{"id":20692,"date":"2021-08-17T16:29:53","date_gmt":"2021-08-17T16:29:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=20692"},"modified":"2021-08-17T16:29:53","modified_gmt":"2021-08-17T16:29:53","slug":"die-neoliberalisierung-des-sexuellen-wie-der-geschlechterkonflikt-vermarktet-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=20692","title":{"rendered":"Die Neoliberalisierung des Sexuellen:\u00a0Wie der Geschlechterkonflikt vermarktet wird"},"content":{"rendered":"<h3>von Daniela Klimke und R\u00fcdiger Lautmann<\/h3>\n<p><strong>Fortlaufende Sexualskandalisierungen verweisen auf ein einheitliches Syndrom: die Krise der m\u00e4nnlich-hegemonialen Sexualit\u00e4t. Das Strafrecht wandelt sich derweil gerade in diesem Feld vom fragmentarischen Regelwerk zum Allheilmittel gegen intime Konfliktlagen, wobei nur eine kurzzeitige Befriedung des Konfliktfeldes eintritt.<\/strong><\/p>\n<p>Die F\u00e4lle \u00fcbergriffigen, triebhaften und gewaltt\u00e4tigen Handelns von M\u00e4nnern gegen\u00fcber Kindern und Frauen l\u00f6sen regelm\u00e4\u00dfig heftige \u00f6ffentliche Entr\u00fcstung aus. Immer neue Schutzl\u00fccken werden im Strafrecht gefunden, deren Schlie\u00dfung \u00fcber weitere Straftatbest\u00e4nde und Strafversch\u00e4rfungen nur kurzzeitig als Erfolg verbucht wird. Denn trotz allem legislativen Aktionismus im Sexualabschnitt zeichnen sich schon wieder die n\u00e4chsten Problemlagen ab, f\u00fcr die nur das sch\u00e4rfste Schwert des Staates als gerade angemessen erscheint.<!--more--><\/p>\n<p>Grundlegend f\u00fcr die Sexualskandalisierungen ist die Erweiterung des Gewaltbegriffs. Lieferte zun\u00e4chst ein physisch-materieller Gewaltbegriff im Sinne des Konzepts der Verletzungsmacht und -offenheit von Heinrich Popitz<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> den Ma\u00dfstab f\u00fcr die strafrechtliche Regulation des Sexuellen, erweiterte die Frauen- und Geschlechterforschung den klassischen Gewaltbegriff, weil er die geschlechtlich unterschiedliche Wahrnehmung von Gewalt \u00fcbersehe. Ma\u00dfgebend wurde nunmehr Galtungs<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Konzept der strukturellen Gewalt, das die physisch-materielle Verankerung verl\u00e4sst. Der Gewaltbegriff wird um eine symbolische Dimension der sozialen Ordnung erweitert und tendiert nunmehr dazu, subjektiviert und damit uferlos zu werden. Statt der manifesten Kennzeichen, die sich an der Verletzung der K\u00f6rper festmachen, wird damit das individuelle Erleben und Bewerten entscheidend.<\/p>\n<p>Der Gewaltbegriff operiert im Sozialen, l\u00e4sst sich dort aber nicht mehr recht einfangen. Zwar ergeben sich aus den dominanten Gewaltdiskursen gesellschaftliche Einigungen dar\u00fcber, was jenseits des k\u00f6rperlichen Zwangs als Gewalt eingesch\u00e4tzt wird. Aber diese Definitionen bleiben vage und sind nur vorl\u00e4ufig g\u00fcltig, bis innerhalb kurzer Zeit weitere Sachverhalte als gewaltt\u00e4tig und regulierungsbed\u00fcrftig hinzugenommen werden. So erweitert sich das als Gewalt verstandene Handlungsspektrum fortlaufend, bei dem Machtgef\u00e4lle, Dominanzverhalten, Hegemonialit\u00e4t, Manipulation und andere Hierarchien gefunden werden. Die Sexualskandalisierungen der letzten Jahrzehnte sind ganz wesentlich durch die Aushandlung dar\u00fcber befeuert worden, inwieweit Gewalt vorliegt, obwohl der unterlegene Teil physisch unversehrt geblieben ist, aber nur der Anschein eines Konsenses vorliegt. Eben die Bedingungen des Konsenses werden damit problematisiert, wodurch Zustimmungsf\u00e4higkeit und Informiertheit der Akteur:innen zu den Kernfragen der neuen sexuellen Verhandlungsmoral werden.