{"id":19168,"date":"2018-05-15T19:57:43","date_gmt":"2018-05-15T19:57:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=19168"},"modified":"2018-05-15T19:57:43","modified_gmt":"2018-05-15T19:57:43","slug":"gefaehrliche-fussballfans-das-sicherheitsregime-im-frankfurter-stadion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=19168","title":{"rendered":"Gef\u00e4hrliche Fu\u00dfballfans:\u00a0Das Sicherheitsregime im Frankfurter Stadion"},"content":{"rendered":"<h3>von Anna Kern<\/h3>\n<p><strong>Mit der Kommerzialisierung des bundesdeutschen Fu\u00dfballs wurden ab Mitte der 1990er Jahre Auseinandersetzungen zwischen Fan-gruppen und der Einsatz von Pyrotechnik in Stadien zu einem sicherheitspolitischen Thema. Dabei ging es nicht nur um die Sicherheit gro\u00dfer Menschenmassen bei sportlichen Gro\u00dfevents, sondern vor allem um bestimmte Fangruppen, die als Bedrohung der \u00f6ffentlichen Ordnung wahrgenommen werden.<\/strong><\/p>\n<p>Zusammen mit der r\u00e4umlichen Spezifik und der breiten medialen Diskussion bietet die Sicherheitspraxis rund um den Fu\u00dfball ein ideales Feld f\u00fcr die sozialwissenschaftliche Analyse der Sicherheitsproduktion im Neoliberalismus. Die hier entwickelten Ma\u00dfnahmen erstrecken sich \u00fcber eine Vielzahl von AkteurInnen, Institutionen und Instrumenten und sind stark regionalspezifisch, weil sie auf die Fans als lokale Szene ausgerichtet sind. Im Folgenden liegt der Schwerpunkt auf der Frankfurter Fanszene und dem dortigen Akteursnetzwerk.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><!--more--><\/p>\n<p>Nachdem sich die AkteurInnen aus Politik, Polizei und den Fu\u00dfballvereinen bundesweit lange Zeit nicht \u00fcber die Verantwortlichkeiten f\u00fcr die durch Fans verursachten Betriebsst\u00f6rungen einigen konnten, ver\u00f6ffentlichte die Deutsche Fu\u00dfball Liga (DFL) 2012 ein Papier mit dem Titel \u201eSicheres Stadionerlebnis\u201c.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Dieses ist das Ergebnis des Drucks, den die Innenministerkonferenz nach diversen Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen aufgesetzt hatte. Sie hatte den privatwirtschaftlichen Fu\u00dfballclubs damit gedroht, dass sie sich an der Finanzierung der kostspieligen Eins\u00e4tze der Polizei beteiligen m\u00fcssten.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Das Papier erhebt einen umfassenden Regelungsanspruch. Es betrifft z.B. die Zust\u00e4ndigkeiten von Vereinen und verschiedenen Polizeibeh\u00f6rden sowie dar\u00fcber hinaus zu schaffenden Gremien, die Architektur der Stadien mitsamt unterschiedlichster M\u00f6glichkeiten der Einlasskontrollen und der visuellen \u00dcberwachung w\u00e4hrend der Spiele sowie Ma\u00dfnahmen bei Verst\u00f6\u00dfen gegen die Hausordnungen und geltende Gesetze. Es wurde von den politischen Verantwortlichen und den Vereinen als Meilenstein in der Polizierung des Feldes gewaltaffiner Fu\u00dfballfans pr\u00e4sentiert und von einigem Protest der Fans begleitet.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>In der regionalen Szene war die Stimmung der Fans dazu gelassen. Bereits im Kontext der Vorbereitung der Fu\u00dfballweltmeisterschaft der M\u00e4nner 2006 waren die meisten technischen \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen auf den neusten Stand gebracht worden. Und ein gro\u00dfer Teil der beschriebenen Ma\u00dfnahmen \u2013 etwa die M\u00f6glichkeit der Reduzierung von Kartenkontingenten oder Stadionverbote \u2013 z\u00e4hlten schon l\u00e4ngst zur g\u00e4ngigen Praxis der Vereine. Neue Ma\u00dfnahmen, wie z.B. eine Direktleitung der Polizei zu den Videoanlagen oder die computerbasierte Auswertung des Filmmaterials, h\u00e4tten aus der Perspektive der Vereine den polizeilichen Druck zwar weiter verst\u00e4rken k\u00f6nnen, l\u00e4ngerfristig w\u00fcrden polizeiliche Ma\u00dfnahmen aber weiterhin und trotz der technischen Neuerungen durch die f\u00f6derale Organisierung der Polizei in der BRD und die daraus folgenden Umsetzungsprobleme in einer bundesweit aktiven Fanszene strukturell begrenzt bleiben. Auch zu dem DFL-Papier wurden auf der lokalen Ebene zwischen Vereinen und Fangruppen eine ganze Reihe von Erg\u00e4nzungspapieren ausgehandelt, die die bundesweite Regelung unterminieren. Dennoch wurden damit einige neue Instrumente in die Diskussion eingef\u00fchrt, die nun durch ein Netzwerk unterschiedlichster AkteurInnen umgesetzt werden sollten.