{"id":19166,"date":"2018-06-15T19:54:27","date_gmt":"2018-06-15T19:54:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=19166"},"modified":"2018-06-15T19:54:27","modified_gmt":"2018-06-15T19:54:27","slug":"nicht-wirklich-smart-die-stadt-als-daten-oelfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=19166","title":{"rendered":"Nicht wirklich \u201esmart\u201c:\u00a0Die Stadt als Daten-\u00d6lfeld"},"content":{"rendered":"<p>von Nils Erik Flick<\/p>\n<p><strong>Ein aktueller Trend stadtpolitischer Debatten ist die \u201eSmart City\u201c, in der eine umfassende Sensorik f\u00fcr effektive Steuerung von Verkehr und Ressourcen sorgen soll. Vermehrt tauchen in diesem Zusammenhang auch Ideen auf, wie die \u201esmart city\u201c zugleich auch eine \u201esecure city\u201c sein kann. Vernetzte Video\u00fcberwachung und predictive policing sind hierf\u00fcr zwei Schlagworte, die zugleich alte Visionen von \u00dcberwachung und Kontrolle wiederbeleben.<\/strong><\/p>\n<p>Was steckt hinter dem Modebegriff \u201eSmart City\u201c? Die deutschsprachige Wikipedia scheitert wortreich am Versuch einer Definition: \u201eEffizienz\u201c, \u201eNachhaltigkeit\u201c, \u201eKonzepte des Teilens\u201c geh\u00f6ren ebenso dazu wie \u201eB\u00fcrgerbeteiligung bei Gro\u00dfbauprojekten\u201c: Es sind allgemeine Ziele ohne Bezug zur Digitalisierung, die ebenso gut aus einer Stadtmarketing-Brosch\u00fcre stammen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Wesentlich interessanter ist dieser Satz: \u201eDie gesamte st\u00e4dtische Umgebung ist dabei mit Sensoren versehen, die s\u00e4mtliche erfassten Daten in der Cloud verf\u00fcgbar machen. So entsteht eine permanente Interaktion zwischen Stadtbewohnern und der sie umgebenden Technologie. Die Stadtbewohner werden so Teil der technischen Infrastruktur einer Stadt.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Der missgl\u00fcckte Definitionsversuch zeigt einerseits, dass man unter diesem \u201eSammelbegriff f\u00fcr gesamtheitliche Entwicklungskonzepte\u201c alles und nichts verstehen kann. Andererseits legt der letzte Satz nahe, dass die \u201eSmart City\u201c doch eine konkrete Eigenschaft hat \u2013 eine gef\u00e4hrliche, \u00fcbergriffige Seite. Die \u201eSmart City\u201c ist eine mikro-gemanagte Stadt mit dem Anspruch, in Echtzeit alles \u00fcber uns zu wissen und uns (teil-)automatischen Regelkreisen zu unterwerfen.<!--more--><\/p>\n<p>Wer will schon zu einem \u201eTeil der technischen Infrastruktur\u201c gemacht werden? Welche Akteure haben Interesse daran, dass s\u00e4mtliche Vorg\u00e4nge des t\u00e4glichen Lebens von Sensoren erfasst, zu Daten gemacht und \u201ein der Cloud\u201c abgelegt werden?<\/p>\n<h4>Protagonisten der \u201eSmart City\u201c<\/h4>\n<p>Die \u201eSmart City\u201c ist unmissverst\u00e4ndlich eine \u201evon oben\u201c aufgesetzte Vision. Die Initiative geht von Stadtverwaltungen, Politik und Industriekonsortien aus. Die Industrie-Player sind ausnahmslos Computer- und Netzwerktechnikunternehmen, die spezifische Konzepte und die Hardware dazu vermarkten. IBM (global, \u201eSmarter Cities\u201c, \u201eSmarter Planet\u201c, Pilotprojekt in Rio de Janeiro<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>), HP (viele indische St\u00e4dte), Cisco (\u201eSmart+Connected Communities\u201c, auch Indien), AT&amp;T (USA), sogar Microsoft (\u201eCityNext Technology Solutions\u201c) und