{"id":2107,"date":"1999-08-20T13:13:14","date_gmt":"1999-08-20T13:13:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=2107"},"modified":"1999-08-20T13:13:14","modified_gmt":"1999-08-20T13:13:14","slug":"die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=2107","title":{"rendered":"Die Drohung mit der Jugend &#8211; Mystifizierende Statistik und \u00f6ffentliche Moralisierung"},"content":{"rendered":"<h3>von Oliver Br\u00fcchert<\/h3>\n<p><b>Wenn von Kriminalit\u00e4t die Rede ist, geht es um T\u00e4ter oder um Statistiken. Die wissenschaftliche Begleitmusik bildet die Frage, was die T\u00e4ter zu ihren Straftaten antreibt. Insbesondere die angeblich st\u00e4ndig steigende Jugendkriminalit\u00e4t l\u00e4\u00dft Raum f\u00fcr Spekulationen \u00fcber falsche Erziehung, mangelnde Werteorientierung und soziale Zerr\u00fcttung. Diese Perspektive soll hier umgedreht werden: Mit ihrer zur Schau gestellten Sorge um die Jugend (und den Schaden, den sie anrichtet) verbreiten die \u00f6ffentlichen Moralunternehmer ihre eigene Vorstellung, wie die Gesellschaft einzurichten sei und wer welche Anspr\u00fcche anzumelden habe. Der Mythos Jugendkriminalit\u00e4t und die eigenwillige Interpretation der Statistiken sind geeignet, junge Menschen aus der Konkurrenz um politische und \u00f6konomische Teilhabe auszuschlie\u00dfen.<\/b><\/p>\n<p>Einmal im Jahr ver\u00f6ffentlicht das Bundeskriminalamt (BKA) die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). In den folgenden Tagen kann man in allen Zeitungen lesen, wie es mit der Kriminalit\u00e4t im Lande steht, welche Delikte h\u00e4ufiger begangen wurden und welche Gruppen von DelinquentInnen sich im vergangenen Jahr besonders hervorgetan haben. Trotz ihres mi\u00dfverst\u00e4ndlichen Untertitels \u2013 \u201eDie Kriminalit\u00e4t in der Bundesrepublik Deutschland\u201c \u2013 w\u00fcrde bereits ein kurzer Blick in die ersten Kapitel der PKS gen\u00fcgen, um festzustellen, da\u00df sie nur wenig \u00fcber Kriminalit\u00e4t aussagt. Gleich zu Beginn wird erkl\u00e4rt, da\u00df die PKS ausschlie\u00dflich die der Polizei bekanntgewordenen Straftaten enth\u00e4lt. Bekannt werden Straftaten der Polizei vor allem durch Anzeigen aus der Bev\u00f6lkerung. Nur bei wenigen Deliktgruppen, vor allem bei \u201eDelikten ohne Opfer\u201c (Drogen, Asyl- und Ausl\u00e4nderrecht), h\u00e4ngt das Bekanntwerden nicht von Anzeigen, sondern von der eigenen Kontroll- und \u00dcberwachungst\u00e4tigkeit der Polizei ab. Ansonsten ist die PKS also als Statistik des Anzeigeverhaltens der Bev\u00f6lkerung bei der Polizei zu verstehen. Sie sagt nichts dar\u00fcber aus, ob die angezeigten Vorf\u00e4lle tats\u00e4chlich stattgefunden haben, ob sie nach geltendem Recht eine Straftat darstellen und vor allem nichts \u00fcber F\u00e4lle, in denen keine Anzeige erstattet wurde, die sogenannte Dunkelziffer. Der Begriff \u201eDunkelziffer\u201c weckt Assoziationen an heimliche, verborgene Winkel, die der Aufhellung bed\u00fcrften. Wenn man davon ausgeht, da\u00df die Menschen in vielen F\u00e4llen Probleme anders l\u00f6sen als mit Hilfe von Polizei und Strafanzeige, ist das ebenfalls eine irref\u00fchrende Bezeichnung. Man k\u00f6nnte sie dann treffender die \u201ezivile Beilegungsziffer\u201c nennen.<!