{"id":17936,"date":"2020-09-16T12:57:16","date_gmt":"2020-09-16T12:57:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=17936"},"modified":"2020-09-16T12:57:16","modified_gmt":"2020-09-16T12:57:16","slug":"alltagspolizieren-zugriff-rueckzug-eine-einleitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=17936","title":{"rendered":"Alltagspolizieren \u2013 Zugriff &amp; R\u00fcckzug: Eine Einleitung"},"content":{"rendered":"<h3>von Jenny K\u00fcnkel und Norbert P\u00fctter<\/h3>\n<p><strong>Wo und wie greift Polizei in den Alltag der Menschen ein \u2013 oder auch nicht? Wem dient die Polizei als Ressource, wer ruft die Polizei? Aber auch: Wo wird sie ungefragt aktiv, gegen\u00fcber wem entfaltet sie besonderes Engagement? Im Ergebnis zeigt sich: Was die Polizei f\u00fcr den b\u00fcrgerlichen Alltag bedeutet, h\u00e4ngt deutlich ab von der sozialen Position der Polizierten. <\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber den Alltag zumindest der Landespolizeien wissen wir Einiges: Jene Forscher*innen, die Einblick erhalten, dokumentieren z.B. die immer noch maskulinistisch-rassistische Cop Culture, Praktiken der Kriminalpr\u00e4vention oder die Neoliberalisierung und Digitalisierung des Arbeitsalltags.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Obgleich sich der Feldzugang einfacher gestaltet, ist seltener Thema, wie Polizei den Alltag von Polizierten formt. Und wenn, dann geht es meist um die gesellschaftlichen R\u00e4nder.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Dies ist kein Zufall. Gerade beim Polizieren des Alltags zeigen sich Machtverh\u00e4ltnisse besonders deutlich. <!--more-->Die wei\u00df-deutsche Mittel- und Oberschicht und politische Mitte d\u00fcrfte im Alltag \u2013 also in ihren Routinen, dem t\u00e4glichen Leben jenseits der Ausnahmezust\u00e4nde von Diebstahl, Einbruch oder dem Auffliegen eigener Regelbr\u00fcche \u2013 kaum in Kontakt mit den Uniformierten kommen. Bevor \u201eCorona\u201c den allt\u00e4glichen Polizeizugriff erweiterte<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, mag dies am ehesten bei Verkehrskontrollen, den R\u00e4uber-und-Gendarm-Spielen ihrer Kinder oder der morgendlichen Zeitungslekt\u00fcre der Fall gewesen sein. Ganz anders sieht der Kontrollalltag von jenen aus, die mangels privater R\u00fcckzugsr\u00e4ume erhebliche Teile ihres Lebens auf die Stra\u00dfe verlegen (m\u00fcssen), deren Aussehen oder Praktiken im \u00f6ffentlichen Raum von herrschenden Normen abweichen oder die sich extrem prek\u00e4r durch das Leben schlagen. Drogenszenen, Obdachlose oder People of Colour, darunter v.a. junge M\u00e4nner, aber selbst Familien, wenn sie z.B. im Park grillen, unterliegen dem permanenten Zugriff der Institutionen, die f\u00fcr die Herstellung \u00f6ffentlicher Ordnung zust\u00e4ndig sind: Polizeien, Ordnungs\u00e4mter sowie z.B. in Bahnh\u00f6fen auch private Sicherheitsdienste. Manch eingefleischtem Fu\u00dfballfan begegnet die Polizei noch bevor er zum Spiel das Haus verl\u00e4sst in Form der \u201aGef\u00e4hrderansprache\u2018.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Auch wer politisch abweicht, dem dringt die Staatsmacht mit Telefon\u00fcberwachung, Trojanern oder verdeckten Ermittler*innen in die Privat- und bisweilen gar die Intimsph\u00e4re.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Zugleich verhindern oder erschweren Marginalisierungsprozesse, dass Ordnungskr\u00e4fte als Alltagsressource genutzt werden: Wer z.B. f\u00fcrchten muss, aus ausl\u00e4nderrechtlichen Gr\u00fcnden abgeschoben zu werden oder als Sexarbeiter*in bei sexueller Gewalt wenig Glauben zu erhalten, ruft kaum die Polizei. Und wenngleich dies f\u00fcr Deutschland erst erforscht werden muss, sto\u00dfen z.B. Migrant*innen, die in den USA, selbst wenn sie die Polizei rufen, auf mangelnde Sprachkenntnisse und kulturelle Sensibilit\u00e4ten, was geringe Verurteilungsraten bei Gewaltt\u00e4ter*innen nach sich zieht.