{"id":20404,"date":"2021-04-12T20:17:37","date_gmt":"2021-04-12T20:17:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=20404"},"modified":"2021-04-12T20:17:37","modified_gmt":"2021-04-12T20:17:37","slug":"gesucht-eine-andere-polizei-zur-debatte-um-polizei-und-polizeigewalt-in-frankreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=20404","title":{"rendered":"Gesucht: eine andere Polizei.\u00a0Zur Debatte um Polizei und Polizeigewalt in Frankreich"},"content":{"rendered":"<h3>Interview mit Fabien Jobard<\/h3>\n<p><strong>\u201eIn einem so zentralistischen und autorit\u00e4ren Staat wie Frankreich erscheint schon die blo\u00dfe Vorstellung, dass man auf die Polizei ver\u00adzichten k\u00f6nnte, reichlich exotisch\u201c, sagt der Polizeiforscher Fabien Jobard. Heiner Busch fragte ihn nach den Konsequenzen von Black Lives Matter- (BLM) und Gelbwestenbewegung auf die neuere Diskussion um Polizei und Polizeigewalt. <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Fabien Jobard, hat es denn in Frankreich auch eine Black Lives Matter-Be\u00adwegung gegeben?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ja, aber sie war weniger mit dem Namen von George Floyd, sondern vor allem mit dem von Adama Traor\u00e9 verbunden. Am 19. Juli 2016 war die\u00adser 24-j\u00e4hrige Schwarze Mann in Beaumont-sur-Oise, einer Stadt in der entfernteren Pariser Banlieue, von Gendarmen angehalten worden, konnte aber zun\u00e4chst entkommen. Als sie ihn dann in der Wohnung eines Kollegen fanden, legten sie ihm Handschellen an und fixierten ihn am Boden \u2013 in der gleichen Stellung, in der einige Jahre sp\u00e4ter auch George Floyd festgehalten wurde. Adama Traor\u00e9 erstickte, aber anders als im Falle George Floyd gab es hier niemanden, der seine Agonie filmte. Die Familie Traor\u00e9, vor allem Adamas Schwester Assa, organisierte schon 2016 Proteste. Floyds \u201eI can\u2019t breathe\u201c bewirkte 2020 eine zweite Welle der Mobilisierung. Als die BLM-Bewegung in den USA auf\u00adtauchte, war die Sozialarbeiterin Assa Traor\u00e9 schon eine sehr bekannte Person, die es mehrmals auf die Frontseiten der Tages- und Wochenpresse geschafft hatte. <!--more-->Sie rief nun zu einer Demo vor dem Justizpalast in Paris am 2. Juni 2020 auf, an der rund 20.000 Leute teilnahmen. Es war die erste Demo \u00fcberhaupt nach der harten Corona-bedingten Ausgangssperre, w\u00e4hrend der es in der Pariser Banlieue wiederholt zu Polizeigewalt gekommen war. Und am 13. Juni, einem Samstag, kamen mehrere Zehntausend auf die Place de la R\u00e9publique. Weil die Polizei die Demo sofort gestoppt hat, gab es gewaltsame Auseinandersetzungen \u2013 Steinw\u00fcrfe einerseits, Schlagstockeins\u00e4tze, Tr\u00e4nengas in gro\u00dfen Mengen, Gummigeschosse, Schockgranaten andererseits. Die franz\u00f6sische BLM-Bewegung hat es faktisch schon lange vor dem Tod von George Floyd gegeben; Assa und ihre Familie sind weiterhin ihre Kernfiguren. Als das <em>Time Magazine<\/em> im Dezember 2020 Assa Traor\u00e9 zum \u201eGuardian of the Year\u201c k\u00fcrte und sie auf die Titelseite brachte, war das ein Symbol f\u00fcr den Anschluss an die internationale BLM-Bewegung.<\/p>\n<p><strong><em>Die Stimmen aus den Banlieues pr\u00e4gen also die Bewegung in Frankreich? