{"id":20690,"date":"2021-08-17T16:27:15","date_gmt":"2021-08-17T16:27:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=20690"},"modified":"2021-08-17T16:27:15","modified_gmt":"2021-08-17T16:27:15","slug":"aggressive-polizeimaennlichkeit-noch-hegemonial-aber-neu-begruendet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=20690","title":{"rendered":"Aggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit:\u00a0Noch hegemonial, aber neu begr\u00fcndet"},"content":{"rendered":"<h3>von Kai Seidensticker<\/h3>\n<p><strong>Die Polizei ver\u00e4ndert sich mit gesellschaftlichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen, hinkt allerdings beim Wandel der Geschlechterverh\u00e4ltnisse hinterher. Ein Blick auf Geschlecht in der Polizei zeigt, dass die aggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit weiterhin als dominantes Muster wirksam ist. Sie wird aber neu begr\u00fcndet.<\/strong><\/p>\n<p>Frauen geh\u00f6ren seit nunmehr 40 Jahren zum Bild der deutschen Polizeien (siehe Beitrag von Eva Brauer in diesem Heft). Ihr Anteil am Personalk\u00f6rper betrug im Jahr 2018 je nach Beh\u00f6rde bis zu 32 Prozent. Diese Ver\u00e4nderung der geschlechtlichen Verteilung innerhalb der Personalstruktur fordert tradierte Rollenvorstellungen in der Polizei heraus. Eine Transformation polizeilicher Handlungsmuster, z.\u00a0B. in Form von mehr kommunikativen Konfliktl\u00f6sungsstrategien oder st\u00e4rkerer Einzelfallber\u00fccksichtigungen im Umgang mit B\u00fcrger*innen, ist bisher jedoch nicht zu verzeichnen. M\u00e4nnlichkeit bildet vielmehr auch heute noch den Kern polizeilicher Handlungslogiken.<\/p>\n<p>In diesem Beitrag gebe ich einen Einblick, wie M\u00e4nnlichkeit in der Polizeiorganisation reproduziert wird. Dabei zeige ich auf, wie die aggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels von Geschlechterverh\u00e4ltnissen neu hervorgebracht wird.<!--more--><\/p>\n<h4>Die Konstruktion von M\u00e4nnlichkeiten<\/h4>\n<p>Der Blick auf M\u00e4nnlichkeiten in der Polizei ist kein Selbstzweck. Er erm\u00f6glicht es, soziale Ordnung als Produkt und Entstehungsbedingung polizeilicher Praxis zu verstehen. Damit tr\u00e4gt die Analyse zum Verst\u00e4ndnis der Herstellung und Verfestigung von Handlungslogiken in der Polizei bei. Geschlecht ist dabei nicht prim\u00e4r als biologische Anlage zu verstehen, sondern wird hier vor allem als etwas, das Handeln anleitet und durch Handeln (also performativ) hergestellt wird, analysiert.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Die soziale Ordnung im Feld Polizei ist grunds\u00e4tzlich durch ein bestehendes Machtgef\u00e4lle zwischen M\u00e4nnern und Frauen gepr\u00e4gt. Dabei wird vor allem das Bild der u.\u00a0a. k\u00f6rperlichen \u00dcberlegenheit von M\u00e4nnern gegen\u00fcber den Frauen dazu genutzt, diese Machtverh\u00e4ltnisse zu stabilisieren. M\u00e4nnlichkeit dient zudem als Orientierungsmuster, das M\u00e4nnern Handlungssicherheit verspricht.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> So bietet sie z.\u00a0B. ein aggressiv-autorit\u00e4res Auftreten als legitimes Handlungsmuster f\u00fcr Konfliktl\u00f6sungen an. Diese Handlungsmuster markieren eine Grenze zwischen dem akzeptierten Selbst und dem bedrohlichen, inakzeptablen Anderen. Damit reduzieren sie die Komplexit\u00e4t sozialer Prozesse. Konflikte werden leichter deut- und bearbeitbar.<\/p>\n<p>M\u00e4nnlichkeit wird in einer doppelten, die hetero- und die homosoziale Dimension umfassenden Distinktions- und Dominanzlogik wirksam.