Intel. In der \u201eersten Welt\u201c schlie\u00dft vor allem Alphabet (Google, Sidewalk Labs) Vertr\u00e4ge mit St\u00e4dten ab. Auch Huawei (Duisburg) und Samsung streben solche Kooperationen an. \u201eSmart City\u201c ist attraktiv f\u00fcr gro\u00dfe IT-Unternehmen und die Beraterbranche. Es geht um \u201e\u00f6ffentlich-private Partnerschaften\u201c und viel Geld. Die St\u00e4dte verf\u00fcgen dabei nicht mehr selbst \u00fcber die abgetretenen Infrastrukturen und Verwaltungsbereiche, jede Interaktion wird durch den Konzern gefiltert.<\/p>\n<p>\u201eSmart City\u201c-Anbieter versprechen \u201eSolutions\u201c. Welche Probleme wollen sie l\u00f6sen? Hier drei typische Beispiele. Erstens: Mobilit\u00e4t. Ein altes Stadtproblem, das mit U-Bahnen, Fahrr\u00e4dern etc. eigentlich gel\u00f6st ist und logisch betrachtet keiner Erfassung individualisierter Daten bedarf. Zweitens: Nachhaltigkeit. Das \u201eSmart Grid\u201c, ein Stromversorgungsnetzwerk, das minutengenau individuelle Tarife schaltet, scheint unabdingbar f\u00fcr eine richtige \u201eSmart City\u201c. Daf\u00fcr braucht es \u201eSmart Meter\u201c: programmierbare Stromz\u00e4hler, steuer- und auslesbar per Internet oder Funk. Die Einf\u00fchrung wurde vielerorts schon beschlossen, bevor \u201eSmart City\u201c zum Hype wurde. Man m\u00f6chte eine bew\u00e4hrte Technik durch etwas Neues ersetzen, ohne valide Gr\u00fcnde vorzulegen. Vorgetragen wird meist, die Umstellung auf \u201eerneuerbare\u201c Energien mit Schwankungen in der Produktion von Strom sei nur mit guter Steuerung in den Griff zu bekommen. Doch mit der neuen Technik wird die Preisberechnung nicht transparenter, der Nutzen ist fraglich, es entstehen Probleme bei Datenschutz und -sicherheit, die Technik als solche ist unsicher, wie bekannte Angriffsvektoren zeigen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Drittens: umfassende optische \u00dcberwachung. In Microsofts Vision werden Drohnen, Video\u00fcberwachungsanlagen, Body-worn- und Fahrzeugkameras vernetzt. Es wird als selbstverst\u00e4ndlich angenommen, dass Personen im \u00f6ffentlichen Raum permanent gefilmt und ausgewertet werden d\u00fcrfen, wenn es der vermeintlichen Sicherheit dienlich ist.<\/p>\n<p>Ein weiterer \u201eglobal player\u201c der \u201esafe city\u201c ist die auf die Nutzung von Geoinformationssystemen (GIS) spezialisierte US-amerikanische Firma esri. Sie beliefert zum Beispiel die Hamburger Polizei \u00fcber ihre software arcGIS mit georeferenzierten Daten, die dort im Lagezentrum zusammenlaufen. Aufnahmen von Satelliten, Drohnen, Hubschraubern, Videokameras, Daten der Verkehrs\u00fcberwachung, GPS-Daten der von PolizistInnen getragenen messenger-Ger\u00e4te, georeferenzierte Daten aus sozialen Netzwerken (jede twitter-Nachricht enth\u00e4lt beispielsweise ein solches Datenpaket) werden auf einem Portal zusammengef\u00fchrt und geben dem\/der EinsatzleiterIn einen \u00dcberblick \u00fcber Ereignisse und Bewegungen in der Stadt. Schneller und effizienter k\u00f6nnen Einsatzkr\u00e4fte dorthin verlegt werden, wo sie aus polizeitaktischer Sicht ben\u00f6tigt werden. Ziel ist die Verwirklichung des Traums der Polizeif\u00fchrer, \u201evor die Lage zu kommen\u201c \u2013 also immer schon dort zu sein, wo sich \u201eSt\u00f6rer\u201c und \u201eGef\u00e4hrder\u201c zusammenfinden k\u00f6nnten. Wie beim G20-Gipfel in Hamburg zu beobachten war, gelingt das noch nicht durchgehend.