<\/p>\n<h4>Die Akteurslandschaft<\/h4>\n<p>Neben der Polizei, dem privaten Fu\u00dfballverein und den unterschiedlichen Fangruppen ist in Frankfurt das Fanprojekt ein etablierter und zentraler Akteur. \u00dcber das Projekt werden SozialarbeiterInnen besch\u00e4ftigt, die die \u00f6rtliche Szene betreuen sollen. Dem eigenen Selbstverst\u00e4ndnis nach agiert es als Stimme f\u00fcr die Fans, um ihnen die bestm\u00f6glichen Bedingungen zur Aus\u00fcbung ihrer Fankultur zu erm\u00f6glichen. Im sicherheitspolitischen Gef\u00fcge nehmen die SozialarbeiterInnen eine Vermittlungsfunktion zwischen Fans, Polizei und anderen \u00f6ffentlichen AkteurInnen ein. Es gibt zwar explizit keine formale Zusammenarbeit, sie fungieren aber als AnsprechpartnerInnen z.B. bei Sicherheitsbesprechungen und gew\u00e4hrleisten so die Kommunikation \u00fcber infrastrukturelle Aspekte an Spieltagen wie z.B. die Festlegung der Routen der Fans zu den Stadien bei Ausw\u00e4rtsspielen. Dadurch verf\u00fcgen sie \u00fcber einen gro\u00dfen Erfahrungsschatz im Umgang mit den verschiedenen Ordnungsinstitutionen.<\/p>\n<p>Bei der Kommunikation mit der Polizei geht es aus der Perspektive des Fanprojektes darum, f\u00fcr alle Beteiligten transparente Situationen zu erzeugen und so das Konfliktpotential zu minimieren. Man betont, dass es m\u00f6glich ist, Absprachen mit der Polizei zu treffen, die jenseits der polizeilichen Strafverfolgungspflicht auch eingehalten w\u00fcrden, wenn sich aus Sicht der Polizei ein sicherheitspolitischer Gewinn ergebe. Dabei nehmen die MitarbeiterInnen des Projekts einen gro\u00dfen Unterschied zwischen Bundes- und Landespolizei wahr. Mit der Bundespolizei gibt es demnach gr\u00f6\u00dfere Probleme, weil sie den Ansatz des Fanprojektes nicht akzeptiere. Demgegen\u00fcber habe die Landespolizei oft ein besseres Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Arbeitsweise der SozialarbeiterInnen. Die Abgrenzung gegen\u00fcber der Polizei ist f\u00fcr das Fanprojekt deshalb wichtig, weil sie seine Unabh\u00e4ngigkeit von den \u00f6ffentlichen Akteuren ausdr\u00fcckt und so erst das Vertrauensverh\u00e4ltnis zu den Fans erm\u00f6glicht. Dennoch gibt es zumindest f\u00fcr die Heimspiele der Frankfurter Eintracht feste Kommunikationsstrukturen mit der Landespolizei, die hierf\u00fcr \u00fcber szenekundige Beamte verf\u00fcgt. Diese kennen das Umfeld der Fu\u00dfballszene und die Namen und Gesichter der ProtagonistInnen. In Frankfurt sind das drei bis vier Beamte, die zivil gekleidet zu den Ausw\u00e4rtsspielen mitfahren, um ihre dortigen KollegInnen zu unterst\u00fctzen. Sie werden f\u00fcr diese Position besonders geschult und \u00fcbernehmen die Interaktion mit den Fans in den Konfliktsituationen. Neben der Bundespolizei (die noch einmal gesondert \u00fcber szenekundige Beamte verf\u00fcgt) und den polizeilichen Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE), die die Fans z.B. dann begleiten, wenn diese in Z\u00fcgen zu den Spielen fahren, sind sie konkret am Ort der Spiele anwesend.<\/p>\n<p>An den Spieltagen selbst sind neben dem Fanprojekt und den unterschiedlichen Polizeien noch die privaten Ordnerdienste der Fu\u00dfballvereine relevant. Sie stehen den Fans im Block und damit im unmittelbaren Verlauf der Fu\u00dfballspiele gegen\u00fcber. Ihre Aufgabe ist die Sicherung der Situation im Block, d.h. die \u00dcberwachung der Einhaltung der geltenden Zugangs- und Verhaltensregeln (z.B. das Verbot von Pyrotechnik) sowie die Abgrenzung zum Spielfeld und den Bl\u00f6cken der anderen Fans. Laut Frankfurter Fans variiert das Verh\u00e4ltnis zwischen den Fans und den OrdnerInnen danach, ob es sich um ein Heimspiel oder Ausw\u00e4rtsspiel handelt. Obwohl im heimischen Fanblock ein vergleichsweise gro\u00dfes Konfliktpotential herrscht, haben die Eintracht-Fans zu den OrdnerInnen im Frankfurter Stadion ein fast freundschaftliches Verh\u00e4ltnis und k\u00f6nnen sich dort relativ frei bewegen. Demgegen\u00fcber sei die Situation im G\u00e4steblock des Frankfurter Stadions, bzw. auch bei Ausw\u00e4rtsspielen, h\u00e4ufig angespannt.<\/p>\n<p>Im Papier der DFL werden au\u00dferdem Fan- und Sicherheitsbeauftragte der Vereine als zentrale AkteurInnen benannt. Sie sollen die Kommunikation zwischen Sicherheitsbeh\u00f6rden und Ultras gew\u00e4hrleisten. In Frankfurt hat die Eintracht daf\u00fcr extra eine eigene Stelle geschaffen. Laut Frankfurter Fans ist dies eine der Funktionen, deren Bedeutung von \u00f6ffentlicher Seite deutlich \u00fcberzeichnet w\u00fcrde.