--more--><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist es plausibel, die Bewegungen der Zahlen in der PKS als Ausdruck eines sich wandelnden Bewu\u00dftseins der Bev\u00f6lkerung zu verstehen. Fallen z.B. die Anzeigen wegen Ladendiebstahl, so kann das darauf hinweisen, da\u00df die gro\u00dfen Kaufh\u00e4user Sicherheitspersonal gespart oder ihre Politik ge\u00e4ndert haben und beim ersten Vorfall zun\u00e4chst mit einem Hausverbot statt mit einer Anzeige reagieren. Steigen sie \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum, so kann das auf eine gesamtgesellschaftliche Verschiebung in der moralischen Beurteilung zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Was fr\u00fcher als bemitleidenswerte und verzweifelte Reaktion auf eine Notlage gesehen werden konnte und privat gel\u00f6st wurde, wird in einer zunehmend auf (\u00fcber den unmittelbaren Lebensbedarf hinausgehenden) Konsum beruhenden Gesellschaft eher als bedrohliche und verwerfliche Normlosigkeit eingeordnet und zu Kriminalit\u00e4t. Die Statistik speist sich aus den Wahrnehmungen und \u00c4ngsten der Bev\u00f6lkerung, der sie wiederum als Orientierung dient \u2013 ein schlichter Zirkel.<\/p>\n<p>Dieser Zirkel wird unterst\u00fctzt durch eine unvergleichliche Medienkampagne. Seit der quotentechnisch erfolgreichen Inszenierung rechtsradikaler Gewalt Anfang der 90er Jahre, mit der unter anderem die kritische \u00d6ffentlichkeit bei der zeitgleichen Abschaffung des Asylrechts weitgehend stillgestellt wurde, ist die \u201egef\u00e4hrliche Jugend\u201c in unterschiedlicher Besetzung wieder ein Dauerbrenner. Das Thema hatte freilich auch zuvor, sp\u00e4testens seit den \u201eHalbstarken\u201c der 50er Jahre, immer wieder Konjunktur. Den \u201eSkins\u201c \u2013 die ohnehin zumeist den genauso gef\u00e4hrlich anzuschauenden \u201eAntifas\u201c entgegengestellt wurden \u2013 folgten die \u201eChaoten\u201c, die \u201eRussenkids\u201c, die \u201eMehmets\u201c, die mordenden \u201eComputerkids\u201c, die \u201eHooligans\u201c von Lens usw. usf. Die stets zugrundeliegende Annahme ist, die jugendliche Gewalt nehme nie gekannte Ausma\u00dfe an, insbesondere an den Schulen herrschten \u201eKriegszust\u00e4nde\u201c. Wer diese Wahrnehmung als \u00fcbersteigert kennzeichnet, wird der Verharmlosung bezichtigt. Nun gibt es bestimmt keinen Anla\u00df, die einzelnen Ereignisse, an denen diese Medienkampagne ankn\u00fcpft, als harmlos abzutun. Wer jedoch von einer \u201eneuen Dimension der Gewalt\u201c redet, mu\u00df \u00fcberzeugend darstellen k\u00f6nnen, da\u00df es sich nicht um einzelne Ereignisse handelt, wie es sie zu allen Zeiten gab und die uns lediglich durch ihre \u00dcberrepr\u00e4sentanz in den Medien als ausuferndes Problem erscheinen. Der Hinweis auf die polizeiliche Anzeigenstatistik und die Medienbilder kann dazu nicht gen\u00fcgen. Doch scheinen auch zahlreiche wissenschaftliche Studien die Annahme steigender Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen zu belegen.<\/p>\n<h4>(Jugend-)Kriminalit\u00e4t als Glaubensfrage<\/h4>\n<p>Gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit in Sachen Erforschung von Jugendkriminalit\u00e4t haben in den letzten Jahren die Studien des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) unter der Leitung von Christian Pfeiffer erregt. Die zentralen Annahmen sind: 1. Eine zunehmende Jugendkriminalit\u00e4t werde durch die PKS indiziert. 2. Es gehe folglich um die Erforschung der Ursachen dieses Ph\u00e4nomens. 3. Diese Ursachen seien in Arbeitslosigkeit und erodierenden sozialen Milieus zu suchen, deren Folge Perspektivlosigkeit und der Zusammenbruch der Werteordnung sei. H\u00e4ufig wird auch eine besondere \u201eBelastung\u201c ostdeutscher (durch die DDR-Erziehung und die Wendeerfahrungen)[<a name=\"fnverweis1\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fn1\">1<\/a>] sowie \u201eausl\u00e4ndischer\u201c Jugendlicher (Macho-Kultur und besondere Benachteiligung) angenommen.