{"id":19678,"date":"2018-07-23T16:24:04","date_gmt":"2018-07-23T16:24:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=19678"},"modified":"2018-07-23T16:24:04","modified_gmt":"2018-07-23T16:24:04","slug":"granatwerfer-fuer-die-polizei-militaerisch-geruestet-gegen-terror-und-im-alltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=19678","title":{"rendered":"Granatwerfer f\u00fcr die Polizei &#8211; Milit\u00e4risch ger\u00fcstet gegen Terror und im Alltag"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die st\u00e4ndige Warnung, dass die Bundesrepublik oder gar die gesamte EU im \u201eFadenkreuz des internationalen Terrorismus\u201c st\u00fcnden, erzeugt sprachlich einen permanenten Ausnahmezustand, der sich nicht nur in der Nachr\u00fcstung des Polizei-, Geheimdienst- und Strafverfolgungsrechts niederschl\u00e4gt, sondern auch auf der Ebene der Ausstattung und Ausbildung der Sicherheitskr\u00e4fte. <\/strong><\/p>\n<p>Vielfach wurde in den vergangenen Jahren dar\u00fcber berichtet, dass die Bundesl\u00e4nder \u201eSturmgewehre\u201c f\u00fcr ihre Polizeien angeschafft haben. Von welchen Einsatzszenarien man dabei ausgeht, hat ein Lobbyist von Heckler &amp; Koch 2016 in der Zeitschrift \u201ePolizeipraxis\u201c der Gewerkschaft der Polizei eindr\u00fccklich dargestellt:<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die Entwicklung der mittlerweile vielfach beschafften MP\u00a07 mit einem Kaliber von 4.6 mm x 30 gehe auf Erfahrungen aus dem Afghanistankrieg der 80er zur\u00fcck, in dem K\u00e4mpfer der Taliban eine Reihe von Kalaschnikow-Magazinen vor der Brust trugen. Diese h\u00e4tten von der bis dahin in Maschinenpistolen verwendbaren Munition nicht durchschlagen werden k\u00f6nnen. Bei den Attentaten von Paris seien die T\u00e4ter aber genau so ausgestattet gewesen. <!--more-->Die MP\u00a07 sei von der Feuerkraft her dem Sturmgewehr Kaliber 5.56 der NATO vergleichbar, aber deutlich leichter in Gewicht und im Handling (und treffe daher \u201eauch bei weiblichen Nutzern auf sehr hohe Akzeptanz\u201c). Mit entsprechender Zieloptik sei eine \u201eEinsatzreichweite\u201c von bis zu 200 m mit \u201ewirksamen Brusttreffern\u201c m\u00f6glich \u2013 die bisher im Einsatz befindliche MP\u00a05 schafft nur 75 Meter. Auch deshalb sei die MP\u00a07 seit 2001 beim \u201eKommando Spezialkr\u00e4fte\u201c der Bundeswehr, seit 2004 auch bei der regul\u00e4ren Truppe im Einsatz. Die MP\u00a07 werde von den Armeen oder Polizeien von 30 Staaten genutzt. Hervorgehoben wird auch die speziell f\u00fcr den polizeilichen Einsatz entwickelte Munition mit dem sch\u00f6nen Namen \u201eAction\u201c: Sie gebe ihre Energie komplett im \u201eWeichziel\u201c ab, die Verletzung unbeteiligter ZivilistInnen durch Durchsch\u00fcsse drohe in Zukunft nicht mehr.