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Das bedeutet, dass sie durch ein Dominanzverh\u00e4ltnis zwischen M\u00e4nnern und Frauen konstituiert wird, auf dessen Grundlage fortlaufend auch die Verh\u00e4ltnisse unter M\u00e4nnern ausgehandelt werden. Diese Aushandlungsprozesse finden innerhalb von homosozialen, also rein m\u00e4nnlichen oder m\u00e4nnlich dominierten R\u00e4umen statt. Hier werden \u201eernste Spiele des Wettbewerbs\u201c unter M\u00e4nnern ausgetragen und der m\u00e4nnliche Habitus \u201ekonstruiert und vollendet\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Frauen werden an diesen Spielen in aller Regel nicht beteiligt. Auf die passive Rolle der Zuschauerinnen verwiesen, signalisieren sie die Anerkennung des Spiels und st\u00fctzen so die m\u00e4nnliche Hegemonie. Im Ergebnis wird durch diese Spiele nicht nur eine M\u00e4nnlichkeit konstruiert, sondern es entsteht vielmehr ein hierarchisches Beziehungsgef\u00fcge zwischen unterschiedlichen M\u00e4nnlichkeiten. Das dominierende M\u00e4nnlichkeitsmuster wird als hegemoniale M\u00e4nnlichkeit bezeichnet.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Da es nur im Verh\u00e4ltnis zu anderen M\u00e4nnlichkeiten (und zu Frauen) existieren kann, muss es als prek\u00e4res Konstrukt fortlaufend transformiert und reproduziert werden.<\/p>\n<p>Diese Prozesse zeigen sich bei der Polizei einerseits im Umgang mit der Polizeiklientel, also dem Au\u00dfenverh\u00e4ltnis, wie es insbesondere Brauer (in diesem Heft) am Beispiel der Herstellung m\u00e4nnlicher R\u00e4ume herausgearbeitet hat. Sie manifestieren sich aber auch in den Interaktionen unter Polizist*innen (Innenverh\u00e4ltnis), die ich im Folgenden \u2013 in Aktualisierung und Erweiterung von Rafael Behrs Thesen zur \u201eCop Culture\u201c <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> \u2013 beleuchte.<\/p>\n<h4>Die \u201eAggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit\u201c<\/h4>\n<p>In meiner qualitativen Forschung<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> zur Konstruktion von M\u00e4nnlichkeiten in der Polizei zeigt sich die aggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit als im Feld dominierendes Muster. Bereits Behr verweist in seiner Forschung auf das Muster der Krieger-M\u00e4nnlichkeit<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> (sp\u00e4ter als aggressive Maskulinit\u00e4t bezeichnet<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>) als relevantes Konstrukt.<\/p>\n<p>Ich bevorzuge auf Grundlage meiner eigenen Forschung den Begriff der aggressiven Polizeim\u00e4nnlichkeit, da hier drei Aspekte verdeutlicht werden, die von besonderer Relevanz sind. Dieser Begriff zeigt (1), dass der M\u00e4nnlichkeit im Feld Polizei noch immer hegemonialer Status zukommt. Dies st\u00fctzt sich nach meiner Interpretation des empirischen Materials (2) auf vergeschlechtlichte Kapitalien, also z.\u00a0B. K\u00f6rperlichkeit und St\u00e4rke, die als notwendige Bestandteile des Polizierens gelten und ein aggressives Auftreten f\u00f6rdern. M\u00e4nner stehen im Wettbewerb um die Kontrolle und Verf\u00fcgungsmacht im Feld, den sie untereinander austagen \u2013 z.\u00a0B. durch den sportlichen Wettkampf (\u201ewenn jetzt nicht unheimlich viele Klimmz\u00fcge kannst, dann \u00e4h haste keine Chance\u201c) oder das \u201eKampf-Trinken\u201c (\u201eJa hier is et dann, wer am meisten saufen kann\u201c). Wettbewerb wird aber auch in der Konfrontation mit den B\u00fcrger*innen ausgetragen und nicht zuletzt durch aggressives Gebaren als \u201eBesch\u00fctzer\u201c reproduziert. Diese Praktiken k\u00f6nnen (3) als \u00fcbersteigerte Form von M\u00e4nnlichkeit verstanden werden. Diese Polizeim\u00e4nnlichkeit wird durch den legal m\u00f6glichen Zugriff auf Gewalt als Handlungsform und permanente Verweise auf die potenzielle Gef\u00e4hrdung im Polizeidienst bef\u00f6rdert. Die Polizisten unterscheiden auch selbst zwischen \u201eunm\u00e4nnlichem\u201c und \u201eunpolizeilichem\u201c Verhalten und markieren die \u00fcbersteigerte M\u00e4nnlichkeit im Polizeidienst als notwendig f\u00fcr die Arbeit.