{"id":18552,"date":"2020-12-03T08:40:01","date_gmt":"2020-12-03T08:40:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=18552"},"modified":"2020-12-03T08:40:01","modified_gmt":"2020-12-03T08:40:01","slug":"community-accountability-feministisch-antirassistische-alternative-zum-strafenden-staat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=18552","title":{"rendered":"Community Accountability:\u00a0Feministisch-antirassistische Alternative zum strafenden Staat?"},"content":{"rendered":"<h3>von Marie-Theres Piening und Jenny K\u00fcnkel<\/h3>\n<p><strong>Polizei und Gef\u00e4ngnis (re-)produzieren Gewalt, statt sie zu beenden. Soziale Bewegungen entwickeln neue Konfliktbearbeitungswege wie Community Accountability\/Transformative Justice. Sie set\u00adzen auf Gemeinverantwortung statt auf den strafenden Staat, reproduzieren aber Macht in und zwischen Communities. Auch sind sie strukturell passf\u00e4hig mit neoliberaler Selbstverantwortung und bleiben auf Nachbar- oder Wertegemeinschaft begrenzt.<\/strong><\/p>\n<p>Kritische Perspektiven auf Polizei und den strafenden Staat stehen oftmals vor einem Dilemma: Einerseits kritisieren sie \u201aKriminalit\u00e4t\u2018 oder \u201aabweichendes Verhalten\u2018 als Zuschreibung und Produkt von Kontrollpraktiken, die Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse stabilisieren. Andererseits muss jede Gesellschaft sozial unerw\u00fcnschtes Verhalten definieren und einen Umgang damit finden. Dieser Prozess ist nie machtfrei. Denn ob z.\u00a0B. unerw\u00fcnschte Ber\u00fchrungen, Wohnraumaneignung, Grenz\u00ad\u00fcber\u00adquerungen oder das Sterben lassen in diesem Prozess als inakzeptabel und gegebenenfalls sanktionierbar gelten, ver\u00e4ndert wie Men\u00adschen zueinander ins Verh\u00e4ltnis treten.<!--more--><\/p>\n<p>Mit der Herausbildung moderner Staaten entwickelte sich das Strafrechtssystem zu einem zentralen Mechanismus des Definierens und Sank\u00adtionierens unerw\u00fcnschten Verhaltens. Recht, Gerichte, Polizei und Gef\u00e4ngnis sind stets neu ausgehandelte Materialisierungen gesellschaftlicher Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> In diese sind jedoch bereits aufgrund ihrer historischen Entwicklung deutliche Tendenzen zur Stabilisierung von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen eingeschrieben: Beispielsweise wird \u201aKriminalit\u00e4t\u2018 ganz vorrangig als individuelles Verhalten bearbeitet, w\u00e4hrend gesellschaftliche Bedingungen nur eine marginale Rolle spielen. Auch der Schutz von Privateigentum ist als eine Kernaufgabe des repressiven Staatsapparats fest institutionalisiert. Als Tr\u00e4gerin des staatlichen Gewaltmonopols darf die Polizei zudem physischen Zwang und Gewaltmittel bis hin zur T\u00f6tung nutzen, um durchzusetzen, was als Recht festgeschrieben ist (und das hei\u00dft in der Praxis auch: was von Polizist*innen als rechtens erachtet wird).<\/p>\n<p>Gerade f\u00fcr marginalisierte Menschen kann es daher eine erhebliche Gefahr darstellen, der Polizei zu begegnen oder sie zur Durchsetzung eigener Rechte herbeizuziehen. Dies machen aktuelle soziale Bewegungen nur zu deutlich: So fordert z. B. #BlackLivesMatter in den USA \u201eDe\u00adfund the Police!\u201c (\u201eStreicht der Polizei die Mittel!\u201c), und auch in Deutsch\u00adland verweisen Aktivist*innen auf t\u00f6dliche Effekte von Racial Pro\u00adfiling (das oft zugleich Class Profiling ist). Diese Bewegungen entwer\u00adfen Alternativen zu Polizei und Gef\u00e4ngnis: z. B. Sicherheitsproduktion durch soziale Absicherung oder Dekriminalisierung (etwa im Bereich von Drogendelikten). Allerdings reichen Pr\u00e4vention und Laissez-faire allein nicht aus. Jede Gemeinschaft braucht auch Mechanismen der Konfliktl\u00f6sung. F\u00fcr jene, die von der Polizei eher Gewalt als Hilfe erwarten m\u00fcssen, sind staatliche Repressionsorgane im Konfliktfall keine L\u00f6sung. Gleichwohl bed\u00fcrfen gerade marginalisierte Menschen sowohl des Schutzes vor physischer Gewalt als auch der Mechanismen zur Durchsetzung weiterer Rechte.