{"id":19999,"date":"2022-03-25T21:20:31","date_gmt":"2022-03-25T21:20:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=19999"},"modified":"2022-03-25T21:20:31","modified_gmt":"2022-03-25T21:20:31","slug":"westafrika-eine-kurze-geschichte-der-kontrollierten-migration-in-der-region","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=19999","title":{"rendered":"Westafrika: Eine kurze Geschichte der europ\u00e4ischen Migrationskontrolle"},"content":{"rendered":"<h3>von Sebastian Carlotti<\/h3>\n<p><strong>Im Senegal will Frontex erstmals eine Operation auf dem afrikanischen Kontinent durchf\u00fchren. Die Agentur ist seit ihrer Gr\u00fcndung bereits in den dortigen Gew\u00e4ssern pr\u00e4sent.<\/strong><\/p>\n<p>Im Februar wurde bekannt, dass die Europ\u00e4ische Kommission den senegalesischen Beh\u00f6rden vorgeschlagen hat, zum ersten Mal in der Geschichte <a href=\"https:\/\/digit.site36.net\/2022\/02\/11\/status-agreement-with-senegal-frontex-wants-to-operate-in-africa-for-the-first-time\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">operative Frontex-Kr\u00e4fte in das Hoheitsgebiet eines afrikanischen Staates zu <\/a>entsenden. Die vorgebliche Absicht der Stationierung entlang der Au\u00dfengrenzen des Senegal besteht darin, den Menschenhandel \u00fcber diese Grenzen zu unterbinden. Europa will damit aber vielmehr direkt auf den Routen der Migranten*innen eingreifen, um diese schon &#8222;zu Hause&#8220; zu stoppen.<\/p>\n<p>Der Plan, der vom Senegal noch nicht abgesegnet wurde, sieht eine aktive \u00dcberwachung der so genannten Atlantikroute vor. Au\u00dferdem k\u00f6nnten die Grenzposten zu Mauretanien und anderer Routen \u00fcber Algerien und Libyen \u00fcberwacht werden. Berichten zufolge sollen als Gegenleistung f\u00fcr diese Zusammenarbeit neue Mittel zur Bek\u00e4mpfung der Auswirkungen der Pandemie auf die senegalesische Wirtschaft und die Schaffung neuer M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die legale Migration angeboten werden. Das f\u00fcr einen Frontex-Einsatz n\u00f6tige Abkommen w\u00fcrde auch eine neue Dimension in der Externalisierung der europ\u00e4ischen Grenzen in diesem Gebiet einf\u00fchren und k\u00f6nnte sp\u00e4ter auf Mauretanien ausgedehnt werden.<!--more--><\/p>\n<p><b>Europ\u00e4ische Externalisierung zwischen Schengen und den fr\u00fchen 2000er Jahren<\/b><\/p>\n<p>Angesichts der vielf\u00e4ltigen Formen, die die Externalisierung der europ\u00e4ischen Grenzen im Laufe der Zeit angenommen hat, ist es n\u00fctzlich sich einige der Hauptelemente anzusehen die dem heutigen Kontrollsystem zugrunde liegen. Die Verabschiedung des Schengener Abkommens \u00fcber die Freiz\u00fcgigkeit in Europa in den achtziger Jahren, das die \u00d6ffnung der Binnengrenzen zwischen den EU-Mitgliedsl\u00e4ndern beg\u00fcnstigte, erforderte die gleichzeitige Sicherung der Au\u00dfengrenzen, insbesondere im Falle Italiens und Spaniens. Die spanischen Enklaven von Ceuta und Melilla auf dem afrikanischen Kontinent wurden zu diesem Zeitpunkt als die &#8222;exponierte Flanke&#8220; Europas betrachtet. Bis dahin war die Grenze Spaniens zu Marokko vergleichbar mit jener zu seinen europ\u00e4ischen Nachbarn. Die Abriegelung der EU-Au\u00dfengrenzen war jedoch auch mit einer kontinuierlichen Versch\u00e4rfung der Migrationspolitik von einigen Mitgliedstaaten verbunden, darunter in Frankreich, wo ehemalige Kolonien eine noch relativ g\u00fcnstige Einwanderungs- und Aufenthaltsregelung f\u00fcr deren Einwohner*innen im Mutterland und damit in Europa bedeuteten.