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Absolut. Zwei Tage nach der Demo vom 13. Juni verurteilte der Europ\u00e4ische Menschenrechtsgerichtshof den franz\u00f6sischen Staat, 13.000 Euro Entsch\u00e4digung an die Familie von Lamine Dieng zu zahlen, einem Schwarzen, der 2017 in Paris in einer \u00e4hnlichen Lage wie G. Floyd von der Polizei erstickt wurde. Polizeigewalt gegen Jugendliche, die einer Minderheit angeh\u00f6ren, ist in Frankreich ohnehin allgegenw\u00e4rtig. Deshalb stellte BLM hier nichts vollkommen Neues dar, sondern vergr\u00f6\u00dferte lediglich die vielf\u00e4ltigen K\u00e4mpfe rund um dieses Problem. Im Kolonialland Frankreich sind diese K\u00e4mpfe auch viel \u00e4lter als in vielen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Aim\u00e9 C\u00e9saire, der aus Martinique, und Frantz Fanon, der aus Algerien stammte, haben schon sehr fr\u00fch die Bedeutung der Polizei im Gef\u00fcge eines Kolonialstaates erl\u00e4utert.<\/p>\n<p><strong><em>In der Debatte um Polizeigewalt hat aber auch die Gelbwestenbewegung eine Rolle gespielt.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>In der Tat, diese Bewegung, die im Wesentlichen franz\u00f6sische M\u00e4nner und Frauen aus der vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelklasse und der Arbeiterklasse zusammenbrachte, hat seit Ende 2018 eine in der franz\u00f6sischen Geschichte noch nie dagewesene Debatte um die Polizei ausgel\u00f6st. Im Vordergrund stand dabei die polizeiliche Bewaffnung \u2013 mit Tr\u00e4nengasen und Gummigeschossen, Schockgranaten, die Hartgummischrot verschie\u00dfen, Sprenggranaten, die zudem einen lauten Knall oder einen \u201eBlitz\u201c produzieren sowie den entsprechenden Abschussger\u00e4ten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Von November 2018 bis M\u00e4rz 2020 haben 25 Personen durch den Einsatz solcher Waffen ein Auge verloren, f\u00fcnf weiteren wurde eine Hand abgerissen und am 2. Dezember 2018 starb in Marseille eine 80-j\u00e4hrige Frau, die von einer Tr\u00e4nengasgranate getroffen worden war. Aber diese Waffen, die jetzt im Kontext von Demos diskutiert wurden, hat die Polizei zuvor haupts\u00e4chlich in den Banlieues eingesetzt.<\/p>\n<p><strong><em>Nicht nur in den USA, sondern auch in einigen europ\u00e4ischen Staaten, hat die Black Lives Matter-Bewegung eine Diskussion um Abschaffung der Po\u00adlizei ausgel\u00f6st. Spielt \u201eDefund the Police\u201c auch in Frankreich eine Rolle?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nur sehr marginal. Diese Themen werden im Wesentlichen von Intellektuellen angesprochen, die ein offenes Fenster zu den Debatten in den USA haben. Oder die an abolitionistische Positionen ankn\u00fcpfen, die in der Diskussion um Gef\u00e4ngnisse in den 1970er Jahren auch in Frankreich einen gewissen R\u00fcckhalt hatten, wobei die Dominanz von Michel Foucault daf\u00fcr sorgte, dass diese Positionen nie so stark waren wie etwa in Belgien, den Niederlanden oder in den skandinavischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Was die Polizei anbelangt, erscheint in einem so zentralisierten und autorit\u00e4ren Land wie Frankreich schon die blo\u00dfe Vorstellung, dass man auf sie verzichten k\u00f6nnte, reichlich exotisch. Umgekehrt ist es nicht ver\u00adwunderlich, dass die Forderung \u201eDefund the Police\u201c gerade in den USA entstanden ist, einem Land, wo die \u00f6ffentlichen Polizeien \u2013 18.000 Polizeien auf verschiedenen Ebenen \u2013 seit jeher sowohl \u00f6konomisch als auch ideologisch mit allen m\u00f6glichen privaten und halbstaatlichen Sicherheitsdiensten konkurrieren mussten und m\u00fcs\u00adsen: Vigilanten und andere Helfer*innen der Staatsgewalt, Werkschutz-Milizen, Ermittlungsdienste etc. Aber im Zeitalter der Hashtags muss man vorsichtig sein \u2026<\/p>\n<p><strong><em>Inwiefern?