{"id":18764,"date":"2020-12-21T19:29:05","date_gmt":"2020-12-21T19:29:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=18764"},"modified":"2020-12-21T19:29:05","modified_gmt":"2020-12-21T19:29:05","slug":"chronologie-statt-kritische-aufarbeitung-bundesdeutsche-polizeigewerkschafts-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=18764","title":{"rendered":"Chronologie statt kritische Aufarbeitung: Bundesdeutsche Polizeigewerkschafts-Geschichte"},"content":{"rendered":"<h3>von Malte Meyer<\/h3>\n<p><strong>Polizeigewerkschaften sind eine in der \u00d6ffentlichkeit stets pr\u00e4sente und einflussreiche Stimme, wenn es um Fragen der Inneren Sicherheit geht. Um ihre Positionen und Bedeutung verstehen zu k\u00f6nnen, w\u00e4re eine Auseinandersetzung mit ihrer historischen Entwicklung hilfreich. Wer blo\u00df Chroniken erstellt, verfehlt dieses Ziel.<\/strong><\/p>\n<p>Die antirassistischen Bewegungen insbesondere des zur\u00fcckliegenden Jahres haben dazu beigetragen, dass neben der Polizei im Allgemeinen speziell auch die Polizeigewerkschaften etwas st\u00e4rker in den Fokus kritischer Aufmerksamkeit ger\u00fcckt worden sind. \u00c4hnlich wie in den USA sehen sich die Ordnungsh\u00fcter*innen-Organisationen in Deutschland mit Vorhaltungen konfrontiert, brutale \u00dcbergriffe, institutionellen Rassismus und rechtsextreme Netzwerke im Polizeiapparat zu bagatellisieren oder sogar zu decken. Da sich rechtspopulistische Auftritte f\u00fchrender Polizeigewerkschafter*innen, Polemiken gegen Antidiskriminierungsgesetze sowie Versuche zur Einsch\u00fcchterung missliebiger Journalist*innen in dieser Lage nur schlecht zum Beweis des Gegenteils eignen, muss dem Zustand dieser Organisationen mit anderen Mitteln auf den Grund gegangen werden.<!--more--><\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zu den Erkenntnissen kritischer Polizist*innen und Polizeiwissenschaftler*innen k\u00f6nnte m\u00f6glicherweise auch eine Aufarbeitung der Geschichte dieser Verb\u00e4nde dazu beitragen, historische Muster, Beweggr\u00fcnde und m\u00f6gliche Alternativen polizeigewerkschaftlicher Praxis offenzulegen. Allerdings ist die Zahl der zum Thema Polizeigewerkschaftsgeschichte erschienenen Studien bislang \u00e4u\u00dferst klein. Der Politikwissenschaftler (und langj\u00e4hrige Polizist) Manfred Reuter hat diese Forschungsl\u00fccke erkannt und im zur\u00fcckliegenden Jahrzehnt deshalb gut ein halbes Dutzend B\u00fccher zur Geschichte deutscher Polizeigewerkschaften ver\u00f6ffentlicht. Im Rahmen einer problemzentrierten (und bewusst nicht chronologisch sortierten) Sammelbesprechung sollen an dieser Stelle diejenigen, die sich mit den Entwicklungen in (West-)Deutschland nach 1945 befassen, eingehender ausgewertet werden. Zwar sind Reuters Monografien zur Geschichte der Gewerkschaft der Polizei (GdP),<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> zum Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK)<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> sowie zur Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG),<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> sein Aufsatz zum Bundesgrenzschutzverband<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> ebenso wie sein Buch zur Neugr\u00fcndung ostdeutscher Polizeigewerkschaften nach dem Mauerfall<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> ihrer Anlage und Darstellungsweise nach eher konventionelle Verbandschroniken (insofern sie sich auf offizielle Gremien, Verlautbarungen und F\u00fchrungsfiguren konzentrieren), sie sollen aber trotzdem auch auf die soziologisch kaum weniger interessanten Einfl\u00fcsse von (informeller) Organisationskultur und (widerspr\u00fcchlicher) Organisationsumwelt hin befragt werden.