{"id":18072,"date":"2017-09-06T18:32:42","date_gmt":"2017-09-06T18:32:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=18072"},"modified":"2017-09-06T18:32:42","modified_gmt":"2017-09-06T18:32:42","slug":"schatten-der-vergangenheit-kritischer-blick-auf-die-aussteigerprogramme-fuer-neonazis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=18072","title":{"rendered":"Schatten der Vergangenheit &#8211; Kritischer Blick auf die Aussteigerprogramme f\u00fcr Neonazis"},"content":{"rendered":"<h3>Interview mit Prof. Esther Lehnert<\/h3>\n<p><strong>\u201eIm Mittelpunkt der Aussteigerprogramme f\u00fcr Neonazis steht eine m\u00e4nnliche Zielgruppe, die vor allem anhand ihrer Defizite gesehen wird: gewaltt\u00e4tig, kriminell, ideologisch radikal\u201c, sagt Prof. Esther Lehnert, die an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin zu sozialp\u00e4dagogischen Strategien im Umgang mit Rechtsextremismus forscht. Dirk Burczyk befragte sie nach Parallelen zwischen den Programmen f\u00fcr Neonazis und denen f\u00fcr djihadistisch\/islamistische AkteurInnen.<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>In der Debatte um Strategien in der Auseinandersetzung mit islamistischen Str\u00f6mungen und gewaltt\u00e4tigen \u201eDjihadisten\u201c wird als ein Element neben polizeilichen und geheimdienstlichen Anti-Terror-Ma\u00dfnahmen auch immer das Stichwort \u201eDeradikalisierung\u201c genannt. Darunter werden insbesondere Aussteigerprogramme verstanden, wie es sie f\u00fcr den Rechtsextremismus schon lange gibt. Was waren die Urspr\u00fcnge in Deutschland, was waren die ersten Ans\u00e4tze der Aussteigerarbeit mit Neonazis?<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Wann genau die ersten Ans\u00e4tze entwickelt wurden, kann ich nicht genau sagen. Exit war das erste zivilgesellschaftliche Programm f\u00fcr AussteigerInnen. Und Exit hat sich Ende der 1990er Jahre entwickelt. Vorbild war hier das schwedische Exit, das in erster Linie mit Neonazis arbeitete, die im Gef\u00e4ngnis waren.<\/p>\n<p><strong><em>Wie w\u00fcrdest Du den konzeptionellen Ansatz der Aussteigerprogramme in Deutschland beschreiben? Was ist das Ziel des Ausstiegs?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das l\u00e4sst sich so generell nicht sagen. In der Regel orientieren sich die Programme an einer Abkehr von Straf- und Gewalttaten. Nicht alle Programme beinhalten eine Auseinandersetzung mit der rechtsextremen Ideologie. Die Unterschiedlichkeit der Ans\u00e4tze h\u00e4ngt damit zusammen, was innerhalb der Programmlogik unter \u201eAusstieg\u201c verstanden wird. Die Erziehungswissenschaftlerin Johanna Sigl hat z.B. einen sehr umfassenden Ausstiegsbegriff, der m.E. bisher wenig Eingang in die Praxis gefunden hat. In ihrer Studie zu Einstiegs- und Distanzierungsmotiven arbeitet sie drei Ebenen von Ausstieg heraus. Ein umfassender, vollst\u00e4ndiger Ausstieg ist bei ihr z.B. auch an eine Auseinandersetzung mit der Familienbiographie gebunden. Die Auseinandersetzung mit rechtsextremer Ideologie und die Auseinandersetzung mit den eigenen Taten, d.h. hier auch eine \u00dcbernahme von Verantwortung und eine Reflexion der Opferperspektive, wird unterschiedlich gewichtet. Andere Kriterien k\u00f6nnen sein: Bruch mit den alten, rechtsextremen Netzwerken und Freundeskreisen. Spezielle staatliche Angebote fordern auch die Bereitstellung von T\u00e4terwissen.