{"id":18547,"date":"2020-10-13T08:33:57","date_gmt":"2020-10-13T08:33:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=18547"},"modified":"2020-10-13T08:33:57","modified_gmt":"2020-10-13T08:33:57","slug":"zwischen-repression-und-schutz-der-alltag-der-polizei-und-das-umgehen-mit-vulnerablen-gruppen-am-beispiel-jugendlicher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=18547","title":{"rendered":"Zwischen Repression und Schutz:\u00a0Der Alltag der Polizei und das Umgehen mit vulnerablen Gruppen am Beispiel Jugendlicher"},"content":{"rendered":"<h3>von Nils Zurawski<\/h3>\n<p><strong>Pr\u00fcgelnde Polizei, Korpsgeist, latenter Rassismus, Beratungsresistenz \u2013 einige Punkte, die derzeit an der Polizei kritisiert werden. Das Bild vom Alltag der Polizei ist verzerrt und einseitig, ihre Arbeit wesentlich breiter, wenn auch selten frei von Ambivalenz. Unterwegs mit einer Einheit des Jugendschutzes soll ein anderer Alltag gezeigt und kritisch reflektiert werden.<\/strong><\/p>\n<p>Verlie\u00dfe man sich allein auf die Nachrichtenbilder im Fernsehen und in den sozialen Medien, dann k\u00f6nnte man sehr wohl zu der \u00dcberzeugung gelangen, der Alltag der Polizei w\u00fcrde darin bestehen, Demonstran\u00adt*innen zusammen zu kn\u00fcppeln und gegen marginalisierte Gruppen vorzugehen. Hier zeigt sie sich als der Herrschaftsapparat schlechthin, im Dienste einer Obrigkeit, oft genug auch entkoppelt von ihr, scheinbar nicht zu beherrschen. Das Bild ist richtig und wahrscheinlich falsch gleicherma\u00dfen. Richtig, weil es diese Vorkommnisse gibt, die Polizei gegen jede Selbstwahrnehmung von der B\u00fcrgerpolizei und des \u201eFreundes und Helfers\u201c eben ein Herrschafts- und Unterwerfungsapparat ist.<!--more--><\/p>\n<p>\u00dcber \u201edie\u201c Polizei zu schreiben und diese zu analysieren ist dabei die eine Sache, \u00fcber Polizist*innen in ihrem Berufsalltag eine ganz andere. Das hat u. a. mit den M\u00f6glichkeiten f\u00fcr ethnografische Zug\u00e4nge und teilnehmende Beobachtungen zu tun. Diese sind oft schwierig zu bekommen, weshalb eine Forschung zu \u201eder\u201c Polizei vor allem auf den Verwaltungsapparat konzentriert ist, der das staatliche Gewaltmonopol besitzt. Es lie\u00dfe sich einwenden, dass Polizei immer Polizei ist und der Alltag unter Umst\u00e4nden im Detail unterschiedlich verl\u00e4uft, aber generell immer die gleiche Arbeit darstellt. Ich halte eine solche Sicht auf Polizei f\u00fcr zu eng. Auch wenn Polizei \u00fcberall und immer ein Herrschafts- und Unterwerfungsapparat des Staates ist, so variieren die Kulturen, Praktiken und Selbstverst\u00e4ndnisse international erheblich und auch innerhalb nur eines Landes lassen sich unterschiedliche Arbeitsweisen und vielf\u00e4ltige T\u00e4tigkeitsbereiche feststellen. Insofern ist es nicht wahrscheinlich, dass die obigen Bilder allein den Alltag der Polizei beschreiben k\u00f6nnen, auch wenn es Betroffenen schwer fallen muss, andere Vorstellungen zu entwickeln.