{"id":2061,"date":"1999-12-20T12:48:16","date_gmt":"1999-12-20T12:48:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=2061"},"modified":"1999-12-20T12:48:16","modified_gmt":"1999-12-20T12:48:16","slug":"kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=2061","title":{"rendered":"Kommunale Kriminalpolitik in Deutschland &#8211; Akteure, Themen und Projekte kriminalpr\u00e4ventiver Gremien"},"content":{"rendered":"<h3>von Christine Hohmeyer<a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fn1\" name=\"fnverweis1\">[1]<\/a><\/h3>\n<p><b>Kommunale Kriminalpr\u00e4vention ist in Deutschland durch einen gro\u00dfen rhetorischen &#8222;\u00dcberbau&#8220; gekennzeichnet, der mit beachtlichen Versprechen lockt. Gesellschaftliche Gruppen, ja die B\u00fcrgerInnen selbst sollen sich an der Sicherheitspolitik ihres Wohnortes beteiligen k\u00f6nnen. Diese Sicherheitspolitik beruhe auf mehr Pr\u00e4vention, mehr Kooperation, mehr Gemeinsinn. Zudem sei es im lokalen Kontext m\u00f6glich, schnell und effektiv auf jeweils entstehende Probleme zu reagieren. Angesichts dieses begl\u00fcckenden Szenarios stellt sich die Frage, auf welche Art und Weise die neue Kriminalpolitik in den verschiedenen Gemeinden tats\u00e4chlich umgesetzt wird.<\/b><\/p>\n<p>Um sich der Wirklichkeit kriminalpr\u00e4ventiver Aktivit\u00e4ten anzun\u00e4hern, gibt die Datensammlung des BKA zur Zeit die umfangreichste \u00dcbersicht.<a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fn2\" name=\"fnverweis2\">[2]<\/a> Dort sind im &#8222;Infopool Pr\u00e4vention&#8220; 1.380 kriminalpr\u00e4ventive Gremien, Pr\u00e4ventionsr\u00e4te, Sicherheitspartnerschaften und \u00e4hnliche Initiativen aufgef\u00fchrt. F\u00fcr diese Liste, die u.a. Teilnehmende, Themen und Projekte dokumentiert, griff das BKA auf Angaben der Landeskriminal\u00e4mter oder der Landespr\u00e4ventionsr\u00e4te zur\u00fcck. Durch die unterschiedlichen Erhebungsmodi in den L\u00e4ndern ist die Datenquelle mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten: In manchen F\u00e4llen wurde \u00fcbertrieben weitreichend erfa\u00dft, manchmal blieben die Angaben sporadisch und l\u00fcckenhaft.<a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fn3\" name=\"fnverweis3\">[3]<\/a> Doch obwohl die Auswertung des Infopools nur ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit wiederzugeben vermag, werden selbst bei vorsichtiger Interpretation einzelne Tendenzen der &#8222;Pr\u00e4ventionsbewegung&#8220; sichtbar. Zum einen scheint die Partizipation der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in der Praxis nicht ann\u00e4hernd so ausgepr\u00e4gt, wie es die Theorie verhei\u00dft. Zum anderen scheint das Repertoire der Aktivit\u00e4ten darauf hinzuweisen, da\u00df die M\u00f6glichkeiten lokalen Handelns beschr\u00e4nkt sind &#8211; vor allem dann, wenn es sich um pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen handeln soll.<!--more--><\/p>\n<h4>B\u00fcrgerInnen und Polizei: Beteiligung vor Ort<\/h4>\n<p>Wer sich in kriminalpr\u00e4ventiven Gremien beteiligt, wird im &#8222;Infopool&#8220; durch die Kategorien &#8222;Federf\u00fchrung\/Vorsitz&#8220; sowie &#8222;vertretene Institutionen&#8220; dokumentiert. Hier sind die Angaben nicht standardisiert, meist weder vollst\u00e4ndig noch eindeutig. Vor allem drei Faktoren verzerren das Bild:<\/p>\n<ul>\n<li>Pauschale Angaben wie &#8222;Jugend&#8220;, &#8222;Schule&#8220;, &#8222;Vereine&#8220; oder gar &#8222;sonstige&#8220; lassen nur erahnen, welche Interessengruppen dort vertreten sind &#8211; ob Fu\u00dfball- oder Heimatverein, Schulleitung oder Sch\u00fclerInnenvertretung.