{"id":1914,"date":"2000-02-09T23:44:17","date_gmt":"2000-02-09T23:44:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=1914"},"modified":"2000-02-09T23:44:17","modified_gmt":"2000-02-09T23:44:17","slug":"literatur-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=1914","title":{"rendered":"Literatur"},"content":{"rendered":"<h4>Zum Schwerpunkt<\/h4>\n<p>Die Literatur zur &#8222;Kriminalisierung von Ausl\u00e4nderInnen&#8220; in Deutschland ist umfangreich &#8211; freilich handelt es sich dabei weitgehend um Elemente des Kriminalisierungsprozesses selbst und nicht um Beitr\u00e4ge \u00fcber diesen. &#8222;Kriminelle Ausl\u00e4nder&#8220; sind h\u00e4ufig Gegenstand der polizeilichen Publizistik. Die seit den 60er Jahren gef\u00fchrte Diskussion \u00fcber &#8222;Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t&#8220; ist seit Mitte der 80er um andere Themen erweitert worden, die im Kern als ein Ausl\u00e4nderproblem dargestellt werden: Das reicht von den Kampagnen gegen Rauschgift- und Organisierte Kriminalit\u00e4t bis zum angeblichen Sicherheitsverlust durch den Wegfall der westeurop\u00e4ischen Grenzkontrollen. Wer nach dem polizeilichen Kriminalisierungsdiskurs &#8211; und nach Hinweisen auf entsprechende Praktiken &#8211; sucht, der\/die wird in nahezu beliebigen Polizeiver\u00f6ffentlichungen mehr als f\u00fcndig werden. Im Folgenden kann nur auf einige wenige Publikationen hingewiesen werden.<!--more--><\/p>\n<p><b>Bundeskriminalamt (Hg.):<\/b> <i>Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t in der Bundesrepublik Deutschland (BKA-Vortragsreihe, Bd. 34), Wiesbaden 198<\/i>9<br \/>\n<b>Bundeskriminalamt (Hg.)<\/b>: <i>Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t in der Bundesrepublik Deutschland. Arbeitstagung des Bundeskriminalamtes Wiesbaden vom 18. bis 21. Oktober 1988 (Literaturdokumentation, Bd. 8), Wiesbaden 1988<\/i><br \/>\nDie anl\u00e4sslich der BKA-Jahrestagung von 1988 entstandene Bibliografie enth\u00e4lt Abstracts von 210 Ver\u00f6ffentlichungen aus dem polizeilichen, juristischen und kriminologischen Bereich, die zwischen 1978 und 1988 erschienen sind. Neben kriminologischen (und kritischen) Beitr\u00e4gen von B. Villmow und M. Walter enth\u00e4lt der Tagungsband den f\u00fcr das n\u00e4chste Jahrzehnt wegweisenden Dreiklang in der polizeilichen und politischen Diskussion: Bedrohungsszenarien werden gezeichnet (Organisierte Kriminalit\u00e4t, Rauschgift, Terrorismus), Forderungen nach verst\u00e4rkter internationaler Zusammenarbeit der Polizeien werden erhoben (Rechtshilfe, Interpol), und die Kooperation mit den Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden wird verlangt (Visa-Pflichten erweitern, Abschiebungen erleichtern).<\/p>\n<p><b>Mansel, J\u00fcrgen<\/b>: <i>Die Selektion innerhalb der Organe der Strafrechtspflege am Beispiel von jungen Deutschen, T\u00fcrken und Italienern. Eine empirische Untersuchung zur Kriminalisierung durch formelle Kontrollorgane, Frankfurt\/M., Bern, New York, Paris 1989<\/i><br \/>\nWas hinter der hohen registrierten Kriminalit\u00e4t der Nichtdeutschen steht, wird in dieser empirischen Untersuchung \u00fcber jugendliche Tatverd\u00e4chtige erhellt. Die hohen Fallzahlen ausl\u00e4ndischer Jugendlicher in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) werden nicht auf vermehrte Kriminalit\u00e4t in diesen Gruppen zur\u00fcckgef\u00fchrt, sondern auf die erh\u00f6hte Anzeigebereitschaft der deutschen Bev\u00f6lkerung und einen generalisierten Verdacht gegen\u00fcber Ausl\u00e4nderInnen.