8211; nur eine geringe kriminalistische Bedeutung zukommt. Der Aufsatz der nordrhein-westf\u00e4lischen Datenschutzbeauftragten Sokol ist ein Beispiel f\u00fcr jene Stimmen, die angesichts der geringen Erfolge der Rasterfahndung auf die mit ihr verbundenen massenhaften Grundrechtseingriffe hinweisen. Vorsichtig, aber in der Aussage uneindeutig fordert Sokol, die Rasterfahndung aus dem Arsenal der polizeilichen Verdachtsch\u00f6pfungsinstrumentarien zu streichen &#8211; eine Forderung, die heute aktueller, aber zugleich illusorischer ist als damals.<br \/>\n(s\u00e4mtlich: Norbert P\u00fctter)<\/p>\n<h4>Neuerscheinungen<\/h4>\n<p><b>Freund, Thomas; Lindner, Werner (Hg.):<\/b><i> Pr\u00e4vention. Zur kritischen Bewertung von Pr\u00e4ventionsans\u00e4tzen in der Jugendarbeit. Opladen 2001 (Leske + Budrich), 188 S., DM 29,80<\/i><br \/>\nSp\u00e4testens seit dem 1. Sicherheitsbericht der Bundesregierung gilt als amtlich besiegelt, dass Kriminalpr\u00e4vention nicht allein Aufgabe der Sicherheitsbeh\u00f6rden, sondern vor allem auch der Sozialpolitik zu sein habe. Umso erfrischender sind inmitten des harmonischen Lobgesangs jene Stimmen, die sich dissonierend gegen die gesamtgesellschaftliche Pr\u00e4ventionseuphorie erheben. Werner Lindner, Dezernent im nieders\u00e4chsischen Landesjugendamt, hat zusammen mit dem Soziologen Thomas Freund eine Streitschrift herausgegeben, die wichtige Artikel zum Thema zusammentr\u00e4gt. Besonders lesenswert ist der Beitrag des unl\u00e4ngst verstorbenen Kriminologen Detlev Frehsee, der das politische Kalk\u00fcl auf einen knappen Nenner zu bringen vermag: &#8222;Systemische Risiken, wie sie sich aus technischer Komplexit\u00e4t, Marktzw\u00e4ngen, Entfremdungsbedingungen oder sozialen Ungleichheiten ergeben, werden den handelnden Akteuren aufgeb\u00fcrdet und somit in menschliche Risiken umgedeutet, woraufhin die riskanten Verh\u00e4ltnisse und Zust\u00e4nde entlastet werden und weiter so belassen werden d\u00fcrfen, wie sie sind.&#8220; (S. 52) Logisch und pr\u00e4zise entwickelt der Autor, wie aus dem Leitprinzip &#8222;Pr\u00e4vention&#8220; die Polizei &#8222;zwangsl\u00e4ufig zu einer priorit\u00e4ren gesellschaftlichen Instanz&#8220; avanciert; wie zunehmend das &#8222;F\u00f6rderungsparadigma&#8220; der Sozialp\u00e4dagogik durch ein generalisiertes &#8222;St\u00f6rungsparadigma&#8220; ersetzt wird (S. 59). Was dies speziell f\u00fcr die Jugendarbeit bedeutet, davon zeichnen die Herausgeber selbst ein d\u00fcsteres, gleichwohl am\u00fcsant zu lesendes Szenario. Dadurch, dass Pr\u00e4vention &#8222;nie breit genug und auch nie fr\u00fch genug&#8220; ansetzen k\u00f6nne, f\u00fchre der Diskurs zu einer &#8222;Einverleibung&#8220; der gesamten Jugendhilfe. Von pr\u00e4nataler Pr\u00e4vention bis hin zu &#8222;Kickern und Kaffeetrinken&#8220; verfalle jedwede Handlung dem &#8222;endg\u00fcltigen und allumfassenden p\u00e4dagogischen Overkill&#8220; (S. 87). Dieser defizitorientierten Logik setzt Norbert Herriger, langj\u00e4hriger Pr\u00e4ventionskritiker, das Konzept des Empowerments entgegen &#8211; eine P\u00e4dagogik, die sich an den St\u00e4rken junger Menschen orientiere, unkonventionelle Lebensentw\u00fcrfe akzeptiere und Freundschaftsnetzwerke unterst\u00fctze. Doch auch wenn die theoretischen Entw\u00fcrfe eine Antwort schuldig bleiben, wie dies in die Praxis \u00fcbersetzt werden kann, so sind allein diese drei Artikel ein <i>Muss<\/i> f\u00fcr alle, die sich als Anw\u00e4ltInnen ihrer jugendlichen &#8222;Klientel&#8220; verstehen.