<\/li>\n<li>W\u00e4hrend bei manchen Gremien einzelne \u00c4mter als Teilnehmende aufgef\u00fchrt sind, werden bei anderen pauschal &#8222;\u00c4mter&#8220; oder &#8222;Stadtverwaltung&#8220; genannt.<\/li>\n<li>Angaben \u00fcber die Zahl der Vertreter werden nicht gemacht. Nennungen wie &#8222;Parteienvertreter&#8220; oder &#8222;B\u00fcrger&#8220; geben weder Auskunft \u00fcber die Zahl der vertretenen Parteien noch dar\u00fcber, wie viele einzelne Personen dort tats\u00e4chlich sitzen. Die nachfolgend pr\u00e4sentierten Zahlen sagen deshalb weder etwas \u00fcber die Mehrheitsverh\u00e4ltnisse in den Pr\u00e4ventionsinitiativen noch \u00fcber deren Gr\u00f6\u00dfe aus.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Hinzu kommt, da\u00df nur von neun Bundesl\u00e4ndern<a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fn4\" name=\"fnverweis4\">[4]<\/a> Angaben gemacht wurden. Insgesamt sind in der Datensammlung 1.105 Gremien mit Teilnehmenden genannt.<\/p>\n<p>Die F\u00fclle unterschiedlichster Akteure, die im Infopool aufgelistet werden, scheint zun\u00e4chst auf eine breite gesellschaftliche Beteiligung hinzuweisen: Vom Tiefbauamt bis zum Rotary Club, vom Technischen Hilfswerk bis zur lokalen Presse, von Fahrradh\u00e4ndlern bis zum Bundesverwaltungsamt, von der Volkshochschule bis zum Werkschutz sind zahlreiche gesellschaftliche und staatliche Gruppen vertreten. Betrachtet man aber, in wie vielen lokalen Pr\u00e4ventionsgremien einzelne Institutionen, Gruppen oder &#8222;Bereiche&#8220; vertreten sind, ergibt sich schon eine anderes Bild:<\/p>\n<ul>\n<li>Eindeutig ist die Dominanz der Institutionen: Jugend\u00e4mter sind in mehr als einem Drittel, die Kirchen in einem Viertel der Gremien vertreten, Ordnungs- und Sozialamt sind jeweils in rund 10% der Gremien dabei.<\/li>\n<li>In 86% aller Gremien sitzt die Polizei, sie ist damit die &#8211; mit Abstand &#8211; am h\u00e4ufigsten beteiligte Organisation. Nach Bundesl\u00e4ndern aufgeschl\u00fcsselt ergibt sich eine Polizeibeteiligung, die zwischen 56% in Bayern und 100% in Th\u00fcringen und Mecklenburg-Vorpommern liegt.<\/li>\n<li>Dagegen ist die Beteiligung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger eher gering. Jugendliche, Frauen, SeniorInnen und Ausl\u00e4nderInnen als spezifische Zielgruppen kriminalpr\u00e4ventiven Engagements sind zusammen lediglich in 12% der Gremien vertreten. Die allgemeinere Kategorie &#8222;B\u00fcrgerInnen&#8220; wird gar nur bei 4% genannt.<\/li>\n<li>Auch der Einzelhandel ist nur in 5% der Gremien vertreten.