<\/p>\n<p>Doch nicht nur die Ausstattung auch normaler StreifenpolizistInnen mit Kriegswaffen ist auf dem Vormarsch, noch st\u00e4rker verbreitet ist die Ausstattung mit ballistischer Schutzausr\u00fcstung. Die StreifenpolizistInnen als \u201efirst responder\u201c bed\u00fcrften eines umfassenden Schutzes auch gegen Kriegswaffen vom Kaliber 5.56 (die bisher eingesetzten sch\u00fctzen nur gegen 9\u00a0mm-Kugeln). In der Diskussion wird aber nicht nur auf terroristische Bedrohungslagen Bezug genommen. So berichtet der marktbeherrschende Hersteller ballistischer Schutzhelme f\u00fcr den deutschen Markt, Ulbricht Protection aus \u00d6sterreich, gern einen Fall aus Baden-W\u00fcrttem\u00adberg: Ende Juli 2017 kam es hier zu einer Schie\u00dferei in einer Diskothek, der eingesetzte Streifenpolizist \u00fcberlebte demnach nur dank eines Titan-Helms von Ulbricht Protection. Am Messestand der Firma beim Europ\u00e4ischen Polizeikongress im Februar 2018 in Berlin wurde ein Modell vorgef\u00fchrt, an dem sich neben einem ballistischen Schutzvisier auch ein Lederschurz f\u00fcr den Nacken anbringen l\u00e4sst \u2013 geeignet f\u00fcr den Einsatz bei Demonstrationen. Wie der Vertreter von Ulbricht in seinem Werbevortrag beim Europ\u00e4ischen Polizeikongress vermeldete, seien mittlerweile 80 Prozent der deutschen Polizei von seiner Firma ausger\u00fcstet, davon 90 Prozent mit Titan-Helmen der neuesten Generation. Die passive Bewaffnung der Polizei ist schon jetzt nicht mehr nur auf den terroristischen Ernstfall ausgerichtet.<\/p>\n<h4>Tradition bei der Bundespolizei<\/h4>\n<p>Bei der Bundespolizei (BPol) hat der Einsatz von Sturmgewehren eine lange Tradition, die sich aus ihrer Geschichte als paramilit\u00e4rische Grenzschutztruppe erkl\u00e4rt. Anfang der 50er Jahre, noch vor der Gr\u00fcndung der Bundeswehr, wurde beim damaligen Bundesgrenzschutz das G1 eines belgischen Herstellers als Standardgewehr eingef\u00fchrt, 1958 folgte dann das G3 von Heckler\u00a0&amp;\u00a0Koch. Erst 1996 wurde es wie in der Bundeswehr durch das G36, ebenfalls von Heckler\u00a0&amp;\u00a0Koch, ersetzt. W\u00e4hrend es allerdings bei der Bundeswehr keine Zukunft mehr hat, bleibt es bei der BPol in Gebrauch. F\u00fcr die derzeit noch in Aufstellung befindlichen neuen Sondereinheiten der BPol, die \u201eBeweissicherungs- und Festnahmeeinheiten +\u201c (BFE+), wurde mit dem G36c eine Kurzvariante beschafft, die f\u00fcr den Einsatz in H\u00e4usern und engen Stra\u00dfen besser geeignet ist als der geschasste gro\u00dfe Bruder in der Armee. Von der GSG\u00a09 wird sie schon l\u00e4nger genutzt.<\/p>\n<p>Auch in puncto Schutzausstattung greift die BPol auf milit\u00e4rische Ausr\u00fcstung zur\u00fcck, nicht nur bei den BFE+. 2011 beschaffte sie \u00fcber einen Rahmenvertrag der Bundeswehr f\u00fcr den Einsatz in Afghanistan den \u201eEAGLE IV\u201c, ein leicht gepanzertes Aufkl\u00e4rungsfahrzeug. 2015 wurden die zehn beschafften Fahrzeuge nach Deutschland \u00fcberf\u00fchrt und Anfang 2017 f\u00fcr den Einsatz an Flugh\u00e4fen umger\u00fcstet, die Ausstattung mit einer Waffenanlage wird gepr\u00fcft.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Wie twitter-Fotos der BPol zeigten, kam der EAGLE IV allerdings auch in Hamburg w\u00e4hrend des G20-Gipfels zum Einsatz.<\/p>\n<h4>Aufr\u00fcstung bei den L\u00e4ndern<\/h4>\n<p>Auch bei den L\u00e4ndern ist der Einsatz von halbautomatischen Maschinenpistolen nicht neu. In den 70er Jahren wurde die MP\u00a05 von Heckler &amp; Koch beschafft, um Feuergefechte mit Mitgliedern der RAF bestehen zu k\u00f6nnen. Neu eingef\u00fchrt wird bei vielen nun die MP\u00a07. Doch nicht nur Heckler\u00a0&amp;\u00a0Koch, auch andere deutsche Waffenschmieden wie Haenel, Rheinmetall und SIG Sauer profitieren von den \u00fcber 500 Millionen Euro, die Bund und L\u00e4nder 2016-2017 in neue Ausr\u00fcstung stecken.