{"id":19039,"date":"2021-04-10T12:58:30","date_gmt":"2021-04-10T12:58:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=19039"},"modified":"2021-04-10T12:58:30","modified_gmt":"2021-04-10T12:58:30","slug":"literatur-67","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=19039","title":{"rendered":"Literatur"},"content":{"rendered":"<h4>Zum Schwerpunkt<\/h4>\n<p>Radikale Kritik an der Polizei hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Die Black Lives Matter-Bewegung ist in Deutschland angekommen, sie stie\u00df auf Resonanz bei denjenigen, die das \u201eRacial Profiling\u201c seit langem kritisieren, die sich erinnern, dass die Polizei bei den NSU-Ermittlungen die Opfer wie T\u00e4ter behandelte, die die \u2013 zuf\u00e4llige \u2013 Aufdeckung rechtsextremer Netzwerke in den Sicherheitsapparaten als Indiz daf\u00fcr werten, dass die Polizeien in Deutschland nicht nur bei Sicherheitsproblemen gerufen werden, sondern selbst ein Sicherheitsproblem darstellen \u2013 und zwar unmittelbar f\u00fcr diejenigen Gruppen und Personen, die an die gesellschaftlichen R\u00e4nder gestellt werden, und mittelbar f\u00fcr Liberalit\u00e4t und die Geltung der Rechte von B\u00fcrger*innen.<!--more--><\/p>\n<p>Die Kritik an der Polizei hat unterschiedliche Reichweiten. Schon fr\u00fch hat die damalige CILIP-Redaktion sich mit der Frage besch\u00e4ftigt, worin und wie weit die Alternativen zur Polizei reichen. Die einfache Formel \u201eDefund the police\u201c, dass der Ausweg aus immer mehr Polizei darin bestehen k\u00f6nnte, der Polizei einfach das Budget zu k\u00fcrzen, findet sich in diesen Vorschl\u00e4gen nicht. Vielleicht war dieser Verzicht Realismus, vielleicht aber auch der Einsicht geschuldet, dass Aufgaben, Aufgabenzuschreibungen und Organisation der Polizei ge\u00e4ndert werden m\u00fcssten, damit eine b\u00fcrgerrechtlich orientierte Polizei entstehe. Insofern war der Horizont von CILIP st\u00e4rker auf die Vorstellung von einer \u201eanderen Polizei\u201c als von einer polizeifreien Gesellschaft gerichtet \u2013 wenngleich in der Problematisierung des staatlichen Gewaltmonopols mitschwang, dass bereits die Gewalthaftigkeit des Staates (und mithin der Polizei) das zentrale b\u00fcrgerrechtliche Problem darstellt. Zum Nachlesen:<\/p>\n<p><strong>CILIP-Redaktion:<\/strong> <em>Eine \u201ealternative\u201c Polizei? \u2013 Alternativen zur Polizei?, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 25 (H. 3\/1986), S. 5-25, https:\/\/archiv.cilip.de\/ Hefte\/CILIP_025.pdf<\/em><\/p>\n<p><strong>Busch, Heiner; Funk, Albrecht; Narr, Wolf-Dieter; Werkentin, Falco:<\/strong> <em>\u201eNicht dem Staate, sondern den B\u00fcrgern dienen\u201c. F\u00fcr eine b\u00fcrgernahe Polizei (Gutachten f\u00fcr die Alternative Liste Berlin), Berlin 1990<\/em><\/p>\n<p>Auch wenn diese Texte gepr\u00e4gt sind von der Bundesrepublik der 1980er Jahre und sie in machen Teile als Dokument der Zeitgeschichte gelten m\u00fcssen, zentrale Elemente bleiben nach wie vor aktuell, weil sie unerf\u00fcllter sind denn je: Dass das Recht den polizeilichen Datenhunger durch \u201eGrenzpfl\u00f6cke\u201c Einhalt gebieten, dass die Polizei ihren \u201ePr\u00e4ventionsanspruch\u201c aufgeben muss, dass \u201eEntpolizeilichung durch Entkriminalisierung\u201c b\u00fcrgerrechtlich geboten ist, dass Alltagskonflikte nicht durch die Polizei, sondern durch \u201esoziale