{"id":19310,"date":"2021-08-17T09:04:19","date_gmt":"2021-08-17T09:04:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=19310"},"modified":"2021-08-17T09:04:19","modified_gmt":"2021-08-17T09:04:19","slug":"reisende-taeter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=19310","title":{"rendered":"\u201eReisende T\u00e4ter\u201c &#8211; OK-Bek\u00e4mpfung und rassistische Stigmatisierung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit mehr als zehn Jahren steht die Figur der \u201ereisenden T\u00e4ter\u201c im Zentrum der polizeilichen Bek\u00e4mpfung von mutma\u00dflich organisierter Eigentumskriminalit\u00e4t. Im Rahmen der t\u00e4terorientierte Verfolgungsstrategie haben insbesondere als Sint_izze und Rom_nja markierte Menschen ein hohes Risiko, ins Visier polizeilicher Ermittlungen wegen Organisierter Kriminalit\u00e4t (OK) zu geraten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Als nach 2008 die Einbruchszahlen in Deutschland deutlich stiegen, waren die vermeintlich Schuldigen schnell benannt: \u201eReisende T\u00e4ter\u201c oder \u201emobile kriminelle Banden\u201c aus Ost- und S\u00fcdosteuropa wurden von Innenpolitik und Polizei verantwortlich gemacht und die Bek\u00e4mpfungsstrategien entsprechend ausgerichtet. Den H\u00f6hepunkt fand die Entwicklung, als die Innenministerkonferenz (IMK) auf ihren Sitzungen 2016 erkl\u00e4rte, dass die Bek\u00e4mpfung reisender Einbrecherbanden weiterhin oberste Priorit\u00e4t habe und die konsequente Umsetzung eines \u201et\u00e4terorientierten Ansatzes\u201c, eine St\u00e4rkung der l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Zusammenarbeit sowie die Versch\u00e4rfung des Strafrechts und neue Befugnisse zur Strafverfolgung forderte.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><br \/>\n<!--more-->Dem Wunsch nach sch\u00e4rferen Gesetzen kam der Bundestag durch die Anhebung des Mindeststrafma\u00dfes f\u00fcr Wohnungseinbr\u00fcche und der Aufnahme dieses Deliktes in den Straftatenkatalog der strafprozes\u00adsua\u00adlen Befugnisnormen zur Verkehrsdatenerhebung schon 2017 nach.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Dies alles, obwohl die Aufkl\u00e4rungsquote bei Wohnungseinbr\u00fcchen bis heute regelm\u00e4\u00dfig unter 20 Prozent liegt, die Mehrheit der Tatverd\u00e4chtigen die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft hat und h\u00e4ufig aus dem Umfeld der Opfer kommt.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Politisch wurde durch die diskursive Externalisierung des Problems von einer differenzierten Ursachensuche abgelenkt und kriminalpolitischen Diskussionen etwa um die Folgen wachsender sozialer Ungleichheit ausgewichen. Aus polizeilicher Sicht versprach der Fokus auf \u201ereisende T\u00e4ter\u201c schnell vorzeigbare Erfolge, weil man sich auf einen begrenzten Personenkreis konzentrieren konnte, dem nicht nur banden- und serienm\u00e4\u00dfiges Vorgehen unterstellt wurde, sondern Organisierte Kriminalit\u00e4t.<\/p>\n<h4>Polizeiliche OK-Narrative<\/h4>\n<p>\u201eDie Organisierte Kriminalit\u00e4t ist an der Haust\u00fcr der Deutschen angekommen\u201c, verk\u00fcndete der J\u00f6rg Ziercke, der damalige Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), 2014 mit Blick auf die wachsenden Einbruchszahlen bei der Vorstellung des j\u00e4hrlichen OK-Lagebildes.