{"id":18427,"date":"2019-06-04T14:11:22","date_gmt":"2019-06-04T14:11:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=18427"},"modified":"2019-06-04T14:11:22","modified_gmt":"2019-06-04T14:11:22","slug":"kontrolle-am-tageloehnermarkt-rassismus-und-die-versicherheitlichung-des-sozialen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=18427","title":{"rendered":"Kontrolle am \u201aTagel\u00f6hnermarkt\u2018 &#8211; Rassismus und die Versicherheitlichung des Sozialen"},"content":{"rendered":"<h3>von Lisa Riedner<\/h3>\n<p><strong>Mit einem neuen Gesetz m\u00f6chte die Bundesregierung verbieten, \u201eArbeitskraft als Tagel\u00f6hner im \u00f6ffentlichen Raum aus einer Gruppe heraus in einer Weise anzubieten, die geeignet ist, Schwarzarbeit oder illegale Besch\u00e4ftigung zu erm\u00f6glichen\u201c.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Das Verbot der \u201eTagel\u00f6hnerb\u00f6rsen\u201c soll mit Platzverweisen und Bu\u00dfgeldern durchgesetzt werden.<\/strong><\/p>\n<p>Auch dar\u00fcber hinaus soll das \u201eGesetz gegen illegale Besch\u00e4ftigung und Sozialleistungsmissbrauch\u201c die Kompetenzen des Zolls stark erweitern und au\u00dferdem das Recht auf Kindergeld f\u00fcr EU-B\u00fcrger*innen einschr\u00e4nken. <!--more-->Der Gesetzesentwurf kommt nicht \u00fcberraschend. Die Bundesregierung schr\u00e4nkt die sozialen Rechte von Unionsb\u00fcrger*innen seit Jahren immer weiter ein und baut gleichzeitig die M\u00f6glichkeiten des Polizierens der prek\u00e4ren Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnisse, die durch die Ausschl\u00fcsse teils erst geschaffen werden, weiter aus. Dabei werden Sozialbeh\u00f6rden zu Handlangern der (Grenz-)Polizei und Ordnungsbeh\u00f6rden sollen wiederum soziale Fragen l\u00f6sen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Doch was hat es mit dem Verbot im \u00f6ffentlichen Raum in Gruppen Arbeitskraft f\u00fcr undokumentierte Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse anzubieten, auf sich? Ist es geeignet, wie der Regierungsentwurf verspricht, \u201eArbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen vor illegalen Lohnpraktiken zu sch\u00fctzen\u201c? Dieser Artikel argumentiert, dass repressive Ma\u00dfnahmen sogenannte \u201aTagel\u00f6hner*innen\u2018 nicht vor Ausbeutung sch\u00fctzen, sondern sie vielmehr noch weiter marginalisieren und damit auch lokale rassistische Ausgrenzungsprozesse verst\u00e4rken. Daf\u00fcr geht er auf Auseinandersetzungen um eine Polizeirazzia am selbstorganisierten Arbeitsmarkt im M\u00fcnchner Bahnhofsviertel im Jahr 2013 ein, die aus heutiger Perspektive als Vorbotin der aktuellen Entwicklungen erscheint.<\/p>\n<p>Dabei beziehe ich mich auf meine mehrj\u00e4hrige ethnografische Forschung mit der Initiative Zivilcourage und ihrem tempor\u00e4ren Workers\u2018 Center. Die Initiative Zivilcourage versucht, prekarisierte EU-migran\u00adtische Arbeiter*innen in ihren Konflikten mit Beh\u00f6rden, Polizei und Arbeitgeber*innen zu unterst\u00fctzen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Seit 2010 \u00f6ffnet sie ein- bis zweimal die Woche einen Aufenthaltsraum und Treffpunkt \u2013 ein Workers\u2018 Center \u2013 und bietet dort auch Unterst\u00fctzung bei Konflikten mit Beh\u00f6rden oder Arbeitgeber*innen an. Bei den Personen, mit denen sie zusammenarbeitet, handelt es sich meist um EU-B\u00fcrger*innen aus Bulgarien, die sich angesichts der \u00f6konomischen und sozialen Situation in ihren Herkunftsorten dazu entschieden hatten, ein besseres Leben im wohlhabenden M\u00fcnchen zu suchen. Einige treffen sich regelm\u00e4\u00dfig am selbstorganisierten Arbeitsmarkt \u2013 in den Medien oft abwertend \u201eAr\u00adbeitsstrich\u201c genannt.