<br \/>\n(Christine Hohmeyer)<\/p>\n<p><b>Schenk, Dieter<\/b>: <i>Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA, K\u00f6ln 2001 (Kiepenheuer &amp; Witsch), 370 S., DM 44,90<\/i><br \/>\nDer ehemalige Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes (BKA) Dieter Schenk beschreibt in diesem Buch die Entstehung des Amts und die daran beteiligten Personen. Er zeigt anhand zahlreicher Beispiele, wie halbherzig auch im Bereich der Kriminalpolizei die Entnazifizierung in Westdeutschland betrieben wurde. Mit umfassendem Archivmaterial belegt der Autor die Nazivergangenheit von vielen leitenden Kriminalbeamten, die h\u00e4ufig genug bereits Unterschlupf in Landeskriminal\u00e4mtern gefunden hatten. Mit der Gr\u00fcndung des BKA wurde jedoch eine regelrechte Heimst\u00e4tte f\u00fcr NS-Verbrecher geschaffen. In enger personeller Verbundenheit mit dem Verfassungsschutz und dem BND.<\/p>\n<p>Schenk beschreibt als zentrale Person Otto Dickopf. Als Karrierist in der Nazidiktatur wurde er gegen Kriegsende zu einem Agent des CIC und sp\u00e4ter der CIA. Er f\u00f6rderte im Nachkriegsdeutschland den Aufbau des BKA und wurde hierin durch den amerikanischen Geheimdienst best\u00e4rkt, der im Rahmen seiner Besatzerrolle erheblichen Einfluss auf die deutsche Innenpolitik der Nachkriegszeit hatte. Dickopf sorgte nicht nur daf\u00fcr, dass das BKA sich in seinem Aufbau unmittelbar am von den Nazis geschaffenen Reichskriminalamt orientierte, sondern auch daf\u00fcr, dass die leitenden Beamten aus der Nazidiktatur erneute Verwendung fanden.<\/p>\n<p>Es war wohl unvermeidbar, dass sich diese Personenkontinuit\u00e4t auch in der t\u00e4glichen Arbeit niederschlug. Erschreckend ist, in welchem Ma\u00dfe es den Beamten gelang, die sp\u00e4teren Ermittlungsversuche der Staatsanwaltschaften wegen der Verstrickungen in die Verbrechen des Dritten Reiches zu behindern, und wie diese dabei von der Politik unterst\u00fctzt wurden. Ebenso erschreckend ist, dass das BKA heute noch nicht bereit ist, sich mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen. Dem Autor wurde trotz Weisung des Bundesinnenministers der Einblick in das Archiv des BKA verweigert. Damit behindert das BKA die Aufkl\u00e4rung \u00fcber den Umfang der Besch\u00e4ftigung von Naziverbrechern sowie die systematische Rechtsbeugung der Beh\u00f6rde zum Schutz ihrer Mitarbeiter. Auch wenn das Fehlen dieses Archivmaterials die Qualit\u00e4t des Buches nicht nachhaltig beeintr\u00e4chtigen konnte, so stellt die Verweigerung der Einsichtnahme ein Armutszeugnis f\u00fcr eine demokratische Polizei dar.