<\/p>\n<p><b>Gei\u00dfler, Rainer:<\/b> <i>Das gef\u00e4hrliche Ger\u00fccht von der hohen Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament 45. Jg., 1995, H. 35, S. 30-39<\/i><br \/>\nDas Geheimnis des hohen Ausl\u00e4nderanteils in der PKS wird in diesem Aufsatz entschl\u00fcsselt. Wer, so die Argumentation Gei\u00dflers, die Unterschiede zwischen Deutschen und Nichtdeutschen in sozio\u00f6konomischer und demografischer Hinsicht aus den PKS-Zahlen herausrechnet, der muss (\u00fcberrascht) feststellen, dass Ausl\u00e4nderInnen gesetzestreuer als Deutsche sind.<\/p>\n<p><b>Walter, Michael; Kubink, Michael:<\/b> <i>Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t &#8211; Ph\u00e4nomen oder Phantom der (Kriminal-)Politik?, in: Monatsschrift f\u00fcr Kriminologie und Strafrechtsreform (MSchrKrim) 76. Jg., 1993, H. 5, S. 306-317<\/i><br \/>\nNicht allein deren Ausma\u00df, sondern bereits der Begriff &#8222;Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t&#8220; wird in diesem Aufsatz in Frage gestellt. Kriminologisch sei die Kategorie &#8222;unvertretbar&#8220;. Ein direkter Zusammenhang zwischen Staatsangeh\u00f6rigkeit und Kriminalit\u00e4t sei weder plausibel noch nachgewiesen. In der Regel handele es sich um Scheinkorrelationen, weil ein Zusammenhang zur sozialen Lage, zum Wohnort, Alter oder Geschlecht besteht. Die Rede von der Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t f\u00fchre in die Irre. Dass dennoch hartn\u00e4ckig an einer sachlich unsinnigen Kategorie festgehalten wird, erkl\u00e4ren die Autoren mit dem Verweis auf die Interessen von Polizei und Politik: &#8222;Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t als Feindbild&#8220; legitimiere den Ausbau der Kontrollapparate und diene der &#8222;sozialen Entlastung&#8220; in Zeiten der wirtschaftlichen Krise.<\/p>\n<p><b>Stadler, Willi; Walser, Werner:<\/b> <i>Verzerrungsfaktoren und Interpretationsprobleme der PKS unter besonderer Ber\u00fccksichtigung ausl\u00e4ndischer Staatsangeh\u00f6riger (Texte &#8211; Schriftenreihe der Fachhochschule Villingen-Schwenningen, Nr. 22), Villingen-Schwenningen 1999<\/i><br \/>\nDie drei Teilstudien dieser Untersuchung best\u00e4tigen die Befunde \u00fcber die Benachteiligung von Ausl\u00e4nderInnen durch die Polizei. Der Vergleich zwischen PKS-Meldungen und den ihnen zugrunde liegenden Akten ergab, dass der polizeiliche &#8222;Kontrolldruck gegen\u00fcber Nichtdeutschen um 21% h\u00f6her liegt als bei Deutschen&#8220;. Die polizeiliche Praxis f\u00fchre zu einer &#8222;selektiven Aufhellung des Dunkelfeldes&#8220;, d.h. Nichtdeutsche werden eher von der Polizei erwischt als Deutsche. Die Untersuchung stellte auch verschiedene Praktiken der \u00dcbererfassung fest, die sich zu Lasten der Ausl\u00e4nderInnen auswirkten. &#8222;Damit wird deren ohnehin problematische S\u00fcndenbockrolle verst\u00e4rkt, und Vorurteile werden ungerechtfertigt und scheinbar best\u00e4tigt.