<\/p>\n<p>Ge\u00f6ffnet wurde das Feld der aktuellen sexuellen Problemdiskurse als Ausdruck struktureller patriarchaler Gewalt \u00fcber das kindliche Opfer sexueller Adressierungen in den 1960\/70er Jahren. Hierf\u00fcr mussten zun\u00e4chst die heute als Vergewaltigungsmythen bezeichneten Narrative in der \u00d6ffentlichkeit dekonstruiert werden, die die Akteur:innen sexueller Gewalt in einer Mischkonstellation der Schuld miteinander verbanden. Die \u00dcberzeugung, wonach selbst dem kindlichen Opfer, erst recht aber den Frauen unterstellt wurde, den Mann zu seinem Handeln verf\u00fchrt, zumindest aber leichtfertig die Gelegenheit geboten zu haben, unterstellte allen Beteiligten einen Wunsch nach \u00dcbertretung sittlicher Normen (im Volksmund \u201eVergewohlt\u00e4tigung\u201c). Sexuelle Gewalt unter dem Gebot der Sittlichkeit war mithin ein Delikt, das in erster Linie die Moral verletzte und erst nachrangig konkrete Individuen. Der Mann galt ohnehin als anf\u00e4llig, seinen starken Trieben zu erliegen (\u201eDampfkesseltheorie\u201c). Sexuelle Regelbr\u00fcche geh\u00f6rten zur normalen sexuellen Reaktion des Mannes auf herausfordernde Situationen. Die Einhaltung sittlicher Ma\u00dfst\u00e4be oblag mithin den Frauen. Mit gebotener Zur\u00fcckhaltung und Scham sollten sie diese Kr\u00e4fte z\u00fcgeln. Selbst sexuell adressierten Kindern haftete der Verdacht an, fr\u00fchreif und ungezogen den Mann provoziert zu haben. Die Normalisierung sexuell unsittlicher Verhaltensweisen machte so auch die heute so \u00fcberpr\u00e4sente Figur des P\u00e4dophilen als Aggressor schlechthin verzichtbar, um intergenerationelle Sexualkontakte zu erkl\u00e4ren. Er f\u00fchrte bis Ende der 1970er Jahre eine blasse bis \u00fcbersehene Existenz.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Die Durchsetzung der Idee der sexuellen Selbstbestimmung, die zwar strafrechtlich bereits 1973 festgeschrieben wurde, aber in der \u00d6ffentlichkeit noch l\u00e4ngst nicht angekommen war, gelang erst mit einer ganzen Reihe von Gef\u00e4hrdungsdiskursen um das kindliche Opfer. Das Kind wurde ins Feld gef\u00fchrt, nachdem die erwachsene Frau als Sexualopfer die breite \u00d6ffentlichkeit nicht davon \u00fcberzeugen konnte, die tradierten Vorstellungen von der sittlichen Einhegung des Sexuellen aufzubrechen. Die feministischen Kampagnen der 1970\/1980er Jahre etwa zur Pornografie sprachen nur ein kleines Publikum an. Das Kind als Sexualopfer konnte indes auf bereits vorhandene \u00dcberzeugungen setzen, wonach ihm eine nat\u00fcrliche Unschuld und Schutzbed\u00fcrftigkeit zukommt. Plakative sexuelle Gef\u00e4hrdungsdiskurse mit starken T\u00e4ter-Opfer-Kon\u00adtrasten verhalfen dazu, allm\u00e4hlich das Kind vom Verdacht der Mitschuld an seiner Viktimisierung zu befreien und es als reines Opfer m\u00e4nnlicher Sexualgewalt anzuerkennen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Hinzu kam, dass das Kind bereits seit den 1960er Jahren in Fachdiskursen als Opfer non-sexueller Gewalt thematisiert wurde. Die feministische Fortf\u00fchrung dieses Diskurses verschob den Akzent auf famili\u00e4re sexuelle Gewalt an Kindern (und sp\u00e4ter Frauen).