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wenn #defundthepolice f\u00fcr die franz\u00f6sische Debatte im Netz keine Rolle spielt, hei\u00dft das nicht, dass sich hierzulande noch niemand Gedanken \u00fcber eine bessere Verwendung von Steuergeldern im Bereich der \u00f6ffentlichen Sicherheit gemacht h\u00e4tte. Und auch #abolish hat in Frankreich seine eigene Geschichte. Aber die d\u00fcrfte gerade Leser*innen in Deutschland \u00fcberraschen, denn sie wurzelt in einem politischen Kontext, der sich vom deutschen oder US-amerikanischen sehr unterscheidet.<\/p>\n<p>Zur Illustration ein Beispiel vom August 2012, drei Monate nach Antritt einer neuen linken Regierung. In der Banlieue von Amiens, einer Stadt rund hundert Kilometer n\u00f6rdlich von Paris, kontrolliert die Polizei in Zivil einen 20-j\u00e4hrigen Mann, der in seinem Auto unterwegs ist. Wegen der brutalen Art und Weise der Kontrolle kommt es im Anschluss zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Es gibt viele Verletzte, eine Schule und ein Sportzentrum brennen ab etc. \u2013 ein Szenario, das es in dem Viertel 1994 schon einmal gab. Tags darauf gehen Journalist*innen durch das Quartier und befragen die Leute der Plattenbausiedlungen, meistens Leute mit Migrationshintergrund. Was verlangen sie? Die unmittelbare Forderung ist, dass die Beamt*in\u00adnen der Police Nationale durch Gendarmen ersetzt werden, also durch Mitglieder der quasi milit\u00e4r-polizeilichen Gendarmerie Nationale, denen die Bewohner*innen des Viertels einen respektvolleren, verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigeren und b\u00fcrgern\u00e4heren Umgang zutrauen als den Polizist*innen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Das zeigt: Die Debatten \u00fcber Polizei stehen in einem komplexen nationalen Kontext und spezifischen Traditionen. In verarmten Innenstadtvierteln in Deutschland kommt es zwar auch regelm\u00e4\u00dfig zu Polizei\u00fcbergriffen, aber die Bewohner*innen k\u00e4men nie auf die Idee, die Restauration einer milit\u00e4rischen Polizei zu fordern. Das w\u00e4\u00adre vollkommen sinnlos.<\/p>\n<p><strong><em>Hei\u00dft das: sie wollen durchaus eine andere als die beste\u00adhende Polizei?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Franz\u00f6sinnen und Franzosen wollen ja keineswegs alle dasselbe. Und da zeigt sich auch ein Dilemma der Abschaffungsforderung \u2013 zumindest in ihrer derzeitigen Variante: Als Alternative zur Polizei verweist man auf die \u201eCommunity\u201c, auch das ist ein aus den USA importiertes Konzept. Auf die Frage, welche Community, gibt es seltener Ant\u00adworten, und da beginnt meines Erachtens das eigentliche Problem. Jenny K\u00fcnkel und Marie Theres Piening haben k\u00fcrzlich in einem CILIP-Beitrag \u00fcber \u201eCommunity Accountability\u201c als Alternative zum strafenden Staat und seiner Polizei<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> gewarnt, man k\u00f6nne sich kaum ausmalen, \u201ewie es ausginge, w\u00fcrden die Rechtsformulierung und Durchsetzung z. B. in die H\u00e4nde s\u00e4chsischer lokaler Communities gelegt.