<\/p>\n<p>Beispielhaft sei aus der vielbeachteten, im Rahmen eines gr\u00f6\u00dferen Forschungszyklus angesiedelten Studie des KFN zitiert, die auf einer vergleichenden Auswertung von Kriminal- und Strafverfolgungsstatistiken, Aktenanalysen der Strafverfolgungsorgane und (quantitativen und qualitativen) Sch\u00fclerbefragungen in mehreren St\u00e4dten beruht:<\/p>\n<p>\u201eIn diesem Zusammenhang m\u00fcssen wir auch noch auf einen Befund hinweisen, der in klarem Widerspruch zu dem steht, was zur Jugendgewalt in der \u00d6ffentlichkeit diskutiert wird. Die durchschnittliche Tatschwere von F\u00e4llen der polizeilich registrierten Raubdelikte und gef\u00e4hrlichen\/schweren K\u00f6rperverletzungen junger Menschen hat in Hannover zwischen 1990 und 1996 erheblich abgenommen \u2013 und dies nach allen Kriterien, die wir zu Beurteilung dieser Frage heranziehen konnten: dem Anteil der Erstt\u00e4ter unter den Angeklagten, der Schadensh\u00f6he, dem Einsatz von Waffen und dem Grad der durch die Gewalttat eingetretenen Verletzung des Opfers. Das Sinken der Tatschwere h\u00e4ngt offenkundig damit zusammen, da\u00df sowohl T\u00e4ter wie Opfer immer j\u00fcnger geworden sind. Es \u00fcberrascht von daher nicht, da\u00df die Jugendrichter Hannovers insbesondere bei den Raubdelikten im Laufe der Jahre die Quote der zu Jugendstrafe Verurteilten deutlich gesenkt haben. Die Tatsache, da\u00df letzteres auch bundesweit zu beobachten ist, bewerten wir ebenso wie die sinkende Anklageh\u00e4ufigkeit bei Gewalttaten und das abnehmende Durchschnittsalter von T\u00e4tern und Opfern solcher Delikte als deutliche Hinweise darauf, da\u00df die geschilderte Entwicklung in Hannover Indiz f\u00fcr eine generelle Abnahme der Tatschwere bei Gewalttaten von unter 21j\u00e4hrigen ist.\u201c[<a name=\"fnverweis2\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fn2\">2<\/a>]<\/p>\n<p>Ein eindrucksvolleres, empirisch abgesichertes Argument daf\u00fcr, da\u00df nicht die \u201eTatschwere abgenommen\u201c hat, sondern die Anzeigenbereitschaft bei immer bagatellhafteren Delikten, gegen immer j\u00fcngere \u201eT\u00e4ter\u201c drastisch zugenommen hat, l\u00e4\u00dft sich kaum noch f\u00fchren. Was hei\u00dft eigentlich sinkende Tatschwere? Bei dieser Metapher verstellt offenbar die Faszination f\u00fcr die Kurven der in Diagrammen abgebildeten statistischen Daten den Blick auf die dahinter vermutete Wirklichkeit. Ein \u201eSinken der Tatschwere\u201c w\u00fcrde ja hei\u00dfen, da\u00df dieselben Taten oder dieselben T\u00e4ter weniger Schaden anrichten. Aus der Statistik l\u00e4\u00dft sich aber lediglich ein Durchschnitt von weniger schweren und mehr minderschweren Delikten ermitteln, ebenso wie mehr junge Tatverd\u00e4chtige. Genausowenig wie bestimmte Personen durch Zauberei \u201eimmer j\u00fcnger geworden sind\u201c, sind dieselben Taten weniger schwerwiegend geworden. Es handelt sich schlicht um andere Taten und andere Tatverd\u00e4chtige.<\/p>\n<p>Die Autoren fahren fort: \u201eDie zuletzt er\u00f6rterten Befunde sollten unseres Erachtens allerdings nicht als Signal einer Entwarnung mi\u00dfverstanden werden. Zwar relativieren sie ebenso wie die Erkenntnisse zur wachsenden Anzeigebereitschaft die PKS-Daten, zum Anstieg der Jugendgewalt und der Viktiminisierung von Jugendlichen. Dies bedeutet aber nicht, da\u00df die festgestellte Zunahme allein auf diese Faktoren zur\u00fcckzuf\u00fchren w\u00e4re und real nicht existieren w\u00fcrde. Der starke Anstieg der polizeilich registrierten Gewaltkriminalit\u00e4t junger Menschen geht weit \u00fcber das hinaus, was mit Hilfe der Verzerrungsfaktoren erkl\u00e4rt werden kann.