<br \/>\n(Olaf Griebenow)<\/p>\n<p><b>F\u00fcrmetz, Gerhard; Reinke, Herbert; Weinhauer, Klaus (Hg)<\/b>: <i>Nachkriegspolizei. Sicherheit und Ordnung in Ost- und Westdeutschland 1945-1969, Hamburg 2001 (Ergebnisse Verlag), 358 S., DM 58,-<\/i><br \/>\nDer Entnazifizierung der Polizeien gilt auch in deutsch-deutsch vergleichender Perspektive ein Kapitel dieses Bandes, in dem Entwicklungslinien der beiden &#8222;Nachkriegspolizeien&#8220; nachgezeichnet werden. Symptomatisch f\u00fcr die Situation im Nachkriegsdeutschland ist die folgende Episode aus dem Mai 1946. Kurt Schumacher waren aus Sicherheitsgr\u00fcnden f\u00fcnf Polizisten an die Seite gestellt. Da deren Gespr\u00e4che den SPD-Parteivorsitzenden zunehmend entsetzten, lie\u00df er seine Bewacher \u00fcberpr\u00fcfen: Vier waren ehemalige SS-Angeh\u00f6rige, zwei von ihnen sogar so belastet, dass sie eigentlich unter die automatischen Arrestkategorien der Alliierten gefallen w\u00e4ren. Dass die von den Siegerm\u00e4chten angestrebte vollst\u00e4ndige Entnazifizierung hier kaum funktionierte hat mehrere Gr\u00fcnde. Einmal ist da die fortdauernde Kumpanei unter den fr\u00fcheren Angeh\u00f6rigen von SS, SD, Gestapo und Nazi-Polizei. Besonders in Schleswig-Holstein, wohin viele ihrer F\u00fchrungskr\u00e4fte geflohen waren, gelang es mit Hilfe einstiger Kollegen, in den Reihen der in Aufl\u00f6sung befindlichen Wehrmacht unterzutauchen. Bekannt ist etwa eine Anweisung Himmlers aus dem Mai 1945, sich hierzu bei der Flensburger Polizei zu melden: &#8222;Alles weitere macht Standartenf\u00fchrer Hinsch, der Polizeipr\u00e4sident von Flensburg&#8220;. Nach Unterlagen des Landesarchivs Schleswig-Holstein wurden allein in der ersten Maiwoche 1945 etwa 2.000 bis 3.000 Kennkarten gef\u00e4lscht. Beg\u00fcnstigt wurde die R\u00fcckkehr ehemaliger NS-Schergen in die Polizei durch ein zunehmendes Desinteresse der mit der Entnazifizierung beauftragten Security-Einrichtungen der westlichen Siegerm\u00e4chte an einer durchgreifenden S\u00e4uberung. Insbesondere die britischen Offiziere hatten h\u00e4ufig ein gr\u00f6\u00dferes Interesse daran, m\u00f6glichst rasch eine funktionsf\u00e4hige deutsche Polizei zu erhalten, die ihnen bei Pl\u00fcnderungen, Schwarzhandel, Prostitution und anderen typischen Nachkriegsdelikten die Arbeit abnahm.<\/p>\n<p>V\u00f6llig anders ging zun\u00e4chst die sowjetische Siegermacht vor. Sie begann bereits unmittelbar im Mai\/Juni 1945 mit der S\u00e4uberung der bestehenden Polizei, teilweise bis zur v\u00f6lligen Aufl\u00f6sung. Hierdurch entstand jedoch schnell das Problem, dass die neuangeworbenen Polizisten beruflich v\u00f6llig unerfahren waren. So gelang es Angeh\u00f6rigen der alten Nazi-Polizei auch in der sp\u00e4teren DDR, wieder in die Reihen der neuen Sicherheitsbeh\u00f6rden einzusickern. Wenn auch nicht in gleichem Ma\u00dfe wie in den Westzonen.<\/p>\n<p>Ein weiteres, \u00e4u\u00dferst interessantes Kapitel deutscher Polizeigeschichte schl\u00e4gt das Buch zudem am Beispiel von Frauen im Polizeidienst auf. Auch hier zeigen sich &#8211; ebenfalls auf unterschiedlichem Niveau &#8211; deutsch-deutsche Parallelen. Schon aus Mangel an gen\u00fcgend geeigneten m\u00e4nnlichen Bewerbern \u00f6ffneten die Besatzungsbeh\u00f6rden die Polizei f\u00fcr Frauen. Gern gesehen waren diese in der M\u00e4nnerdom\u00e4ne jedoch weder in West noch in Ost. Je weiter sich die Strukturen wieder festigten, umso st\u00e4rker wurden die Vorbehalte. W\u00e4hrend auf Westseite offen chauvinistisch gegen Frauen argumentiert wurde, griffen die Kollegen der Ostseite eher zu