<\/p>\n<p>Aber wie genau ist der Alltag der Polizist*innen und welcher Alltag ist gemeint? Auf den erw\u00e4hnten Bildern sehen wir vor allem gepanzerte Polizei, ausger\u00fcstet f\u00fcr harte Auseinandersetzungen mit einem mutma\u00dflichem Gegner, organisiert in geschlossenen Einheiten, so genanntes <em>public order policing<\/em>. Zwar sind auch diese schockierenden Bilder ein Teil des Alltages, davon abweichende sind es aber ebenso, und diese sind vor allem in der Selbstwahrnehmung der Polizei essentiell. Daher ist ein breiter und differenzierter Blick auf die verschiedenen Alltagsroutinen der Polizei lohnenswert. Im Folgenden m\u00f6chte ich daher einen Blick auf einen \u00f6ffentlich eher weniger wahrgenommenen Ausschnitt von Polizeiarbeit werfen, der wichtig ist, weil es sich dort beim \u201epolizeilichen Gegen\u00fcber\u201c um Jugendliche und junge Erwachsene handelt.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4t dieser Begegnungen hat somit zum Teil einen Einfluss auf deren Bild von Polizei und den sp\u00e4teren Umgang mit ihr. Grunds\u00e4tzlich gute Erfahrungen, die jenseits der oft Gewalt-beladenen Bilder von Auseinandersetzungen bei Demonstrationen liegen, k\u00f6nnten zu einem anderen Bild, Umgang und Einstellung zur Polizei f\u00fchren. Dass es grunds\u00e4tzlich \u201egute\u201c Erfahrungen mit der Polizei \u00fcberhaupt geben kann, nehme ich hier einfach mal an, auch wenn viele Jugendlichen eher ein distanziertes Verh\u00e4ltnis zu Polizei pflegen d\u00fcrften, insbesondere dann, wenn sie zu bestimmten Gruppen geh\u00f6ren \u2013 z. B. Migrant*innen, Bewohner*innen sozial schw\u00e4cherer Viertel, bestimmten Subkulturen angeh\u00f6ren usw. Insgesamt gibt es leider viel zu wenig Forschung zum Polizeialltag, der tiefere Einblicke und dichtere Beschreibungen erm\u00f6glichen und somit andere Analysen liefern k\u00f6nnte. Hier sind vor allem die Arbeiten von Didier Fassin zum Alltag der franz\u00f6sischen Polizei hervorzuheben.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<h4>Jugendliche und Polizei<\/h4>\n<p>Bei einer Feldforschung auf einer deutschen Polizeiwache (September 2017 \u2013 M\u00e4rz 2018), w\u00e4hrend der ich mit verschiedenen Einheiten unterwegs gewesen bin, habe ich auch viel Zeit mit dem so genannten Jugendschutz verbracht. Der Jugendschutz, fr\u00fcher die Abteilung \u201eSitte\u201c, k\u00fcmmert sich um Jugendliche in den Bezirken und vor Ort. Er ist f\u00fcr so genannte Jugendlagen zust\u00e4ndig, also f\u00fcr Situationen und Lokalit\u00e4ten, wo sich viele Jugendliche gesammelt und verst\u00e4rkt aufhalten, z. B. auf Volks\u00adfesten, an beliebten Treffpunkten in der Stadt, am Hauptbahnhof, in Parks und auch bei Protesten oder anderen Aktionen wie Halloween oder Silvester.<\/p>\n<p>In den Begegnungen treffen Polizeialltag und der Alltag der Jugendlichen aufeinander. Hier werden Macht, Staat, M\u00f6glichkeiten von Freiheit und die eigene Rolle ausgehandelt, nicht nur f\u00fcr den Moment, sondern auch dar\u00fcber hinaus. Nicht alle Jugendlichen kommen in Kontakt mit den Mitarbeiter*innen der Jugendschutzeinheiten in den verschiedenen Bezirken, sondern haupts\u00e4chlich diejenigen, die unter die oben genannten Kategorien fallen. Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnte man den verfolgten Ansatz der Einheiten als polizeiliche Sozialarbeit bezeichnen. Sie unterscheidet sich grunds\u00e4tzlich von der Arbeit bei Demonstrationen oder auch nur von der normaler uniformierter Beamt*innen auf Streife, sei es zu Fu\u00df oder mit dem Wagen. Zwar arbeitet der Jugendschutz in zivil, wird aber von den betroffenen Jugendlichen oft aus der Entfernung erkannt \u2013 was auch sein erkl\u00e4rtes Ziel ist.