<\/p>\n<p>Laut Pressekurzmitteilungen wollen die Unternehmen den St\u00e4dten \u201ehelfen\u201c. Uneigenn\u00fctzige Hilfe durch Computerunternehmen? Die Beschw\u00f6rung von \u201eZukunft\u201c statt pragmatischer L\u00f6sungen f\u00fcr echte Probleme l\u00e4sst \u201eSmart Cities\u201c als Prestigeprojekte von geringem praktischen Nutzen erscheinen. Kosten-Nutzen-Sch\u00e4tzungen f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand sind kaum zu finden, Vertr\u00e4ge \u00fcber \u00f6ffentlich-private Partnerschaften sind nicht \u00f6ffentlich. Der Nutzen f\u00fcr die Unternehmen liegt auf der Hand: Sie k\u00f6nnen gro\u00dfe Massen von Daten gratis einsammeln und profitabel verwerten. St\u00e4dte und B\u00fcrgerInnen liefern die Daten, mit denen die Produkte erst so weit entwickelt werden k\u00f6nnen, dass sie n\u00fctzlich erscheinen. Zugleich werden nicht nur \u00f6ffentlich anfallende Daten, sondern auch die Infrastruktur privatisiert.<\/p>\n<p>Gerade die kleinen Effizienzsteigerungen im Alltag \u2013 z.B. Echtzeitinformationen zu Verkehrssituationen \u2013 lie\u00dfen sich viel besser durch kleine, dezentrale Projekte verwirklichen. Die Vorteile von Infrastruktur, die durch freiwillige Initiativen oder durch die Stadt selbst getragen wird, liegen auf der Hand: Sie gehen Probleme an, die Menschen tats\u00e4chlich haben. Ihre Funktionsweise ist demokratisch und diskutierbar: freie, quelloffene Systeme ohne Gesch\u00e4ftsgeheimnisse, transparente Entscheidungsfindung ohne Zwang zur Profitmaximierung, aber mit \u00f6ffentlicher Haushaltskontrolle. Sie sind sogar zuverl\u00e4ssiger: weniger Abh\u00e4ngigkeit von den Pl\u00e4nen eines zentralen Betreibers, von Machtinteressen oder den Launen des Marktes.<\/p>\n<h4>Vernetzte Infrastruktur als Risiko<\/h4>\n<p>Die \u201eSmart City\u201c-Idee, (nur) eine vernetzte, elektronische Infrastruktur k\u00f6nne sicher sein, ist fragw\u00fcrdig. Heutige Hard- und Software wird selten mathematisch verifiziert, meist kommt sie unreif auf den Markt. Eklatante Fehler im Protokolldesign sind eher die Regel als die Ausnahme. Ein aktuelles, relativ harmloses Beispiel: die v\u00f6llige Missachtung von Security- (und Privacy-) Best Practices in den Standards f\u00fcr E-Tank\u00adstellen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Noch riskanter sind Sicherheitsl\u00fccken in vernetzten Autos.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Ist die Technik also nicht in den Grundlagen zu wenig beherrscht, als dass selbstfahrende, jederzeit geortete und miteinander vernetzte Autos schon einen Sinn h\u00e4tten?<\/p>\n<p>Sicherheit (\u201esecurity\u201c) gegen Angriffe \u00fcber das Netzwerk ist in einem cyber-physischen System eine notwendige Bedingung f\u00fcr Betriebssicherheit (\u201esafety\u201c). Die Vorstellung, Geheimhaltung w\u00fcrde die Sicherheit der verbauten Ger\u00e4te f\u00f6rdern, h\u00e4lt sich leider hartn\u00e4ckig. In Wahrheit werden Angriffe einfacher und leichter automatisierbar, solange die L\u00fccke nicht \u00f6ffentlich bekannt ist. Nur durch das Mitwirken einer kritischen \u00d6ffentlichkeit k\u00f6nnen Sicherheitsl\u00fccken gestopft und Hersteller gezwungen werden, best practices einzuhalten.