{"id":21228,"date":"2023-09-26T07:06:39","date_gmt":"2023-09-26T07:06:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=21228"},"modified":"2023-09-26T07:06:39","modified_gmt":"2023-09-26T07:06:39","slug":"nachruf-auf-falco-werkentin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=21228","title":{"rendered":"Nachruf auf Falco Werkentin"},"content":{"rendered":"<p>Am 20. August 2023 verstarb Falco Werkentin im Alter von 78 Jahren. Falco geh\u00f6rte zu den Gr\u00fcndern von B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP, und er war einer der Pioniere der sozialwissenschaftlichen Polizeiforschung in Deutschland. Sein emanzipatorisch fundiertes, b\u00fcrgerrechtlich und staatskritisch ausgerichtetes Selbstverst\u00e4ndnis lag auch seiner Auseinandersetzung mit der politischen Justiz der DDR zugrunde, der er sich nach dem Fall der Mauer widmete.<\/p>\n<p>Im 50. Heft von CILIP hat Falco selbst den Entstehungskontext und die Anfangsjahre von CILIP nachzeichnet \u2013 freilich ohne seinen eigenen Anteil besonders zu erw\u00e4hnen. Im Kontext von Berufsverboten und \u201eDeutschem Herbst\u201c, dem modernisierenden Ausbau der Polizeien und anderen Apparaten der Inneren Sicherheit, namentlich der \u00c4mter f\u00fcr \u201eVerfassungsschutz\u201c (diese Anf\u00fchrungsstriche waren ihm wichtig), und der zunehmenden Bedeutung, die diese Apparate f\u00fcr die Reaktion auf innenpolitische Konflikte nahm \u2013 von den Anti-AKW-Protesten bis zu den Hausbesetzungen \u2013 entstand in einer Gruppe um Wolf-Dieter Narr die Idee, der Entwicklung des Gewaltmonopols im Innern forschend, dokumentierend und publizierend auf der Spur zu bleiben. Gef\u00f6rdert durch die Berghof-Stiftung f\u00fcr Friedens- und Konfliktforschung nahm dieses Vorhaben in der zweiten H\u00e4lfte der 70er Jahre konkrete Formen an. CILIP, der \u201eNewsletter on Civil Liberties and Police Research\u201c, der publizistische Teil dieses Vorhabens, hat bis heute \u00fcberlebt.<!--more--><\/p>\n<p>Ohne Falco Werkentin h\u00e4tte es diese Geschichte nicht gegeben. Denn er war in den Anfangsjahren (genauer bis CILIP 37) der verantwortliche Redakteur der Hefte. In der entstehenden alternativen \u00d6ffentlichkeit, zu der CILIP geh\u00f6rte, bedeutete dieser Posten zugleich Verantwortlichkeit und Arbeit f\u00fcr alles: von der Werbung bis zum Schreiben der Artikel, von der Betreuung externer AutorInnen bis zur Herstellung des druckfertigen Layouts, damals noch mit Schere und Klebestift am selbstgebauten Lichttisch.<\/p>\n<p>Das war Falcos Job in die diesen ersten Jahren; er konnte ihn nur bew\u00e4ltigen, weil es eben kein \u201eJob\u201c f\u00fcr ihn war, sondern Teil eines politischen Engagements, f\u00fcr das weder die Bezahlung noch die h\u00e4ufig n\u00e4chtlichen Arbeitszeiten ohne Belang waren. Diese tagespolitische Orientierung verband Falco mit Vortr\u00e4gen und der Teilnahme an Diskussionsveranstaltungen quer durch die Republik und seiner Arbeit in der Humanistischen Union.<\/p>\n<p>Dass die Polizei das Instrument des staatlichen Gewaltmonopol ist, nahm Falco w\u00f6rtlich. Ihn interessierten deshalb besonders die \u201eharten\u201c Fakten der Institution Polizei: Bewaffnung, Ausr\u00fcstung, Manpower und Organisation. Die \u2013 bis heute fortgef\u00fchrte \u2013 Dokumentation polizeilicher Todessch\u00fcsse geht auf seine Initiative zur\u00fcck. Der Preis eines solchen Ansatzes liegt in der Bereitschaft (und der F\u00e4higkeit), aus der genauen Kenntnis der Details Sachverhalte und Kontexte rekonstruieren zu k\u00f6nnen. In seiner Dissertation \u201eDie Restauration der deutschen Polizei\u201c (1984), entstanden im Kontext der Berghof-Stiftung, hat er dies eindr\u00fccklich unter Beweis gestellt. Die Notstandsgesetze von 1968, so der Tenor der Arbeit, bildeten die Basis f\u00fcr die Modernisierung der Polizeien seit den 1970er Jahren.