<\/li>\n<li>Wenig Einflu\u00df scheinen die Arbeitsverwaltung (in 3%) oder die Gewerkschaften und Arbeitgeberverb\u00e4nde (weniger als 1%) zu nehmen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auch wenn hier noch einmal betont werden mu\u00df, da\u00df die analysierten Zahlen nur scheinbar konkret sind und einer genaueren \u00dcberpr\u00fcfung bed\u00fcrfen, so ergibt sich doch ein Bild, welches das zentrale Versprechen der Partizipation relativiert. Die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sind nicht die haupts\u00e4chlichen Akteure, vielmehr treten unterschiedliche Beh\u00f6rden miteinander in Kontakt. Auch die Betroffenen, die oben genannten Zielgruppen kriminalpr\u00e4ventiven Engagements, sind kaum vertreten. Dagegen ist die Bedeutung der Polizei rein quantitativ so gro\u00df, da\u00df gefragt werden mu\u00df, welche Politik in den Pr\u00e4ventionsgremien durchgesetzt wird. Anders gefragt: was wird in diesen Gremien konkret getan?<\/p>\n<h4>Aktivit\u00e4ten<\/h4>\n<p>\u00dcber das lokale Engagement geben im Infopool die Kategorien &#8222;Themen&#8220; und &#8222;Projekte&#8220; Auskunft. Von den 1.380 Gremien, die dokumentiert sind, haben nur 1.349 \u00fcberhaupt Themen genannt.<a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fn5\" name=\"fnverweis5\">[5]<\/a> Manche nennen ausgefallenere Themen, etwa Schwarzarbeit, Ruhest\u00f6rung, Schuleschw\u00e4nzen oder sogar Suizide. Es lassen sich aber Schwerpunkte erkennen:<\/p>\n<ul>\n<li>Knapp die H\u00e4lfte aller Gremien (680) befa\u00dft sich mit Jugendlichen. Hierzu ist anzumerken, da\u00df sich 246 Gremien nur dann f\u00fcr Jugendliche interessieren, wenn diese als potentielle T\u00e4ter in Erscheinung treten: sie nennen als Themen Jugendgewalt oder Jugendkriminalit\u00e4t. 151 Initiativen besch\u00e4ftigen sich mit Jugendlichen ganz allgemein, 95 richten ihren Blick auf das Freizeitverhalten von Jugendlichen, 125 widmen sich der Gewalt an Schulen. Lediglich 63 interessieren sich f\u00fcr den Schutz von Jugendlichen &#8211; sei es allgemeiner Opferschutz, sei es speziell der Jugendschutz.<\/li>\n<li>Knapp ein Viertel der Gremien (321) befa\u00dft sich mit den Themen Drogenkriminalit\u00e4t, Sucht und Bet\u00e4ubungsmittel.<\/li>\n<li>Die Kategorie &#8222;\u00d6ffentlicher Raum&#8220; umfa\u00dft eine Reihe unterschiedlichster Themen: Kriminalit\u00e4tsformen wie Stra\u00dfenkriminalit\u00e4t auf der einen, Ordnungsst\u00f6rungen wie Schmutz und Verwahrlosung auf der anderen Seite. Zusammen ergeben diese 261 Nennungen.<\/li>\n<li>Erst an vierter Stelle rangiert die Gewaltkriminalit\u00e4t, die nicht von Jugendlichen ver\u00fcbt wird. Hier kann unterschieden werden zwischen allgemeinen Formen der Gewalt (114 Nennungen) und Gewalt gegen bestimmte Gruppen, allen voran Frauen (52) und SeniorInnen (41).<\/li>\n<li>&#8222;Ausl\u00e4nderInnen&#8220; werden insgesamt 142 mal thematisiert, darunter fallen so unterschiedliche Themen wie &#8222;Aussiedlerintegration&#8220; (71), &#8222;Ausl\u00e4nderintegration&#8220; (45) oder &#8222;Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t&#8220; (7). Dar\u00fcber hinaus nennen 66 Gremien das Thema Fremdenfeindlichkeit.<\/li>\n<li>Eigentumsdelikte werden 90 mal, die Themen Einbruch bzw. Wohnsicherheit 63 mal genannt; sie werden also im Vergleich zu ihrer weiten Verbreitung relativ selten behandelt.<\/li>\n<li>Soziale Randgruppen (darunter Obdachlose, Punks und Prostituierte) werden nur 42 mal thematisiert.<\/li>\n<\/ul>\n<h4>Projekte<\/h4>\n<p>Im Infopool Pr\u00e4vention sind 1.380 Gremien, aber nur 1.000 Projekte dokumentiert. Das ist vergleichsweise wenig, da Gremien eine Vielzahl von Projekten realisieren k\u00f6nnen (und dies h\u00e4ufig auch tun). Die niedrige Zahl mag als Indiz auf eine Bewegung hinweisen, die eher rhetorisch denn handelnd in Erscheinung tritt. Sehr aussagekr\u00e4ftig ist dieses Indiz allerdings nicht, da die Datenquelle wiederum sehr l\u00fcckenhaft ist.