ideologischen Begr\u00fcndungen und erkl\u00e4rten, es sei &#8222;besonders schwierig, die weiblichen Angestellten auch weltanschaulich zu schulen &#8230; Nach den bisherigen Erfahrungen legen die meisten in politischen Dingen eine gewisse Naivit\u00e4t und Uninteressiertheit an den Tag&#8220;. Lange w\u00e4hrte das Intermezzo von Frauen in der Polizei dann auch nicht. Erst seit Ende der 70er Jahre hat sich die deutsche Polizei, wiederum nach erheblichen Widerst\u00e4nden, vollst\u00e4ndig f\u00fcr Frauen ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Insgesamt ein \u00e4u\u00dferst interessantes Buch. \u00c4rgerlicherweise fehlt im Anhang jedoch ein Personenregister. Das macht das Wiederauffinden der Akteure und ihrer beruflichen Kontinuit\u00e4t unn\u00f6tig schwer.<\/p>\n<p><b>Diedrich, Torsten; Wenzke, R\u00fcdiger:<\/b> <i>Die getarnte Armee. Geschichte der Kasernierten Volkspolizei der DDR 1952-1956, Berlin 2001 (Christoph Links Verlag), 921 S., DM 68,-<\/i><br \/>\nDie Anf\u00e4nge der Polizei (und des Milit\u00e4rs) in der DDR zeichnet dieses Buch nach. Unmittelbar nach Kriegsende sollten m\u00f6glichst schnell funktionsf\u00e4hige Polizeiorgane geschaffen werden. Nach dem Willen der sowjetischen Milit\u00e4radministration (SMAD)und KPD sollten die neuen Polizisten aus der Arbeiter- und Bauernschaft rekrutiert und von Funktion\u00e4ren der Partei gef\u00fchrt werden. Ehemalige Polizeibeamte wurden mehr und mehr heraus gedr\u00e4ngt. Ende 1945 bestanden die Schutzpolizeiformationen bereits zu 80% aus Angeh\u00f6rigen der Arbeiterschaft. Viele von ihnen mussten nach kurzer Zeit wegen mangelnder Qualifikation wieder entlassen werden oder gingen von selbst, wenn sie in ihren Berufen wieder Arbeit fanden. Dennoch erreichte die neuaufgestellte &#8222;Volkspolizei&#8220; Ende 1946 eine Gesamtst\u00e4rke von rund 40.000 Mann, die schrittweise nun auch mit Handfeuerwaffen ausger\u00fcstet wurden.<\/p>\n<p>Doch die Pl\u00e4ne gingen von Anbeginn weiter, wie die Autoren vom Milit\u00e4rgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam \u00fcberzeugend darlegen. Im Fr\u00fchjahr 1948 versammelten sich die ostdeutschen Innenminister zu einer besonderen Konferenz. Wichtigster Tagesordnungspunkt war die Aufstellung einer &#8222;kasernierten Polizei&#8220;. Um Schwierigkeiten mit dem Alliierten Kontrollrat zu vermeiden, schlug der stellvertretende SED-Vorsitzende Walter Ulbricht hierf\u00fcr die Bezeichnung &#8222;Bereitschaften&#8220; vor. F\u00fcr diese neue Truppe, so Ulbricht, brauche man &#8222;Leute, die Fronterfahrungen, Leute, die Spanienerfahrungen oder sich auch sonst im Kampf bew\u00e4hrt haben&#8220;. Geplant war der verdeckte Aufbau milit\u00e4rischer Strukturen. Noch im selben Jahr begann die Werbung f\u00fcr die neuen Bereitschaften und auch ein Gro\u00dfteil der Polizisten wurde, trotz permanenter Unterbesetzung aller Sparten, zwangsweise dorthin versetzt. Dennoch reichten die zur Verf\u00fcgung stehenden Ressourcen nicht aus. Durch Vermittlung des SMAD erkl\u00e4rte sich die Sowjetunion daher bereit, in ihren Gefangenenlagern ehemalige Wehrmachtsangeh\u00f6rige, darunter auch Offiziere und Gener\u00e4le, zu werben. Sie wurden vor die Alternative gestellt, sich