<\/p>\n<h4>Der selbstorganisierte Arbeitsmarkt<\/h4>\n<p>Der selbstorganisierte Arbeitsmarkt in den Stra\u00dfen des M\u00fcnchner Bahnhofsviertels dient vor allem der Arbeitsuche und als sozialer Treffpunkt. Ab den fr\u00fchen Morgenstunden treffen sich hier haupts\u00e4chlich M\u00e4nner, aber auch Frauen*, um auf potenzielle Arbeitgeber*innen zu warten. Die hier gekn\u00fcpften Arbeitsverh\u00e4ltnisse im Bau-, Reinigungs- und Gastronomiegewerbe sind sehr divers und keinesfalls auf die in den Medien skandalisierten Schreckensmeldungen von extrem niedrigen L\u00f6hnen, komplett fehlenden Arbeitsrechten und Zwangsverh\u00e4ltnissen zu reduzieren. Nicht selten ergeben sich l\u00e4ngerfristige und relativ abgesicherte Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Oft arbeiten die Arbeiter*innen auch nur einige Stunden oder Tage f\u00fcr eine*n Arbeitgeber*in, bevor sie wieder einen neuen Job suchen m\u00fcssen. Tats\u00e4chlich kommt es nicht selten zu Auseinandersetzungen, weil Arbeitnehmer*innen keinen oder weniger als den vereinbarten Lohn ausbezahlt bekommen oder etwa \u00fcber unbezahlte \u00dcberstunden, versteckte Akkordarbeit und \u201agesch\u00f6nte\u2018 Arbeitszeitabrechnungen um ihren Lohn betrogen werden. Der selbstorganisierte Arbeitsmarkt \u00fcbernimmt dabei eine ambivalente Rolle. Einerseits ist er eine Ausbeutungstechnologie, die hohen Profit gew\u00e4hrleistet, weil die Arbeitskraft extrem flexibel einsetzbar ist und somit keine Kosten verursacht, wenn sie nicht gebraucht wird. In der Folge sind die Arbeitnehmer*innen oft obdachlos und ohne Krankenversicherung. Andererseits stellt der Markt auch eine kollektive Strategie dar, um etwa informelle Mindestl\u00f6hne und Arbeitsstandards durchzusetzen. Erstens erm\u00f6glicht er eine direkte Absprache zwischen den prek\u00e4r und vereinzelt Besch\u00e4ftigten. Zweitens k\u00f6nnen schlechte Jobs gek\u00fcndigt werden mit der Aussicht, recht schnell wieder einen neuen zu finden. Der selbstorganisierte Arbeitsmarkt dient also nicht nur der Anbahnung von Ausbeutung, sondern erm\u00f6glicht auch Widerstand gegen diese. Widerstand leisten die Arbeitsuchenden aber nicht nur gegen die Versuche, den Preis ihrer Arbeitskraft zu dr\u00fccken, sondern auch gegen rassistische Blicke und die allt\u00e4glichen Kontrollen der Polizei, von denen sie sich nicht vertreiben lassen. Der sogenannte \u201aTagel\u00f6hnermarkt\u2018 dient zudem als kollektiver Treffpunkt einer migrantischen Community, die es sich nicht leisten kann, sich in kommerziellen R\u00e4umen zu treffen beziehungsweise auch andernorts (klassen-)rassistisch verdr\u00e4ngt und vertrieben wird. Als einige der prekarisierten Migrant*innen sich Anfang 2010 erstmals mit der Initiative Zivilcourage und Dienstleistungsgewerkschaft ver.di gemeinsam organisierten und \u00f6ffentlich zu Wort meldeten, forderten sie neben Gleichberechtigung und Respekt auch zentral ein \u201eEnde der t\u00e4glichen Polizeikontrollen\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<h4>Skandalisierungen des selbstorganisierten Arbeitsmarkts<\/h4>\n<p>Bis zum Fr\u00fchjahr 2010 war der \u201aTagel\u00f6hnermarkt\u2018 in der M\u00fcnchner Stadt\u00f6ffentlichkeit noch unbekannt. Nur die lokalen Polizeistreifen f\u00fchrten regelm\u00e4\u00dfig Kontrollen durch. Die ersten Medienberichte erschienen erst, nachdem sich EU-migrantische Arbeiter*innen im Mai 2010 \u00f6ffentlich zu Wort gemeldet hatten. Diese fr\u00fchen Berichte stellten die Schicksale einzelner Personen in den Mittelpunkt und riefen die Stadt dazu auf, t\u00e4tig zu werden. Doch auch hier f\u00e4llt schon auf, dass die EU-migrantischen Arbeiter*innen eher als hilflose Opfer denn als Akteur*innen gelten und der selbstorganisierte Arbeitsmarkt als Endstation dargestellt wird und nicht als kollektive Strategie, trotz Entrechtung und Ausschluss Arbeit zu finden und der gr\u00f6\u00dften Armut zu entkommen.