{"id":20262,"date":"2022-08-12T07:56:53","date_gmt":"2022-08-12T07:56:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=20262"},"modified":"2022-08-12T07:56:53","modified_gmt":"2022-08-12T07:56:53","slug":"scheinbare-banalitaet-die-polizeiliche-alltagskommunikation-auf-twitter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=20262","title":{"rendered":"Scheinbare Banalit\u00e4t &#8211; Die polizeiliche Alltagskommunikation auf Twitter"},"content":{"rendered":"<h3>von Johanna Blumbach, Ina Eberling, Fabian de Hair und Sigrid Richolt<\/h3>\n<p><strong>Neben sachlichen Informationen twittern deutsche Polizeibeh\u00f6rden immer wieder Alltagsanekdoten. Sie kommunizieren damit Plattform-spezifisch eine \u201eNormalit\u00e4t\u201c polizeilichen Alltags, die ein signifikantes, aber neuartig mediatisiertes Bild von Polizei sowie ihrem Verh\u00e4ltnis zur Gesellschaft konzipiert.<\/strong><\/p>\n<p>Die Nutzung sozialer Medien durch deutsche Polizeibeh\u00f6rden r\u00fcckt seit einigen Jahren zunehmend in den Fokus der kriminologischen Forschung und des \u00f6ffentlichen Interesses. Die Plattformen Facebook, Twitter, Instagram, YouTube und TikTok geh\u00f6ren mittlerweile zum Standardrepertoire moderner Polizeiarbeit.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> <!--more-->Mit Twitter er\u00f6ffnet sich f\u00fcr die deutsche Polizei ein spezifisches Tool f\u00fcr die Verbreitung von Informationen in Echtzeit sowie f\u00fcr die Kommunikation mit B\u00fcrger*innen auf vermeintlicher Augenh\u00f6he. Bei n\u00e4herer Betrachtung aber fungiert Twitter f\u00fcr die Polizei nicht nur als eine Informations- und Kommunikationsplattform. Vielmehr bietet Twitter der Polizei die M\u00f6glichkeit, in einen politischen Diskurs- und Debattenraum einzusteigen und sich dort mit eigenen Standpunkten und Positionen (etwa bez\u00fcglich Demonstrationen) als quasi-journalistische Akteurin zu profilieren. Daneben pr\u00e4sentiert sie sich Plattform-spezifisch \u00fcber die Darstellungen polizeilichen Alltags im Sinne zeitgen\u00f6ssischer Public Relations, um Reichweite zu generieren. Die polizeiliche Twitter-Kommunikation im Alltag wie auch w\u00e4hrend bestimmter Gro\u00dfereignisse ist Indikator daf\u00fcr, wie die Polizei Regimen einer \u201enew visibility\u201c des Polizierens<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> begegnet, wodurch grundlegend strukturelle M\u00f6glichkeiten demokratischer Kontrolle polizeilichen Fehlverhaltens unterminiert werden.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Insbesondere im Kontext von Demonstrationen stand die polizeiliche Twitter-Nutzung in den vergangenen Jahren vermehrt im Zentrum kontroverser Auseinandersetzungen. Wie das sogenannte \u201eEinsatztwittern\u201c, als Form zeitgen\u00f6ssischen Protest Policings durchaus nachhaltig Protestereignisse kriminalisiert, polizeiliche Deutungshoheit \u00fcber Ereignis\u00adse\/Sonderlagen manifestiert und ebenso neue Felder der Strafverfolgung erschlie\u00dft, ist f\u00fcr den deutschen Kontext eindr\u00fccklich an den Blockupy-Protesten 2015,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> dem G20-Gipfel 2017 in Hamburg,<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> der R\u00e4umung des Hambacher Forsts 2018\/2019<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> und den BlackLivesMatter-Protesten 2020 in Hamburg analysiert worden.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Die Studien zeigen, dass sich f\u00fcr die Polizei mit der Nutzung von Twitter im Kontext des Protest Policing ein erhebliches Spannungsfeld \u00f6ffnet. Dieses liegt darin begr\u00fcndet, dass Twitter als soziales Medium spezifischen Eigenlogiken folgt, die mit den Grunds\u00e4tzen polizeilicher Presse- und \u00d6ffentlichkeitsarbeit vielfach in Widerspruch stehen k\u00f6nnen. So sind Schnelligkeit und Unmittelbarkeit, quantitative Beschr\u00e4nkung und Kurzlebigkeit der Plattform insbesondere in dynamischen Situationen von Protestgeschehen h\u00e4ufig nicht vereinbar mit der Wahrheits-, Neutralit\u00e4ts-\u00a0und Sachlichkeitspflicht der Polizei.