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte im Folgenden anhand von drei ethnographischen Vignetten solche Begegnungen nachzeichnen, weil dar\u00fcber sowohl ein besonderer und durchaus vielseitiger Alltag von Polizist*innen sichtbar wird und andererseits sich diese Begegnungen sehr gut eignen, um \u00fcber die Rolle von Polizei im Rahmen von gesellschaftlicher Ordnung generell nachzudenken und nicht nur in eskalierenden Ausnahmesituationen, wie sie Demonstrationen mitunter darstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Vignette 1: Auf dem Jahrmarkt<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Feldforschung war Jahrmarkt in der Stadt. Auf der Jahrmarkt-Wache trafen sich die Jugendsch\u00fctzer aus allen Bezirken, da \u201eihre\u201c Jugendlichen hier zusammenkamen. Das ist schon deshalb interessant, da hier auf eine offensichtliche N\u00e4he zwischen Polizei und Jugendlichen gesetzt wird, die diese Arbeit besonders kennzeichnet. Ich habe dort an mehreren Tagen verschiedene Jugendsch\u00fctzer begleitet.<\/p>\n<p>Aus meinen Feldaufzeichnungen zum ersten Besuch:<\/p>\n<p>Mit Apollo<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> fahren wir zum Jahrmarkt. Wir gehen in die Jahrmarktwache, ich werde vorgestellt, aber nur kurz, gebe wie immer allen die Hand \u2026 Ich bin inzwischen \u00fcberall der Prof., der ein Buch schreibt. Ich gehe mit Apollo los, Tom und Irene sind das andere Team. Erster Anlauf, der \u201eT\u00fcrken-Scooter\u201c. Noch ist nicht viel los, aber als wir ankommen, gibt es eine Schubserei zwischen zwei Leuten, beide ca. Mitte 20, einer betrunken. Freunde, wie sich rausstellt. Die Kollegen reagieren schnell, und zuf\u00e4llig sind auch zwei Uniformierte da. Etwas abseits wird belehrt, ein Platzverweis ausgesprochen. Tom erkl\u00e4rt mir, was er gemacht hat und warum: \u201eSo ein Verhalten wollen wir hier nicht\u201c. \u2026 Wir machen eine Jahrmarktsrunde, Apollo begr\u00fc\u00dft einige Schausteller, \u2026 unterhalten uns \u00fcber Polizei \u2026<\/p>\n<p>Ein weiterer Besuch, dieses Mal mit zwei Polizistinnen, Anja und Irene. Die Schilderung ist eine kommentierte Zusammenfassung meiner Aufzeichnungen. Irene erkl\u00e4rt mir die Arbeit des Jugendschutzes als eine offensive Polizeiarbeit in zivil. Sie wollen von den Jugendlichen erkannt werden, dennoch existiere ein Unterschied zu den uniformierten Beamt*innen, die auch auf dem Jahrmarkt ihre Runden gehen und deren Pr\u00e4senz oft nicht als vorteilhaft angesehen wird, da ihnen die n\u00f6tige N\u00e4he abgehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wir stehen am oberen Treppenabsatz der U-Bahnstation, die direkt auf den Jahrmarkt f\u00fchrt. Die beiden Jugendsch\u00fctzerinnen halten Ausschau. Als in einer Gruppe von M\u00e4dchen ein lauter, h\u00f6rbarer Streit ausbricht, gehen die beiden dazwischen und kontrollieren die Ausweise. Ihr Hauptaugenmerk dabei gilt vor allem dem Alter der M\u00e4dchen, ihrer Aufmachung, ob sie bereits etwas getrunken haben oder Alkohol bei sich f\u00fchren. Im Grunde \u00fcberpr\u00fcfen sie die Einhaltung der Jugendschutzgesetze, die den Aufenthalt