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Bereits abgeschlossen ist die Beschaffung der MP\u00a07 in Baden-W\u00fcrt\u00adtem\u00adberg; dort wird jeder Streifenwagen mit zwei Exemplaren inklusive elektronischer Zielhilfeeinrichtung (Rotpunktvisier) ausgestattet. Nordrhein-Westfalen gibt f\u00fcr die gleiche Ausstattung der Streifenwagen 13,5 Millionen aus.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Berlin schafft die MP\u00a07 f\u00fcr seine Spezialeinheiten an, wegen Lieferschwierigkeiten musste sich das SEK allerdings 40 Exemplare bei der Bundeswehr ausleihen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Mit Lieferproblemen sind auch andere L\u00e4nder konfrontiert: Bis zur fl\u00e4chendeckenden Ausstattung mit der MP\u00a07 best\u00fcckt Brandenburg deshalb seine Streifenwagen mit alten MP\u00a05, die nun mit Milit\u00e4rmunition benutzt werden.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Niedersachsen r\u00fcs\u00adtete zun\u00e4chst seine 1.200 alten MP\u00a05 mit Zielfernrohren auf und kaufte Baden-W\u00fcrttemberg die ausgemusterten MP\u00a05 ab.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Sachsen-Anhalt pr\u00fcfte zun\u00e4chst, ebenfalls die MP\u00a05 aufzur\u00fcsten oder eine neue Mitteldistanzwaffe zu beschaffen. Bayern hat sich bereits entschieden und im Mai 2018 einen Auftrag f\u00fcr die Beschaffung von 800 Mitteldistanzwaffen \u00f6ffentlich ausgeschrieben. An halbautomatischen Mitteldistanzwaffen neuerer Bauart steht neben der MP\u00a07 auch die MCX von SIG Sauer zur Verf\u00fcgung, von denen Schles\u00adwig-Holstein 522 beschafft.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Auch Berlin wird seine Funkstreifen sowie die BFE mit insgesamt 415 MCX ausstatten.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Hamburg schafft f\u00fcr seine Streifenwagen je zwei MP\u00a05 an und f\u00fcr seine Spezialeinsatzkr\u00e4fte und BFEs 147 CR 223 von Haenel (ebenfalls als Halbautomat). Letztere funktionierten mit der Polizeimunition allerdings nicht richtig, weil sie auf Armeemunition ausgerichtet sind.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Th\u00fcringen und Rheinland-Pfalz pr\u00fcf\u00ad\u00adten nach letztem Stand noch die Anschaffung von Mitteldistanzwaffen.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Eine andere Aufr\u00fcstung vollzieht sich etwas weniger spektakul\u00e4r: Da einige Landespolizeien alte Pistolen im Einsatz haben, f\u00fcr die keine Ersatzteile mehr beschafft werden k\u00f6nnen, waren Neuanschaffungen notwendig. In letzter Zeit wurde dabei die SFP\u00a09 von Heckler &amp; Koch beschafft, die mit 15 statt der bisher \u00fcblichen acht Schuss die Feuerkraft erh\u00f6ht. Dabei sind die Ums\u00e4tze betr\u00e4chtlich: 35.000 SFP\u00a09 werden nach Bayern, 5.900 nach Mecklenburg-Vorpommern, 10.000 nach Berlin, 22.000 nach Niedersachsen, \u00fcber 4.000 nach Brandenburg verkauft.<\/p>\n<p>Die Ausstattung mit ballistischen Helmen und Schutzwesten ist noch umfassender als jene mit neuen Schusswaffen, mindestens zw\u00f6lf Bundesl\u00e4nder haben Helme angeschafft. In welchem Umfang demn\u00e4chst Streifenwagenbesatzungen nicht nur bei Terrorlagen, sondern schon in F\u00e4llen h\u00e4uslicher Gewalt mit ballistischem Helm anr\u00fccken, wird die Zukunft zeigen.