<\/p>\n<h4>Reproduktion von M\u00e4nnlichkeiten<\/h4>\n<p>Die aggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit ist nicht immer und nicht \u00fcberall handlungsleitend. Sie kann jedoch stets relevant gemacht werden, um zur Stabilisierung der bestehenden Ordnung beizutragen. So zeigt sich die aggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit nicht nur in exklusiv-m\u00e4nnlichen R\u00e4umen oder in der Konfrontation mit den B\u00fcrger*innen, sondern kann ganz selbstverst\u00e4ndlich auch in anderen, nicht origin\u00e4r als m\u00e4nnlich gelabelten R\u00e4umen relevant gemacht werden. Hierzu z\u00e4hlen die administrativ-b\u00fcrokratischen T\u00e4tigkeiten der Kriminalpolizei, also z.\u00a0B. die aktenm\u00e4\u00dfige Bearbeitung von Strafanzeigen im B\u00fcro. In diesen ist die aggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit im Arbeitsalltag der Polizist*innen vordergr\u00fcndig nicht dauerhaft pr\u00e4sent. Doch auch hier kann sie durch die Nutzung funktionaler Narrative (Heldengeschichten und Mythen) relevant gemacht werden. So werden sich beispielsweise immer wieder Geschichten \u00fcber vergangene eigene Beteiligungen der M\u00e4nner an \u201eK\u00e4mpfen\u201c oder aber vermeintliche Erfahrungen von und mit Kolleg*innen erz\u00e4hlt, um sich in Relation zur aggressiven Polizeim\u00e4nnlichkeit zu positionieren. Durch diese Erz\u00e4hlungen wird die eigene Position in Entscheidungsprozessen gest\u00e4rkt, z.\u00a0B. durch die \u201eKampferfahrung\u201c, durch Milieukenntnis oder das vermeintliche praktische, polizeiliche \u201eErfahrungswissen\u201c. Diese Erz\u00e4hlungen unterf\u00fcttern Argumentationen mit einer erlebbaren, k\u00f6rperlichen Dimension. Sie dienen als scheinbare empirische Gewissheit. Sie wirken identit\u00e4tsstiftend bzw. vereinnahmend auf die Polizist*innen, indem auch hier stets Ab- und Ausgrenzung anderer Positionen durch unhintergehbare (erlebte) Wahrheiten betrieben wird. Gleichzeitig st\u00fctzen sie die Hegemonie der aggressiven Polizeim\u00e4nnlichkeit, da sie diese als dominantes Konstrukt anerkennen.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich bereits eine Hierarchisierung von Aufgabenbereichen entlang der Relevanz des M\u00e4nnlichkeitsmusters der aggressiven Polizeim\u00e4nnlichkeit. Je weniger relevant dieses Muster f\u00fcr eine T\u00e4tigkeit ist und je weniger es mit dem Gefahrennarrativ des Polizierens verbunden werden kann, desto niedriger ist (aus cop-kultureller Sicht) das damit einhergehende Prestige. Allerdings kann diese Hierarchisierung auch innerhalb von T\u00e4tigkeitskontexten erfolgen (wie Brauer in diesem Heft f\u00fcr zwei als unterschiedlich \u201egef\u00e4hrlich\u201c eingesch\u00e4tzte Einsatzr\u00e4ume innerhalb der Schutzpolizei eindr\u00fccklich herausstellt). Mit Bezug auf die unterschiedlichen Aufgabengebiete der Polizei zeigt sich, dass operative Bereiche (Streifendienst, Bereitschaftspolizei, Spezialeinheiten etc.) am prestigetr\u00e4chtigsten sind. In ihnen kann die aggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit in der Praxis am besten \u201eperformt\u201c, also ausge\u00fcbt und auch zur Schau gestellt werden, da der eigene K\u00f6rper als Spieleinsatz aktiv in das Polizieren eingebracht werden muss. Dar\u00fcber hinaus ist das Narrativ einer stets lauernden Gefahr hier strukturell am st\u00e4rksten wirksam.