{"id":1867,"date":"2000-02-09T23:20:58","date_gmt":"2000-02-09T23:20:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=1867"},"modified":"2000-02-09T23:20:58","modified_gmt":"2000-02-09T23:20:58","slug":"die-auslaenderkriminalitaet-sinkt-nicht-der-zusammenhang-von-kriminalstatistik-und-rassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=1867","title":{"rendered":"Die Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t sinkt nicht! Der Zusammenhang von Kriminalstatistik und Rassismus"},"content":{"rendered":"<h3>von Oliver Br\u00fcchert<\/h3>\n<p><b>Mit Statistiken l\u00e4sst sich ohne offenkundige F\u00e4lschung und T\u00e4uschungsabsicht Schindluder treiben. Es reicht, zu wenig Angaben \u00fcber die Erhebung der Daten und die verwendeten Auswertungsverfahren zu machen. Eine erfreuliche Ausnahme stellt die &#8222;Polizeiliche Kriminalstatistik&#8220; (PKS) dar, die u.a. aufgrund der langen kontinuierlichen Erhebung vielf\u00e4ltige Informationen f\u00fcr eine sorgf\u00e4ltige Interpretation enth\u00e4lt. Dennoch wird regelm\u00e4\u00dfig unter Berufung auf die PKS von steigender oder sinkender &#8222;Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t&#8220; berichtet. Richtig gelesen enth\u00e4lt die PKS keine Daten \u00fcber &#8222;Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t&#8220;, sehr wohl aber \u00fcber Rassismus.<\/b><\/p>\n<p>Dieser Beitrag k\u00f6nnte mit einer guten Nachricht beginnen: der Anteil der in der PKS erfassten &#8222;nichtdeutschen Tatverd\u00e4chtigen&#8220; ist &#8211; wie bereits in den Jahren zuvor &#8211; auch 1998 zur\u00fcckgegangen. Nach einem H\u00f6chststand 1993 (33,6% aller Verd\u00e4chtigten) liegt ihr Anteil nun bei 27,1%. Entwarnung also. Die gute Nachricht hat allerdings einen Haken. Sie deutet in die Statistik etwas hinein, was dort nicht nur nicht drin steht, sondern im Begleittext sogar explizit als Fehlinterpretation gekennzeichnet wird, die tunlichst zu unterlassen sei.<!--more--><\/p>\n<p>Meldungen wie jene in der &#8222;taz&#8220; vom 24. M\u00e4rz 1998: &#8222;Polizeistatistik: Kriminalit\u00e4t sinkt&#8220; stellen offenbar den Versuch dar, den Rufen nach noch mehr &#8222;Innerer Sicherheit&#8220; und weiterer Einschr\u00e4nkung von B\u00fcrgerrechten etwas Handfestes entgegenzusetzen, die Kanthers und Schilys mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Bis Anfang der 90er Jahre waren die von der Polizei bearbeiteten F\u00e4lle beharrlich angestiegen. Das war Wasser auf den M\u00fchlen der Sicherheitspolitiker. Die KritikerInnen hingegen verwiesen darauf, dass die Kriminalstatistik kein getreues Abbild der Kriminalit\u00e4t hergebe. Insbesondere mit der Kategorie der &#8222;nichtdeutschen Tatverd\u00e4chtigen&#8220; sei zur\u00fcckhaltend umzugehen. So erkl\u00e4rt der Soziologieprofessor Rainer Gei\u00dfler in einem Interview der &#8222;taz&#8220; vom 2. Oktober 1998:<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe 1990 in einem Brief an das Bundeskriminalamt Differenzierung gefordert. Seitdem taucht in der PKS ein Vorspann auf, der darauf verweist, dass die Zahlen der &#8217;nicht-deutschen&#8216; Gruppierung nicht mit denen der Wohnbev\u00f6lkerung verglichen werden d\u00fcrfen (&#8230;) Im Grunde genommen ist diese Statistik ein Rechenschaftsbericht der Polizei (&#8230;) Es m\u00fcsste eigentlich &#8218;die Entwicklung der Tatverd\u00e4chtigenzahlen&#8216; hei\u00dfen und nicht der Kriminalit\u00e4t.