<\/p>\n<h4>Gemeinsame Ausbildung und \u00dcbung<\/h4>\n<p>In der Ausbildung gibt es Ber\u00fchrungspunkte zwischen Polizei und Milit\u00e4r bislang vor allem bei den jeweiligen Eliteeinheiten. So kooperieren die Kampfschwimmer der Marine und der GSG\u00a09 bei Ausbildung und Ausr\u00fcstung.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Sowohl die GSG\u00a09 als auch die Kr\u00e4fte des \u201eKommando Spezialkr\u00e4fte\u201c der Bundeswehr werden in Kriegs- und Krisenl\u00e4ndern f\u00fcr F\u00e4lle von Geiselnahmen eingesetzt, die GSG\u00a09 vor allem beim Personen- und Objektschutz wie beispielsweise w\u00e4hrend des Irakkriegs.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Die GSG\u00a09 richtet seit 1983 im Vierjahresrhythmus die \u201eCombat Team Conference\u201c aus, bei der polizeiliche und milit\u00e4rische Spezialeinheiten aus aller Welt gegeneinander antreten. Regelm\u00e4\u00dfiger Bestandteil der Ausbildung sind dabei Elemente des \u201efour block war\u201c. Hierbei geht es darum, auch in besiedeltem Gel\u00e4nde auf eng begrenztem Raum Gefechte von hoher Intensit\u00e4t und gro\u00dfer Zielgenauigkeit zu f\u00fchren. Hier kann durchaus zugleich von Verpolizeilichung des Milit\u00e4rs gesprochen werden: Um die Akzeptanz milit\u00e4rischer Intervention in der betroffenen Bev\u00f6lkerung nicht zu gef\u00e4hrden, ist der einigerma\u00dfen pr\u00e4zise Zugriff auf feindliche Kr\u00e4fte, der zugleich so durchgef\u00fchrt wird, dass ein Gefecht nur von kurzer Dauer ist, einem Bombardement ganzer Stadtteile vorzuziehen. Dieser Logik folgen polizeiliche Spezialeinheiten schon l\u00e4nger.<\/p>\n<p>Die Elemente der Ausbildung f\u00fcr den \u201efour block war\u201c bleiben auch in der Polizei nicht auf \u201eEliten\u201c-Ebene. Die GSG\u00a09 gibt ihre F\u00e4higkeiten in der Ausbildung an Landesspezialkr\u00e4fte und insbesondere an die neuen BFE+ der BPol weiter. Diese sollen hoch ger\u00fcstete AngreiferInnen bek\u00e4mpfen und r\u00e4umlich binden, bis die GSG\u00a09 eingetroffen ist. Weil die \u00dcbungsszenarien von einem Aufeinandertreffen mit milit\u00e4risch ausgebildeten Feinden als quasi neuem \u201eNormaltypus\u201c des terroristischen Anschlags ausgehen, wird eine entsprechende Ausbildung nicht mehr nur f\u00fcr die Spezialeinheiten \u2013 SEK und MEK \u2013 als notwendig angesehen.<\/p>\n<p>Noch im Bau ist \u00dcbungsstadt \u201eSchn\u00f6ggersburg\u201c in der Altmark. Sie wird durch Rheinmetall betrieben, ihre tats\u00e4chlichen Errichtungskosten werden wohl bei 140 Millionen Euro liegen, 40 mehr als in den Planungen. Schon nach Bekanntwerden der Pl\u00e4ne gab es Mutma\u00dfungen, dass nicht nur die Bundeswehr, sondern auch andere Armeen, private Sicherheitsdienstleister \u2013 und die Polizei dort Ausbildungen durchlaufen und \u00dcbungen durchf\u00fchren k\u00f6nnten.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Schlie\u00dflich muss eine solche Einrichtung wirtschaftlich betrieben werden. Auch gemeinsame \u00dcbungen kommen in Betracht. Eine solche fand unter der Bezeichnung GETEX (Gemeinsame Terrorismusabwehr-Exercise) in sechs Bundesl\u00e4ndern mit insgesamt 360 Soldaten vom 6.