<\/p>\n<p>Praktische Relevanz entfalten diese Prozesse z.\u00a0B. bei der Wahrnehmung von Polizistinnen. Diese werden als nicht gleichwertige Kolleg*innen betrachtet, da sie nicht \u00fcber die notwendigen Kapitalien verf\u00fcgen. In der Folge wird ein steigender Frauenanteil noch immer mit einer Schw\u00e4chung der jeweiligen Bereiche assoziiert: \u201eJe nachdem, wie viel da aufgestockt wird, ne. Einstellungszahlen Frauen hoch \u2013 ist halt die Frage, wo man die hinsteckt, ne, wenn man hier dat aufstockt, dann meiner Meinung nach sinkt dann der Einsatzwert der Hundertschaft\u201c. Auf diesen Annahmen basieren z.\u00a0B. beobachtbare Versuche, Streifenwagenbesatzungen nicht aus zwei Frauen zu bilden oder aber Frauen die \u201eungef\u00e4hrlicheren\u201c Unterst\u00fctzungst\u00e4tigkeiten zuzuweisen, um \u201emehr M\u00e4nner auf die Stra\u00dfe zu kriegen\u201c, wie es in der Gruppe der Schutzpolizisten ausgedr\u00fcckt wird. M\u00e4nnlichkeit wird in der Praxis zum Ideal des Polizierens erkl\u00e4rt und dominiert in aller Regel die Polizeiarbeit.<\/p>\n<h4>Die Schaffung exklusiver R\u00e4ume<\/h4>\n<p>Die Polizeiarbeit ist aktuell u.\u00a0a. durch eine Zunahme an Aufgaben und Verantwortlichkeiten gekennzeichnet, die zu einer st\u00e4rkeren Ausdifferenzierung von T\u00e4tigkeiten f\u00fchrt. Diese Ausdifferenzierung l\u00f6st K\u00f6rperlichkeit als generell wirksames Element polizeilicher Aufgabenwahrnehmung auf. Dennoch f\u00fchrt sie zu einer st\u00e4rkeren Segregation innerhalb des Feldes, durch welche die K\u00e4mpfe um exklusiv m\u00e4nnliche R\u00e4ume intensiviert und diese st\u00e4rker sichtbar werden.<\/p>\n<p>In den im Rahmen meiner Forschung durchgef\u00fchrten Gruppendiskussionen wurden Prozesse informeller Schlie\u00dfungen von Unterfeldern aufgedeckt. Diese ergeben sich aus einer Kombination aus Naturalisierung und Embodiment vergeschlechtlichter Kapitalien. Konkret hei\u00dft das: k\u00f6rperliche St\u00e4rke und der bedingungslose Einsatz des K\u00f6rpers werden in bestimmten T\u00e4tigkeitskontexten wiederkehrend zu zwingend notwendigen Voraussetzungen des Polizierens stilisiert und gleichzeitig als origin\u00e4r m\u00e4nnliche, da von Natur aus den M\u00e4nnern vorbehaltene Ressourcen gelabelt. Diese Prozesse wirken wechselseitig auf die Praktiken der Polizist*innen: Die Naturalisierung dieser Kapitalien wird z.\u00a0B. in einem aggressiven Umgang mit den B\u00fcrger*innen hervorgebracht, was auch von Brauer (in diesem Heft) thematisiert wird. Gleichzeitig erm\u00f6glicht sie einen solchen Umgang, weil Aggression permanent als notwendig re\u00adinszeniert wird. Auch im Innenverh\u00e4ltnis sind diese wechselseitigen Prozesse wirksam. Sie zeigen sich z.\u00a0B. in der starken Betonung von Sportlichkeit und Wettkampf. Durch Leistungen im Sport, die durch k\u00f6rperliche Anstrengungen erbracht werden m\u00fcssen, versichern sich die M\u00e4nner ihrer Eignung f\u00fcr den (k\u00f6rperlichen) Polizeidienst.<\/p>\n<p>Zudem kann z.