{"id":21352,"date":"2023-11-27T20:39:04","date_gmt":"2023-11-27T20:39:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=21352"},"modified":"2023-11-27T20:39:04","modified_gmt":"2023-11-27T20:39:04","slug":"kontrolle-im-kapitalismus-eine-intersektionale-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=21352","title":{"rendered":"Kontrolle im Kapitalismus:\u00a0Eine intersektionale Perspektive"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kapitalismus war lange Zeit out. Seit Finanzkrise und Pandemie widmen sich soziale Bewegungen mit unterschiedlichen Verh\u00e4ltnissen zum repressiven Staatsapparat sowie die Kritische Kriminologie, in der abolitionistische Traditionen aufleben, verst\u00e4rkt der kapitalistischen Vergesellschaftung. Der Beitrag umrei\u00dft, welche Fragen gestellt und k\u00fcnftig bearbeitet werden sollten.<\/strong><\/p>\n<p>Kontrolle im Kapitalismus zu betrachten, ist seit jeher das Metier der marxistisch inspirierten Kritischen Kriminologie. Schon die sogenannten \u201eNeuen Sozialen Bewegungen\u201c und parallele Theorieentwicklungen seit den sp\u00e4ten 1960er Jahren r\u00fcckten bekannterma\u00dfen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse jenseits des Widerspruchs von Kapital und Arbeit verst\u00e4rkt in den Blick. In Fortentwicklung und zugleich Kritik der Kritischen Kriminologie entstand etwa eine feministische Kriminologie, die Themen wie Abtreibung, Sexarbeit oder Vergewaltigung in den Blick nahm. Seit den 1990er Jahren sorgte die Verbreitung poststrukturalistischer Ans\u00e4tze in der Wissenschaft und den sozialen Bewegungen f\u00fcr einen Perspektivwechsel. Kriminolog*innen und Aktivist*innen problematisierten nicht mehr \u201enur\u201c materielle Gegebenheiten wie die kapitalismusstabilisierende Wirkung des Strafjustizsystems, die ideologischen Hintergr\u00fcnde und materiellen Effekte einer geschlechtsblinden Klassenjustiz oder die \u201eDefinitionsmacht\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> einer Polizei, die als strukturkonservative Institution oft auf der Basis traditioneller Vorstellungen von z.\u00a0B. Frauen oder Migrant*innen agiert. Vielmehr wurden die Kategorien selbst grundlegend hinterfragt und das Verst\u00e4ndnis von Macht erweitert. Bereits in den 1960er und 70er Jahren hatte der \u201elabeling approach\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> in der Kriminologie deutlich gemacht, dass Kriminalit\u00e4t schlicht das ist, was die Gesellschaft als solche versteht. Nun setzte sich die Erkenntnis durch, dass auch \u201eFrau\u201c oder \u201eSchwarzer\u201c keine nat\u00fcrlichen Tatsachen sind, sondern gesellschaftlich hervorgebracht werden \u2013 wobei die Subjekte nicht nur durch staatliche Ver- und Gebote sowie Ideologie reguliert werden, sondern durch die machtvollen Anrufungen auch hervorgebracht und tagt\u00e4glich in die Machtverh\u00e4ltnisse verwickelt sind, wie es Foucault und Autor*innen der Gouvernementalit\u00e4tsstudien betonten.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><!--more--><\/p>\n<p>Dies r\u00fcckt subtile Steuerungsformen wie das Regieren \u00fcber Gruppenidentit\u00e4ten (vgl. Schreiber u.\u00a0a. in diesem Heft) oder die Rolle von Kriminalisierungen bei der Gruppenkonstitution, etwa von Schwulen durch die US-amerikanischen Sodomie-Gesetze, in den Blick.