{"id":18444,"date":"2019-06-04T14:35:17","date_gmt":"2019-06-04T14:35:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=18444"},"modified":"2019-06-04T14:35:17","modified_gmt":"2019-06-04T14:35:17","slug":"was-koennen-wir-wissen-wissensproduktion-und-wissensverwaltung-in-der-polizei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=18444","title":{"rendered":"Was k\u00f6nnen wir wissen? &#8211; Wissensproduktion und Wissensverwaltung in der Polizei"},"content":{"rendered":"<h3>von Stephanie Schmidt<\/h3>\n<p><strong>Die Polizei sei die bekannteste und zugleich am Wenigsten verstandene Regierungsinstitution, formuliert der Soziologe Egon Bittner.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/strong><strong> Das ist wenig verwunderlich, f\u00fchrt doch die organisational angelegte Geheimhaltung zu einer starken Beschr\u00e4nkung des Blicks von au\u00dfen und zu hohen H\u00fcrden f\u00fcr Forschende.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Zugleich existiert in der Gesellschaft ein mehr oder weniger fundiertes Wissen \u00fcber die Polizei, das sich aus unterschiedlichsten Wissensbest\u00e4nden speist.<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn sich die H\u00e4ufigkeit und Intensit\u00e4t polizeilichen Kontakts im Alltag stark voneinander unterscheidet, ist den allermeisten Menschen bewusst, dass es eine Polizei in Deutschland gibt, wie diese aussieht, was deren Aufgabe ist und auch welches Verhalten von ihnen in Gegenwart der Polizei erwartet wird. <!--more-->Dieses Wissen ist Teil einer Enkulturation und damit eines vorwiegend unbewusst geschehenen Lernprozesses \u2013 wenngleich bestimmte Eigenschaften der Polizei auch explizit vermittelt werden. H\u00e4ufig basiert das Wissen \u00fcber die Polizei auf Distanzerfahrungen. Es konstituiert sich also eher als fl\u00fcchtiger (Sicht-)Kontakt, w\u00e4hrend die Polizei Streife f\u00e4hrt, polizeilich t\u00e4tig wird oder aus anderen Gr\u00fcnden den \u00f6ffentlichen Raum durchquert. Oder es entstammt Kontakterfahrungen mit der Beh\u00f6rde selbst \u2013 entweder aufgrund selbst\u00e4ndiger Kontaktaufnahme, wie beispielsweise beim Melden eines Unfalls oder aufgrund einer unselbst\u00e4ndigen (und meistens unfreiwilligen) Kontakterfahrung, wie bei Verkehrskontrollen oder polizeilichen Durchsuchungen.<\/p>\n<p>Aber auch mediale Verarbeitungen polizeilicher Arbeit, die in einer gr\u00f6\u00dferen r\u00e4umlichen und zumeist auch zeitlichen Distanz zum Geschehen liegen, bilden einen Zugang zu Wissen \u00fcber die Polizei. Dazu z\u00e4hlen Berichterstattungen \u00fcber z. B. kleinere Allt\u00e4glichkeiten der Polizeiarbeit oder Polizeiberichte in den Tageszeitungen selbst, ebenso wie auch die teils live begleiteten Gro\u00dfeins\u00e4tze (Castor-Transporte oder der G20) oder auch sogenannte lebensnahe Reportagen, die ein realistisches Bild der Polizeiarbeit liefern sollen.<\/p>\n<p>Dazu kommt die popul\u00e4re Verarbeitung polizeilicher Arbeit in Filmen, Krimis, B\u00fcchern oder auch Dokusoaps. W\u00e4hrend Filme, Fernsehkrimis und B\u00fccher in der Regel in ihrer Fiktion erkennbar sind, suggerieren besonders Dokusoaps, ein realistisches Bild \u00fcber die Aufregungen und Banalit\u00e4ten des Polizeiberufs zu bieten und der morbiden Faszination der interessierten \u00d6ffentlichkeit einen Einblick in die Abgr\u00fcnde der t\u00e4glichen Polizeiarbeit zu geben. Unabh\u00e4ngig von der (beabsichtigten) Uneindeutigkeit dieser gescripteten polizeilichen Darstellung, folgt diese Art der Wissensproduktion \u00fcber Polizei erz\u00e4hlerischen Gestaltungselementen, die mehr eine Geschichte \u00fcber Polizei erz\u00e4hlt, als dass sie Wissen \u00fcber reale Polizeiarbeit produziert.