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Ein Jahr sp\u00e4ter hie\u00df es im OK-Lagebild des Amtes dann: \u201eEs ist absehbar, dass sich die wirtschaftliche Situation in Ost- und S\u00fcdosteuropa in naher Zukunft nicht verbessern wird. Das anhaltende Wohlstandsgef\u00e4lle von Nord nach S\u00fcd und West nach Ost als anhaltender Pull-Faktor wird weiterhin potenzielle Straft\u00e4ter anziehen, Eigentumsdelikte und andere Straftaten zu begehen. Es ist davon auszugehen, dass insbesondere im Ph\u00e4nomenbereich des organisierten Einbruchsdiebstahls auch in Zukunft eine hohe Anzahl von Straftaten erfolgen wird.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Auch wenn sich dem Framing von Einbruchdiebstahl als Organisierter Kriminalit\u00e4t \u2013 mit Blick auf die polizeiinterne OK-Definition, die nicht nur auf Gewinnorientierung, sondern auch auf Machtstreben abstellt<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> \u2013l\u00e4ngst nicht alle Landeskriminal\u00e4mter und Innenministerien anschlie\u00dfen mochten,<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> kn\u00fcpfte es nahtlos an ein Narrativ an, das sich zuvor schon Gremien der europ\u00e4ischen Polizeikooperation zu eigen gemacht hatten. Bereits die Strategie f\u00fcr Innere Sicherheit des Europ\u00e4ischen Rates von 2010 nannte \u201eKleinkriminalit\u00e4t und Eigentumskriminalit\u00e4t, wie sie h\u00e4ufig von Banden begangen wird\u201c in einem Atemzug mit Terrorismus und Cyberkriminalit\u00e4t.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Wenig sp\u00e4ter schrieb die EU-Kommission zur Umsetzung der Strategie: \u201eSelbst das, was den Anschein nach Kleinkriminalit\u00e4t ist, wie Einbr\u00fcche und Autodiebstahl, der Handel mit F\u00e4lschungen und gef\u00e4hrlichen Waren und die Machenschaften von umherziehenden Banden, sind oft lokale Erscheinungen weltweiter krimineller Netzwerke. Gegen diese Kriminalit\u00e4t muss Europa gemeinsam vorgehen.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Die Gremien des Ministerrates hatten derweil den Begriff \u201emobile kriminelle Gruppen\u201c als handlungsleitendes Konzept f\u00fcr die operative Polizeikooperation etabliert: \u201eEine mobile (umherziehende) kriminelle Grup\u00adpe ist eine Vereinigung von Straft\u00e4tern, die sich durch Eigentumsdiebstahl oder Betrug systematisch bereichern, in einem gro\u00dfr\u00e4umigen Gebiet operieren und international aktiv sind. Erg\u00e4nzend wird darauf hingewiesen, dass sowohl Erwachsene als auch Kinder zur Begehung dieser Delikte ausgebeutet werden k\u00f6nnen\u201c, so Schlussfolgerungen des Rates vom November 2010 zur \u201eWanderkriminalit\u00e4t\u201c.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Diese wurde damit nicht nur f\u00fcr Eigentumsdelikte verantwortlich gemacht, sondern sogar in Verbindung gebracht mit Ausbeutung und Menschenhandel. Seit 2011 geh\u00f6rt die Verfolgung \u201emobiler krimineller Gruppen\u201c schlie\u00dflich zu den Priorit\u00e4ten der alle vier Jahre vom Ministerrat beschlossenen Mehrjahresprogramme zur Bek\u00e4mpfung Organisierter Kriminalit\u00e4t.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>\u201eT\u00e4terorientierter Ansatz\u201c<\/p>\n<p>Nun ist der schillernde Begriff \u201eOrganisierte Kriminalit\u00e4t\u201c, wie Norbert P\u00fctter bereits 1998 schrieb, ein \u201ePhantombegriff\u201c, der eher geeignet ist, eine bestimmte polizeiliche Ermittlungsform \u2013 ein neues Ermittlungs- und Strafverfahren \u2013 zu beschreiben als Kriminalit\u00e4tswirklichkeit.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Gekennzeichnet ist dieser \u201eOK-Komplex\u201c \u2013 im Gegensatz zu traditionell deliktisch gegliederter Polizeiarbeit \u2013 durch die Einrichtung delikt\u00fcbergreifender Ermittlungseinheiten, die einen t\u00e4terorientierten Ansatz verfolgen. Mittels \u201estrategischer \u00dcberwachung\u201c wird dabei nicht l\u00e4nger nur auf Straftaten reagiert, vielmehr werden proaktiv als kriminell stigmatisierte Milieus ausgeleuchtet.