&#8220;<\/p>\n<p>Dem w\u00e4re nichts hinzuzuf\u00fcgen. Seit Mitte der 90er Jahre ist jedoch ein leichter R\u00fcckgang der PKS-Zahlen zu verzeichnen. W\u00e4hrend konservative SicherheitspolitikerInnen ihre Argumentation auf die &#8222;Intensivstraft\u00e4ter&#8220;, die &#8222;Jugend-&#8220; oder die &#8222;Organisierte Kriminalit\u00e4t&#8220; abstellen, wo im einen Fall die Anzeigen, im anderen vor allem die Schadenssummen weiter steigen, feiern die einstigen KritikerInnen naiv den R\u00fcckgang in den meisten Rubriken der PKS. Zwar seien die Zahlen der PKS &#8222;mit Vorsicht zu genie\u00dfen, denn die Statistik ist in erster Linie ein T\u00e4tigkeitsbericht der Polizei&#8220; &#8211; so der bereits zitierte taz-Bericht vom 24. M\u00e4rz 1998. Das hindert aber nicht daran, ihnen im selben Beitrag den Rang von Tatsachen einzur\u00e4umen. Ein weiteres typisches Beispiel, zu welchen Behauptungen die allzu guten Absichten verleiten, gibt Martin Klingst in der &#8222;Zeit&#8220; vom 10. Juni 1998: &#8222;Ein Blick hinter die Kulissen der Zahlenspiele ist wichtig. Dessen ungeachtet bleibt die besorgniserregende Erkenntnis: Junge Ausl\u00e4nder begehen im Vergleich mehr Eigentums- und Gewaltdelikte als ihre deutschen Altersgenossen.&#8220; Der Beitrag tr\u00e4gt die \u00dcberschrift &#8222;Schluss mit der Polemik&#8220; und pl\u00e4diert daf\u00fcr, Ausl\u00e4nderInnen und AussiedlerInnen bessere Bildungschancen zu verschaffen. Er endet mit dem bemerkenswerten Satz: &#8222;Die Wahrheit ist zu kompliziert f\u00fcr plumpe Polemik mit nackten Zahlen aus der Kriminalstatistik.&#8220;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das Wissen \u00fcber die eingeschr\u00e4nkte Aussagekraft der PKS nirgends so explizit zusammengefasst wie im Text der Statistik selbst. Im Vorspann zum Abschnitt &#8222;Nichtdeutsche Tatverd\u00e4chtige&#8220; hei\u00dft es u.a., &#8222;ein Vergleich der tats\u00e4chlichen Kriminalit\u00e4tsbelastung der nicht-deutschen Wohnbev\u00f6lkerung mit der deutschen&#8220; sei &#8222;schon wegen des <i>Dunkelfeldes<\/i> der nicht ermittelten T\u00e4ter in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht m\u00f6glich&#8220;. Ferner enthalte die Bev\u00f6lkerungsstatistik &#8222;bestimmte Ausl\u00e4ndergruppen wie vor allem Illegale, Touristen\/Durchreisende\/Besucher, Grenzpendler und Stationierungsstreitkr\u00e4fte <i>nicht,<\/i> die in der Kriminalstatistik als Tatverd\u00e4chtige mitgez\u00e4hlt werden (&#8230;) Die Kriminalit\u00e4tsbelastung der Deutschen und Nicht-Deutschen ist zudem aufgrund der <i>unterschiedlichen strukturellen Zusammensetzung<\/i> (Alters-, Geschlechts- und Sozialstruktur) nicht vergleichbar. Die sich in Deutschland aufhaltenden Personen ohne deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft sind im Vergleich zur deutschen Bev\u00f6lkerung im Durchschnitt j\u00fcnger und h\u00e4ufiger m\u00e4nnlichen Geschlechts. Sie leben h\u00e4ufiger in Gro\u00dfst\u00e4dten und geh\u00f6ren zu einem gr\u00f6\u00dferen Anteil unteren Einkommensschichten an (&#8230;) Dies alles f\u00fchrt zu einem h\u00f6heren Risiko, als Tatverd\u00e4chtige polizeiauff\u00e4llig zu werden. Zu ber\u00fccksichtigen ist weiterhin ein beachtlicher Anteil <i>ausl\u00e4nderspezifischer Delikte.