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Gleichzeitig positioniert sich die Polizei in diesem Feld als quasi-journalistische und nicht selten politische Akteurin, vor allem hinsichtlich der Deutungshoheit im Kontext medialer Berichterstattung \u00fcber Protestereignisse und polizeiliches Agieren. Tendenzen der zunehmenden Professionalisierung und spezifischen Institutionalisierung der polizeilichen \u00d6ffentlichkeits- und Pressearbeit (u.a. auch auf Socialmedia) lassen sich etwa an dem 2021 ver\u00f6ffentlichten \u201eMedienkodex\u201c der Landespolizei Baden-W\u00fcrttemberg ablesen.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend das polizeiliche Twittern im Protestkontext mitunter offensichtlich grundlegende verfassungsrechtliche Fragen aufwirft, kam der Alltags-Kommunikation deutscher Polizeien bisher wenig wissenschaftliche und mediale Beachtung zu.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Doch auch im Zuge dieser allt\u00e4glichen und zun\u00e4chst unverf\u00e4nglich scheinenden polizeilichen Kommunikation spielen und interagieren deutsche Polizeibeh\u00f6rden mit nahegelegten Handlungsoptionen Socialmedia-spezifischer Kommunikation. Die Polizei vermag es, nicht zuletzt durch die allt\u00e4gliche Nutzung von Twitter, ein signifikantes aber neuartig mediatisiertes Bild von Polizei sowie ihrem Verh\u00e4ltnis zur Gesellschaft zu konzipieren.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<h4>Affordanz und Plattform-Spezifik von Twitter<\/h4>\n<p>Auf der Plattform Twitter erreichen deutsche Polizeibeh\u00f6rden mit zw\u00f6lf Millionen Nutzer*innen im Vergleich zu anderen Plattformen, wie Instagram oder Facebook, eine kleinere, aber durchaus spezifische Zielgruppe. Den Kurznachrichtendienst nutzen in hoher Dichte Multiplikator*innen, Politiker*innen und Journalist*innen, dementsprechend bietet sich hier eine M\u00f6glichkeit in-\/direkt an politischen Diskursen teilzunehmen.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Der Twitter-Content deutscher Polizeien variiert zwischen Informationen \u00fcber Gefahrenlagen, Verkehrsmeldungen, Zeug*innenaufrufen, Socialmedia-Challenges, Tier-Content und Anekdoten aus dem Alltag. Die Darstellungsformen wechseln je nach kommuniziertem Inhalt von Textinformationen, einer Text-Bild relationalen Kommunikation, Videos und eingebetteten Links zu beispielsweise polizeilichen Pressemitteilungen. Tweets, die den polizeilichen Alltag abbilden, wirken mitunter zun\u00e4chst banal und unverf\u00e4nglich. Dennoch lohnt es sich, vor dem Hintergrund der nahegelegten Handlungsoptionen der Plattform-spezifischen Kommunikation, einen detaillierten Blick auf einige herausgestellte Tweets aus dem Alltag unterschiedlicher Polizeien in Deutschland zu werfen. Die \u00fcber Twitter kommunizierte \u201eNormalit\u00e4t\u201c des polizeilichen Alltags muss auf einen kritischen Pr\u00fcfstand gestellt werden.<\/p>\n<p>Um die nahegelegten Handlungsoptionen der Plattform-spezifischen Kommunikation von Twitter zu beschreiben, eignet sich der Begriff der \u201eAffordanz\u201c, welcher auf den Psychologen James Gibson zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Affordanz beschreibt den Angebotscharakter eines Objekts und wurde durch Nicole Zilien f\u00fcr die mediensoziologische Forschung konzeptualisiert:<\/p>\n<p>\u201eDie Affordanz einer Medientechnologie entsteht im Austausch von Subjekt und Objekt, als Interaktion zwischen Mediennutzer und technologischem Artefakt. Dabei liegt der Fokus nicht auf der Wahrnehmung von Technologien, sondern auf sozial und kulturell gepr\u00e4gten Handlungsprozessen: Die (technologischen) Merkmale von Medien beeinflussen das Handeln der Nutzer, welches gleichzeitig Einfluss auf die Medientechnologien nimmt.