<a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fn6\" name=\"fnverweis6\">[6]<\/a> Zudem wurden bei unserer Analyse bestimmte Angaben nicht als &#8222;Projekte&#8220; gewertet, die einzig die Organisation eines neuen Gremiums als Ziel benannten. Stichworte wie: &#8222;Gr\u00fcndung einer AG&#8220;, &#8222;Netzwerk herstellen&#8220; oder &#8222;Kontakte zu Jugend\u00e4mtern&#8220; verraten \u00fcber das Gremium allenfalls, da\u00df es sich im Anfangsstadium befindet, nicht aber, welche Ziele es mit welchen Strategien verfolgt.<\/p>\n<p>Noch st\u00e4rker als bei den Themen l\u00e4\u00dft sich bei den Projekten, Strategien und Ma\u00dfnahmen der Gremien ein sehr gro\u00dfes Spektrum erkennen. Auch hier finden sich \u00f6rtliche Spezialit\u00e4ten &#8211; z.B. ein Projekt &#8222;Schulbusbegleitung&#8220;, eine Studie \u00fcber den Ecstasy-Konsum bei Jugendlichen, Schuldnerberatung oder Wohncontainer f\u00fcr Obdachlose. Auch thematisch eher abseitige Projekte, wie etwa Gesundheitsaufkl\u00e4rung \u00fcber Milchtrinken oder Osteoporose sind im Infopool erw\u00e4hnt. Das Gros dagegen bilden Projekte wie z.B. \u00d6ffentlichkeitsarbeit, Sport f\u00fcr Jugendliche, die Einrichtung eines Jugendhauses bzw. Caf\u00e9s. Auff\u00e4llig ist, da\u00df entgegen der h\u00e4ufigen Nennung des Themas Fremdenfeindlichkeit bundesweit kein einziges Projekt zu dieser Problematik angegeben wurde.<\/p>\n<p>Betrachtet man diese Aktivit\u00e4ten der kommunalen Gremien vor dem Hintergrund ihres eigenen Anspruchs, n\u00e4mlich pr\u00e4ventiv zu wirken gegen\u00fcber Kriminalit\u00e4t und Unsicherheit, so f\u00e4llt zun\u00e4chst auf, da\u00df es eine gro\u00dfe Anzahl von Projekten gibt, die sich als unspezifisch bezeichnen lassen. Diese Projekte weisen keinen unmittelbaren Zusammenhang mit Kriminalit\u00e4t auf, wie etwa Sport oder Disco-Veranstaltungen, Theaterauff\u00fchrungen, Bildungsangebote. Sie erf\u00fcllen auch dann noch einen Zweck, wenn sie nicht im Rahmen der Kriminalit\u00e4tspr\u00e4vention betrachtet werden, d.h. sie sind urspr\u00fcnglich eigenst\u00e4ndig, vom Politikfeld &#8222;Innere Sicherheit&#8220; unabh\u00e4ngig. Knapp ein Drittel (ca. 32%) aller Projekte sind in diesem Sinn unspezifisch. Auch hier gibt es bestimmte Schwerpunkte:<\/p>\n<ul>\n<li>55,6% dieser unspezifischen Projekte sind Ma\u00dfnahmen zur Freizeitgestaltung, haupts\u00e4chlich an Jugendliche, aber auch an Ausl\u00e4nderInnen und SeniorInnen gerichtet. Diese Freizeitangebote k\u00f6nnen u.U. zu besseren Lebensverh\u00e4ltnissen beitragen, ob sie der Verhinderung von Kriminalit\u00e4t dienen, wissen wir nicht.<\/li>\n<li>Die unspezifischen Beratungen oder Hilfen zur Lebensgestaltung wie etwa Kindersorgentelefon, Sprachkindergarten, Bildungsangebote f\u00fcr Ausl\u00e4nderInnen machen 16,5% aus. Zum gro\u00dfen Teil sind dies Aufgaben, die bislang unabh\u00e4ngig vom Zweck der Kriminalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung von sozialen Diensten oder privaten Initiativen erledigt wurden.