{"id":18433,"date":"2019-06-04T14:18:52","date_gmt":"2019-06-04T14:18:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=18433"},"modified":"2019-06-04T14:18:52","modified_gmt":"2019-06-04T14:18:52","slug":"eu-grenzregime-im-mittelmeer-zwischen-gnadenakten-und-kalkuliertem-sterbenlassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=18433","title":{"rendered":"EU-Grenzregime im Mittelmeer &#8211; Zwischen Gnadenakten und kalkuliertem Sterbenlassen"},"content":{"rendered":"<h3>von Britta Rabe<\/h3>\n<p><strong>Das \u201eWatch the Med Alarmphone\u201c bietet seit vier Jahren eine Telefonhotline rund um die Uhr f\u00fcr Gefl\u00fcchtete in Seenot auf dem Mittelmeer.<\/strong><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><strong> Wir erlebten in unserer t\u00e4glichen Arbeit den Anstieg der \u00dcberfahrten in der \u00c4g\u00e4is von der T\u00fcrkei auf die griechischen Inseln 2015\/16, die dramatischen \u00dcberfahrten im zentralen Mittelmeer 2017 und die darauf folgende Kriminalisierung der zivilen Rettungsflotte sowie den Anstieg der Fluchten von den Str\u00e4nden Marokkos nach Spanien im Jahr 2018. <\/strong><\/p>\n<p>Die \u00dcberfahrten von der T\u00fcrkei nach Griechenland waren als Folge des Erdogan-Deals seit M\u00e4rz 2016 deutlich gesunken. <!--more-->Aktuell nehmen jedoch die Ank\u00fcnfte auf den griechischen Inseln wieder zu. Von Januar bis Oktober 2018 erreichten zudem 12.000 Menschen Griechenland \u00fcber den Landweg und den Grenzfluss Evros. Dort schieben die griechischen Beh\u00f6rden immer wieder Fl\u00fcchtende illegal in die T\u00fcrkei zur\u00fcck, ohne dass dagegen wirksam interveniert w\u00fcrde.<\/p>\n<p>2018 standen besonders die Auseinandersetzungen vor der libyschen K\u00fcste im Fokus der Aufmerksamkeit, weshalb unsere Bestandsaufnahme ebenfalls vor allem dem zentralen Mittelmeer gilt. Die Verhinderung von Ank\u00fcnften Gefl\u00fcchteter in Italien wurde zun\u00e4chst mithilfe massiver Kriminalisierung der zivilen Rettungsflotte betrieben, ihre Arbeit lag zwischenzeitlich g\u00e4nzlich brach. Bereits 2017 war die \u201eIuventa\u201c des Ver\u00adeins \u201eJugend rettet\u201c unter dem absurden Vorwurf der Zusammenarbeit mit Schleppern beschlagnahmt und festgesetzt worden. Der Prozess gegen die Crew ist f\u00fcr 2019 angesetzt. Der Kapit\u00e4n der \u201eMission Lifeline\u201c steht derzeit in Malta vor Gericht: Er hatte sich w\u00e4hrend eines Rettungseinsatzes vor der libyschen K\u00fcste geweigert, dem Befehl der Seenotleitstelle in Rom (MRCC) zu folgen, die die Rettung der libyschen K\u00fcstenwache (LCG) \u00fcberlassen wollte. Zudem behaupten die maltesischen Beh\u00f6rden, die \u201eMission Lifeline\u201c sei nicht rechtm\u00e4\u00dfig registriert. Auch bei anderen Schiffen wurde pl\u00f6tzlich bem\u00e4ngelt, ihre Registrierung decke nicht die T\u00e4tigkeit der Seenotrettung ab \u2013 absurd, da f\u00fcr Privatschiffe diese Kategorie nicht existiert. Die \u201eSea-Eye\u201c liegt auf Malta fest und darf nicht auslaufen, die \u201eSeefuchs\u201c durfte den Hafen in Valletta mittlerweile verlassen. Der von \u201e\u00c4rzte ohne Grenzen\u201c und \u201eSOS M\u00e9diterran\u00e9e\u201c betriebenen \u201eAquarius\u201c wurden zwei Flaggen in Folge entzogen. Die Staatsanwaltschaft Catania hatte ein Ermittlungsverfahren gegen die Crew eingeleitet mit dem Vorwurf, sie h\u00e4tten Sonderm\u00fcll im Meer entsorgt. Die Organisator\u00ad*innen haben das Schiff inzwischen aufgegeben und suchen nach einem neuen.