-8. M\u00e4rz 2017 statt. Das Szenario: Polizeikr\u00e4fte sind durch mehrere terroristische Angriffe gleichzeitig gebunden, die Bundeswehr muss zur Unterst\u00fctzung eingreifen.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<h4>Neue Einsatzkonzepte<\/h4>\n<p>Als im Februar dieses Jahres der Entwurf f\u00fcr ein neues \u201eLeitbild\u201c der Polizei in Nordrhein-Westfalen bekannt wurde, war die Aufregung zun\u00e4chst gro\u00df. Mit der bisher zur\u00fcckhaltenden \u201eNRW-Linie\u201c, die \u201edas Wort als wesentliches taktisches Einsatzmittel\u201c f\u00fcr die BeamtInnen vorgab, hat der neue Slang nicht mehr viel zu tun. \u201eK\u00f6rperliche Robustheit, Pr\u00e4senz und Durchsetzungsf\u00e4higkeit\u201c sollen demnach gest\u00e4rkt werden, wesentlicher Grundsatz: \u201ePolizeibeamte m\u00fcssen durchsetzungsf\u00e4hig und -stark und damit letztlich gewaltf\u00e4hig, aber nicht gewaltaffin werden.\u201c Das entspricht so auch dem Profil modernen Soldatentums \u2013 hier wird eher der besonnene Killer als der skrupellose Rambo gesucht.<\/p>\n<p>Vom Himmel fiel diese Entwicklung im \u00dcbrigen nicht. Schon der ehemalige NRW-Innenminister Ralf J\u00e4ger (SPD) hatte im M\u00e4rz 2016, vier Monate nach den Anschl\u00e4gen von Paris, ein neues Konzept entwickeln lassen, demzufolge StreifenpolizistInnen nicht mehr das Eintreffen von Spezialkr\u00e4ften abwarten sollten, sondern selbst den oder die Attent\u00e4ter \u201estoppen\u201c. Warten auf das Eintreffen von Spezialeinheiten sei \u201ekeine Option\u201c.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Aus dem Personalrat der Polizei kamen Stimmen, die das Konzept als \u201elebensgef\u00e4hrlich\u201c kritisierten. Die Strategie f\u00fchrte als Titel \u201eVorgehensweise bei Szenarien mit sofortiger polizeilicher Interventionserfordernis\u201c (sic!). Alle in der N\u00e4he befindlichen StreifenpolizistInnen sollen sich demnach in kleinen Einheiten aus unterschiedlicher Richtung n\u00e4hern. Eine taktische Vorgehensweise, die ohne entsprechende \u00dcbung und Drill absehbar vor allem zu Opfern unter der Polizei f\u00fchren w\u00fcrde und ohne milit\u00e4risch-taktisch geschulte Einsatzleitung nicht denkbar ist. Aber der Innenminister, der damals wegen der Silvesternacht von K\u00f6ln unter starkem politischen Druck stand, wollte auch hierf\u00fcr sorgen: Das Konzept sah auch spezielle Trainingszentren vor.<\/p>\n<h4>Besseres Sicherheitsgef\u00fchl?<\/h4>\n<p>Im Einsatz sind auch Waffen, die in anderer Ausstattung unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen: So ist die in mehreren Bundesl\u00e4ndern verbreitete Mehrzweckpistole MZP\u00a01, vom Hersteller Heckler &amp; Koch unter der Bezeichnung \u201eHK\u00a069\u201c bzw. \u201eHK\u00a0169\u201c vertrieben, nicht nur f\u00fcr das Verschie\u00dfen von Blend- und Reizgasgranaten geeignet, sondern firmiert nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz unter \u201eGranatmaschinenwaffen, Granatgewehre, Granatpistolen\u201c. Die neu entwickelte \u201eHK\u00a0269\u201c kann auch direkt an das G\u00a036 angebracht werden. Die entsprechenden MZP\u00a01 waren in Hamburg w\u00e4hrend des G20-Gipfels im Einsatz. 