<\/p>\n<h4>Die Regeln<\/h4>\n<p>Fu\u00dfballstadien sind keine \u00f6ffentlichen R\u00e4ume. Deshalb ist die Produktion von Sicherheit juristisch zumeist \u00fcber das Hausrecht der Vereine geregelt. Damit sind einige Konsequenzen f\u00fcr die rechtliche Situation der Fans und die sie betreffenden Sicherheitspraxen verbunden. Selbstverst\u00e4ndlich haben die BeamtInnen der Polizei in den Stadien die gleichen Rechte und Pflichten, die sie immer haben, wenn in ihrer Anwesenheit Straftaten begangen werden. Allerdings ist \u00fcber die Hausrechte der Vereine die Zul\u00e4ssigkeit von Verhalten, was z.B. das Mitbringen von gef\u00e4hrlichen Gegenst\u00e4nden betrifft, strenger geregelt als im \u00f6ffentlichen Raum und kann insofern auch anders geahndet werden.<\/p>\n<p>Ein in der Fu\u00dfball\u00f6ffentlichkeit rege diskutiertes und kritisiertes sicherheitspolitisches Instrument ist das Stadionverbot. Dieses wird meistens dann verh\u00e4ngt, wenn die Polizei einen Fu\u00dfballfan w\u00e4hrend einer nicht geduldeten Handlung festnehmen kann und danach dem gastgebenden Verein ein bundesweites Stadionverbot vorschl\u00e4gt. Hier findet keine strafrechtliche Sanktion, sondern eine pr\u00e4ventive zivilrechtliche Ma\u00dfnahme statt. Spricht der Verein auf den polizeilichen Vorschlag hin ein Stadionverbot aus, so ist dieses rechtlich \u00fcber das Hausrecht abgedeckt. Das Verbot gilt dann auf der Grundlage einer Kooperation aller bundesdeutschen Fu\u00dfballvereine f\u00fcr alle Stadien im Bundesgebiet und kann je nach Vorwurf zeitlich auf wenige Tage und Wochen beschr\u00e4nkt werden. In den \u00fcberwiegenden F\u00e4llen wird es allerdings f\u00fcr einen Zeitraum von zwei Jahren ausgesprochen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Ob den Betroffenen innerhalb dieses Verfahrens die M\u00f6glichkeit einer Anh\u00f6rung oder eines Einspruches einger\u00e4umt wird, liegt im Ermessen der Vereine und wird nur von wenigen gew\u00e4hrt, z.B. vom Karlsruher SC. Das Karlsruher Modell gilt dabei in der Fanszene als besonders progressiv, weil es die Betroffenen einbezieht. Dort k\u00f6nnen sich die Fans in einem Gespr\u00e4ch mit dem Sicherheitsbeauftragten des Vereins sowie dessen Stadionverbotsbeauftragten zu den Vorw\u00fcrfen \u00e4u\u00dfern. Danach beh\u00e4lt sich der Verein die M\u00f6glichkeit vor, auf die Verh\u00e4ngung des Stadionverbotes zu verzichten, meist gegen bestimmte Auflagen, wie z.B. Arbeitsstunden im Kontext des Fanprojektes. Die SozialarbeiterInnen des Frankfurter Fanprojektes bevorzugen dieses Modell deshalb, weil sie betonen, dass die Fans in den Stadien besser zu kontrollieren sind als im Umfeld der Stadien.<\/p>\n<p>Von den Stadionverboten zu unterscheiden ist die Verh\u00e4ngung polizeilicher Meldeauflagen f\u00fcr Spieltage oder besonders auch internationale Fu\u00dfballevents. Mit diesen kontrolliert die Polizei die Aufenthaltsorte von bekanntgewordenen, vermeintlich gewaltbereiten oder gewaltsuchenden Fans und will verhindern, dass diese sich an \u201eneuralgischen Punkten\u201c aufhalten.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Die Datengrundlage f\u00fcr Meldeauflagen und andere pr\u00e4ventiv-polizeiliche Ma\u00dfnahmen ist die \u201eDatei Gewaltt\u00e4ter Sport\u201c (DGS), die von der bei der nordrhein-westf\u00e4lischen Polizei angesiedelten \u201eZentralen Informationsstelle Sport\u201c (ZIS) gef\u00fchrt wird. Ende 2016 waren hier 10.907 Personen erfasst.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Diese Verbunddatei wird von allen deutschen Polizeibeh\u00f6rden mit Informationen \u00fcber \u201eauff\u00e4llig gewordene\u201c oder m\u00f6glicherweise in Zukunft \u201eauff\u00e4llig\u201c werdende Fans gef\u00fcttert und abgefragt. Um erfasst zu werden, bedarf es keiner Verurteilung. Es reicht, im Kontext eines Fu\u00dfballspiels in eine Personenkontrolle geraten zu sein. Zwar gibt es grunds\u00e4tzlich die M\u00f6glichkeit von Auskunftsersuchen, die sich aber schwierig gestalten. Auskunft erteilt nicht die ZIS, sondern die jeweilige Polizeibeh\u00f6rde, die die Speicherung veranlasst hat. Eine \u201eproaktive Benachrichtigung\u201c praktizieren nur Rheinland-Pfalz und Bremen. Gegen die 1994 in Betrieb genommene DGS, nach deren Muster \u00fcbrigens eine ganze Reihe von \u201eGewaltt\u00e4terdateien\u201c insbesondere im politischen Bereich funktionieren, wird von Fangruppen quer durch die Republik kritisiert. In den Nullerjahren hatten sie zun\u00e4chst mit Klagen vor Verwaltungs- und Oberverwaltungsgerichten Erfolg. Das Bundesverwaltungsgericht bescheinigte schlie\u00dflich 2010 die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Datensammlung, nachdem das Bundesinnenministerium quasi in letzter Minute eine Rechtsverordnung \u201e\u00fcber die Art der Daten, die nach \u00a7\u00a7 8 und 9 des Bundeskriminalamtsgesetzes gespeichert werden d\u00fcrfen\u201c, durch den Bundesrat brachte.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Die grunds\u00e4tzliche Kritik an der Datei, der von der Speicherung ausgehenden Stigmatisierung und der Willk\u00fcr der Erfassung sind jedoch geblieben.