<\/p>\n<p>Mit dem Vertrag von Amsterdam wurde 1997 das Schengener Abkommen als fester Bestandteil des &#8222;Acquis communautaire&#8220; eingef\u00fchrt und damit die Grundlage f\u00fcr die St\u00e4rkung der Grenzen Europas zu seinen Nachbarn geschaffen. Ebenfalls in Amsterdam beschlossen die europ\u00e4ischen Regierungen zum ersten Mal eine gemeinsame Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr die Asyl- und Migrationspolitik. Um dieser neuen Verantwortung eine inhaltliche und vor allem strategische Richtung zu geben, fand 1999 eine weitere Tagung des Europ\u00e4ischen Rates in Tampere statt. In diesem Zusammenhang haben die europ\u00e4ischen Beh\u00f6rden eine neue Strategie entwickelt, die auf Zweigleisigkeit abzielt. Einerseits betonte der Rat die Bedeutung der Ursachen, die der Entscheidung der Menschen auszuwandern zugrunde liegen, wie etwa Armut und Arbeitslosigkeit. Andererseits lag der Schwerpunkt auf der direkten Einbeziehung von Drittl\u00e4ndern und ihrer aktiven Mitarbeit bei der Kontrolle ihrer eigenen Grenzen und der Migration. Diese Strategie bestand jedoch mehrere Jahre lang nur auf dem Papier.<\/p>\n<p>In den Jahren kurz nach dem Ratstreffen in Tampere drehte sich die Debatte in Europa haupts\u00e4chlich um die Rolle der Entwicklungshilfe f\u00fcr Drittl\u00e4nder. So wurde die Idee ge\u00e4u\u00dfert, die Auszahlung dieser Mittel an die F\u00e4higkeit der betreffenden Staaten zu kn\u00fcpfen, die Migration nach Europa zu kontrollieren. Einige EU-Mitgliedstaaten, darunter Spanien und Gro\u00dfbritannien, schlugen 2002 auf der Tagung des Europ\u00e4ischen Rates in Sevilla vor die Hilfe f\u00fcr L\u00e4nder zu blockieren, die die \u00dcbereinkommen zur \u00dcberwachung der Grenzen nicht in zufriedenstellender Weise umsetzen w\u00fcrden. Dieser Standpunkt wurde in Sevilla nicht angenommen, stattdessen beschlo\u00df der Europ\u00e4ische Rat, zwar Wirtschaftssanktionen anzuwenden, die Entwicklungshilfe jedoch trotzdem aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p><b>Die Verst\u00e4rkung der Grenzen und erste Versuche der Externalisierung<\/b><\/p>\n<p>Die sichtbarste Folge des Schengener Abkommens war der Bau einer doppelten Reihe von Z\u00e4unen in Ceuta und Melilla, die im Laufe der Zeit zum Symbol des neuen europ\u00e4ischen Sicherheitsbegriffs werden sollten. Zus\u00e4tzlich zu den physischen Absperrungen richtete Spanien 2003 das \u00dcberwachungssystem SIVE (Sistema Integrado de Vigilancia Exterior) ein, um das Mittelmeer und die Stra\u00dfe von Gibraltar zu \u00fcberwachen. Das SIVE wurde von der EU kofinanziert und war das erste kombinierte Radarkontrollsystem zur Fern\u00fcberwachung der Grenzen im Mittelmeerraum, wodurch die \u00dcberfahrt aus Marokko erheblich erschwert und damit gef\u00e4hrlicher wurde.