\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Im Zuge der spezifischen Eigenlogik von Twitter, die sich besonders durch eine Begrenzung der Zeichen pro Tweet auszeichnet, konstituiert sich eine besondere Affordanz dieses Kommunikationsmediums. Die K\u00fcrze der Nachrichten legt eine notwendige Pointierung und mitunter Simplifizierung der Realit\u00e4t nahe, welche nicht selten mit einer humoristischen Note einhergeht. Signifikant f\u00fcr Twitter ist dar\u00fcber hinaus, neben der algorithmisierten Filterung des Contents, eine \u201eGamification\u201c der Kommunikation. \u00dcber die M\u00f6glichkeit Tweets zu liken oder zu retweeten und Follower*innen zu gewinnen, bietet Twitter eine direkte, lebendige und quantifizierende Evaluation des Erfolgs eigener Kommunikation.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>\u201eDann gibt\u2019s nat\u00fcrlich diese Dinge, \u00fcber soziale Netzwerke [&#8230;] wo man mal ein Ph\u00e4nomen mitmacht, ohne, dass man vielleicht sofort darauf kommen m\u00fcsste, dass eine seri\u00f6se Institution wie die Polizei das jetzt unbedingt machen m\u00fcsste [&#8230;] um einfach eine gewisse Akzeptanz bei den Followern zu erlangen. Da k\u00f6nnen wir uns auch nicht hundertprozentig abgrenzen. So reitet es uns dann auch manchmal, dass wir [\u2026] mal einen eher ironischen Tweet mit so einem Augenzwinkern absetzen, wo man dann durchaus den Pfad der sachlichen Information auch mal verl\u00e4sst.\u201c<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Unterschiedliche Datenanalysen des Twitter-Contents deutscher Polizeibeh\u00f6rden, die Journalist*innen von netzpolitik.org 2018 und Aktivist*innen w\u00e4hrend des \u201eCopBird-Hackathons\u201c 2021 durchgef\u00fchrt haben, belegen hinsichtlich der allgemeinen Twitter-Aktivit\u00e4t von Polizeibeh\u00f6rden regionale Unterschiede, ebenso wie Divergenzen in der Auswahl von themenspezifischer Hashtags.<\/p>\n<p>\u201eBei der Polizei ist das immer ein schmaler Grat: Also wenn wir witzig sein wollen, dann ist das manchmal gar nicht witzig. Da muss man immer ganz genau gucken, erreicht man damit eigentlich das, was man erreichen will? Und die Abgrenzung ist ganz sicher, dass man eher als Informationskanal wahrgenommen wird und nicht als privater Gespr\u00e4chspartner &#8211; von den meisten jedenfalls.\u201c<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Nachweislich signifikant erfolgreich und reichweitenstark zeigt sich die Kommunikation vor allem bez\u00fcglich akuter Gefahrenlagen und Emotionen affizierender Tweets, wie etwa Berichte widriger Eins\u00e4tze und Tier-Content.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<h4>Die \u201eNormalit\u00e4t\u201c des polizeilichen Alltags<\/h4>\n<p>Anhand von drei exemplarischen Tweets werden nachfolgend Themenfelder skizziert, die f\u00fcr die Plattform-spezifische Alltagskommunikation von Polizeibeh\u00f6rden signifikant sind \u2013 \u201eTier-Content\u201c, \u201eMensch sein\u201c und \u201eGear Porn\u201c.<\/p>\n<h4>\u201eTier-Content\u201c<\/h4>\n<p style=\"text-align: left\">Die Berliner Polizei meldet 2019 die Rettung einer jungen Eule.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Unter #Daf\u00fcrDich und #owlcontent wird in einer kurzen Videosequenz eine Eule gezeigt, die dem Blick der Kamera folgt, w\u00e4hrend sie auf der Hand einer Person sitzt. Der kleine \u201ePassant\u201c sei unter einem Baum gefunden und nach kurzer Zeit \u2013 und angefertigtem Video \u2013 wieder zur\u00fcck zur Mutter gebracht worden. In dem Video wirkt das Kindchen-Schema, wie sich an den positiven Reaktionen in den Kommentar-Spalten und nicht geringen Likes und Retweets ablesen l\u00e4sst. Die Berliner Polizei inszeniert sich als tierlieb und besch\u00fctzend. Mit dem #owlcontent bedient der Tweet einen Socialmedia-Trend, der in Reihe etlicher weiterer Tweets zu #owlcontent steht. Im Kontext von Tier-Content zeigen sich anhand der Reaktionen positive Emotionen und Sympathiebekundungen \u2013 auch bez\u00fcglich polizeilicher Praxis im Alltag.