<\/i> So liegt der Ausl\u00e4nderanteil an den Tatverd\u00e4chtigen bei den Straftaten gegen Ausl\u00e4nder- und Asylverfahrensgesetz naturgem\u00e4\u00df mit 94,5% (1997: 94,1%) sehr hoch.&#8220; (Hervorhebungen im Original)<a href=\"\/2000\/02\/09\/die-auslaenderkriminalitaet-sinkt-nicht-der-zusammenhang-von-kriminalstatistik-und-rassismus\/#fn1\" name=\"fnverweis1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Wieso also, fragt man sich, k\u00f6nnen sich hartn\u00e4ckig Interpretationen halten, die allj\u00e4hrlich unter Berufung auf die neue PKS einen Anstieg oder R\u00fcckgang der &#8222;(Ausl\u00e4nder)Kriminalit\u00e4t&#8220; verk\u00fcnden? Auch in der Einleitung und in den anderen Kapiteln enth\u00e4lt die PKS viele &#8222;Warnschilder&#8220;, die \u00fcber die Bedeutung der Zahlen wirklich keinen Zweifel lassen. Es stellt sich eher die Frage, warum das BKA so viele nachdr\u00fcckliche Hinweise f\u00fcr geboten h\u00e4lt, wenn schon die &#8222;nackten Zahlen&#8220; nach allen Regeln der Kunst bearbeitet sind. So verzichtet das BKA selbstverst\u00e4ndlich und von vornherein im Abschnitt &#8222;Nichtdeutsche Tatverd\u00e4chtige&#8220; auf die Nennung von &#8222;H\u00e4ufigkeitszahlen&#8220; (&#8222;Tatverd\u00e4chtige&#8220; bezogen auf 100.000 Einwohner), die einen Vergleich der &#8222;Deutschen&#8220; mit den &#8222;Nichtdeutschen&#8220; Verd\u00e4chtigten \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichen w\u00fcrden. Die absoluten Zahlen (1998 waren es 2.319.895 Verd\u00e4chtigte, darunter 628.477 &#8222;nichtdeutsche&#8220;) sagen f\u00fcr sich alleine beim besten Willen nichts aus, ohne sie zumindest im Hinterkopf an einer Vergleichsgr\u00f6\u00dfe zu orientieren, z.B. eben dem Bev\u00f6lkerungsanteil. Dies ist aber eine Zutat der InterpretInnen (auch der &#8222;kritischen&#8220;), die in der PKS selbst aus gutem Grunde unterbleibt.<\/p>\n<p>Man kann versucht sein zu fragen, wieso die Kategorie &#8222;nichtdeutsche Tatverd\u00e4chtige&#8220; in der PKS \u00fcberhaupt auftaucht.<a href=\"\/2000\/02\/09\/die-auslaenderkriminalitaet-sinkt-nicht-der-zusammenhang-von-kriminalstatistik-und-rassismus\/#fn2\" name=\"fnverweis2\">[2]<\/a> Als sei dies selbstverst\u00e4ndlich, wurde dieses Merkmal schon seit der Entstehung der PKS 1953 &#8211; also gerade einmal acht Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus &#8211; erfasst und entsprechend ausgewertet. In \u00d6sterreich hatte man offenbar mehr Skrupel und f\u00fchrte die Kategorie &#8222;Ausl\u00e4nder&#8220; erst 1971 (zuerst separat und seit 1975 zusammen mit der allgemeinen Kriminalstatistik) wieder ein. Immerhin erm\u00f6glicht diese Kategorie die folgende (Re-)Interpretation als Information \u00fcber staatlichen und gesellschaftlichen Rassismus.<\/p>\n<h4>PKS als Informationsquelle \u00fcber Rassismus<\/h4>\n<p>Als Rassismus bezeichne ich Formen der sozialen Ausschlie\u00dfung, die sich auf Kategorien der Abstammung und der nationalen Herkunft von Menschen st\u00fctzen. Das umfasst die \u00f6ffentliche Moralisierung, Etikettierung und Stigmatisierung, vor allem aber (aus diesem rassistischen Diskurs abgeleitet) den Entzug\/die Nichtgew\u00e4hrung von Rechten und direkte Benachteiligungen. Das betrifft im Zusammenhang mit &#8222;Kriminalit\u00e4t&#8220; vor allem die Selektivit\u00e4t des Rechts und seiner Organe &#8211; Polizei, Justiz und diskriminierende Gesetze (z.B. Abschiebehaft und Abschiebung zus\u00e4tzlich zur Strafhaft). Man kann grob drei Ebenen unterscheiden, aus denen sich ein solcher Rassismus aus der PKS ablesen l\u00e4sst: 1. diskriminierende gesetzliche Regelungen, 2. b\u00fcrokratische Routine und polizeiliche Aufmerksamkeiten, 3. Anzeigen durch Privatpersonen.