<\/p>\n<p>Damit nicht genug: Unsicherheit ist politisch gewollt, der Bundesinnenminister der letzten GroKo, Thomas de Maizi\u00e8re, forderte einen Generalschl\u00fcssel f\u00fcr Alarmanlagen, um besser unbemerkt Wanzen in Autos und Wohnungen bauen zu k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Mit ZITiS wurde eigens eine Stelle geschaffen, die im Verbund mit weiteren Beh\u00f6rden Schwachstellen in informationstechnischen Systemen suchen und f\u00fcr \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen nutzbar machen soll.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Solange das Cyberwar-Spiel nicht unterbleibt,<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> ist die \u201eSmart City\u201c eine tickende Bombe. Politisch ist es leider auch gewollt, dass wir auf keinen Fall selbstbestimmt \u00fcber unsere Ger\u00e4te verf\u00fcgen sollen. So gibt es zwar offene, ehrenamtliche Gruppen, die Netzwerkrouter zur freien Vernetzung von St\u00e4dten einsetzen.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Dieselben politischen Kr\u00e4fte, die fl\u00e4chendeckende Einf\u00fchrung fremdbestimmt vernetzter Tech\u00adnik f\u00f6rdern, behindern dies aber mit Nachdruck.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> In den verordneten Monokulturen k\u00f6nnen St\u00f6rungen wie Mirai (jene Nutzung des \u201eInternet of Things\u201c als Botnet, die versehentlich auch Telekom-DSL-Rou\u00adter lahmlegte<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>) sich unkontrolliert ausbreiten. Wenn man keinen verantwortungsvolleren Digitalisierungskurs einschl\u00e4gt, wird das immer mehr Bereiche betreffen.<\/p>\n<p>Wer sich den Traum totaler Vernetzung nach Hause holen will, kann sich eine \u201eAmazon Echo\u201c-Wanze aufstellen und Herdplatten daran anschlie\u00dfen. Wer das gruselig findet, wird in der Smart City wom\u00f6glich dazu gezwungen. Durch aufgezwungene Interaktionen (heute recht unbeholfen mit strategisch aufgestellten Werbetafeln und \u00dcberwachungskameras, beides mittlerweile auch kombiniert,<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> morgen vielleicht mit \u201eintelligenten Gehwegen\u201c, \u201eintelligenten Wohnungen\u201c, Polizeidrohnen und \u201ereal-life social bots\u201c) ger\u00e4t das Leben in der Stadt zum Spie\u00dfrutenlauf und wird deutlich unsicherer, verlangt entweder eine permanente Wachsamkeit gegen\u00fcber den Einwirkversuchen oder eine Kapitulation.<\/p>\n<h4>Sicherheit aus dem Elektronenhirn<\/h4>\n<p>Wenn man die schwerwiegenden Bedenken unabh\u00e4ngiger ExpertInnen locker vom Tisch wischt (\u201eDigital first, Bedenken second\u201c war 2017 ein ernstgemeinter Wahlkampfspruch<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a>), \u00f6ffnet sich eine B\u00fcchse der Pandora. In der \u201eSmart City\u201c mit ihren digitalen Sensoren und Netzwerken wer\u00adden \u201eintelligente\u201c Lernverfahren viele Entscheidungen \u00fcber unser Leben treffen. Ohne ein grundlegendes Umdenken ist das unausweichlich, denn Daten sind tats\u00e4chlich so profitabel, wie die Hersteller behaupten. Die Gegenleistung geht nach \u201eoben\u201c: Wer Menschen digital erfasst, gewinnt Macht \u00fcber sie. Die latente Gefahr durch \u201eL\u00f6sungen\u201c zur Gesellschaftsverdatung ist unm\u00f6glich zu \u00fcbersch\u00e4tzen: Die Verwendung von Hollerith-Maschinen der DEHOMAG zur effizienten Durchf\u00fchrung des gr\u00f6\u00dften Verbrechens der Geschichte war der \u201eKonzernmutter\u201c IBM historischen Dokumenten nach bekannt gewesen.