{"id":20104,"date":"2020-05-05T15:59:29","date_gmt":"2020-05-05T15:59:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=20104"},"modified":"2020-05-05T15:59:29","modified_gmt":"2020-05-05T15:59:29","slug":"einsatzmittel-smartphone-nutzung-von-mobiltelefonen-im-polizeilichen-arbeitsalltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=20104","title":{"rendered":"Einsatzmittel Smartphone:\u00a0Nutzung von Mobiltelefonen im polizeilichen Arbeitsalltag"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Ausstattung der deutschen Polizeien mit Smartphones ist Teil des Projekts \u201ePolizei 2020\u201c und soll den Arbeitsalltag der Beamt*innen erleichtern. Als soziales Objekt legt das Smartphone aber Kommunikations- und Handlungspraktiken nahe, die abseits dienstlicher Aufgaben liegen. <\/strong><\/p>\n<p>Unter dem Projekt \u201ePolizei 2020\u201c wollen die Innenminister*innen von Bund und L\u00e4ndern nicht nur das Informationswesen der Polizeien des Bundes und der L\u00e4nder vereinheitlichen, sondern auch explizit (digitale) Technik zum Ausbau des Informationsmanagements in der Polizei entwickeln und\/oder erweitern. Konkret sieht das Programm vor, die Polizei mit PCs, Tablets und Smartphones auszustatten.<!--more--><\/p>\n<p>Anfang 2020 wurde beispielsweise die Polizei in Nordrhein-Westfalen mit insgesamt 20.000 Smartphones (konkret mit dem IPhone 8) ausger\u00fcstet. Auf diesen befinden sich Programme, die das polizeiliche Arbeiten aus Sicht des Innen\u00administeriums verbessern und erleichtern sollen, wie ein speziell f\u00fcr die Polizei entwickelter Messenger sowie Apps, die den direkten Zugriff auf polizeilich erfasste Daten, Ausweis- und KfZ-Daten erm\u00f6glichen, entsprechende Informationen vor Ort auslesen und diese dann mit den gespeicherten Informationen abgleichen k\u00f6nnen. Auch die Warnapp NINA (Notfall-Informations- und Nachrichten-App des Bundesamts f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz und Katastrophenhilfe) und Programme f\u00fcr den Zugriff auf die dienstlichen Emails sind auf den Telefonen installiert.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> NRW ist jedoch nicht das einzige Bundesland, das dienstliche Smartphones in den Arbeitsalltag der Beamt*innen eingef\u00fchrt hat. Auch Rheinland-Pfalz will seine Beamt*innen bis 2021 mit Smartphones samt dem selbst entwickelten Messenger \u201epoMMes\u201c (polizeilicher Multimedia-Messenger) ausr\u00fcsten.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Niedersachsen und Hessen arbeiten bereits mit dem Messenger Stashcat, der mit dem in der Polizei bereits bekannten Funkger\u00e4te-Hersteller Hytera und dem Anbieter f\u00fcr Kommunikationsplattformen Frequentis zusammenarbeitet.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Die Einf\u00fchrung von Smartphones zur dienstlichen Nutzung im Arbeitsalltag lehnt sich eng an verbreitete Gewohnheiten im Umgang mit Technik an. Es liegt nahe, ein Objekt wie das Smartphone, das f\u00fcr die meisten Beamt*innen ein Alltagsbegleiter ist, zu einem beruflich nutzbaren Gegenstand zu machen, der auch noch Arbeitserleichterung verspricht. Die M\u00f6glichkeiten erscheinen nahezu endlos: Nachschlagewerke, wie die App kapoPEDIA der Kantonspolizei St. Gallen, versprechen schnell abrufbares Wissen \u00fcber polizeiliche Ma\u00dfnahmen und rechtliches Hintergrundwissen, das besonders f\u00fcr Beamt*innen in den ersten Ausbildungsjahren attraktiv sein soll. Eingebaute Ortungssysteme informieren w\u00e4hrend einer polizeilichen Ma\u00dfnahme die Dienststelle \u00fcber den Aufenthaltsort ihrer Beamt*innen, ohne dass dies direkt mit den Mitarbeiter*innen r\u00fcckgekoppelt wird, und implementierte Fingerabdruckscanner sollen die vor-Ort-Identit\u00e4tsfeststellung von Personen erleichtern. Kurz: Das Smartphone soll zum taktischen Begleiter im polizeilichen Alltag werden und dabei Arbeitszeit und -aufwand reduzieren.