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Umgekehrt schlagen sich rassistische Denkweisen dortiger <em>Wei\u00dfer<\/em> nicht nur darin nieder, dass \u00fcberproportional banale Alltagshandlungen Schwarzer an die Polizei gemeldet werden, sondern <em>Wei\u00dfe<\/em> profitieren bisweilen sogar strategisch vom strukturellen Rassismus der Strafverfolgungsbeh\u00f6rden.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<h4>\u00d6ffentlich \/ privat \u2013 Verantwortungen &amp; Zugriffe<\/h4>\n<p>Die Ungleichheiten des Alltagspolizierens verlaufen entlang von Ethnie, Nationalit\u00e4t, Klasse, Geschlecht und weiteren Herrschaftsverh\u00e4ltnissen. Sie sind aber zugleich eng mit der Konstitution von \u00d6ffentlichkeit und Privatheit verkn\u00fcpft. Seit der b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Herausbildung von Privateigentum und \u00f6ffentlicher Sph\u00e4re verhandelt die Frage \u201eWas ist \u00f6ffentlich, was privat?\u201c immer auch gesellschaftlich ungleich verteilte M\u00f6glichkeiten: Wer kann in welchem Bereich unerw\u00fcnschte staatliche Zugriffe abwehren und wer kann wo erw\u00fcnschte staatliche Verantwortung einfordern?<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>In diesem Sinne ist auch die Frage, f\u00fcr welche (Alltags-)Konflikte die Polizei zust\u00e4ndig ist und f\u00fcr welche andere \u00f6ffentlich finanzierte oder private Institutionen (wie Soziale Arbeit, Familie oder Communities), stets umk\u00e4mpft.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> So forderten beispielsweise Feministinnen seit den 1970er Jahren vehement ein, dass \u201eh\u00e4usliche Gewalt\u201c kein Privatproblem ist, und die Polizei sich zust\u00e4ndig f\u00fchlen sollte. Mit \u201eErfolg\u201c: die Verschiebung gesellschaftlicher Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse verdichtete sich z.B. in einigen geschulten Beamt*innen auf den Revieren und spezialisierten Dienststellen bei Landeskriminal\u00e4mtern, die das Thema Hand in Hand mit Frauenh\u00e4usern bearbeiten.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig sch\u00e4tzen jene Communities, welche die Polizei in ihren Vierteln vor allem als Kontrollmacht oder gar als Gefahr erleben und deren vor allem junge m\u00e4nnliche Bev\u00f6lkerung ohnehin \u00fcberproportional im Gef\u00e4ngnis eingesperrt ist, den erweiterten polizeilichen Zugriff auf die Privatsph\u00e4re weniger. So kritisierten etwa Schwarze Feminist*innen in den USA den Ruf nach der Polizei zu L\u00f6sung von <em>intimite partner violence<\/em> als <em>wei\u00dfe<\/em> Mittelschichtsperspektive, die die Gefahren f\u00fcr Schwarze durch Polizei und Gef\u00e4ngnis negiert, und sie bef\u00f6rderten alternative L\u00f6sungen zum Umgang mit Alltagskonflikten und Gewalt wie <em>community accountablity<\/em> und <em>transformative justice<\/em> (die allerdings auch nicht machtfrei sind).<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<h4>Zu Leibe r\u00fccken und R\u00fcckz\u00fcge der Polizei<\/h4>\n<p>Bez\u00fcglich der Frage, f\u00fcr welche Alltagsprobleme die Polizei angerufen wird, treffen in der j\u00fcngeren Vergangenheit widerspr\u00fcchliche Trends aufeinander. Einerseits f\u00fchrten Prozesse der Individualisierung dazu, dass heute eher formale Institutionen wie Polizei oder Soziale Arbeit f\u00fcr die Konfliktl\u00f6sung zust\u00e4ndig sind als informelle, wie Familie oder lokale Gemeinschaft. Dabei ist die Polizei als Vertreterin des Gewaltmonopols als einzige Institution rund um die Uhr erreichbar und daher zentrale Ansprechpartnerin.<\/p>\n<p>Andererseits zog sich die Polizei mit den Reformen der 1970er Jahre \u2013 Verstaatlichung der letzten Gemeindepolizeien (1975), Aufl\u00f6sung von Revieren, Technisierung \u2013 zun\u00e4chst aus den Stadtvierteln zur\u00fcck. Damit entfernte sie sich auch vom Alltag der breiten Bev\u00f6lkerung. Doch bald schon diente, ausgehend von US-amerikanischen Diskursen, das Narrativ, dass Notruf, Computer und Auto statt Fu\u00dfstreifen zum Verfall von Nachbarschaften beigetragen h\u00e4tten, zur Begr\u00fcndung neoliberaler Polizeireformen.