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Allerdings gerieten damit sowohl materialistische Perspektiven in den Hintergrund als auch Kapitalismus als Gegenstand. Obgleich materialistische Theorien zur Analyse jedes Herrschaftsverh\u00e4ltnis geeignet sind, unterstellten Abgrenzungsdiskurse teils pauschal \u00f6konomistische Verengung.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Dies \u00e4ndert sich, seit die Finanzkrise 2008 den neoliberalen Konsens ersch\u00fctterte und neben weiteren Faktoren (v.\u00a0a. Pandemie, Soziale Medien, zugespitzte Klimakrise und erstarkte Rechte, Krieg vor den Toren Europas und Inflation) den politischen Wandel beschleunigten.<\/p>\n<p>Die lautesten sozialen Bewegungen der letzten Jahre \u2013 #BlackLivesMatter (BLM), #Metoo und Klimabewegung \u2013 nehmen Kapitalismus oft nur partiell in den Blick. Damit bleibt auch die Rolle des repressiven Staatsapparats untertheoretisiert. BLM kritisiert Polizeigewalt gegen Schwarze. Nur Teile der Bewegung kn\u00fcpfen dabei auch in der Wissenschaft wiedererstarkende abolitionistische Stimmen an, die nicht nur rassistische Einstellungen von Polizeibeamt*innen kritisieren, sondern \u201eracial capitalism\u201c als zentrale Ursache der Gewalt ansehen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Die ebenso heterogene Metoo-Bewegung entz\u00fcndete sich zwar an sexualisierter Gewalt in Arbeitsverh\u00e4ltnissen der Filmbranche. Doch um die Zw\u00e4nge kapitalistischer Erwerbsarbeit oder andere materielle Kontexte sexualisierter Gewalt (wie z.\u00a0B. Wohnraummangel oder Obdachlosigkeit) ging es bald kaum noch. Meist standen die sexistischen Einstellungen cis-heterosexueller M\u00e4nnern im Fokus. Entsprechend dieser Perspektive, die \u201estrukturelle Gr\u00fcnde\u201c v.\u00a0a. auf der Ebene von Normen ber\u00fccksichtigt, sollen Manager*innen von Schulen oder Firmen Normwandel bef\u00f6rdern,<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> und Aktivist*innen \u2013 oft dieselben, die auch #BLM unterst\u00fctzen \u2013 fordern auch die Ausweitung und verst\u00e4rkte Anwendung von Strafrecht, obgleich Folgen wie die Kriminalisierung armer People of Color oder Wohnungsverlust ganzer Familien wegen Haft bekannt sind.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Die Klimabewegung hat einen ausgepr\u00e4gteren radikalen, anti-kapitalistischen Fl\u00fcgel. Obgleich die wei\u00dfe Mittelschichtsbewegung,<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> wenn sie mit Klebaktionen nur passiven Widerstand leistet, in liberalen Bundesl\u00e4ndern teils professionell ger\u00e4umt und sogar polizeilicherseits vor aggressiven Autofahrer*innen gesch\u00fctzt wird, sind es nicht zuf\u00e4llig die radikalen Teile der Bewegung, die Unternehmen der Bereitstellung von Energie- und Verkehrsinfrastrukturen empfindlich treffen, die kriminalisiert werden. In Deutschland trifft etwa die zweimonatige bayrische Pr\u00e4ventivhaft v.\u00a0a. Klimaaktivist*innen, und, wenngleich letztlich verneint, verdeutlicht der Pr\u00fcfauftrag der Berliner Justizsenatorin, ob die \u201eLetzte Generation\u201c eine kriminelle Vereinigung ist, die Kriminalisierungsbestrebungen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Frankreich verbot j\u00fcngst eine gegen umweltsch\u00e4dliche Infrastrukturprojekte gerichtete Gruppe wegen des Vorwurfs des \u201e\u00d6koterrorismus\u201c, und Gro\u00dfbritannien wie auch die USA schr\u00e4nkten das Demonstrationsrecht hinsichtlich \u201ekritischen Infrastrukturen\u201c ein.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Um die drei gro\u00dfen Bewegungen unserer Zeit st\u00e4rker an Kapitalismuskritik anzubinden, machte Nancy Fraser mit ihrem Buch \u201eCannibal Capitalism\u201c (Verso, 2022) ein intersektionales, d.