<\/p>\n<h4>Wissen \u00fcber Polizei aus der Polizei<\/h4>\n<p>Das Wissen, das aus der Polizei nach au\u00dfen getragen wird, wird vorwiegend verwaltet und kontrolliert durch die Arbeit der \u00d6ffentlichkeitsstellen der Polizei und ist durch unterschiedliche Perspektiven und Interessen \u00fcberformt und dient bspw. der Personalwerbung der Polizei. Die \u00d6ffentlichkeitsarbeit der Polizei geht dabei in zwei Richtungen: Zum einen richtet sie sich nach innen an die eigenen Mitglieder, zum anderen nach au\u00dfen an verschiedene polizeiexterne Akteure: die gesellschaftliche \u00d6ffentlichkeit, das Innenministerium oder auch spezifische Organisationen.<\/p>\n<p>Nach innen werden t\u00e4glich Meldungen und Ereignisse ausgewertet, je nach Priorit\u00e4t verteilt und ins Intranet der Polizei eingespeist. Dort werden ebenfalls neue Gesetze oder interne Richtlinien ver\u00f6ffentlicht und Informationen \u00fcber die \u00f6ffentliche Rezeption polizeilicher Arbeit vermittelt. Die nach au\u00dfen gerichtete \u00d6ffentlichkeitsarbeit sortiert polizeiliche Meldungen in presse- oder \u00f6ffentlichkeitsrelevantes Material und dient der \u00f6ffentlichen Selbstdarstellung.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Die Polizei kontrolliert so nicht nur, welches intern produzierte Material wie und wann an eine \u00d6ffentlichkeit kommuniziert wird, sondern erzeugt auch sinnstiftende Narrationen, die besonders der Konstruktion von Sicherheit und Unsicherheit dienen; denn \u201eam Ende m\u00fcssen stimmige Geschichten erz\u00e4hlt werden, wer warum vor was mit welchen Mitteln gesch\u00fctzt werden muss.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Funktion haben auch die in den letzten Jahren vermehrt aufgetauchten Social-Media-Accounts der Polizei. Bundesweit betreiben nach Recherchen des NDR die Polizeibeh\u00f6rden 333 Profile, davon 159 offizielle Twitter-Accounts, 138 Profile bei Facebook, 25 bei Instagram, 10 bei Youtube und einen bei Snapchat (Polizei Berlin).<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Zu verstehen sind diese Profile dabei nicht allein als \u00d6ffentlichkeitsarbeit oder Werbung. Vielmehr sind sie Strategien des Social Community Policing \u2013 also der Verlagerung polizeilicher Arbeit in den digitalen Raum \u2013 abseits von nicht sichtbaren Ermittlungen wie die Kriminalpolizei sie beispielsweise im Hinblick auf die \u201eCyberkriminalit\u00e4t\u201c durchf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Welchen breiten gesellschaftlichen und politischen Einfluss diese Art der Kommunikation der Polizei haben kann, wurde bei der Analyse der Social Media-T\u00e4tigkeiten der Hamburger Polizei w\u00e4hrend des G20 offenbar. Dort wurde deutlich, dass besonders in Eskalationsphasen die Polizei auch online eine zentrale Stellung einnimmt und zeitweise zum wichtigsten Bezugspunkt von Medien und anderen Twitter-Nutzer*innen wird. Damit greift sie auch aktiv in die politische Deutung der Ereignisse ein, indem sie zugleich Beteiligte im Konfliktgeschehen ist.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Diejenigen, an die sich Narrationen richten, m\u00fcssen diese jedoch auch glauben, damit diese wirksam werden. In einem Alltag, der durchdrungen ist mit Diskursen und Praktiken von \u00dcberwachung und Kontrolle, gelingt dies h\u00e4ufig besonders deshalb so gut, weil polizeiliche Narrationen eingebettet sind in Sicherheitsdiskurse, in denen die Polizei als Probleml\u00f6serin erscheint. Dies tut sie auch deshalb, weil sie sich selbst als eine Institution mit Expertenwissen \u00fcber Sicherheit inszeniert und ein Produktions- und Deutungsmonopol f\u00fcr die Expertise \u00fcber diese f\u00fcr sich beansprucht.