\u201c[<a name=\"fnverweis3\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fn3\">3<\/a>]<\/p>\n<p>W\u00fcrde man die PKS wie auch die T\u00e4tigkeits- und Verurteilungsstatistiken der Gerichte endlich als das lesen, was sie sind, n\u00e4mlich als aufschlu\u00dfreiche Quellen \u00fcber Vorg\u00e4nge der \u00f6ffentlichen Kriminalit\u00e4tswahrnehmung und Prozesse der Stigmatisierung und sozialen Kontrolle, erg\u00e4be sich, da\u00df die \u201eVerzerrungsfaktoren\u201c nicht ein sonst unverf\u00e4lschtes Bild \u201eder Kriminalit\u00e4t\u201c \u00fcberlagern, sondern die eigentlich relevanten Faktoren sind, die mit dieser Statistik gemessen werden. Insofern sind sie im Stande, den gesamten Anstieg zu erkl\u00e4ren. Dies nicht zu tun, bedarf f\u00fcr die Autoren aber offenbar keiner weiteren Begr\u00fcndung. Es widerspricht schlicht dem Glaubenssatz, da\u00df ein Anstieg gegeben sein m\u00fcsse, mindestens, wenn er sich irgendwo statistisch niederschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Das krampfhafte Beharren auf wissenschaftlich unhaltbaren Glaubenss\u00e4tzen l\u00e4\u00dft sich nur erkl\u00e4ren, wenn man ber\u00fccksichtigt, da\u00df die Wissenschaft nicht au\u00dferhalb des kulturindustriellen Zirkels agiert. Sie ist vielmehr ein wichtiger Akteur in den Medien und umgekehrt auf diese Form \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit angewiesen. Aufmerksamkeit l\u00e4\u00dft sich am ehesten erreichen, wenn man die Erwartungen erf\u00fcllt, die an die eigene Profession gestellt werden. Von KriminologInnen als ExpertInnen f\u00fcr Kriminalit\u00e4t wird erwartet, da\u00df sie etwas \u00fcber die Ursachen allseits bekannter Probleme sagen.<\/p>\n<p>Der Hinweis, da\u00df das Problem ein anderes sein k\u00f6nnte und die Frage m\u00f6glicherweise falsch gestellt ist, st\u00f6rt da nur. Willkommen sind hingegen wohlfeile Erkl\u00e4rungen aus der soziologischen Mottenkiste,[<a name=\"fnverweis4\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fn4\">4<\/a>] die aus den Jugendlichen \u201eReaktionsdeppen\u201c machen und das Normalit\u00e4tsgef\u00fchl der Mehrheitsbev\u00f6lkerung nicht irritieren. Jeder gute Populist wei\u00df: Die einfachsten Erkl\u00e4rungen werden am schnellsten geglaubt und im \u201eMedienzeitalter\u201c ist quick &amp; dirty allemal erfolgreicher als geduldiges Nachdenken. Wenn man die zunehmenden Anzeigen gegen ausl\u00e4ndische Jugenliche als deren Integrationsproblem interpretiert, folgen daraus einfache L\u00f6sungen: ein paar SozialarbeiterInnen mehr ins Viertel \u2013 wenn noch Geld herausgeschlagen werden kann, auch subventionierte Jobs und Wohnungen. Das erspart die Auseinandersetzung mit dem staatlich angeleiteten, gesellschaftlichen Rassismus. Wissenschaft mu\u00df auch finanziert werden, und die staatlichen und privaten Zuwendungen richten sich zunehmend danach, wie gut sich Forschung \u00f6ffentlich verkaufen kann. Von der \u201eguten Jugend\u201c leben Musik-, Mode- und Werbeindustrie, die \u201egef\u00e4hrliche Jugend\u201c verschafft dagegen KriminologInnen, SoziologInnen und P\u00e4dagogInnen eine Daseinsberechtigung.