<\/p>\n<h4>Etappen und Periodisierungsfragen<\/h4>\n<p>Nachdem die westlichen Alliierten mit Beginn des Kalten Krieges ihre antifaschistischen Bedenken gegen\u00fcber der Neugr\u00fcndung von Polizeigewerkschaften zur\u00fcckgestellt hatten, wurden solche in der BRD ab 1950 wieder aktiv. Da die Organisationen st\u00e4rker von den jeweiligen politischen Epochen gepr\u00e4gt wurden als dass sie selbst Einfluss auf diese genommen h\u00e4tten, l\u00e4ge eigentlich eine Periodisierung von sieben Jahrzehnten bundesdeutscher Polizeigewerkschaftsgeschichte bspw. entlang der politikgeschichtlichen Z\u00e4suren von 1949, 1968 und 1989 nahe. Insofern die erste Periode im Zeichen einer antikommunistischen Restauration (nicht nur der Polizei) stand, besch\u00e4ftigten sich Polizeigewerkschaften mit der Eingliederung \u201ealter Kameraden\u201c ebenso wie mit Kaltem Krieg und Notstandsgesetzgebung. Im Gefolge der Erschie\u00dfung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 sahen sie sich danach mindestens zwei Jahrzehnte lang von den neuen sozialen Bewegungen und ihren militanten Ablegern herausgefordert und mussten unter anderem zu Radikalenerlass, Deutschem Herbst und zivilem Ungehorsam, aber auch zur damit zusammenh\u00e4ngenden \u201eModernisierung\u201c der Polizeiarbeit Stellung beziehen. Mauerfall und Wiedervereinigung schlie\u00dflich leiteten eine dritte Periode bundesdeutscher Polizeigewerkschaftsgeschichte ein, in der sich die Organisationen auf neuen Nationalismus einerseits und Globalisierungsprozesse andererseits einstellten. In diesen Zeitraum fallen starke Konjunkturen rechter Gewalt und polizeiliche Auslandseins\u00e4tze, aber auch gro\u00dfe Migrationsbewegungen und Ans\u00e4tze einer interkulturellen \u00d6ffnung des Polizeiapparats.<\/p>\n<p>Eine so oder \u00e4hnlich begr\u00fcndete Strukturierung w\u00e4re nicht nur \u00fcbersichtlicher als das von Reuter gew\u00e4hlte Schema, im Fall der DPolG vier, in dem der GdP acht und im Fall des erst 1968 gegr\u00fcndeten BDK sogar zw\u00f6lf unterschiedliche \u201ePhasen\u201c zu unterscheiden. Sie w\u00fcrde auch den systematischen Vergleich unterschiedlicher polizeigewerkschaftlicher Reaktionen auf zeittypische Problemstellungen deutlich erleichtern und der Gefahr vorbeugen, mit einer F\u00fclle verbandsgeschichtlicher Details die ihnen zugrundeliegenden Prozesse und Strukturen mehr zu verdecken als aufzuhellen.<\/p>\n<h4>Formen und Erfolge von Interessenvertretung<\/h4>\n<p>Wie lassen sich die Interessen von Polizeibesch\u00e4ftigten am besten vertreten \u2013 in Form einer Gewerkschaft, einer Standesorganisation, eines Berufsverbands oder doch am besten als Lobbygruppe? Diese Frage sorgte \u00fcber Jahrzehnte hinweg f\u00fcr reichlich Konfliktstoff zwischen den verschiedenen Arbeitnehmer*innenorganisationen im Bereich der Polizei. Die (GdP) und die mit ihr bis zur Fusion 1978 konkurrierende Hauptabteilung Polizei der DGB-Gewerkschaft \u00d6ffentliche Dienste, Transport und Verkehr (\u00d6TV) waren sich bei all ihren Differenzen zumindest dar\u00fcber einig, dass sich zusammen mit den Beamten auch die bei der Polizei t\u00e4tigen Arbeiter*innen und Angestellten in einer gemeinsamen Organisation zusammenschlie\u00dfen sollten. Und obwohl das Streikrecht f\u00fcr Beamt*innen von der herrschenden Rechtsprechung bis heute verneint wird, schlossen beide Gewerkschaften Arbeitskampfma\u00dfnahmen bis hin zum Streik lange \u201enur\u201c f\u00fcr den Polizeidienst im engen Sinne aus. Lediglich als \u201egegner*innenfrei\u201c konnte und kann die GdP nicht bezeichnet werden, da sie nach wie vor auch polizeiliche F\u00fchrungskr\u00e4fte organisiert.