von Jugendlichen in der \u00d6ffentlichkeit regulieren. Die kontrollierten M\u00e4dchen sind sehr cool und herausfordernd gegen\u00fcber den beiden Polizistinnen. Maulend zeigen sie ihre Ausweise und lassen sich belehren, eher gelangweilt denn erschrocken. Sie scheinen diese Prozedur bereits zu kennen. Ich \u00fcberlege, ob das gut oder schlecht ist und was das bedeutet. Kontrollieren die Beamtinnen vor allem bestimmte Jugendliche, spielen Aussehen, Kleidung, Hautfarbe \u2013 zwei der f\u00fcnf M\u00e4dchen sind dunkelh\u00e4utig \u2013 eine Rolle? Oder sind Jugendliche einfach auch mit 15, 16 Jahren schon so cool und verweigern der Polizei eine gewisse Obrigkeitsh\u00f6rigkeit und damit auch den Respekt, der erwartet wird?<\/p>\n<p>Zur\u00fcck auf dem Jahrmarkt, reden die beiden mit mir \u00fcber die Kontrolle von eben, w\u00e4hrend sie das Geschehen an dem Fahrbetrieb beobachten. Irene offenbart \u201eirre Wut\u201c \u00fcber viele Jugendliche und \u00e4u\u00dfert das Bed\u00fcrfnis, auch mal h\u00e4rter durchzugreifen zu k\u00f6nnen. \u201eDie d\u00fcrfen alles, keiner k\u00fcmmert sich, sie sind allein gelassen, ohne Begrenzung, ohne F\u00fchrung\u201c, analysiert sie k\u00fchl. Auch Anja ist wenig blau\u00e4ugig, betont aber den Menschlichkeitsaspekt ihrer Arbeit, da sie so auch zu Bezugspersonen f\u00fcr einige dieser Jugendlichen werden, wenn schon sonst niemand ihnen eine Begrenzung aufzeigen w\u00fcrde. Werte und Verhaltensnormen haben eine zentrale Bedeutung f\u00fcr die Beamtinnen in ihrer Arbeit hier. Die Erz\u00e4hlungen schwanken zwischen dem Bed\u00fcrfnis zu erziehen und gleichzeitig als Polizistin repressiv zu agieren.<\/p>\n<p><strong>Vignette 2: Ein Norm- und Hilfegespr\u00e4ch<\/strong><\/p>\n<p>Auszug aus meinen Feldnotizen zu einem Norm- und Hilfegespr\u00e4ch bei zwei Kindern, die Opfer eines \u00dcbergriffs geworden sind.<\/p>\n<p>Anwesend sind ein elfj\u00e4hriger Junge, ein 14-j\u00e4hriges M\u00e4dchen, die Mutter sowie eine weitere Freundin der Mutter. Wir setzen uns ins Wohnzimmer, die Mutter sehr bem\u00fcht, etwas unterw\u00fcrfig, aber froh, dass wir da sind. Ich werde als Hospitant vorgestellt. Apollo fragt nach, was passiert ist, gibt eine kurze Einleitung, will aber von den Kindern die Geschichte nochmal h\u00f6ren, auch weil die Akte so d\u00fcnn ist. Die sind eher sch\u00fcchtern. Er f\u00e4ngt an, ein Bild zu malen, mit dem er erkl\u00e4ren will, was f\u00fcr Gewalt es gibt: Herzgewalt (psychisch, Angst), K\u00f6rpergewalt (physisch). Er \u201eerarbeitet\u201c mit den Kindern und der Mutter das Konzept von Grenzen und Selbstbestimmung, von Respekt, Selbstbehauptung und bindet die Kinder immer wieder in die Gedanken mit ein \u2026 Er und seine Kollegin sind sehr \u201enah\u201c dran, aber immer Polizei. Die Empathie, die sie zeigen, hat Grenzen und es wird immer wieder darauf verwiesen, dass eine Anzeige ein gutes Mittel ist, um sich zu wehren. Sie machen auch die Grenzen ihres Handelns klar. Der\/die \u201eAggressor\/en\u201c kann nicht sofort weggesperrt werden, deshalb m\u00fcssen die Kinder sich etwas einfallen lassen, f\u00fcr den Schulweg, f\u00fcr die Schule. Apollo und die Kollegin geben \u201eTipps\u201c wie man sich Hilfe holen kann, Strategien f\u00fcr den Schulweg. Sie \u00fcben