<\/p>\n<h4>Solange du die F\u00fc\u00dfe unter meinem Tisch hast &#8230;<\/h4>\n<p>Wenn es also wahr ist, und die \u201egef\u00e4hrliche Jugend\u201c eine blo\u00dfe Erfindung, ein Mythos ist, wieso ist dieses Bild so verbreitet, so einflu\u00dfreich? Man kann sich das an einem Gedankenspiel klarmachen: Stellen wir uns f\u00fcr einen Augenblick vor, die Jugendlichen \u2013 sagen wir alle mindestens 14j\u00e4hrigen (das ist das Strafm\u00fcndigkeitsalter, mithin eine praktizierte Grenze, in denen Menschen \u201eVerantwortung\u201c zugesprochen wird) \u2013 diese Jugendlichen w\u00fcrden auf einen Schlag die volle Teilhabe in dieser Gesellschaft erlangen, wie sie Erwachsene haben. Sie d\u00fcrften w\u00e4hlen und gew\u00e4hlt werden, um Arbeitspl\u00e4tze konkurrieren, \u00f6ffentliche \u00c4mter bekleiden und Firmen leiten, St\u00e4dte und Kultur gestalten usw. Es w\u00fcrde sich nicht nur die Lage auf dem Arbeitsmarkt weiter drastisch versch\u00e4rfen und zu einer Verdr\u00e4ngung \u00e4lterer Mitbewerber kommen, es w\u00fcrde die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht recht grundlegend ver\u00e4ndert. Ob zum Guten oder zum Schlechten, ist eine Frage des Standpunkts, und vermutlich w\u00e4re von beidem etwas dabei. Darum geht es aber nicht. Es geht darum, da\u00df Erwachsensein, \u00e4hnlich wie \u201eDeutscheR\u201c zu sein, \u201egebildet\u201c zu sein, (in vielen Bereichen nach wie vor:) \u201eMann\u201c zu sein und \u00e4hnliche Kriterien in dieser Gesellschaft eine erweiterte Teilhabe erm\u00f6glichen, von der die jeweils anderen ganz oder teilweise ausgeschlossen sind. Die Jugend klein zu halten, ist ein Mittel, Konkurrenzen zu vermeiden und Vorrechte zu sichern.<\/p>\n<p>Das Bildungssystem ist sicher eine freundliche Variante, die Jugend ein paar Jahre l\u00e4nger vom Arbeitsmarkt fernzuhalten. Eine weniger freundliche Variante sind die verschiedenen paternalistischen Zugriffe, zu denen f\u00fcrsorgliche Einhegungen in sozialp\u00e4dagogischen Projekten und Sportklubs geh\u00f6ren, aber eben auch die repressive Ausschlie\u00dfung mit den Mitteln der polizeilichen Kontrolle und des Strafrechts. Insofern sind die wachsenden Anzeigenzahlen nicht Anzeichen einer verunsicherten Jugend, sondern einer verunsicherten Mehrheitsgesellschaft, die sich gegen potentielle Konkurrenten wehrt. Im rassistischen Diskurs geschieht das sehr explizit (z.B. durch Arbeitsverbote f\u00fcr Asylsuchende), gegen\u00fcber der Jugend insgesamt eher unterschwellig als Erziehung.<\/p>\n<p>Historisch betrachtet ist die Erfindung der Jugend als eigenst\u00e4ndigem Lebensabschnitt zwischen (unm\u00fcndiger) Kindheit und (m\u00fcndigem) Erwachsensein wie auch als Kollektiv, dem eine bestimmte gesellschaftliche Funktion zukommt, relativ neu. Sie geht auf soziale Bewegungen um die letzte Jahrhundertwende zur\u00fcck, die als Reaktion auf eine verl\u00e4ngerte Phase der Adoleszenz in den st\u00e4dtisch gepr\u00e4gten kapitalistischen Gesellschaften gedeutet werden k\u00f6nnen.[<a name=\"fnverweis5\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fn5\">5<\/a>] Seit der Entdeckungszeit stehen sich Wunsch- und Schreckensbilder gegen\u00fcber, geht es um die Frage, was die Gesellschaft sich von der Jugend erhoffen kann und wie man sie unter Kontrolle h\u00e4lt. Der Nationalsozialismus trieb die vereinnahmende Verherrlichung (in Hitlerjugend und BDM) ebenso auf die Spitze wie die Ausschlie\u00dfung, Verfolgung und Vernichtung der \u201everwahrlosten\u201c Jugendlichen. Die Kriterien, was eine anst\u00e4ndige Jugend ausmache