<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Mit dem ins Zentrum der Gef\u00e4hrdung ger\u00fcckten Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern gelang so eine breit konsensf\u00e4hige sexuelle Skandalisierung, in deren Windschatten sich immer neue Probleme sexueller Gewalt etablieren konnten und sehr erfolgreich mitlaufen.<\/p>\n<h4>Die Verkontraktualisierung der Lust<\/h4>\n<p>Jede sexuelle Ann\u00e4herung an eine andere Person, taktil oder verbal, bedarf heute der Zustimmung \u2013 darin besteht der \u201aVertrag\u2018. Was vordem noch \u00fcblich war, beispielsweise das Vorgehen nach den Prinzipien von Vorpreschen-Zur\u00fcckweisen bzw. Versuch-und-Irrtum, die forsche Grenz\u00fcberschreitung als Angelegenheit des Temperaments, sexualisiertes Sprechen und Anmache, das ist mittlerweile verp\u00f6nt. Wer sich nicht daran h\u00e4lt und die Vorphase des \u201aVertragschlie\u00dfens\u2018 \u00fcberspringen zu k\u00f6nnen glaubt, der bekommt Schwierigkeiten arbeits- und strafrechtlicher Art.<\/p>\n<p>Noch weniger \u00f6ffentlich vernehmbar zeichnen sich bereits Sexualproblematisierungen ab, in denen es um die Konsensbedingung der Informiertheit geht. Das Verst\u00e4ndnis sexueller Gewalt wird hierbei auf die T\u00e4uschung ausgeweitet. So wurde dem WikiLeaks-Gr\u00fcnder Julian Assange vorgeworfen, beim einvernehmlichen Sexualverkehr das geforderte Kondom unbemerkt abgezogen zu haben.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> In anderen F\u00e4llen des <em>Rape by deception<\/em> wird das Opfer falsch \u00fcber den Familienstand, die Religionszugeh\u00f6rigkeit, die eigentlichen Motive (z.\u00a0B. bei dem bereits als Betrug strafbaren Heiratsschwindel) usw. informiert. Das erinnert ein bisschen an den 1969 aufgehobenen Straftatbestand der Beischlaferschleichung, wenn M\u00e4nner den Sexualkontakt mit einem nicht eingel\u00f6sten Heiratsversprechen erschwindelten.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Die sexuellen Gef\u00e4hrdungsdiskurse haben sich also in den Jahrzehnten deutlich gewandelt. Stand zun\u00e4chst das kindliche Sexualopfer im Fokus, treten nun zunehmend erwachsene Opfergruppen auf. Wurden in den fr\u00fcheren Missbrauchsskandalen dramatische Ereignisse verarbeitet, reichen nun weit harmlosere Vorkommnisse aus, um \u00f6ffentliche Resonanz zu erzeugen. Immer feiner werden die Zwangslagen, in denen keine freie Zustimmung mehr m\u00f6glich ist. Die neueren Debatten profitieren noch von den Affekten und der Botschaften der vorangegangenen Problemdiskurse. Damit muss zur \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeitserzeugung weit weniger das schlichte Unterhaltungsschema von <em>sex &amp; crime<\/em> \u00fcber gewaltstrotzende spektakul\u00e4re Falldarstellungen bedient werden. Nun kann man unvermittelt zum Kernanliegen einer Desavouierung struktureller patriarchaler Gewaltverh\u00e4ltnisse gelangen, indem die Vielfalt ihrer in Teilen auch vergleichsweise harmlosen situativen Manifestationen skandalisiert wird.