{"id":18046,"date":"2017-09-06T17:27:49","date_gmt":"2017-09-06T17:27:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=18046"},"modified":"2017-09-06T17:27:49","modified_gmt":"2017-09-06T17:27:49","slug":"in-der-terroristenabteilung-deradikalisierung-in-haft-niederlaendische-versuche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=18046","title":{"rendered":"In der &#8222;Terroristenabteilung&#8220; Deradikalisierung in Haft \u2013 niederl\u00e4ndische Versuche"},"content":{"rendered":"<h3>von Willem de Haan<\/h3>\n<p><strong>Damit sie andere Gefangene nicht beeinflussen, werden in den Niederlanden Terror\u00adverd\u00e4chtige oder wegen \u201eterroristischer Straf\u00adta\u00adten\u201c Verurteilte seit 2006 in Sonderabteilungen der Haftanstal\u00adten \u201ede Schie\u201c (Rotterdam) und Vught untergebracht. Rund 30 Men\u00adschen sitzen derzeit dort ein. Deradikalisierung ist nicht das offi\u00adzi\u00adel\u00adle Ziel der Haft; die Gef\u00e4ngnis-MitarbeiterInnen haben auch kaum Erfahrung damit. Der Autor war 2016 als erster Pres\u00adse\u00adver\u00adtre\u00adter einige Tage in der \u201eTerroristenabteilung\u201c in Vught unterwegs.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Im \u201eWohnzimmer\u201c der Unterabteilung \u201e9F\u201c der \u201eTerroristenabteilung\u201c der Haftanstalt Vught, sagt einer der einsitzenden \u201eTerroristen\u201c: \u201eWir haben radikale Gedanken und das ist nicht in Ordnung. Aber wir m\u00fcssen als ungef\u00e4hrliche Menschen wieder nach drau\u00dfen kommen k\u00f6nnen; das ist aber nicht vorgesehen.\u201d<!--more--><\/p>\n<p>Anders als in Belgien, wo es schwere Anschl\u00e4ge gab und deshalb auch eine Vielzahl terrorverd\u00e4chtigter und verurteilter Personen in Haft sitzt, sind die Niederlande \u2013 abgesehen vom Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh im Jahr 2004 \u2013 bis jetzt von terroristischen Gewalttaten verschont gebelieben. In den Niederlanden gibt es auch nur eine relativ kleine Anzahl von Terrorverd\u00e4chtigten und Verurteilten. Den derzeit Inhaftierten wird vorgeworfen, IS-Propagandamaterial verbreitet oder Aufrufe vorbereitet zu haben, ihre Ausreise nach Syrien oder in den Irak geplant oder Hass ges\u00e4t zu haben. Auch der M\u00f6rder von Theo van Gogh, Mohammed B., sitzt in der \u201eTerroristenabteilung\u201c. Zudem erwarten die niederl\u00e4ndischen Sicherheitsbeh\u00f6rden die R\u00fcckkehr einer Vielzahl von DschihadistInnen aus Syrien und dem Irak. Die Sicherheitsbeh\u00f6rden sprechen von rund 280 Niederl\u00e4nderInnen, die in den vergangenen Jahren nach Syrien oder in den Irak ausgereist sein sollen; \u00fcberwiegend mit marokkanischem Migrationshintergrund. Gegen einen Teil von ihnen bereitet die Staatsanwaltschaft Anklagen vor: Sollten sie versuchen unterzutauchen, k\u00f6nnen sie direkt festgenommen und vor ein Gericht gebracht werden.<\/p>\n<h4>Deradikalisierung kein offizielles Ziel<\/h4>\n<p>Deradikalisierung ist in den Niederlanden kein Ziel der Inhaftierung. Die niederl\u00e4ndische Politik fokussiert bis jetzt darauf, innerhalb der Gef\u00e4ngnisse zwischen \u201eR\u00e4delsf\u00fchrern\u201c und \u201eMitl\u00e4ufern\u201c zu trennen. F\u00fcr das Personal der \u201eTerroristenabteilung\u201c in Vught geh\u00f6rt Mohammed B., der M\u00f6rder von Theo van Gogh, zu den Ersteren. Er habe \u201eeinen hohen Status\u201c inne, erkl\u00e4rten mir die Angestellten der Haftanstalt Vught in den Tagen meiner Besuche. Denn er habe f\u00fcr seine Ideale eine Tat ver\u00fcbt und zahle daf\u00fcr den h\u00f6chsten Preis: n\u00e4mlich lebensl\u00e4nglich. F\u00fcr einen Teil der Inhaftierten ist er damit ein Vorbild; andere hingegen scheinen \u2013 warum auch immer \u2013 gegen\u00fcber seinem radikalen Gedankengut Distanz zu halten und geraten dadurch unter Druck von B.s Bewunderern, die ihnen wiederum Feigheit oder gar Schlimmeres vorwerfen. Dies beginnt h\u00e4ufig dann, wenn eine Gruppe Inhaftierter kollektiv protestieren will gegen dieses oder jenes. Ein Justizangestellter: \u201eMan klammert sich hier schnell aneinander, und dann entsteht ein gro\u00dfer Gruppenzwang: Man muss alles mitmachen; und wenn man etwa bei einem Hungerstreik nicht mitmacht, dann gilt man als Abtr\u00fcnniger und muss eine Menge \u00c4rger von den anderen \u00fcber sich ergehen lassen.