und was Anzeichen von Verwahrlosung seien, \u00e4ndern sich im Laufe der Zeit ebenso wie die Praktiken der Vereinnahmung und des Ausschlusses. In vielen Bereichen \u00fcberlagern sich die Perspektiven: Das Jugendstrafrecht ist als mildere, um Schadensbegrenzung bem\u00fchte Alternative dem Erwachsenenstrafrecht sicher vorzuziehen, gleichwohl greift es st\u00e4rker auf die \u201ePers\u00f6nlichkeit\u201c des \u201eT\u00e4ters\u201c zu und legitimiert unter dem Gesichtspunkt der erforderlichen \u201eResozialisierung\u201c durchaus die Verh\u00e4ngung eines h\u00f6heren Strafma\u00dfes, als f\u00fcr Erwachsene unter gleichen Umst\u00e4nden \u00fcblich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Beim Thema \u201eJugend\u201c geht es aber nicht nur um die Jugendlichen und den Umgang mit ihnen. Jugendliche als \u201eOpfer und T\u00e4terInnen\u201c sind vor allem eine Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Moralunternehmertum. Damit ist eine Technik bezeichnet, bestimmte Normen allgemein verbindlich zu machen, indem man ihre (andauernde) Verletzung skandalisiert.[<a name=\"fnverweis6\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fn6\">6<\/a>] Das beeindruckendste Kapitel in der j\u00fcngeren Geschichte des Moralunternehmertums war sicherlich die Debatte um den \u201eAsylmi\u00dfbrauch\u201c, die den Weg zur Abschaffung des Asylrechts ebnete. \u00c4hnliche Muster finden wir bei jugendspezifischen Themen, angefangen bei den \u201eLangzeitstudentInnen\u201c, die f\u00fcr K\u00fcrzungen im Sozial- und Bildungsbereich herhalten m\u00fcssen, \u00fcber die \u201eMehmets\u201c, die eine menschenrechtswidrige Abschiebepraxis legitimieren sollen, bis zur Verh\u00f6hnung des Jugendstrafrechts (z.B. \u201eSegelt\u00f6rn der Straft\u00e4ter\u201c)[<a name=\"fnverweis7\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fn7\">7<\/a>], die zur Begleitmusik der Kampagne f\u00fcr mehr \u201eInnere Sicherheit\u201c geh\u00f6rt. Ebenso werden Jugendliche in ihrer Rolle als Opfer instrumentalisiert: In der Drogenpolitik wird weiter auf Kriminalisierung statt (einer zumindest ambivalenten) Hilfe f\u00fcr die Betroffenen gesetzt, die Debatte um den sexuellen Mi\u00dfbrauch st\u00fctzt \u2013 entgegen jeden Problembewu\u00dftseins \u2013 eine rigide Sexualmoral, die bereits in Kampagnen gegen Aufkl\u00e4rungsunterricht in den Schulen und Forderungen nach n\u00e4chtlichen Ausgangssperren f\u00fcr Jugendliche \u00fcbergeht; und die Entdeckung, da\u00df sich junge M\u00e4nner h\u00e4ufiger pr\u00fcgeln, wenn sie unterschiedlicher Nationalit\u00e4t oder Abstammung sind, wird als Scheitern des \u201eMultikulturalismus\u201c gedeutet und zur Begr\u00fcndung einer ethnisch bis kulturell homogenisierten Nation ohne die \u201eZerrissenheit\u201c einer Doppelstaatsb\u00fcrgerschaft herangezogen.<\/p>\n<h4>Wohlwollen oder Rechte<\/h4>\n<p>Da sind auch die anderen Moralunternehmer, zu denen sicherlich die Autoren der oben erw\u00e4hnten Studie geh\u00f6ren. Sie fordern keine h\u00e4rteren Strafen, sondern mahnen einen besonnenen, zur\u00fcckhaltenden Umgang mit den \u201eProblemf\u00e4llen\u201c an. Auch die diversen Kampagnen f\u00fcr \u201eKeine Macht den Drogen\u201c und der j\u00fcngste Werbespot eines ostdeutschen Boxers f\u00f6rdern Vereine und Projekte, die an sich niemandem schaden. Aber ist es klug, mit der gef\u00e4hrlichen oder der gef\u00e4hrdeten Jugend zu drohen, um Sportvereine und soziale Ma\u00dfnahmen zu f\u00f6rdern? Die wohlwollende Dramatisierung st\u00fctzt letztendlich dieselbe Wahrnehmung, die von weniger wohlwollenden Zeitgenossen zur Begr\u00fcndung eines repressiven Umgangs genutzt wird.