<\/p>\n<p>Allgemein verf\u00fcgen die polizeilichen AkteurInnen mit der ZIS, dem direkten Zugriff auf die hochsensible \u00dcberwachungstechnik in den Stadien, szenekundigen Beamten und vielem mehr \u00fcber ein gro\u00dfes Arsenal zur Kontrolle der Fu\u00dfballfans. Dessen rechtliche Absicherung ist durch eine Vielzahl unterschiedlicher juridischer Praxen geregelt, die von pr\u00e4ventiven zivilrechtlichen Ma\u00dfnahmen, \u00fcber den polizeilichen Ermessensspielraum bis hin zum Straf- und Ordnungsrecht reichen. Von den Betroffenen wird die Praxis der Polizei auch deshalb oft als willk\u00fcrlich wahrgenommen, weil kaum mehr nachzuvollziehen ist, was ihr wirklich erlaubt ist. Gleichzeitig ist ein gerichtliches Vorgehen gegen diese, z.B. gegen die Bildung rechtswidriger Polizeikessel, wenn \u00fcberhaupt, nur in langwierigen und kostspieligen und somit f\u00fcr die schnelllebige Fu\u00dfballszene kaum attraktiven Verfahren m\u00f6glich \u2013 und hat auch wenig Einfluss auf die polizeiliche Praxis, weil sie immer erst nacht\u00e4glich greift.<\/p>\n<h4>Was macht Fu\u00dfballfans gef\u00e4hrlich?<\/h4>\n<p>Wie sich zeigt, sind die Sicherheitsapparate in dem Feld des Bundesligafu\u00dfballs extrem aktiv. Die Frage, warum das so ist, wurde in den Debatten der letzten Jahre von verschiedenen AkteurInnen gestellt und verschieden beantwortet. Gerade in kritischeren Kreisen wird argumentiert, dass sich dieser Bereich als sicherheitspolitisches Experimentierfeld besonders eigne. Hier kommen in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden, in vorher festgelegten und begrenzten Orten immer wieder gro\u00dfe, teilweise gewaltaffine Menschenmassen zusammen und liefern so g\u00fcnstige Bedingungen f\u00fcr die \u00dcbung verschiedener Einsatzkonzepte. Die Eins\u00e4tze w\u00fcrden der Verhaltensbeobachtung und \u00dcbung der Steuerung gro\u00dfer Massen dienen. Durch ihre hohe emotionale Bindung zu ihrem Verein seien die Fans au\u00dferdem dazu bereit, eine Vielzahl von Widrigkeiten zu ertragen. Viele aktive Fu\u00dfballfans teilen grunds\u00e4tzlich diese Einsch\u00e4tzung, es gibt jedoch auch Stimmen, die eine etwas andere Perspektive haben. Sie berichten von ihrer Erfahrung, dass die Zuspitzung und Lockerung \u00f6ffentlicher Ma\u00dfnahmen im Fu\u00dfball Konjunkturen folge, die auch mit der medialen Aufmerksamkeit und der Veranstaltung von Gro\u00dfevents im Zusammenhang stehe. Dagegen betonen sie die Ambivalenz ihrer Fankultur: durch ihre Choreographien und Sprechch\u00f6re tragen sie nicht selten einen gro\u00dfen Teil zur Stadionatmosph\u00e4re bei. Dadurch sind sie einerseits, und gerade bei Ausw\u00e4rtsspielen, ein wichtiger \u00f6konomischer Faktor, auch wenn sie andererseits das Bild des \u201eFamilienfu\u00dfballs\u201c eigentlich st\u00f6ren. Die Sicherheitsstrategien reflektieren ihrer Einsch\u00e4tzung nach diese widerspr\u00fcchliche Interessenslage.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der sicherheitspolitischen Strategien im Feld gewaltaffiner Fu\u00dfballfans illustriert letztendlich, wie die Sicherheitsproduktion gepr\u00e4gt wird durch ein komplexes Ensemble von einerseits spezifischen Lernprozessen der einzelnen AkteurInnen, Entwicklungen und Dynamiken zwischen ihnen, technischen Weiterentwicklungen sowie nicht zuletzt durch \u00f6konomische Interessen, die den sicherheitspolitischen Interessen mitunter entgegenstehen k\u00f6nnen. Zudem zeigt sich hier besonders deutlich, wie stark die staatlichen AkteurInnen inzwischen mit Wissenstransfers zwischen den einzelnen polizeilichen Feldern arbeiten.<\/p>\n<p>Wie andernorts in der neoliberalen Sicherheitsproduktion ist auch der Umgang mit Fu\u00dfballfans au\u00dferdem sehr stark durch das spezifische Zusammenwirken von repressiven und helfenden Institutionen gekennzeichnet \u2013 und die Dynamiken der medialen Diskurse sind pr\u00e4gend daf\u00fcr, wie stark die Praxis der Fans als Problem und Sicherheitsbedrohung wahrgenommen wird.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Artikel ist eine bearbeitete Version eines Kapitels meiner Dissertation: Kern, A.: Produktion von (Un-)Sicherheit. Urbane Sicherheitsregime im Neoliberalismus, M\u00fcnster 2016<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 DFL: Sicheres Stadionerlebnis, erste Version v. 27.9.2012, ver\u00e4nderte Fassung v. 15.11.2012, <a href=\"http:\/\/Gef\u00e4hrliche Fu\u00dfballfans  Das Sicherheitsregime im Frankfurter Stadion   von Anna Kern  Mit der Kommerzialisierung des bundesdeutschen Fu\u00dfballs wurden ab Mitte der 1990er Jahre Auseinandersetzungen zwischen Fan-gruppen und der Einsatz von Pyrotechnik in Stadien zu einem sicherheitspolitischen Thema. Dabei ging es nicht nur um die Sicherheit gro\u00dfer Menschenmassen bei sportlichen Gro\u00dfevents, sondern vor allem um bestimmte Fangruppen, die als Bedrohung der \u00f6ffentlichen Ordnung wahrgenommen werden.  