&#8220;<\/p>\n<p><b>Weichert, Thilo:<\/b> <i>Kommentar zum Ausl\u00e4nderzentralregistergesetz, Neuwied 1998<\/i><br \/>\n\u00dcber den Umfang der staatlichen Registrierung und Kontrolle von Ausl\u00e4nderInnen sowie \u00fcber die Verwendung der gespeicherten Daten gibt dieser Kommentar Auskunft.<\/p>\n<p><b>Ahlheim, Klaus; Heger, Bardo:<\/b> <i>Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit. Handreichungen f\u00fcr die politische Bildung der Polizei, Schwalbach\/Ts. 1998 (Wochenschau Verlag), 377 S., DM 34,-<\/i><br \/>\nDem Abbau der Vorurteile innerhalb der Polizei gilt diese Ver\u00f6ffentlichung. Die &#8222;Handreichungen&#8220; stellen einen in f\u00fcnf Einheiten gegliederten Lehrplan dar, der mit Unterst\u00fctzung der Polizei-F\u00fchrungsakademie entstanden ist. Die Einheiten gelten der &#8222;Natur des Vorurteils&#8220;, dem Zusammenhang zwischen Einstellungen und Orientierungsmustern, Vorurteilen in der \u00d6ffentlichkeit und &#8222;in der Mitte der Gesellschaft&#8220; sowie den Auspr\u00e4gungen von &#8222;Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus ganz rechtsau\u00dfen&#8220;. Das Buch ist an alle adressiert, die in der polizeilichen Aus- und Fortbildung t\u00e4tig sind. Die einzelnen Module sind mit didaktischen Hinweisen, mit kopierf\u00e4higen Vorlagen, aktuellen Meldungen und Hintergrundtexten versehen. Wer diese Sammlungen durcharbeitet, wird erheblich mehr \u00fcber die Merkmale, die Ursachen, die Folgen und die Allgegenwart von Vorurteilen wissen. Trotz der gegenteiligen Ank\u00fcndigung bleiben die Einheiten jedoch sehr &#8222;kopflastig&#8220;. Rollenspiele und Kleingruppenarbeit dienen allein der kognitiven Wissensvermittlung. Selbst wenn die Inhalte des eigentlich lobenswerten Bandes massenhaft umgesetzt w\u00fcrden, blieben die Wirkungen eines solchen Ansatzes vermutlich eher bescheiden.<\/p>\n<p><b>Fricke, Gerhard; Engberding, Rainer O.M.; Holz, Claus-Peter u.a.:<\/b> <i>Politisch motivierte Straftaten II: Politisch motivierte Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t, Landesverrat und verwandte Straftaten (Lehr- und Studienbriefe Kriminologie, Nr. 11), Hilden 1995<\/i><br \/>\nDer erste Teil des Lehr- und Studienbriefes gilt der &#8222;politisch motivierten Ausl\u00e4nderkriminali\u00e4t&#8220;, wobei das &#8222;Kurdenproblem&#8220;, das &#8222;Pal\u00e4stinaproblem&#8220; und der &#8222;islamische Fundamentalismus&#8220; besonders hervorgehoben werden. Die Darstellung bettet Erkenntnisse \u00fcber Ausma\u00df, Taten und T\u00e4ter in allgemeine Betrachtungen \u00fcber Ausl\u00e4nder und Kriminalit\u00e4t ein. So wird auf der einen Seite nicht verschwiegen, dass 99% der Ausl\u00e4nderInnen in Deutschland die Gesetze einhalten, auf der anderen Seite findet sich auch der Merksatz &#8222;Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t verursacht Sch\u00e4den &#8211; nach au\u00dfen: Ansehensverlust, nach innen: Fremdenfeindlichkeit&#8220;. Mit anderen Worten: Die Ausl\u00e4nder sind schuld an den Anschl\u00e4gen, die auf sie ver\u00fcbt werden. Dementsprechend verwundert es nicht, dass in den wenigen Seiten \u00fcber Kurden und PKK die t\u00fcrkische Kurdenpolitik, die immerhin die Ursache f\u00fcr das westeurop\u00e4ische &#8222;Kurdenproblem&#8220; ist, verschwiegen wird. Statt dessen zitiert man das t\u00fcrkische Innenministerium mit Angaben \u00fcber die Opfer der PKK-Anschl\u00e4ge.