<\/p>\n<p>Mittlerweile sind wieder einige zivile Rettungsschiffe vor der libyschen K\u00fcste aktiv, neben der \u201eSea Watch 3\u201c auch die \u201eMare Jonio\u201c unter italienischer Flagge und die \u201eAlan Kurdi\u201c unter deutscher. Von den italienischen\/deutschen Flaggen erhofft man sich bessere rechtliche Ausgangspositionen bei den erwartbaren k\u00fcnftigen rechtlichen Auseinandersetzungen. Die Schiffe werden vom Aufkl\u00e4rungsflugzeug \u201eMoonbird\u201c unterst\u00fctzt, das zeitweise ebenfalls zur Unterbrechung seiner Arbeit gezwungen war.<\/p>\n<h4>Die sog. libysche K\u00fcstenwache<\/h4>\n<p>Im Juni 2018 hat Libyen der International Maritime Organisation (IMO), der UN-Schifffahrtsbeh\u00f6rde, die Koordinaten einer eigenen \u201eSearch and Rescue Zone\u201c (SAR-Zone) mitgeteilt. Sie reicht im Norden bis an die SAR-Zone Maltas. Ihr Befahren wurde der zivilen Rettungsflotte untersagt, obgleich laut V\u00f6lkerrecht alle Schiffe die Gew\u00e4sser vor K\u00fcsten bis zu den Territorialgew\u00e4ssern (im Abstand von in der Regel zw\u00f6lf Seemeilen) nutzen d\u00fcrfen. Das im gleichen Zuge in Tripolis angesiedelte provisorische Joint Rescue Coordination Center (JRCC) sollte nun die Aufgaben einer Seenotleitstelle \u00fcbernehmen und die bis dahin f\u00fcr das Seegebiet vor der libyschen K\u00fcste zust\u00e4ndige italienische Seenotleitstelle (ItMRCC) ersetzen. Das JRCC ist jedoch kaum funktionsf\u00e4hig: In vielen F\u00e4llen ist es f\u00fcr die Seenotrettung schlicht nicht erreichbar.<\/p>\n<p>Da die EU nicht in den territorialen Gew\u00e4ssern Libyens aktiv sein darf, geh\u00f6rte der Aufbau der LCG von Beginn an zu ihren vorrangigen Zielen. Sie schafft die Geretteten regelm\u00e4\u00dfig zur\u00fcck nach Libyen; 2018 betraf dies nach eigenen Angaben der LCG 15.235 Menschen. Die Abgefangenen werden in die Folterlager zur\u00fcckgebracht. Viele werden als Sklaven verkauft, f\u00fcr ihre Freilassung wird von den Familien im Herkunftsstaat L\u00f6segeld erpresst. Die Einheiten der LCG arbeiten mit Hafenmiliz, Polizei und Schleppern zusammen.<\/p>\n<p>Zwar sind die Regierungen der EU-Staaten \u00fcber die massiven Menschenrechtsverletzungen in Libyen informiert, das h\u00e4lt sie aber nicht von der weiteren Unterst\u00fctzung der LCG ab: Im Rahmen der \u00dcberwachungs- und Grenzschutzmission EUNAVFOR MED (Operation Sophia) sollten seit 2015 Schleppernetzwerke zerschlagen werden \u2013 vorgeblich, um das Sterben im Mittelmeer zu beenden. Im Rahmen dieser Milit\u00e4rmission werden auch die libysche Marine und K\u00fcstenwache ausgebildet, Italien stellt zudem Patrouillenboote bereit. Der Erfolg der Mission ist jedoch gering: Zur Verhinderung von illegaler Migration wurden von 2015 bis 2017 \u00fcber 800 Boote zerst\u00f6rt. Den Verlust ihrer Infrastruktur kompensierten die Schlepper allerdings durch eine h\u00f6here Anzahl billiger, kleinerer Plastikboote, die nicht hochseetauglich sind und damit zu erh\u00f6hten Todesraten bei den \u00dcberfahrten f\u00fchren. Bis Mitte 2017 wurden zudem angeblich 109 Schlepper festgenommen, jedoch ausschlie\u00dflich Personen am unteren Ende der Befehlskette.