Zusammen mit der r\u00e4umlichen Spezifik und der breiten medialen Diskussion bietet die Sicherheitspraxis rund um den Fu\u00dfball ein ideales Feld f\u00fcr die sozialwissenschaftliche Analyse der Sicherheitsproduktion im Neoliberalismus. Die hier entwickelten Ma\u00dfnahmen erstrecken sich \u00fcber eine Vielzahl von AkteurInnen, Institutionen und Instrumenten und sind stark regionalspezifisch, weil sie auf die Fans als lokale Szene ausgerichtet sind. Im Folgenden liegt der Schwerpunkt auf der Frankfurter Fanszene und dem dortigen Akteursnetzwerk.   Nachdem sich die AkteurInnen aus Politik, Polizei und den Fu\u00dfballvereinen bundesweit lange Zeit nicht \u00fcber die Verantwortlichkeiten f\u00fcr die durch Fans verursachten Betriebsst\u00f6rungen einigen konnten, ver\u00f6ffentlichte die Deutsche Fu\u00dfball Liga (DFL) 2012 ein Papier mit dem Titel \u201eSicheres Stadionerlebnis\u201c.  Dieses ist das Ergebnis des Drucks, den die Innenministerkonferenz nach diversen Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen aufgesetzt hatte. Sie hatte den privatwirtschaftlichen Fu\u00dfballclubs damit gedroht, dass sie sich an der Finanzierung der kostspieligen Eins\u00e4tze der Polizei beteiligen m\u00fcssten.  Das Papier erhebt einen umfassenden Regelungsanspruch. Es betrifft z.B. die Zust\u00e4ndigkeiten von Vereinen und verschiedenen Polizeibeh\u00f6rden sowie dar\u00fcber hinaus zu schaffenden Gremien, die Architektur der Stadien mitsamt unterschiedlichster M\u00f6glichkeiten der Einlasskontrollen und der visuellen \u00dcberwachung w\u00e4hrend der Spiele sowie Ma\u00dfnahmen bei Verst\u00f6\u00dfen gegen die Hausordnungen und geltende Gesetze. Es wurde von den politischen Verantwortlichen und den Vereinen als Meilenstein in der Polizierung des Feldes gewaltaffiner Fu\u00dfballfans pr\u00e4sentiert und von einigem Protest der Fans begleitet.  In der regionalen Szene war die Stimmung der Fans dazu gelassen. Bereits im Kontext der Vorbereitung der Fu\u00dfballweltmeisterschaft der M\u00e4nner 2006 waren die meisten technischen \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen auf den neusten Stand gebracht worden. Und ein gro\u00dfer Teil der beschriebenen Ma\u00dfnahmen \u2013 etwa die M\u00f6glichkeit der Reduzierung von Kartenkontingenten oder Stadionverbote \u2013 z\u00e4hlten schon l\u00e4ngst zur g\u00e4ngigen Praxis der Vereine. Neue Ma\u00dfnahmen, wie z.B. eine Direktleitung der Polizei zu den Videoanlagen oder die computerbasierte Auswertung des Filmmaterials, h\u00e4tten aus der Perspektive der Vereine den polizeilichen Druck zwar weiter verst\u00e4rken k\u00f6nnen, l\u00e4ngerfristig w\u00fcrden polizeiliche Ma\u00dfnahmen aber weiterhin und trotz der technischen Neuerungen durch die f\u00f6derale Organisierung der Polizei in der BRD und die daraus folgenden Umsetzungsprobleme in einer bundesweit aktiven Fanszene strukturell begrenzt bleiben. Auch zu dem DFL-Papier wurden auf der lokalen Ebene zwischen Vereinen und Fangruppen eine ganze Reihe von Erg\u00e4nzungspapieren ausgehandelt, die die bundesweite Regelung unterminieren. Dennoch wurden damit einige neue Instrumente in die Diskussion eingef\u00fchrt, die nun durch ein Netzwerk unterschiedlichster AkteurInnen umgesetzt werden sollten. Die Akteurslandschaft  Neben der Polizei, dem privaten Fu\u00dfballverein und den unterschiedlichen Fangruppen ist in Frankfurt das Fanprojekt ein etablierter und zentraler Akteur. \u00dcber das Projekt werden SozialarbeiterInnen besch\u00e4ftigt, die die \u00f6rtliche Szene betreuen sollen. Dem eigenen Selbstverst\u00e4ndnis nach agiert es als Stimme f\u00fcr die Fans, um ihnen die bestm\u00f6glichen Bedingungen zur Aus\u00fcbung ihrer Fankultur zu erm\u00f6glichen. Im sicherheitspolitischen Gef\u00fcge nehmen die SozialarbeiterInnen eine Vermittlungsfunktion zwischen Fans, Polizei und anderen \u00f6ffentlichen AkteurInnen ein. Es gibt zwar explizit keine formale Zusammenarbeit, sie fungieren aber als AnsprechpartnerInnen z.B. bei Sicherheitsbesprechungen und gew\u00e4hrleisten so die Kommunikation \u00fcber infrastrukturelle Aspekte an Spieltagen wie z.B. die Festlegung der Routen der Fans zu den Stadien bei Ausw\u00e4rtsspielen. Dadurch verf\u00fcgen sie \u00fcber einen gro\u00dfen Erfahrungsschatz im Umgang mit den verschiedenen Ordnungsinstitutionen.  