{"id":18407,"date":"2019-06-03T19:11:39","date_gmt":"2019-06-03T19:11:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=18407"},"modified":"2019-06-03T19:11:39","modified_gmt":"2019-06-03T19:11:39","slug":"europaeischer-polizeikongress-2019-die-kommodifizierung-von-sicherheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=18407","title":{"rendered":"Europ\u00e4ischer Polizeikongress 2019: Die Kommodifizierung von Sicherheit"},"content":{"rendered":"<h3>von Stephanie Schmidt und Roman Thurn<\/h3>\n<p><strong>Am 19. und 20. Februar 2019 richtete die \u00fcberregionale und private Zeitschrift f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Dienst <em>Beh\u00f6rdenSpiegel<\/em> den 22. Eu\u00adrop\u00e4ischen Polizeikongress (EPK) aus. Unter dem Titel \u201eFokus Europa: Migration \u2013 Integration \u2013 Sicherheit\u201c fanden sich Vertreter *innen aus der Politik, den Sicherheitsbeh\u00f6rden und den in diesem Feld t\u00e4tigen Unternehmen ein. <\/strong><\/p>\n<p>Das titelgebende Thema war jedoch nicht \u00fcberall auf dem Kongress pr\u00e4sent. Vielmehr handelte es sich weitgehend um eine Messe, auf welcher Technologien f\u00fcr Sicherheitsbeh\u00f6rden, vom elektrischen Polizeiauto (\u201elautlos und einsatzbereit\u201c) bis hin zur neuesten Software der Firma IBM zur Erstellung von Netzwerkanalysen pr\u00e4sentiert wurden. Neben der Messe, Inputvortr\u00e4gen und Podiumsdiskussionen fanden auch diverse Panels im kleineren Rahmen statt. Dort wechselten sich Vortr\u00e4ge von tendenziell akademischem Charakter mit solchen ab, welche als Werbevortr\u00e4ge f\u00fcr Soft-, Hard- und \u2013 so lie\u00dfe sich in Bezug auf R\u00fcstungsg\u00fcter sagen \u2013 <em>hardest ware<\/em> klassifiziert werden k\u00f6nnen.<!--more--><\/p>\n<p>Ein Zugang, sich den auf dem EPK beobachteten Ph\u00e4nomenen zu n\u00e4hern, l\u00e4sst sich vor dem Hintergrund einer Kritik des Sicherheitsfetischismus entwickeln. Ein Fetischismus, der, wie wir noch argumentieren werden, der Organisation der Polizei zu eigen ist und der daher den Diskurs im Wesentlichen bestimmt. Wir beziehen uns dabei auf Anna Kern, die betont, dass eine solche Analyse notwendig sei, um \u201eden hohen legitimatorischen Wert des Sicherheitsbegriffs gesellschaftstheoretisch einzuordnen\u201c.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<h4>Sicherheit als Fetisch der Polizei<\/h4>\n<p>Die Polizei als Organisation, die es als ihre origin\u00e4re Aufgabe versteht, Sicherheit herzustellen, entwickelt allein aufgrund ihrer spezifischen Arbeit einen Fokus auf und ein Begehren nach Sicherheit. Dieser Begriff von Sicherheit bezieht sich im Wesentlichen auf die Abwesenheit von \u201eGefahren\u201c im polizeirechtlichen Sinne und steht damit dem englischen Begriff der <em>security<\/em> n\u00e4her als dem der <em>safety<\/em>. Eine so verstandene Sicherheit ist wesentlicher polizeilicher Arbeitsinhalt und damit inhaltlicher Bezug aller polizeilichen T\u00e4tigkeiten \u2013 unabh\u00e4ngig davon, an welches Objekt er sich heftet.