Hilfseinrichtungen\u201c zu bear\u00adbeiten sind und dass eine \u201e\u00f6ffentliche Kontrolle\u201c der Polizei etabliert werden muss \u2013 alle diese Forderungen von 1986 bleiben auch 2021 auf der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Auf die j\u00fcngere Ver\u00f6ffentlichungen von Alex S. Vitale mit dem programmatischen Titel \u201eThe End of Policing\u201c (London, New York 2017) hat Volker Eick in CILIP 115 (S. 104f.) kritisch hingewiesen. Die aktuellere, durch \u201eBlack Lives Matter\u201c und \u201eDefund the Police\u201c forcierte internationale Debatte hat in Teilen der kritischen \u00d6ffentlichkeit in Deutschland, aber kaum in der polizei(wissenschaftlich)en \u00d6ffentlichkeit Resonanz gefunden. Die Kritik am \u201eRacial Profiling\u201c, die Forderungen nach unabh\u00e4ngigen Beschwerdestellen, die Kritik an weiteren rechtlichen Entgrenzungen (etwa der \u201edrohenden Gefahr\u201c) bilden den Horizont der Kritik. Selbst um die alten Entkriminalisierungsforderungen (Drogen, generell: \u201eDelikte\u201c unter Erwachsenen im Einverst\u00e4ndnis), die Vorschl\u00e4ge zu alternativen Regelungen (\u201eSchwarzfahren\u201c) oder Reaktionen (Ladendiebstahl) scheinen in Vergessenheit geraten. Ganz zu schweigen von den Diskussionen \u00fcber die Vorfeld- und Untergrundarbeit der Polizeien, \u00fcber ihre mangelnde sozialr\u00e4umliche Verankerung und Kontrolle etc. \u2013 zu viele Baustellen, dem Gewaltmonopol nicht allein die Gewalt zu nehmen, sondern auch das Monopol, alles regeln zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><strong>iz3w:<\/strong> <em>Stop it! Polizeigewalt. Informationszentrum 3. Welt Nr. 383 (M\u00e4rz\/April 2021, Schwerpunkt, S. 17-40), 6,\u2013 EUR (auch als Download erh\u00e4ltlich)<\/em><\/p>\n<p>Die j\u00fcngste Ausgabe der Zeitschrift des \u201eInformationszentrums 3. Welt\u201c widmet sich im Schwerpunkt der Polizei \u2013 wobei der Titel \u201ePolizeigewalt\u201c bereits den Ausgangspunkt der Betrachtungen, die Eric von D\u00f6mming in seinem einleitenden Beitrag entfaltet, deutlich macht: Ohne Gewalt, Drohung mit oder Anwendung von Gewalt gibt es keine Polizei. Dabei dr\u00fcckt die Aufforderung \u201eStop it!\u201c offenkundig der Minimalkonsens der Redaktion aus. Denn die acht Beitr\u00e4ge des Schwerpunktthemas liegen zwischen dem Dictum \u201enicht reformf\u00e4hig\u201c (ignite! Kollektiv) bis zu den Hinweisen von Ulrike Rainer \u00fcber den Rassismus in der US-amerika\u00adnischen Polizei, dass es auch in den USA aufrechte Polizist*innen gibt, die sich bem\u00fchen, \u201eohne rassistische Vorurteile die Menschen in ihrem Revier kennenzulernen. Sie \u2026 begegnen Misstrauen mit Offenheit und werden ihrer Aufgabe gerecht.\u201c<\/p>\n<p>In den L\u00e4nderberichten \u00fcber die Polizeien in Indien, Nigeria, einigen postsozialistischen Staaten und den USA wird insgesamt deutlich, wie unterschiedlich die Rolle der Polizeien in den nationalen Kontexten sind: Die indische Polizei ist weiterhin vom kolonialen Erbe bestimmt; sie ist weit von liberal-demokratischen Standards entfernt. Ansichts der Lage der Polizei in Nigeria \u2013 eingeklemmt zwischen dem Milit\u00e4r auf der einen und diversen Sicherheitsdiensten auf der anderen, liegt der Wunsch nach einer starken Polizei (als das kleinere \u00dcbel) fast auf der Hand. Wenn dann nicht die Lekt\u00fcre \u00fcber die Polizeiwillk\u00fcr in postsozialistischen Staaten das ungeheure Verbrechenspotenzial deutlicht machte, die mit der Instanz Polizei, der letzten Instanz im Staat, verbunden ist. In den Verfolgungserfahrungen der Menschen auf der Flucht zeigen sich diese Kontinuit\u00e4ten \u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg.<\/p>\n<p>Mit den Schilderungen aus anderen Kontinenten liefert das Heft zugleich Anregungen f\u00fcr n\u00f6tige Diskussionen. Denn deutlich wird: Die Polizei ist keine L\u00f6sung, aber in gewaltdurchwirkten Gesellschaften ist \u201ekeine Polizei\u201c auch keine L\u00f6sung.\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 (alle: Norbert P\u00fctter)<\/p>\n<p><strong>Feministische Alternativen zu Polizei<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wiesental, Ann<\/strong>: <em>Antisexistische Awareness \u2013 ein Handbuch, M\u00fcnster (Unrast-Verlag), 2017, 163 S., 12,80 EUR<\/em><\/p>\n<p><strong>RESPONS:<\/strong> <em>Was tun bei sexualisierter Gewalt? Handbuch f\u00fcr die transformative Arbeit mit gewaltaus\u00fcbenden Personen. M\u00fcnster (Unrast-Verlag), 2018, 197 S., 14,00 EUR<\/em><\/p>\n<p><strong>Torenz, Rona:<\/strong> <em>Ja hei\u00dft Ja? Feministische Debatten um einvernehmlichen Sex, Stuttgart (Schmetterling Verlag), 2019, 168 S., 13,80 EUR<\/em><\/p>\n<p><strong>Brazzell, Melanie (Hg.): <\/strong><em>Was macht uns wirklich sicher? Toolkit f\u00fcr Aktivist_innen, Berlin (Selbstverlag), Berlin 2017, www.transformativejustice.eu\/ wp-content\/uploads\/2017\/07\/toolkit-finished-1.pdf<\/em><\/p>\n<p><strong>DISSENS Podcast:<\/strong><em> Defund the Police: Eine Welt ohne Polizei \u2013 geht das? Ein Interview mit Melanie Brazzell und Vanessa Thompson. 2021, https:\/\/podcast. dissenspodcast.de\/111-defund<\/em><\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig werden konkrete Alternativen zum polizeilichen Polizieren oft anhand stark vergeschlechtlichter Gewalt erprobt und diskutiert. Denn viele gewaltt\u00e4tige Polizeikontakte von Menschen in prek\u00e4ren Lebenslagen lassen sich mittels sozialer Unterst\u00fctzung und De-kriminalisierung von Coping-Strategien hinsichtlich Armut, psychischen Belastungen oder Stigma begegnen. Konkret w\u00fcrde dies zum Beispiel bedeuten, dass sowohl Straf- und Ordnungsrecht bez\u00fcglich Stra\u00dfensexarbeit, Drogenkonsum oder rough sleeping abgeschafft w\u00fcrden, als auch soziale und ethno-nationale Ausschl\u00fcsse, die Menschen in prek\u00e4re Arbeit, S\u00fcchte oder Wohnungslosigkeit dr\u00e4ngen. Allerdings braucht es auch und gerade bei einem \u201eDefunding\u201c von Polizei gesellschaftliche Mechanismen, Konflikte und Gewalt zu verhindern oder zu bearbeiten. Dies artikulieren Aktivist*innen insbesondere in solchen Bereichen, wo Menschen von schwerer physischer und psychischer Gewalt betroffen sind und gesamtgesellschaftlich Schutz- statt St\u00e4rkediskurse dominieren \u2013 ergo eher hin\u00adsichtlich Vergewaltigung von Frauen als mann-m\u00e4nnlicher Messerstechereien.