<\/p>\n<p>Einen ersten Einblick gewinnt man, wenn man aus der PKS die Delikte heraussucht, bei denen &#8222;nichtdeutsche Tatverd\u00e4chtige&#8220; einen (gemessen an ihrem Anteil in der Gesamtstatistik) besonders hohen Anteil aufweisen. Zuerst st\u00f6\u00dft man dabei auf Straftaten gegen das Ausl\u00e4nder- und das Asylverfahrensgesetz, wo &#8222;nichtdeutsche Tatverd\u00e4chtige&#8220; naturgem\u00e4\u00df einen Anteil von \u00fcber 90% haben. Hier wirkt sich die schlichte Existenz von (strafbewehrten) Gesetzen aus, die sich ausschlie\u00dflich oder \u00fcberwiegend auf Menschen beziehen, die keinen deutschen Pass haben. Das ist von vornherein einsichtig bei den Asyl- und Ausl\u00e4ndergesetzen, bei denen man sich stellenweise fragt, wie es einem &#8222;Deutschen&#8220; \u00fcberhaupt gelingen soll, dagegen zu versto\u00dfen. Ein weiterer Bereich, in dem die &#8222;nichtdeutschen Tatverd\u00e4chtigen&#8220; stark \u00fcberrepr\u00e4sentiert sind, sind Drogendelikte. Hier ist von vornherein bekannt, dass es sich \u00fcberwiegend um grenz\u00fcberschreitende Aktivit\u00e4ten handelt, bei denen im Zuge des von Ronald Reagan ins Leben gerufenen und nach Europa importierten &#8222;war on drugs&#8220; die Strafverfolgung und Bestrafung in den letzten 20 Jahren kontinuierlich versch\u00e4rft wurde.<a href=\"\/2000\/02\/09\/die-auslaenderkriminalitaet-sinkt-nicht-der-zusammenhang-von-kriminalstatistik-und-rassismus\/#fn3\" name=\"fnverweis3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Unterscheidet man die in der PKS erfassten Delikte danach, ob sie vorwiegend auf Anzeigen aus der Bev\u00f6lkerung oder auf dem T\u00e4tigwerden von Polizei und Strafverfolgung basieren, f\u00e4llt auf, dass 1. Delikte, deren Bekanntwerden von der Intensit\u00e4t staatlicher \u00dcberwachung und Kontrolle abh\u00e4ngt, in den letzten zwanzig Jahren am st\u00e4rksten angestiegen sind, dass 2. bei diesen Delikten der Anteil der &#8222;nichtdeutschen Tatverd\u00e4chtigen&#8220; in der Regel besonders hoch ist. Dazu geh\u00f6ren u.a. die Delikte der strafrechtlichen Nebengesetze (in der PKS unter Ziffer 7000), zu denen sowohl die drogen- sowie die ausl\u00e4nder- und asylrechtlichen Strafnormen als auch solche des Umwelt- und Wirtschaftsrechts fallen &#8211; allesamt &#8222;opferlose Delikte&#8220;, deren Bekanntwerden weitgehend von der Arbeit der Ermittlungsbeh\u00f6rden abh\u00e4ngt. Deren Zahl ist von 109.223 im Jahr 1976 auf 507.810 1998 angestiegen, hat sich also fast verf\u00fcnffacht, w\u00e4hrend sich die Gesamtzahl <i>aller<\/i> erfassten Delikte im selben Zeitraum etwa verdoppelt hat. Gleichzeitig haben die &#8222;nichtdeutschen Tatverd\u00e4chtigen&#8220; in dieser Gruppe einen Anteil von 55%, sind also besonders stark &#8222;\u00fcberrepr\u00e4sentiert&#8220;. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Delikte des Strafgesetzbuches wie &#8222;Menschenhandel&#8220;, &#8222;Urkundenf\u00e4lschung&#8220;, &#8222;Sozialleistungsbetrug&#8220; und &#8222;Hehlerei von Kfz&#8220;, also entweder Delikte, die vorwiegend grenz\u00fcberschreitend begangen werden, oder solche, die sich im Zusammenhang mit Verst\u00f6\u00dfen gegen das Ausl\u00e4nder- und Asylverfahrensgesetz ergeben.