<\/p>\n<p>Trotz der weithin vollzogenen Durchsetzung des Paradigmas der sexuellen Selbstbestimmung enthalten die \u00f6ffentlich skandalisierten sexuellen Gef\u00e4hrdungen immer noch \u00dcberh\u00e4nge aus der Idee der Sittlichkeit. Die popul\u00e4re und selbst in seri\u00f6sen Medien verwendete Begriffssch\u00f6pfung des \u201eKindersch\u00e4nders\u201c etwa verkn\u00fcpft die Prominenz der Missbrauchsdiskurse mit der sittlichen Vorstellung von Schande. Das l\u00e4sst sich noch deutlicher an der Bedeutung der Scham ablesen. \u201eIndem man sich sch\u00e4mt, f\u00fchlt man das eigene Ich in der Aufmerksamkeit anderer hervorgehoben und zugleich, dass diese Hervorhebung mit der Verletzung irgendeiner Norm (sachlichen, sittlichen, konventionellen, personalen) verbunden ist.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Richtete sich die Scham der Sexualopfer einst auf die Verletzung der moralischen Ordnung, wandelt sich der Schambezug in individualistischen Gesellschaften von seinem Gruppenbezug zu einem Gef\u00fchl des pers\u00f6nlichen Ansehensverlusts. So unterschiedlich die Urspr\u00fcnge der Scham unter den Paradigmen der Sittlichkeit und der sexuellen Selbstbestimmung sind, im Ergebnis laufen beide Schamkonstruktionen auf die gleiche Vorstellung von Weiblichkeit hinaus. Der \u201eRespekt vor der Scham der Opfer\u201c sexueller Gewalt erkennt zugleich die \u201egesellschaftlichen Normen, die vergewaltigte Frauen besch\u00e4men\u201c an.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> In der Scham des Sexualopfers bleiben die alten normativen Vorgaben an Weiblichkeit bestehen, die sich um sexuelle Reinheit und Schande spannen. Der Wert der Frau bemisst sich dann traditionell nach ihrer F\u00e4higkeit, \u201eihre Geschlechtsorgane h\u00fcten\u201c zu k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<h4>Die Versicherheitlichung des Intimen<\/h4>\n<p>Die Subjektivierung von Gewalt entspricht dem Schutzgut sexueller Selbstbestimmung. Die Konsenssexualit\u00e4t verwirft die normative Orientierung an Sittlichkeit und k\u00f6rperlicher Unversehrtheit, um den intimen Vorgang zur Verhandlungssache der Beteiligten zu machen. Konsequenterweise ist damit der Vertrag f\u00fcr das geschlechtlich-intime Feld das normative Ger\u00fcst geworden: In der Sexualit\u00e4t k\u00f6nnen sich die Beteiligten heute \u00fcber alles einigen, weitgehend ohne von Verboten behelligt zu werden, sofern sie denn voll gesch\u00e4ftsf\u00e4hig sind und frei entscheiden. Damit f\u00fcgt sich dieses neuere Verst\u00e4ndnis von Gewalt und sexueller Autonomie in den neoliberalen gesellschaftlichen Umbau. Einst war die Herstellung einer gesellschaftlichen und wesentlich auch sittlichen Ordnung, an der die Gesellschaftsmitglieder \u00fcber Anpassungsanstrengungen auszurichten waren, zentral. Im Liberalismus hingegen zielen die Subjektivierungsprozesse auf rational handelnde, Kosten und Nutzen abw\u00e4gende Individuen. Die politische Rationalit\u00e4t konzentriert sich dabei auf die Schaffung der sozialen Bedingungen, die die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Freiheit f\u00fcr die Subjekte gew\u00e4hrleisten. F\u00fcr das Feld des Sexuellen bedeutet dies, dass sich die strenge Sexualmoral der ehelichen Heteronormativit\u00e4t und die essentialistischen Strukturen der bin\u00e4ren Gegens\u00e4tze (Frau\/Mann, Hetero-\/Homosexualit\u00e4t, Normalit\u00e4t\/Perversion usw.) allm\u00e4hlich aufl\u00f6sen. Dagegen positioniert sich ein Denken, das Vielfalt und Kontingenz proklamiert und dabei eine Entwicklung von den starren gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen und Rollenmodellen hin zu fluiden, hybriden Entit\u00e4ten erkennt.