S\u00e4tze wie \u201eIch brauche Hilfe\u201c. Es wird \u00fcber Sport gesprochen, Selbstverteidigung, Selbstbehauptung. Die beiden Polizisten ermahnen immer wieder, nicht zu \u00e4ngstlich zu werden, erz\u00e4hlen von Opferwerdung und Opfer-sein \u2026<\/p>\n<p>Aus dem Gesagten wird eine Anzeige geschrieben, die das M\u00e4dchen auch tats\u00e4chlich unterschreibt. Die Polizistin belehrt sie und macht sie stark, indem sie ihr klarmacht, was ihre Rechte sind und dass sie nicht zur\u00fcckstecken soll, wenn Leute sie angreifen. Apollo betont, dass die T\u00e4ter auch Besuche kriegen werden und die Dinge, die sie tun auf eine lange Liste kommen, er nennt es Tropfen von Wasser in einen Becher (Akte), die dann zur Staatsanwaltschaft und zu Gericht kommen kann. Er spricht viel in Bildern und Metaphern zu den Kindern. Und er belehrt auch die Mutter im Verlauf des Gespr\u00e4chs, dass man Kinder nicht schl\u00e4gt oder anschreit bzw. ein Nein respektiert. Auch in diesem Gespr\u00e4ch sind p\u00e4dagogische N\u00e4he und polizeiliche Distanz schwer auseinander zu halten.<\/p>\n<p><strong>Vignette 3: \u201eWir wollen die Jugendlichen aus der Anonymit\u00e4t holen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Zu dieser Aussage steht in meinen Feldnotizen folgender Eintrag:<\/p>\n<p>Noch gehe ich nicht \u201eeinfach nur mit\u201c, sondern f\u00fcr mich wird auch die Praxis erkl\u00e4rt. W. erkl\u00e4rt mir auf der Fahrt, dass es ihre Aufgabe sei, \u201edie Kids aus der Anonymit\u00e4t der Gruppen zu holen\u201c, sich diesen bekannt zu machen, damit sie es bei weiteren F\u00e4llen leichter mit der Ansprache haben. Wenn sie Gruppen irgendwo kontrollieren w\u00fcrden, w\u00e4re es dann leichter, weil irgendeiner immer dabei sei, den sie und der sie kennen w\u00fcrde. \u201eKennen\u201c ist ein Schl\u00fcsselbegriff ihrer Arbeit.<\/p>\n<p>In der Aussage kristallisiert sich die von mir gemachte Beobachtung des Spannungsverh\u00e4ltnisses von p\u00e4dagogischer N\u00e4he und polizeilicher Distanz, von Schutz auf der einen und Repression auf der anderen Seite. Interessant ist, dass dieses Verh\u00e4ltnis auch von den Polizist*innen selbst thematisiert und reflektiert wird. An dem besagten Abend begleite ich Wolle (und Tom) auf einer Streife. Wie Apollo und Irene betont er dabei auf jeden Fall, dass sie keine Sozialarbeiter seien, sondern \u201evollwertige\u201c Polizist*innen, die in diesem Fall mit einem speziellen Fokus auf der Stra\u00dfe seien und das vor allem in zivil. Es gehe ihnen vor allem darum Vertrauen aufzubauen, indem sie die Jugendlichen kennenlernen wollen und diese andersherum auch sie. In einer Kontrollsituation im Laufe des Abends stellt Wolle zwei jungen M\u00e4nnern die rhetorische Frage \u201eDu wei\u00dft, wer ich bin?\u201c als er sich auswies, obwohl sein Ausweis sichtbar um seinen Hals hing. Sie wollen Situationen entsch\u00e4rfen, die Jugendlichen vorwarnen und sch\u00fctzen. Andere Kolleg*innen nennen sie daher schon mal \u201eQuatschpolizei\u201c, die viel reden, aber nichts tun. Dabei investieren sie oft viel Zeit in einzelne F\u00e4lle \u2013 allein das Opfer-Gespr\u00e4ch hat eineinhalb Stunden gedauert.