22 Reizgasgranaten wurden nach einem Bericht des Hamburger Innensenators durch die s\u00e4chsischen Einsatzkr\u00e4fte verschossen, 21 von jenen aus Th\u00fcringen, 18 von denen aus Bayern.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Letztere d\u00fcrfen nach dem neuen Polizeiaufgabengesetz (PAG) nun nicht nur Reizgasgranaten, sondern auch echte Granaten im Einsatz verwenden. Art.\u00a078\u00a0Abs.\u00a05 PAG wurde so erweitert, dass nicht nur der Einsatz von Handgranaten (wie schon bislang), sondern auch der von \u201eSprenggeschossen, die aus Schusswaffen verschossen werden k\u00f6nnen\u201c erlaubt ist. Die s\u00e4chsischen SEK-Beamten paradierten bei ihrem Einsatz im Schanzenviertel auch gleich mit ihren CR\u00a0223, nicht etwa mit angeklappter Schulterstutze an der Seite, sondern einsatzbereit mit aufgerichtetem Lauf.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> Dies zeigt deutlich, dass ein Ausstrahlen der Militarisierung im Bereich der Terrorismusbek\u00e4mpfung auf ein polizeiliches Einsatzgeschehen gegen allenfalls mit Steinen und Flaschen bewaffnete St\u00f6rer nicht so abwegig ist, wie es Polizei und Waffenlobbyisten darstellen. Ebenfalls in Sachsen wurden bei einer antifaschistischen Demonstration am 2. September 2017 in Wurzen, bei der es lediglich zu vereinzelten St\u00f6rungen durch GegendemonstrantInnen kam, alle f\u00fcnf SEK-Einheiten der s\u00e4chsischen Polizei eingesetzt. Die Sprecherin der s\u00e4chsischen Polizei erkl\u00e4rte auf Nachfrage, dass es bereits im M\u00e4rz 2017 einen Einsatz eines SEK ebenfalls bei einer Demonstration gegeben habe.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Ob eine auf m\u00f6glichst \u00fcberfallartige \u00dcberw\u00e4ltigung des Gegners aus einer Position der St\u00e4rke und Dominanz agierende Spezialeinheit der richtige Akteur ist, um verfassungsm\u00e4\u00dfige Rechte zu sch\u00fctzen, kann bezweifelt werden.<\/p>\n<p>Aber selbst im Hinblick auf die Logik des \u00f6ffentlichen Diskurses um die \u201eInnere Sicherheit\u201c ist die Militarisierung der Polizei im Ergebnis zweifelhaft. Abgestellt wird immer auf das \u201eSicherheitsgef\u00fchl der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger\u201c. Wer schon einmal mit Maschinenpistolen bewaffnete BundespolizistInnen bei der Durchf\u00fchrung einer Personenkontrolle in einem Hauptbahnhof erlebt hat, wird festgestellt haben: Ein Sicherheitsgef\u00fchl mag sich hier durchaus nicht einstellen, das Gegenteil ist der Fall. Wer hochger\u00fcstete BeamtInnen sieht, vermutet Gefahr und ein ebenso hochger\u00fcstetes Gegen\u00fcber. Wer also unterstellen wollte, gerade konservative PolitikerInnen wollten das Gef\u00fchl jenes permanenten Ausnahmezustands gerade erst herstellen, den sie zu bek\u00e4mpfen vorgeben \u2013 der oder die kann sich durch jeden bis an Z\u00e4hne bewaffneten Streifenpolizisten best\u00e4tigt f\u00fchlen.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0 Heft 2\/2016, online unter <a href=\"http:\/\/www.polizeipraxis.de\/ausgaben\/2016\/detailansicht-2016\/artikel\/mp-7-fuer-den-polizeilichen-anti-terror-einsatz.html\">www.polizeipraxis.de\/ausgaben\/2016\/detailansicht-2016\/ artikel\/mp-7-fuer-den-polizeilichen-anti-terror-einsatz.html<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0 Ein neues Kraftpaket im Fuhrpark der Bundespolizei, in: Bundespolizei kompakt 2017, H. 1, S. 50f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0 Die Zeit v. 9.11.