<\/p>\n<p>Von der zumindest auf Vorstandsebene traditionell sozialdemokratisch dominierten GdP spaltete sich Mitte der 1960er Jahre zun\u00e4chst eine st\u00e4rker auf CDU-N\u00e4he sowie auf die Verteidigung von Beamt*innenprivilegien orientierte Fraktion von Polizist*innen ab. Sie bildete eine Vorl\u00e4uferorganisation der heutigen, zum konservativen Beamtenbund geh\u00f6rigen DPolG. Am Ende der Restaurationsperiode verselbstst\u00e4ndigte sich au\u00dferdem noch jener Teil der Kriminalbeamt*innen, der sich in seinen berufsspezifischen Interessen inmitten der vielen Schutzpolizist*innen des mittleren Dienstes in der GdP nur unzureichend wahrgenommen f\u00fchlte. Aus dieser Abspaltung ging der lange Zeit nicht weniger konservative \u201eBund Deutscher Kriminalbeamter\u201c BDK hervor. F\u00fcr den paramilit\u00e4risch organisierten (und seit 2005 in \u201eBundespolizei\u201c umgewandelten) Bundesgrenzschutz spielte dar\u00fcber hinaus der ebenfalls zum DBB geh\u00f6rige \u201eBundesgrenzschutzverband\u201c (bgv) eine nicht unwichtige Rolle.<\/p>\n<p>Ob sie nun de facto eine Gewerkschaft (gewesen) sind oder nur nominal: Allen Interessenvertretungen von Polizeibesch\u00e4ftigten war und ist gemeinsam, dass sie politische Lobbyarbeit f\u00fcr eine bessere materielle, finanzielle und personelle Ausstattung des Polizeiapparats f\u00fcr unerl\u00e4sslich hielten und auf diesem Gebiet auch ihre gr\u00f6\u00dften Erfolge zu verzeichnen hatten. Weil der Organisationsgrad unter Polizeibesch\u00e4ftigten nach wie vor so hoch ist wie in kaum einem anderen Berufsfeld, sieht das die gro\u00dfe Masse der den unterschiedlichen Verb\u00e4nden angeh\u00f6renden Kolleginnen und Kollegen wahrscheinlich kaum anders als der Polizeigewerkschaftschronist Manfred Reuter.<\/p>\n<h4>Innerverbandliche Demokratie und Konflikte<\/h4>\n<p>Weniger gut scheint es hingegen um die innerverbandliche Demokratie bestellt gewesen zu sein. Zwar haben sich s\u00e4mtliche Polizist*innenverb\u00e4nde Satzungen gegeben, die den Anspr\u00fcchen an formal demokratische Prozeduren Gen\u00fcge tun \u2013 Reuter h\u00e4lt diese Satzungen sogar f\u00fcr so relevant, dass er ihre jeweils aktuellen Versionen ausf\u00fchrlich paraphrasiert. Trotzdem aber geht aus seinen Chroniken an verschiedenen Stellen hervor, wie autorit\u00e4r Polizeigewerkschaften insbesondere in Konfliktf\u00e4llen gef\u00fchrt wurden. So hei\u00dft \u00fcber einen Richtungsstreit in der nordrhein-westf\u00e4lischen GdP im Jahr 1993: \u201eEinige Funktion\u00e4re wollen eine radikalere Gewerkschaftspolitik gegen\u00fcber der Regierung anstatt des seit Jahren praktizierten \u201aKorporatismus\u2018 durchsetzen. Sie treten zur PR-Wahl [PR = Personalrat, MM] in NRW als freie Liste an und erzielen einen Achtungserfolg. Die GdP sieht in dem Verhalten einen pers\u00f6nlichen Rachefeldzug einiger frustrierter Funktion\u00e4re und strengt Ausschlussverfahren an.