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Der Wert des Begriffs der Sicherheit, der sich daraus f\u00fcr die sogenannten Sicherheitsbeh\u00f6rden ergibt, l\u00e4sst sich hier in Beziehung zu dem Marx\u2019schen Begriff des Fetischcharakters der Ware setzen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> F\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden ist ihr Fetisch der Sicherheit daher ein <em>notwendig<\/em> falsches Bewusstsein \u2013 und zugleich insofern ein <em>falsches<\/em> Bewusstsein, als darin komplexe soziale Verh\u00e4ltnisse zur (nicht im polizeirechtlichen Sinn) abstrakten \u201aGefahr\u2018 verdinglicht werden. Dabei steht die Polizei nicht allein: Vielmehr wird der Fetisch in weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung \u2013 derzeit prominent im diffusen \u201a(Un-)Sicher\u00adheits\u00adgef\u00fchl\u2018<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> \u2013 geteilt, wodurch sich dessen legitimatorische Funktion erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund werden auch die inhaltlichen Leerstellen der pr\u00e4sentierten Debatten auf dem EPK 2019 erkl\u00e4rlich. So rahmten zwar die Themenkomplexe Migration und Integration den EPK 2019 inhaltlich, verhandelt wurden aber vorwiegend die damit im Zusammenhang stehenden sicherheitspolitischen Problemlagen. Und dabei ging es nicht um Sicherheit f\u00fcr Migrant*in\u00adnen selbst, sondern \u2013 das kann in dieser Allgemeinheit festgehalten werden \u2013 f\u00fcr die jeweiligen Inl\u00e4nder*innen. So wurde auf dem Panel <em>Border Security in Europe<\/em> etwa die Organisation und (insbesondere die personelle) Aufstellung und der EU-Grenz\u00adschutz\u00adagentur FRONTEX in extenso diskutiert. Unhinterfragt jedoch blieb die Annahme, dass es sich bei den Problemen in erster Linie um Probleme der Sicherheit f\u00fcr EU-Inl\u00e4nder*innen handle.<\/p>\n<p>Darunter falle insbesondere die \u201eSekund\u00e4rmigration\u201c von Gefl\u00fcchteten aus einem EU-Staat \u2013 in der Regel an der Au\u00dfengrenze \u2013, den sie als ersten betreten haben und der nach der \u201eDublin\u201c-Verordnung f\u00fcr die Bearbeitung ihres Asylantrags zust\u00e4ndig ist, in einen anderen im Innern der Union. Diese Migration erweise sich als \u201eSchleuser- und Kriminalit\u00e4tsgesch\u00e4ft\u201c, so J\u00fcrgen Schubert, Vizepr\u00e4sident des Bundespolizeipr\u00e4sidiums. Dass die \u201eSekund\u00e4rmigration\u201c aufgrund der geografischen Lage Deutschlands im Innern der EU f\u00fcr die meisten Gefl\u00fcchteten die einzige M\u00f6glichkeit darstellt, hierher zu kommen, wurde nicht erw\u00e4hnt. Es wurde au\u00dferdem nicht weiter konkretisiert, worin denn die Bedrohung l\u00e4ge, wenn einige zehntausend Migrant*in\u00adnen mehr in Europa ank\u00e4men. Luigi Iandoli vom italienischen Zentraldirektorat f\u00fcr Immigration und Grenzpolizei verbuchte den R\u00fcckgang von gut 100.000 Fl\u00fcchtenden, die 2017 in Italien ankamen, auf etwa 20.000 im Folgejahr als \u201eErfolg\u201c. Beil\u00e4ufig konstatierte er, dass die erfolgreiche Abwehr von Fl\u00fcchtenden ohne die Unterst\u00fctzung der libyschen Regierung nicht m\u00f6glich gewesen sei. Die sogenannte Bek\u00e4mpfung der Fluchtursachen dagegen war nicht Gegenstand der Diskussion: Die rhetorische Frage J\u00fcrgen Schuberts etwa, woher der Migrationsdruck derzeit k\u00e4me, zielte lediglich auf den geographischen Raum. Die west-mediterrane Route r\u00fccke verst\u00e4rkt ins Zentrum. Umso wichtiger \u2013 so Schubert weiter \u2013 sei neben dem integrierten Grenzmanagement und einer einheitlichen Erfassung von Migrant*in\u00adnen, dass Frontex auch au\u00dferhalb der EU t\u00e4tig werde.