<\/p>\n<p>Wenn wir \u00fcber Exit reden, ist es mir wichtig auf zentrale Kritik an Exit zu verweisen. Gleichzeitig ist eindeutig zu begr\u00fc\u00dfen, dass es sich um eine zivilgesellschaftliche Organisation handelt, die nicht zur Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz und anderen staatlichen Organen oder Diensten verpflichtet ist.<\/p>\n<p><strong><em>Aber was sind die kritischen Punkte?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>M.E. ist das ganze Konzept zu sehr an Gewaltt\u00e4tigkeit und Straff\u00e4lligkeit ausgerichtet. Hintergrund hier ist auch die spezifische Situation der Neuen Bundesl\u00e4nder in den ersten Jahren nach der Wende: Die Strukturen der Jugendarbeit waren zerschlagen worden. Au\u00dferdem pr\u00e4gten rassistische Pogrome Anfang der 90er das gesellschaftliche Klima. Eine politische Antwort hierauf war die Einrichtung eines ersten Bundesprogramms AgAG \u2013 \u201eAktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt\u201c. Etliche sollten folgen. Auch heute ist eine F\u00f6rderung von Pr\u00e4ventions-, Interventions- und Ausstiegsarbeit im Kontext Rechtsextremismus fernab der Bundesprogramme kaum vorstellbar. Im Zuge von AgAG wurde das Konzept der \u201eakzeptierenden Jugendarbeit\u201c, das unter den Bedingungen einer multikulturell gewachsenen westdeutschen Stadt entwickelt worden war, unreflektiert in die neuen Bundesl\u00e4nder exportiert. Eine Folge hiervon war auch, dass die Auseinandersetzung mit rechtsextremer Ideologie fast vollkommen aus dem Blick geriet. Diese fahrl\u00e4ssige Nichtauseinandersetzung findet sich auch in den Logiken der Aussteigerprogramme aus dieser Zeit: Diese fokussierten vor allem auf die Abkehr von Gewaltt\u00e4tigkeit und Straff\u00e4lligkeit. Die Leute sollten ihr Handeln \u00e4ndern, aber nicht unbedingt ihr Denken.<\/p>\n<p>Zu kritisieren bei Exit ist aber auch \u2013 und das leider nicht nur dort \u2013, dass sie viel zu wenig gendersensibel agieren, d.h. einerseits, dass es keine Angebote gibt, die die spezifische Situation von Frauen, z.B. von M\u00fcttern, systematisch reflektieren und konzeptionell ber\u00fccksichtigen. Andererseits konzentriert sich Exit auf die \u201eharten Jungs\u201c und gef\u00e4llt sich darin, besonders \u201ekrasse\u201c, m\u00e4nnliche Aussteiger im Kontext ihrer Bildungsarbeit einzusetzen, teilweise unabh\u00e4ngig davon, ob es sich um wirkliche Aussteiger handelt. Konzeptionell wird von Exit zwar als Kriterium f\u00fcr einen Ausstieg auch die Auseinandersetzung mit der Ideologie (und nicht nur Abkehr von k\u00f6rperlicher Gewalt und Straftaten) benannt, das wird jedoch nicht immer umgesetzt.<\/p>\n<p><strong><em>Wie nimmst Du die aktuelle \u00dcbertragung dieser Aussteigerprogramme und ihrer Konzeption auf den Ph\u00e4nomenbereich des gewaltbereiten Islamismus wahr?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wie stark Elemente der Arbeit im Bereich \u201eAussteigerprograme f\u00fcr Neonazis\u201c einfach \u00fcbertragen werden, kann ich nicht beurteilen. Da hier aber dieselben Tr\u00e4ger unterwegs sind, kann man wohl davon ausgehen. Und ich f\u00fcrchte, dass hier auch ganz \u00e4hnliche Fehler wiederholt werden. Wie bei den Aussteigerprogrammen f\u00fcr Neonazis steht eine m\u00e4nnliche Zielgruppe im Mittelpunkt, die vor allem anhand ihrer Defizite gesehen wird: gewaltt\u00e4tig, kriminell, ideologisch radikal.