<\/p>\n<h4>\u201eMensch sein\u201c<\/h4>\n<p>Im Nachgang der BlackLivesMatter-Demonstration im Juni 2020 twittert die Polizei Hamburg wenige Wochen sp\u00e4ter das Bild einer Postkarte, mit der sich der Schuljunge \u201eBen\u201c bei der Landesbereitschaftspolizei f\u00fcr ihre Arbeit bedankt. Die Polizei Hamburg bedankt sich ihrerseits bei \u201eBen\u201c und bewertet die Karte mit der Schulnote \u201esehr gut\u201c. \u201eBen\u201c wolle selbst zur Polizei gehen und hebt hervor, dass die Polizei auch in widriger Zeit, wie \u201eder ganzen Situation[,] die sich grade in den USA ereignet\u201c, weiterhin f\u00fcr Recht und Ordnung sorge.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> \u00c4hnlich wie \u201eTier-Content\u201c affiziert dieser Tweet, in anderer Weise, Emotionen und Sympathien, auch hier zu erkennen anhand der Reaktionen darunter. Die Komplexit\u00e4t und Widrigkeit polizeilichen Alltags, die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung zu gew\u00e4hrleisten, steht hier im Zentrum \u2013 insbesondere im Kontext inter-\/nationaler Diskurse zu Rassismus und Polizeigewalt. Die Postkarte reproduziert, aus der Sprechposition eines Kindes, das Image des \u201eFreund und Helfers\u201c.<\/p>\n<h4>\u201eGear Porn\u201c<\/h4>\n<p>Im Mai 2018 twittert die Polizei Berlin das Bild einer Beamtin, w\u00e4hrend des Einsatzes am Berliner Olympiastadion. Darauf posiert die Beamtin der Einsatzhundertschaft Berlin l\u00e4chelnd in Einsatzkleidung, Sonnenbrille und Maschinenpistole. \u00dcberschrieben ist der Tweet mit: \u201eUnsere Kolleginnen und Kollegen sorgen f\u00fcr das n\u00f6tige Fairplay zum #Pokalfinale\u201c sowie erneut der #Daf\u00fcrDich<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a>. Die Pointierung dieses Tweets ergibt sich in der Text-Bild Relation. Der eklatante Widerspruch von schweren Waffen und \u201eFairplay\u201c wird \u00fcberspitzt \u2013 dadurch entkr\u00e4ftet und erh\u00e4lt eine vermeintlich witzige Note. Unter dem Begriff \u201eGear Porn\u201c l\u00e4sst sich das \u00f6ffentliche Zurschaustellen von Waffen und neuen technologischen Einsatzmitteln zusammenfassen. Das Pr\u00e4sentieren von Waffen in Kombination mit dem #Daf\u00fcrDich unterstreicht die Normalisierung von Waffen im Allt\u00e4glichen und l\u00e4sst ihre Verwendung, auch abseits vorhandener Gefahrenlage, als notwendig erscheinen. Die Polizei stellt sich als besch\u00fctzende Institution dar und demonstriert zugleich St\u00e4rke und H\u00e4rte. Es wird eine Sicherheit suggeriert, die nur durch die Polizei geschaffen werden kann.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-20274\" src=\"https:\/\/www.cilip.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Polizei_Berlin_Twitter_20180519.png\" alt=\"\" width=\"308\" height=\"594\" srcset=\"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Polizei_Berlin_Twitter_20180519.png 308w, https:\/\/wp-dev.daten.cool\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Polizei_Berlin_Twitter_20180519-156x300.png 156w\" sizes=\"auto, (max-width: 308px) 100vw, 308px\" \/><\/p>\n<p>Der hier durch die Themenfelder angesprochene Twitter-Content f\u00fchrte in den Kommentaren und Reaktionen unter den jeweiligen Tweets zu der Frage, ob das Gezeigte \u00fcberhaupt Gegenstand polizeilicher Kommunikation sein sollte. Bis dato sind die rechtlichen Rahmenbedingungen polizeilicher Twitter-Kommunikation, bis auf wenige Er\u00f6rterungen des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, eine Leerstelle.