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> H\u00e4ufig geht es dabei im Rahmen von Initiativermittlungen, bei denen \u201eElemente der Strafverfolgung und der Gefahrenabwehr in Gemengelage vor[liegen] oder \u2026 im Verlauf eines Verdichtungs- und Erkenntnisprozesses ineinander \u00fcber[gehen]\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> um die die Sammlung von \u201eintelligence\u201c zur Verdachtssch\u00f6pfung: Informationen werden erhoben und zusammengef\u00fchrt, um weitere Ermittlungsans\u00e4tze zu erhalten, ohne dass sich ein Anfangsverdacht gegen eine bestimmte Person richtet.<\/p>\n<p>Mit dem Framing von \u201ereisenden T\u00e4tern\u201c als Organisierte Kriminalit\u00e4t folgte die polizeiliche Bek\u00e4mpfung eben diesem Muster. Eine Vorreiterrolle beansprucht dabei Nordrhein-Westfalen (NRW). Mit seinem Rahmenkonzept \u201eMobile T\u00e4ter im Visier\u201c (MOTIV) erarbeitete es 2013 als erstes Bundesland ein Konzept, das von einem \u201et\u00e4terbezogenen Ermittlungsansatz bei mobilen Intensivt\u00e4tern der Eigentumskriminalit\u00e4t\u201c ausging. Als mobile Intensivt\u00e4ter gelten demnach Personen, die innerhalb des letzten Jahres bei mindestens f\u00fcnf Eigentumsdelikten in mindestens drei Kreispolizeibezirken polizeilich als Tatverd\u00e4chtige in Erscheinung treten, aber auch solche, von denen angenommen wird, dass sie besagte Kriterien ohne polizeiliche Intervention zuk\u00fcnftig erf\u00fcllen werden. Zur Umsetzung des MOTIV-Konzeptes wurde unter anderem eine 54-k\u00f6pfige Koordinierungsstelle eingerichtet, die unter ausgiebiger Nutzung polizeilicher Datenbanken Analysen zu den Tatverd\u00e4chtigen durchf\u00fchrte, u.\u00a0a. um Erkenntnisse \u00fcber Kontaktpersonen zu erhalten. Erfasste Personen, die nicht strafrechtlich sanktioniert werden konnten, wurden zur Polizeilichen Beobachtung ausgeschrieben und durch Gef\u00e4hrderansprachen unter Druck gesetzt. Innerhalb der ersten drei Jahre wurden so mehr als 800 Betroffene als \u201emobile T\u00e4ter\u201c klassifiziert.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Parallel dazu wurden verschiedene Gremien zum bundesweiten polizeilichen Erfahrungs- und Informationsaustausch ins Leben gerufen, so 2014 die Koordinierungsstelle \u201eReisende T\u00e4ter Eigentum\u201c (KOST RTE) zur Kooperation von Kriminal\u00e4mtern und Bundespolizeipr\u00e4sidium, 2015 die Projektgruppe \u201eReisende Wohnungseinbrecher\u201c (PG ReWo) unter Beteiligung der Landeskriminal\u00e4mter und Europols beim BKA. Im Auftrag der IMK erarbeitete eine Bund-L\u00e4nder-Projektgruppe bis 2015 Ma\u00dfnahmen zur Bek\u00e4mpfung des Wohnungseinbruchdiebstahls und empfahl insbesondere den t\u00e4terorientierten Ansatz von MOTIV zur Nachahmung.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Im gleichen Jahr definierte die AG Kripo \u201ereisende T\u00e4ter\u201c f\u00fcr Zwecke der Informationsverarbeitung als \u201ePersonen, die durch einen Zusammenschluss von Straft\u00e4tern, der hierarchisch aufgebaut ist oder sich tempor\u00e4r aus einem losen Netzwerk zusammensetzt oder aus einem Familienverbund besteht und die in einem gr\u00f6\u00dferen geographischen Raum, l\u00e4nder\u00fcbergreifend und\/oder grenz\u00fcberschreitend agieren und \u00fcberwiegend Eigentums- und Betrugsdelikte begehen.