<\/p>\n<h4>Kennen, erziehen, sch\u00fctzen, strafen: komplexe Beziehungsarbeit im Polizeialltag<\/h4>\n<p>Die Jugendlichen sch\u00fctzen, sie kennenlernen, Pr\u00e4ventionsarbeit leisten \u2013 so k\u00f6nnte man die Ziele des Jugendschutzes beschreiben. Ob sie damit den Jugendlichen ein besseres Bild von der Polizei vermitteln, ist ohne eine empirische Evidenz, die \u00fcber die Erfahrungen der Beamt*innen hinaus gehen w\u00fcrde, unklar. Ob die Jugendlichen diese sehr erzieherischen und auch bevormundenden Eingriffe in ihren eigenen Alltag und ihre Selbstbestimmtheit gut finden, l\u00e4sst sich ebenfalls nur erahnen. Zumindest konnte ich keine unmittelbare Ablehnung bemerken. Das kann verschiedene Gr\u00fcnde haben, unter Umst\u00e4nden ist es nur eine Strategie der Jugendlichen, mit der Situation umzugehen. Das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen dem Schutz und der Empathie f\u00fcr die jungen Menschen auf der einen und der polizeilichen Repression auf der anderen ist in der Arbeit immer sp\u00fcrbar. Die von mir erlebte Einstellung zum \u201epolizeilichen Gegen\u00fcber\u201c ist deutlich von dem Willen zur Verst\u00e4ndigung, zur Kommunikation und dem Interesse an den jungen Menschen gepr\u00e4gt, auf keinen Fall von einer Gegnerschaft wie in anderen Zusammenh\u00e4ngen. Da es sich dennoch um Polizei handelt, mit all ihren Befugnissen, ist diese Beziehung spannungsreich, die Jugendlichen reagieren oft eher vorsichtig. Dennoch erfahren diese auch durchaus Respekt oder gar konkrete Hilfe, wie bei dem Opfergespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Bei allem positiven Eindruck ist diese Art polizeilicher Arbeit gleichzeitig hochgradig ambivalent und problematisch. Der staatliche Wille zu Ordnung und Herrschaft ist immer erkennbar. Implizit ist er immer vorhanden, bisweilen sehr offen sichtbar. Er hat aber eben mit den Bildern brutaler Polizei nichts gemein. Diese Arbeit vor allem als bevormundend zu kategorisieren, w\u00fcrde den Beamt*innen nicht gerecht werden, auch wenn der \u201eErziehungsstil\u201c eher paternalistisch ist und ein polizeiliches Normen- und Gehorsamsverst\u00e4ndnis zur Grundlage hat, das den Lebensrealit\u00e4ten mancher Jugendlicher nicht immer entsprechen mag. Die Abwehr der Polizist*innen gegen eine Bezeichnung als Sozialarbeiter*in ist daher nur konsequent, auch wenn ihr Selbstbild viel mit Zugewandtheit und Verst\u00e4ndnis zu tun hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr problematisch halte ich insbesondere, dass vor allem bestimmte Gruppen in den Fokus des Jugendschutzes geraten. Dabei handelt es sich vorrangig um sozial schw\u00e4chere oder marginalisierte Gruppen, vielfach migrantische Jugendliche, junge Gefl\u00fcchtete, Bewohner*innen von sozial eher schw\u00e4cheren Wohnvierteln. Andere soziale Schichten sind gar nicht oder deutlich weniger im Blick der Beamt*innen, haupts\u00e4chlich dann, wenn sie \u00e4hnliche Orte aufsuchen w\u00fcrden, was sie aber eben seltener tun. \u00c4hnliche Kontrollen in besseren Vierteln finden seltener statt, die Jugendlichen sind dort auch weniger sichtbar, weil sie andere M\u00f6glichkeiten haben, sich zu treffen, die weniger \u00f6ffentlich sind. Hier zeigt sich Polizei wieder als Kontrollorgan bestimmter Bev\u00f6lkerungsgruppen, die unter Umst\u00e4nden ohnehin ein schwieriges Verh\u00e4ltnis zu Polizei haben. Der Jugendschutz