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Schon in den 1970er Jahren waren die \u201eKontaktbereichsbeamten\u201c oder \u201eRevierpolizisten\u201c als Kompensation f\u00fcr den \u201eR\u00fcckzug aus der Fl\u00e4che\u201c gedacht. In den nachfolgenden Organisationsreformen \u2013 bei denen es regelm\u00e4\u00dfig um die Bildung gr\u00f6\u00dferer Einheiten und Einzugsbereiche ging \u2013 wurde diese Linie fortgesetzt: etwa durch die Einrichtung von dezentralen Polizeisprechstunden, durch Mobile Wachen, durch den digitalen Zugang als \u201eInternetwache\u201c oder die Etablierung von spezifischen Zust\u00e4ndigkeiten im Rahmen von \u201eSicherheitspartnerschaften\u201c oder \u201eKooperationsvereinbarungen\u201c.<\/p>\n<p>Seit den 1990er Jahren findet die alltagsrelevante Ausdehnung polizeilicher Aktivit\u00e4ten unter pr\u00e4ventiver Zielsetzung statt. War die traditionelle polizeiliche Kriminalpr\u00e4vention auf Aufkl\u00e4rung und Beratung beschr\u00e4nkt \u2013 so wie das im \u201eProgramm polizeiliche Kriminalpr\u00e4vention der L\u00e4ndern und des Bundes (ProPK)\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> weiterhin betrieben wird \u2013, so sind die Aktivit\u00e4ten in den lokalen kriminalpr\u00e4ventiven R\u00e4ten<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> sowie in den vielf\u00e4ltigen, je nach Bundesland variierenden Ordnungs- oder Sicherheitspartnerschaften Kennzeichen der neueren Entwicklung. In der Selbstdarstellung zur\u00fcckgenommen \u2013 Polizei versteht sich als ein Partner unter vielen \u2013, findet so eine Verallt\u00e4glichung und Normalisierung polizeilicher Pr\u00e4senz statt.<\/p>\n<p>So r\u00fcckte die Polizei wieder verst\u00e4rkt n\u00e4her an die B\u00fcrger*innen und versuchte zugleich, die \u201eZivilgesellschaft\u201c und ihre Institutionen in das plurale Polizieren einzubinden. Die pr\u00e4ventive Orientierung vergr\u00f6\u00dfert das Risiko des ungewollten Polizeizugriffs f\u00fcr jene Gruppen, die ohnehin typischerweise im Visier der Polizei sind.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Gleichwohl kann keineswegs von einem ungebrochenen, kontinuierlichen Vordringen der Polizei in den Alltag der Menschen und einer st\u00e4ndigen Ausweitung von Aufgaben die Rede sein. Vielmehr ist gleichzeitig das Bestreben erkennbar, dass sich die Polizei von manchen allt\u00e4glichen Bel\u00e4stigungen entlasten m\u00f6chte. Die Aufrechterhaltung der \u201e\u00f6ffentlichen Ordnung\u201c aus den Polizeigesetzen zu streichen, ist \u00fcber Anf\u00e4nge in einigen sozialdemokratisch regierten Bundesl\u00e4ndern nicht hinausgekommen.<\/p>\n<p>Aber in der Verwaltungspraxis kam es zu deutlichen Verschiebungen: Hierzu z\u00e4hlt insbesondere der (Wieder-)Aufbau uniformierter Kr\u00e4fte in den Ordnungs\u00e4mtern,<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> die nun mit der Verfolgung und Ahndung von Ordnungswidrigkeiten befasst werden konnten \u2013 von der Kontrolle des ruhenden Stra\u00dfenverkehrs bis zur Einhaltung kommunaler Satzungen. W\u00e4hrend die Aufwertung der Ordnungs\u00e4mter (auch anderer origin\u00e4r zust\u00e4ndiger \u00c4mter) dazu f\u00fchren sollte, dass die Polizei ihre Ressourcen auf das verwenden kann, was sie als ihre \u201eorigin\u00e4re\u201c Aufgabe definiert, wurden auch neue Organisationsformen geschaffen, die den professionalisierten Polizeiapparat von einfachen Kontrollaufgaben (und damit von der Sichtbarkeit im Alltag) entlasten sollten, indem einfache Kontrollaufgaben ausgelagert wurden. Dabei reicht das Spektrum von den Quasi-Polizeistreifen der \u201eSicherheitpartner\u201cin Brandenburg bis zu den \u201eSicherheitswachten\u201c in Bayern und Sachsen.<\/p>\n<p>So zeigt sich insgesamt eine zweigleisige Entwicklung: Professionalisierte und spezialisierte Polizeiarbeit, die sich den (Kriminalit\u00e4ts-) Bereichen widmet, die je im Fokus stehen, begleitet von einer pr\u00e4ventiven Ausstrahlung auf verschiedene soziale Sachverhalte auf der einen Seite; und gleichzeitig der Versuch, die niederen Arbeiten handwerklicher Kontroll\u00adarbeiten an andere abzugeben.