\u201c Solche \u201eRegionen und Wertegemeinschaften mit rechten Hegemonien\u201c gibt es nat\u00fcrlich auch in Frankreich. Viele Franz\u00f6sinnen und Franzosen sind wohl der Meinung, dass die wesentliche Aufgabe der Polizei darin bestehe, die Banlieue-Jugendlichen und insbesondere die mit Migrationshintergrund zu \u00fcberwachen, zu kontrollieren und fernzuhalten. Wenn man die Abschaffung der Polizei propagiert, gilt deshalb m. E. der kategorische Imperativ, die Folgen eines solchen Schrittes in allen Teilen der Gesellschaft zu antizipieren. Der Aufstieg des Front National, der ja das Modell aller rechtsex\u00adtremen Parteien im Europa der Neunziger und Nuller Jahre war, begann mit den Kommunalwahlen 1983. Er ritt damals auf einer Welle, die einen Anstieg der Kriminalit\u00e4t dramatisierte, und ermutigte die B\u00fcrgerwehren, die damals \u201eSelbstverteidigungsgruppen\u201c genannt wurden.<\/p>\n<p><strong><em>Und wie sieht es bei den Bewohner*innen der Banlieues aus? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Deren Einstellung zur Polizei ist oft ambivalent. In diesen unterprivilegierten Vierteln sind Beschwerden \u00fcber polizeiliche Gewalt am weitesten verbreitet. Laut Umfragen h\u00e4lt die H\u00e4lfte der Bewohner*innen der Plattenbausiedlungen im Norden von Paris die Polizei f\u00fcr rassistisch. In den anderen Gegenden der Stadt ist dagegen nur ein Drittel dieser Meinung. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Wahrnehmung von Polizei\u00fcbergriffen. Aber gleichzeitig gibt es in den Banlieues ein verbreitetes Gef\u00fchl der Unsicherheit und die Angst, die eigenen vier W\u00e4nde zu verlassen, ist hier doppelt so hoch wie in den b\u00fcrgerlichen Innenst\u00e4dten. Dementsprechend ist auch die Nachfrage nach Polizei in diesen unterprivilegierten Vierteln h\u00f6her als anderswo. Man k\u00f6nnte diese Einstellung so zusammenfassen: \u201eWir wollen mehr Polizei, aber wir wollen nicht diese Polizei\u201c. Die zentrale Frage ist, welche Polizei den Anspr\u00fcchen der Vorstadt\u00adbewohner*innen am ehesten gerecht w\u00fcrde. An diesen Punkt bietet die Abschaffungsforderung derzeit keine wirkliche Antwort.<\/p>\n<p><strong><em>Du hast bereits auf die Gendarmerie verwiesen \u2026<\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u2026 in der tats\u00e4chlich eine Kultur herrscht, die viel offener f\u00fcr Dialog und Schlichtung ist als die der Police Nationale \u2013 u. a. weil die Gendarmen in den Gemeinden wohnen, die sie polizieren. Erw\u00e4hnenswert sind auch die kommunalen Polizeien, die seit den 1990er Jahren in vielen St\u00e4dten eingerichtet wurden \u2013 auch in den Vorst\u00e4dten der Gro\u00dfst\u00e4dte \u2013, um das Versagen der sehr schwerf\u00e4lligen und zentralistischen Police Nationale auszugleichen. Aber diese Stadtpolizeien sind heute die der B\u00fcrgermeister*innen. Und die B\u00fcrgermeister*innen werden von den Bewohner*innen der Innenst\u00e4dte gew\u00e4hlt, nicht von denen der Plattenbausiedlungen. Viele sind keine franz\u00f6sischen Staatsb\u00fcrger*innen; und von denen, die es sind, haben sich weniger als 25 Prozent in die W\u00e4hlerlisten eingetragen. Hinzu kommt das verbreitete Desinteresse an Politik, so dass auch viele der\u00adjenigen, die w\u00e4hlen k\u00f6nnten, es nicht tun.