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sind unter den &#8222;nichtdeutschen Tatverd\u00e4chtigen&#8220; besonders h\u00e4ufig (und in den letzten 15 Jahren zunehmend) solche mit &#8222;illegalem&#8220; Aufenthaltsstatus (1998 22,4% aller &#8222;nichtdeutschen Tatverd\u00e4chtigen&#8220;) und solche aus der Kategorie &#8222;Sonstige&#8220; zu finden, d.h. &#8222;z.B. Erwerbslose, nicht anerkannte Asylsuchende mit Duldung, Fl\u00fcchtlinge&#8220;<a href=\"\/2000\/02\/09\/die-auslaenderkriminalitaet-sinkt-nicht-der-zusammenhang-von-kriminalstatistik-und-rassismus\/#fn4\" name=\"fnverweis4\">[4]<\/a> (1998 25,9%). Fast die H\u00e4lfte aller &#8222;nichtdeutschen Tatverd\u00e4chtigen&#8220; hat also einen prek\u00e4ren Aufenthaltsstatus. (Hier nicht eingerechnet sind Asylsuchende, auf die weiter unten noch genauer eingegangen wird.) Menschen also, die sich leicht kontrollieren lassen, weil sie ohnehin regelm\u00e4\u00dfig bei bestimmten Beh\u00f6rden vorstellig werden m\u00fcssen, die mitunter schon ob ihrer Gegenwart an einem bestimmten Ort eines Deliktes verd\u00e4chtig, die &#8222;sozial schwach&#8220; und mittellos sind.<\/p>\n<p>An diesem Befund setzt ein \u00f6ffentlicher Diskurs \u00fcber die &#8222;guten, weil integrierten&#8220; versus die &#8222;kriminellen, weil desintegrierten&#8220; Ausl\u00e4nderInnen an. Der Kriminologe Christian Pfeiffer schreibt in der Zeit: &#8222;Dass 1994 die Zahl der Tatverd\u00e4chtigen zur\u00fcckgegangen ist, beruht in erster Linie auf der Abnahme von polizeilich registrierten Asylbewerbern nach dem Inkrafttreten des neuen Asylrechts. Dies gilt besonders f\u00fcr die seit Anfang der 90er Jahre extrem angestiegenen Ladendiebst\u00e4hle sowie f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe gegen Asyl- und Ausl\u00e4ndergesetz und Urkundendelikte. Freilich geh\u00f6rt in diesen Zusammenhang eine wichtige erg\u00e4nzende Information: Die Kriminalit\u00e4t nichtdeutscher Arbeitnehmer, also solcher Ausl\u00e4nder, die in unserem Land sozial einigerma\u00dfen integriert sind, ist seit Mitte der 80er Jahre leicht r\u00fcckl\u00e4ufig. Dies zeigt eines deutlich: Nicht die Ausl\u00e4nder sind das Problem, sondern die Tatsache, dass ein gro\u00dfer Teil von ihnen arm und sozial ausgegrenzt ist.&#8220;<a href=\"\/2000\/02\/09\/die-auslaenderkriminalitaet-sinkt-nicht-der-zusammenhang-von-kriminalstatistik-und-rassismus\/#fn5\" name=\"fnverweis5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Ein anderer Schluss liegt n\u00e4her: Nicht die Ausl\u00e4nderInnen sind das Problem, sondern dass sich ein Teil von ihnen besonders leicht kriminalisieren l\u00e4sst, weil sie ohnehin rechtlos sind, weil sie besonders leicht die Aufmerksamkeit der Polizei erregen und weil sie in den Stadtteilen leben, in denen die Kontrolldichte ohnehin am h\u00f6chsten ist. Verfolgt man den Zusammenhang zwischen den registrierten Asylsuchenden und den angezeigten Straftaten weiter, st\u00f6\u00dft man in der PKS auf die nebenstehend abgedruckte Grafik. Der darin erkennbare H\u00f6henflug der Zahl verd\u00e4chtigter Asylsuchender 1992\/93 korrespondiert nicht, wie oft behauptet wird, mit der Zahl der Asylsuchenden insgesamt. Dann h\u00e4tte der Anstieg n\u00e4mlich bereits 1990 einsetzen m\u00fcssen und der R\u00fcckgang infolge der Asylrechtsabschaffung w\u00e4re wesentlich drastischer ausgefallen. Wenn man sich hingegen das politische Klima 1992\/93 in Erinnerung ruft, die \u00f6ffentliche Dramatisierung der &#8222;Scheinasylanten&#8220; u.