{"id":18545,"date":"2020-11-20T08:31:45","date_gmt":"2020-11-20T08:31:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=18545"},"modified":"2020-11-20T08:31:45","modified_gmt":"2020-11-20T08:31:45","slug":"der-vermessene-alltag-der-leitstellen-wie-die-polizei-notrufeinsaetze-koordiniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=18545","title":{"rendered":"Der vermessene Alltag der Leitstellen:\u00a0Wie die Polizei Notrufeins\u00e4tze koordiniert"},"content":{"rendered":"<h3>von Philipp Knopp<\/h3>\n<p><strong>Leitstellen sind Knotenpunkte in der Koordination von Polizeieins\u00e4tzen. Sie l\u00f6sen auch Polizeieins\u00e4tze aus, z. B. auf der Basis von Notrufen. Digitale Technologien strukturieren dabei auch weite Teile des Alltags von Polizist*innen \u2013 Beobachtungen aus einer Leitstelle in \u00d6sterreich.<\/strong><\/p>\n<p>Die kritischen Debatten um die Technologien der Polizei fokussieren h\u00e4ufig neue und aufsehenerregende Systeme, internationale Datenbanken oder KI-gest\u00fctzte Kriminalistik. Eine Besprechung des Funks und der Informationssysteme der Einsatzleitzentralen als wichtige Kommunikationsinfrastrukturen der Polizei erdet diese Debatten, weil aufgezeigt wird, dass avancierte Technologien den Alltag der Polizei seit vielen Jahrzehnten pr\u00e4gen. Gleicherma\u00dfen r\u00fcckt der Blick auf den Polizeifunk Aspekte der Konnektivit\u00e4t in den Vordergrund. Dies gilt f\u00fcr komplexe Gro\u00dfeins\u00e4tze bei gro\u00dfen Versammlungen oder Fu\u00dfballspielen wie auch f\u00fcr den Polizeialltag.<!--more--><\/p>\n<p>Funkinfrastrukturen binden stets weitere Medientechnologien ein. Der seit den 1990er Jahren verbreitete Datenfunk erm\u00f6glicht auch den Versand von Nachrichten und kleinen Datenpaketen zwischen Leitstellen und Streifenwagen. Einsatzleitsysteme nutzen diese Funktionen, um die verschiedenen Orte und Episoden der polizeilichen Einsatzbearbeitung miteinander zu verkn\u00fcpfen. Mithilfe der Leitsysteme werden Polizeieins\u00e4tze ausgel\u00f6st, an die Funkstreifenwagen weitergegeben und zwi\u00adschen den Einsatzkr\u00e4ften vor Ort und Leitzentralen koordiniert. Die Streifenwagen funken Berichte, die von Leitstellenbeamt*innen protokolliert und vom Einsatzleitsystem mit automatisch generierten Daten erg\u00e4nzt werden. Die Berichte werden von dienstf\u00fchrenden und leitenden Beamt*innen mehr oder minder eingehend gepr\u00fcft. All diese T\u00e4tigkeiten finden ihren schriftlichen Niederschlag in einem Datensatz pro Einsatz.<\/p>\n<p>In der \u00f6sterreichischen Leitstelle, die ich w\u00e4hrend meiner Forschung besuchte, nennen die Polizist*innen diesen Datensatz \u201eEinsatzblock\u201c. Diesen f\u00fcr einen digitalen Datensatz zun\u00e4chst irritierenden Namen \u00fcbernahmen sie aus der vordigitalen Zeit. Einsatzbl\u00f6cke waren gedruckte Papierbl\u00f6cke mit einer Tabelle, mit denen die Beamt*innen Ort, Zeit, entsandte Einheiten und Einsatzinformationen protokollierten, um sie dann per F\u00f6rderband an den benachbarten Funkbereich zu schicken, wo nicht nur gefunkt wurde, sondern die Papierzettel auch s\u00e4uberlich gestapelt wurden. Die Polizeibrosch\u00fcre \u201eSicherheit und Hilfe\u201c aus dem Jahr 1998 beschreibt die Digitalisierung dieser Einsatzbl\u00f6cke, wie folgt: \u201eBildschirme ersetzen die bis dahin \u00fcblichen handgeschriebenen Zettel, deren Lesbarkeit umgekehrt proportional dem Stre\u00df in der Dienststelle war.