<\/p>\n<p><b>Schultz, Eberhard:<\/b> <i>Zehn Jahre grenz\u00fcberschreitende Kurdenverfolgung, K\u00f6ln 1998<\/i><br \/>\nWie sich das &#8222;Kurdenproblem&#8220; in Deutschland f\u00fcr die Kurden darstellt, wird in dieser Ver\u00f6ffentlichung deutlich. Dargestellt wird die polizeiliche und strafrechtliche Verfolgung der PKK von Mitte der 80er bis zum Ende der 90er Jahre: der D\u00fcsseldorfer PKK-Prozess und sp\u00e4tere \u00a7 129a-Verfahren, das PKK-Verbot, das Abschiebeabkommen mit der T\u00fcrkei, die Zusammenarbeit t\u00fcrkischer und deutscher Geheimdienste. Der Band enth\u00e4lt au\u00dferdem einige kleinere Beitr\u00e4ge, so eine W\u00fcrdigung des Halin-Dener-Prozesses von Rolf G\u00f6ssner und eine Chronologie der Proteste, polizeilichen Ma\u00dfnahmen und politischen Initiativen, die auf das PKK-Verbot folgten.<\/p>\n<h4>Sonstige Neuerscheinungen<\/h4>\n<p><b>Lorei, Clemens:<\/b> <i>Der Schu\u00dfwaffeneinsatz bei der Polizei. Eine empirisch-psychologische Analyse, Berlin 1999 (Wissenschaftlicher Verlag Berlin), 355 S., DM 68,-<\/i><br \/>\nDer Schusswaffengebrauch ist die extremste Form polizeilicher Gewaltanwendung. Die Bedingungen, unter denen PolizistInnen schie\u00dfen, detailliert zu analysieren, bedarf deshalb keiner Begr\u00fcndung. Die vorliegende Untersuchung unternimmt eine solche Analyse auf zwei Wegen. Der erste (theoretische) Teil widmet sich den Bedingungen des Schusswaffeneinsatzes aus psychologischer Sicht; im zweiten Teil wird eine empirische Untersuchung an Polizeisch\u00fclerInnen vorgestellt. Weite Strecken des Textes gelten der Diskussion psychologischer Theorien sowie der Darstellung verschiedener Messinventare und -ergebnisse. Diese Passagen sind f\u00fcr den Nichtpsychologen nur schwer verst\u00e4ndlich. Auch in der Beschreibung eher schlichter Vorg\u00e4nge bem\u00fcht der Autor eine nicht immer leserInnenfreundliche Sprache (z.B. &#8222;Die Reversibilit\u00e4t des Phasen\u00fcbergangs ist phasen\u00fcbergreifend&#8220;, S. 37). Trotz dieser Schwierigkeiten handelt es sich bereits deshalb um eine interessante Ver\u00f6ffentlichung, weil der Kontext des Untersuchungsgegenstandes umfassend vorgestellt wird: etwa Zahlen zum Ausma\u00df des Schusswaffengebrauchs, dessen Regulierung durch Gesetze und Dienstvorschriften, Details der Polizeiausbildung (am Beispiel Hessens). Ob die Polizeiwaffe in einer Situation gebraucht wird, h\u00e4ngt nach der Analyse des Autors von 61 internen und externen Faktoren ab, die von der Helligkeit des Ortes bis zu &#8222;metakognitiven F\u00e4higkeiten&#8220; des Polizisten\/der Polizistin reichen (S. 48). Durch die Komplexit\u00e4t des Gegenstandes sieht Lorei sich zu einem erheblichen kategorialen Aufwand gezwungen. Die Befunde, die er pr\u00e4sentiert, k\u00f6nnen dieses Niveau leider nicht halten. In seiner empirischen Untersuchung (an Polizeisch\u00fclerInnen in Wiesbaden) konnte er keine Einstellungsver\u00e4nderungen w\u00e4hrend der Ausbildung feststellen. Und die Empfehlungen f\u00fcr