Bei der Kommunikation mit der Polizei geht es aus der Perspektive des Fanprojektes darum, f\u00fcr alle Beteiligten transparente Situationen zu erzeugen und so das Konfliktpotential zu minimieren. Man betont, dass es m\u00f6glich ist, Absprachen mit der Polizei zu treffen, die jenseits der polizeilichen Strafverfolgungspflicht auch eingehalten w\u00fcrden, wenn sich aus Sicht der Polizei ein sicherheitspolitischer Gewinn ergebe. Dabei nehmen die MitarbeiterInnen des Projekts einen gro\u00dfen Unterschied zwischen Bundes- und Landespolizei wahr. Mit der Bundespolizei gibt es demnach gr\u00f6\u00dfere Probleme, weil sie den Ansatz des Fanprojektes nicht akzeptiere. Demgegen\u00fcber habe die Landespolizei oft ein besseres Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Arbeitsweise der SozialarbeiterInnen. Die Abgrenzung gegen\u00fcber der Polizei ist f\u00fcr das Fanprojekt deshalb wichtig, weil sie seine Unabh\u00e4ngigkeit von den \u00f6ffentlichen Akteuren ausdr\u00fcckt und so erst das Vertrauensverh\u00e4ltnis zu den Fans erm\u00f6glicht. Dennoch gibt es zumindest f\u00fcr die Heimspiele der Frankfurter Eintracht feste Kommunikationsstrukturen mit der Landespolizei, die hierf\u00fcr \u00fcber szenekundige Beamte verf\u00fcgt. Diese kennen das Umfeld der Fu\u00dfballszene und die Namen und Gesichter der ProtagonistInnen. In Frankfurt sind das drei bis vier Beamte, die zivil gekleidet zu den Ausw\u00e4rtsspielen mitfahren, um ihre dortigen KollegInnen zu unterst\u00fctzen. Sie werden f\u00fcr diese Position besonders geschult und \u00fcbernehmen die Interaktion mit den Fans in den Konfliktsituationen. Neben der Bundespolizei (die noch einmal gesondert \u00fcber szenekundige Beamte verf\u00fcgt) und den polizeilichen Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE), die die Fans z.B. dann begleiten, wenn diese in Z\u00fcgen zu den Spielen fahren, sind sie konkret am Ort der Spiele anwesend.  An den Spieltagen selbst sind neben dem Fanprojekt und den unterschiedlichen Polizeien noch die privaten Ordnerdienste der Fu\u00dfballvereine relevant. Sie stehen den Fans im Block und damit im unmittelbaren Verlauf der Fu\u00dfballspiele gegen\u00fcber. Ihre Aufgabe ist die Sicherung der Situation im Block, d.h. die \u00dcberwachung der Einhaltung der geltenden Zugangs- und Verhaltensregeln (z.B. das Verbot von Pyrotechnik) sowie die Abgrenzung zum Spielfeld und den Bl\u00f6cken der anderen Fans. Laut Frankfurter Fans variiert das Verh\u00e4ltnis zwischen den Fans und den OrdnerInnen danach, ob es sich um ein Heimspiel oder Ausw\u00e4rtsspiel handelt. Obwohl im heimischen Fanblock ein vergleichsweise gro\u00dfes Konfliktpotential herrscht, haben die Eintracht-Fans zu den OrdnerInnen im Frankfurter Stadion ein fast freundschaftliches Verh\u00e4ltnis und k\u00f6nnen sich dort relativ frei bewegen. Demgegen\u00fcber sei die Situation im G\u00e4steblock des Frankfurter Stadions, bzw. auch bei Ausw\u00e4rtsspielen, h\u00e4ufig angespannt. Im Papier der DFL werden au\u00dferdem Fan- und Sicherheitsbeauftragte der Vereine als zentrale AkteurInnen benannt. Sie sollen die Kommunikation zwischen Sicherheitsbeh\u00f6rden und Ultras gew\u00e4hrleisten. In Frankfurt hat die Eintracht daf\u00fcr extra eine eigene Stelle geschaffen. Laut Frankfurter Fans ist dies eine der Funktionen, deren Bedeutung von \u00f6ffentlicher Seite deutlich \u00fcberzeichnet w\u00fcrde. Die Regeln  Fu\u00dfballstadien sind keine \u00f6ffentlichen R\u00e4ume. Deshalb ist die Produktion von Sicherheit juristisch zumeist \u00fcber das Hausrecht der Vereine geregelt. Damit sind einige Konsequenzen f\u00fcr die rechtliche Situation der Fans und die sie betreffenden Sicherheitspraxen verbunden. Selbstverst\u00e4ndlich haben die BeamtInnen der Polizei in den Stadien die gleichen Rechte und Pflichten, die sie immer haben, wenn in ihrer Anwesenheit Straftaten begangen werden. Allerdings ist \u00fcber die Hausrechte der Vereine die Zul\u00e4ssigkeit von Verhalten, was z.B. das Mitbringen von gef\u00e4hrlichen Gegenst\u00e4nden betrifft, strenger geregelt als im \u00f6ffentlichen Raum und kann insofern auch anders geahndet werden.  Ein in der Fu\u00dfball\u00f6ffentlichkeit rege diskutiertes und kritisiertes sicherheitspolitisches Instrument ist das Stadionverbot. Dieses wird meistens dann verh\u00e4ngt, wenn die Polizei einen Fu\u00dfballfan w\u00e4hrend einer nicht geduldeten Handlung festnehmen kann und danach dem gastgebenden Verein ein bundesweites Stadionverbot vorschl\u00e4gt. Hier findet keine strafrechtliche Sanktion, sondern eine pr\u00e4ventive zivilrechtliche Ma\u00dfnahme statt. Spricht der Verein auf den polizeilichen Vorschlag hin ein Stadionverbot aus, so ist dieses rechtlich \u00fcber das Hausrecht abgedeckt. Das Verbot gilt dann auf der Grundlage einer Kooperation aller bundesdeutschen Fu\u00dfballvereine f\u00fcr alle Stadien im Bundesgebiet und kann je nach Vorwurf zeitlich auf wenige Tage und Wochen beschr\u00e4nkt werden. In den \u00fcberwiegenden F\u00e4llen wird es allerdings f\u00fcr einen Zeitraum von zwei Jahren ausgesprochen.  