\u201c \u00dcber die Lesbarkeit von Handschriften hinaus ver\u00e4nderte sich aber auch die Art und Weise, wie die Polizei die \u201eEinsatzbl\u00f6cke\u201c versteht. Sie werden nun Mittel und Gegenstand einer anhaltenden Standardisierung in der Bearbeitung von notrufbasierten Polizeieins\u00e4tzen. Die Einsatzzeiten und Bearbeitungsperioden werden nicht mehr mit der individuellen Armbanduhr-Zeit gemessen, sondern mit der omnipr\u00e4senten Digitaluhr des Einsatzleitsystems. Damit wird die <em>performance <\/em>der Leitstellenbeamt*innen und der Funkwagen zahlenm\u00e4\u00dfig mess- und vor allem vergleichbar. Die Digitalisierung der Informationssysteme der Polizei ist damit auch die Grundlage f\u00fcr neue Formen des <em>accounting <\/em>von Zeit- und Kosteneffizienz, weil sie mit den standardisierten Datens\u00e4tzen das Rohmaterial betriebswirtschaftlicher Pr\u00fcfungen zu produzieren vermag. Ebenso begleitete den Datensatz ein verbindliches Klassifikationssystem f\u00fcr Eins\u00e4tze und darauf aufbauend ein \u201eEinsatzmittelvorschlag\u201c als automatisierte Entscheidungsunterst\u00fctzung bei der Auswahl von Funkwagen. Die bereits seit 1994 mit einem Einsatzleitsystem ausgestattete Wiener Leitzentrale galt auch dem \u00f6sterreichischen Rechnungshof als Klassenprimus hinsichtlich der Effizienz der Zeit- und Einsatzmittelverwendung sowie ihrer \u00dcberpr\u00fcfbarkeit. Denn die \u00fcbrigen (damals) 89 \u00f6sterreichischen Polizeileitstellen im l\u00e4ndlich gepr\u00e4gten Alpenland waren weniger zentralisiert und konnten zum Zeitpunkt der Pr\u00fcfung im Jahr 2010 schlicht nicht gem\u00e4\u00df der \u00f6konomischen Kriterien beurteilt werden \u2013 es fehlten vergleichbare Daten.<\/p>\n<p>Die Einf\u00fchrung des digitalen Datensatzes erm\u00f6glichte also die Ver-messung und Neuorganisation des Alltags der Leitstellen. Die Technisierung und Standardisierung, die nicht selten von der Objektivit\u00e4tsfiktion des Technischen begleitet wird, pr\u00e4gt dabei den polizeilichen Umgang mit Ereignissen, legt die Abl\u00e4ufe des Einsatzes aber keineswegs fest.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Vielmehr werden die Technologien mit polizeilichen Gebrauchsnormen verbunden, die die Art und Weise, wie Daten produziert und verbreitet werden, wie dokumentiert und wie von Funkwagen mit Einsatzaufforderungen umgegangen wird, ausrichten.<\/p>\n<h4>Die Reise des Einsatzblocks<\/h4>\n<p>Die Relevanz der Einsatzdatens\u00e4tze im Polizeialltag verdeutlicht bereits ein Blick auf die Zahlen: In \u00d6sterreich werden j\u00e4hrlich bis zu 2 Mio. Notrufe bearbeitet, die einzeln registriert werden. Ihre alltagsweltliche Bedeutung kristallisiert sich aber erst heraus, wenn wir sie auf ihrer Reise durch die Leitzentrale verfolgen. Die klassifizierten und klassifizieren\u00adden Datens\u00e4tze sind mit singul\u00e4ren Eins\u00e4tzen verkn\u00fcpft. Die (Un)Si\u00adcher\u00ad\u00adheits\u00adform \u201aNot\u2018 wird in den Klassifizierungsprozessen erst hervorgebracht durch polizeiliche Zeitfenster und -regulierungen, die Gefahrenereignisse unter anderem entlang ihrer Dringlichkeit hierarchisieren. Sie organisieren so die vielschichtigen Zeiten der Leitstelle, indem sie Identit\u00e4t und Differenz von Ereignissen festlegen, an denen sich der Alltag in der Leitstelle, aber auch der Alltag der Streifenwagen orientiert. Ebenso pr\u00e4gen sich die produzierten Daten in die allt\u00e4glichen Rhythmen und Geschwindigkeiten des Alltags und der Leitstellenkultur ein.