<\/p>\n<p>Aber erst 2005 stellte einen wirklichen Wendepunkt in der europ\u00e4ischen Sicherheitspolitik in Bezug auf Migration dar, als mehr oder weniger zahlreiche Gruppen von Marokko in die spanischen Enklaven von Ceuta und Melilla gelangen wollten. Bei einem der vielleicht spektakul\u00e4rsten Anl\u00e4ufe versuchten Tausende von Migranten*innen, die Z\u00e4une zu st\u00fcrmen und zu durchbrechen, wobei sie sich auf ihre \u00dcberzahl verlie\u00dfen um ihre Chancen zu verbessern. Die Polizeikr\u00e4fte er\u00f6ffneten das Feuer auf diese Menschen und t\u00f6teten mindestens 14 von ihnen. Bis heute ist nicht vollst\u00e4ndig gekl\u00e4rt, ob spanische oder marokkanische Beamt*innen geschossen haben. Sicher ist jedoch, dass dieses Massaker, das als &#8222;Asalto Masivo&#8220; bekannt wurde, die europ\u00e4ische Politik und ihre Bem\u00fchungen um die Externalisierung ihrer Grenzen drastisch ver\u00e4ndert hat. Die unmittelbare Reaktion der marokkanischen Beh\u00f6rden auf den &#8222;Asalto Masivo&#8220; war zun\u00e4chst gewaltsam, indem sie die Lager, die in der N\u00e4he der Exklaven entstanden waren, aufl\u00f6sten und deren Bewohner*innen in die W\u00fcste oder in ihre Herkunftsl\u00e4nder vertrieben.<\/p>\n<p>Die europ\u00e4ischen Regierungen wollten anschlie\u00dfend eine gemeinsame Antwort auf den &#8222;Asalto Masivo&#8220; finden. Wenige Monate sp\u00e4ter brachte die EU den &#8222;Gesamtansatz f\u00fcr Migration&#8220; (GAM) auf den Weg, um die &#8222;globale&#8220; Vision der Einbeziehung von Drittl\u00e4ndern in die Bem\u00fchungen zur Kontrolle der internationalen Migration wieder aufzugreifen und den Faden von Tampere wieder aufzunehmen. Damit hatte die EU zum ersten Mal eine gemeinsame Strategie f\u00fcr die Migrationspolitik eingef\u00fchrt, die das bis dahin unabh\u00e4ngige Handeln ihrer Mitgliedstaaten und deren bilaterale Beziehungen abl\u00f6sen sollte. Die Idee auf EU-Ebene war es, ein System multilateraler Abkommen mit den Herkunfts- und Transitl\u00e4ndern der Migration zu schaffen das flexibel ist und sich schnell an Ver\u00e4nderungen der Migrationsrouten anpassen l\u00e4sst, sodass Migrant*innen daran gehindert werden konnten das europ\u00e4ische Territorium zu erreichen. Einerseits ging es darum, eine Sicherheitspolitik zu entwickeln, die auf Abschreckung abzielt. Es ist daher kein Zufall, dass im selben Jahr 2005 auch die Agentur f\u00fcr K\u00fcstenwache und Grenzschutz, allgemein bekannt als Frontex, offiziell gegr\u00fcndet wurde. Andererseits st\u00fctzte sich der GAM auch auf einen so genannten &#8222;pr\u00e4ventiven&#8220; Ansatz, der durch die F\u00f6rderung der wirtschaftlichen Entwicklung dieser L\u00e4nder bek\u00e4mpfen sollte was man* f\u00fcr die eigentlichen Ursachen dieser Migrationsbewegungen hielt, n\u00e4mlich Armut und eine unterentwickelte Wirtschaft.<\/p>\n<p>Zur Umsetzung dieser Strategie strebte die EU an, mit den Herkunfts- und Transitl\u00e4ndern eine neue Art von Abkommen zu schlie\u00dfen, was zu den Verhandlungen f\u00fcr die sogenannten Mobilit\u00e4tspartnerschaften f\u00fchrte. Insbesondere Westafrika wurde als strategisches Schwerpunktgebiet f\u00fcr die Aushandlung dieser Abkommen festgelegt. Die Partnerschaften umfassten in erster Linie den von den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern so sehr geforderten Schwerpunkt auf Sicherheitsaspekte ihrer Grenzen. In diesem Sinne sollten die afrikanischen Vertragsparteien verschiedene R\u00fcck\u00fcbernahmeabkommen f\u00fcr Abgeschobene akzeptieren und ihre Grenzkontrollen erheblich ausbauen. Europa seinerseits wollte sich dazu verpflichten, die f\u00fcr die Umsetzung dieser Ma\u00dfnahmen erforderlichen \u00f6konomischen und materiellen Mittel wie auch die Ausbildung der Polizei bereitzustellen. Diese Ausrichtung auf Sicherheitsaspekte und insbesondere die Nichtber\u00fccksichtigung der Interessen der L\u00e4nder f\u00fchrte schnell dazu, dass Verhandlungen \u00fcber die Mobilit\u00e4tspartnerschaften auf unbestimmte Zeit ins Stocken gerieten. Denn die westafrikanischen L\u00e4nder waren indes in hohem Ma\u00dfe darauf angewiesen, die Binnen-Freiz\u00fcgigkeit von Saisonarbeiter*innen und qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften in der Region zu erleichtern, so dass jede Ma\u00dfnahme, die dies erschwerte, h\u00f6chst kontraproduktiv war. Die einzige Ausnahme bildete die 2008 mit dem kleinen Inselstaat Kap Verde abgeschlossene Migrationspartnerschaft.<\/p>\n<p><b>Die Rolle Marokkos und der Atlantikroute<\/b><\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Europa die Diskussion wieder in Gang kam, wie\u00a0 Drittl\u00e4nder in die Bem\u00fchungen um die Eind\u00e4mmung von Migration einbezogen werden k\u00f6nnten, ging Marokko weiter mit extremer Gewalt gegen die Migrant*innen in seinem Hoheitsgebiet vor. Nach den Versuchen, die Z\u00e4une der spanischen Exklaven zu durchbrechen, begann Marokko mit wahllosen Razzien in den mehrheitlich von Einwanderer*innen bewohnten Vierteln der wichtigsten St\u00e4dte des Landes. Internationale Verb\u00e4nde und Nichtregierungsorganisationen berichteten \u00fcber willk\u00fcrliche Verhaftungen, die h\u00e4ufig allein auf der Hautfarbe beruhten, unabh\u00e4ngig von dem legalen Status der Betroffenen. Diese wurden von den Polizeikr\u00e4ften festgehalten, entkleidet und ihrer Habseligkeiten beraubt. Es kam zu k\u00f6rperlicher Gewalt und Misshandlungen, bevor die Migrant*innen mitten in der W\u00fcste an der Grenze zu Algerien oder im S\u00fcden des Landes ausgesetzt wurden. Marokko sandte damit ein klares Signal an Europa, dass es ein vertrauensw\u00fcrdiger Partner bei der Migrationskontrolle ist.<\/p>\n<p>Nach dieser Welle der Unterdr\u00fcckung in Marokko wurde der Weg zur europ\u00e4ischen Mittelmeerk\u00fcste f\u00fcr diejenigen, die Europa erreichen wollten, extrem riskant. Infolgedessen haben nun immer mehr Migrant*innen von mauretanischem Hoheitsgebiet mit kleinen Fischerbooten, sogenannten Pirogues und Cayucos, die \u00dcberfahrt zu den Kanarischen Inseln und damit spanischem Hoheitsgebiet im Atlantik versucht. Einige Migrant*innen waren schon zuvor von den K\u00fcsten der Westsahara aus zu den Kanarischen Inseln aufgebrochen. Durch das harte Durchgreifen Marokkos verlagerten sich diese Abfahrten jedoch immer weiter nach S\u00fcden in die St\u00e4dte Nouadhibou und Nouakchott in Mauretanien, was zu einer erheblichen und vor allem gef\u00e4hrlichen Verl\u00e4ngerung der Reise f\u00fchrte.<\/p>\n<p><b>Operation HERA: Die Kanarischen Inseln und die Patrouillen vor der afrikanischen K\u00fcste durch Spanien und Frontex<\/b><\/p>\n<p>Um die Ank\u00fcnfte auf den Kanarischen Inseln zu stoppen, hat Spanien 2005 damit begonnen, das Meer zwischen den Inseln und dem afrikanischen Kontinent massiv zu \u00fcberwachen. Die Guardia Civil richtete an der afrikanischen Atlantikk\u00fcste ein neues, t\u00f6dliches Kontrollsystem ein. Mit der anschlie\u00dfenden Beteiligung von Frontex wurden die Patrouillen ab 2006 \u2013 zun\u00e4chst entlang der marokkanischen, westsaharischen und dann mauretanischen K\u00fcste \u2013 der Operation HERA \u00fcbertragen. Von einer spanischen Leitstelle koordiniert zielte sie darauf ab, die auf spanischem Hoheitsgebiet ankommenden Menschen abzufangen.