<\/p>\n<p>Als einige lokale Gesch\u00e4ftsleute im August 2013 mit einer Petition die \u201eAnerkennung der stetig wachsenden Probleme mit illegalen Ar\u00adbeitsm\u00e4rkten an unserer Kreuzung\u201c forderten, \u00e4nderte sich die \u00f6ffentliche Berichterstattung radikal. \u201eAufstand gegen den Arbeiter-Strich \u2013 M\u00fcll, Urin und \u00c4rger!\u201c titelte etwa das M\u00fcnchner Boulevardblatt \u201etz\u201c am 27. August 2013 und folgte damit dem (klassen-)rassistischen und antiziganistischen Sprech der Petition, die behauptete, dass das Viertel \u201evon stetig wachsenden Mengen von Arbeitern\u201c \u201ebelagert\u201c, \u201eblockiert\u201c, \u201everm\u00fcllt\u201c w\u00fcrde; es w\u00fcrde \u201egespuckt\u201c, \u201euriniert\u201c und \u201ebel\u00e4stigt\u201c. Die Autor*innen der Petition forderten die Stadt und die Polizei auf, \u201eGegenma\u00dfnahmen\u201c zu ergreifen.<\/p>\n<p>Schnell reagierte die Politik auf die Petition: Der CSU-Bundestags\u00adabgeordnete und ehemalige Leiter des M\u00fcnchner Kreisverwaltungsreferats Hans-Peter Uhl sprang den Gesch\u00e4ftsleuten zur Seite und berief noch in derselben Woche einen Runden Tisch mit Zoll und Polizei ein. Direkt nach dem Treffen stellte der Gastgeber in der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 30. August 2013 klar, welche Aufgaben Zoll und Polizei seiner Meinung nach h\u00e4tten: \u201eDurch sch\u00e4rfere Kontrollen sollen die bulgarischen Tagel\u00f6hner von der Kreuzung vertrieben werden\u201c. Retrospektiv erkl\u00e4rte auch das Bayerische Innenministerium, dass hier eine verst\u00e4rkte Zusammenarbeit der Sicherheitsbeh\u00f6rden und versch\u00e4rfte Ma\u00dfnahmen verabredet worden sei:<\/p>\n<p>\u201eIm August dieses Jahres wurde auf Initiative des MdB Dr. Uhl in M\u00fcnchen ein Runder Tisch in dieser Angelegenheit einberufen. &#8230; Dabei wurden unter anderem gemeinsame Kontrollaktionen des Zolls und der Polizei ver\u00adeinbart.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Innerhalb der Sicherheitsapparate war die Law-and-Order-Perspektive umstritten. Schon im Jahr 2010 hatte der damalige Leiter der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) des Zolls in einem Interview erkl\u00e4rt, dass der \u201aTagel\u00f6hnermarkt\u2018 f\u00fcr seine Beh\u00f6rde wenig interessant sei. Denn das Hauptinteresse des Zolls l\u00e4ge angesichts seiner Funktion als \u201eEinnahmequelle des Bundes\u201c in der Sicherstellung von Steuereinnahmen: Sie seien daher gezwungen, dort \u201evorrangig die Verfahren durchzuf\u00fchren, wo der Schaden am gr\u00f6\u00dften ist, denn die kosten auch Geld\u201c. Die \u201aTagel\u00f6hner*innen\u2018 interessierten den Zoll kaum, denn wenn \u201eder einmal in der Woche irgendwo jobbt, dann ist der Schaden am Sozialsystem nicht so gro\u00df\u201c. Schlie\u00dflich lasse sich \u201edas gro\u00dfe Gesch\u00e4ft &#8230; nur organisiert machen. Wenn sie ein Hundert-Meter-Hochhaus bauen, dann hilft es nichts, wenn sie sich da und da mal einen holen.