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die gesellschaftlichen Wirkungen zeigt sich ein komplexes Bild. Denn der institutionelle Kontrollmix (spezialisierte Strafverfolgung, spezifische Pr\u00e4ventionsarrangements, niedrigschwellige Kontrollformen) entfalten f\u00fcr unterschiedliche soziale Gruppen unterschiedliche Wirkungen: Wenn Schulen erlassm\u00e4\u00dfig gezwungen werden, Delikte im schulischen Kontext zur Strafanzeige zu bringen, dann wird die Kriminalisierungsspirale fr\u00fchzeitig in Gang gesetzt. Wenn lokale Partnerschaften Innenst\u00e4dte wieder lebenswerter machen wollen, dann f\u00fchrt das zur Verdr\u00e4ngung von sozialen Randgruppen: Obdachlose, Drogenkonsumierende, jugendliche Subkulturen. Und wenn ethnisch definierte Minderheiten besonderen Kontrollen unterworfen werden, dann verfestigt das ihre gesellschaftliche Randst\u00e4ndigkeit.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n<h4>Widerst\u00e4nde gegen polizeiliche Einmischung<\/h4>\n<p>Dieser ungleich ausgeweitete polizeiliche Zugriff auf den Alltag der Bev\u00f6lkerung ist umk\u00e4mpft. Riots entz\u00fcnden sich h\u00e4ufig an als unzumutbar erlebten Polizeieingriffen in das t\u00e4gliche Leben. So starteten etwa die j\u00fcngsten Auseinandersetzung in Stuttgart, nachdem sich die Polizei in gem\u00fctliches Herumsitzen und Kiffen, mithin den Alltag von Jugendlichen, einmischte. Noch deutlicher wird dies, wo Alltagshandlungen zur Lebensgefahr werden \u2013 Stichwort \u201edriving while black\u201c, \u201eblack lives matter\u201c etc.<\/p>\n<p>Wenn aktuell in den USA und weltweit dazu aufgerufen wird, der Polizei die Finanzierung zu entziehen <em>(Defund the police!),<\/em> dann geht es genau um diese Fragen: Wen sch\u00fctzt die Polizei vor was? In welchem Ma\u00dfe geht es bei Polizeiarbeit \u00fcberhaupt um Gewalt oder andere Sch\u00e4den? Wo handelt es sich allein um St\u00f6rungen des Normalit\u00e4tsverst\u00e4ndnisses gesellschaftlich privilegierter Schichten? Und welche anderen Institutionen und Politiken \u2013 von Wohnungsbau \u00fcber Drogenhilfeeinrichtungen bis zu einem bedingungslosen Grundeinkommen \u2013 k\u00f6nnten Alltagskonflikte und Gewalt besser l\u00f6sen?<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<h4>Allt\u00e4gliche Unsichtbarkeit<\/h4>\n<p>Die Frage nach der \u201ePolizei im Alltag\u201c ersch\u00f6pft sich nicht in deren sichtbarem Erscheinen. Die moderne Polizei ist auch da, wenn sie nicht physisch in Erscheinung tritt. Das gilt in einem doppelten Sinne: Zun\u00e4chst sehr praktisch besch\u00e4ftigt sich Polizei mit sozialen Sachverhalten, ohne dass die Betroffenen davon wissen. Ermittlungsverfahren werden ohne Mitteilung an die Tatverd\u00e4chtigen er\u00f6ffnet, Vorfeldermittlungen geschehen ohne Benachrichtigungen, das Arsenal verdeckter Methoden ist durch ihre Nichtwahrnehmbarkeit definiert. Man mag einwenden, hier handele es sich nicht um den b\u00fcrgerlichen Alltag, sondern die seltenen kriminellen Ausnahmen. Aber in dem Ma\u00dfe, in dem die geheimen Methoden ausgebaut und die Strategien der Verdachtssch\u00f6pfung betrieben werden, wird der nicht kriminalisierte Alltag zum polizeilichen Gegenstand. Und dies gilt wiederum f\u00fcr bestimmte soziale Milieus oder Gruppen, die der verdichteten \u00dcberwachung ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Die Alltagsrelevanz der Polizei besteht aber auch in einem \u00fcbertragenen Sinne. Denn als staatliches Versprechen, Sicherheit notfalls mit Gewalt zu gew\u00e4hrleisten, \u00fcberw\u00f6lbt sie den Alltag: Mitunter auch als Versprechen f\u00fcr die sozial Schwachen und Randst\u00e4ndigen, auch ihre pers\u00f6nliche Sicherheit zu gew\u00e4hrleisten, durchweg hingegen als eine Einrichtung zur Aufrechterhaltung des Status quo ungleicher Lebens- und Entfaltungschancen.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0vgl. Hunold, D.: \u201eWer hat jetzt die gr\u00f6\u00dferen Eier?!