\u00e4.m., l\u00e4sst sich die Verdoppelung der verd\u00e4chtigten Asylsuchenden in nur zwei Jahren leicht \u00fcber eine gesteigerte Anzeigebereitschaft gegen die \u00f6ffentlich Gebrandmarkten erkl\u00e4ren. Der oben erw\u00e4hnte Ladendiebstahl ist zudem ein geradezu klassisches Delikt, dessen statistische Konjunktur ausschlie\u00dflich von eingehenden Anzeigen abh\u00e4ngt. Der R\u00fcckgang ergibt sich also nicht aus der Zahl potentieller &#8222;Tatverd\u00e4chtiger&#8220;, sondern aus der teilweisen politischen Kanalisation der rassistischen Stimmung gegen Asylsuchende in eine rigorose Abschiebepraxis.<\/p>\n<p>Zusammenfassend ergibt sich ein durchg\u00e4ngiges Bild staatlichen und gesellschaftlichen Rassismus, wenn gegen nicht hier Staatsangeh\u00f6rige spezielle Strafgesetze in Anschlag gebracht werden, sie (insbesondere die sozial Schwachen mit prek\u00e4rem Aufenthaltsstatus) von Strafverfolgung selektiv betroffen sind, und gegen sie (zu bestimmten Zeiten) eine erh\u00f6hte Anzeigebereitschaft in der Bev\u00f6lkerung besteht. Die PKS handelt von sozialer Ausschlie\u00dfung und nicht von Kriminalit\u00e4t.<\/p>\n<h4>Die Attraktivit\u00e4t von Fehlinterpretationen<\/h4>\n<p>Man kann unterstellen, dass die Kritik des Missverst\u00e4ndnisses der PKS-Zahlen als Bericht \u00fcber &#8222;Kriminalit\u00e4t&#8220; bekannt ist. Ich habe diese Kritik hier zugespitzt und argumentiert, dass die PKS <i>kein<\/i> (also auch kein schlechtes) Ma\u00df f\u00fcr Kriminalit\u00e4t hergibt, sondern u.a. ein brauchbares Ma\u00df f\u00fcr Rassismus. Die vor allem unter kriminologischen WissenschaftlerInnen verbreitete Reaktion auf diesen Befund ist in der Regel die Suche nach anderen Methoden, Kriminalit\u00e4t zu messen.<\/p>\n<p>Allgemein hoch im Kurs stehen dabei derzeit die &#8222;selbstberichtete Delinquenz&#8220; und Opferbefragungen. Es sei nur kurz darauf hingewiesen, dass man damit Selbstdarstellungen der Beteiligten erhebt &#8211; interessierte Selbstdarstellungen, wenn man bedenkt, dass die erfolgreiche Reklamierung des T\u00e4ter- oder Opferstatus in manchen Situationen ebenso vorteilhaft erscheinen mag wie deren Zur\u00fcckweisung in anderen. Jedenfalls kann man nicht ernsthaft hoffen, damit Indikatoren f\u00fcr die &#8222;tats\u00e4chliche Kriminalit\u00e4t&#8220; an der Hand zu haben. Das hei\u00dft wiederum nicht, dass eine Interpretation, die den Charakter der erhobenen Berichte als Selbstdarstellungen ber\u00fccksichtigt, keine interessanten Ergebnisse liefern k\u00f6nnte, z.B. eben zu der Frage, f\u00fcr wen es unter welchen Bedingungen attraktiv ist, sich als T\u00e4ter oder Opfer darzustellen.