<\/p>\n<p>Die <em>Discussion of the Ministers and Senators of the Interior<\/em> widmete sich zun\u00e4chst der Problematik von r\u00fcckkehrenden K\u00e4mpfer*innen des <em>Islamischen Staats<\/em> in die Europ\u00e4ische Union. Die Aberkennung der Staatsb\u00fcrgerschaft wurde jedoch, anders als im Fall von Shamima Begumin aus Gro\u00dfbritannien, weitgehend verworfen (allenfalls bei einer doppelten Staatsb\u00fcrgerschaft sei dies m\u00f6glich, so der bayerische Innenminister Joachim Herrmann). Stattdessen sollten die Prozesse in Deutschland gef\u00fchrt und Programme zur Deradikalisierung gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p>Als zweiter Punkt wurde das Problem der sogenannte <em>Clans<\/em> in Berlin und Nordrhein-Westfalen zur Sprache gebracht. Der nordrhein-westf\u00e4lische Innenminister Herbert Reul betonte, dass das Problem aus Angst vor Vorw\u00fcrfen des Rassismus zu lange nicht angegangen worden sei, doch: \u201eDamit ist jetzt Schluss!\u201c. Der Staat m\u00fcsse nun \u201eFlagge zeigen\u201c und konsequent \u201erechtsfreie R\u00e4ume\u201c bek\u00e4mpfen. (Zu diesen z\u00e4hlte er explizit auch den durch Aktivist*innen besetzten Hambacher Forst.) W\u00e4hrend Innenminister Niedersachsens Boris Pistorius der Auffassung widersprach, das Problem der Clans sei aus Angst vor Vorw\u00fcrfen des Rassismus nicht behandelt worden, konstatierte Berlins Innensenator Andreas Geisel, dass es gerade eine rassistische Migrationspolitik der 1970er und 1980er Jahre gewesen sei, welche die Entstehung von Clanstrukturen beg\u00fcnstigt und gef\u00f6rdert habe.<\/p>\n<p>Dies sind nur einige Beispiele von Argumentationsmustern, die im EPK in der Debatte um Migration und Integration genutzt wurden. Als semantischer Kontext fungierte in diesem Feld weitgehend das unbestimmte wie wirkm\u00e4chtige \u201a(Un-)Sicherheitsgef\u00fchl\u2018 der europ\u00e4ischen B\u00fcr\u00adger*innen. Explizit wurde dies w\u00e4hrend der <em>Joint Task: Integration<\/em> vom T\u00fcbinger Oberb\u00fcrgermeister Boris Palmer angesprochen: Er behauptete, dass sich die Bewohner*innen T\u00fcbingens nachts aufgrund vieler herumstehender migrantischer Jugendlicher oft nicht mehr sicher in ihrer Stadt f\u00fchlten. Beinahe alle Diskutant*innen waren sich einig, dass die L\u00f6sung hierf\u00fcr nicht nur in der Beschaffung von Arbeitspl\u00e4tzen und im Spracherwerb zu suchen sei, sondern dass von den Migrant*innen der Respekt vor der Kultur der Gastgeberl\u00e4nder zu fordern sei. Straff\u00e4llig gewordene Migrant*innen seien auszuweisen \u2013 sofern sie \u00fcberhaupt einen Anspruch geltend machen k\u00f6nnten, denn ein Menschenrecht auf Migration gebe es nicht, verk\u00fcndete Wolfgang Sobotka, Pr\u00e4sident des \u00f6sterreichischen Nationalrats (\u00d6VP). Eine Ausnahme in dieser Runde stellte der Pr\u00e4sident der Br\u00fcsseler Polizei Michel Goovaerts dar, der mehrfach wiederholte, dass es eben nicht auf eine als Assimilation missverstandene Integration von Migrant*in\u00adnen ank\u00e4me, sondern einzig das Gespr\u00e4ch auf Augenh\u00f6he und gegenseitiger Respekt zielf\u00fchrend seien. Ein h\u00f6herer Anteil an Migrant*in\u00adnen bei der Polizei selbst sei hierbei f\u00f6rderlich.