<\/p>\n<p>Daher reagierte das \u00f6sterreichische Innenministerium im Sommer 2019 mit gro\u00dfem Unverst\u00e4ndnis auf den Befund, dass trotz dieser goldenen Versprechen ein gro\u00dfer Teil der Beamt*innen die angeschafften Smartphones und Tablets nicht benutzt.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Der Grund: die Polizist*innen haben Bedenken, weil sie sich durch die Dienstsmartphones \u00fcberwacht f\u00fchlen. Allein die M\u00f6glichkeit, jederzeit den Aufenthaltsort zu bestimmen, erh\u00f6ht die Kontrolle auf die Polizist*innen. Dass Polizist*innen ein Ger\u00e4t zur Verf\u00fcgung gestellt wird, hei\u00dft also noch lange nicht, dass es auch genutzt wird \u2013 und noch viel weniger ist dar\u00fcber ausgesagt, wie es genutzt wird.<\/p>\n<p>Medien erf\u00fcllen keinen Zweck an sich, sondern sind stets eingebunden in soziale und kulturelle Kontexte, Machtverh\u00e4ltnisse und normative Rahmungen. Dinge k\u00f6nnen daher nur innerhalb ihrer sozialen und kulturellen Einbindung und der daraus resultierenden Nutzungspraktiken und Umgangsweisen verstanden werden.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Im Folgenden soll also weder der Gro\u00dfartigkeit der Technik gehuldigt, noch ein Technikdeterminismus beschworen werden. Vielmehr geht es darum nachzuzeichnen, in welcher Weise Smartphones im Alltag der Beamt*innen bestimmte Handlungs- und Kommunikationsmuster erm\u00f6glichen oder bef\u00f6rdern, w\u00e4hrend sie andere ver- oder behindern.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Oder kurz: Was machen Polizist*innen mit dem Smartphone und was macht das Smartphone mit den Polizist*innen?<\/p>\n<h4>Das Smartphone als Begleiter im Arbeitsalltag<\/h4>\n<p>Das Handy selbst ist wie selbstverst\u00e4ndlich bereits seit Jahren Teil der polizeilichen Arbeitswelt. Zun\u00e4chst wurde es nicht als Diensthandy, sondern als Ermittlungsgegenstand in der polizeilichen Praxis relevant: Besonders im kriminalpolizeilichen Bereich ist das Handy ein begehrtes Objekt, das Zugang zu der Sozial- und Kommunikationswelt der Besitzer*innen bieten kann und damit nicht selten im Zentrum polizeilicher Ermittlungen steht. Allein 2019 hat die Polizei Berlin 336.569 sogenannte \u201eStille SMS\u201c versandt, um Standort oder Bewegungsprofile von Betroffenen zu erhalten und entsprechende Ma\u00dfnahmen, z. B. Festnahmen, treffen zu k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Auch das Abh\u00f6ren von Gespr\u00e4chen oder das Mitschneiden von Messenger-Unterhaltungen sind polizeiliche Ma\u00dfnahmen, die (fremde) Handys als Zielobjekte f\u00fcr Ermittlungen ausweisen.<\/p>\n<p>Doch auch abseits kriminalpolizeilicher Ermittlungen sind Handys, und insbesondere Smartphones, Teil des polizeilichen Alltags. Peter Ullrich und Philipp Knopp haben analysiert, dass Smartphones auch im Rahmen von Gro\u00dfveranstaltungen und Protesten quantitativ und qualitativ an Relevanz gewinnen und \u201eheute bei politischen Protesten allgegenw\u00e4rtig\u201c sind; auch weil sie Demonstrierende \u201ezumindest partiell in die Lage (versetzen), eine \u201aneue Sichtbarkeit\u2018 polizeilicher Handlungen zu erzeugen\u201c.