\u201c<\/p>\n<p>Auch der M\u00fcnchner Polizeipr\u00e4sident war der Ansicht, dass die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden nicht zust\u00e4ndig seien: \u201eDas ist ein soziales Problem\u201c, antwortete der M\u00fcnchner Polizeipr\u00e4sident auf Beschwerden von \u201aGesch\u00e4ftsleuten\u2018 w\u00e4hrend eines Rundgangs durch das Bahnhofsviertel im November 2013: \u201eDas kann die Polizei nicht l\u00f6sen.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Dennoch sollte sich der im August 2013 von der Petition lancierte Ruf nach sicherheitspolitischem Durchgreifen im Zuge der moralischen Panik um den \u201aArbeiterstrich\u2018\u2013 zumindest vorerst \u2013 durchsetzen.<\/p>\n<h4>Eine Zollrazzia am selbstorganisierten Arbeitsmarkt<\/h4>\n<p>Am Morgen des 21. Oktober 2013 fand an der Kreuzung des selbstorganisierten Arbeitsmarkts im M\u00fcnchner Bahnhofsviertel eine gemeinsame Ma\u00dfnahme der FKS und der Polizeiinspektion 14 statt. Die Polizei- und Zollbeamt*innen brachten etwa 20 Personen, die einfach nur auf dem Gehweg gestanden hatten, in einen Hinterhof, vermerkten ihre Namen sowie weitere Informationen auf Listen. Sie erkl\u00e4rten ihnen, sie h\u00e4tten kein Recht, zu arbeiten, denn \u201aSchwarzarbeit\u2019 sei strafbar. Anschlie\u00dfend legte man den Kontrollierten neongr\u00fcne Silikonarmb\u00e4nder um und lie\u00df sie wieder frei. Das berichteten etwa zehn Personen, die am n\u00e4chsten Tag vor der T\u00fcr des Workers\u2019 Centers der Initiative Zivilcourage warteten, als ein Kollege und ich dort ankamen. Sie zeigten aufgebracht auf ihre mit den Armb\u00e4ndern markierten Handgelenke und baten uns, bei der Zollpolizei anzurufen, um eine Erkl\u00e4rung zu verlangen. Einige von der Markierung Eingesch\u00fcchterte h\u00e4tten M\u00fcnchen schon verlassen, erz\u00e4hlten sie. Sie f\u00fchlten sich gedem\u00fctigt, vor den anderen Menschen im Viertel abgesondert und als Verbrecher markiert. Sie vermuteten, dass die B\u00e4nder elektronische Chips enthielten, die den Aufenthaltsort nachvollziehbar machten, wie bei einer elektronischen Fu\u00dffessel, und bef\u00fcrchteten weitere Repression und Verfolgung. Vollkommen verbl\u00fcfft schaute ich auf die B\u00e4nder, die mir sonst als Eintrittskarten zu Musikfestivals bekannt waren, hier aber soziale Stigmatisierung versinnbildlichten. Mit Jacken\u00e4rmeln war das Neongr\u00fcn notd\u00fcrftig zu verdecken, blitzte aber immer wieder auf. Rassismus und Klassenverh\u00e4ltnisse wurden mit dem gr\u00fcnen Band k\u00f6rperlich erfahrbar und \u00f6ffentlich sichtbar.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Wir kamen schnell zu dem Schluss, dass sie die B\u00e4nder abrei\u00dfen sollten. Die Geste des Abrei\u00dfens kam einer Geste der Befreiung gleich. Es kam zu keiner Weiterverfolgung der Kontrollierten. Am n\u00e4chsten Tag trafen sich die Arbeitsuchenden wieder am selben Ort. Die Razzia blieb aber als Ereignis in den Aushandlungen um den und am selbstorganisierten Arbeitsmarkt in die kollektive Erinnerung eingebrannt. Auch wenn es keine elektronische Verfolgung gegeben hatte, erz\u00e4hlten EU-migran\u00adtische Arbeiter*innen noch zwei Jahre sp\u00e4ter emp\u00f6rt von Chips in Armb\u00e4ndern, mit denen die Polizei sie verfolgt habe.<\/p>\n<p>Die Razzia provozierte auch Widerstand. Einige der kontrollierten Personen forderten in einer Pressemitteilung eine Entschuldigung des Zolls. Gemeinsam mit der Initiative Zivilcourage skandalisierten sie die Razzia und die Markierung mit den gr\u00fcnen Armb\u00e4ndern als \u201erassistische Praxis, die die Pers\u00f6nlichkeitsrechte und die Menschenw\u00fcrde verletzt\u201c.