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0 Stuttgarter Zeitung v. 28.12.2016<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0\u00a0 Bild v. 1.2.2018<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0\u00a0 svz.de v. 13.7.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0\u00a0 Hannoversche Allgemeine Zeitung v. 1.7.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0\u00a0 Auch hier war zun\u00e4chst das G36c im Gespr\u00e4ch, vgl. Burczyk, D.: Aufr\u00fcstung im Anti-Terror-Kampf, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 112, M\u00e4rz 2017, S. 13-19 (15)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0\u00a0 Der Tagesspiegel v. 23.1.2018; hier wie auch in anderen journalistischen Beitr\u00e4gen wird das MCX als \u201eSturmgewehr\u201c bezeichnet. Dabei handelt es sich jedoch um eine andere Ausf\u00fchrung. Das bei der Polizei eingesetzte MCX kann ab Werk nur Einzelsch\u00fcsse ohne manuelles Nachladen abgeben (Selbstladebuchse oder Halbautomat).<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Hamburger Abendblatt v. 8.8.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Die Zeit v. 9.11.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> <a href=\"https:\/\/veterans22.jimdo.com\/kampfschwimmer\/\">https:\/\/veterans22.jimdo.com\/kampfschwimmer<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Der Spiegel Nr. 9 v. 1.3.2010, S. 38-46<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Ostsee-Zeitung v. 6.10.2018<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> \u00a0 s. den Beitrag von Frank Brendle in diesem Heft<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Rheinische Post v. 30.4.2016<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Die Rheinpfalz v. 18.8.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> <a href=\"https:\/\/p5.focus.de\/img\/fotos\/crop7345804\/2436035994-cfreecrop_21_9-w1280-h720-otx0_y91-q75-p5\/1495d000eefc6a37.jpg\">https:\/\/p5.focus.de\/img\/fotos\/crop7345804\/2436035994-cfreecrop_21_9-w1280-h720-otx0_y91-q75-p5\/1495d000eefc6a37.jpg<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> www.vice.com v. 6.9.2017: Sturmgewehre und Panzerwagen: wie sich die deutsche Polizei militarisiert<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die st\u00e4ndige Warnung, dass die Bundesrepublik oder gar die gesamte EU im \u201eFadenkreuz des internationalen<\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,121],"tags":[209,264,348,709,873,937],"class_list":["post-19678","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-116","tag-anti-terrorismus","tag-ausruestung","tag-bundespolizei","tag-granatwerfer","tag-kriegswaffen","tag-maschinenpistolen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19678","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19678"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19678\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19678"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19678"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19678"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}