<\/p>\n<p>Dieses Dilemma zeigt sich am Beispiel von sexueller\/sexualisierter und Intimpartner*innengewalt <em>(intimate partner violence).<\/em> Diese Themen er\u00adober\u00adten insbesondere in den USA mit der zweiten Frauenbewegung die politische Agenda. Im Ringen um einen wichtigen Schutz von Frauen vor Gewalt ging der wei\u00dfe Mainstream-Feminismus allerdings Kompromisse und Allianzen mit Konservativen ein: Staatliche F\u00f6rdermittel banden die Klientinnen von Frauenh\u00e4usern in workfare-Regime ein. Rufe nach Kriminalit\u00e4tskontrolle bef\u00f6rderten die \u201eculture of control\u201c (Garland), steigende Haftraten, und damit die \u2013 u. a. sexuelle \u2013 Gewalt gegen Schwarze durch die Polizei und in Gef\u00e4ngnissen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> In Deutschland zeigte sich eine \u00e4hnliche rechts-konservative Vereinnahmung und staatliche Einhegung feministischer Ideen nach der K\u00f6lner Silvesternacht 2015\/16: Die feministischen Forderungen zum Gewaltschutz waren mit den <em>law and order<\/em>-Rufen strukturell passf\u00e4hig, und nur Teile der Bewegung wiesen Rassismus deutlich zur\u00fcck. Das Ergebnis waren daher Versch\u00e4rfungen des Sexualstraf- und Aufenthaltsrechts.<\/p>\n<p>Intersektionale Feminist*innen, die nicht nur Geschlecht, sondern auch weitere Herrschaftsverh\u00e4ltnisse wie Kapitalismus und Rassismus ber\u00fccksichtigen, kritisieren eine solche Kompliz*innenschaft mit oder Vereinnahmung durch den strafenden Staat als strafenden Feminismus (carceral feminism).<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Gerade in den USA, wo Sicherheitspolitik und Gef\u00e4ngniswesen seit den 1970er Jahren massiv ausgeweitet wurden, betonen Schwarze Aktivist*innen die negativen Folgen von Strafverfolgung f\u00fcr People of Color und Migrant*innen: z. B. Stigma, Erniedrigung, (Re-)Traumatisierung, Abschiebung, Einsperrung oder gar Tod. Und sie kritisieren die Arbeitsausbeutung im Gef\u00e4ngnissystem.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Gest\u00fctzt auf solche gef\u00e4ngnisabolitionistischen Positionen entwickelten daher nicht zuletzt Schwarze Frauen alternative Ans\u00e4tze zum Schutz vor Gewalt wie bspw. zur Jahrtausendwende das Konzept der Community Accountability (CA). Dieses wird im Folgenden vorgestellt und einer Macht- und Herrschaftskritik unterzogen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<h4>Das Konzept der Gemeinschaftsverantwortung<\/h4>\n<p>Das erste Kollektiv, das in seiner Gr\u00fcndungskonferenz im Jahr 2000 den Begriff CA nutzte, war \u201eINCITE! Women, Gender Non-Conforming and Trans people of Color Against Violence\u201d.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Mittlerweile gibt es zahlreiche CA-Kollektive, insbesondere in den USA, aber auch in Deutschland.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen, die oft Teil der Bewegung sind, nutzen den Begriff CA in der Regel weitgehend synonym zu \u201aTransformative Justice\u2018, der bisweilen etwas weiter gefasst wird und dann auch kurzfristige Formen des Selbstschutzes von Gruppen, z. B. auf Demonstrationen, umfasst.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> CA benennt zudem klarer die politische Einheit, welche die Transformation umsetzen soll: n\u00e4mlich die Community (weshalb dieser Begriff hier genutzt wird).