<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a> Einzig Bedenken des Datenschutzbeauftragten in Baden-W\u00fcrttemberg weisen, jedoch unter anderen Gesichtspunkten, auf die grunds\u00e4tzliche Problematik der Aktivit\u00e4t der Landespolizei auf der Plattform Twitter hin.<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a><\/p>\n<p>Unter dem Verweis auf die Diskussion um einen Tweet der Polizei Austin (USA), die ebenfalls an sie adressierte Dankes-Postkarten ver\u00f6ffentlichte<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a> \u2013 und unter dem Vorwurf von Fakenews stand \u2013, sah sich auch die Polizei Hamburg mit denselben Vorw\u00fcrfen konfrontiert. Unabh\u00e4ngig von der Sachlage bez\u00fcglich \u201eBens\u201c Postkarte, wird deutlich, dass Informationen auf Twitter nicht immer vollumf\u00e4nglich verifiziert werden k\u00f6nnen. Ebenjener spezifische Deutungsrahmen der Kommunikation auf Twitter ist f\u00fcr die polizeiliche Kommunikation vor dem Hintergrund der Wahrheitspflicht grundlegend weiterhin problematisch. Es verschiebt sich der Deutungsrahmen polizeilichen Fehlverhaltens \u00fcber die Twitter-Kommunikation, indem beispielsweise der \u201eGear Porn\u201c-Tweet der Berliner Polizei zwar im Nachgang als Fehler einger\u00e4umt wurde, nachtr\u00e4gliche Richtigstellungen auf Twitter deutlich weniger Sichtbarkeit erfahren als urspr\u00fcngliche Tweets.<\/p>\n<p>Die vermeintliche Banalit\u00e4t der allt\u00e4glichen Twitter-Kommunikation deutscher Polizeien zeigt grunds\u00e4tzliche verfassungsrechtliche Fragen auf. Daneben stehen jene Dynamiken der \u201eNormalisierung\u201c vielfach in Widerspruch mit der Alltagspraxis polizeilicher Ma\u00dfnahmen. Deutsche Polizeibeh\u00f6rden suggerieren in ihrer Twitter-Kommunikation ein der Plattform Twitter entsprechendes Selbstbild, im Sinne der Affizierung von Emotionen und Sympathien.<\/p>\n<h4>Fazit<\/h4>\n<p>Mit Twitter bietet sich den Polizeibeh\u00f6rden ein vielseitiges Tool, welches verschiedene Formen der Kommunikation vereint. Es zeigt sich, dass die Polizei auf Twitter nicht nur als quasi-journalistische Akteurin (etwa bei Protestgeschehen) auftritt, sondern im Sinne zeitgen\u00f6ssischer PR-Strategien \u00fcber Darstellungsformen polizeilichen Alltags vermeintlich \u201enahbar\u201c auftritt. Im Sinne der Affordanz, also der Interaktion von Polizei als Mediennutzerin und dem technologischen Artefakt Twitter, ergibt sich Plattform-spezifischer Content, den wir anhand der Aspekte \u201eTier-Content\u201c, \u201eMensch sein\u201c und \u201eGear Porn\u201c nachgezeichnet haben. Insbesondere im Kontext der Aspekte \u201eMensch sein\u201c und \u201eGear Porn\u201c treten durchaus Darstellungsformen auf, die als Ph\u00e4nomene der Selbstrepr\u00e4sentation nicht neu, aber durch Twitter neu mediatisiert sind.<\/p>\n<p>In der allt\u00e4glichen Twitter-Kommunikation zeigt sich im Vergleich zu anderen Formen polizeilicher Kommunikation eine informellere Sprache. So findet sich beispielsweise das kollektive \u201eDu\u201c zwar vielfach in polizeilicher Twitter-Kommunikation, jedoch weniger im tats\u00e4chlichen polizeilichen Einsatzhandeln.<\/p>\n<p>Auf Twitter zeigt sich dar\u00fcber hinaus das Regime einer \u201enew visibility\u201c von Polizieren. Polizeiliches Fehlverhalten ist insbesondere durch Twitter sichtbarer und somit Gegenstand politischer Diskurse geworden. Die allt\u00e4gliche Twitter-Kommunikation ist vor diesem Hintergrund auch Ausdruck der Erlangung von eigener Sichtbarkeit, Deutungshoheit auf Socialmedia. Um mit polizeilichen Gegenentw\u00fcrfen sichtbar zu sein, bedient sich die Polizei dabei Plattform-spezifischen Trends im Sinne zeitgen\u00f6ssischer PR-Strategien, um im Kontext \u201egamifizierter\u201c Twitter-Kommunikation erfolgreich zu sein.