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich sexueller bzw. sexualisierter Gewalt haben in den USA insbesondere zwei Gruppen Alternativen zu Polizei und Strafrecht erprobt: Einerseits waren Schwarze cis und trans Frauen sowie Transgender, f\u00fcr die die Polizei aufgrund rassistisch und transfeindlich unterlegter Polizeipraktiken oft keine L\u00f6sung darstellt, zentral an der Entwicklung von Transformative Justice und Community Accountability beteiligt. Andererseits forderten insbesondere wei\u00dfe Mittelschichten an Colleges und Universit\u00e4ten, die sich L\u00f6sungen unterhalb der Beweisbarkeitsschwelle vor staatlichen Strafgerichten w\u00fcnschten, Praktiken der Beweislastumkehr mittels Affirmative Consent (dt.: \u201eZustimmungskonzept\u201c) und dazugeh\u00f6riger Campusgerichtsbarkeiten. Diese Konzepte wanderten \u2013 u. a. aufgrund verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringer Sprachbarrieren und der traditionellen Dominanz US-amerikanischer (Vergewaltigungs-) Diskurse \u2013 in die Praktiken deutschsprachiger links-feministischer Aktivist*innen ein. Verschiedene B\u00fccher und Internetbeitr\u00e4ge propagierten oder analysierten diesen Prozess. Dabei zeigen sich Ambivalenzen aufgrund der mangelnden kritischen Distanz aktivistischer Beitr\u00e4ge zum Gegenstand, der Adaption von Konzepten, die marginalisierten Communities entstammen, in wei\u00df-dominierten Mittelschichtskontexten und des liberalen US-Rechtediskurses.<\/p>\n<p>Gut gelingt die kritische Reflektion des Politiktransfers bei Rona Torenz. Die feministische Aktivistin und Sexualwissenschaftlerin zeigt in ihrem Buch \u201eJa hei\u00dft ja!\u201c sowohl die Notwendigkeit von Gewaltabbau als auch die Passf\u00e4higkeit neuer queerfeministischer Praktiken mit der \u201eneoliberalen Konsensmoral\u201c (Sigusch) auf. Entschieden weist sie die Konstruktion von (heterosexuellen) Frauen als passiv zur\u00fcck \u2013 und zwar auch in queerfeministischen Diskursen, die mit Blick auf das Zustimmungskonzept M\u00e4nner als jene, die nach Einverst\u00e4ndnis zu Sex fragen m\u00fcssen, und Frauen als Zu-Fragende, konstruieren. Entgegen dem liberalen Vertragsdenken von Affirmative Consent sei aus intersektionaler machtkritischer Perspektive auch die Co-Produktion von sexuellen Grauzonen und Gewalt durch weibliche Sozialisierung, mithin durch Frauen, zu ber\u00fccksichtigen. Dies gelte z. B. in Situationen, in denen hegemoniale Sexualnormen Frauen nahelegen, widerwillig \u201eJa\u201c zu sagen oder sich als sexuell aktiv und attraktiv zu pr\u00e4sentieren und identifizieren. Hinsichtlich der US-amerikanischen Wurzeln des Zustimmungskonzeptes problematisiert Torenz zudem die \u00fcberproportionale Betroffenheit Schwarzer und einkommens\u00e4rmerer M\u00e4nner von College-Sank\u00adtionen. Insgesamt kommen jedoch in der auf Subjektivierung fokussierten Analyse die Besch\u00e4ftigung mit materiellen Gewaltursachen (z. B. soziale K\u00fcrzungen, Wohnungsnot oder fehlende Arbeitsrechte) etwas kurz \u2013 dies ist schade, zumal diese in Zeiten der Neoliberalisierung zunehmen.<\/p>\n<p>Hoch differenziert diskutieren auch die in feministischen und anti-rassistischen Bewegungen aktiven Polizeiforscher*innen Vanessa Thompson und Melanie Brazzell im Podcast \u201eDefund the Police: Eine Welt ohne Polizei \u2013 geht das?