\u201c<\/p>\n<p>Die Befindlichkeiten der GdP-Spitze macht Reuter sich auch zu eigen, wenn er in seiner immerhin bis in den Sommer 2020 reichenden GdP-Chronik die \u201eBossing-Aff\u00e4re\u201c verschweigt, f\u00fcr die der amtierende GdP-Vorsitzende Oliver Malchow verantwortlich ist. Wie das Landesarbeitsgericht Berlin Anfang Oktober 2019 feststellte, hatte Malchow die amtierende Betriebsratsvorsitzende in der GdP-Bundesgesch\u00e4ftsstelle zu Unrecht entlassen, nachdem sie sich beim Bundesvorstand \u00fcber seinen autorit\u00e4ren F\u00fchrungsstil beschwert hatte. \u201eDer Bundesvorsitzende f\u00fchre Mitarbeitergespr\u00e4che \u201ainquisitorisch, hart sowie unnachgiebig\u2018; Gespr\u00e4che zur Gehaltseingruppierung glichen \u201akleinen Hinrichtungen\u2018\u201c, so die FAZ unter Berufung auf eine Betroffene.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Das Bekanntwerden von Malchows Fehlverhalten d\u00fcrften ein wichtiger Grund daf\u00fcr sein, warum der GdP-Vorsitzende inmitten der Polizeidebatte des Sommers 2020 praktisch komplett abgetaucht ist und seinen Stellvertretern fast alle \u00f6ffentliche Auftritte \u00fcberlassen musste.<\/p>\n<h4>Schwerpunkte politischer Lobbyarbeit<\/h4>\n<p>Sp\u00e4testens seit den 1970er Jahren, als auch die GdP einen Gro\u00dfteil ihrer eher antimilitaristischen Programmatik zu den Akten legte, pr\u00e4gen einige Dauerbrenner den polizeigewerkschaftlichen Lobbyismus in der BRD. Au\u00dfer den nimmerm\u00fcde erhobenen Forderungen nach mehr Geld, Sachmitteln und Personal f\u00fcr die Polizei z\u00e4hlen hierzu vor allem der Kampf gegen die Kennzeichnungspflicht von Polizeibeamt*innen sowie die Abwehr unabh\u00e4ngiger Aufsichts- und Beschwerdegremien. Obwohl Polizeikr\u00e4fte bereits w\u00e4hrend der Revolution von 1848 (zumindest kurzzeitig) verpflichtet wurden, auf ihrem Helm eine gut sichtbare Nummer zu tragen, konnten Organisationen wie die Humanistische Union jahrzehntelang keine Erfolge bei ihren Bem\u00fchungen verzeichnen, eine allgemeine Kennzeichnungspflicht f\u00fcr Uniformtr\u00e4ger*innen durchzusetzen. Erst ab 2010 beschlossen mehrere Bundesl\u00e4nder auf Druck von Gr\u00fcnen und Linken und gegen den massiven Widerstand s\u00e4mtlicher Polizeigewerkschaften derartige Bestimmungen.<\/p>\n<p>Anstelle einer eingehenden Analyse dieser keinesfalls uninteressanten Konflikte vermerkt Reuter aber lediglich: \u201e07.11.2011: Bei der \u00f6ffentliche Anh\u00f6rung im Bundestag zur Kennzeichnungspflicht f\u00fcr Angeh\u00f6rige der Bundespolizei spricht sich die DPolG dagegen aus.\u201c St\u00e4rkere polizeigewerkschaftliche Abwehrreflexe als ein Namensschild provoziert regelm\u00e4\u00dfig nur noch die Forderung nach unabh\u00e4ngigen Aufsichts- und Beschwerdegremien. DGB-Chef Reiner Hoffmann pflichtete der Blockadehaltung seiner Polizeigewerkschaft lediglich bei, als er im Sommer 2020 zu Protokoll gab, \u201ePolizeibeauftragte stigmatisieren eure Berufsgruppe. Das stellt unseren Rechtsstaat in Frage und f\u00fchrt ins Nichts.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Mit diesem Statement bediente sich Hoffmann bei der polizeigewerkschaftlich bew\u00e4hrten Verdrehung gesellschaftlicher Machtverh\u00e4ltnisse. Nicht die Gewalt <em>von<\/em>, sondern die Gewalt <em>gegen<\/em> Polizist*innen soll im Mittelpunkt \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit stehen. Und nicht von einer stigmatisierenden Polizei soll kritisch die Rede sein, sondern von einer angeblichen \u201eStigmatisierung\u201c der Polizei durch Kritik.