<\/p>\n<p>Neben all den gegenw\u00e4rtigen Vorst\u00f6\u00dfen der Dekonstruktion vor allem auch von Geschlecht bestehen die eindeutigen Vorstellungen struktureller Andersartigkeit von Frauen und M\u00e4nnern jedoch fort (\u201eM\u00e4nner sind vom Mars &#8230;\u201c). Und sie werden erstaunlicherweise gerade von den popul\u00e4ren frauenbewegten Themensetzungen gen\u00e4hrt, die fortw\u00e4hrend neue \u00f6ffentliche Problemdiskurse um m\u00e4nnliche Risikosexualit\u00e4ten in\u00adstallieren und damit eine R\u00fcckkehr zu \u00fcberkommenen Geschlechterrollen inszenieren. \u00dcber die \u00f6ffentlichen Diskurse zur Bedrohung von Frau\u00aden \u2013 hier \u00e4hnlich den unschuldigen und wehrlosen Kindern, denen sie sich als patriarchale Opfergruppe anschlie\u00dfen \u2013 durch Sexualit\u00e4t wird die Geschlechterbinarit\u00e4t lebendig gehalten und emotional aufgeladen. Die gemeinsame Botschaft all der sexuellen Moralpaniken lautet: M\u00e4nnlichkeit bedeute Macht, die sich vornehmlich in sexueller \u00dcbergriffigkeit gegen\u00fcber Frauen und Kindern ausdr\u00fccke. Sexualit\u00e4t wird zunehmend einem Prozess der Versicherheitlichung unterworfen, indem sie zu einer au\u00dferordentlichen Bedrohung gerahmt wird, die nicht nur besondere, fast immer strafrechtliche Bek\u00e4mpfungsma\u00dfnahmen erfordert, sondern zugleich entpolitisiert wird. Die strukturellen Konflikte um gesellschaftliche Geschlechter- und Machtverh\u00e4ltnisse treten allenfalls als Hintergrundbotschaft auf, die sich der \u00d6ffentlichkeit entlang einer endlosen Reihe von Einzelschicksalen vermittelt. Aber die strukturellen Benachteiligungen etwa in der Lohnungleichheit, der Unterrepr\u00e4sentanz von Frauen in F\u00fchrungspositionen, den Karrierechancen, dem mangelnden Mut zu Unternehmensgr\u00fcndungen bis hin zu mikrosoziologischen Befunden der allt\u00e4glichen Arbeitsteilung in Beruf und Familie, der ungleichwertigen Kommunikation, der Kriminalit\u00e4tsfurcht usw. lassen sich nicht auf sexuelle Gewalt und nicht einmal auf einen strukturellen Sexismus reduzieren.<\/p>\n<p>Die Emotionalisierung r\u00fcckt die einzelne Person und ihr individuelles Leid in den Vordergrund. Gesellschaftliche Machtrelationen und \u00f6konomische Ungleichheit werden \u00fcber die pers\u00f6nliche Misere vermittelt und verschieben dabei ihren Problemhorizont in Richtung pers\u00f6nlicher Einzelschicksale. Damit erhalten soziale Problemkonstruktionen nicht einfach nur einen zus\u00e4tzlichen affektiven Akzent. Vielmehr erlangen zugleich g\u00e4nzlich andere Sachverhalte einen Problemstatus und verdr\u00e4ngen vor allem die alten sozialen Fragen um \u00f6konomische Ungleichheit. Selbst die Addition der individuellen Dramen, die in den Dis\u00adkursen um sexuelle Gewalt etwa in der Figur des Sexismus durchaus vollzogen wird, legt nicht die Ungleichheitsstrukturen frei, sondern ver\u00adbleibt bei der Feststellung einer ungeheuren Vielzahl von Einzelhandlungen, die dann umso dr\u00e4ngender nach einer strafrechtlichen L\u00f6sung verlangen. Die obsessiv betriebenen Sexualskandalisierungen folgen dem Muster fortw\u00e4hrender Affekthascherei und lassen die soziale Frage erst gar nicht aufkommen. Nicht komplexe Strukturen der Ungleichheit lass\u00aden sich in dieses Unterhaltungsschema bringen, sondern die Pr\u00e4sentation von Einzelschicksalen, die unmittelbare Identifikationen erlauben, klare Rollen von T\u00e4tern und Opfern bezeichnen und das Unrecht emotional ansprechend zuspitzen \u2013 immer mit dem nicht in Frage gestellten Mythos unterlegt, sexuelle Gewalt sei das Schlimmste, was einer Frau widerfahren kann.