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Die Erkl\u00e4rung stie\u00df auf einigen Widerhall in der kommunalen und auch bayerischen Politik. Die Verantwortlichen des Zolls wurden anschlie\u00dfend etwa zu einer Sitzung des M\u00fcnchner Ausl\u00e4nderbeirats und zu einem Runden Tisch im Bahnhofsviertel eingeladen. Zudem stellte die Fraktion der Gr\u00fcnen im Bayerischen Landtag eine Anfrage, in der sie eine Erkl\u00e4rung der Geschehnisse forderten. Daraufhin kam es zu unterschiedlichen Erkl\u00e4rungsversuchen seitens der beteiligten Sicherheitsbeh\u00f6rden. Der Bayerische Innenminister erkl\u00e4rte etwa, dass die Markierung mit Armb\u00e4ndern bei Kontrollen gr\u00f6\u00dferer Gruppen \u00fcblich sei:<\/p>\n<p>\u201eDiese Ma\u00dfnahme wird bei Pr\u00fcfungsma\u00dfnahmen der FKS bundesweit praktiziert. Hierdurch soll insbesondere verhindert werden, dass Personen mehrfach befragt werden. Die Armb\u00e4nder k\u00f6nnen abgelegt werden, sobald die Pr\u00fcfungsma\u00dfnahme abgeschlossen ist und der Kontrollraum verlassen wird.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Unter dieser Perspektive garantierten die B\u00e4nder den reibungslosen Ablauf der aufkl\u00e4renden Ma\u00dfnahme, die den Kontrollierten helfen sollte:<\/p>\n<p>\u201eZiel der Personen\u00fcberpr\u00fcfung war allerdings auch nicht, den Anwesenden rechtliche Verst\u00f6\u00dfe nachzuweisen, sondern diese im Rahmen einer pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahme durch die KEP \u00fcber die rechtliche Situation aufzukl\u00e4ren und diese vor eventueller Ausbeutung durch m\u00f6gliche Arbeitgeber zu sch\u00fctzen.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Am Ziel des Schutzes ist die Ma\u00dfnahme jedoch ebenso kl\u00e4glich gescheitert wie am Ziel der Vertreibung. Statt die kontrollierten Personen zu sch\u00fctzen, hat die Ma\u00dfnahme sie eingesch\u00fcchtert, entw\u00fcrdigt und rassistisch markiert.<\/p>\n<p>Bisher sind Vertreibungsversuchen insofern rechtliche Grenzen gesetzt, als alle Personen grunds\u00e4tzlich das Recht haben, sich im \u00f6ffentlichen Raum aufzuhalten. Der neue Gesetzesentwurf soll eine M\u00f6glichkeit schaffen, dieses Recht einzuschr\u00e4nken. In der Praxis k\u00f6nnten Sicherheitsbeh\u00f6rden schon pr\u00e4ventiv Platzverweise und Bu\u00dfgelder vergeben, wenn nur der Verdacht besteht, dass Personen ihre Arbeitskraft f\u00fcr undokumentierte Arbeit anbieten. Auch mit dem neuen Verbot wird das Interesse des Zolls an den \u201aTagel\u00f6hner*innen\u2018 meiner Einsch\u00e4tzung nach in der Regel aber gering bleiben, weil der Aufwand regelm\u00e4\u00dfiger Kontrollen in keiner Relation zu den steuerlichen Einbu\u00dfen steht. Inwiefern lokale Interessensgruppen die Ordnungsbeh\u00f6rden trotzdem mobilisieren k\u00f6nnen, um sogenannte \u201aTagel\u00f6hnerb\u00f6rsen\u2018 aufzul\u00f6sen, und wie erfolgreich diese Versuche sein werden, h\u00e4ngt von den jeweiligen lokalen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen ab.<\/p>\n<p>Im Interesse prekarisierter Migrant*innen liegt das neue Verbot jedenfalls nicht. Seine Umsetzung wird sie nicht sch\u00fctzen, sondern ihnen das Leben und die Suche nach Arbeit nur noch weiter erschweren, sie weiter marginalisieren und \u00dcberausbeutung sowie die Durchsetzung (klassen-)rassistischer Sauberkeitsphantasien erleichtern. Statt Arbeitsuchende ohne deutschen Pass zu kriminalisieren und von grundlegenden sozialen Rechten auszuschlie\u00dfen, sollten sie rechtlich gleichgestellt und dabei unterst\u00fctzt werden, ihre Rechtsanspr\u00fcche und gute Arbeitsverh\u00e4ltnisse einzufordern.