\u201c<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Die Unbestimmtheit des Definition sicherte gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Flexibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Auch au\u00dferhalb von NRW entstanden neue Einheiten f\u00fcr Informationsauswertung und -austausch sowie t\u00e4terorientierte Ermittlungen, wie etwa in Hamburg die fast 100-k\u00f6pfige Besondere Aufbauorganisation (BAO) \u201eCastle\u201c, die dort 2015 zur Bek\u00e4mpfung von Einbruchskriminalit\u00e4t eingerichtet wurde,<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> oder in Rheinland-Pfalz, wo im gleichen Jahr die Schaffung zentraler Ermittlungs- und Auswerteeinheiten zur Bek\u00e4mpfung der \u00fcberregionalen bandenm\u00e4\u00dfigen Eigentumskriminalit\u00e4t in allen Polizeipr\u00e4sidien angeordnet wurde.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a><\/p>\n<p>Der Fokus lag dabei keinesfalls nur auf Einbr\u00fcchen. Vielmehr wurden unter der Pr\u00e4misse, dass die verfolgten \u201eBanden\u201c auch in anderen Deliktbereichen aktiv seien, auch Taschen- und Ladendiebstahl oder Trickbetrug etwa durch den \u201eEnkeltrick\u201c in den Blick genommen. Deutlichster Ausdruck dessen war die Fusionierung der vom BKA gef\u00fchrten Verbunddateien \u201eDokumentation Europa-Ost\u201c (DEO), \u201eStraftaten gegen \u00e4ltere Menschen\u201c (S\u00c4M) und \u201eKfZ\u201c zur INPOL-Fall-Datei \u201eEigentums- und Verm\u00f6genskriminalit\u00e4t\u201c (EIVER),<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> die bereits 2012 erfolgt war und deren Bestand im September 2013 mit 117.000 Personendatens\u00e4tzen beziffert wurde.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> Im Sommer 2020 wurde EIVER in den \u201ePolizeilichen Informations- und Analyseverbund\u201c (PIAV) \u00fcberf\u00fchrt. Gef\u00fcttert wird der Datenbestand jedoch weiterhin aus den diversen Fallbearbeitungssystemen, mit denen die Polizeien der L\u00e4nder die wachsende Informationsflut aus ihren Ermittlungsverfahren zu ordnen versuchen.<\/p>\n<h4>Antiziganistische T\u00e4terprofile<\/h4>\n<p>Obwohl es immer wieder auch um \u201egeorgische\u201c oder \u201es\u00fcdamerikanische Banden\u201c ging, hatte die Diskussion um \u201ereisende T\u00e4ter\u201c von Anfang an deutlich antiziganistische Untert\u00f6ne. So vermeldete 2012 der damalige SPD-Innenminister von NRW zu den steigenden Einbruchszahlen: \u201eDieses Ph\u00e4nomen hat seine Ursache in der Gesellschaft, konkret in der Osterweiterung der Europ\u00e4ischen Union. Vor allem die Roma in Bulgarien und Rum\u00e4nien leben in ihrer Heimat unter derart erb\u00e4rmlichen Zust\u00e4nden, dass es sie in ihrer extremen Not nach Deutschland zieht.\u201c<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a> Und mit Blick auf Trickbetr\u00fcgereien hie\u00df es 2013 in der Fachzeitschrift \u201eKriminalistik\u201c: \u201eDer Enkeltrick und dessen Erfindung werden einer ethnischen Gruppe, jener der polnischen Roma, zugeordnet \u2026 Hierbei handelt es sich um ein Netzwerk verwandtschaftlich verbundener Grossfamilien, welches in verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern aktiv ist.\u201c<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a> Die oben genannten Schlussfolgerungen des EU-Ministerrates zur \u201eWanderkriminalit\u00e4t\u201c von 2010 waren ma\u00dfgeblich durch \u00dcberlegungen der belgischen Polizei informiert, die nur wenige Monate zuvor in einem Strategiepapier notiert hat\u00adte, dass zu den \u201eumherziehenden Kriminellen\u201c auch \u201esesshafte Kriminelle\u201c mit belgischer Staatsb\u00fcrgerschaft geh\u00f6rten. Diese seien eigentlich \u201eNomaden ohne ein echtes Heimatland\u201c, die in gro\u00dfen Migrationswellen nach Westeuropa gekommen und mittlerweile eingeb\u00fcrgert w\u00e4ren, ohne den Bruch zwischen mobilem und sesshaften Dasein endg\u00fcltig vollzogen zu haben.