<\/p>\n<p>Bereits 1977 hatte Falco gemeinsam mit Albrecht Funk \u201eDie siebziger Jahre\u201c als \u201eDas Jahrzehnt der inneren Sicherheit\u201c charakterisiert. Die innere Sicherheit hatte aber in den beiden Jahrzehnten davor nicht nur tagespolitisch eine geringe Rolle gespielt, auch wissenschaftlich war das \u201eGewaltmonopol im Innern\u201c weitgehend ignoriert worden. Das Schrifttum jener Zeit beschr\u00e4nkte sich auf rechts- und staatswissenschaftliche Abhandlungen; von wenigen Ausnahmen abgesehen, interessierten sich Sozial- und Politikwissenschaften nicht f\u00fcr die Polizei. Das \u00e4nderte sich durch die Berliner Gruppe. Neben der Monografie von Falco entstanden im selben Zeitraum die Monografien von Albrecht Funk und Udo Kau\u00df. 1984 erschien als Sammelband \u201eVerrechtlichung und Verdr\u00e4ngung\u201c, 1986 als Gemeinschaftswerk der Genannten mit Heiner Busch und Wolf-Dieter Narr \u201eDie Polizei in der Bundesrepublik\u201c. Kennzeichnend f\u00fcr diese Arbeiten blieb ein in die politischen und sozialen Kontexte eingebetteter institutionenbezogener Zugang. Zu den kollektiven Arbeiten geh\u00f6rten auch eine Studie zu \u201eGewaltmeldungen aus Neuk\u00f6lln\u201c (1988) und ein Gutachten f\u00fcr die Bundestagsfraktion der Gr\u00fcnen: \u201eNicht dem Staate, sondern dem B\u00fcrger dienen\u201c (1990). Ohne Falcos Sachkenntnis, Engagement und Hartn\u00e4ckigkeit w\u00e4ren diese Arbeiten nicht m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n<p>In den 1980er Jahren geh\u00f6rte die Kritik der Polizei- und Sicherheitsgesetzgebung zum Pflichtprogramm von CILIP und nota bene seines verantwortlichen Redakteurs. Falco war dar\u00fcber hinaus besonders am politischen Strafrecht, am polizeilichen Staatsschutz und an den \u00c4mtern f\u00fcr \u201eVerfassungsschutz\u201c interessiert. Denn hier lagen die tagespolitischen Intentionen und Implikationen offen zutage \u2013 ein Interesse, das f\u00fcr seine Arbeit nach 1990 pr\u00e4gend blieb.<\/p>\n<p>Kurz nach dem Bau der Mauer war Falco Werkentin in den Westen geflohen. Er studierte in West-Berlin Soziologie, arbeitete als Heimerzieher und war einer der Autoren von \u201eGefesselte Jugend. F\u00fcrsorgeerziehung im Kapitalismus\u201c (1971). \u00dcber diesen Umweg war er zur Polizeiforschung gekommen, die er seit Mitte der 1970er Jahre intensiv betrieb. Als die Mauer gefallen war, lag das Land seiner Jugend offen vor ihm. Genauer gesagt: dessen Archive. In den Jahren nach 1990 widmete er sich nicht der Geschichte der Volkspolizei (was nahegelegen h\u00e4tte), sondern der Rolle der politischen Justiz in den 50er Jahren in der DDR. Sei zweites Hauptwerk \u201ePolitische Strafjustiz in der \u00c4ra Ulbricht\u201c erschien 1995. Im Kontrast zum \u201eStaatsschutz\u201c westlicher Pr\u00e4gung, dem er sich in der Dekade davor so ausf\u00fchrlich gewidmet hatte, stellte er heraus, dass die politische Justiz in der DDR ein Instrument der Gesellschaftspolitik, der \u201eRevolution von oben\u201c, gelenkt und mitunter unmittelbar betrieben von der SED war. W\u00e4hrend die (politische) Justiz im Westen \u201enur\u201c die herrschende Ordnung absicherte, hatte sie im Osten die Aufgabe, die politische Agenda der SED, etwa die Kollektivierung, durchzusetzen.<\/p>\n<p>Seit Mitte der 1990er Jahre hatte Falco Werkentin sein wissenschaftliches Interesse von der Polizei ab- und der Bew\u00e4ltigung der DDR-Geschichte zugewandt. Als Stellvertretender Beauftragter f\u00fcr die Stasi-Unterlagen in Berlin hat er sich in den folgenden Jahren mit der Aufarbeitung der DDR-Unrechtsgeschichte besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>CILIP setzt die Arbeit fort, die ma\u00dfgeblich von Falco Werkentin begonnen wurde.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-21232\" src=\"https:\/\/www.cilip.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Falco_Todesanzeige.png\" alt=\"\" width=\"1020\" height=\"743\" srcset=\"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Falco_Todesanzeige.png 1020w, https:\/\/wp-dev.daten.cool\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Falco_Todesanzeige-300x219.png 300w, https:\/\/wp-dev.daten.cool\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Falco_Todesanzeige-768x559.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1020px) 100vw, 1020px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 20. August 2023 verstarb Falco Werkentin im Alter von 78 Jahren. 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