<\/p>\n<p>Die polizeilichen Kategorien nehmen eine sachliche Lageeinordnung vor, verorten die Ereignisse aber auch innerhalb einer Hierarchie der polizeilichen Einsatztypen. L\u00e4rmbel\u00e4stigungen haben eine sehr geringe Priorit\u00e4t und k\u00f6nnen auch zur\u00fcckgestellt werden, insofern die situative Einsatzmittel\u00f6konomie es verlangt. Ein Geisterfahrer oder eine aktuelle K\u00f6rperverletzung erhalten hingegen hohe Priorit\u00e4ten. Das bedeutet, dass ein Funkwagen etwa in der Gro\u00dfstadt Wien innerhalb von drei bis dreieinhalb Minuten vor Ort sein soll. Damit ist angedeutet, dass Zeit ein knappes Gut der Notrufleitstelle ist, das verwaltet werden muss.<\/p>\n<p>Die meisten Datens\u00e4tze beginnen ihre Reise am Telefon der \u201eAuffor\u00adde\u00adrer\u201c \u2013 einige werden von Alarmanlagen oder Polizist*innen im Strei\u00adfen\u00addienst angesto\u00dfen. Egal ob Technik oder Mensch \u2013 beide melden St\u00f6rungen des gesellschaftlichen Lebens. Bereits die Ankunft eines Notrufs in der Leitzentrale wird automatisch dokumentiert und mit einer ID versehen \u2013 die Stunde null des \u201eEinsatzblocks\u201c. Bis ein*e Polizist*in den Notruf zu Gesicht bekommt und die Anrufer*innen h\u00f6rt, wird die Telefonnummer entanonymisiert, sofern eine SIM-Karte eingelegt ist oder ein registrierter Festnetzanschluss genutzt wird. Wenn von den Beamt*innen \u201eam Notruf\u201c (neuer: <em>call taker<\/em>) abgehoben wird, werden die Nummern automatisch in einen Einsatzblock eingef\u00fcgt. Das folgende Notrufgespr\u00e4ch dient Polizist*in, Einsatzleitsystem und Anrufer*in dazu, den \u201eEinsatzblock\u201c mit relevanten Informationen zu versehen. Die Eingabemaske legt dem Notrufgespr\u00e4ch \u00fcber obligatorische Eintragungen bestimmte Themen nahe.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Ohne diese kann kein Einsatz ausgel\u00f6st werden. Die handels\u00fcblichen Einsatzleitsysteme verlangen meist die Eingabe eines Ortes und die Vergabe eines \u201eStichworts\u201c, das den Einsatz klassifiziert und ihn damit in ein Vergleichsverh\u00e4ltnis zu anderen setzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Polizist*innen gilt die Regel: \u201e<em>Wir<\/em> f\u00fchren das Gespr\u00e4ch.\u201c Da Regeln und Regelbefolgung zweierlei Dinge sind, werden die Gespr\u00e4che jedoch weder technisch determiniert, noch durch Anspr\u00fcche und Anweisungen zur Beherrschung der Gespr\u00e4chsf\u00fchrung vorherbestimmt. Die Klassifizierung, ob es sich beim Notruf um eine polizeilich relevante St\u00f6\u00adrung des gesellschaftlichen Lebens handelt, ist vielmehr durch Aushandlungen gepr\u00e4gt \u2013 bis hin zu Konflikten, in denen die \u201eAufforderer\u201c Anspr\u00fcche geltend machen, die polizeiliche Deutungsroutinen anfechten.