<\/p>\n<p>Die Versicherheitlichung des Sexuellen nahm mit der Neoliberalisierung westlicher Gesellschaften ihren Anfang. Zum einen werden autorit\u00e4re Herrschaftsstrukturen seit den 1968er Jahren in Frage gestellt. Damit kam auch die traditionelle Sexualmoral in Verruf, den Subjekten Zwang anzutun und ihrer Selbstverwirklichung im Weg zu stehen. Die gegenw\u00e4rtige sexuelle Skandalisierung benutzt eben jene gegen Autorit\u00e4ten und soziale Heteronomie gerichtete gesellschaftliche Stimmung, ohne indes das liberale Element mit zu \u00fcbernehmen, im Gegenteil. Es ist gerade die sexuelle Befreiung, auf die die Skandalisierung des Sexuellen abzielt. Die sexuelle Libertinage gilt als Prinzip patriarchaler \u00dcberlegenheitsanspr\u00fcche. Ein struktureller Sexismus setze die verbindende Klam\u00admer f\u00fcr all die Erscheinungen von harten sexuellen \u00dcbergriffigkeiten bis hin zu den allt\u00e4glichen Anspielungen und Anz\u00fcglichkeiten. Diese Klam\u00admer vermag selbst die heterogenen Opfergruppen von Frauen und Kindern zu einen. In den sexuellen Gefahrendiskursen werden sie gleicherma\u00dfen einerseits als erotisches und andererseits als vulnerables Subjekt inszeniert. Die sexuelle Freiheit selbst wird zum Problem gesellschaftlicher Herrschaftsverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Die individualisierte Gesellschaft l\u00e4sst zweitens kaum noch gesellschaftliche Ursachen von Kriminalit\u00e4t gelten. Nach der neoliberalen Doktrin ist noch jeder seines Gl\u00fcckes Schmied, und jede*r Straft\u00e4ter:in eben selbst schuld. Damit ver\u00e4ndert sich auch die \u00f6ffentliche Wahrnehmung relevanter Kriminalit\u00e4tsbereiche. Galten ehemals Delikte wie \u00f6ffentliche Gewalt, Drogen, Raub usw. mindestens auch als sozial\u00f6konomisch verwurzelt, avanciert sexuelle Gewalt zur Master-Kriminalit\u00e4t, weil sie als Ergebnis emotionaler Pervertierung von Individuen daherkommt, die durch einen inneren Trieb gedr\u00e4ngt werden.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Zugleich spiegelt das Opfer ein individualisiertes Leid wider, das aus einer intimen Begegnung entstanden ist und das den K\u00f6rper zum zentralen Objekt der Sorge werden l\u00e4sst. Viktimisierung wirkt \u201eals eine neue Art von <em>citizen\u00adship<\/em>\u201c,<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> womit sich eine radikal privatisierte Bedeutung von Gerechtigkeit verbindet.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Menschen treten dann nicht mehr so sehr als freie B\u00fcrger auf, sondern vielmehr als Patient:innen, die der strafrechtlichen F\u00fcrsorge bed\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bildet sich der kleinste moralische Nenner, auf den sich eine hoch individualisierte Gesellschaft ganz unabh\u00e4ngig von ideologischer Orientierung und sozialstruktureller Verortung noch einigen kann, dort, wo Eindeutigkeit in der Bewertung von Vorg\u00e4ngen herrscht oder wo sie sich \u00fcber Skandalisierungstechniken leicht herstellen l\u00e4sst. War die soziale Frage lange Zeit beherrschend f\u00fcr Gerechtigkeitsdebatten, unter denen auch ein Thema wie Kriminalit\u00e4t als Folge dieser Defizite gesellschaftlicher Regulation kontrovers behandelt wurde, verschiebt sich die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit auf die ehemals privaten Themen von \u201eSexualit\u00e4t, Hausarbeit, Reproduktion und Gewalt gegen Frauen\u201c.