betreibt polizeiliche Pr\u00e4ventionsarbeit, stigmatisiert damit aber auch bestimmte Jugendliche und \u00fcbt Kontrolle im Rahmen der Pr\u00e4ventionsarbeit bereits diesseits von Normbr\u00fcchen aus. Ob sich \u00fcber dieses \u201eKennenlernen\u201c von Jugendlichen Wahrnehmungs- und Umgangsmuster mit einzelnen von ihnen bei den Beamt*innen verfestigen und welche Folgen das f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten der Jugendlichen hat, kann hier nur gemutma\u00dft werden. Es ist anzunehmen, dass Kontrollen und m\u00f6gliche Stigmatisierung sich gegenseitig bef\u00f6rdern und den betroffenen Jugendlichen weniger Entfaltungsspielraum lassen.<\/p>\n<p>Auch wenn diese Vermischung von vermeintlich sozialer Arbeit und Polizei kritisch zu sehen ist, so nutzen die Beamt*innen doch Mittel der Verst\u00e4ndigung mit den Jugendlichen, die zu anderen Beziehungen mit der Polizei f\u00fchren k\u00f6nnen. Dabei h\u00e4ngt viel an den pers\u00f6nlichen Charakteren der Einheit, ihrer Einstellung und Haltung. Diese unterscheidet sich von der anderer \u00f6ffentlich auftretender Einheiten, etwa den normalen Schichten oder der Bereitschaftspolizei. Dennoch ist der Jugendschutz nicht losgel\u00f6st vom Rest der Polizei zu sehen. Und ob sich durch die hier praktizierte Art der Kommunikation und der gewollten Zugewandtheit das Verhalten in anderen Einheiten beeinflussen lie\u00dfe, ist angesichts der speziellen Rolle des Jugendschutzes eher unwahrscheinlich. Wichtig festzuhalten ist deshalb hier, dass es einen Polizeialltag abseits von Demonstrationen und rein unterwerfender Polizei gibt, dessen Haltung es wert w\u00e4re, ausgebaut zu werden.<\/p>\n<p>Eine differenzierte Kritik an Polizei erfordert den Einblick in die Arbeit von Polizist*innen, die hier m\u00f6glich war. Ein Mehr an dieser kritischen N\u00e4he, die von der Polizei eher ungewollt ist, k\u00f6nnte sowohl der Forschung und Kritik als auch der Polizei als Organisation und ihrer Kultur zum Vorteil gereichen.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Fassin, D.: Enforcing Order. An Ethnography of Urban Policing, Cambridge 2013; ders. (Hg.): Writing the World of Policing. The Difference Ethnography Makes, Chicago 2017; auch Scheffer, T. et al.: Polizeilicher Kommunitarismus. Eine Praxisforschung urbaner Kriminalpr\u00e4vention, Frankfurt\/Main 2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Alle Namen sind von mir gew\u00e4hlte Pseudonyme f\u00fcr die Beamt*innen.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Nils Zurawski Pr\u00fcgelnde Polizei, Korpsgeist, latenter Rassismus, Beratungsresistenz \u2013 einige Punkte, die derzeit an<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,127],"tags":[816,1094,1141],"class_list":["post-18547","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-123","tag-jugendliche","tag-polizei","tag-polizieren"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18547","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18547"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18547\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18547"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18547"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18547"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}