<\/p>\n<p>Die Ursachen der Probleme wurden weder an der Oberfl\u00e4che genannt noch in der Tiefe behandelt. Migration wurde als etwas Fremdes und stets sicherheitspolitisch Relevantes dargestellt. Dabei wurde oft auch dann von Migrant*innen gesprochen, wenn Gefl\u00fcchtete gemeint waren. Wurden sie einmal n\u00e4her beschrieben, dann als unheimliche Andere, die sich nicht an Regeln halten und durch ihr abseitiges Verhalten den Alltag der Inl\u00e4nder*innen verunsichern oder gar gef\u00e4hrden.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Dieser diskursive Rahmen war derart pr\u00e4sent, dass auch zwischenzeitliche Einsch\u00fcbe, dass der Gro\u00dfteil der Migrant*innen keine Straftaten begeht, dem Eindruck von Migration als eines grundlegenden sicherheitspolitischen Problems kaum entgegenwirken konnte. Dass das (subjektive) Unsicherheitsgef\u00fchl deshalb nicht den Migrant*innen angerechnet werden kann, sondern andere Ursachen hat \u2013 wie beispielsweise die\u00a0 Spaltung der Gesellschaft in miteinander in Konkurrenz stehende Subjekte<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> \u2013 taucht in dem Diskurs nicht auf. Die Unsicherheit erscheint nicht mehr als eine sozial produzierte Unsicherheit, sondern vielmehr als beinahe ontologische, die sich damit einer n\u00e4heren Bestimmung entziehe. Je unbestimmter die Lage bleibt, desto leichter f\u00e4llt die Projektion auf die unheimlichen Anderen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist dieser diskursive Fokus auf einem Kongress von Sicherheitsbeh\u00f6rden nicht unerwartet. Der polizeiliche Auftrag besteht in der Repression und Bek\u00e4mpfung von Kriminalit\u00e4t \u2013 und nicht in der Abschaffung ihrer Ursachen, welche von der Polizei funktional eher ausblendet werden. Dies bildet innerhalb der organisationalen Logik eine Art notwendige Fiktion, die polizeiliches Arbeiten erm\u00f6glicht, zugleich jedoch jeweiligen Spezifika der zu bek\u00e4mpfenden Kriminalit\u00e4t vor die\u00adsem Hintergrund verschwimmen l\u00e4sst: Zwischen Wohnungseinbruchsdiebst\u00e4hlen, politischer Gewalt, islamistischem Terrorismus, h\u00e4us\u00adlicher Gewalt, einfachen Ordnungswidrigkeiten und dem blo\u00dfen Herumstehen von migrantischen Jugendlichen wurde auf dem EPK 2019 \u2013 und dabei ist jedes einzelne dieser Felder bereits stark von (kontrafaktischen) Zuschreibungen, irrationalen \u00c4ngsten und Straflust gepr\u00e4gt \u2013 kaum mehr unterschieden.<\/p>\n<h4>Kommodifizierung der Sicherheit und technical fixes<\/h4>\n<p>Unter der Voraussetzung eines sicherheitspolitisch verengten Blicks wird die Kommodifizierung der Sicherheit m\u00f6glich.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> F\u00fcr die verschie\u00addensten Bedrohungslagen wird ein <em>technical fix<\/em> angeboten: eine technische oder quasi-technische L\u00f6sung. Diese kann in einer Anpassung der Rechtslage bestehen. Dietmar Schilff von der Gewerkschaft der Polizei lobte einmal mehr die Novellierung der Widerstandsparagrafen 113 und 114 des Strafgesetzbuchs im Jahr 2017. Die Firma Axon (ehemals Taser) pries ihr Elektro\u00adschockger\u00e4t als Mittel der Deeskalation an. Solche technischen L\u00f6sungen werden umso attraktiver, je unbestimmter und mystischer die Sicherheitsprobleme erscheinen. Man \u00e4ndert eine Stellschraube, und dann sollte es schon laufen. An den Ursachen der Gewalt \u00e4ndert sich nichts.