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Dabei meint Sichtbarkeit nicht in erster Linie das tats\u00e4chliche Abbild des Ereignisses, das auf Video festgehalten wird, sondern vielmehr die m\u00f6gliche mediale und soziale Verbreitung des Videos, die Debatten um das polizeiliche Handeln erst erm\u00f6glicht. Gerade diese Sichtbarkeit f\u00fchrt dazu, dass Beamt*innen eher abwehrend auf das Filmen ihrer Eins\u00e4tze reagieren und nicht selten gegen die Filmenden vorgehen.<\/p>\n<p>Es sind die technischen M\u00f6glichkeiten des Ger\u00e4ts, die in diesem Kontext relevant werden und neue Handlungsr\u00e4ume er\u00f6ffnen: Im Smart\u00adphone sind sowohl Videokamera und Fotoapparat als auch Audioaufnah\u00admeger\u00e4t enthalten. Das Aufgenommene kann daraufhin sofort versendet und in Chatgruppen oder sozialen Netzwerken geteilt werden. Es ist diese dem Smartphone innewohnende M\u00f6glichkeit zur Sozialit\u00e4t, die das \u201afremde\u2018 Ger\u00e4t f\u00fcr die Beamt*innen als Ermittlungsobjekt interessant und \u2013 wenn die Kontrolle dar\u00fcber nicht m\u00f6glich ist oder es gar \u201egegen\u201c die Beamt*innen verkehrt wird \u2013 zugleich unheimlich werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Als Diensthandys erg\u00e4nzen Mobiltelefone den Funk auch als Arbeits\u00admittel \u2013 nicht nur dann, wenn der Funk aus technischen Gr\u00fcnden nicht funktioniert, sondern vielmehr aus praktischen Notwendigkeiten heraus. So kann es gerade in Gro\u00dfst\u00e4dten mit einem ausgebauten Stra\u00dfen-, S- und U-Bahnnetz vorkommen, dass die \u00f6rtliche Streifenpolizei w\u00e4hrend eines Einsatzes, z. B. bei der Suche nach einer suizidalen Person, auch mit der Bundespolizei, die in Deutschland f\u00fcr den Bahn- und Schienenverkehr verantwortlich ist, zusammenarbeitet, mit welcher sie sich jedoch keinen gemeinsamen Funkkanal teilt. Zur Verst\u00e4ndigung w\u00e4hrend der Suche, die \u00fcber einen gr\u00f6\u00dferen Distanzbereich erfolgt, wird dann h\u00e4ufig das Handy eingesetzt, um einen st\u00e4ndigen Kontakt zu den Kolleg*innen zu halten. Wenngleich sowohl \u00fcber Funk als auch \u00fcber das Mobiltelefon Informationen ausgetauscht werden k\u00f6nnen, unterscheidet sich die Kommunikation beider Ger\u00e4te voneinander. Weil Funkgespr\u00e4che grunds\u00e4tzlich von allen in der Funkgruppe mitgeh\u00f6rt werden (k\u00f6nnen), werden Absprachen \u00fcber das weitere praktische Vorgehen, sensible Informationen oder rechtliche R\u00fcckversicherungen im Regelfall \u00fcber das Handy mit der Dienststelle kommuniziert. Damit wird einerseits ein st\u00e4ndiges \u201aGrundrauschen\u2018 auf dem Funkkanal reduziert und der Funk nicht blockiert und andererseits die Vertraulichkeit der kommunizierten Informationen gew\u00e4hrleistet. W\u00e4hrend beim Funk also potenziell auch die Vorgesetzten und Kolleg*innen zuh\u00f6ren, kann Kommunikation mit dem Handy sehr viel gezielter stattfinden. In der direkten Ansprache ist ein informelleres Gespr\u00e4ch und damit auch der Austausch \u00fcber diffizile und m\u00f6glicherweise problematische Themen m\u00f6glich. Dinge werden aber nicht nur anders sagbar, weil der Nutzer*innenkreis als \u00fcberschaubar eingesch\u00e4tzt wird, sondern auch weil der Funk, aufgrund seiner Struktur und seiner Funktionsweise, spezifische Umgangsweisen erm\u00f6glicht und andere begrenzt. Diese den Medien eingeschriebenen Praxisaufforderungen und -beschr\u00e4nkungen bezeichnet der Psychologe James Gibson als \u201eaffordances\u201c (dt. Affordanzen).