<\/p>\n<p>Damit erf\u00fcllen sie die Kriterien von Inszenierungen von Expertenwissen, wie sie Ronald Hitzler aufgestellt hat.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Dies beinhaltet auch, dass sie die Deutung \u00fcber einen Wissensbestand beanspruchen, der Nicht-Expert*innen nicht ohne weiteres zug\u00e4nglich ist, gesellschaftlich aber relevant ist und entsprechend Nachfrage erh\u00e4lt. Damit werden auch einzelne Beamt*innen zu einer formal definierten Personengruppe, die verbindlich \u00fcber unterschiedlichste Sicherheitsereignisse entscheiden kann. Zur Glaubhaftmachung dieser Expertenposition geh\u00f6rt auch das Bekunden von objektiven Kriterien in der Produktion dieses Sonderwissens.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<h4>Einblicke in die polizeiliche Wissensproduktion<\/h4>\n<p>Formalisierung und die Erzeugung b\u00fcrokratischen Materials sind wesentliche Techniken, polizeilich produziertes Wissen als objektiv und professionell zu bekunden. Einheitlichkeit durch b\u00fcrokratische Formulare, die Verwendung formalistischer Sprache sowie die Verb\u00fcrgung f\u00fcr die Regelhaftigkeit polizeilichen Handelns sind Teile der polizeilichen Wissensproduktion, die Unabh\u00e4ngigkeit und Neutralit\u00e4t in der Beurteilung sozialer Situationen gew\u00e4hrleisten sollen. Wissen jedoch existiert nicht unabh\u00e4ngig von Kontexten, sondern ist gleichfalls Teil von Deutungs- und Produktionsprozessen, in denen es sozial hergestellt wird. So ist auch die Produktion von Wissen innerhalb der Polizei Gemeinschaftsarbeit.<\/p>\n<p>Anders als z. B. in Krimis inszeniert, ist ein Ermittlungsergebnis zumeist nicht der kreativen Einzelleistung eine*r Kommissar*in zu verdanken, sondern das Ergebnis kollektiver Entscheidungen der beteiligten Beamt*innen. Dabei m\u00fcssen die Beamt*innen nicht einmal von den Ent\u00adscheidungen, die sie treffen, \u00fcberzeugt sein, sondern sie treffen sie u. a., weil sie von Kolleg*innen als richtig erachtet werden.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Besonders in uneindeutigen Situationen spielen dabei auch interne Machtkonstellationen und andere soziale Dynamiken eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Die Bearbeitung von polizeirelevanten Ereignissen geschieht dabei zwar aufgrund komplexer Entscheidungen, nicht aber beliebig. Organisational entwickelte und u. a. durch die Ausbildung vermittelte Routinen in der Bearbeitung von Ereignissen, die in den polizeilichen Aufgabenbereich fallen, helfen bei deren systematischer Abarbeitung. Kommt es zu einem polizeirelevanten Geschehen \u2013 beispielsweise einem Unfall als Folge einer Verfolgungsfahrt \u2013, finden verschiedene routinierte Bearbeitungsschritte statt, die es erm\u00f6glichen, ein dynamisches Geschehen, bei dem die Beamt*innen zumeist nicht anwesend waren, m\u00f6glichst akkurat und genau auf Papier festzuhalten und damit zu konservieren.<\/p>\n<p>Dies beginnt mit der Absperrung der Unfallstelle, durch die der \u00f6ffentliche Raum (le\u00adgi\u00adtimiert durch die sichtbaren polizeilichen Insignien) als ein polizeilicher markiert wird, in dem sich das Alltagsgeschehen unterzuordnen hat. Dies geschieht nicht immer unhinterfragt, vielmehr muss der Ort situativ erobert und der gesellschaftlichen Verf\u00fcgbarkeit zumindest zum Teil entzogen werden. Narrativ verdichtet findet man diesen Vorgang in der nicht selten von Polizist*innen gemachten Aussage: \u201eEs gibt hier nichts zu sehen. Gehen Sie weiter.\u201c Sie richtet sich an unbeteiligte Beobachter*innen und markiert auch eine Wissenshoheit der Polizei \u00fcber das Geschehen innerhalb dieses Raums.