die Schie\u00dfausbildung (S. 319f.) &#8211; etwa f\u00e4higkeits- und regelbasiertes Verhalten gegen\u00fcber wissensbasiertem zu verst\u00e4rken &#8211; nimmt der Autor dadurch zur\u00fcck, dass er ausdr\u00fccklich vor unmittelbaren praktischen Konsequenzen aus seiner Arbeit warnt (S. 71, 91, 319). P.S.: Wer sich f\u00fcr den polizeilichen Schusswaffeneinsatz interessiert, sei auf die Homepage des Autors verwiesen: <a href=\"http:\/\/www.schusswaffeneinsatz.de\">http:\/\/www.schusswaffeneinsatz.de<\/a><\/p>\n<p><b>Lampe, Klaus von:<\/b> <i>Organized Crime. Begriff und Theorie organisierter Kriminalit\u00e4t in den USA, Bern, Berlin, Frankfurt\/M. u.a. 1999 (Peter Lang Verlag), 391 S., DM 118,-<\/i><br \/>\n&#8222;Organized crime&#8220; ist ein urspr\u00fcnglich US-amerikanisches Ph\u00e4nomen. Das gilt sowohl f\u00fcr das mit dem Begriff verbundene Konzept von Kriminalit\u00e4t wie f\u00fcr die Realit\u00e4t, die durch den Begriff erfasst werden soll. In Deutschland dienen die Verweise auf die USA regelm\u00e4\u00dfig als Argumente f\u00fcr die Gef\u00e4hrlichkeit Organisierter Kriminalit\u00e4t. Insofern war eine Arbeit l\u00e4ngst f\u00e4llig, die auch f\u00fcr ein deutschsprachiges Publikum die Bedeutung von &#8222;organized crime&#8220; im amerikanischen Kontext aufarbeitet. Mit der Arbeit von Klaus von Lampe ist diese L\u00fccke geschlossen worden: Dabei verfolgt der Autor ein dreifaches Ziel: Er will den Bedeutungsgehalt von &#8222;organized crime&#8220; kl\u00e4ren, will das Verh\u00e4ltnis zwischen Verbrechensbegriff und -realit\u00e4t kl\u00e4ren, und er will ein allgemeines Modell von &#8222;organized crime&#8220; entwickeln. Am \u00fcberzeugendsten ger\u00e4t v. Lampe der \u00dcberblick \u00fcber die Begriffsgeschichte, die in den Kontext gesellschaftlicher und politischer Wandlungen gestellt wird. Auch die amerikanische &#8222;organized crime&#8220;-Forschung wird \u00fcbersichtlich und gut systematisiert dargestellt. Je mehr sich die Arbeit jedoch von Begriff und Forschung der Realit\u00e4t n\u00e4hert, desto geringer wird die \u00dcberzeugungskraft der Argumentation. In der zweiten H\u00e4lfte des Buches werden die einzelnen Merkmale von &#8222;organized crime&#8220; auf der Ebene der Personen, der Organisationsformen und der gesellschaftlichen Bedeutung diskutiert. Dabei bleibt \u00fcber weite Strecken offen, inwiefern es sich um Realit\u00e4tsbeschreibungen oder um die Entfaltung eines analytischen Instrumentariums handelt. Eindeutig die zweite Alternative wird im letzten Kapitel beschritten. Hier wird ein aus 22 unabh\u00e4ngigen Variablen bestehendes Modell vorgestellt, mit dessen Hilfe &#8222;organized crime&#8220; genauer bestimmt werden soll. Der Autor bezeichnet dies selbst als einen &#8222;lockeren Orientierungsrahmen&#8220;, in dem eine Vielzahl ungesicherter Aussagen \u00fcber die &#8222;Wirklichkeit&#8220; zusammengef\u00fcgt seien. Angesichts der Vielzahl der Variablen, der fast unersch\u00f6pflichen und zumeist empirisch ungekl\u00e4rten Zusammenh\u00e4nge verwundert es, dass v. Lampe \u00fcberhaupt am &#8222;organized crime&#8220;-Konzept festh\u00e4lt. Denn (auch) die amerikanische Geschichte zeigt: &#8222;organized crime&#8220; ist ein diffuser Begriff, der sehr unterschiedliche Ph\u00e4nomene beschreiben soll und sich gerade deshalb f\u00fcr politische Kampagnen vorz\u00fcglich eignet.