<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a><\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0 Die monatlichen Nutzer*innenzahlen f\u00fcr die Socialmedia-Plattformen in Deutschland sind durchaus unterschiedlich: Facebook ca. 32 Millionen, YouTube ca. 30 Millionen, Instagram ca. 21 Millionen und Twitter 12 Millionen, siehe: <a href=\"http:\/\/www.kontor4.de\/beitrag\/aktuelle-social-media-nutzerzahlen.html#social_media_zahlen\">www.kontor4.de\/beitrag\/aktuelle-social-media-nutzerzahlen.html#social_media_zahlen<\/a> v. 3.1.2022<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 vgl. Goldsmith, A. J.: Policing\u2018s New Visibility, in: The British Journal of Criminology 2010, H. 50, S. 914-935 (915f.) und Wood, M.; McGovern, A.: Memetic Copagangda. Understanding the humorous turn in police image work 2021, in: Crime Media Culture 2021, H. 3, S. 305-326 (306)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0\u00a0 Colbran, M.: Policing, social media and the new media landscape: can the police and the traditional media ever successfully bypass each other, in: Policing &amp; Society 2020, H. 3, S. 295-309 (306)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0 vgl. Gawlas, J. u.a.: Die Deutungsmacht der Polizei \u2013 Verfassungsrechtliche Probleme des Twitterns durch die Frankfurter Polizei, in: Zeitschrift f\u00fcr Landes- und Kommunalrecht Hessen 2015, S. 363-368<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 vgl. Institut f\u00fcr Protest- und Bewegungsforschung (ipb); Zentrum Technik und Gesellschaft TU Berlin (ZTG); Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung (HIS): Eskalation. Dynamiken der Gewalt im Kontext der G20-Proteste in Hamburg 2017, Forschungsbericht, Berlin, Hamburg 2018, S. 72f., <a href=\"https:\/\/g20.protestinstitut.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Eskalation_Hamburg2017.pdf\">https:\/\/g20.protestinstitut.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Eskalation_Hamburg2017.pdf<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0\u00a0 vgl. Bauer, M.: #HambacherForst. Polizeiliche Social-Media-Nutzung im Kontext von Protesten, ipb working-paper 1\/2020, Institut fu\u0308r Protest- und Bewegungsforschung, online auf: <a href=\"https:\/\/protestinstitut.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/ipb_WP_1.2020_Bauer_HambacherForst.pdf\">https:\/\/protestinstitut.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/ipb_WP_1.2020_Bauer_HambacherForst.pdf<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0\u00a0 vgl. Blumbach, J.; Eberling, I.; de Hair, F.; Richolt, S.: Das Twittern der Hamburger Polizei zwischen Protest Policing und diskursiver Praxis, in: in: Arzt, C.; Hirschmann, N.; Hunold, D.; Lu\u0308ders, S.; Mei\u00dfelbach, C.; Scho\u0308ne, M; Sticher, B. (Hg.): Perspektiven der Polizeiforschung. 1. Nachwuchstagung Empirische Polizeiforschung. 4.\/5. Ma\u0308rz 2021, Berlin 2021, S. 201-218<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0\u00a0vgl. Institut f\u00fcr Protest- und Bewegungsforschung (ipb) u.a. a.a.O. (Fn. 5), S.\u00a0 72f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0\u00a0 vgl. Medienkodex Polizei BW 2021, <a href=\"https:\/\/www.polizei-bw.de\/medienkodex-polizei-bw\">https:\/\/www.polizei-bw.de\/medienkodex-polizei-bw<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die kontinuierliche Berichterstattung von Journalist*innen der Recherche-Plattform \u201enetzpolitik.org\u201c, siehe u.a.: #PolizeiTwitter, <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/polizeitwitter\">https:\/\/netzpolitik.org\/polizeitwitter<\/a>.