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend wird der Unfallhergang rekonstruiert und der Vorfall \u201ebeweissicher\u201c aufgenommen. Nun werden konkrete Praktiken einer Wissensproduktion beobachtbar. Zuerst \u201enimmt\u201c die Polizei \u201eden Unfall auf\u201c, d. h. Dinge in unmittelbarer N\u00e4he, im oder um das Auto werden angesehen, angefasst, vermessen, gegebenenfalls fotografiert und in Dokumenten festgehalten. Im Auto des Verd\u00e4chtigen befindliche Akten und Papiere werden durchgesehen, Beschreibungen von Ort und Umgebung, Verhalten von Beteiligten und vieles mehr schriftlich festgehalten. Aus Gegenst\u00e4nden werden Beweise, sie werden beschrieben, klassifiziert und dokumentiert, ein \u201eb\u00fcrokratischer Repr\u00e4sentant\u201c wird erschaffen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Nach diesen T\u00e4tigkeiten muss nun der Unfallhergang m\u00f6glichst akkurat und wahrheitsgetreu in Formulare eingepasst und verschriftlicht werden. Dadurch wird polizeiliches Material erzeugt, das durch Transformation des Verg\u00e4nglichen ins Best\u00e4ndige eine b\u00fcrokratische Anschlussf\u00e4higkeit gew\u00e4hrleisten soll. Die Erz\u00e4hlung wird auf die Passung in die passenden Kategorien auf dem Formular gepr\u00fcft und entsprechend eingef\u00fcgt, wodurch die Beamt*innen eine \u00dcbersetzerfunk\u00adtion zwischen Erz\u00e4hlung und Formular einnehmen. Dabei finden auch Verk\u00fcrzungen und Verdichtungen statt, die den polizeilichen Arbeitsalltag erleichtern sollen und einer schnelleren Abarbeitung polizeilicher Eins\u00e4tze dienen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Dinge k\u00f6nnen schief gehen und zu Verwirrungen und falschen Annahmen f\u00fchren. Das beginnt bereits mit der Einsatzleitzentrale, in der Notrufe entgegengenommen und die berichteten Informationen verdichtet und verk\u00fcrzt in Form einer Einsatzbezeichnung an die Streifenwagen weitergegeben werden.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> So stellt sich ein von Funker*innen durchgegebener Einsatzanlass zu einer Massenschl\u00e4gerei mit Steine werfenden Menschen vor Ort als eine sehr harmlose Situation mehrerer Menschen auf einer Baustelle heraus, die k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig waren und aus herumliegendem Holz ein Schiff gebaut haben \u2013 r\u00fcck\u00fcbersetzt in die b\u00fcrokratische Sprache taucht dieses Ereignis dann als \u201aGrober Unfug\u2018 in der Einsatzdokumentation auf. Diese Protokolle sind daher keine tats\u00e4chlichen Repr\u00e4sentanten einer Wirklichkeit, sondern \u201eals Produkt der interaktiven Leistungen\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> der Beamt*innen zu verstehen, in der soziale Tatsachen ausdifferenziert, geordnet und in b\u00fcrokratisch passende Formen gegossen werden.<\/p>\n<p>Auch die Produktion von Wissen in Form von ausf\u00fchrlichen Einsatzberichten findet in Einbindung unterschiedlichster Personen statt, beispielsweise durch Abgleich des Geschriebenen mit Streifenkolleg*in\u00adnen, durch Nachfragen bestimmter Probleme bei unbeteiligten Kolleg*in\u00adnen auf der Wache oder durch die regul\u00e4re Durchsicht der Einsatzbeschreibungen durch die diensthabenden Vorgesetzten. Jacobsen hat dabei herausgestellt, dass die Beamt*innen vom Wahrheitsgehalt der auf dem Einsatznachweis dokumentierten Inhalte nicht uneingeschr\u00e4nkt \u00fcberzeugt sein m\u00fcssen, sondern es wichtiger ist, dass dieser Wahrheitsgehalt in der polizeilichen Praxis sozial akzeptiert ist.