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Die Gerechtigkeitsfragen und Sexualpaniken m\u00fcnden nicht in eine Debatte komplexer sozialer Sachverhalte, sondern in entpolitisierte Einhelligkeit \u00fcber die Verwerflichkeit des jeweiligen Sachverhalts.<\/p>\n<h4>Sexualit\u00e4t als Konfliktfeld<\/h4>\n<p>Und die Polizei? Sie ist nicht ohne Erfolg darum bem\u00fcht, den gesellschaftlichen Str\u00f6mungen zu folgen und reagiert auf die neuen Sensibilit\u00e4ten. Sie sorgt sich um ihr mediales Bild und zeigt sich als Diversit\u00e4tsorganisation. Daher gibt sie sich den LSBTIQ gegen\u00fcber freundlich. Es werden \u201aAnsprechpersonen\u2018 benannt, an die sich Gewaltbetroffene wenden k\u00f6nnen. Nachdem die homosexuelle Subkultur vom Kontroll- zum Schutzfeld avanciert ist, verbleibt als zweites T\u00e4tigkeitsfeld die Sexar\u00adbeit, die sich allerdings gegen Einblicknahmen weitgehend abschirmt. Neu ist der private Raum, der fr\u00fcher sich selbst \u00fcberlassen blieb, heute aber an die statistisch erste Stelle registrierter Vorkommnisse ger\u00fcckt ist. Bei sexualstrafrechtlich meist unklarem Konfliktgeschehen der sexuellen N\u00f6tigung einschlie\u00dflich Vergewaltigung kommt es auf die polizeilichen Feststellungen an. Das Aufgabenfeld hat sich also erweitert.<\/p>\n<p>Polizeilich bei intimen Handlungen zu intervenieren stellt die einzelnen Beamt:innen vor ungewohnte und z.\u00a0T. unangenehme Herausforderungen. Die Allzust\u00e4ndigkeit f\u00fcr die Wahrung der \u00f6ffentlichen Sicherheit und Ordnung erlegt der Polizei auch diese Pflicht auf. Neoliberales Denken schert sich nicht um die traditionelle Differenz von \u00f6ffentlich\/privat. Alles unterliegt dem neoliberalen Sicherheitsdispositiv, auch und gerade das Sexuelle. Wenn hier Streitigkeiten aufflammen, dann h\u00e4lt der Staat sich nicht mehr heraus.<\/p>\n<p>Zugrunde liegt ein Widerspruch: Die Konflikte r\u00fchren nicht allein von einem individuell-moralischen Versagen her, sondern sie liegen auch in der Natur der Sache. Denn hier stehen zwei Welten gegeneinander: das rationale Denken des Aushandelns und Vertrages hie, das tendenziell Grenzen sprengende, Anarchische der Lust dort. Sie k\u00f6nnen ins Einvernehmen gebracht werden, aber wohl stets mit Abstrichen beiderseits.<\/p>\n<p>Die neoliberale Sexualkultur h\u00e4lt so am alten Zopf weiblicher Unterlegenheit und strafrechtlicher Schutzbed\u00fcrftigkeit einerseits und m\u00e4nnlicher \u00dcbergriffigkeit andererseits fest, nur dass sie die Strafbarkeit immer weiter ausdehnt und Frauen zumindest symbolisch ein Recht auf Nichtsexualit\u00e4t zugesteht. Eine zeitgem\u00e4\u00dfe Sexualkultur indes w\u00fcrde weibliche Sexualit\u00e4t positiv und fordernd bestimmen k\u00f6nnen. \u00dcbergriffigkeit w\u00e4re als individuelles und behandlungsbed\u00fcrftiges Selbststeu\u00aderungsdefizit zu erkennen \u2013 nicht als eindrucksvolle Machtdarstellung, von der Frauen sogleich traumatisiert zu werden drohen. Der Kampf um Gleichberechtigung der Geschlechter w\u00e4re dann aber jenseits der tradierten Ideen weiblicher Scham und Verletzlichkeit auf anderen Terrains zu f\u00fchren: in der \u00d6konomie, in der Politik, im Recht.