<\/p>\n<p>Die Mission, die auf der Grundlage bilateraler Abkommen zwischen Spanien und Mauretanien durchgef\u00fchrt wurde, wurde nach einem neuen Abkommen im Jahr 2007 mit den Frontex-Operationen HERA II und III auf die Hoheitsgew\u00e4sser Senegals ausgedehnt. Die Patrouillen in den Hoheitsgew\u00e4ssern dieser L\u00e4nder erwiesen sich als entscheidendes Element der europ\u00e4ischen Gesamtstrategie. Humanit\u00e4re Organisationen haben sie deshalb scharf kritisiert. Frontex ist nach internationalem Recht verpflichtet, abgefangene Boote in den n\u00e4chstgelegenen sicheren Hafen zu bringen. Die Patrouillen in den senegalesischen Hoheitsgew\u00e4ssern erm\u00f6glichten es der Agentur jedoch, abgefangene Boote in H\u00e4fen auf afrikanischem Hoheitsgebiet zu bringen. Auf diese Weise verletzte Europa das Non-Refoulement-Verbot und hinderte potenzielle Asylsuchende daran, auf europ\u00e4ischem Territorium den Fl\u00fcchtlingsstatus zu beantragen.<\/p>\n<p><b>Mauretanien, ein Labor f\u00fcr die Externalisierung von Grenzen<\/b><\/p>\n<p>Als Reaktion auf die Verlagerung der Abfahrten in den S\u00fcden der westafrikanischen K\u00fcsten unternahmen die spanischen Beh\u00f6rden unverz\u00fcglich Schritte zur Aushandlung eines ersten bilateralen Abkommens mit Mauretanien \u00fcber gemeinsame Patrouillen. Spanien sah sich mit einer politisch sehr g\u00fcnstigen Situation konfrontiert, da Mauretanien nach zwei Putschen in den Jahren 2005 und 2008 international isoliert war. Das Land, das seit jeher durch interne ethnische Spaltungen und das Fortbestehen der Sklaverei zerrissen war, erlebte eine politische Instabilit\u00e4t die durch die Isolation noch verschlimmert wurde. Um aus dieser Situation herauszukommen, musste die politische Klasse Mauretaniens normale diplomatische Beziehungen wiederherstellen, insbesondere mit der EU, und war daher geneigt jede Form von Ersuchen zuerst von Spanien und dann von Europa anzunehmen.<\/p>\n<p>Wie wir gesehen haben, spielte Mauretanien eine besondere Rolle bei der Entwicklung der europ\u00e4ischen Externalisierungspolitik. Schon bald wurde das Land zu einer regelrechten Pufferzone, um der Migration nach Europa entgegenzuwirken, und wurde zu einem Versuchslabor f\u00fcr die k\u00fcnftige Zusammenarbeit mit Drittl\u00e4ndern. Im Juli 2003 hatte Mauretanien mit Spanien ein Migrationsabkommen unterzeichnet, in dem sich das Land bereit erkl\u00e4rte, nicht nur mauretanische Staatsangeh\u00f6rige, sondern auch Migrant*innen aus Drittl\u00e4ndern zur\u00fcckzunehmen wenn davon ausgegangen werden konnte, dass sie vor der Einreise nach Spanien Mauretanien durchquert haben.