<br \/>\n(s\u00e4mtlich: Norbert P\u00fctter)<\/p>\n<p><b>Dietrich, Helmut; Gl\u00f6de, Harald:<\/b> <i>Kosovo. Der Krieg gegen die Fl\u00fcchtlinge (Forschungsgesellschaft Flucht und Migration, Heft 7), Berlin 2000 (Verlag Libert\u00e4re Assoziation VLA), 144 S., DM 16,-<\/i><br \/>\nDie Folgen der fl\u00fcchtlingsfeindlichen Politik Westeuropas anzuprangern, geh\u00f6rt seit f\u00fcnf Jahren zu dem erkl\u00e4rten Ziel der Forschungsgesellschaft Flucht und Migration (FFM). In dem neuesten, seit Februar dieses Jahres vorliegenden Band aus der Reihe &#8222;Gegen die Festung Europa&#8220; werden Motive, Hintergr\u00fcnde und Folgen des Kosovo-Krieges vorgestellt und aus menschenrechtlicher Perspektive analysiert. Dabei ist besonders erw\u00e4hnenswert, dass der zentrale Text der Sammlung &#8211; &#8222;Fl\u00fcchtlingspolitik im Krieg&#8220; &#8211; bereits kurz nach dem Angriff der NATO entstand; zu einem Zeitpunkt, der vom \u00f6ffentlich-medialen &#8222;Wissenskollaps&#8220; gepr\u00e4gt war. Doch genau darum ging und geht es den Autoren: unter den &#8222;prek\u00e4ren Bedingungen&#8220; verschleierter Informationen \u00fcber die Interessen der europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingspolitik zu informieren, um auch zuk\u00fcnftig argumentieren und handeln zu k\u00f6nnen<br \/>\nF\u00fcr den vorliegenden Band wurde der urspr\u00fcngliche Kerntext erweitert: mit einem Kapitel &#8222;Nach dem Krieg &#8211; September 1999&#8220; sowie einem dokumentarischen Anhang. So wird nicht nur die aktuelle Situation im Kosovo, sondern vor allem auch die langfristige europ\u00e4ische Strategie analysiert, Fl\u00fcchtlinge aus Westeuropa fernzuhalten: Mit der propagierten &#8222;Hilfe vor Ort&#8220;, die in konzertierter Aktion gemeinsam mit den Nichtregierungsorganisationen &#8222;Displaced Persons&#8220; in den grenznahen Lagern in Mazedonien oder Albanien zusammenpferchte. Oder mit dem Beschluss der Innenministerkonferenz, ab Juni 1999 eingereisten kosovarischen Fl\u00fcchtlingen anstatt der Duldung nur eine formlose Bescheinigung auszuh\u00e4ndigen. Die anschlie\u00dfende Analyse der gegenw\u00e4rtigen Situation f\u00e4llt ebenso d\u00fcster aus wie der Ausblick auf k\u00fcnftige Politik: Nicht nur an den Au\u00dfengrenzen Europas, sondern auch in der Innenpolitik wird die Kriminalisierung &#8222;illegaler&#8220; MigrantInnen weitergehen. Europa wird nicht in die soziale Entwicklung auf dem Balkan investieren, sondern weiterhin &#8222;anhand von ph\u00e4notypischen Kriterien wie Hautpigmentierung, Kleidung u.a. die Fl\u00fcchtlingsabschottung als sozialrassistisches Projekt ins Innere&#8220; verlagern (S. 60).<br \/>\nNachdem die postulierte moralische Verantwortung und das mediale Interesse am Kosovo &#8211; und vor allem an den Kriegsfolgen &#8211; nahezu erloschen ist, kommt das kleine Buch zur rechten Zeit. Diverse Glossare erl\u00e4utern knapp und b\u00fcndig die Funktionen von Gremien und Beh\u00f6rden in Deutschland und Europa. So bietet der Band nicht nur \u00dcberblick und \u00fcbersichtliche Informationen, sondern liefert gegen\u00fcber der klandestin verhandelten Fl\u00fcchtlingspolitik Europas pr\u00e4zise Argumente.