<\/p>\n<p>Zwei Beispiele: Der B\u00fcrgermeister von St. Denis, einer typischen Stadt mit \u201eProblem\u201c-Vororten, wurde 2020 von 8.600 Personen gew\u00e4hlt, w\u00e4hrend die Stadt etwa 80.000 Einwohner*innen \u00fcber 18 Jahren hat; der B\u00fcrgermeister von Clichy, der Stadt der Unruhen von 2005, wurde von 2.700 W\u00e4hler*innen gew\u00e4hlt, bei 20.000 Einwohner*innen \u00fcber 18 Jahren; und in beiden St\u00e4dten handelt es sich bei dieser mageren Zahl von W\u00e4hler*innen, um etabliertere, weniger benachteiligte Einwohner\u00ad*in\u00adnen, die in den Stadtzentren leben. Wenn also die Polizei die der \u201eCommunity\u201c w\u00e4re, dann w\u00e4re es die der Innenst\u00e4dte und nicht die der Plattenbausiedlungen &#8230; und in einer Reihe von F\u00e4llen w\u00e4re es sogar die Polizei der Innenst\u00e4dte gegen die Plattenbausiedlungen, so wie heute die Police Nationale. Das Problem, das K\u00fcnkel und Piening angesprochen haben, findet sich auch auf der Ebene der Kommunen wieder.<\/p>\n<p><strong><em>Eine brutal agierende zentralisierte Polizei einerseits, ein politisches System, das einen Teil der Bev\u00f6lkerung schlicht ausschlie\u00dft \u2013 siehst du heute in Frankreich eine Perspektive f\u00fcr eine Debatte \u00fcber Polizei?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ja, 2020 und besonders der Dezember k\u00f6nnten ein Wendepunkt in der Art und Weise gewesen sein, wie die Politik mit polizeilichen Fragen umgeht. Ich will ein paar Daten in Erinnerung rufen: Der Innenminister erkl\u00e4rte Anfang 2019: \u201eMir ist kein Polizist oder Gendarm bekannt, der einen Demonstranten geschlagen hat.\u201c Am 7. M\u00e4rz sagt Pr\u00e4sident Macron: \u201eSprechen Sie nicht von Repression oder Polizeigewalt, diese Worte sind in einem Rechtsstaat inakzeptabel.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Mitten in der Phase der BLM-Demonstrationen, am 28. Juli 2020, deklarierte der neue Innenminister im Parlament, nachdem er Max Webers Begriff des Gewaltmonopols zitiert hatte: \u201eWenn ich das Wort Polizeigewalt h\u00f6re, habe ich pers\u00f6nlich das Gef\u00fchl zu ersticken.\u201c Frankreich ist wohl das einzige Land der \u201ewestlichen Welt\u201c, wo ein Polizeiminister es wagt, sich \u00fcber das \u201eI can\u2019t breathe\u201c der BLM-Bewegung derart lustig zu machen.<\/p>\n<p>Allerdings haben sich 2020 unter dem Eindruck weiterer F\u00e4lle von Polizeigewalt die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse langsam ver\u00e4ndert. Im Januar stirbt ein Mopedlieferant, ein wei\u00dfer Mann, Vater von f\u00fcnf Kindern, bei einer Polizeikontrolle unter den gleichen Umst\u00e4nden wie George Floyd \u2013 dieser Todeskampf wird von Passant*innen komplett gefilmt. Ein paar Wochen sp\u00e4ter stellt ein Polizeikommissar einer Demonstrantin ein Bein, so dass die Frau auf der Stra\u00dfe hinschl\u00e4gt \u2013 Polizeikommissar*innen geh\u00f6ren zu den bestbezahlten Beamt*innen der Republik. Ab Ende November gibt es jeden Samstag Demonstrationen gegen Polizeigewalt und gegen einen Gesetzentwurf der Regierung, der der Polizei noch mehr Befugnisse be\u00adscheren soll. Befeuert werden diese Demonstrationen durch weitere Po\u00adlizei\u00fcbergriffe: die brutale R\u00e4umung eines Zeltlagers von Gefl\u00fcchteten in Paris und zwei Tage sp\u00e4ter den Angriff von vier Polizisten auf Michel Zecler in dessen Musikstudio. Der Schwarze Mann wird zusammengeschlagen, aber die \u00dcberwachungskameras in seinem Studio halten die Szene fest.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Die Aufnahmen zeigen auch, dass die Polizisten eine Tr\u00e4nengasgranate in diesen engen Raum werfen. Das Video wird in einer Woche ca. 15 Millionen Mal im Internet angesehen.