<\/p>\n<p>In einer demokratischen Gesellschaft mi\u00dft sich der Grad der sozialen Teilhabe in erster Linie an Rechten. Das f\u00e4ngt beim Wahlrecht an, bezieht sich aber auf alle Bereiche \u00f6konomischer und sozialer Absicherung und Selbstbestimmung. Jugendlichen solche Rechte zu verschaffen und sie zu verwirklichen, w\u00e4re ein Weg, aus den Dilemmata wohlwollender Stigmatisierung und repressiver Vereinnahmung herauszukommen. Eine elternunabh\u00e4ngige Grundsicherung k\u00f6nnte ein erster Schritt sein. Damit ist man von dem oben entworfenen Gedankenexperiment ziemlich weit entfernt, doch mindestens ebensoweit vom herrschenden Umgang mit Jugend.<\/p>\n<p>Was hat das aber mit Kriminalit\u00e4t zu tun? Nichts! Und das ist gut so, denn gleiche Rechte und gesellschaftliche Anerkennung sollten sich von selbst verstehen. Sie zu erkaufen, indem man die Jugend gef\u00e4hrlich macht, w\u00e4re ein B\u00e4rendienst.<\/p>\n<h5>Oliver Br\u00fcchert ist Mitherausgeber der \u201eNeuen Kriminalpolitik\u201c und forscht am Arbeitsschwerpunkt Devianz und Soziale Ausschlie\u00dfung an der Universit\u00e4t Frankfurt\/M.. Politisch ist er bei den Jungdemokraten\/Junge Linke und beim Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie aktiv.<\/h5>\n<h6>[<a name=\"fn1\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fnverweis1\">1<\/a>] Pfeiffer, C.: Anleitung zum Ha\u00df, Der Spiegel, 12\/1999, S. 60-66<br \/>\n[<a name=\"fn2\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fnverweis2\">2<\/a>] Pfeiffer, C. u.a.: Ausgrenzung, Gewalt und Kriminalit\u00e4t im Leben junger Menschen&#8220;, Sonderdruck zum 24. Deutschen Jugendgerichtstag 1998, S. 107f.<br \/>\n[<a name=\"fn3\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fnverweis3\">3<\/a>] ebd., S. 108<br \/>\n[<a name=\"fn4\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fnverweis4\">4<\/a>] Siehe Kersten, J.: Vom H\u00f6lzchen aufs T\u00f6pfchen: Warum in Deutschland platte Gewalterkl\u00e4rungen so popul\u00e4r sind, in: Neue Kriminalpolitik 1999, H. 2, S. 7<br \/>\n[<a name=\"fn5\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fnverweis5\">5<\/a>] Dudek, P.: Jugend als Objekt der Wissenschaft. Geschichte der Jugendforschung in Deutschland und \u00d6sterreich, Opladen 1990<br \/>\n[<a name=\"fn6\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fnverweis6\">6<\/a>] Vgl. die entsprechenden Kapitel in: Cremer-Sch\u00e4fer, H.; Steinert, H.: Straflust und Repression, M\u00fcnster 1998<br \/>\n[<a name=\"fn7\"><\/a><a href=\"\/1999\/08\/20\/die-drohung-mit-der-jugend-mystifizierende-statistik-und-oeffentliche-moralisierung\/#fnverweis7\">7<\/a>] Focus 43\/1998, S. 74-76<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Oliver Br\u00fcchert Wenn von Kriminalit\u00e4t die Rede ist, geht es um T\u00e4ter oder um<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,69],"tags":[],"class_list":["post-2107","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-63"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2107","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2107"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2107\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2107"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2107"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2107"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}