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<h4>Die Inszenierung von Sonderwissen<\/h4>\n<p>Die Polizei versteht es, sich als Akteurin zur pr\u00e4sentieren, die durch formale und b\u00fcrokratische Techniken besonderes objektives und neutrales Wissen produziert. Dies macht ihren Status als Expert*innen besonders im Hinblick auf sicherheitsrelevante Ereignisse glaubhaft. Durch weitere Inszenierungsleistungen wie die staatliche Legitimation durch legitimier\u00adte Embleme und Symbole oder auch durch eine unpers\u00f6nliche b\u00fcrokratische Sprache<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> erscheinen sie nicht nur als Personen mit einer besonderen Kompetenz, sondern lassen es auch als sozial plausibel erscheinen, dass sie kompetente und anerkannte Expert*innen f\u00fcr diese Wissensbereiche sind. Dazu geh\u00f6rt auch die organisationale Schlie\u00dfung, die einen Zugang zu den Wissensbest\u00e4nden, aber auch zu den Konstruktionen dieses Wissens begrenzt h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Zugleich l\u00e4sst sich eine durchaus aktive Kommunikationsstrategie der Polizei (\u00fcber beispielsweise die sozialen Medien) beobachten \u2013 was jedoch kommuniziert wird, wird sortiert und kontrolliert nach au\u00dfen gegeben. Dies f\u00fchrt auch dazu, dass das meiste, was man im Alltag \u00fcber die Polizei wei\u00df, auf dem basiert, was die Polizei nach au\u00dfen tr\u00e4gt: dem Gesagten, dem Gezeigten und dem Pr\u00e4sentierten. Und auch wenn diese Inszenierungen nicht immer mit den Wahrnehmungen der B\u00fcrger*innen d\u2018accord gehen, bilden sie einen hegemonialen Deutungsrahmen polizeilichen Handelns.<\/p>\n<p>Innerhalb dessen verf\u00fcgen Polizist*innen \u00fcber eine Deutungsmacht und eine Deutungshoheit \u00fcber soziale Situationen, auf die sie sich u. a. aufgrund ihres kommunizierten Mehr-Wissens beziehen. Zugleich verf\u00fcgen sie auch \u00fcber ein Produktionsmonopol auf dieses Mehr-Wissen, bekunden objektive Kriterien des Erstellens und Beurteilens dieses Wissens und weisen so das Wissen anderer ex negativo zur\u00fcck. Dabei besteht zwar eine Korrelation zwischen einer Legitimation \u00fcber Wissen und einer Kompetenz \u00fcber Wissen, nicht aber eine Kausalit\u00e4t. Durch die weitgehend unhinterfragte Position als Experteninstitution, deren Expertise zugleich in vielf\u00e4ltigen Alltagssituationen (z. B. hinsichtlich einer potenziellen Gefahrensituation bei Versammlungen) relevant ist, sind polizeiliche Einsch\u00e4tzungen und die daran ankn\u00fcpfende Ma\u00dfnahmen einer Kritik schwer zug\u00e4nglich. W\u00e4hrend in der Wissenschaft die Transparenz und Nachvollziehbarkeit im Arbeiten Grundlage guter wissenschaftlicher Praxis ist, liegt der Erkenntnisweg, der zu polizeilichen Expertisen f\u00fchrt, weitestgehend im Dunkeln.<\/p>\n<p>Ein ernsthafter Diskurs dar\u00fcber, dass auch polizeiliche Expertisen Konstruktionen von Wirklichkeit innerhalb eines bestimmten Settings sind und daher einer fundierten Kritik zug\u00e4nglich sein m\u00fcssen, fehlt bislang.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Bittner, E.: Florence Nightingale in pursuit of Willie Sutton: a theory of the police, in: Newburn, T. (Hg.): Policing. Key Readings, Cullompton 2005, S. 150-172<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 ausf\u00fchrlich dazu bspw. Ullrich, P.: Researching Police in\/under Protest. ipb working paper 01-2018, Berlin 2018: <a href=\"https:\/\/depositonce.tu-berlin.de\/handle\/11303\/7522\">https:\/\/depositonce.tu-berlin.de\/\/handle\/11303\/7522<\/a> oder Reichertz, J.: Empirisch-Wissenssoziologische Polizeiforschung in Deutschland, in: Lange, H.J. (Hg.): Die Polizei der Gesellschaft, Wiesbaden 2008, S. 413\u2013426<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 vgl. Jacobsen, A.: Die gesellschaftliche