<\/p>\n<p>Der Innenminister, der an dem Wort \u201ePolizeigewalt\u201c fast \u201eerstickte\u201c, wurde am darauf folgenden Montag vom Rechtsausschuss der Nationalversammlung angeh\u00f6rt und k\u00fcndigte zum einen eine grundlegende Reform der Polizei und zum anderen einen sechsmonatigen Runden Tisch zum Thema Polizei an. Ein paar Monate zuvor hatte die Nationalversammlung schon einen Untersuchungsausschuss zum Umgang mit De\u00admonstrationen eingesetzt, in dessen Endbericht vom Januar 2021 mehreren Stellen Deeskalation gefordert wird.<\/p>\n<p><strong><em>Was erwartest Du Dir von diesen Entwicklungen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Dieser Runde Tisch ist kein Workshop von Akademiker*innen, die \u00fcber die sehr theoretische Frage der Abschaffung der Polizei diskutieren. Diese Frage nimmt, wie gesagt, einen sehr marginalen Platz in den \u00f6ffentlichen Debatten ein. Aber zum ersten Mal werden Polizei und Polizeigewalt in Frankreich zu einem Thema, das einem kollektiven Beratungsprozess unterliegt und das auch die Regierung ernst nimmt. In Umfragen erreicht die Polizei heute manchmal nicht einmal mehr die Unterst\u00fctzung von 50 Prozent der Befragten. Aber wenn Frankreich erneut Opfer von Terroranschl\u00e4gen wie 2015 und 2016 w\u00fcrde \u2013 damals gab es insgesamt 230 Tote \u2013, dann wird die Polizei sofort wieder die enorme Autonomie und Macht zur\u00fcckgewinnen, \u00fcber die sie in den letzten Jahren so frei verf\u00fcgen konnte.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0 Jobard, F.: Notstand und soziale Bewegung. Der Ausnahmezustand in Frankreich 2015-17, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 118-119 (Juni 2019), S. 121-133<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0 zur Diversit\u00e4t der franz\u00f6sischen Polizeien siehe de Maillard, J.; Skogan, W. (dir.): <em>Policing in France. <\/em>Advances in police theory and practice series. London 2021<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0 K\u00fcnkel, J.; Piening, M.T.: Community Accountability. Feministisch-antirassistische Al\u00adternative zum strafenden Staat?, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 123 (September 2020), S.\u00a036-44<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0 Mougey, A.: \u201eNe parlez pas de violences polici\u00e8res\u201c Emmanuel Macron, Mediapart\/La revue dessin\u00e9e, no. sp\u00e9cial, Septembre 2020; siehe auch den Film \u201eThe Monopoly of Violence\u201c von David Dufresne, production Le Bureau, 2020<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0 <a href=\"https:\/\/loopsider.com\/fr\/video\/la-folle-scene-de-violences-policieres\">https:\/\/loopsider.com\/fr\/video\/la-folle-scene-de-violences-policieres<\/a><\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Fabien Jobard \u201eIn einem so zentralistischen und autorit\u00e4ren Staat wie Frankreich erscheint schon<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,129],"tags":[314,630,1094,1112,1162],"class_list":["post-20404","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-125","tag-black-lives-matter","tag-frankreich","tag-polizei","tag-polizeigewalt","tag-protest"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20404","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20404"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20404\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20404"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20404"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20404"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}