\u201d Das sind die Gr\u00fcnde, warum die Anstaltsleitung in Vught mittlerweile verschiedene Abteilungen kreiert hat, in denen die \u201eterroristischen\u201c Gefangenen in kleinen Gruppen, aber sehr wohl isoliert von den anderen, wohnen m\u00fcssen. Das sei zwar relativ teuer, aber wirkungsvoll.<\/p>\n<p>In Vught wird viel unternommen, um das \u201eGedankengut\u201c der Inhaftierten besprechbar zu machen. Aber die Vorhaben sind unterschiedlich: \u201eUnser oberstes Ziel\u201c, sagt Leiter Yola Wanders (59), \u201eist es, \u00fcberhaupt ins Gespr\u00e4ch zu kommen mit dieser Gruppe. Wenn wir diesen Kontakt nicht herstellen k\u00f6nnen, kann nichts starten.\u201d Dar\u00fcber hinaus wird auf normale menschliche Umgangsformen viel Wert gelegt: Guten-Tag-Sagen, Anderen die T\u00fcr offen halten, Smalltalk im Innenhof f\u00fchren. Bei Treffen wird das Benehmen der Gefangenen ausf\u00fchrlich besprochen. In F\u00e4llen, in denen \u201eBewegung\u201c festgestellt wird, gebe es mehr M\u00f6glichkeiten zu Gespr\u00e4chen, als bei Personen, die sich in ihrer Radikalit\u00e4t \u201everschanzen\u201c.<\/p>\n<h4>Denke, was Du willst<\/h4>\n<p>Aber wann wird Radikalit\u00e4t zum Problem? Bevor ich die \u201eTerroristenabteilungen\u201c besuchte, habe ich erwartet, dass viele Inhaftierte hier extrem mit ihrem Glauben besch\u00e4ftigt seien, aber das gilt beileibe nicht f\u00fcr alle. \u201eUnd sonst\u201d, sagt Anstaltspsychiater Erik Masthof, mit dem ich dar\u00fcber spreche: \u201eDu kannst denken, was Du willst.\u201d Es sei denn, sagt er, extreme Vorstellungen spiegeln sich in einem psychiatrischen Krankenbild wider und die Vorstellungen nehmen gef\u00e4hrliche oder gewaltt\u00e4tige Dimensionen an: \u201eDann muss man die Person auch behandeln.\u201d Mastof, der auf eine langj\u00e4hrige Berufserfahrung zur\u00fcckblicken kann, gibt ein Beispiel: \u201eWenn jemand auf einem Bahnhof mit einer Kalaschnikow herumtorkelt und \u201aAllah Akbar\u2018 ruft, geht es wahrscheinlich um jemanden mit einer Psychose, die ich mit Medikamenten gut behandeln kann.\u201d<\/p>\n<p>Der Leiter der islamischen seelsorgerischen Betreuung, Imam Dr. Mohamed Ajoujou, \u00fcberl\u00e4sst die Initiative, \u00fcber Radikalit\u00e4t zu sprechen, den Inhaftierten. \u201eDie Arbeit des Imams innerhalb der Justizvollzugsanstalt besteht in erster Linie darin, seelsorgerisch t\u00e4tig zu sein.\u201d Ajoujou sagt aber auch: Wenn ein Gefangener zu mir sagt: \u201aIch bin ein Soldat Allahs\u2018, dann suche ich das Gespr\u00e4ch.\u201c Dabei sei er jedoch immer \u00e4u\u00dferst vorsichtig: \u201eDann frage ich: \u201aWarum denkst Du das? Und was bedeutet das dann f\u00fcr Dich?\u2018\u201c Es habe keinen Sinn, dagegen hart oder offensiv vorzugehen, das mache Menschen argw\u00f6hnisch: \u201eSie wenden sich von Dir ab.\u201c<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig n\u00fcchtern ist der Ansatz der jungen Justizpsychologin Gabi Thijssen. Bei Neu-Inhaftierten stellt sie sich immer vor, erl\u00e4utert ihre Funktion und erz\u00e4hlt, was sie anzubieten hat. Die meisten Inhaftierten beginnen das Gespr\u00e4ch sehr wohl, sagt sie, es gibt lediglich Einzelne, die sich weigern, ihr als Frau die Hand zu geben und mit ihr zu reden. Thijsen hat ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Gruppenzwang: \u201eWenn ich den Eindruck habe, dass jemand vor anderen nicht seine eigene Meinung sagen darf und Angst vor den R\u00e4delsf\u00fchrern hat, dann w\u00e4ge ich das sehr wohl ab.\u201c Woraufhin ich frage: \u201eFunktioniert das \u00fcberhaupt? Und was halten sie davon?\u201c<\/p>\n<p>Leiter Yola Wanders ist froh, dass es seit einer Weile mehr M\u00f6glichkeiten gibt, um die Menschen zusammenzulegen, die einen positiven Effekt aufeinander haben \u2013 \u201edamit wir Menschen, die ihre Radikalit\u00e4t anscheinend abwerfen wollen, fernhalten k\u00f6nnen von den Hardlinern.