<\/li>\n<li>Mit 13,7% werden von den Gremien Projekte ausgewiesen, die zu den &#8222;klassischen&#8220; Ma\u00dfnahmen der Jugendhilfe geh\u00f6ren. Dies sind Streetwork und Sozialarbeit, Aufsichtsma\u00dfnahmen durch das Jugendamt, betreutes Wohnen von Jugendlichen, sogar das Erstellen eines Jugendhilfeplans. All dies sind Aufgaben, die nach den Bestimmungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) ohnehin von den Gemeinden wahrzunehmen sind.<\/li>\n<li>Relativ wenig vertreten sind die Aktivit\u00e4ten, die von den B\u00fcrgerInnen vor Ort selbst ausge\u00fcbt werden k\u00f6nnen, n\u00e4mlich Nachbarschaftshilfe oder Projekte, die das Leben in der Gemeinde f\u00f6rdern (7,8%). Hierunter fallen Feste ebenso wie die Bildung von Hausr\u00e4ten. Dies sind Projekte, die Lebensbedingungen in der Gemeinde verbessern helfen, auf Kriminalit\u00e4t aber nur sehr mittelbar bezogen sind. Da\u00df es vergleichsweise wenige sind, k\u00f6nnte mit der relativ geringen Beteiligung der B\u00fcrgerInnen zusammenh\u00e4ngen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Insgesamt besteht knapp ein Drittel lokaler Aktivit\u00e4ten aus Ma\u00dfnahmen, die ohnehin zum kommunalpolitischen Angebot geh\u00f6ren &#8211; unabh\u00e4ngig von Sicherheitslage oder subjektiver Kriminalit\u00e4tsfurcht. Neu ist daran nur, da\u00df Freizeitma\u00dfnahmen, Jugendhilfeleistungen und soziale Angebote in den Dienst der inneren Sicherheit gestellt werden.<\/p>\n<h4>Spezifisch auf Kriminalit\u00e4t bezogene Projekte<\/h4>\n<p>Die restlichen zwei Drittel der lokalen Aktivit\u00e4ten sind unmittelbar auf Kriminalit\u00e4t bezogen. Dadurch unterscheiden sie sich von den unspezifischen Projekten. W\u00e4hrend ein Jugendcaf\u00e9 neben seiner m\u00f6glicherweise kriminalpr\u00e4ventiven Funktion vor allem Treffpunkt und Aufenthaltsort f\u00fcr Jugendliche sein kann, hat die Fahrradcodierung keinen anderen Sinn als den, Diebstahl zu vereiteln. Auch die Beratung an Schulen zum Thema &#8222;Gewalt&#8220; oder Informationsbrosch\u00fcren \u00fcber Schutzma\u00dfnahmen f\u00fcr SeniorInnen dienen in der Hauptsache dazu, Kriminalit\u00e4t zu vermeiden. Diese Ma\u00dfnahmen wurden von uns spezifisch genannt. Auch hier differiert die Art und Weise der Intervention:<\/p>\n<ul>\n<li>Den gr\u00f6\u00dften Raum nehmen Strategien der Information und \u00d6ffentlichkeitsarbeit ein (ca. 29%). Diese wirken nicht unmittelbar gestaltend, sondern zielen mittelbar auf Ver\u00e4nderungen, indem sie an das Bewu\u00dftsein der handelnden Personen appellieren. Das gleiche gilt f\u00fcr Beratungen, die ca. 8% der spezifischen Ma\u00dfnahmen ausmachen.<\/li>\n<li>Einen ebenso gro\u00dfen Schwerpunkt bilden die Aktivit\u00e4ten, die sich mit Lageerhebung und Analyse befassen: Befragungen von B\u00fcrgerInnen oder an Schulen, Erhebungen \u00fcber Kriminalit\u00e4tsniveau oder Sicherheitsgef\u00fchl in einzelnen Bezirken. Diese k\u00f6nnen als Vorarbeiten dienen; eine pr\u00e4ventive Funktion erf\u00fcllen sie selbst noch nicht.