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Trotzdem verkauft IBM heute wieder \u201eL\u00f6sungen\u201c zur Gesellschaftsverdatung.<\/p>\n<p>Werden in der \u201eSmart City\u201c nur anonymisierte Daten erfasst? Nein: Deanonymisierung ist z.B. bei Standort- oder gar Videodaten leicht m\u00f6glich, au\u00dferdem soll auch die Verwaltung \u201esmart\u201c werden. Mehr Datenpunkte erlauben genauere statistische Aussagen, auch scheinbar irrelevante Daten verbessern die Ergebnisse von \u201eBig Data\u201c. Die Behauptung technisch unbewanderter VertreterInnen der Exekutive, dies sei gut f\u00fcr unsere \u201eSicherheit\u201c, muss verst\u00f6ren. Die Datenflut hilft m\u00f6glicherweise der Polizei, aber wahrscheinlich in einer unguten Weise: Einerseits drohen mit \u201ePredictive Policing\u201c die Geheimrezepte der Datensammler direkt \u00fcber unsere Schuld und Unschuld zu richten. Andererseits sind auch Si\u00adcher\u00adheitsbeamtInnen nicht gegen die Verlockung der Willk\u00fcr immun und schon gar nicht gegen den gottgleichen Nimbus der Computersysteme.<\/p>\n<p>Eine weitere Bl\u00fcte der Computergl\u00e4ubigkeit ist die Entwicklung selbst\u00e4ndig agierender Roboter. In Dubai sollen als Teil der \u201eSmart City\u201c bald Polizeiroboter unterwegs sein. Die Roboter sollen einen pers\u00f6nlichen Eindruck erwecken, obwohl man es weiterhin mit tumben Maschinen zu tun hat:<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> die \u201eCity\u201c will sich anbiedern. Das Program Eliza aus den 70er Jahren ist vielleicht manchen ein Begriff: Es ist ein relativ einfaches Programm, das einen Psychiater mimt und sich dabei aus einem kleinen Vorrat von S\u00e4tzen bedient. Gelegentlich \u00fcbernimmt es eine Nominalphrase aus dem Eingetippten und gibt S\u00e4tze wie \u201etell me more about X\u201c aus. Das gen\u00fcgt, um den Eindruck eines verst\u00e4ndnisvollen Dialogpartners zu erwecken, dem man intime Dinge erz\u00e4hlen kann. Joseph Weizenbaum, Autor des Programms, warnte vergeblich vor der Gefahr, Computern irrt\u00fcmlich Verst\u00e4ndnis zu unterstellen.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Etliche Firmen bieten \u201eL\u00f6sungen\u201c f\u00fcr die Intrusion Detection in Computernetzwerken an, mit automatischer Klassifikation. Alles, was aus der Reihe f\u00e4llt, wird als verd\u00e4chtig und als \u201eAngriff\u201c behandelt, auch wenn es v\u00f6llig harmlos oder erfolglos ist. Dadurch wird wiederum die Wahrnehmung der Relevanz des Systems aufgebauscht. In der \u201eSmart City\u201c er\u00f6ffnet sich f\u00fcr solche Systeme ein neues Anwendungsfeld: Autonom entscheidende Computersysteme werden auch f\u00fcr unsere \u201eSicherheit\u201c in der Stadt verantwortlich sein. Digitalisierung des Alltags f\u00fchrt zu einer Konvergenz dessen, was \u00dcberwacherInnen online und offline m\u00f6glich ist \u2013 weil es kein \u201eoffline\u201c gibt, wenn das Netz uns in allen Lebenslagen heimsucht: Daten sind Daten. Das ist ein entscheidender neuer Trend, den die \u201eSmart City\u201c bef\u00f6rdern wird, sehr zu Lasten unserer individuellen und kollektiven Sicherheit \u2013 aber als solche vermarktet.