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Ebenso wie das JRCC erf\u00fcllt auch die LCG nicht die Anforderungen an eine funktionierende SAR-Struktur. Die Vorw\u00fcrfe gegen die LCG sind lang. In der Vergangenheit sorgte sie immer wieder f\u00fcr gewaltt\u00e4tigen Angriffe, u. a. gegen zivile Rettungsschiffe, die bei ihren Eins\u00e4tzen beschossen und bedroht wurden. Ein besonders brutaler Fall ereignete sich am 29. Juni 2018. Das Rettungsschiff \u201eOpen Arms\u201c entdeckte damals 150 km vor der libyschen K\u00fcste die Reste eines Schlauchbootes, an denen sich eine Frau festklammerte, daneben schwammen die Leichen einer weiteren Frau und eines Kindes. Die einzige \u00dcberlebende berichtete von rund 100 Ertrunkenen, die LCG habe ihr Boot versenkt. Die drei Personen waren allein im Meer zur\u00fcckgelassen worden. Die \u201eOpen Arms\u201c klagt derzeit in Spanien gegen die LCG und den Kapit\u00e4n eines Frachtschiffes wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrl\u00e4ssiger T\u00f6tung.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Dar\u00fcber hinaus gab es mehrere Vorf\u00e4lle, in denen das Eingreifen der LCG in bereits laufende Rettungsma\u00dfnahmen zur Eskalation und daraus folgend zu Todesopfern f\u00fchrte.<\/p>\n<h4>Die EU-Politik der geschlossenen und sicheren H\u00e4fen<\/h4>\n<p>Am 10. Juni 2018 verk\u00fcndete der italienische Innenminister Matteo Salvini die Schlie\u00dfung der H\u00e4fen Italiens f\u00fcr die zivilen Rettungsschiffe. Die \u201eAquarius\u201c, die das als erstes zu sp\u00fcren bekam, war gezwungen, \u00fcber mehrere Tage hinweg mit 629 Menschen, die sie vor der libyschen K\u00fcste in internationalen Gew\u00e4ssern gerettet hatte, auf die Erlaubnis zur Einfahrt in einen europ\u00e4ischen Hafen zu warten. Erst am 17. Juni genehmigte die spanische Regierung das Anlegen in Valencia. Inzwischen wird jedem zivilen Rettungsschiff das Anlegen in einem italienischen Hafen verweigert, bis andere EU-Staaten sich bereit erkl\u00e4ren, die Geretteten aufzunehmen. Bis die europ\u00e4ischen Regierungen sich zu diesem Gnadenakt herablassen, vergehen jeweils mehrere Tage \u2013 und dies, obgleich etwa in der BRD inzwischen Dutzende St\u00e4dte und Gemeinden ihre Bereitschaft zur Aufnahme der Menschen erkl\u00e4rt haben. Auch in der italienischen K\u00fcstenwache gibt es vereinzelt Kritik am neuen Regierungskurs. In einem Interview vom 13. Juli 2018 sprach sich ein Admiral anonym gegen Libyen als sicheren Hafen und gegen die LCG aus.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Dass Schiffe der italienischen K\u00fcstenwache Gerettete nach Italien und eben nicht nach Libyen bringen, zeigt, dass auch innerhalb der staatlichen Institutionen der Widerstand gegen die Agenda des Innenministers w\u00e4chst.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Die EU st\u00fctzt Italien mit seiner Politik der geschlossenen H\u00e4fen, denn langfristig sollen neue Standards geschaffen werden: \u201eSichere H\u00e4fen\u201c nach Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention (GFK) sind eigentlich definiert als Orte, an denen Gefl\u00fcchtete nicht f\u00fcrchten m\u00fcssen, in Staaten verbracht zu werden, in denen sie Verfolgung und erniedrigender Behandlung ausgesetzt sind. Das Refoulement-Verbot (Art. 33 Abs. 1) ist der Kern der GFK. Der EU-Gipfel in Br\u00fcssel im Juni 2018 w\u00e4rmte jedoch den alten Wunsch nach von der EU betriebenen Lagern in Nordafrika wieder auf, die nunmehr den Namen \u201eAnlandeplattformen\u201c erhielten. Aufgrund der anhaltenden Weigerung der Maghrebstaaten plant die EU inzwischen regionale Vereinbarungen im Stil des Erdogan-Deals, also bilaterale Abkommen, bei denen finanzielle Unterst\u00fctzung als Gegenleistung zur Migrationsverhinderung geboten wird.