<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Als junges Konzept, das gegenw\u00e4rtig innerhalb von linken Bewegungen eine internationale Ausbreitung erf\u00e4hrt und dabei an neue Kontexte angepasst wird, ist CA heterogen. Bei allen Unterschieden zielt es jedoch einerseits auf eine zivilgesellschaftliche Bearbeitung konkreter Konflikte und Gewaltvorf\u00e4lle und andererseits auf die Ver\u00e4nderung der Bedingungen, die diese hervorrufen. Der Prozess soll dabei in den H\u00e4nden der betroffenen Communities selbst liegen.<\/p>\n<h4>USA: Women* of Color gegen Gef\u00e4ngnis und Gewalt<\/h4>\n<p>Mit dieser Konzeptionierung grenzen sich die Gr\u00fcnder*innen des Ansatzes in den USA nicht nur gegen Mainstream Anti-Gewalt-Orga\u00adni\u00adsa\u00adtionen ab, die punitiven Logiken folgen und eine privatisierte Bearbeitung von interpersoneller Gewalt vertreten. Vielmehr kann CA auch als kritische Intervention in die eigene abolitionistische Bewegung gelten: Diese problematisiert zwar staatliche und kapitalistische Gewalt und Ausbeutung im Prison-Industrial-Complex, stellt aber kaum Konzepte f\u00fcr zwischenmenschliche Gewalt und Konflikte in Beziehungen innerhalb der eigenen Communities bereit. Um L\u00f6sungen insbesondere f\u00fcr sexuelle\/sexualisierte (Intimpartner*innen-)Gewalt zu schaffen, organisierten sich Schwarze Feminist*innen in Kollektiven. Die Gruppe INCITE!, die nicht nur den Begriff, sondern auch seine (internationale) Verbreitung pr\u00e4gt(e), formuliert vier zentrale Ziele von CA: Intervention, Wiedergutmachung, Pr\u00e4vention sowie Transformation.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<ul>\n<li>Erstens soll den Gewaltbetroffenen Sicherheit und Unterst\u00fctzung bei ihrer \u201aHeilung\u2018 geboten werden \u2013 unter Wahrung ihrer Selbstbestimmung.<\/li>\n<li>Zweitens sollen \u201anachhaltige Strategien\u2018 der gewaltaus\u00fcbenden Personen erm\u00f6glichen, Verantwortung f\u00fcr die Gewalttat zu \u00fcbernehmen und in Zukunft anders zu handeln.<\/li>\n<li>Das dritte Ziel ist es, in der Community \u201aWerte und Praxen\u2018 zu entwickeln, die Sicherheit, Unterst\u00fctzung und Verantwortungs\u00fcbernahme f\u00f6rdern.<\/li>\n<li>Das vierte Ziel des Ansatzes ist die \u201apolitische Transformation\u2018 jener gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, die Gewalt und Unterdr\u00fcckung hervorbringen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Ansatz steht damit in der Tradition der \u201acommunity responses\u2018 auf gesellschaftliche Probleme, die seit den 1970er Jahren in den USA in einer Mischung aus Kritik am paternalistischen Wohlfahrtsstaat und L\u00fccken\u00adb\u00fc\u00dfen im Zuge von dessen neoliberalem R\u00fcck- und Umbau entwickelt wurden. Anders als z. B. das \u00e4ltere Konzept der Restorative Justice, das in Deutschland in individualistischer Form als \u201aT\u00e4ter-Opfer-Aus\u00adgleich\u2018 institutionalisiert ist und vor allem auf individuelle Wiedergutmachung und Wiederherstellung der bisherigen Ordnung zielt, betont CA jedoch deutlicher die Ver\u00e4nderung: von Communities und Gesellschaft. Denn der Ansatz ist in st\u00e4rkerem Ma\u00dfe innerhalb von abolitionistischen und mithin antistaatlichen sozialen Bewegungen entstanden. Dennoch ist CA bereits in seiner urspr\u00fcnglichen Konzeption passf\u00e4hig mit neoliberalen Ideen und daher potentiell anf\u00e4llig f\u00fcr Vereinnahmungen. Denn der Ansatz kombiniert radikale Forderungen (z. B. die \u201aUnbrauch\u00adbarkeit\u2018 des Strafrechtssystems bez\u00fcglich Gewalt aufzuzeigen und politische Transformation zu initiieren) mit einer neoliberalen Rhetorik der Verantwortungs\u00fcbernahme, Community und Wertebildung. Com\u00admunities und zwischenmenschliche Beziehungen werden meist als dem Kapitalismus \u00e4u\u00dferlich gedacht, obgleich die unbezahlte Community-Ar\u00adbeit als st\u00fctzende Produktivit\u00e4ts- und Systemressource der Kapitalakku\u00admu\u00adlation und \u201acapital&#8217;s lifeblood\u2018<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> fungiert.