<\/p>\n<p>Die Kriterien f\u00fcr die Entscheidungen w\u00e4ren n\u00e4mlich im Nachhinein schwer nachzuvollziehen oder anzufechten. Jeder erfasste Mensch ist ein \u201epotentieller Gef\u00e4hrder\u201c \u2013 eine Kategorie, die viel Unsicherheit schafft. Auch eine unfaire Behandlung aufgrund von (unterstellter) Gruppenzugeh\u00f6rigkeit w\u00e4re kein Fehler des Systems, sondern immanent: Big-Data-(Pr\u00e4diktions-)Methoden fu\u00dfen auf blo\u00dfer Statistik und gem\u00e4\u00df der Daten-Rohstoff-Ideologie dienen alle Daten, derer man habhaft werden kann, als Input. Gruppenbezogene Diskriminierung liegt im Wesen selbstlernender Big-Data-Methoden, die auf eine Gesellschaft angewendet werden. Nachkorrigieren hilft nicht, denn der Kern von Big Data ist das Lernen und \u201eNutzbarmachen\u201c, nicht etwa das Verstehen existierender statistischer Zusammenh\u00e4nge. Kommt nun automatische R\u00fcckwirkung durch das System hinzu (etwa durch die Schaffung von Vor- und Nachteilen bei entsprechender Einstufung, z.B. als \u201eGef\u00e4hrder\u201c oder als \u201enicht kreditw\u00fcrdig\u201c), unterliegen gerade die nachteiligen F\u00e4lle (\u201eGef\u00e4hrder\u201c, \u201earm\u201c, \u201ekriminell\u201c, \u201erenitent\u201c, \u201enicht kreditw\u00fcrdig\u201c) einer ver\u00adst\u00e4r\u00adkenden R\u00fcckkopplung. Individuelle und soziale Probleme werden so noch verst\u00e4rkt, weil rein statistische Verfahren daf\u00fcr blind sind.<\/p>\n<h4>\u00dcberwachen, strafen und belohnen<\/h4>\n<p>\u201eAlles im Blick\u201c: \u00dcberwachung ist ein festes Merkmal der \u201eSmart City\u201c, zum Beispiel die Erfassung und Auswertung von Mobilfunk-Stand\u00adort\u00ad- und Videodaten. Mobilfunk-Standortdaten sind Teil der verfassungswidrigen Vorratsdatenspeicherung, auch werden sie zu Werbezwecken und auch zur Verkehrsoptimierung ausgewertet \u2013 informierte Zustimmung der Betroffenen Fehlanzeige. Dies verdeutlicht die betr\u00e4chtlichen Synergien zwischen \u00dcberwachungsstaat und Datenindustrie, die auch in der \u201eSmart City\u201c den Schulterschluss \u00fcben werden. Videodaten sind extrem sensibel, weil sich darauf Personen und sogar Gem\u00fctszust\u00e4nde erkennen lassen. Dennoch wird Video-Vorratsdaten\u00adspeicherung immer mehr zur Normalit\u00e4t, angeblich f\u00fcr die \u201eSicherheit\u201c.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Der Bev\u00f6lkerungsscan\u00adner am Berliner Bahnhof S\u00fcdkreuz, das \u201eVideo\u00fcberwachungsverbesserungsgesetz\u201c usf. sind der Einstieg in einen Spannerstaat, der sich nicht \u201enur\u201c zwischen die intime Telekommunikation Unschuldiger dr\u00e4ngt, sondern diese im t\u00e4glichen Leben erfasst, identifiziert, ana\u00adly\u00adsiert, be\u00adwer\u00adtet. Das Auftauchen derselben Technik (Standort- und Videodaten\u00aderfassung) in \u201eSmart City\u201c-Konzepten ist kein Zufall, sondern Teil desselben Trends.<\/p>\n<p>Zu ihrem vorgeblichen Zweck (der von \u201eGew\u00e4hrleistung eines besseren Service\u201c bis hin zur \u201eSicherheit\u201c im Sinne einer oberfl\u00e4chlichen Kriminalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung geht) sind diese Mittel untauglich. Es sind jedoch hervorragende Werkzeuge zur Kontrolle einer Bev\u00f6lkerung. F\u00fcr die Datenindustrie wiederum stellen sie eine M\u00f6glichkeit dar, \u201eL\u00f6sungen\u201c als Teil der Infrastruktur zu stellen. Die \u201eSmart City\u201c ist ein Experimentierfeld f\u00fcr Technopolicing: Der Ausbau zur Bestrafung nicht-kon\u00adfor\u00admen Verhaltens liegt aus Herrschaftssicht nahe. Dazu verf\u00fcgt die Smart City \u00fcber