<\/p>\n<p>Wichtiger ist die Frage, warum man \u00fcberhaupt versuchen sollte, &#8222;(Ausl\u00e4nder)Kriminalit\u00e4t&#8220; zu messen. Welche (gesellschaftlichen und politischen) Interessen stecken dahinter? Ich habe in diesem Artikel bewusst die wohlmeinenden Versionen der Rede von der &#8222;Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t&#8220; zitiert, die nicht ohnehin rassistisch argumentieren, sondern sich f\u00fcr einen (wie auch immer gearteten) freundlichen Umgang mit den Betroffenen engagieren. Zumeist laufen die Forderungen auf mehr &#8222;Integration&#8220; durch Bildung, Arbeit und soziale Hilfestellungen hinaus. Daf\u00fcr wird nicht nur &#8211; wenn die Zahlen einem g\u00fcnstig erscheinen &#8211; eine Lesart der PKS in Anspruch genommen, die man sonst &#8211; wenn die Zahlen nicht genehm sind &#8211; emp\u00f6rt zur\u00fcckweist. Es werden auch Unterscheidungen wie die zwischen &#8222;ausl\u00e4ndischen Intensivstraft\u00e4tern&#8220; und &#8222;t\u00fcrkischen Mitb\u00fcrgern&#8220; untermauert und ein gesellschaftlicher Konsens impliziert, demgem\u00e4\u00df nicht soziale Ausschlie\u00dfung das Problem sei, sondern die Ausgeschlossenen. Solche Positionen sind weder kritisch, noch aufkl\u00e4rerisch, noch antirassistisch.<\/p>\n<h5>Oliver Br\u00fcchert ist Mitherausgeber der &#8222;Neuen Kriminalpolitik&#8220; und forscht am Arbeitsschwerpunkt Devianz und Soziale Ausschlie\u00dfung an der Universit\u00e4t Frankfurt\/M. Politisch ist er bei den Jungdemokraten\/Junge Linke und beim Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie aktiv.<\/h5>\n<h6><a href=\"\/2000\/02\/09\/die-auslaenderkriminalitaet-sinkt-nicht-der-zusammenhang-von-kriminalstatistik-und-rassismus\/#fnverweis1\" name=\"fn1\">[1]<\/a> Bundeskriminalamt: Polizeiliche Kriminalstatistik 1998, Wiesbaden 1999 (im Folgenden: PKS 1998), S. 105; im Internet unter <a href=\"http:\/\/www.bka.de\/pks\/pks1998\/index.html\" target=\"1\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bka.de\/pks\/pks1998\/index.html<\/a><br \/>\n<a href=\"\/2000\/02\/09\/die-auslaenderkriminalitaet-sinkt-nicht-der-zusammenhang-von-kriminalstatistik-und-rassismus\/#fnverweis2\" name=\"fn2\">[2]<\/a> Schon die Bezeichnung &#8222;Tatverd\u00e4chtige&#8220; ist eine verdinglichende Zuschreibung, weil sie unterstellt, Verd\u00e4chtigsein sei eine Eigenschaft des Verd\u00e4chtigten und nicht eine T\u00e4tigkeit des Verdachthegenden, der daraufhin eine Anzeige macht, und der Polizei, die diese aufnimmt und in den Z\u00e4hlbogen f\u00fcr die PKS eintr\u00e4gt.<br \/>\n<a href=\"\/2000\/02\/09\/die-auslaenderkriminalitaet-sinkt-nicht-der-zusammenhang-von-kriminalstatistik-und-rassismus\/#fnverweis3\" name=\"fn3\">[3]<\/a> vgl. Chambliss, W.J.: Power, Politics, and Crime, Boulder, Colorado 1999, insb. das Kapitel: The War on Drugs: America&#8217;s Ethnic Cleansing<br \/>\n<a href=\"\/2000\/02\/09\/die-auslaenderkriminalitaet-sinkt-nicht-der-zusammenhang-von-kriminalstatistik-und-rassismus\/#fnverweis4\" name=\"fn4\">[4]<\/a> Bundeskriminalamt a.a.O. (Fn. 1), S. 116<br \/>\n<a href=\"\/2000\/02\/09\/die-auslaenderkriminalitaet-sinkt-nicht-der-zusammenhang-von-kriminalstatistik-und-rassismus\/#fnverweis5\" name=\"fn5\">[5]<\/a> Die Zeit v. 21.7.1995<\/h6>\n<p>Bibliographische Angaben: Br\u00fcchert, Oliver: Die Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t sinkt nicht! Der Zusammenhang von Kriminalstatistik und Rassismus, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 65 (1\/2000), S. 21-28<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Oliver Br\u00fcchert Mit Statistiken l\u00e4sst sich ohne offenkundige F\u00e4lschung und T\u00e4uschungsabsicht Schindluder treiben. 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