<\/p>\n<h4>Positionierung gegen\u00fcber fragw\u00fcrdiger Polizeipraxis<\/h4>\n<p>Von Anfang an haben es Polizeigewerkschaften als eine ihrer Kernaufgaben angesehen, im vermeintlichen Mitgliederinteresse auch die Polizei als Institution gegen\u00fcber \u00f6ffentlicher Kritik in Schutz zu nehmen. Das von Polizeikritiker*innen, aber selbst von kritischen Polizist*innen monierte Defizit an polizeilicher \u201eFehlerkultur\u201c erstreckt sich unter solchen Bedingungen unvermeidlich auch auf den Bereich gewerkschaftlicher Interessenvertretungen.<\/p>\n<p>Polizeiliche Praktiken, die Betroffene und kritische Minderheiten als zumindest potenziell bedrohlich wahrnehmen, werden von Polizeigewerkschaften \u00fcblicherweise eher verharmlost oder sogar gerechtfertigt. So sollten Polizist*innen zum Schutz vor der angeblich immer weiter steigenden Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft nach dem Willen von Polizeigewerkschaftsf\u00fchrer*innen wie Rainer Wendt (DPolG) zus\u00e4tzlich zu Schlagst\u00f6cken und Pfefferspray auch auf Gummigeschosse und Elektroschocker zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen \u2013 irgendein autorit\u00e4rer Charakter, der hinterher die L\u00fcge verbreitet, Polizeigewalt habe es nicht gegeben, wird sich nach einem brutalen Polizeieinsatz schon finden.<\/p>\n<p>Traditionell wehren sich Polizeigewerkschaften zudem gegen die Einsch\u00e4tzung, innerhalb der Polizei gebe es so etwas wie strukturellen beziehungsweise institutionellen Rassismus. Einen der j\u00fcngsten Belege hierf\u00fcr lieferte im September 2020 die GdP, als sie vorschlug, in einer wissenschaftlichen Studie doch vielleicht besser den \u201ebelastenden\u201c Polizeialltag zu untersuchen als einen dem Polizeiapparat angeblich zu Unrecht unterstellten Rassismus (eine Forderung, die Innenminister Seehofer zwischenzeitlich aufgegriffen hat). Warum die als praktisch allgegenw\u00e4rtig und auch als urs\u00e4chlich dargestellten \u201eBelastungen\u201c allerdings nur in wenigen \u201eAusnahmef\u00e4llen\u201c zu rassistischem Verhalten f\u00fchrten, vermochte die GdP leider nicht zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Vergleichbar schwer tun sich Polizeigewerkschaften auch damit, extrem rechte Netzwerke im Polizeiapparat \u00fcberhaupt als solche zu erkennen. Immerhin gilt die Ver\u00e4chtlichmachung von \u201elinken Zecken\u201c nach Einsch\u00e4tzung von Rafael Behr bereits in der Polizeiausbildung als derma\u00dfen normal, dass auch gewerkschaftlich organisierten Polizist*innen nur selten auff\u00e4llt, wie sehr ihr biederm\u00e4nnischer \u201eNormalismus\u201c bereits mit extrem rechten Weltbildern harmoniert.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Zu derartigen Problemen der Lobbyarbeit deutscher Polizeigewerkschaften indes finden sich in den Darstellungen von Manfred Reuter bedauerlicherweise so gut wie keine Informationen.<\/p>\n<h4>Feindbilder, Gegner*innen, Antagonist*innen<\/h4>\n<p>An einer Stelle immerhin spricht Reuter an, dass die GdP im Mai 1995 mit aller Macht versucht hat, eine Studie von amnesty international zur\u00fcckzuweisen, derzufolge die deutsche Polizei Ausl\u00e4nder*innen in nachweisbar 70 F\u00e4llen erniedrigend behandelt h\u00e4tte. Sein lapidarer Kommentar dazu besteht aus nicht mehr als der Wiedergabe einer Gewerkschaftspublikation: \u201eDie eigene Recherche [also jene der GdP, MM] ergibt, dass in vielen der benannten F\u00e4lle ein solcher Vorwurf vollkommen unberechtigt ist und nur eine Seite in der Sache angeh\u00f6rt worden war. Am 26.09. kommt es zu einem Gespr\u00e4ch der GdP mit ai.