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Im Hinblick auf die Ausgangsfrage, was denn die kriminalpr\u00e4ventiven Gremien eigentlich tun, ist also festzustellen, da\u00df der \u00fcberwiegende Teil (zusammen gut 70%) der spezifischen Projekte auf Bewu\u00dftseins\u00e4nderung oder Informationsaustausch zielt. Strukturelle Ver\u00e4nderungen, Verhinderung von Tatgelegenheiten, sichtbare r\u00e4umliche Ver\u00e4nderungen und \u00e4hnliches bringen diese Projekte nicht hervor &#8211; sie sind daher nicht unmittelbar gestaltend. Dagegen lassen sich die \u00fcbrigen Projekte, also knapp ein Drittel aller, als tats\u00e4chlich gestaltend bezeichnen; sie bringen r\u00e4umliche oder strukturelle Ver\u00e4nderungen mit sich:<\/p>\n<ul>\n<li>Unter diesen gestaltenden Projekten nimmt die technische Pr\u00e4vention bzw. die Umfeldgestaltung mit 46% den gr\u00f6\u00dften Raum ein. Dazu geh\u00f6ren Ma\u00dfnahmen wie die Bauleitplanung zusammen mit der Polizei, aber auch konkrete Bauma\u00dfnahmen, Frauenparkpl\u00e4tze und die Beleuchtung von sogenannten Angstr\u00e4umen.<\/li>\n<li>Als gestaltend lassen sich auch die konkreten Hilfen bezeichnen (18,3%), wozu Streitschlichter an Schulen, Kurse zur Konfliktl\u00f6sung und die Verbesserung der Infrastruktur durch Nachttaxis geh\u00f6ren.<\/li>\n<li>Ebenfalls ins Gewicht fallen die repressiven Ma\u00dfnahmen, die angesichts des Pr\u00e4ventionsversprechens im Instrumentarium pr\u00e4ventiver Gremien eigentlich nichts zu suchen h\u00e4tten. Die Erh\u00f6hung der Kontrolldichte durch Streifeng\u00e4nge, Wachen etc. macht 19,8% des Anteils aus, der Erla\u00df sch\u00e4rferer st\u00e4dtischer Verordnungen oder Polizeiverordnungen schl\u00e4gt mit 5,1% zu Buche.<\/li>\n<\/ul>\n<h4>Tendenzen kommunaler Kriminalpr\u00e4vention<\/h4>\n<p>Die Analyse des Infopool Pr\u00e4vention ergibt nur ein grobes Bild dar\u00fcber, was Pr\u00e4ventionsr\u00e4te oder \u00e4hnliche Gremien tun. Doch selbst in dieser holzschnittartigen Darstellung werden einzelne Tendenzen sichtbar, die den verk\u00fcndeten Wechsel zu einer neuen, besseren lokalen Sicherheitspolitik fraglich werden lassen.<\/p>\n<ul>\n<li>Die versprochene Partizipation der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger wird nur ungen\u00fcgend umgesetzt. \u00dcberwiegend werden die Gremien von Beh\u00f6rden dominiert. Die Polizei ist nahezu \u00fcberall dabei.<\/li>\n<li>Ein Drittel aller Projekte, die als Mittel der Pr\u00e4vention ausgewiesen werden, sind ohnehin Aufgaben kommunaler Gestaltung.<\/li>\n<li>Von den Projekten, die spezifisch auf Kriminalit\u00e4t zielen, ist wiederum nur ein geringer Teil unmittelbar gestaltend. Es \u00fcberwiegen die Strategien der Information und Aufkl\u00e4rung.<\/li>\n<li>Dort hingegen, wo in \u00f6rtliche Strukturen eingegriffen wird, werden h\u00e4ufig technische Pr\u00e4vention und repressive Ma\u00dfnahmen eingesetzt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Auswertung des BKA-Infopools verr\u00e4t nichts \u00fcber Wirkungen und Nebenfolgen der angestrebten Projekte; und auch nichts \u00fcber die Gr\u00fcnde, warum bestimmte Ma\u00dfnahmen bevorzugt werden, andere dagegen fehlen. Dennoch lassen sich einige vorsichtige Schl\u00fcsse ziehen. Da\u00df Projekte nur selten tats\u00e4chlich gestaltend in die \u00f6rtlichen Strukturen eingreifen, verweist auf die begrenzten M\u00f6glichkeiten lokalen Handelns. M\u00f6glicherweise werden Information und Aufkl\u00e4rung gerade deswegen favorisiert, weil sie auch ohne gro\u00dfe Interessenkonflikte realisiert werden k\u00f6nnen. Auch das Repertoire der verwendeten Mittel &#8211; von der Aufkl\u00e4rungsbrosch\u00fcre bis hin zur Fahrradcodierung &#8211; zeugt weder von neuer Qualit\u00e4t noch