<\/p>\n<p>Das Beispiel des selbstorganisierten Arbeitsmarktes zeigt auch, dass emanzipatorische Bewegungen gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse als antagonistisch begreifen m\u00fcssen, um Strategien gegen (\u00dcber-)Ausbeutung und Rassismus entwickeln zu k\u00f6nnen. Neben den profitorientierten Strategien der Arbeitgeberseite und den sichtbaren und unsichtbaren K\u00e4mpfen (migrantischer) Arbeiter*innen m\u00fcssen daf\u00fcr auch die staatlichen Regelungen, die \u00dcberausbeutung und Verarmung mit erm\u00f6glichen, ins Bild geholt werden. Nicht zuletzt gilt es, hegemoniale Denkordnungen umzuwerfen, die prekarisierte Migrant*innen wahlweise nur als hilflose Opfer krimineller Machenschaften oder als Bedrohung der nationalen Arbeitsm\u00e4rkte und Sozialsysteme begreifen, nicht aber als Akteure sozialer K\u00e4mpfe f\u00fcr ein besseres Leben in transnationalen Verh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0 Bundesrat-Drs. 97\/19 v. 1.3.2019<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0 Riedner, L.: Arbeit! Wohnen! Urbane Auseinandersetzungen um EU-Migration, M\u00fcnster 2018<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0 Initiative Zivilcourage M\u00fcnchen: Towards a Workers\u2019 Center. (Selbst-)Organisierungs\u00adver\u00adsuche von EU-migrantischen Arbeiter*innen in M\u00fcnchen, in: sub\\urban. zeitschrift f\u00fcr kritische stadtforschung, 2016, Nr. 2\/3, S. 113-120<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0 Initiative Zivilcourage: Flyer: Ausgegrenzt und ausgebeutet! Flugblatt v. 29.4.2010, verf\u00fcgbar unter: <a href=\"http:\/\/inizivi.antira.info\/2010\/04\/29\/flyer-ausgegrenzt-und-ausgebeu\u00adtet\">http:\/\/inizivi.antira.info\/2010\/04\/29\/flyer-ausgegrenzt-und-ausgebeu\u00adtet<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0\u00a0 Bayerischer Landtag Drs. 17\/334 v. 29.1.2014<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0\u00a0 tz v. 26.11.2013<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0\u00a0 Apostolova, R.: Green wristbands, in: Lefteast v. 25.10.2013, siehe www.criticatac.ro \/lefteast\/green-wristbands\/<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0\u00a0 Initiative Zivilcourage: Rassistische Polizeikontrollen: Zoll kennzeichnet bulgarische Tagel\u00f6hner_innen mit gr\u00fcnen B\u00e4ndchen, Pressemitteilung v. 23.10.2013: <a href=\"http:\/\/inizivi.antira.info\/2013\/10\/23\/rassistische-polizeikontrollen-zoll-kennzeichnet-bulgarische-tagelohner_innen-mit-grunen-armbandern\">http:\/\/inizivi.antira.info\/2013\/10\/23\/rassistische-polizeikontrollen-zoll-kennzeichnet-bulgarische-tagelohner_innen-mit-grunen-armbandern<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0\u00a0 Bayerischer Landtag Drs. 17\/334 v. 29.1.2014<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a>\u00a0 ebd.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Lisa Riedner Mit einem neuen Gesetz m\u00f6chte die Bundesregierung verbieten, \u201eArbeitskraft als Tagel\u00f6hner im<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,4,123],"tags":[224,227,1023,1044,1094,1276,1407],"class_list":["post-18427","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-ausgaben","category-cilip-118-119","tag-arbeitsmigration","tag-armutsmigrationsdiskurs","tag-oeffentlicher-raum","tag-osteuropa","tag-polizei","tag-selbstorganisation","tag-tageloehnerinnen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18427","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18427"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18427\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18427"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18427"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18427"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}