<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Der Funk affordiert also einen spezifischen Umgang und auch eine spezifische Sprechweise. Er ist pragmatisch und gerade in Stresssituationen von kurzen und eindeutigen Aussagen gepr\u00e4gt, die notwendig sind, um Arbeitsanweisungen oder handlungsleitende Informationen an die Beamt*innen vor Ort zu vermitteln. Dies funktioniert auch deshalb, weil der Funk ein reines Arbeitsmittel ist und im privaten Bereich kaum eine Rolle spielt. Seine Funktion ist also im Wesentlichen auf den (arbeitsrelevanten) Informationsaustausch beschr\u00e4nkt. Im Unterschied dazu ist das Mobiltelefon und besonders das Smartphone ein Gegenstand, der Polizist*innen auch in ihrem privaten Alltag begleitet und damit Praktiken jenseits der Organisation der Polizei affordiert. Zentraler als das Telefonieren sind dabei die zahlreichen Messenger- oder Social-Media-Apps, die die Kommunikation und das Teilen von Inhalten mit (vielen) anderen (gleichzeitig) erm\u00f6glichen. Vor allem auch, weil die Gruppenfunktion von Messen\u00adgerdiensten einen vergemeinschaftenden Austausch \u00fcber erlebte Eins\u00e4tze oder Kuriosit\u00e4ten aus dem Dienstalltag erm\u00f6glicht und so auch verbindende Narrative und statusrelevante Heldenerz\u00e4hlungen konstituiert.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Dazu kommt, dass die polizeiliche Mediennutzung starken Regeln unterliegt und so z. B. auf den Dienstcomputern kein vollst\u00e4ndiger Internetzugriff m\u00f6glich ist. Dieser Umstand und die vergemeinschaftende Funktion des Smartphones f\u00fchren dazu, dass die Polizist*innen das private, eigene Smartphone parallel zu dem Diensthandy nutzen \u2013 auch um der m\u00f6glichen \u00dcberwachung durch Vorgesetzte vorzubeugen.<\/p>\n<p>Das Smartphone ist ein Objekt, das nahelegt, Allt\u00e4gliches in sich aufzunehmen und anderen zur Verf\u00fcgung zu stellen: Die Aufnahme eines Fotos bedarf nur weniger Klicks und ist in K\u00fcrze auf Instagram hochgeladen, auf Twitter oder in WhatsApp-Gruppen geteilt. Diese dem Objekt inneliegende M\u00f6glichkeit der Sozialit\u00e4t ist auch f\u00fcr die Beamt*innen in ihrem Alltag zentral. Langeweile im Dienst wird mit der Kommunikation mit Freunden, dem Spielen von kleineren Games, dem Surfen im Internet oder dem Scrollen auf Facebook \u00fcberbr\u00fcckt. Besonders bei einsatzarmen Nachtdiensten hilft die Interaktion mit dem Smartphone den Beamt*innen, wach und aktiv zu bleiben.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Diese Medienpraktiken sind nicht nur Interaktion mit der Technik selbst, sondern \u201eintegraler Bestandteil der soziokulturellen Prozesse, die wir Alltag nennen\u201c.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Die technologischen Rahmenbedingungen dienen so zwar der Er\u00f6ffnung neuer Handlungsr\u00e4ume, ihre Wirkm\u00e4chtigkeit jedoch entfalten sie erst in den Umgangsweisen selbst. Damit entwickeln sie auch eine \u00fcber ihren intendierten Sinn hinausgehende Wirkmacht in der Alltagspraxis.<\/p>\n<h4>Die Digitalisierung des Ereignisses<\/h4>\n<p>Eine spezifische und bislang weitestgehend undiskutierte Rolle kommt den (privaten) Smartphones der Beamt*innen auch w\u00e4hrend des Einsatzes bei Gro\u00dfereignissen wie Fu\u00dfballspielen oder Demonstrationen zu. W\u00e4hrend der polizeitaktische Einsatz von Twitter besonders hinsichtlich seiner Bedeutung f\u00fcr die Deutungshoheit \u00fcber Geschehnisse bereits gut analysiert wurde,<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> spielt auch der verallt\u00e4glichte Gebrauch von Smartphones f\u00fcr die Informationsgewinnung \u00fcber Ereignisse bei den Polizist*innen selbst eine zentrale Rolle. W\u00e4hrend der Ereignisse um den G20-Gipfel 2017 in Hamburg informierten sich die eingesetzten Beamt*innen per Smartphone \u00fcber gleichzeitig stattfindende Geschehnisse an anderen Orten. Hierbei