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>In der Praxis werden l\u00e4ngst Fakten geschaffen und Gerettete werden nach Libyen oder an andere Orte zur\u00fcckgebracht, die nicht als \u201esichere H\u00e4fen\u201c gelten k\u00f6nnen: Am 13. Juli \u00fcbernahm das tunesische Versorgungsschiff \u201eSarost 5\u201c 40 Gerettete aus der maltesischen SAR-Zone. Knapp drei Wochen sp\u00e4ter legte das Schiff nach langen Auseinandersetzungen im tunesischen Zarzis an. Die Geretteten hatten vergeblich gefordert, in einen europ\u00e4ischen Hafen gebracht zu werden. Das italienische Versorgungsschiff \u201eAsso 28\u201c brachte mehr als 100 Fl\u00fcchtende aus internationalen Gew\u00e4ssern (libysche SAR-Zone) widerrechtlich zur\u00fcck nach Tripolis.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Der libysche Frachter \u201eNivin\u201c holte am 7. November 2018 77 Fl\u00fcchtende aus internationalen Gew\u00e4ssern. Die Menschen hatten zun\u00e4chst beim Alarmphone um Hilfe gerufen. Die Crew des Frachters gab vor, die Geretteten nach Malta zu bringen, das Schiff legte stattdessen im libyschen Hafen Misrata an. Die Menschen \u2013 darunter viele, die den libyschen Lagern entkommen waren \u2013 forderten ihren Transfer nach Europa und weigerten sich, den Frachter zu verlassen. Sie verbarrikadierten sich tagelang. UNHCR und Roter Halbmond konnten sie zun\u00e4chst versorgen, bis s\u00e4mtlichen NGOs und Medien der Zugang zum Hafen verboten wurde. Am 20. November st\u00fcrmten libysche Kr\u00e4fte das Schiff mit Gummigeschossen und Tr\u00e4nengas. Mehrere Verletzte kamen in Krankenh\u00e4user, die anderen schaffte man zur\u00fcck in die Lager. Im bislang letzten bekannten Fall brachte das Containerschiff \u201eLady Sham\u201c unter der Flagge von Sierra-Leone am 21. Januar 2019 141 Gerettete zur\u00fcck nach Misrata. Nach dem Push-Back hielt das Alarmphone Kontakt mit Einzelpersonen und machte die Beschreibungen der unmenschlichen Zust\u00e4nde in einem der Detention Centers \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>Die Ank\u00fcnfte in Italien sind von 119.249 im Jahre 2017 auf 23.371 im Jahre 2018 gesunken. Die Schlepper verdienen ihr Geld jetzt stattdessen mit Geiselnahme und Erpressung: Die Gefangenen in den libyschen Lagern m\u00fcssen \u00fcber Familien und Freunde hohe Geldsummen zur Freilassung aufbringen. Werden sie auf der anschlie\u00dfenden \u00dcberfahrt von der LCG aufgegriffen, geraten sie zur\u00fcck in Gefangenschaft und m\u00fcssen erneut zahlen. Die EU ignoriert die katastrophale Situation f\u00fcr Gefl\u00fcchtete in Libyen zugunsten der Migrationsabwehr. Nur wenige Insass\u00aden der libyschen Lager wurden in einen EU- oder Schengen-Staat \u201eresettled\u201c. F\u00fcr viele blieb die von der \u201eInternational Organisation for Migration\u201c (IOM) arrangierte \u201efreiwillige R\u00fcckkehr\u201c der einzige Weg, den Lagern zu entkommen. Im ersten Halbjahr 2018 haben 10.950 Menschen diese M\u00f6glichkeit genutzt. Kaum zur\u00fcck im Herkunftsland, brechen die meisten jedoch erneut auf, weil auch ihr Land ihnen keine Perspektive gibt oder nicht sicher ist.<\/p>\n<p>Trotz der repressiven Situation im zentralen Mittelmeer gelingt es nicht wenigen Menschen, g\u00e4nzlich ohne fremde Hilfe nach Italien und Malta zu gelangen. Laut italienischen Medienberichten erreichten zwischen September 2017 und Oktober 2018 immerhin 4.845 Personen die italienischen K\u00fcsten autonom. Viele Boote starten inzwischen von der K\u00fcste Tunesiens, an Bord sind auch viele junge Menschen tunesischer Herkunft.