<\/p>\n<p>Die Datens\u00e4tze k\u00f6nnen durch inhaltliche Notizen zum Gespr\u00e4ch erg\u00e4nzt, Verd\u00e4chtige beschrieben oder sonstige Hinweise eingetragen werden. Auf der Grundlage der Aussagen der Aufforderer*innen werden auch Bewertungen \u00fcber die Anrufenden als einsatztaktisches Wissen weitergegeben, wie Sprachkenntnisse, Staatsangeh\u00f6rigkeiten oder Einsch\u00e4tzungen \u00fcber den physischen oder psychischen Zustand von Personen. Entsprechende Erg\u00e4nzungen zum Sachverhalt halten die Beam\u00adt*innen \u2013 als Vertreter*innen einer wesentlich schriftlich kommunizierenden, aber nicht sonderlich schriftaffinen Polizist*innenkultur \u2013 kurz und b\u00fcndig. Die Gespr\u00e4che und Eintragungen dauern selten mehr als 1,5 Minuten. Ist der Datensatz erst angelegt, erfolgt die Weiterleitung an \u201eden Funk\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Die Zweiteilung der Notrufbearbeitung f\u00fchrt mit den Funker*in\u00adnen (neuer: Disponent*innen) eine zus\u00e4tzliche Instanz der Klassifizierung und Pr\u00fcfung ein. Wie viele b\u00fcrokratische Organisationen schreitet die Leitzentrale dabei berichtend voran. Die Funker*innen \u00f6ffnen und lesen den Datensatz und entscheiden selbst oder mit dem standardisierten Einsatzmittelvorschlag, welche und wie viele Funkwagen sie entsenden. Zudem werden optionale und verpflichtende Ma\u00dfnahmen vorgeschlagen. Wie und ob man mit den technischen Vorschl\u00e4gen arbeitet, ist gleichsam eine Frage des Selbstverst\u00e4ndnisses der Beamt*innen. W\u00e4hrend der Vorschlag des Einsatzleitsystems als sichere Bank gilt, mit der individuelle Verantwortung und Kompetenz an das System delegiert werden kann, verteidigen andere Beamt*innen die selbstverantwortliche Entscheidung \u00fcber die Einsatzma\u00dfnahmen als Zeichen der Versiertheit und M\u00f6glichkeit insbesondere den Alltag der Kolleg*innen im Streifendienst durch eine nicht nur effiziente, sondern auch (zeit-)\u201egerechte\u201c Einsatzverteilung zu erleichtern.<\/p>\n<p>In den meisten F\u00e4llen ist das Erstellen und Lesen des Datensatzes die einzige einsatzbezogene Kommunikationsform zwischen call-ta\u00adker*in\u00adnen und den Dispontent*in\u00adnen. Bei besonderen Umst\u00e4nden, besonderer Dringlichkeit oder um nicht verschriftlichtes Wissen schnell wei\u00ad\u00adter\u00adzugeben, rufen Beamt*innen sich Einsatzinformationen zu oder ge\u00adhen durch den Raum und weisen die Funker*innen auf entsprechende Aspekte hin.<\/p>\n<p>Die Disponent*innen delegieren den Einsatz nun an die Funkwagen. Entscheidend ist dabei zun\u00e4chst der Ort des Ereignisses und dessen Position in einem Raster von Zust\u00e4ndigkeiten der Polizeiinspektionen. Im Falle hoher Priorit\u00e4t, Komplexit\u00e4t oder zur \u201aEigensicherung\u2018 werden auch mehrere Einsatzwagen aus dem jeweiligen Funkkreis beordert bzw. Zusatzkr\u00e4fte angewiesen. Wenn ein Einsatz den Funkwagen via Sprechfunk zugeteilt wird, sendet das Einsatzleitsystem automatisch einen Teil des Einsatzblocks an die Funkwagen. So vermitteln die Beamt*innen Lagewissen \u00fcber den Einsatzort, die Telefonnummer der Aufforderer*innen, die Einordnung in das Klassifikationssystem sowie weitere nicht standardisierte Informationen. Der Versand und die Annahme des Datensatzes werden gespeichert und sind Gegenstand sp\u00e4terer Routinepr\u00fcfungen. Die Funkwagen klassifizieren den Einsatz wiederum und entscheiden zum Beispiel in vielen Situationen selbst, ob mit oder ohne Blaulicht zum Einsatzort gefahren wird.