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Inwiefern deutsche Polizeibeh\u00f6rden Plattform-spezifisch auf Instagram kommunizieren, zeigen u.a. Forschungsgruppe Instacops in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 127 (Dezember 2021), S. 99-112 sowie Hundertmark, B.: Blaue Gef\u00fchlswelten, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 128 (M\u00e4rz 2022), S. 80-89<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> vgl. Netzpolitik: Influencer in Uniform: Wenn die Exekutive viral geht, Netzpolitik.org v. 5.3.2018<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> vgl. Gibson, J.: The Ecological Approach to Visual Perception. Hillsdale, New Jersey 1986<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> vgl. Zilien, N.: Die (Wieder-)Entdeckung der Medien. Das Affordanzkonzept in der Mediensoziologie (2009), <a href=\"http:\/\/www.uni-trier.de\/fileadmin\/fb4\/prof\/SOZ\/AMK\/PDF_Dateien\/Affordanz.pdf\">www.uni-trier.de\/fileadmin\/fb4\/prof\/SOZ\/AMK\/PDF_Dateien\/Affordanz.pdf<\/a>, S. 17<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> vgl. Nguyen, C. T.: How Twitter gamifies Communication, 2020, S. 2, online auf: <a href=\"https:\/\/philpapers.org\/rec\/NGUHTG\">https:\/\/philpapers.org\/rec\/NGUHTG<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Ausschnitt aus einem Interview mit einer*m Polizeibeamt*in im Rahmen des Forschungsprojekts das Twittern der Hamburger Polizei zwischen Protest Policing und diskursiver Praxis. Zum Projekt s. Blumbach u.a. a.a.O. (Fn. 7).<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> ebd.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Netzpolitik.org a.a.O. (Fn. 12) und Netzpolitik.org: CopBird-Hackathon \u2013 Auf Twitter macht jede Polizei ihr eigenes Ding v. 25.5.2021<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> vgl. Polizei Berlin, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/polizeiberlin\/status\/1097426277991153664\">https:\/\/twitter.com\/polizeiberlin\/status\/1097426277991153664<\/a> v. 18.2.2019<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> vgl. Polizei Hamburg, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/PolizeiHamburg\/status\/1278247130055036929\">https:\/\/twitter.com\/PolizeiHamburg\/status\/1278247130055036929<\/a> v. 1.7.2020<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> vgl. Polizei Berlin, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/PolizeiBerlin_E\/status\/997840887379001344\">https:\/\/twitter.com\/PolizeiBerlin_E\/status\/997840887379001344<\/a> v. 19.5.2018<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> vgl. Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages: \u00d6ffentlichkeitsarbeit von Polizeibeh\u00f6rden in sozialen Medien 2015, WD 3 \u2013 3000 &#8211; 157\/15; Ders.: Zugang zur \u00d6ffentlichkeitsarbeit der Polizei in sozialen Medien 2018, WD 3 \u2013 3000 \u2013 044\/18; Ders.: Social Media und Datenschutz 2020, WD 3 \u2013 3000 \u2013 023\/20<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> vgl. Brink, S.; Henning, C.: Raus aus Facebook , Twitter, TikTok 2022, Netzpolitik.org v. 15.3.2022<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> vgl. Dailymail: Austin Police Department is accused of fake thank you card stunt amid backlash over police brutality, after followers spot identical handwriting on several of the envelopes 2020, Dailymail.co.uk v. 7.6.2020<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> vgl. Wood, McGovern a.a.O. (Fn. 2), S. 306<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Johanna Blumbach, Ina Eberling, Fabian de Hair und Sigrid Richolt Neben sachlichen Informationen twittern<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,4,133],"tags":[658,1093,1340,1432,1450],"class_list":["post-20262","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-ausgaben","category-cilip-129","tag-gear-porn","tag-politische-einflussnahme","tag-soziale-medien","tag-tiercontent","tag-twitter"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20262"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20262\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20262"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20262"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}