<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a> Und im OK-Lagebericht 2011 des europ\u00e4ischen Polizeiamtes Europol hei\u00dft es: \u201eBulgarische und rum\u00e4nische (meist der Roma-Ethnie angeh\u00f6rende) \u2026 Gruppen sind wahrscheinlich die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die Gesellschaft als Ganzes. Roma-Gruppen der organisierten Kriminalit\u00e4t sind extrem mobil und nutzen ihre traditionelle Veranlagung zum Umherziehen optimal.\u201c<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a> In \u00e4hnlicher Tonlage spekuliert ein pensionierter deutscher Ermittler 2014 in der \u201eKriminalistik\u201c \u00fcber \u201eRoma-Syndikate\u201c: \u201eSie kontrollieren l\u00e4ngst europ\u00e4ische (und auch deutsche) Stra\u00dfenstrichs und sie bauen ihre Macht und Einfluss in den Rotlichtmilieus kontinuierlich weiter aus. Der Organisationsgrad solcher Unternehmen scheint erstaunlich hoch. So k\u00f6nnte der Einsatz von Rosenverk\u00e4ufern in Berlin, von Klaukids in Mailand, von Trickdiebst\u00e4hlen und Raubstraftaten in M\u00fcnchen, Hamburg oder Wien ebenso einem straff organisierten System zuzuordnen sein, wie der Stra\u00dfenstrich von Dortmund und die Stricherszene in M\u00fcnchen. Es sind kriminalistisch vielfach noch nicht entschl\u00fcsselte, in ihrer Gesamtheit kaum erkannte Systeme, an deren Spitze ein Clan-Chef stehen k\u00f6nnte, der von Bulgarien aus seine Netze auslegt und die F\u00e4den spannt.\u201c<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a><\/p>\n<h4>Mit Kontrolltagen ins Blaue fahnden<\/h4>\n<p>Was es bedeutet, wenn unter solchen Pr\u00e4missen t\u00e4terorientierte Ermittlungen gef\u00fchrt werden, zeigt sich am Beispiel von Kontrolltagen, mit denen die Polizei in NRW seit 2012 gegen \u201emobile T\u00e4ter\u201c vorgeht. So wurden im November 2012 mehr als 500 Menschen bei Razzien und Wohnungsdurchsuchungen im von s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Zuwanderer*innen gepr\u00e4gten Duisburger Wohnkomplex \u201eIn den Peschen\u201c und vergleichbaren Objekten in anderen St\u00e4dten kontrolliert sowie bei Kontrollen auf Verkehrswegen \u2013 als \u201eVerdachtsindikator\u201c galt \u201einsbesondere auch s\u00fcdl\u00e4ndisches Aussehen\u201c \u2013 etwa 4.000 Fahrzeuge und 5.000 Personen \u00fcber\u00adpr\u00fcft. Obwohl der Einsatz nicht zur Aufkl\u00e4rung irgendwelcher Wohnungseinbr\u00fcche f\u00fchrte, bilanzierte die Polizei ihn als Erfolg: \u201eEin Ziel des Einsatzes war gerade, die Aufenthaltsorte mobiler Gruppen und die Gruppenzusammensetzungen kennenzulernen und besser bewerten zu k\u00f6nnen. So lieferte dieser Teil der Aktion viele Informationen, die jetzt in den Kommissariaten, Ermittlungsgruppen und Auswertestellen zu bewerten und zu strukturieren sind \u2026 Durch die Kontrollen sind bislang noch nicht bekannte Kontaktpersonen, genutzte Fahrzeuge, Aufenthalts- und Kontaktanschriften sowie z.\u00a0T. auch Strukturen von potenziellen T\u00e4tergruppen erfasst worden.\u201c<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a> Zehntausende Menschen wurden in den folgenden Jahren bei vergleichbaren Eins\u00e4tzen \u2013 h\u00e4ufig zusammen mit Bundespolizei, Zoll und den Polizeien der Nachbarl\u00e4nder \u2013 kontrolliert.<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a> Die Ausbeute war regelm\u00e4\u00dfig mager, aber, so ein hoher Polizeibeamter aus NRW: \u201eDie Wirkung solcher Aktionstage ist \u2026 nachhaltig und der wahre Wert oft erst viel sp\u00e4ter zu erkennen, wenn die gewonnenen Erkenntnisse in den Datenbanken verkn\u00fcpft sind, Strukturen erkannt und die Erkenntnisse zur Aufkl\u00e4rung von Taten herangezogen werden k\u00f6nnen.