<\/p>\n<p>In der Leitstelle wird der Datensatz Bestandteil einer Liste aktueller Eins\u00e4tze. Der Datensatz, der zuvor als Eingabeformular f\u00fcr das Notrufgespr\u00e4ch fungierte und danach als Handlungsaufforderung f\u00fcr die Funker*innen und Streifenwagen, wechselt nun wieder seine praktische Rolle. Er ist nun vorrangig Einsatzprotokoll. An dieser Bearbeitungsform des Datensatzes ist das Einsatzleitsystem aktiv beteiligt, indem es automatisiert Prozessdaten hinzuf\u00fcgt, wie z. B. Ankunftszeiten von Funkwagen an Einsatzorten und aufgezeichnete Funkspr\u00fcche. So ist auch das Protokollieren keine rein menschliche Praktik. Die Funker*innen notieren im Protokoll Funkspr\u00fcche, Anordnungen (z. B. Anlegen von Schutzwesten) sowie m\u00fcndliche Abschlussberichte der Funkwagen, wenn diese den Einsatzort verlassen. Am Ende der Funkwagenschicht wird nochmals ein eigener Bericht angefertigt.<\/p>\n<p>Das Protokollieren formalisiert die mit Bewertungen des Einsatzes verbundenen Funkspr\u00fcche. Sie werden \u00fcbersetzt und \u201ain Form\u2018 gebracht. Das Protokollierte ist gerichtsfest und kann nicht modifiziert werden. Vor dem Einsatzabschluss sollen die Funker*innen ebenfalls pr\u00fcfen, ob die von ihnen eingesetzten \u201eEinsatzmittel\u201c (Funkwagen, Sonderkr\u00e4fte usw.) der initialen Klassifizierung des Einsatzes entsprechen, ob sie also entsprechend der Prognose der Beamt*innen am Notruf gehaushaltet haben. Ist dies nicht der Fall, soll eine Re-Klassifizierung entsprechend der tats\u00e4chlichen \u00d6konomie des Einsatzes erfolgen.<\/p>\n<p>Wenn Funkwagen und Funker*innen den Einsatz abschlie\u00dfen, wird der Datensatz an dienstf\u00fchrende Beamt*innen versandt, die mit der Pr\u00fcfung der Einsatzbearbeitung in erster Instanz beauftragt sind. Die Klassifizierungen in vorherigen Prozessschritten sind dabei entscheidende Anhaltspunkte, wie eingehend die \u00dcberpr\u00fcfung stattfindet. Geringpriorisierte Eins\u00e4tze, wie L\u00e4rmbel\u00e4stigungen oder \u201eVerparkungen\u201c, werden im Gegensatz zu Eins\u00e4tzen h\u00f6chster Priorit\u00e4t weniger eingehend kontrolliert. Eine letzte zeitnahe Pr\u00fcfung der als pr\u00fcfrelevant erachteten Eins\u00e4tze \u00fcbernimmt eine*n Vertreter*in des Polizeipr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>Danach wird der Datensatz mit Aufzeichnungen des Notrufgespr\u00e4chs archiviert. Er kann zur Grundlage der \u00dcberpr\u00fcfung von Beschwerden werden. Die in den letzten Jahren in \u00d6sterreich angestrengten Gerichtsprozesse gegen Notrufbeamt*innen reklamierten etwa, dass zu sp\u00e4t oder gar nicht auf Notrufe reagiert wurde. Beschwerden gibt es aber auch gegen die rigorose Gespr\u00e4chsf\u00fchrung am Notruf. Laut den Beamt*innen hat dies aber selten umfangreichere Folgen.