\u201c Dass die Bek\u00e4mpfung der Radikalit\u00e4t oder das Deradikalisieren keine offizielle Zielsetzung der \u201eTerroristenabteilungen\u201c ist, kommt nach Ansicht von Wanders auch daher, dass daf\u00fcr ein klug abgestimmtes Konzept erforderlich sei, dessen Erarbeitungsprozess Jahre ben\u00f6tigt. Wanders\u2019 Ambitionen sind bescheiden: \u201eWir versuchen, ein Samenkorn in ihre K\u00f6pfen zu pflanzen, und hoffen, dass es aufgeht, wenn jemand aus der Haft entlassen wird.\u201c<\/p>\n<h4>Keine Klarheit<\/h4>\n<p>Die Frage, ob die Inhaftierung unter diesem strengen Regime (wenig Tagesprogramm, viele physische Kontrollen) nicht zu einer weiteren Radikalisierung f\u00fchrt, ist schwer zu beantworten. Die ExpertInnen, die sich mit dieser Frage besch\u00e4ftigt haben, haben noch keine eindeutige Antwort. \u201eDaf\u00fcr sind die F\u00e4lle weltweit noch zu wenige\u201d, sagt der Wissenschaftler Daan Weggemans von der Universit\u00e4t Leiden. Insgesamt herrsche in der Wissenschaft die Auffassung vor, dass ein strenges Regime und gemeinsame Inhaftierung nicht zur Deradikalisierung beitrage. Bereits die Bezeichnung \u201eTerroristenabteilung\u201c f\u00fchre dazu, den Inhaftierten ungewollt den Status eines gef\u00e4hrlichen Gefangenen aufzudr\u00fccken. Das strenge Regime erleben manche auch als eine \u201ePr\u00fcfung\u201c, durch die Allah \u201edie Besten\u201d ausw\u00e4hlt.<\/p>\n<p>So kann die Terroristenabteilung zwar einerseits auf den Ex-Gefangenen Jason W. als Vorbild verweisen. Er deradikalisierte sich w\u00e4hrend der Haft und f\u00fchrt mittlerweile ein normales, \u201eb\u00fcrgerliches Leben\u201c. Andererseits gibt es den Fall des Saddik S., der nach seiner Haft in Vught nach Syrien ausreiste, wo er sp\u00e4ter ums Leben kam. Vor seinem Tod erkl\u00e4rte er noch, dass \u201eVught einen Soldaten\u201c aus ihm gemacht habe. Auch von anderen Gefangenen ist bekannt, dass sie nach ihrer Entlassung nach Syrien ausreisten.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich kompliziert wird der Versuch, die Entwicklung von Gefangenen zu bewerten, dadurch dass \u201ewas man sehen kann und was nicht\u201c sich gegebenenfalls unterscheidet. So habe eine aus Syrien zur\u00fcckgekehrte Frau sich in Vught scheinbar deradikalisiert: Sie habe ihr Kopftuch abgelegt, esse Schweinefleisch und h\u00f6re Popmusik. Dennoch traut ihr die Justiz nicht \u00fcber den Weg. Man h\u00e4lt es auch f\u00fcr m\u00f6glich, dass die Frau mit einem \u201eAuftrag\u201c in die Niederlande zur\u00fcckgekehrt sei und sich bewusst anders gebe, um die Justiz in die Irre zu f\u00fchren. Und so l\u00e4sst auch die eingangs zitierte Klage eines Gefangenen, dass in Vught nicht an seiner Radikalit\u00e4t gearbeitet werde und er \u201eals ein ungef\u00e4hrlicher Mensch wieder nach drau\u00dfen kommen m\u00fcsse\u201c, mehrere Erkl\u00e4rungen zu: Entweder meint er, was er sagt, oder er verschaukelt mich. Oder etwas dazwischen?<\/p>\n<p>Die Frage, was die Deradikalisierung in der Haft bringt und wie sie zu bewerkstelligen sei, bleibt daher unklar. Dazu passen die bescheidenen Ambitionen von Direktor Wanders: \u201eWir versuchen, ein Samenkorn in ihren K\u00f6pfen zu pflanzen, und hoffen, dass das haften bleibt, wenn jemand aus der Haft entlassen wird\u201c.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0 Die Sendungen v. 6.5. (\u201eDe missie van Gordon\u201c) und 13.5.2016 (\u201eEen test van Allah\u201c) k\u00f6nnen unter <a href=\"http:\/\/www.vpro.nl\/argos\">www.vpro.nl\/argos<\/a> nachgeh\u00f6rt werden.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Willem de Haan Damit sie andere Gefangene nicht beeinflussen, werden in den Niederlanden Terror\u00adverd\u00e4chtige<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,118],"tags":[154,434,665,801,998],"class_list":["post-18046","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-113","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-deradikalisierung","tag-gefaengnis","tag-islamismus","tag-niederlande"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18046","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18046"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18046\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18046"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18046"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18046"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}