<\/p>\n<p>2006 unterzeichneten Spanien und Mauretanien zwei Abkommen \u00fcber den Einsatz von 250 Beamt*innen der Guardia Civil auf mauretanischem Hoheitsgebiet. Diese Entsendung ausl\u00e4ndischer Polizeikr\u00e4fte diente der Unterst\u00fctzung der \u00f6rtlichen Polizei in den St\u00e4dten Nouadhibou und Nouakchott. Dar\u00fcber hinaus begann Spanien, die mauretanische Polizei mit Ausr\u00fcstung und Kontrollinstrumenten zu versorgen, darunter Hubschrauber und Nachtsichtger\u00e4te. Das Wahrzeichen dieser neuen Zusammenarbeit war jedoch der Bau eines neuen Gefangenenlagers, das unter dem Namen &#8222;Guantanamito&#8220; ber\u00fcchtigt geworden ist &#8211; in Anspielung auf die Gewalt und die bekannte Gesetzlosigkeit des gleichnamigen US-Gefangenenlagers auf kubanischem Gebiet. Guantanamito, offiziell &#8222;Centro de Estancia Temporal de los Inmigrantes&#8220; genannt, befand sich in Nouadhibou und war der Inhaftierung von Migrant*innen vorbehalten, die im Verdacht standen, nach Europa reisen zu wollen. Das Fehlen von Gesetzen, auf denen diese Inhaftierungen basierten, war offensichtlich, denn bis 2010 gab es in Mauretanien keine Gesetze bez\u00fcglich einer &#8222;irregul\u00e4ren&#8220; Migration. In einer ethnisch gespaltenen Gesellschaft nutzten die mauretanischen Beh\u00f6rden den Kampf gegen die Migration nach Europa, indem sie zahlreiche Menschen in &#8222;Guantanamito&#8220; aufgrund ihrer ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit inhaftierten und so die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten Gruppe und die Hautfarbe zum Vorwand f\u00fcr einen Migrationsverdacht machten. Diese Situation wurde noch dadurch versch\u00e4rft, dass in der Region das Reisen von einem Land in ein anderes Tradition hat und seit jeher informell war.<\/p>\n<p>Trotz der Kritik von humanit\u00e4ren Organisationen war die Verhaftung und Abschiebung selbst mauretanischer Staatsangeh\u00f6riger an den Grenzen zu Mali und Senegal \u00fcber mehrere Jahre hinweg g\u00e4ngige Praxis. Vor allem in Zeiten, in denen nur wenige Migrant*innen auf See oder an der K\u00fcste gestoppt werden konnten, organisierten die mauretanischen Beh\u00f6rden Razzien und willk\u00fcrliche Verhaftungen in Stadtvierteln mit einer hohen Bev\u00f6lkerungsdichte ethnischer Minderheiten. Dieses System wurde von Ruben Andersson als &#8222;Zahlenspiel&#8220; bezeichnet, d.h. eine k\u00fcnstliche Erh\u00f6hung der Zahl der Festgenommenen, um Zuverl\u00e4ssigkeit und Eifer bei der Einhaltung der Grenzkontrollvereinbarungen zu demonstrieren. Die EU war ihrerseits sehr aktiv bei der Finanzierung des Baus neuer Grenz\u00fcberg\u00e4nge in Mauretanien und stellte zwischen 2008 und 2013 bis zu acht Millionen Euro \u00fcber den Europ\u00e4ischen Entwicklungsfonds und das Stabilit\u00e4tsinstrument bereit. So finanzierte Europa allein im Jahr 2010 den Bau von 45 neuen mauretanischen Grenz\u00fcberg\u00e4ngen, die zu obligatorischen Grenz\u00fcberg\u00e4ngen an der Grenze zu Senegal und Mali wurden.<\/p>\n<p>Im Rahmen der bilateralen Zusammenarbeit wurde auch die mauretanische Gendarmerie mit Ressourcen und Schulungsma\u00dfnahmen aus Spanien unterst\u00fctzt, um damit die \u00dcberwachung der mauretanischen K\u00fcste weiter zu verbessern. Das neue Kontrollsystem wurde schnell mit einer breiten Palette an technologischer Unterst\u00fctzung wie der Satelliten\u00fcberwachung, dem Einsatz von Drohnen und Schiffen zur direkten \u00dcberwachung der Hoheitsgew\u00e4sser von Mauretanien und Senegal erg\u00e4nzt. Diese Ma\u00dfnahmen hatten den vorgeblichen Zweck, Schiffbr\u00fcche und die zahlreichen Todesf\u00e4lle auf See zu verringern, aber vor allem wollten Europa und Spanien das Medieninteresse an diesen Ereignissen d\u00e4mpfen. Die Patrouillen an den Atlantikk\u00fcsten