<\/p>\n<p><b>Bendit, Ren\u00e9; Erler, Wolfgang; Niborg, Sima; Sch\u00e4fer, Heiner (Hg.):<\/b> <i>Kinder- und Jugendkriminalit\u00e4t. Strategien der Pr\u00e4vention und Intervention in Deutschland und den Niederlanden, Opladen 2000 (Leske+Budrich), 370 S., DM 48,-<\/i><br \/>\n50 Beitr\u00e4ge auf gerade einmal 370 Seiten: ein solcher Schnitt l\u00e4sst sich nicht so leicht \u00fcbertreffen. Doch Vielfalt und K\u00fcrze sind hier Programm. Schlie\u00dflich wollten die Herausgeber &#8211; MitarbeiterInnen des Deutschen Jugendinstituts und des Verwey-Jonker-Instituut in Utrecht &#8211; nichts geringeres, als &#8222;das Wissen um den Zusammenhang zwischen den Straftaten von Kindern und Jugendlichen und deren immer schwierigeren allt\u00e4glichen Lebensbedingungen&#8220; (S. 11) aus beiden L\u00e4ndern zusammentragen. Dazu werden nicht nur theoretische Positionen, sondern auch sehr viel Praxiserfahrungen vorgestellt.<br \/>\nSpannend, weil quer zum Zeitgeist, ist hier vor allem die Diskussion &#8222;Empowerment statt Ausgrenzung&#8220;. Als Empowerment werden verschiedene Strategien der Sozialarbeit bezeichnet, in der das &#8222;Vertrauen in die F\u00e4higkeiten eines jeden&#8220; (S. 263.) im Vordergrund steht. Doch was bedeutet &#8222;normative Enthaltsamkeit der HelferInnen&#8220; in Bezug auf straff\u00e4lliges Verhalten, wie weit geht das &#8222;Recht auf Anders-Sein&#8220;? Hier werden Eindr\u00fccke gegeben: aus dem Projekt &#8222;Nieeuwe Perspectieven&#8220; in Amsterdam, in dem SozialarbeiterInnen verschiedenster Ethnien zusammenarbeiten; oder aus dem Landkreis Dachau, wo soziale Arbeit als Vermittlung zwischen Jugendlichen und \u00d6ffentlichkeit oder Politik fungiert. Weitere Kapitel widmen sich pr\u00e4ventiven Projekten, der Jugendhilfeplanung, dem Umgang mit Straff\u00e4lligen und Alternativen zum Strafrecht. So wird etwa von den bezirklichen &#8222;Halt-B\u00fcros&#8220; in den Niederlanden berichtet, die Jugendlichen die Gelegenheit zur Wiedergutmachung geben, ohne dass die Staatsanwaltschaft eingeschaltet wird.<br \/>\nObwohl die K\u00fcrze-Vielfalt-Programmatik dieses Bandes auch ihre Kehrseite hat (genauere Analysen der Projekte fehlen), so zeigt er doch einen Horizont der M\u00f6glichkeiten, mit delinquentem Verhalten jenseits repressiver Ma\u00dfnahmen umzugehen.<br \/>\n(beide: Christine Hohmeyer)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Schwerpunkt Die Literatur zur &#8222;Kriminalisierung von Ausl\u00e4nderInnen&#8220; in Deutschland ist umfangreich &#8211; freilich handelt<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[71,148],"tags":[],"class_list":["post-1914","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cilip-065","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1914","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1914"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1914\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1914"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1914"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1914"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}