\u201c die Forderung, der Polizei die Mittel zu k\u00fcrzen. Hier beharrt insbesondere Thompson aus materialistischer dekolonialer Perspektive auf den strukturellen Ursachen von Polizeigewalt, die auch strukturell anzugehen seien. Zwar seien auch einzelne Polizist\u00ad*innen rassistisch. Allerdings st\u00fctze die Polizei einen gegenderten, rassialisierten Kapitalismus. Reformen, die lediglich Beamt*innen schulen wollten (und damit sogar noch mehr Funding in die Polizei steckten) oder mehr \u201eDiversit\u00e4t\u201c, also z. B. mehr Frauen und Migrant*innen unter Polizeikr\u00e4ften anstrebten, griffen deshalb zu kurz. Vielmehr gelte es sys\u00adtematisch, den neoliberalen Ausbau des Sicherheitsstaats zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und zugleich soziale Gerechtigkeit und Demokratie auszubauen \u2013 ohne damit in romantisierender Weise zum patriarchalen fordistischen Wohlfahrtsstaat zur\u00fcckkehren zu wollen oder seine neoliberale, zunehmend repressive Transformation zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Entsprechend dieser Analysen erteilen beide Wissenschaftler*innen, die Soziale-Bewegungspraxen (selbst-)kritisch reflektieren, einem Strafrechtsfeminismus, der mit dem Sicherheitsstaat gemeinsame Sache macht, eine klare Absage. Brazzell pr\u00e4sentiert inspirierende Beispiele nicht-strafender feministischer Alternativen, die teils an materiellen Strukturen ansetzen: z. B. das Besetzen leerstehender Sozialwohnungen f\u00fcr Betroffene von Partner*innenschaftsgewalt, mit dem die britische Gruppe Sisters Uncut Gentrifizierungs- und Patriarchatskritik verband. Nicht zuf\u00e4llig wird die Sprache bei den Alternativen, die an der interpersonellen Ebene ansetzen \u2013 v. a. Transformative Justice \u2013, etwas neoliberaler. Die Rede ist von neuen \u201eskills\u201c, die Gewaltaus\u00fcbende \u201eerlernen\u201c, um \u201egesunde, zustimmende, funktionale Beziehungen\u201c aufzubauen \u2013 auf vorangegangene Analysen der Wissenschaftler*innen, dass auch \u201eT\u00e4ter*innen\u201c i. d. R. Gewalt erlebt haben und in gewaltt\u00e4tigen Strukturen steckten, geht dies nicht ein.<\/p>\n<p>In Ann Wiesentals Handbuch \u201eAntisexistische Awareness\u201c f\u00e4llt die kritische Einordnung von Linke-Szene-Konzepten \u2013 angesichts des rein aktivistischen Charakters des Buches wenig verwunderlich \u2013 hingegen marginal aus. \u201eDefinitionsmacht\u201c, also die Idee, dass Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, definieren, was passiert ist und keine potenziell retraumatisierenden Nachfragen gestellt werden d\u00fcrften, wird als umk\u00e4mpft dargestellt. Allerdings dient Wiesentals Diskussion der Kritiken am Konzept ausschlie\u00dflich seiner Rehabilitierung. Immer und immer wieder betont das Buch, dass W\u00fcnschen und Forderungen von Betroffenen nachzukommen sei, Unterst\u00fctzer*innen und der (cis-hetero-m\u00e4nnlich gedachte) T\u00e4ter die Perspektive anzuerkennen h\u00e4tten und sich Menschen, die Transformative Justice anb\u00f6ten, sich nicht von ihm einwickeln lassen d\u00fcrften. In der Forderung, Parteilichkeit und Definitions\u00admacht ins Zentrum von Awareness zu stellen, werden die differenzfeministischen Wurzeln des Buches deutlich. Denn die Konzepte werden an Subjektpositionierung gekoppelt. Frauen m\u00fcssen qua Geschlecht Definitionsmacht haben und parteilich behandelt werden \u2013 es sei denn T\u00e4ter seien z. B. zuvor rassistisch beleidigt worden, dann haben beide Konfliktparteien die Definitionsmacht. Verwobene Machtverh\u00e4ltnisse werden also durchaus mitgedacht. Durch die rein interpersonelle Betrachtung und Adressierung, ger\u00e4t Intersektionalit\u00e4t jedoch letztlich zum kaum l\u00f6sbaren Problem konkurrierender (Wahrheits-)Anspr\u00fcche, das nur prek\u00e4r durch mehr \u201eDiversit\u00e4t\u201c der Awareness- und Unterst\u00fctzer\u00ad*innengruppen gel\u00f6st werden kann.