nutzten sie das Handy, um die unklaren und \u00fcber Funk nur bruchst\u00fcckhaften Informationen \u00fcber die Situation ihrer Kolleg*innen zu erg\u00e4nzen:<\/p>\n<p>\u201eEs war noch so ein bisschen surreal, weil du hast das nicht miterlebt. Ja okay, man sagt dir was \u00fcber Funk, gibt Informationen ab, aber du hast die Bilder nicht. Aber das haben wir auch noch w\u00e4hrend des Einsatzes miterlebt \u00fcber Facebook. Da gingen ja auch schon die ersten Videos rum \u2026 Und wirklich jeden Tag, egal jetzt ob Mittwoch, wo noch nicht so viel los war \u2013 Montag und Dienstag ja auch. Oder dann Donnerstag, Freitag \u2013 wenn wir dann mal die Zeit hatten, um uns aufs Auto zu setzen, gings eigentlich nur permanent: Facebook, Facebook, Facebook! Was gibt\u2019s Neues? Gibt\u2019s schon wieder irgendwelche Berichte von verletzten Kollegen?\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Auch in den WhatsApp-Gruppen mit Kolleg*innen wurden Bilder und Geschichten \u00fcber verletzte Beamt*innen und die gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen geteilt. Das Smartphone bietet einen erweiterten Zugang zum Einsatzgeschehen \u2013 und zwar \u00fcber die Grenzen des konkreten Raums hinweg. Unterst\u00fctzt von den sensorischen Reizen, die durch Vibration und\/oder Signalton bei Nachrichten vom Smartphone ausgehen, haben die Beamt*innen damit den Eindruck die Ereignisse buchst\u00e4blich \u201ahautnah\u2018 und in Echtzeit mitzubekommen. Es bietet so also nicht nur die M\u00f6glichkeit, Erlebtes weiterzugeben, sondern auch die Geschichten der anderen scheinbar mitzuerleben.<\/p>\n<p>Dieses digitale Storytelling gibt dabei vor, Wahrheiten zu produzieren: Weil die Informationen vorwiegend von der eigenen peer group kommen, wird ihnen ein erh\u00f6hter Wahrheitsgehalt zugestanden. Das Teilen von Angst-, Wut- oder auch Lust-Momenten f\u00fchrt dadurch zu einer sensorischen und emotionalen Verflechtung, die den Ereignisraum entgrenzt und ein Erleben eines fernen Geschehnisses durch das Medium des Smartphones erm\u00f6glicht. F\u00fcr die Polizeibeamt*innen, die an einem festgelegten Ort ausharren m\u00fcssen, entsteht damit selbst im Zustand der Inaktivit\u00e4t eine (auch emotionale) Interaktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Unter diesem Blickwinkel affordieren Smartphones nicht nur Kommunikationspraktiken zum Austausch von Informationen, sondern auch die Inszenierung und Kommunikation emotionaler Erfahrungen. Damit haben sie auch Einfluss auf die Emotionalit\u00e4t und Positioniertheit der nicht unmittelbar involvierten Beamt*innen: \u201eDie Stimmung wurde immer gereizter \u2026 du hast es halt auch geh\u00f6rt \u2026 wie deine Kollegen in der Bredouille waren. Du konntest nicht helfen, du warst halt gefangen. Das hat uns alle wirklich massiv aufgeregt. Weil du willst ja deine Kollegen nicht sterben lassen, du willst ja helfen.\u201c<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Die Erz\u00e4hlungen kn\u00fcpfen hier an die im Vorfeld kommunizierte Gefahrenprognose der Polizei an und evozieren auch Ver\u00e4nderungen der Wahrnehmungs- und Handlungsschemata der einzelnen Beamt*innen. Die komplexen (und emotionalen) Diskurse, die in den sozialen Medien \u00fcber das Geschehen gef\u00fchrt werden, wirken so auch auf die Deutungen und Interpretationen von lokalen Ereignissen zur\u00fcck:<\/p>\n<p>\u201eAuf einmal h\u00f6r ich nur noch \u00fcber Funk eine panische Stimme: \u201aHelm auf! Helm auf! Da kommen Demonstranten auf euch zu.