entweder dem Aufbau der Polizeibereitschaften zur Verf\u00fcgung zu stellen oder weiter in Gefangenschaft zu bleiben. Die Wahl war nicht schwer, und f\u00fcr nicht wenige ehemalige Wehrmachtsoffiziere war es der Beginn einer neuen milit\u00e4rischen Karriere. Im Sommer 1953 geh\u00f6rten den nach sowjetischem Vorbild strukturierten Verb\u00e4nden der &#8222;Kasernierten Volkspolizei&#8220; (KVP), wie die Truppe seit einem Jahr hie\u00df, bereits rund 113.000 Mann an. Bewaffnet waren sie unter anderem mit Panzern, Artillerie, Flugzeugen und K\u00fcstenschutzbooten. Allerdings traute die Staatsf\u00fchrung der neuen Truppe nicht. Die unter strenger Geheimhaltung durchgef\u00fchrten KVP-\u00dcbungen wurden ohne oder nur mit begrenzter Munition durchgef\u00fchrt. Auch w\u00e4hrend des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 wurden die Kr\u00e4fte der KVP erst sp\u00e4t und auf Weisung der DDR-F\u00fchrung in den meisten F\u00e4llen ohne Munition eingesetzt. So sollte sichergestellt werden, dass den sowjetischen Truppen auch dann nur schwache Kr\u00e4fte gegen\u00fcber st\u00fcnden, wenn die KVP-Angeh\u00f6rigen sich auf die Seite der Bev\u00f6lkerung stellen sollten. Auf solche, ebenso \u00fcberraschenden wie h\u00e4ufig erschreckenden Einzelheiten st\u00f6\u00dft man im Buch von Diedrich\/Wenzke des \u00f6fteren. Insgesamt schlie\u00dft das umfangreiche Werk sowohl in der Geschichts- wie auch in der Polizeiforschung eine L\u00fccke. Detailliert stellt es die einzelnen Etappen der KVP auf dem Weg zur &#8222;Nationalen Volksarmee&#8220; dar.<br \/>\n(beide: Otto Diederichs)<\/p>\n<p><b>Verein f\u00fcr ein multikulturelles Europa e.V.:<\/b> <i>Untersuchung und Dokumentation des Polizeieinsatzes im Zusammenhang mit den sogenannten &#8222;Chaostagen&#8220; im August 2001 in Cottbus (Brandenburg), <a href=\"http:\/\/www.zelle79.info\/ctd\">http:\/\/www.zelle79.info\/ctd<\/a><\/i><br \/>\nNachdem eine Zeitung berichtet hatte, f\u00fcr Anfang August h\u00e4tten sich Punks zu &#8222;Chaostagen&#8220; in Cottbus verabredet, unternahmen Stadtverwaltung und Polizei alles, um ein solches Treffen zu verhindern: Veranstaltungsverbote, Polizei- und BGS-Kontrollen von Bahnh\u00f6fen und Stra\u00dfen, Platzverweise, Aufenthaltsverbote und Ingewahrsamnahmen. Die lesenswerte Online-Dokumentation zeigt eine Kleinstadt im Ausnahmezustand &#8211; hervorgerufen durch vage Spekulationen und fast ohne Punks.<br \/>\n(Norbert P\u00fctter)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Schwerpunkt Im Unterschied zu Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber &#8222;den Terrorismus&#8220; ist die Literatur \u00fcber die staatliche<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[76,148],"tags":[],"class_list":["post-1569","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cilip-070","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1569","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1569"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1569\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1569"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1569"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1569"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}