<\/p>\n<p>Zudem ist strukturell angelegt, dass das ehrgeizige Ziel, gesamtgesellschaftliche Ver\u00e4nderungen zu initiieren, zu kurz kommt. Denn die Tr\u00e4gerin der Prozesse ist eine Community, die \u00fcberschaubar genug sein muss, um Konflikte pers\u00f6nlich auszuhandeln. Dabei gehen die US-ame\u00adri\u00adkanischen Gr\u00fcnder*innen explizit davon aus, dass Communities nicht bereits existieren. Vielmehr m\u00fcssten sie mittels \u201aCommunity building\u2018 aktiv hergestellt werden. Damit ist ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis zur Macht innerhalb von Communities angelegt. Einerseits kann das \u201aBilden\u2018 von z. B. antirassistischen, antisexistischen und antikapitalistischen \u201aWer\u00ad\u00adten\u2018 durchaus zum Machtabbau beitragen. Andererseits betont die Rhetorik eines Aufbaus von Community und von Alternativen zum \u00e4u\u00dferen Feind Polizei inneren Zusammenhalt der Gemeinsamkeiten der Gemeinschaft. CA bindet Menschen eher in die Abh\u00e4ngigkeiten sozialer Beziehungen ein und gew\u00e4hrt nicht unabh\u00e4ngig von diesen soziale Rechte. Zudem werden Communities zumindest implizit meist lokal und ethnisch gedacht. Dies entspricht durchaus dem Kontext der nach Ethnie und Einkommen stark segregierten St\u00e4dte, in denen die Polizei arme Schwarze Stadtteile selektiv drangsaliert. Dennoch dr\u00e4ngt sich die Frage auf, wie z. B. die Communities der Wei\u00dfen und\/oder Reichen, die nicht nur zentral an der Herstellung der Gewaltverh\u00e4ltnisse in den marginalisierten Communities beteiligt sind, sondern auch eigene interne Gewalt aufweisen, in den Prozess einbezogen werden k\u00f6nnen. Allgemeiner gesprochen stellt sich die Frage, wie eine intersektionale Transformation der Gesellschaft, die nicht nur unterschiedliche \u201aKategorien\u2018 (\u201arace\u2018, Klasse, Geschlecht etc.), sondern damit verkn\u00fcpfte Herrschaftsverh\u00e4ltnisse ber\u00fccksichtigt und nicht einzelne \u201aHauptwiderspr\u00fcche\u2018 privilegiert,<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> auf der kleinr\u00e4umigen politischen Ebene von Nachbarschaften \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist.<\/p>\n<h4>Deutschland: Antisexismus in der wei\u00dfen linken Szene<\/h4>\n<p>Mit dem Politiktransfer von den USA nach Deutschland \u2013 oft durch Aktivist*innen, die in beiden L\u00e4ndern t\u00e4tig sind \u2013 hat das Konzept nicht nur die Hautfarbe gewechselt, sondern wurde auch lokal entwurzelt. Zwar ist noch immer das Thema sexueller\/sexualisierter Gewalt zentral, doch es sind vor allem Aktivist*innen aus der wei\u00dfen linken Szene, die den Ansatz aufgreifen. Sie nutzen ihn nicht mehr zur L\u00f6sung von Problemen in ihrer Nachbarschaft, die in den USA als Community aufgebaut werden soll, in der deutschen linken Szene aber kaum Bezugspunkte bietet (z. B. aufgrund des Aufwinds der Neuen Rechten oder der Gentrifizierung \u201alinker Kieze\u2018). Vielmehr dient das Konzept zur Kl\u00e4rung von Gewaltvorf\u00e4llen in der bereits vorhandenen Wertegemeinschaft, die noch feministischer werden soll. Nicht zuf\u00e4llig ist daher der Begriff Transformative Justice hierzulande gebr\u00e4uchlicher als CA.