Lautsprecher, Polizeiroboter, Drohnen und menschliche Helferlein. Sie hat auch ein wachsendes Arsenal unerwarteter Wirk- und Druckmittel: T\u00fcren, die sich nicht mehr \u00f6ffnen, Fahrzeuge, die den Dienst verweigern, Versicherungspr\u00e4mien, die myste\u00adri\u00f6serweise ansteigen. Alles Folgen der nicht m\u00f6glichen Anonymisierung oder bewussten Personalisierung. Ohnmacht ist die Konsequenz, wenn alles vernetzt ist, hinterr\u00fccks Daten \u00fcber uns ausgetauscht werden, auf deren Basis automatisiert Entscheidungen \u00fcber uns fallen: Sicherheit wird ersetzt durch Ungewissheit. Belohnt wird, wer sich \u201erichtig\u201c verh\u00e4lt?<\/p>\n<p>Eine Anekdote aus China: Kennzeichenerfassung, Gesichtserkennung und Echtzeit-Datenverkn\u00fcpfung sind dort Gang und G\u00e4be. Statt \u201eSmart City\u201c lautet das Stichwort \u201eharmonische Gesellschaft\u201c. Die Mittel sind aber \u00e4hnliche: Mir wurde zugetragen, dass in Shanghai an Wohnblocks Kameras montiert sind, die Fahrzeuge erfassen. Beim Versuch, die Anlage kreativ mit Handyfotos von Kennzeichen zu f\u00fcttern, kam ein W\u00e4chter und verbot dies. Ohne menschliche Diener k\u00f6nnten die Systeme (bzw. ihre Betreiber) uns noch nicht beherrschen. Das Beispiel China zeigt auch, wie soziale Unsicherheit geschaffen wird, wie pre\u00adk\u00e4r die Lage der Einzelnen in einem solchen System ist und was es bedeutet, wenn Menschen unmittelbar zum Teil eines (sozio-)tech\u00adni\u00adschen Regelkreises gemacht werden: \u201eSocial shaming\u201c ist ein \u201eErziehungsmittel\u201c der chinesischen Rundum\u00fcberwachung. Wer nach Meinung der Maschinen eine Verkehrsregel missachtet, muss damit rechnen, mit Name und Gesicht auf einer Anzeigetafel zu erscheinen.<\/p>\n<p>Daten sind ein zweischneidiges Schwert. Auf der guten Seite gibt es Open Data und echte Community-getriebene Projekte wie \u201eFreifunk\u201c, offene Umweltsensornetzwerke, Datamining f\u00fcr transparentere Politik. Optimierungen f\u00fcrs t\u00e4gliche Leben: Parkplatz- oder Verkehrsmittelsuche k\u00f6nnen beispielsweise ebenso gut mit betreiberlosen, dezentralen \u201eApps\u201c funktionieren. \u201eSmart City\u201c-Betreiber verkaufen also viel Luft: Als echter \u201eMehrwert\u201c bleiben \u201eGovernance\u201c (also Zentralisierung), Privatisierung und \u00dcberwachung. Die \u201eSmart City\u201c-Visionen der gro\u00dfen Player ersch\u00f6pfen sich darin, das doppelschneidige Schwert der Daten gegen die Menschen zu richten. Eine neoliberale Vermarktung alles Stadtlebens und die Herstellung einer halb-privaten \u201eGovernance\u201c sind das Essentielle an der \u201eSmart City\u201c.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Smart_City\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Smart_City<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 New York Times online v. 4.3.2012<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Guardian.com v. 29.12.2016<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/media.ccc.de\/v\/34c3-9092-ladeinfrastruktur_fur_elektroautos_ausbau_statt_sicherheit\">https:\/\/media.ccc.de\/v\/34c3-9092-ladeinfrastruktur_fur_elektroautos_ausbau_statt_ sicherheit<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0<a href=\"http:\/\/%09www.wired.com\/2015\/07\/hackers-remotely-kill-jeep-highway\/\">\u00a0\u00a0 www.wired.com\/2015\/07\/hackers-remotely-kill-jeep-highway\/<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.rnd-news.de\/Exklusive-News\/Meldungen\/November-2017\/De-Maiziere-will-Ausspaehen-von-Privat-Autos-Computern-und-Smart-TVs-ermoeglichen\">Spiegel<\/a> online v. 1.12.