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0 Popitz, H.: Ph\u00e4nomene der Macht: Autorit\u00e4t \u2013 Herrschaft \u2013 Gewalt \u2013 Technik, T\u00fcbingen 1986<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0 Galtung, J.: Strukturelle Gewalt, Hamburg 1975<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0 Angelides, S.: The Emergence of the Paedophile in the Late Twentieth Century, in: Australian Historical Studies 2005 H. 3, S. 272-295 (277)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0 B\u00fchler-Niederberger, D.: Kindheit und die Ordnung der Verh\u00e4ltnisse, Weinheim 2005, S. 102f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0 Jenkins, P.: Intimate Enemies: Moral Panic in Contemporary Great Britain, New York, 1992, S. 101ff.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0 Inzwischen scheint sich der Fall anders dazustellen: <a href=\"http:\/\/www.republik.ch\/2020\/01\/31\/nils-melzer-spricht-ueber-wikileaks-gruender-julian-assange\">www.republik.ch\/2020\/01\/31\/nils-melzer-spricht-ueber-wikileaks-gruender-julian-assange<\/a>.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0 Hoven, E.; Weigend, T.: Strafbarkeit von T\u00e4uschungen im Sexualstrafrecht, in: Kriminalpolitische Zeitschrift 2018, H. 3, S. 156-161<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0 Simmel, G.: Zur Psychologie der Scham, in: Ders. (Hg.): Schriften zur Soziologie, Frankfurt a.M. 1983 (1901), S. 140-150<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0 Sanyal, M.: Vergewaltigung \u2013 Aspekte eines Verbrechens, Hamburg 2016, S. 82<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> ebd., S. 85<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Furedi, F.: Therapy Culture \u2013 Cultivating vulnerability in an uncertain age, New York 2004, S. 30<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Pratt, J.: Child Sexual Abuse \u2013 Purity and Danger in an Age of Anxiety, in: Crime, Law &amp; Social Change 2005, H. 4, S. 263-287 (280)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Shapiro, B.: Victims &amp; vengeance, in: The Nation 1997, H. 5, S. 11<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Fraser, N.: Feminism, Capitalism and the Cunning of History, in: New Left Review 2009, H. 1, S. 103<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Daniela Klimke und R\u00fcdiger Lautmann Fortlaufende Sexualskandalisierungen verweisen auf ein einheitliches Syndrom: die Krise<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,130],"tags":[685,690,1285,1506],"class_list":["post-20692","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-126","tag-gesellschaft","tag-gewalt","tag-sexualitaet","tag-versicherheitlichung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20692","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20692"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20692\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20692"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20692"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20692"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}