<\/p>\n<p>Wovor ich auf jeden Fall warnen will, ist die Ausweitung des Begriffs \u201eDeradikalisierung\u201c \u00fcber den Bereich des gewaltbereiten Islamismus hinaus. \u201eDeradikalisierung\u201c taucht nun auch in Zusammenhang mit gewaltt\u00e4tigen Neonazis und nach dem G20-Gipfel sogar mit den \u201eAutonomen\u201c auf. Hier droht wieder einmal wie im Begriff des \u201eExtremismus\u201c jede Differenzierung verloren zu gehen, ganz unterschiedliche Felder werden miteinander vermischt.<\/p>\n<p><strong><em>Und wie sieht es hier mit M\u00e4dchen und Frauen aus? Im Juli wurde bekannt, dass ein 16-j\u00e4hriges M\u00e4dchen aus Sachsen in Mossul als Unterst\u00fctzerin des IS festgenommen wurde. Nach den regelm\u00e4\u00dfig aktualisierten Lagebildern des Bundeskriminalamtes zu ausgereisten DjihadistInnen sind sie zu 20 Prozent weiblich. Was bedeutet das f\u00fcr Deradikalisierungsarbeit?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal werden wie gesagt M\u00e4dchen und Frauen nicht einfach mit erreicht. Hier greift nach wie vor das Prinzip der \u201edoppelten Unsichtbarkeit\u201c von Frauen und M\u00e4dchen im Rechtsextremismus, das u.a. dazu f\u00fchrt, dass sie nach wie vor h\u00e4ufig \u00fcbersehen oder untersch\u00e4tzt werden. Gleichzeitig wissen wir \u00fcber Aussteigerinnen aus der Neonaziszene, dass sie nicht nur spezifisch in den Blick genommen werden m\u00fcssen, sondern dass sie dar\u00fcber hinaus besondere Bedarfe haben, die sich h\u00e4ufig aus ihrer weiblichen Sozialisation ergeben: Was passiert beispielsweise, wenn der Ausstieg einer Frau und Mutter gelingt, aber der Familienrichter bei der Entscheidung \u00fcber das Umgangsrechts des Vaters keinerlei Sensibilit\u00e4t f\u00fcr dessen Szenezugeh\u00f6rigkeit besitzt? Der Fokus auf Straff\u00e4lligkeit und Gewaltbereitschaft hat dazu gef\u00fchrt (und tut es immer noch), die Relevanz von Frauen f\u00fcr die Szene zu untersch\u00e4tzen. Auch das k\u00f6nnte sich bei der djihadistisch-islamistischen Szene wiederholen.<\/p>\n<p><strong><em>Wenn ich es richtig sehe, sind Programme im Bereich der Pr\u00e4vention gegen Rechtsextremismus, also alles was unter dem Label \u201ef\u00fcr Vielfalt und Toleranz\u201c und \u00e4hnlichem l\u00e4uft, ja einem starken Rechtfertigungsdruck ausgesetzt: Regelm\u00e4\u00dfig finden Evaluationen statt, die Mittel m\u00fcssen haarklein nachgewiesen werden, eine Zeitlang musste sogar erkl\u00e4rt werden, dass man mit keinerlei \u201eExtremisten\u201c zusammenarbeitet. Wie ist das bei den Aussteigerprogrammen f\u00fcr Neonazis? Wie wurde oder wird dort der Nachweis erbracht, dass die selbst gesteckten Ziele erreicht wurden? Oder gibt es sogar Hinweise in die andere Richtung?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich sind alle Projekte, die im Rahmen der Bundesprogramme gef\u00f6rdert werden, zu einer umfassenden Qualit\u00e4tssicherung verpflichtet und m\u00fcssen sich auch evaluieren lassen. Das gilt auch f\u00fcr die Aussteigerprojekte. Die grunds\u00e4tzliche Frage bleibt hier, was unter einem erfolgreichen Ausstieg verstanden wird. So wurde eine Vielzahl von Projekten im Rahmen von XENOS gef\u00f6rdert, einem Programm, das eine sehr starke arbeitsmarktorientierte Ausrichtung hatte.