\u201c Reuters Versuch, Betroffenen und Menschenrechtsorganisationen schlicht die Glaubw\u00fcrdigkeit abzusprechen, \u00e4hnelt dem \u00fcblichen polizeigewerkschaftlichen Reaktionsmuster, wenn Kritik an der Polizei ge\u00fcbt wird. \u201eKein Gremium einer Polizeigewerkschaft w\u00fcrde sich \u00f6ffentlich zu Forderungen einer Menschenrechtsorganisation bekennen\u201c, befindet etwa der Kriminologe und Polizeidissident Martin Herrnkind.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> \u201eDenn die Mitgliedschaft w\u00fcrde mit massenhaften Austritten barsch reagieren.\u201c Von dem auch und gerade innerhalb der Institution Polizei tradierten Weltbild, sie selbst seien als \u201eFreund und Helfer\u201c die Guten, \u201ekriminelle Ausl\u00e4nder\u201c und \u201elinke Zecken\u201c hingegen die B\u00f6sen (oder zumindest die prinzipiell Verd\u00e4chtigen), lassen sich offenbar nur die wenigsten Polizist*innen gerne abbringen. Schlie\u00dflich passen diese Feindbilder auch bestens zur Basisfunktion der Polizei, die herrschende (klassen-)gesell\u00adschaftliche Ordnung zu konservieren. Dass sich auch die Polizeigewerkschaften immer wieder an einer nach rechtsau\u00dfen anschlussf\u00e4higen Gegner*innenmarkierung beteiligen, verwundert vor diesem Hintergrund weniger als das offensichtliche Desinteresse eines Polizeigewerkschaftshistorikers, die Existenz, Herkunft und Wirkungsweise solcher Feindbilder \u00fcberhaupt einmal zu thematisieren.<\/p>\n<h4>Leistungen und Leerstellen<\/h4>\n<p>Obgleich Reuter als \u00fcberzeugter GdPler den Schrader-Verband aus Weimarer Zeiten in Ehren h\u00e4lt, scheint er f\u00fcr die Gegenwart mit einer st\u00e4rkeren Kooperation unterschiedlicher Polizeigewerkschaften zu sympathisieren. In einer Konzentration auf einige \u201eunstrittige\u201c Kernbereiche gewerkschaftlicher Interessenvertretung sieht er das Potenzial, historische Spaltungslinien zu \u00fcberwinden, um den politischen Einfluss deutscher Polizist*innenverb\u00e4nde zu erh\u00f6hen. Mit diesem zwar nicht explizit formulierten, wohl aber hier und da aufblitzenden Erkenntnisinteresse mag es zusammenh\u00e4ngen, dass zwischengewerkschaftliche Rivalit\u00e4ten und tarifliche Belange in Reuters Chroniken einen sehr gro\u00dfen Raum einnehmen, andere mindestens ebenso wichtige Themen aber stark an den Rand gedr\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p>Mehr noch: Reuters Verfahren, sich haupts\u00e4chlich auf verbandseigene Chroniken zu st\u00fctzen, internationale Ver\u00f6ffentlichungen zur Soziologie und Politik von Polizeigewerkschaften (wie etwa Robert Reiners Grundlagenwerk aus dem Jahr 1978 oder auch aktuelle US-amerikanische Diskussionen zu Polizeigewerkschaften) hingegen \u00fcberhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen, f\u00fchrt fast unweigerlich dazu, dass eine kritische Analyse wichtiger Facetten deutscher Polizeigewerkschaftsgeschichte unterbleibt. Hei\u00dfe Eisen wie das Verh\u00e4ltnis deutscher Polizeigewerkschaften zur NS-Vergangenheit zahlreicher ihrer Mitglieder und Kader, zu polizeitypischen Feindbildkonstruktionen und Probleml\u00f6sungsstrategien sowie zu Kameradschaftlichkeit und Cop Culture, aber auch der Umgang mit Ans\u00e4tzen von interkultureller \u00d6ffnung und von Gender Mainstreaming im Polizeiapparat k\u00f6nnen auf diese Weise weder angemessen dargestellt noch tiefergehend untersucht werden. Eine kritische Geschichte deutscher Polizeigewerkschaften w\u00e4re also erst noch zu schreiben \u2013 Reuters durchaus penibel erstellte Chroniken gen\u00fcgen diesem zugegebenerma\u00dfen hohen Anspruch leider nicht.