\u201d<a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\">[29]<\/a><\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Die zentrale Funktion der Kontrolltage zur Bek\u00e4mpfung \u201ereisender T\u00e4ter\u201c ist die Intensivierung der \u00dcberwachung eines als kriminell stigmatisierten Milieus \u2013 zumindest in NRW h\u00e4ufig s\u00fcdosteurop\u00e4ische, in der Regel als \u201eRoma\u201c gelesene Zuwanderer*innen. Der Fokus der Eins\u00e4tze orientiert sich an den Analysen und Lagebildern der t\u00e4terorientierten Ermittlungs- und Auswertungseinheiten; die auf diesem Wege gewonnenen \u201eintelligence\u201c flie\u00dft zur\u00fcck in die polizeilichen Fallbearbeitungssysteme, deren Datenbestand auf diese Weise immer weiter w\u00e4chst, um die Verdachtssch\u00f6pfung zu informieren. Entsprechend w\u00e4chst f\u00fcr Menschen aus dem Milieu das Risiko zum Ziel polizeilichen Ma\u00dfnahmen zu werden. Diese f\u00fchren zwar nur selten zur Aufkl\u00e4rung von Eigentumsdelikten, decken daf\u00fcr aber Verst\u00f6\u00dfe etwa gegen das Melde- oder Aufenthaltsrecht auf und tragen so zur Reproduktion des Stigmas bei.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0 St\u00e4ndige Konferenz der Innenminister und -senatoren der L\u00e4nder: Sammlungen der zur Ver\u00f6ffentlichung freigegebenen Beschl\u00fcsse der 204. Sitzung vom 15. bis 17. Juni 2016,<br \/>\nS. 14f. und der 205. Sitzung der St\u00e4ndigen Konferenz der Innenminister und -senatoren der L\u00e4nder am 29. bis 30. November 2016 in Saarbr\u00fccken, S. 19ff.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0 55. Gesetz zur \u00c4nderung des Strafgesetzbuches \u2013 Wohnungseinbruchdiebstahl v. 17.7.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0 Bundeskriminalamt: Wohnungseinbruchsdiebstahl, www.bka.de\/DE\/UnsereAufgaben\/Deliktsbereiche\/Wohnungseinbruchdiebstahl\/wohnungseinbruchdiebstahl_node.html<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0 zit. in Bernhardt, T.: Eigentumskriminalit\u00e4t \u2013 Kein regionales Problem, sondern l\u00e4nder\u00fcbergreifendes Ph\u00e4nomen, in: Die Polizei 2015, H. 1, S. 12-16 (12)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0\u00a0 Bundeskriminalamt: Organisierte Kriminalit\u00e4t. Bundeslagebild 2015, Wiesbaden 2015,<br \/>\nS. 37<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0\u00a0 Gemeinsame Richtlinien \u00fcber die Zusammenarbeit von Staatsanwaltschaft und Polizei bei der Verfolgung der Organisierten Kriminalit\u00e4t, Anlage E der Richtlinien f\u00fcr das Strafverfahren und das Bu\u00dfgeldverfahren (RiStBV), Nr. 2.1<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0\u00a0 s. etwa die Antwort des Innenministeriums Rheinland-Pfalz auf eine Anfrage der CDU zu Wohnungseinbr\u00fcchen, LT Rheinland-Pfalz, Drs. 16\/5211 v. 29.6.2015, S. 4<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0\u00a0 Europ\u00e4ischer Rat: Strategie f\u00fcr die innere Sicherheit der Europ\u00e4ischen Union. Auf dem Weg zu einem europ\u00e4ischen Sicherheitsmodell, Luxemburg 2010, S. 15<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0\u00a0 KOM(2010) 673 v. 22.11.2010, S. 4<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Ratsdok. 15875\/10 v. 5.11.2010, S. 4<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> s. T\u00f6pfer, E.: The EU\u2019s fight against \u201citinerant crime\u201d. Antigypsyist policing under a new name? in: Cort\u00e9s G\u00f3mez, I.; End, M. (Hg.): Dimensions of Antigypsyism in Europe. Brussels 2019. S. 162-179 (170ff.)