<\/p>\n<p>Keineswegs m\u00f6chte ich in Abrede stellen, dass die Projekte erfolgreich arbeiten. Das gro\u00dfe Problem liegt m.E. darin, dass der \u00fcbergro\u00dfe Anteil der Zielgruppe nicht aussteigen will \u2013 warum auch, es handelt sich um \u00fcberzeugte Neonazis. Hinzu kommt, dass die Radikalisierungsprozesse der letzten Jahre, insbesondere im Kontext von Pegida und rechtspopulistischen Bewegungen, bisher nicht ausreichend reflektiert werden oder bisher zu wenig als demokratiegef\u00e4hrdend wahrgenommen werden.<\/p>\n<p><strong><em>Noch eine abschlie\u00dfende Frage im Hinblick auf eine Debatte, die nun rund um das Thema Deradikalisierung gef\u00fchrt wird: In den Ans\u00e4tzen, die in den Bundesl\u00e4ndern verfolgt werden, nehmen die staatlichen Sicherheitsorgane eine unterschiedlich starke Stellung ein. In ersten Anl\u00e4ufen waren die Programme sogar direkt bei den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden angesiedelt, auf Bundesebene ist die zentrale Stelle f\u00fcr Deradikalisierung, die betroffene Familien oder besorgte Freundinnen und Freunde zu Beratungsstellen weitervermittelt, beim Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge angesiedelt. Auch da ist vollkommen klar, dass deren Erkenntnisse \u00fcber das \u201eGemeinsame Terrorismusabwehrzentrum\u201c direkt bei den Sicherheitsorganen landen. War diese enge Kopplung der Aussteigerstellen an die Sicherheits-organe bei den Neonazis auch so gegeben? Und wie bewertest Du das aus professioneller Sicht?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt, gibt es auch im Bereich der Ausstiegsarbeit im Kontext des Rechtsextremismus Projekte, die sehr eng mit den Diensten und staatlichen Beh\u00f6rden zusammen arbeiten (m\u00fcssen). Aus sozialp\u00e4dagogischer Perspektive macht das allerdings \u00fcberhaupt keinen Sinn, bzw. wirkt sich in der Arbeit kontraproduktiv aus. Hier gilt es die unterschiedlichen Auftr\u00e4ge von Sicherheitsbeh\u00f6rden und Sozialarbeitenden zu reflektieren. Ausschlaggebend f\u00fcr eine erfolgreiche Arbeit aus einer demokratietheoretischen Perspektive muss eine Orientierung an den Menschenrechten und der Einbezug der Opferperspektive sein. Auch hier gilt: Fokussierung auf die \u201eharten Jungs\u201c verhindert die Entwicklung einer integrierten pr\u00e4ventiven p\u00e4dagogischen Handlungsstrategie, die die demokratisch orientieren Jugendlichen st\u00e4rkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Prof. Esther Lehnert \u201eIm Mittelpunkt der Aussteigerprogramme f\u00fcr Neonazis steht eine m\u00e4nnliche Zielgruppe,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,4,118],"tags":[209,266,434,801,990],"class_list":["post-18072","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-ausgaben","category-cilip-113","tag-anti-terrorismus","tag-aussteigerprogramm","tag-deradikalisierung","tag-islamismus","tag-neonazis"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18072","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18072"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18072\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18072"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18072"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18072"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}