<\/p>\n<p>K\u00fcnstliche Intelligenz, <em>big data<\/em> und <em>smart policing<\/em> bildeten dementsprechend den eigentlichen Fluchtpunkt des Kongresses. Unter den Panel-Sessions machten die Themen <em>big <\/em>bzw. <em>mass data<\/em>, <em>cybercrime<\/em>, sichere Mobilfunkkommunikation, intelligente Videoanalyse, IT-Systeme, (intelligente) Video\u00fcberwachung, <em>smart policing<\/em>, <em>digital criminalistics<\/em>, und <em>artificial intelligence<\/em> zwei F\u00fcnftel, also fast die H\u00e4lfte der angebotenen Panels aus. Das eigentliche Thema des Kongresses war dagegen mit lediglich einem Panel (<em>Migration and diversity \u2013 Empirical police research studies<\/em>) repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Auch die Nutzung von K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI) in der polizeilichen Ermittlungsarbeit wurde breit diskutiert. Jochen Dahlke (Abteilungsleiter Big Data bei der Zentralen Stelle f\u00fcr Informationstechnik im Sicherheitsbereich \u2013 ZITiS) etwa betonte, der Einsatz einer sogenannten \u201eschwachen KI\u201c zur Bew\u00e4ltigung gr\u00f6\u00dferer Datenmengen sei tendenziell grundrechtsschonend und diskriminiere nicht, denn: Die KI sei \u201eweder neugierig noch nachtragend\u201c. Dies zeige sich auch beim Einsatz von KI im Zusammenhang mit der Video\u00fcberwachung \u00f6ffentlicher Orte. Gegen\u00ad\u00fcber dem herk\u00f6mmlichen Einsatz von Kameras habe die Unterst\u00fctzung durch KI den Vorteil, dass datenschutzrechtliche Bedenken umgangen werden k\u00f6nnten. Durch die algorithmische Analyse von Bewegungsabl\u00e4ufen k\u00f6nne auf die Erhebung personenbezogener Daten verzichtet werden, betonte Thomas K\u00f6ber (Polizeipr\u00e4sident Mannheim) an anderer Stelle. Die Darstellung von Gesichtern werde nach der Erfassung mittels automatischer Verpixelung verhindert.<\/p>\n<p>An die technischen L\u00f6sungen werden Erwartungen gestellt, welche diese \u2013 ungeachtet ihres Nutzens in der kriminalistischen Praxis, den diese gewiss mit sich bringen werden \u2013 nicht erf\u00fcllen werden k\u00f6nnen: Damit ein Attentat wie das vom Berliner Breitscheidplatz sich nicht wiederhole, forderte etwa Sabine Schumann (Bundesfrauenbeauftragte der Deutschen Polizeigewerkschaft \u2013 DPolG, Landesvorstand CDU Berlin) den Einsatz von mit KI ausgestatteten Kameras auf dem Berliner Alexanderplatz \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob eine automatische Auswertung von Bewegungsdaten ein Attentat dieser Art h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen oder nicht. Selbiges gilt f\u00fcr die Ausweitung der T\u00e4tigkeit des <em>predictive policing<\/em> auf weitere Deliktfelder: Der Anbieter <em>Precobs<\/em> plant eine solche Ausweitung etwa auf Felder wie Graffiti, und \u00c1lvaro Ortigosa (Freie Universit\u00e4t Madrid) berichtete von einer m\u00f6glichen Anwendung in den Bereichen <em>hate speech<\/em> und h\u00e4usliche Gewalt. Inwiefern sich der etwa <em>Precobs<\/em> zugrundeliegende <em>Near-Repeat<\/em>-Ansatz, der der Beschreibung von Erd- und Nachbeben entlehnt worden ist, sich auf diese Felder \u00fcbertragen l\u00e4sst, ist h\u00f6chst fraglich. Insbesondere hinsichtlich der Anwendung auf h\u00e4usliche Gewalt liegt eine Reanimation der <em>broken windows<\/em>-Theorie nahe.