<\/p>\n<p>Mit dem Whitening des Ansatzes ist auch die Anbindung an abolitionistische Diskurse partiell verloren gegangen. Dies zeigt sich etwa am \u201eHandbuch f\u00fcr die transformative Arbeit\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a>, der Gruppe RESPONS, die mit dem Transformative Justice Collective Berlin personell verkn\u00fcpft ist und den Diskurs deutlich pr\u00e4gt. Zwar beziehen sich die Aktivist*innen durchaus auf die US-amerikanischen Kritiken am strafenden Feminismus. Doch erfolgt dies unter R\u00fcckgriff auf die akademische Debatte. Die Anbindung an soziale Bewegungen st\u00fctzt sich auf ein Aufgreifen \u2013 umstrittener \u2013 feministischer Konzepte der deutschen linken Szene: Zentral sind das Konzept der \u201aDefinitionsmacht\u2018<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> und das unabh\u00e4ngig von CA aus den USA in die hiesigen Szenedebatten eingewanderte \u201aZustimmungskonzept\u2018.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Gest\u00fctzt auf solche Konzeptionen forderten zahlreiche feministische Gruppen Strafanzeigen und Rechtsversch\u00e4rfungen, als im Januar dieses Jahres bekannt wurde, dass auf den Toiletten des linken Musikfestivals \u201aMonis Rache\u2018 heimlich Videoaufnahmen gemacht und als Pornographie im Internet verbreitet wurden. Mit der geforderten Strafrechtsreform sollten solche Bildaufnahmen als Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung und sch\u00e4rfer geahndet werden (als bisher als Verletzung des h\u00f6chstpers\u00f6nlichen Lebensbereichs, \u00a7 201a StGB). Die Debatte entz\u00fcndete sich auch am Transformative-Justice-Verfahren, das Aktivist*innen bereits mit dem T\u00e4ter begonnenen hatten. Als Konzept wurde dieses in der Regel grunds\u00e4tzlich begr\u00fc\u00dft. Mit Verweis auf Definitionsmacht stellten die Aktivist*innen jedoch in Frage, ob das Verfahren ohne Konsultation mit Betroffenen durchgef\u00fchrt werden d\u00fcrfe. Denn nach dem Definitionsmachtkonzept m\u00fcsste jede Betroffene zuvor ihr Einverst\u00e4ndnis zum Prozess geben und d\u00fcrfte Forderungen an den\/die T\u00e4ter*in stellen, die au\u00dfer bei entgegenstehenden Betroffenheiten so weit wie m\u00f6glich umzusetzen seien.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Die mehreren hundert potentiell Betroffenen organisierten sich bald via Facebook und in lokalen Gruppen und tauschten sich \u00fcber W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse aus. Diese reichten vom \u00f6ffentlichen Verbreiten von Bild und Namen des T\u00e4ters, \u00fcber Forderungen nach Gewaltakten gegen\u00fcber dem T\u00e4ter sowie gegen\u00fcber der Transformative-Justice-Gruppe bis zu Sorgearbeit f\u00fcr (re-)traumatisierte Betroffene und Pr\u00e4vention von Gewalt auf k\u00fcnftigen Festivals.<\/p>\n<p>Das Gro\u00dfverfahren macht deutlich, dass ein Ansatz, der Entscheidungen \u00fcber T\u00e4ter*innen der Community \u00fcberl\u00e4sst, nicht nur an \u00fcberschau\u00adbare (Werte-)Gemeinschaften gebunden ist, sondern auch in Selbst\u00adjustiz umschlagen kann. Letztere wird zwar hinsichtlich physischer Gewalt in der Szene zunehmend abgelehnt, als legitim gilt oftmals jedoch, im Kontext von Transformative Justice \u201eDruck als Strategie\u201c anzuwenden \u2013 etwa durch Ver\u00f6ffentlichung des Vorfalls unter Namens-nennung, r\u00e4umliche Ausschl\u00fcsse oder Exklusion aus Gruppen.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Interessanterweise zeigen erste Beobachtungen aus dem Feld, dass die Kritik an staatlicher Gewaltbearbeitung dabei keineswegs in einer grunds\u00e4tzlichen Ablehnung von Strafe m\u00fcndet, sondern als Legitimation punitiver Community-Reaktionen dient: Weil der Staat nicht f\u00fcr Sicherheit von Frauen* sorge, m\u00fcssten Feminist*innen dies selbst in die Hand nehmen.