\u2018 Und wir haben schon gedacht: Verdammt, die wollen das Geb\u00e4ude st\u00fcrmen \u2026 Und dann sehen wir eine Meute von 20 bis 30 Leuten um die Ecke kommen. Und relativ abgeschlagen hinter der Gruppe Kollegen, und die haben die eingekesselt und einfach mal drauf. Drauf mit Schlagstock ohne Ende \u2026 Wo ich so gedacht hab, okay krass. Jetzt ist auf alle F\u00e4lle ein neues Stadium erreicht \u2026 Das hat auf alle F\u00e4lle rege Diskussionen angeregt. Also wir haben uns dann auch dar\u00fcber unterhalten, ob wir das genauso gemacht h\u00e4tten \u2026 wir waren uns einig, dass wir es im Grunde auch so gel\u00f6st h\u00e4tten \u2026 Weil am Ende z\u00e4hlt auch unser eigenes Leben\u201c<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Damit werden die \u00fcber Smartphone und Funk kommunizierten Gefahrenszenarios auch in der Deutung von Situationen wirksam. Sie sind damit auch Affektgeneratoren,<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> die gruppeninterne Solidarisierungen und Feinbildkonstruktionen beg\u00fcnstigen und den Effekt selektiver Wahrnehmung st\u00e4rken. Im Zuge dessen verschiebt sich auch die normative Rahmung von Handlungen, durch welche die Anwendung von (\u00fcberm\u00e4\u00dfiger) Gewalt durch die Kolleg*innen nun als richtig und geboten erscheint.<\/p>\n<h4>Schlussbetrachtungen<\/h4>\n<p>Als privates Ger\u00e4t ist das Smartphone bereits seit langem Teil der polizeilichen Arbeitswelt \u2013 als Objekt des Zeitvertreibs oder auch des sozialen Austauschs. Es erg\u00e4nzt dabei den Funk als Kommunikationsmedium in spezifischer Weise. So ist es m\u00f6glich, mit dem Smartphone auch informelles Wissen pers\u00f6nlich und schnell weiterzugeben, ohne der dienstlichen Kontrolle von Vorgesetzten zu unterliegen. Unabh\u00e4ngig von konkreten funktionalen Ver\u00e4nderungen im Arbeitsalltag der Beam\u00adt*innen, bildet das Smartphone auch eine Infrastruktur f\u00fcr Kommunikations- und Handlungsmuster, die digitales und analoges Handeln ineinander verschr\u00e4nkt. Es erm\u00f6glicht die Inszenierung und Kommunikation emotionaler Erlebnisse untereinander und kann damit in Einsatzsituationen zu einer raum\u00fcbergreifenden Emotionalisierung beitragen.<\/p>\n<p>Es ist also nicht nur ein technisches Ger\u00e4t, das \u2013 als dienstliches Ger\u00e4t \u2013 durch spezielle Apps und Messenger Einfluss auf den konkreten Arbeitsalltag und das Policing von polizeilichen Anl\u00e4ssen hat. Vielmehr ist es ein im Kern soziales Ger\u00e4t, das auch einen Kommunikationsraum bildet und so Medienpraktiken affordiert, in denen sich Krisen- und Gefahrenszenarien diskursiv verdoppeln und auf das konkrete Handeln von Polizist*innen wirken.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0 NRW: 20.000 iPhones sollen Polizisten besser vernetzen, heise online v. 7.6.2019<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0 vgl. dpa: Smartphones und eigener Messenger bei der Polizei \u2013 positives Zwischenfazit, heise online v. 25.5.2019<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0 BOS-Funk: Messenger Stashcat kooperiert mit Hytera und Frequentis, heise online v. 25.11.2019<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0 Polizisten verweigern neue IPhones, ORF online v. 3.7.2019<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a><sup> \u00a0\u00a0\u00a0 <\/sup>vgl. Bareither, C.: Medien der Allt\u00e4glichkeit, in: Zeitschrift f\u00fcr Volkskunde 2019, H. 1, S.\u00a03-26<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0 vgl. Hahn, H.P.: Die geringen Dinge des Alltags. Kritische Anmerkungen zu einigen aktuellen Trends der material culture studies, in: Braun, K.; Dieterich, C.