\u00a0B. bei Auswahlverfahren f\u00fcr Spezialeinheiten regelm\u00e4\u00dfig beobachtet werden, dass M\u00e4nnlichkeit f\u00fcr eine solche T\u00e4tigkeit implizit vorausgesetzt wird. Auch wenn diese formal geschlechtsneutral postuliert werden, entsteht \u2013 gest\u00fctzt durch das gemeinsam geteilte Wissen, dass Frauen grunds\u00e4tzlich nicht \u00fcber die notwendige (k\u00f6rperliche) St\u00e4rke und \u201edas taktische Verst\u00e4ndnis der M\u00e4nner\u201c verf\u00fcgen w\u00fcrden \u2013 faktisch ein nahezu homosoziales, m\u00e4nnliches Unterfeld. Formal wird Frauen der Zugang zwar erm\u00f6glicht, informell findet aber eine Schlie\u00dfung statt. Die Hegemonie der aggressiven Polizeim\u00e4nnlichkeit wird dadurch wirksam, dass ein Einverst\u00e4ndnis der Frauen mit dieser Exklusion hergestellt wird (z.\u00a0B. indem die Verbindung zwischen gef\u00e4hrlichen T\u00e4tigkeiten und M\u00e4nnern bereits mit Beginn der Ausbildung regelm\u00e4\u00dfig als etwas Nat\u00fcrliches und damit als ein unhinterfragbarer Zustand vermittelt wird). Dies kann dazu f\u00fchren, dass Frauen bereits im Vorfeld von einer Bewerbung absehen.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die Polizei lassen sich demnach wechselseitige Wirkbeziehungen feststellen, bei denen formelle und informelle Aspekte einer m\u00e4nnlichkeitszentrierten Segregation ineinander \u00fcbergehen. Diese Wirkbeziehungen werden durch die Erh\u00f6hung des Anteils von Frauen nicht aufgel\u00f6st. Vielmehr werden m\u00e4nnlich-dominierte R\u00e4ume st\u00e4rker ausdifferenziert und viel kleinteiliger geschaffen, um in diesen die aggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit weiterhin ungebrochen performieren zu k\u00f6nnen. So finden sich z.\u00a0B. Funkstreifenwagen, die in der Regel mit zwei, mindestens aber mit einem Mann besetzt werden, oder aber spezialisierte Aufgabenbereiche, f\u00fcr die Frauen als nicht geeignet erscheinen. Die verst\u00e4rkte Anwesenheit von Frauen in der Polizei ist der Reproduktion der aggressiven Polizeim\u00e4nnlichkeit bisweilen sogar dienlich, da sie deren Hegemonie gleichzeitig herausfordert und auch verst\u00e4rkt. Mehr Frauen in der Polizei werden als \u201eempirischer\u201c Beweis daf\u00fcr herangezogen, dass die Polizei einer aggressiven Polizeim\u00e4nnlichkeit bedarf, um weiter handlungsf\u00e4hig zu bleiben und die \u201eSchw\u00e4chung der Polizei\u201c durch die Frauen auszugleichen. Auf diese Weise wird die aggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit in prestigetr\u00e4chtigen, homosozialen (Mikro-)R\u00e4umen ungebrochen reproduziert. Sie kann stets die Praxis des Polizierens beeinflussen bzw. leiten und bleibt im gr\u00f6\u00dferen Kontext der Polizeiorganisation weiterhin dominant.<\/p>\n<h4>Fazit<\/h4>\n<p>Polizeipraxis wird stark von den im Feld dominierenden Geschlechterbildern beeinflusst. Es zeigt sich, dass noch immer eine \u00fcbersteigerte Form von M\u00e4nnlichkeit, die hier als aggressive Polizeim\u00e4nnlichkeit bezeichnet wird, den Kern polizeilicher Handlungslogiken pr\u00e4gt. Diese ist nicht \u00fcberall und nicht immer gleichf\u00f6rmig pr\u00e4sent. Sie kann jedoch stets relevant gemacht werden, um die tradierte Ordnung im Feld zu stabilisieren. Die Reproduktion der aggressiven Polizeim\u00e4nnlichkeit ist kontextspezifisch. Sie basiert insbesondere auf der Nutzung verge\u00adschlechtlichter Kapitalien wie K\u00f6rperlichkeit und St\u00e4rke, die als f\u00fcr den Polizeidienst notwendig erachtet werden. Besonders ausgepr\u00e4gt ist dies in den operativen Bereichen der Schutz- und Bereitschaftspolizei sowie den Spezialeinheiten, wo trotz eines steigenden Frauenanteils exklusiv-m\u00e4nnliche bzw. m\u00e4nnlich dominierte R\u00e4ume anhand formeller und informeller Segregationsprozesse geschaffen werden. Die Persistenz der aggressiven Polizeim\u00e4nnlichkeit zeigt die Anpassungsf\u00e4higkeit dieser Konstruktion an ver\u00e4nderte Strukturen. So