\u201c \u2013 Polizeialltag, hegemoniale M\u00e4nnlichkeit und reflexive Ethnografie, in: Howe, C.; Ostermeier, L. (Hg.): Polizei und Gesellschaft, Wiesbaden 2019, S. 47-69. Caveney, N.; Scott, P.; Williams, S.; Howe-Walsh, L.: Police reform, austerity and \u2018cop culture\u2019: time to change the record?, in: Policing and Society 2019, H. 2, S. 1-16; Eubanks, V.: Automating inequality. How high-tech tools profile, police, and punish the poor, New York 2018<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0z.B. Stuart, F.: Down, Out, and Under Arrest. Policing and Everyday Life in Skid Row, Chicago 2016<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0vgl. Aden, Bosch und F\u00e4hrmann in diesem Heft<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0vgl. Furmaniak in diesem Heft<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0\u00a0so etwa im Falle der verdeckten Ermittlerinnen, die in Hamburg Sex mit den \u00dcberwachten hatten, vgl. \u201eDie Spionin, die ich liebte\u201c, Zeit v. 29.8.2015<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0\u00a0Aguilar-Hass, G. et al. (2005): Calls to Police and Police Response: A Case Study of Latina Immigrant Women in the USA, in: International Journal of Police Science &amp; Management 2005, H. 4, S. 230\u2013244<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0\u00a0McNamarah, C.: White Caller Crime: Racialized Police Communication and Existing While Black, in: Michigan Journal of Race and Law 2019, H. 2, S. 335-415<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0\u00a0vgl. Belina, B.: Ending Public Space as We Know It, in: Social Justice 2011, H. 1-2, S. S. 13\u201327<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0\u00a0Cremer-Sch\u00e4fer, H.: Zur Aktualit\u00e4t der Etikettierungsperspektive als Ideologiekritik. Ein Beitrag zur Debatte um kritische Polizeiforschung, in: sub\\urban 2014, H. 2, S. 65\u201370<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> vgl. Haller in diesem Heft<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> \u00a0vgl. Piening\/K\u00fcnkel in diesem Heft<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> K\u00fcnkel, J.: Die Verschiebung lokaler Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse durch Politiktransferdiskurse, in: ACME 2018, H. 1, S. 17\u201348<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.polizei-beratung.de\/startseite-und-aktionen\">https:\/\/www.polizei-beratung.de\/startseite-und-aktionen<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Schreiber, V.: Fraktale Sicherheiten, Bielefeld 2011<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> vgl. B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 86 (H. 1\/2007), Schwerpunkt \u201ePr\u00e4vention und ihre Abgr\u00fcnde\u201c<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> s. P\u00fctter, N.: Streifen der Ordnungs\u00e4mter, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 66 (H. 2, 2000), S. 48-50; zu den aktuellen Rechtsgrundlagen: Balzer, C.: Kommunale Ordnungsdienste, Wiesbaden 2019<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Fassin, D.: Enforcing Order: An Ethnography of Urban Policing. Cambridge 2013<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> vgl. <a href=\"http:\/\/www.cilip.de\/tag\/defund-the-police\">www.cilip.de\/tag\/defund-the-police<\/a><\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Jenny K\u00fcnkel und Norbert P\u00fctter Wo und wie greift Polizei in den Alltag der<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,127],"tags":[425,1094,1141,1186],"class_list":["post-17936","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-123","tag-defund-the-police","tag-polizei","tag-polizieren","tag-rassismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17936","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17936"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17936\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17936"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17936"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17936"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}