<\/p>\n<h4>Not macht nicht alle gleich<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend in vielen solcher F\u00e4lle wissenschaftlich, wie auch vor Gericht situative Dynamiken und Kommunikationsprobleme geltend gemacht werden, produziert die Erstellung von Eins\u00e4tzen gleichsam ihre eigenen wiederkehrenden Normalit\u00e4ten und Marginalisierungen. Einerseits merken Beamt*innen an, dass sie betrunkene Personen oft nicht verstehen k\u00f6nnen,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> mitunter werden Anrufer*innen psychische St\u00f6rungen zugeschrieben, die die Ernsthaftigkeit ihrer Aufforderung infrage stellen. Besonders bedeutsam f\u00fcr den Alltag der Beamt*innen ist andererseits, dass sie kaum eine M\u00f6glichkeit sehen, einen Notruf zu bearbeiten, der nicht auf Deutsch oder Englisch vorgebracht wird. Es w\u00e4re jedoch zu einfach, diese Problematik der Notrufgespr\u00e4che auf die Kompetenzen oder gar einen Unwillen der Beamt*innen zu reduzieren. Vielmehr zieht die gegenw\u00e4rtige soziale und technische Konfiguration der Notrufbearbeitung eine Exklusionslinie entlang der Sprachkenntnisse der Beam\u00adt*innen. Diese Grenzziehung geht aus den dominanten Relevanzsetzungen der privat-\u00f6ffentlich organisierten Sicherheitsproduktion hervor. Ihr Fokus auf Geschwindigkeit, Zeit- und Kosteneffizienz sowie Eigensicherung konstituiert einen Normalanwendungsbereich von Polizeitechnologien, der den Alltag der Notrufbearbeitung und den Anforderungen an die Verf\u00fcgbarkeit der Sicherheitsproduktion in den europ\u00e4ischen Migrationsgesellschaften kaum mehr entspricht. Dies spiegelt sich in den Diskursen und Entwicklungspraktiken der f\u00fchrenden Technologiehersteller*innen wider, wie sie auf den zentralen Technologiemessen beobachtbar werden. Auf dem Technologiemarkt des Sicherheitssektors sind etwa praktikable \u00dcbersetzungssoftwares noch immer genauso peripher wie Technologien, die den Grundrechtsschutz in polizeilichen Praktiken explizit regulieren wollen. Es geht daher letztlich um die Perspektive, die die Sicherheitsproduktion einnimmt: Geht es um eine effiziente <em>security<\/em> f\u00fcr die Normalbev\u00f6lkerung und die Bek\u00e4mpfung immer wieder gleicher \u201aAnderer\u2018 oder um <em>safety for all<\/em>, wie dies soziale Bewegungen auch in \u00d6sterreich in den letzten Jahren wiederholt forderten?<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ullrich, P.: Video\u00fcberwachung von Demonstrationen und die Definitionsmacht der Polizei. Zwischen Objektivit\u00e4tsfiktion und selektiver Sanktionierung, in: \u00d6sterreichische Zeitschrift f\u00fcr Soziologie 2018, Nr. 4, S. 323-346<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Kameo, N.; Whalen, J.: Organizing Documents. Standard Forms, Person Production and Organizational Action, in: Qualitative Sociology 2015, Nr. 2, S. 205\u2013229<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 In anderen Leitstellen sind Notrufannahme und Funk an einem Arbeitsplatz vereint.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 vgl. auch Whalen, J.; Zimmerman, D.H.; Whalen, M.R.: When Words Fail. A Single Case Analysis, in: Social Problems 1988, Nr. 4, S. 335\u2013362<\/h6>\n<h3>Beitragsbild: Leitstelle in \u00d6sterreich (<a href=\"https:\/\/bmi.gv.at\/news.aspx?id=5872634E53464F3679366F3D\">BMI \u00d6sterreich<\/a>).<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Philipp Knopp Leitstellen sind Knotenpunkte in der Koordination von Polizeieins\u00e4tzen. 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