<\/p>\n<h4>Fazit: Communityfalle statt Staat &amp; Kapitalismus<\/h4>\n<p>CA versteht sich dem eigenen Anspruch nach als Alternative zur staatlichen Konfliktbew\u00e4ltigung qua Polizei und Gef\u00e4ngnis. Denn letztere stabi\u00adlisieren Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und sind mit kapitalistischer Ausbeutung verstrickt. Allerdings lassen sich \u2013 gerade im neoliberalen Zeitalter, in dem Community als Ressource mobilisiert wird \u2013 nicht nur staatliche Kriminalisierungs- und Bestrafungspraktiken f\u00fcr die (Re-)Pro\u00adduktion von Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen instrumentalisieren, sondern auch zivilgesellschaftliche Konfliktbearbeitungsmechanismen. Dies reflektieren auch die CA-Aktivist*innen. Denn sie formierten sich in den USA in Abgrenzung zur kooptierten Bewegung gegen sexuelle\/se\u00adxualisierte und Intimpartner*innengewalt und kn\u00fcpfen auch in Deutsch\u00adland an eine Tradition der Problematisierung unbezahlter Arbeit an. Gleichwohl ist das Konzept anschlussf\u00e4hig an ein neoliberales \u201aRegie\u00adren durch Community\u2018, d. h. an das Mobilisieren von Gruppenidentit\u00e4ten, das Menschen zu einer selbstverantwortlichen Lebensf\u00fchrung animieren soll, die Staat und Unternehmen m\u00f6glichst wenig kostet und Profite sichert.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> Denn im Rahmen von CA k\u00fcmmern sich Teile der Bev\u00f6l\u00adkerung unentgeltlich um Sicherheit und Ordnung in ihren Communities.<\/p>\n<p>Zugleich befreit CA \u2013 zumindest in den US-amerikanischen Schwarzen Communities \u2013 Marginalisierte partiell davon, wie ansonsten auch in neoliberalen Zeiten noch \u00fcblich, durch \u201a\u00dcberwachen und Strafen\u2018 (Foucault) regiert zu werden. Die Frage ist allerdings, inwieweit der strafende Staat durch punitive Formen des Regierens der Zivilgesellschaft ersetzt wird. Denn besonders im deutschen Kontext, wo das Konzept vorrangig in relativ privilegierten Kreisen zum Tragen kommt, wird deutlich, dass der strafende Feminismus nicht auf staatliche Praktiken beschr\u00e4nkt ist, sondern auch Formen der Selbstjustiz annehmen kann.<\/p>\n<p>Last but not least stellt sich im doppelten Sinne die Frage der Reichweite des Ansatzes. Denn bis dato bleibt er weitgehend auf soziale Nahbeziehungen in Nachbarschaften oder Wertegemeinschaften beschr\u00e4nkt. Damit l\u00e4uft der Ansatz zum einen Gefahr, in die \u201alocal trap\u2018 zu geraten \u2013 wie es vielfach bez\u00fcglich der Bek\u00e4mpfung von Ph\u00e4nomenen, die sich zwar lokal manifestieren, aber gesamtgesellschaftlich produziert wurden, problematisiert worden ist.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Zum anderen st\u00f6\u00dft er angesichts von Regionen und Wertegemeinschaften mit rechten Hegemonien auf deutliche Grenzen der Verbreitung. Denn waren bereits die Schwarzen Communities in den USA, in denen das Konzept entstanden ist, nicht machtfrei, mag mensch* sich kaum ausmalen, wie es ausginge, w\u00fcrden die Rechtsformulierung und Durchsetzung z. B. in die H\u00e4nde s\u00e4chsischer lokaler Communities gelegt.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 z.B. Buckel, S.: Subjektivierung und Koh\u00e4sion, Weilerswist 2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Bumiller, K.: In an Abusive State, Durham 2008<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Bernstein, E.: Militarized Humanitarianism Meets Carceral Feminism, in: Signs 2010, H.\u00a01, S. 45\u201372<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Davis, A.: Are Prisons Obsolete?, Toronto 2003<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Dies st\u00fctzt sich auf eine Inhaltsanalyse von Schl\u00fcsseltexten der CA-Bewegung in den USA und Deutschland im Rahmen der Masterarbeit \u201eCommunity Accountability. Eine emanzipatorische Alternative zum strafenden Staat?\u201c (Marie-Theres Piening, 2018) und der verwandten Awareness-Bewegung in Deutschland im Forschungsprojekt \u201eThe Gendered Governance of the Narcotic City\u201c (https:\/\/narcotic.city).