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<h4>Diskursive Schlie\u00dfung<\/h4>\n<p>Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, dass auf dem EPK 2019 eine kritische Aufarbeitung der letzten sicherheitsbeh\u00f6rdlichen Skandale nicht stattfand. So wurde der selbsternannte NSU 2.0, ein rechtsradikales Netzwerk dem h\u00f6chstwahrscheinlich auch hessische Polizist*innen angeh\u00f6ren und das durch rassistische Drohbriefe an die Anw\u00e4ltin Seda Ba\u015fay-Y\u0131ld\u0131z auf sich aufmerksam machte, ebenso wenig genannt wie das \u201eNetzwerk Hannibal\u201c, das sich aus Reservist*innen sowie Angeh\u00f6rigen der Bundeswehr und der Polizei rekrutierte und durch Recherchen der Tageszeitung <em>taz<\/em> aufgedeckt worden ist.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Einzig die vom nieders\u00e4chsischen Innenminister Boris Pistorius ge\u00e4u\u00dferten Bedenken bez\u00fcglich der Verfassungstreue von Polizist*innen mit Parteimitgliedschaft der AfD bildeten hiervon eine auff\u00e4llige Ausnahme. Die Kritik am eigenen Diskurs erschien weitgehend unm\u00f6glich \u2013 unm\u00f6glich zu thematisieren und unm\u00f6glich zu sagen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Migration wurde thematisiert als etwas nahezu Unheimliches, das unkontrolliert (oder schwer kontrollierbar) im besten Fall eine Herausforderung f\u00fcr die Arbeit der Polizei darstelle. Die \u201aMagie\u2018 der Apparaturen und technischen Spielereien besteht vor dem Hintergrund des Fetischs der Sicherheit darin, dass durch sie eine Kontrolle \u00fcber dieses unertr\u00e4glich Unkontrollierbare suggeriert wird.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Kern, A.: Produktion von (Un-)Sicherheit. Urbane Sicherheitsregime im Neoliberalismus. M\u00fcnster 2016, S. 112<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 vgl. auch Jacobsen, A: Die gesellschaftliche Wirklichkeit der Polizei. Eine empirische Untersuchung zur Rationalit\u00e4t polizeilichen Handelns, Bielefeld 2001<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 vgl. Kern a.a.O. (Fn. 1)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Stolle, P.: Das (Un-)Sicherheitsgef\u00fchl \u2013 ein untauglicher Begr\u00fcndungszusammenhang f\u00fcr eine Politik der Inneren Sicherheit, in: Kritische Justiz 2011, H. 1, S. 16\u201324<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 zur Funktion quasi-mystischer Narrative im polizeilichen Kontext Schmidt, S.; Knopp, P.: Narrative der Militarisierung, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 116 (Juli 2018), S. 30\u201337 (32ff.)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Kern a.a.O. (Fn. 1), S. 113<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 ebd., S. 114f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 vgl. u.a. Lum, K.; Isaac, W.: To predict and serve?, in: Significance 2016, No. 5, S. 14\u201319<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Taz v. 16.11.2018<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a>\u00a0\u00a0 Und das obwohl es in anderen Teilen der Polizei durchaus kritische Debatten etwa um die (bislang l\u00fcckenhafte) Aufarbeitung des NSU oder rechtsradikale Str\u00f6mungen innerhalb der Polizei gibt.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Stephanie Schmidt und Roman Thurn Am 19. und 20. 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