f\u00fchrte die Erh\u00f6hung des Anteils an Frauen in der Polizei und einer geschlechterinkludierenden Au\u00dfendarstellung bisher nicht zu einer Abl\u00f6sung dieses dominierenden Konstruktes. In diesem Sinne bedarf es auf dem Weg zu einer B\u00fcrger*innenpolizei, insbesondere mit Blick auf das Auftreten von Polizeigewalt und Rassismus in der Polizei, breit gef\u00e4cherter Bem\u00fchungen, um diese Reproduktionslogiken kontextspezifisch sichtbar zu machen und aufzubrechen. F\u00fchrungskr\u00e4fte auf allen Ebenen m\u00fcssen aktiv M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume f\u00fcr mehr Diversit\u00e4t schaffen, anstatt diese zu begrenzen. Zudem muss bereits beim Berufseinstieg der Fokus noch st\u00e4rker auf die Reflexion erster Felderfahrungen gelegt und die Vermittlung von Kontingenz statt Gleichf\u00f6rmigkeit gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0 Connell, R.: Der gemachte Mann, 4. Aufl., Wiesbaden 2015, S. 124<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0 Lengersdorf, D.; Meuser, M.): Wandel von Arbeit \u2013 Wandel von M\u00e4nnlichkeit, in: \u00d6sterreichische Zeitschrift f\u00fcr Soziologie 2010, Nr. 2, S. 89-103 (95)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0 Meuser, M.: Hegemoniale M\u00e4nnlichkeit, in: Aulenbacher, B. et al. (Hg.): FrauenM\u00e4nnerGeschlechterforschung. M\u00fcnster 2006, S. 161<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0 Bourdieu, P.: M\u00e4nnliche Herrschaft, in: D\u00f6lling, I.; Krais, B. (Hg.): Ein allt\u00e4gliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, Frankfurt\/Main 1997, S. 153-217<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0 Carrigan, T.; Connell, B.; Lee, J.: Toward a new sociology of masculinity. Theory and Society 1985, Nr. 5, S. 551-604<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0 Behr, R.: Cop culture \u2013 der Alltag des Gewaltmonopols : M\u00e4nnlichkeit, Handlungsmuster und Kultur in der Polizei, Opladen 2000<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0 Dissertation im DFG-Projekt \u201eNeujustierung von M\u00e4nnlichkeiten\u201c. Es wurden f\u00fcnf Gruppendiskussionen mit Polizisten unterschiedlicher T\u00e4tigkeitskontexte (Schutz-, Kriminal- und Bereitschaftspolizei sowie Berufsanf\u00e4nger\/Studierende und F\u00fchrungskr\u00e4fte) durchgef\u00fchrt.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0 Behr, R.: Cop Culture und Polizeikultur, in: Liebl, K.; Ohlemacher, T. (Hg.): Empirische Polizeiforschung, Herbolzheim. 2000, S. 12-26<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0 z.\u00a0B. Behr, R.: Polizeiarbeit &#8211; immer noch M\u00e4nnersache?, in: Le\u00dfmann-Faust, P. (Hg.): Polizei und politische Bildung, Wiesbaden 2008, S. 117-147<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Kai Seidensticker Die Polizei ver\u00e4ndert sich mit gesellschaftlichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen, hinkt allerdings beim Wandel der<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,130],"tags":[933,1094,1141],"class_list":["post-20690","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-126","tag-maennlichkeit","tag-polizei","tag-polizieren"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20690","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20690"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20690\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20690"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20690"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20690"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}