<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 zuvor: INCITE! Women* of Color against Violence, vgl. https:\/\/incite-national.org<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 z.B. die CI Projects (www.creative-interventions.org) in den USA und das (in Aufl\u00f6sung begriffene) Transformative Justice Collective Berlin und im Aufbau befindliche bundesweite Strukturen nach sexueller Gewalt auf dem Musikfestival \u201eMonis Rache\u201c in Deutschland<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Hassan, S.: Every mistake I\u2019ve ever made. In: Dixon, E. et al. (Hg.): Beyond Survival. Chico 2020, S. 281f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 zu \u00dcberschneidungen von CA, Transformative Justice und dem bereits aus den 1980er Jahren stammenden Vorl\u00e4uferkonzept Restorative Justice vgl. Kim, M.: From carceral feminism to transformative justice, in: Journal of Ethnic &amp; Cultural Diversity in Social Work 2018, H. 3, S. 219-233<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> \u00a0 Critical Resistance\/INCITE! Women of Color Against Violence: Statement zur vergeschlechtlichten Gewalt und dem <em>Prison-Industrial-Complex,<\/em> in: Loick, D. (Hg.): Kritik der Polizei, Frankfurt\/M. 2018, S. 267-278<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> \u00a0\u00a0 Dowling, E.; Harvie, D.: Harnessing the Social, in: Sociology 2014, H. 5, S. 882<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> \u00a0 Soiland, T.: Die Verh\u00e4ltnisse gingen und die Kategorien kamen, 2012, http:\/\/portal-intersektionalitaet.de\/theoriebildung\/ueberblickstexte\/soiland; Balibar, \u00c9.; Wallerstein, I.: Rasse, Klasse, Nation: ambivalente Identit\u00e4ten, Hamburg 2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> \u00a0 RESPONS: Was tun bei sexualisierter Gewalt?, M\u00fcnster 2018<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> \u00a0 Definitionsmacht bedeutet, dass Opfer sexueller\/sexualisierter Gewalt, ohne hinterfragt zu werden, selbst definieren, ob Gewalt stattfand \u2013 vor allem inwiefern dies Grundlage punitiver Reaktionen sein sollte, ist umstritten.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> \u00a0 Das Zustimmungskonzept setzt voraus, vor sexuellen Akten ein Einverst\u00e4ndnis einzuholen. Kritisiert werden u.a. die Verstetigung heteronormativer Geschlechterbilder (nach dem Motto: Die Frau will nicht; er muss fragen.) und das machtblinde liberale Vertragsdenken (vgl. Torenz, R.: Ja hei\u00dft Ja, Stuttgart 2019).<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> \u00a0 RESPONS a.a.O. (Fn. 13), S. 87<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> \u00a0 ebd., S.110<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> \u00a0 Rose, N.: The Death of the Social?, in: Economy and Society 1996, H. 3, S. 327-356; Br\u00f6ckling, U.: Vermittlung als Befriedung, in: Kriminologisches Journal (KrimJ) 2002, H.\u00a01, S. 2\u201320<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> \u00a0 Purcell, M.: Urban Democracy and the Local Trap, in: Urban Studies 2006, H. 11, S.\u00a01921-1941<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Marie-Theres Piening und Jenny K\u00fcnkel Polizei und Gef\u00e4ngnis (re-)produzieren Gewalt, statt sie zu beenden.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,127],"tags":[387,595,1141,1470],"class_list":["post-18552","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-123","tag-community-accountability","tag-feminismus","tag-polizieren","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18552","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18552"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18552\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18552"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18552"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18552"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}