<\/p>\n<h4>Solidarische St\u00e4dte gegen die Politik der Gnade<\/h4>\n<p>Nach der Rettung von rund 350 Personen wurde der \u201eSea-Watch\u201c, der \u201eSea-Eye\u201c und der \u201eOpen Arms\u201c kurz vor Weihnachten die Einfahrt in maltesische und italienische H\u00e4fen verwehrt. Die \u201eOpen-Arms\u201c nahm daraufhin Kurs auf Valencia. Nach der Ankunft untersagte die spanische Regierung im Januar 2019 weitere Rettungseins\u00e4tze \u2013 angeblich zur eigenen Sicherheit der Besatzung. Gleiches gilt f\u00fcr die ebenfalls unter spanischer Flagge registrierte \u201eAita Mari\u201c.<\/p>\n<p>Die \u201eSea Watch\u201c musste 19 Tage warten, bis die EU-Staaten entschieden hatten, wer die gerade einmal 33 Menschen an Bord aufnehmen w\u00fcrde. Der B\u00fcrgermeister von Neapel bot der \u201eSea-Watch\u201c konkret an, ihren Hafen anzufahren: Wolle Salvini dies verhindern, werde er selbst zwanzig Boote aussenden, um die Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen. Die \u201eSea Watch\u201c entschied sich in diesem Fall dagegen. Einige Wochen sp\u00e4ter, nach einem erneuten Rettungseinsatz, steuerte sie Syrakus an, ankerte vor der K\u00fcste, durfte aber nicht anlanden. Aufgrund einer Klage beim Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte wurde Italien jedoch nur verpflichtet, Lebensmittel, Trinkwasser und medizinische Versorgung f\u00fcr die Geretteten bereitzustellen. Mit der anschlie\u00dfenden Verteilung der 47 Betroffenen auf mehrere EU-Staaten setzte Europa seine Politik der Gnade f\u00fcr den Einzelfall fort. Diese Praxis durchbrach die italienische \u201eMare Jonio\u201c, als sie am 18. M\u00e4rz 2019 48 Fl\u00fcchtende vor der K\u00fcste Libyens rettete und sie gegen den Willen Salvinis nach Lampedusa brachte. Welche strafrechtlichen Konsequenzen folgen, ist eine Frage politischer Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und aufgrund der starken solidarischen Bewegung in Italien l\u00e4ngst nicht ausgemacht.<\/p>\n<h4>Westliches Mittelmeer<\/h4>\n<p>Die Fluchtroute \u00fcber das Mittelmeer hat sich 2018 teilweise von Libyen nach Marokko verlagert, in Spanien haben sich die Ank\u00fcnfte \u00fcber See von 22.103 auf 58.569 mehr als verdoppelt. An den \u00dcberfahrten haben Marokkaner*innen selbst einen wesentlichen Anteil. Als Alarmphone beobachten wir zudem Abfahrten von Algerien, aus der Gegend um Oran und Mostaganem. Offizielle Zahlen gibt es bislang nicht. Marokko steht unter dem Druck der EU und insbesondere von Spanien, die Flucht \u00fcber die Meerenge von Gibraltar zu verhindern. Rassistische Polizeikontrollen und Razzien sind die Folge, Deportationen von Gefl\u00fcchteten aus Subsahara-Afrika in den S\u00fcden Marokkos sind an der Tagesordnung. Repression bekommen auch die Marokkaner*innen zu sp\u00fcren: Am 25. September erschoss die Marine die 19-j\u00e4hrige Studentin Hayat Belkacem, drei junge M\u00e4nner wurden bei dieser Aktion teils schwer verletzt. Sie waren mit 21 weiteren jungen Menschen von Martil mit einem Speedboat aufgebrochen. Die Marine wollte die Reisenden aufhalten; als das Boot trotzdem startete, er\u00f6ffnete die Soldaten das Feuer. Nur zwei Wochen sp\u00e4ter traf eine Kugel den 16-j\u00e4hrigen Ilyas Amrani an der Schulter. Er befand sich mit 57 anderen unter eine Plane versteckt in einem Boot vor der K\u00fcste zwischen Larache und Asilah, als die marokkanische Marine die Fliehenden mit Sch\u00fcssen davon abhielt, nach Europa \u00fcberzusetzen.