und die Zur\u00fcckweisung von Booten wurden als humanit\u00e4re Ma\u00dfnahmen zur Rettung von Menschenleben getarnt. Die Logik war einleuchtend: Indem man* Migrant*innenen daran hinderte, in See zu stechen, w\u00fcrde man* auch die M\u00f6glichkeit von Schiffsungl\u00fccken vermeiden. Dieser rhetorische Rahmen sollte in den folgenden Jahren eine Konstante in der europ\u00e4ischen Kommunikation sein, auch im Mittelmeerraum. Was die HERA-Operation anbelangt, so wurden 2006 auf den Kanarischen Inseln rund 30.000 Ank\u00fcnfte registriert. Doch nach der Ausweitung des Aktionsradius von Frontex auf die senegalesische K\u00fcste sank die Zahl der Ank\u00fcnfte drastisch. Die HERA-Operation, die von Frontex und Europa als gro\u00dfer &#8222;humanit\u00e4rer&#8220; Erfolg gefeiert wurde, zwang diejenigen, die f\u00fcr ihr Wohlergehen europ\u00e4isches Territorium erreichen wollten, l\u00e4ngere und vor allem gef\u00e4hrlichere Routen einzuschlagen.<\/p>\n<p>Damals begannen die Menschen, ihre Routen \u00fcber Niger und Libyen auf das afrikanische Binnenmeer, die Sahara, zu verlegen. Trotz dieses Wandels hat die Atlantikroute im Laufe der Jahre eine zentrale Rolle behalten, auch hinsichtlich des Todes von Menschen die versucht haben, diese lange Seestrecke zu \u00fcberqueren. Ein trauriges Zeugnis daf\u00fcr ist der Anstieg der Abfahrten zu den Kanarischen Inseln ab 2019, der auf die zunehmende Militarisierung im Mittelmeer und die neue Rolle der libyschen Milizen bei der Kontrolle der Mittelmeerrouten nach Italien zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Zwischen 2020 und 2021 ist abermals eine Zunahme der Abfahrten zu verzeichnen und leider auch eine Zunahme der Opfer auf See. Sch\u00e4tzungen zufolge sind in dieser Zeit mehr als 4.400 Menschen ertrunken oder werden vermisst.<\/p>\n<h6>Der Text <a href=\"https:\/\/sciabacaoruka.asgi.it\/prove-di-esternalizzazione-dei-confini-in-africa-occidentale-una-breve-storia-del-controllo-remoto-delle-migrazioni-nella-regione\/\" target=\"_top\" rel=\"noopener\">erschien zuerst auf einer Webseite der italienischen Organisation ASGI<\/a> und wurde mithilfe von DeepL ins Deutsche \u00fcbersetzt.<\/h6>\n<h3>Beitragsbild: Frontex-Director Fabrice Leggeri 2018 in Senegal (<a href=\"https:\/\/frontex.europa.eu\/media-centre\/news\/news-release\/frontex-executive-director-visits-senegal-GRREJ8\">Frontex<\/a>).<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Sebastian Carlotti Im Senegal will Frontex erstmals eine Operation auf dem afrikanischen Kontinent durchf\u00fchren.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":20005,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[577,639,749,939,1278,1345],"class_list":["post-19999","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog","tag-externalisierung","tag-frontex","tag-hera","tag-mauretanien","tag-senegal","tag-spanien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19999","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19999"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19999\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/20005"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19999"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19999"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19999"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}