von besonderer Reichweite. Tendenziell neu ist dagegen die umfassende Einbindung sozialer Dienste und Freizeitaktivit\u00e4ten in ein Gesamtkonzept der Kriminalpr\u00e4vention. Dadurch entsteht die Gefahr, da\u00df soziale Dienste oder Leistungen der Jugendhilfe nicht nur ihr Selbstverst\u00e4ndnis ver\u00e4ndern, sondern auch von Anforderungen und finanziellen Zuwendungen einer &#8211; m\u00f6glicherweise nur kurzlebigen &#8211; Bewegung abh\u00e4ngig werden. Nicht zuletzt ergibt sich die Frage, welche Interessen im Zusammenspiel der unterschiedlichen Kr\u00e4fte lokal durchgesetzt werden k\u00f6nnen und welche Rolle die Polizei als allgegenw\u00e4rtige Beh\u00f6rde dabei \u00fcbernimmt.<\/p>\n<h5>Christine Hohmeyer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin und Redakteurin von B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP.<\/h5>\n<h6><a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fnverweis1\" name=\"fn1\">[1]<\/a> Der Artikel fu\u00dft auf einer gemeinsam mit Martina Kant und Norbert P\u00fctter vorgenommenen Auswertung.<br \/>\n<a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fnverweis2\" name=\"fn2\">[2]<\/a> Bundeskriminalamt, Infopool Pr\u00e4vention: Kriminalpr\u00e4vention in Deutschland. Kommunale Pr\u00e4ventionsgremien. Wiesbaden, 3. Auflage 1999 (Datenbank)<br \/>\n<a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fnverweis3\" name=\"fn3\">[3]<\/a> Baden-W\u00fcrttemberg hat z.B. viele lokale Gremien gemeldet, die sich erst in Vorbereitung befanden; Nordrhein-Westfalen meldete auch Jugendhilfeaussch\u00fcsse, die zum gesetzlich vorgeschriebenen kommunalen Instrumentarium geh\u00f6ren. Dagegen ist Berlin z.B. nur mit einer als Verein organisierten Initiative vertreten, w\u00e4hrend es in der Stadt eine Vielzahl kriminalpr\u00e4ventiver Initiativen bis hin zu Pr\u00e4ventionsr\u00e4ten gibt.<br \/>\n<a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fnverweis4\" name=\"fn4\">[4]<\/a> Baden-W\u00fcrttemberg, Bayern, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Schleswig-Holstein und Th\u00fcringen.<br \/>\n<a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fnverweis5\" name=\"fn5\">[5]<\/a> Aus den L\u00e4ndern Bayern, Bremen, Hamburg und Sachsen-Anhalt liegen keine Angaben vor.<br \/>\n<a href=\"\/1999\/12\/20\/kommunale-kriminalpolitik-in-deutschland-akteure-themen-und-projekte-kriminalpraeventiver-gremien\/#fnverweis6\" name=\"fn6\">[6]<\/a> Wieder wurden von Bayern, Bremen, Hamburg und Sachsen-Anhalt, aber auch von vielen Einzelgremien keine Angaben gemacht.<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christine Hohmeyer[1] Kommunale Kriminalpr\u00e4vention ist in Deutschland durch einen gro\u00dfen rhetorischen &#8222;\u00dcberbau&#8220; gekennzeichnet, der<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,70],"tags":[309,672,882,1147],"class_list":["post-2061","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-064","tag-bundeskriminalamt","tag-gemeinden","tag-kriminalpraevention","tag-praeventionsraete"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2061","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2061"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2061\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2061"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}