Wirklichkeit der Polizei. Eine empirische Untersuchung zur Rationalit\u00e4t polizeilichen Handelns, Bielefeld 2001<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Dollinger, B.; Schmidt-Semisch, H. (Hg.): Sicherer Alltag? Politiken und Mechanismen der Sicherheitskonstruktion im Alltag, Wiesbaden 2016, S. 58<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 NDR: zapp v. 5.9.2018, online: <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/zapp\/Polizei-betreibt-ueber-330-Social-Media-Profile,polizei5110.html\">www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/zapp\/Polizei-betreibt-ueber-330-Social-Media-Profile,polizei5110.html<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Institut f\u00fcr Protest- und Bewegungsforschung u.a. (Hg.): Eskalation. Dynamiken der Gewalt im Kontext der G20-Proteste in Hamburg 2017,\u00a0 Forschungsbericht Berlin; Hamburg 2018, S. 66 ff., online: <a href=\"https:\/\/g20.protestinstitut.eu\/wp-content\/uploads\/%202018\/09\/Eskalation_Hamburg2017.pdf\">https:\/\/g20.protestinstitut.eu\/wp-content\/uploads\/ 2018\/09\/Eskalation_Hamburg2017.pdf<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 vgl. Hitzler, R.: Wissen und Wesen des Experten. Eine Ann\u00e4herungsversuch, in: Hitzler, R.; Honer, A.; Meader, C. (Hg.): Expertenwissen. Die institutionalisierte Kompetenz zur Konstruktion von Wirklichkeit, Opladen, 1994, S. 13- 31<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 ebd.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 vgl. Jacobsen a.a.O. (Fn. 3)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a>\u00a0 Doering, H.; Hirschauer, S.: Die Biographie der Dinge. Eine Ethnographie musealer Re\u00adpr\u00e4sentation, in: Hirschauer, S.; Amann, K. (Hg.): Die Befremdung der eigenen Kultur. Zur ethnographischen Herausforderung soziologischer Empirie, Frankfurt\/M 1997, S. 276<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a>\u00a0 Beispiele w\u00e4ren hier die Abk\u00fcrzung VU f\u00fcr Verkehrsunfall, PIW f\u00fcr Person im Wasser oder RGG f\u00fcr Raub gegenw\u00e4rtig. So wird der Anruf einer Person, die gerade auf dem Weg nach Hamburg ist, sich aber nicht sicher ist, ob sie die Kerzen in ihrer Wohnung ausgemacht hat, im Einsatzgrund verk\u00fcrzt als HE also einem Hilfeersuchen wiedergegeben. Erz\u00e4hlerische Verdichtung erf\u00e4hrt der Einsatz dann auf den sp\u00e4ter folgenden ausf\u00fchrlicheren Einsatzformularen.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a>\u00a0 Jacobsen a.a.O. (Fn. 3), S. 46<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a>\u00a0 ebd.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a>\u00a0 vgl. zur Sprache in der Polizei auch Sch\u00f6ne, M.: Pierre Bourdieu und das Feld Polizei: Ein besonderer Fall des M\u00f6glichen, Frankfurt\/M. 2011<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Stephanie Schmidt Die Polizei sei die bekannteste und zugleich am Wenigsten verstandene Regierungsinstitution, formuliert<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,123],"tags":[256,622,1024,1094,1328,1553],"class_list":["post-18444","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-118-119","tag-auslaenderpolizei","tag-forschungszugang","tag-oeffentlichkeitsarbeit","tag-polizei","tag-social-media","tag-wissen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18444","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18444"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18444\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18444"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18444"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18444"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}