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Burczyk, D.: Gro\u00dfes Gedr\u00e4nge: Zentren der Cyber-Security, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 114 (2017), S. 41 ff.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 siehe die Cyberpeace-Kampagne <a href=\"http:\/\/cyberpeace.fiff.de\/Kampagne\/WirFordern\">http:\/\/cyberpeace.fiff.de\/Kampagne\/WirFordern<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/freifunk.net\/worum-geht-es\/vision\/\">https:\/\/freifunk.net\/worum-geht-es\/vision\/<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> \u00a0 <a href=\"https:\/\/freifunk.net\/blog\/2017\/12\/das-problem-mit-der-eu-funkrichtlinie\/\">https:\/\/freifunk.net\/blog\/2017\/12\/das-problem-mit-der-eu-funkrichtlinie\/<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> \u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/krebsonsecurity.com\/2016\/10\/source-code-for-iot-botnet-mirai-released\/\">https:\/\/krebsonsecurity.com\/2016\/10\/source-code-for-iot-botnet-mirai-released\/<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> \u00a0 <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/gesichtsanalyse-haendler-testen-kunden-im-kassenbereich-a-1149763.html\">Spiegel-online<\/a> v. 29.5.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> \u00a0 <a href=\"https:\/\/blog.wdr.de\/digitalistan\/digital-first-bedenken-second\/\">https:\/\/blog.wdr.de\/digitalistan\/digital-first-bedenken-second\/<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> \u00a0 <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/books\/first\/b\/black-ibm.html\">www.nytimes.com\/books\/first\/b\/black-ibm.html<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> \u00a0 Sueddeutsche.de v. 6.8.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> \u00a0 <a href=\"http:\/\/www.edge.org\/conversation\/eliza-39s-world\">www.edge.org\/conversation\/eliza-39s-world<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> \u00a0 <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/digital\/datenschutz\/2013-04\/videoueberwachung-panopticon\">zeit<\/a> online v. 22.4.2013<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> \u00a0 <a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/publikation\/id\/38134\/die-smarte-stadt-neu-denken\/\">www.rosalux.de\/publikation\/id\/38134\/die-smarte-stadt-neu-denken\/<\/a><\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Nils Erik Flick Ein aktueller Trend stadtpolitischer Debatten ist die \u201eSmart City\u201c, in der<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,120],"tags":[1153,1163,1325,1453],"class_list":["post-19166","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-115","tag-predictive-policing","tag-protest-policing","tag-smart-city","tag-ueberwachung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19166","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19166"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19166\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19166"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19166"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19166"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}