<\/p>\n<p>Im Buch der Gruppe RESPONS \u201eWas tun bei sexualisierter Gewalt?\u201c, das von den Ideen Brazzells und Wiesentals gespeist ist, vermischen sich die st\u00e4rker aus Schwarzen US-Kontexten stammende Kritik an den Bewegungspraxen wei\u00dfer Mittelschichtsfeminist*innen mit einer normativen Einforderung solcher Praxen. Transformative Justice wird mit den im wei\u00df-deutschen Kontext kultivierten Konzepten Definitionsmacht und Parteilichkeit sowie dem erst j\u00fcngst aus wei\u00dfen US-amerikanischen Institutionen transferierten Zustimmungskonzept aufgeladen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr das \u201eToolkit\u201c, in dem Brazzell verschiedene Aktivist*innen die Frage beantworten l\u00e4sst: \u201eWas macht uns wirklich sicher?\u201c. Kaum vermittelt stehen hier unterschiedliche Perspektiven ne\u00adbeneinander. So fordert etwa Daniel Loick f\u00fcr die Initiative f\u00fcr den R\u00fcckbau von Gef\u00e4ngnissen unter dem Titel \u201eNever call the Police\u201c Polizei- und Gef\u00e4ngnisabolitionismus (und bis zum Erreichen dieses Ziels eine Demokratisierung und rechtliche Kontrolle der Polizei).<\/p>\n<p>Demgegen\u00ad\u00fcber begr\u00fc\u00dft Ela Anders (\u00e4hnlich wie schon die Gruppe RESPONS in ihrem Buch) die rechtliche Umsetzung des \u201eNein-hei\u00dft-Nein\u201c-Grund\u00adsatzes mit der Sexualstrafrechtsreform von 2016. \u00dcber Alternativen zu Strafrecht schweigt sie dabei. Stattdessen argumentiert das \u201eToolkit\u201c umst\u00e4ndlich, warum Erweiterungen von Vergewaltigungstatbest\u00e4nden und die Kriminalisierung des Grapschens nur \u201eSchutzl\u00fcckenschlie\u00dfungen\u201c und keine \u201eStrafrechtsversch\u00e4rfungen\u201c seien. Statt systematisch Al\u00adternativen zu Strafe zu suchen und einzufordern, ger\u00e4t die vorangestellte Kritik am Strafrechtsfeminismus und der Rekurs auf die Praktiken Trans und Schwarzer Frauen zur Legitimierung aller m\u00f6glicher Forderungen, die wei\u00df-deutschen queerfeministischen Kontexten entspringen und z. T. selbst dort Vielen als \u00fcberholt gelten. Wie solche Vermischungen sich in Szene-Diskursen verselbstst\u00e4ndigen k\u00f6nnen, deutete sich k\u00fcrzlich in einem Artikel des Online-Portals \u201eBarrikade\u201c vom 23.3.2021 an. In dem Beitrag mit dem Titel \u201eInstrumentalisierung von Awareness-Konzepten f\u00fcr eine pers\u00f6nliche Agenda\u201c hie\u00df es pl\u00f6tzlich, Definitionsmacht sei von Schwarzen TINF (TransInterNichtBin\u00e4rFrauen)-Personen in den USA erarbeitet worden. Statt Politikans\u00e4tze, wie es in der Debatte um feministische Alternativen zu Polizei und Gef\u00e4ngnis verbreitet ist, mit Verweis auf ihren Ursprung z. B. in indigenen, Schwarzen oder Trans-Communities zu adeln, sollten k\u00fcnftige Publikationen die Einbettung international wandernder Konzepte sowohl in die Machtverh\u00e4ltnisse in Ursprungs- als auch im Transferkontexten genau analysieren.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0 (alle: Jenny K\u00fcnkel)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Schwerpunkt Radikale Kritik an der Polizei hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. 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