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> P\u00fctter, N.: Der OK-Komplex. Organisierte Kriminalit\u00e4t und ihre Folgen f\u00fcr die Polizei in Deutschland, M\u00fcnster 1998<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> B\u00e4cker, M.: Kriminalpr\u00e4ventionsrecht. Eine rechtsetzungsorientierte Studie zum Polizeirecht, zum Strafrecht und zum Strafverfahrensrecht, T\u00fcbingen 2015, S. 53ff.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Gemeinsame Richtlinien a.a.O. (Fn. 7), Nr. 6.4<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Eschermann, J.: Stellungnahme zur Anh\u00f6rung des Innenausschusses des Landtags Nordrhein-Westfalen am 27.10.2016 zum Antrag der Fraktion der CDU: \u201eMa\u00dfnahmenpaket zur Bek\u00e4mpfung des Wohnungseinbruchdiebstahls\u201c, D\u00fcsseldorf 2016, S. 21ff.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> ebd., S. 28<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Abgeordnetenhaus Berlin, Drs. 18\/20766 v. 12.09.2019, S. 14<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> B\u00fcrgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg Drs.\u00a021\/6667 v. 18.11.2016, S. 3<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> LT Rheinland-Pfalz, Drs. 16\/5211 v. 29.6.2015, S. 7<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> BAO Castle: Reisenden T\u00e4tern auf der Spur. Datenaustausch \u00fcber INPOL-FALL-Eingabe, in: Hamburger Polizeijournal 2016, H. 3. S. 19<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> BT-Drs. 17\/14735 v. 11.9.2013, S. 9<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> zit. in: Linnertz, P.B.: Investition in die Zukunft. Pr\u00e4vention ist der beste Opferschutz, in: Deutsche Polizei 2013, H. 1. S. 34-37 (35)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> M\u00fcller, V.: Die betrogene Generation, in: Kriminalistik 2019, H. 2. S. 116-121 (117)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Commissioner General of the Belgian Federal Police: Tackling of itinerant criminal groups. New challenges, Br\u00fcssel 2010, S. 10f., eigene \u00dcbersetzung aus dem Englischen<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Ratsdok. 8709\/11 v. 6.4.2011, S. 13, eigene \u00dcbersetzung aus dem Englischen<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Paulus, M.: Ungeliebte Roma, in: Kriminalistik 2014, H. 2. S. 81-87 (83)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Redaktion Streife: Einbrecher aufgepasst \u2013 \u00a0wir schieben euch den Riegel vor, in: Die Streife 2013, H. 1. S. 4-7<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> Eschermann a.a.O. (Fn. 16), S. 15f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> Kubicki, F.: MOTIV:\u00a0Landesweite Kontrolltage, in: Die Streife 2014, H. 3. S. 5-9 (7)<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit mehr als zehn Jahren steht die Figur der \u201ereisenden T\u00e4ter\u201c im Zentrum der polizeilichen<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,130],"tags":[215,218,416,1035,1186,1212,1226,1316],"class_list":["post-19310","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-126","tag-antiromaismus","tag-antiziganismus","tag-datenschutz","tag-organisierte-kriminalitaet","tag-rassismus","tag-reisende-taeter","tag-rom_nja","tag-sint_izze"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19310","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19310"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19310\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19310"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19310"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}