Ob den Betroffenen innerhalb dieses Verfahrens die M\u00f6glichkeit einer Anh\u00f6rung oder eines Einspruches einger\u00e4umt wird, liegt im Ermessen der Vereine und wird nur von wenigen gew\u00e4hrt, z.B. vom Karlsruher SC. Das Karlsruher Modell gilt dabei in der Fanszene als besonders progressiv, weil es die Betroffenen einbezieht. Dort k\u00f6nnen sich die Fans in einem Gespr\u00e4ch mit dem Sicherheitsbeauftragten des Vereins sowie dessen Stadionverbotsbeauftragten zu den Vorw\u00fcrfen \u00e4u\u00dfern. Danach beh\u00e4lt sich der Verein die M\u00f6glichkeit vor, auf die Verh\u00e4ngung des Stadionverbotes zu verzichten, meist gegen bestimmte Auflagen, wie z.B. Arbeitsstunden im Kontext des Fanprojektes. Die SozialarbeiterInnen des Frankfurter Fanprojektes bevorzugen dieses Modell deshalb, weil sie betonen, dass die Fans in den Stadien besser zu kontrollieren sind als im Umfeld der Stadien. Von den Stadionverboten zu unterscheiden ist die Verh\u00e4ngung polizeilicher Meldeauflagen f\u00fcr Spieltage oder besonders auch internationale Fu\u00dfballevents. Mit diesen kontrolliert die Polizei die Aufenthaltsorte von bekanntgewordenen, vermeintlich gewaltbereiten oder gewaltsuchenden Fans und will verhindern, dass diese sich an \u201eneuralgischen Punkten\u201c aufhalten.  Die Datengrundlage f\u00fcr Meldeauflagen und andere pr\u00e4ventiv-polizeiliche Ma\u00dfnahmen ist die \u201eDatei Gewaltt\u00e4ter Sport\u201c (DGS), die von der bei der nordrhein-westf\u00e4lischen Polizei angesiedelten \u201eZentralen Informationsstelle Sport\u201c (ZIS) gef\u00fchrt wird. Ende 2016 waren hier 10.907 Personen erfasst.  Diese Verbunddatei wird von allen deutschen Polizeibeh\u00f6rden mit Informationen \u00fcber \u201eauff\u00e4llig gewordene\u201c oder m\u00f6glicherweise in Zukunft \u201eauff\u00e4llig\u201c werdende Fans gef\u00fcttert und abgefragt. Um erfasst zu werden, bedarf es keiner Verurteilung. Es reicht, im Kontext eines Fu\u00dfballspiels in eine Personenkontrolle geraten zu sein. Zwar gibt es grunds\u00e4tzlich die M\u00f6glichkeit von Auskunftsersuchen, die sich aber schwierig gestalten. Auskunft erteilt nicht die ZIS, sondern die jeweilige Polizeibeh\u00f6rde, die die Speicherung veranlasst hat. Eine \u201eproaktive Benachrichtigung\u201c praktizieren nur Rheinland-Pfalz und Bremen. Gegen die 1994 in Betrieb genommene DGS, nach deren Muster \u00fcbrigens eine ganze Reihe von \u201eGewaltt\u00e4terdateien\u201c insbesondere im politischen Bereich funktionieren, wird von Fangruppen quer durch die Republik kritisiert. In den Nullerjahren hatten sie zun\u00e4chst mit Klagen vor Verwaltungs- und Oberverwaltungsgerichten Erfolg. Das Bundesverwaltungsgericht bescheinigte schlie\u00dflich 2010 die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Datensammlung, nachdem das Bundesinnenministerium quasi in letzter Minute eine Rechtsverordnung \u201e\u00fcber die Art der Daten, die nach \u00a7\u00a7 8 und 9 des Bundeskriminalamtsgesetzes gespeichert werden d\u00fcrfen\u201c, durch den Bundesrat brachte.  Die grunds\u00e4tzliche Kritik an der Datei, der von der Speicherung ausgehenden Stigmatisierung und der Willk\u00fcr der Erfassung sind jedoch geblieben.  Allgemein verf\u00fcgen die polizeilichen AkteurInnen mit der ZIS, dem direkten Zugriff auf die hochsensible \u00dcberwachungstechnik in den Stadien, szenekundigen Beamten und vielem mehr \u00fcber ein gro\u00dfes Arsenal zur Kontrolle der Fu\u00dfballfans. Dessen rechtliche Absicherung ist durch eine Vielzahl unterschiedlicher juridischer Praxen geregelt, die von pr\u00e4ventiven zivilrechtlichen Ma\u00dfnahmen, \u00fcber den polizeilichen Ermessensspielraum bis hin zum Straf- und Ordnungsrecht reichen. Von den Betroffenen wird die Praxis der Polizei auch deshalb oft als willk\u00fcrlich wahrgenommen, weil kaum mehr nachzuvollziehen ist, was ihr wirklich erlaubt ist. Gleichzeitig ist ein gerichtliches Vorgehen gegen diese, z.B. gegen die Bildung rechtswidriger Polizeikessel, wenn \u00fcberhaupt, nur in langwierigen und kostspieligen und somit f\u00fcr die schnelllebige Fu\u00dfballszene kaum attraktiven Verfahren m\u00f6glich \u2013 und hat auch wenig Einfluss auf die polizeiliche Praxis, weil sie immer erst nacht\u00e4glich greift. Was macht