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Reuter, M.:70 Jahre \u201eGewerkschaft der Polizei\u201c (GdP) von 1950 bis 2020, Frankfurt\/M. 2020; Ders.: Polizeigewerkschaften in Nordrhein-Westfalen (NRW) am Beispiel der \u201eGewerkschaft der Polizei, Landesbezirk NRW\u201c (GdP NW), Frankfurt\/M. 2009<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ders.: Die Historie des \u201eBund Deutscher Kriminalbeamter e.V.\u201c (BDK) 1967 bis 2015, Frankfurt\/M. 2016<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ders.: Die \u201eDeutsche Polizeigewerkschaft im DBB\u201c (DPolG) von 1951 bis 2017, Frankfurt\/M. 2020<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ders.: Vom \u201eBundesgrenzschutzverband\u201c zur \u201eDeutschen Polizeigewerkschaft \u2013 Bundespolizeigewerkschaft\u201c, in: VEKO-online 5\/2014 (<a href=\"https:\/\/www.veko-online.de\/archiv-aus\u00adgabe-05-2014\/434-polizei-vom-bundesgrenzschutzverband-zur-deutschen-polizeigewerk\u00adschaft-bundespolizeigewerkschaft.html\">https:\/\/www.veko-online.de\/archiv-aus\u00adgabe-05-2014\/434-polizei-vom-bundesgrenzschutzverband-zur-deutschen-polizeigewerk\u00adschaft-bundespolizeigewerkschaft.html<\/a>)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ders.: Polizeigewerkschaften in der \u201eDeutschen Demokratischen Republik\u201c, Berlin 2016<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 2.10.2019<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 DGB: Hart erk\u00e4mpften Beamtenstatus sichern (Interview mit dem DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann), in: Deutsche Polizei 2020, H. 8, S. 26<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Polizei ist sehr machtvoll. Wir m\u00fcssen misstrauisch sein (Interview mit Rafael Behr), ZEIT-Online v. 20. 8. 2020<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Herrnkind, M.: Der Amnesty Polizeibericht 2010. Menschenrechtsrecherche und ihr Nutzen f\u00fcr die Polizeiforschung, in: Kriminologisches Journal 2011, H. 3, S. 213<\/h6>\n<h3><em>Beitragsbild: DPolG-Pressekonferenz von 2011 mit Eisbein (Screenshot <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DWFhkK5yylA\">YouTube<\/a>).<\/em><\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Malte Meyer Polizeigewerkschaften sind eine in der \u00d6ffentlichkeit stets pr\u00e4sente und einflussreiche Stimme, wenn<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":18783,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,128],"tags":[1109,1113,1121,1198],"class_list":["post-18764","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-cilip-124","tag-polizeigeschichte","tag-polizeigewerkschaften","tag-polizeikritik","tag-rechtspopulismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18764","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18764"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18764\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/18783"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18764"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18764"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}