-M.; Treiber, A.: (Hg.): Materialisierungen von Kultur. Diskurse, Dinge, Praktiken, W\u00fcrzburg 2015, S. 30<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0 vgl. Heimliche Ortungsimpulse. Viele \u201eStille SMS\u201c bei Bund und L\u00e4ndern, Netzpolitik.org v. 10.2.2020<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0 Knopp, P.; Ullrich, P.: Kampf um die Bilder. Video\u00fcberwachung und Gegen\u00fcberwachung von Demonstrationen in \u00d6sterreich (Langfassung), 2016, S. 5, (online auf: <a href=\"http:\/\/www.juridikum.at\/fileadmin\/user_upload\/artikel\/knopp-ullrich_langfassung.pdf\">www.juridikum.at\/fileadmin\/user_upload\/artikel\/knopp-ullrich_langfassung.pdf<\/a>)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> <sup>\u00a0\u00a0\u00a0 <\/sup>vgl. Gibson, J.: The Ecological Approach to Visual Perception. Hillsdale; New Jersey 1986, siehe auch Bareither a.a.O. (Fn. 5)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a><sup> \u00a0 <\/sup>Immer wieder werden in diesen (unverschl\u00fcsselten) Gruppen auch sensible Daten \u00fcber Verd\u00e4chtige, Fotos aus Eins\u00e4tzen und Ausz\u00fcge aus Akten untereinander geteilt. In ihnen werden au\u00dferdem politische Meinungen ausgetauscht, wie z. B. bei internen WhatsApp Gruppen der Polizei, in denen rechtsextremistische und rassistische Nachrichten verschickt wurden. Siehe: Hessische Polizeianw\u00e4rter unter Extremismusverdacht, FAZ online v. 7.9.2019<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Die hier aufgez\u00e4hlten Beobachtungen entstammen meiner ethnografischen Feldforschung bei der Polizei, die ich im Rahmen meiner Dissertation durchgef\u00fchrt habe.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Bareither a.a.O. (Fn. 5), S. 6<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> F\u00fcr den G20 wurde das von dem Forschungsteam im Projekt \u201eMapping #NoG20\u201c ausf\u00fchrlich getan. Vgl. Eskalation. Dynamiken der Gewalt im Kontext der G20-Proteste in Hamburg 2017, Forschungsbericht, Berlin; Hamburg: Institut f\u00fcr Protest- und Bewegungsforschung (ipb); Zentrum Technik und Gesellschaft TU Berlin (ZTG); Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung (HIS), 2018 (<a href=\"https:\/\/g20.protestinstitut.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Eskalation_Hamburg2017.pdf\">https:\/\/g20.protestinstitut.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Eskalation_Hamburg2017.pdf<\/a>)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Ausschnitt aus einem Interview mit einer*m Beamt*in \u00fcber seinen*ihren Einsatz w\u00e4hrend des G20, 32003-INT, gef\u00fchrt von Stephanie Schmidt im Rahmen des Forschungsprojekts Mapping #NoG20<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a><sup> \u00a0 <\/sup>ebd.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> ebd.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a><sup> \u00a0 <\/sup>Reckwitz, A.: Praktiken und ihre Affekte, in: Sch\u00e4fer, H. (Hg.): Praxistheorie: Ein soziologisches Forschungsprogramm, Bielefeld 2016, S. 163-180<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ausstattung der deutschen Polizeien mit Smartphones ist Teil des Projekts \u201ePolizei 2020\u201c und soll<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,125],"tags":[829,1095,1142,1326],"class_list":["post-20104","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-121","tag-kapopedia","tag-polizei-2020","tag-pommes","tag-smartphones"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20104","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20104"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20104\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}