<\/p>\n<h4>L\u00fcckenlose \u00dcberwachung<\/h4>\n<p>Hochaufl\u00f6sende Satellitenbilder und Echtzeitdaten des EU-Grenz\u00fcber\u00adwachungssystems Eurosur und anderen Diensten bieten l\u00e4ngst eine l\u00fcckenlose \u00dcberwachung der K\u00fcsten sowie des \u201eGrenzvorbereichs\u201c im Mittelmeer zur Analyse von Migrationsbewegungen. Frontex m\u00f6chte diese Daten auch an Drittstaaten weitergeben, \u00fcber das Netzwerk \u201eSeahorse Mediterraneo\u201c soll Libyen an den Datenaustausch angeschlossen werden. Blickt man nach Spanien auf das von ihm betriebene regionale grenz\u00adpolizei\u00adliche \u00dcberwachungsnetzwerk \u201eSeahorse Atlantic\u201c, zeigt sich bereits, dass das Wissen den Menschen in Seenot nicht zugute kommt: Allein auf dem Weg nach Spanien sind im letzten Jahr mindestens 744 Menschen ertrunken.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Um die \u00dcberfahrten um 50 Prozent zu minimieren, wurde zynischerweise die Reduktion der spanischen Seenotrettung beschlossen.<\/p>\n<p>Zur Migrationsabwehr nimmt die EU das Ertrinken von Menschen billigend in Kauf. Einzig wirksames Mittel gegen das Sterben auf See w\u00e4ren in einem ersten Schritt die Einrichtung einer zivilen Europ\u00e4ischen Seenotrettung und der Zugang der \u00dcberwachungsdaten f\u00fcr die zivile Rettungsflotte. Gegen gef\u00e4hrliche Fluchtrouten und Schlepper helfen langfristig allerdings nur offene Grenzen und Bewegungsfreiheit f\u00fcr alle.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.alarmphone.org\">www.alarmphone.org<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Loschi, C.; Raineri, L.; Strazzari, F.: The implementation of EU Crisis Response in Libya: Bridging theory and practice, Working Paper, January 2018, online siehe <a href=\"http:\/\/www.eunpack.eu\/publications\">www.eunpack.eu\/publications<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Spiegel online v. 21.7.2018<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.ilsole24ore.com\/art\/impresa-e-territori\/2018-07-09\/migranti-parla-l-ammiraglio-ecco-perche-vengono-soccorsi-largo-libia-122640.shtml\">www.ilsole24ore.com\/art\/impresa-e-territori\/2018-07-09\/migranti-parla-l-ammiraglio-ecco-perche-vengono-soccorsi-largo-libia-122640.shtml<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.quotidiano.net\/\">www.quotidiano.net<\/a> v. 16.8.2018; siehe auch den Eintrag v. 14.7.2018 auf der Facebook-Seite des Watch The Med Alarm Phone,<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 siehe euractiv.de v. 6.11.2018<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 vgl. Europ\u00e4ischer Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte: Urteil v. 23.2.2012 (Hirsi Jamaa vs. Italien); http:\/\/hudoc.echr.coe.int\/eng?i=001-109231<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0\u00a0<a href=\"http:\/\/www.infomigrants.net\/en\/post\/14000\/more-than-110-000-migrants-arrived-in-europe-via-mediterranean-in-2018\"> www.infomigrants.net\/en\/post\/14000\/more-than-110-000-migrants-arrived-in-europe-via-mediterranean-in-2018<\/a><\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Britta Rabe Das \u201eWatch the Med Alarmphone\u201c bietet seit vier Jahren eine Telefonhotline rund<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,123],"tags":[520,612,715,893,916,950,965],"class_list":["post-18433","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-118-119","tag-eu","tag-flucht","tag-grenzschutz","tag-kuestenwache","tag-libyen","tag-menschenrechte","tag-mittelmeer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18433","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18433"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18433\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18433"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18433"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18433"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}