Fu\u00dfballfans gef\u00e4hrlich? Wie sich zeigt, sind die Sicherheitsapparate in dem Feld des Bundesligafu\u00dfballs extrem aktiv. Die Frage, warum das so ist, wurde in den Debatten der letzten Jahre von verschiedenen AkteurInnen gestellt und verschieden beantwortet. Gerade in kritischeren Kreisen wird argumentiert, dass sich dieser Bereich als sicherheitspolitisches Experimentierfeld besonders eigne. Hier kommen in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden, in vorher festgelegten und begrenzten Orten immer wieder gro\u00dfe, teilweise gewaltaffine Menschenmassen zusammen und liefern so g\u00fcnstige Bedingungen f\u00fcr die \u00dcbung verschiedener Einsatzkonzepte. Die Eins\u00e4tze w\u00fcrden der Verhaltensbeobachtung und \u00dcbung der Steuerung gro\u00dfer Massen dienen. Durch ihre hohe emotionale Bindung zu ihrem Verein seien die Fans au\u00dferdem dazu bereit, eine Vielzahl von Widrigkeiten zu ertragen. Viele aktive Fu\u00dfballfans teilen grunds\u00e4tzlich diese Einsch\u00e4tzung, es gibt jedoch auch Stimmen, die eine etwas andere Perspektive haben. Sie berichten von ihrer Erfahrung, dass die Zuspitzung und Lockerung \u00f6ffentlicher Ma\u00dfnahmen im Fu\u00dfball Konjunkturen folge, die auch mit der medialen Aufmerksamkeit und der Veranstaltung von Gro\u00dfevents im Zusammenhang stehe. Dagegen betonen sie die Ambivalenz ihrer Fankultur: durch ihre Choreographien und Sprechch\u00f6re tragen sie nicht selten einen gro\u00dfen Teil zur Stadionatmosph\u00e4re bei. Dadurch sind sie einerseits, und gerade bei Ausw\u00e4rtsspielen, ein wichtiger \u00f6konomischer Faktor, auch wenn sie andererseits das Bild des \u201eFamilienfu\u00dfballs\u201c eigentlich st\u00f6ren. Die Sicherheitsstrategien reflektieren ihrer Einsch\u00e4tzung nach diese widerspr\u00fcchliche Interessenslage.  Die Entwicklung der sicherheitspolitischen Strategien im Feld gewaltaffiner Fu\u00dfballfans illustriert letztendlich, wie die Sicherheitsproduktion gepr\u00e4gt wird durch ein komplexes Ensemble von einerseits spezifischen Lernprozessen der einzelnen AkteurInnen, Entwicklungen und Dynamiken zwischen ihnen, technischen Weiterentwicklungen sowie nicht zuletzt durch \u00f6konomische Interessen, die den sicherheitspolitischen Interessen mitunter entgegenstehen k\u00f6nnen. Zudem zeigt sich hier besonders deutlich, wie stark die staatlichen AkteurInnen inzwischen mit Wissenstransfers zwischen den einzelnen polizeilichen Feldern arbeiten.  Wie andernorts in der neoliberalen Sicherheitsproduktion ist auch der Umgang mit Fu\u00dfballfans au\u00dferdem sehr stark durch das spezifische Zusammenwirken von repressiven und helfenden Institutionen gekennzeichnet \u2013 und die Dynamiken der medialen Diskurse sind pr\u00e4gend daf\u00fcr, wie stark die Praxis der Fans als Problem und Sicherheitsbedrohung wahrgenommen wird.\">www.12doppelpunkt12.de\/sicheres-stadionerlebnis-und-reaktionen\/<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 s. Interview mit DFL-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Seifert, S\u00fcddeutsche Zeitung v. 17.\/18.11.2012<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 wie z.B. der Aktion 12:12, siehe <a href=\"http:\/\/www.12doppelpunkt12.de\">www.12doppelpunkt12.de<\/a> oder <a href=\"http:\/\/faszination-fankurve.de\">faszination-fankurve.de<\/a> v. 22.11.2012<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 DFL a.a.O (Fn. 2)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Steinat, B.: Die Speicherung personenbezogener Daten gewaltt\u00e4tiger Fu\u00dfballfans \u2013 zur Datei \u201eGewaltt\u00e4ter Sport\u201c, Hamburg 2012<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 BT-Drs. 18\/10908 v. 19.1.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.fananwaelte.de\/?page_id=82\">http:\/\/www.fananwaelte.de\/?page_id=82<\/a><\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Anna Kern Mit der Kommerzialisierung des bundesdeutschen Fu\u00dfballs wurden ab Mitte der 1990er Jahre<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,120],"tags":[413,587,643,1563],"class_list":["post-19168","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-115","tag-datenbanken","tag-fankultur","tag-fussball","tag-zentrale-informationsstelle-sporteinsaetze"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19168","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19168"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19168\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19168"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19168"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19168"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}