\u00a0h. unterschiedliche Herrschaftsverh\u00e4ltnisse verbindendes Interpretationsangebot (vgl. Belina in diesem Heft). Kapitalismus sei immer auf Naturausbeutung (wegen des Wachstumsimperativs der Kapitallogik), Rassismus (um ausbeutbare Klassen zu produzieren), hierarchische Geschlechterverh\u00e4ltnisse (um die Reproduktion zu gew\u00e4hrleisten) sowie den Staat (um die Bedingungen zu gew\u00e4hrleisten) angewiesen. Zwar wurde vielfach Austauschbarkeit der Gruppen, die \u00fcberausgebeutet werden oder Reproduktionsarbeit leisten, aufgezeigt.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Hier ist aber wichtiger, dass das Verh\u00e4ltnis zum Staat wenig ausformuliert bleibt (vgl. zur Staatstheorie die Schwerpunktliteratur in diesem Heft).<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Um dies mit Blick auf Kontrolle zu pr\u00e4zisieren, m\u00f6chte ich Bewegungen das erg\u00e4nzende Interpretationsangebot machen, blinde Flecke hinsichtlich \u00f6konomischer Zw\u00e4nge und anderer unpers\u00f6nlicher Herrschaftsformen aufzuarbeiten. Denn diese erkl\u00e4ren, warum die staatliche Kontrolle von Bewegungen mal vorrangig bek\u00e4mpft wird, mal erw\u00fcnscht und mal Nebensache ist.<\/p>\n<h4>Bis dato oft direkte Gewalt im Bewegungsfokus<\/h4>\n<p>Daf\u00fcr st\u00fctze ich mich auf S\u00f8ren Maus Unterscheidung von drei Formen der Macht: 1. direkte Gewalt (durch Staat oder Individuen), 2. Ideologie bzw. Normen, die bestimmte Praktiken nahelegen oder erschweren, und 3. \u00f6konomische Macht, die Mau mit Marx \u201estummen Zwang der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse\u201c, also materiellen Bedingungen, die bestimmte Praktiken erschweren oder erleichtern, gleichsetzt.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Die Einteilung st\u00fctzt sich auf Michael Heinrichs Unterscheidung von pers\u00f6nlicher (z.\u00a0B. Sklav*innentum) und unpers\u00f6nlicher Herrschaft, die charakteristisch f\u00fcr den Kapitalismus ist, da Arbeit*innen \u201edoppelt frei\u201c sind.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Die Unterscheidung l\u00e4sst sich auf weitere Aspekte wie Normen ausweiten: Wir werden nicht nur durch rechtliche Normen oder explizite Regeln regiert, sondern auch durch Anrufungen, Identifikationen oder situationelle Skripte (z.\u00a0B. die Erwartung, mit einer Person, mit der mensch nach Hause gegangen ist, auch Sex zu haben).<\/p>\n<p>Wenngleich dies n\u00e4herer Untersuchung bedarf,<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> scheinen die drei genannten Bewegungen am ehesten direkte Gewalt zu entziffern und als Problem skandalisieren zu k\u00f6nnen: direkte polizeiliche Gewalt gegen Schwarze, direkte Gewalt von M\u00e4nnern gegen Frauen (die dann mit direkter staatlicher Gewalt zu beantworten sei) und direkte Naturgewalt (und die sehr direkt unternehmerische Interessen absichernde Staatsgewalt). Gerade wo \u00f6konomische und andere unpers\u00f6nliche Herrschaft in Verkn\u00fcpfung mit weiteren Herrschaftsverh\u00e4ltnissen wie Gender oder Race wirken, bleibt sie in der u.\u00a0a. von liberalen Antidiskriminierungsdiskursen #BLM- und Anti-Sexualgewaltsbewegung unterthematisiert und entsprechend auch das Verh\u00e4ltnis zum Staat unterkomplex.<\/p>\n<h4>Stummer Zwang: Beispiel Migration &amp; Sexualit\u00e4t<\/h4>\n<p>Im Folgenden wird daher \u2013 gest\u00fctzt auf abolitionistische Perspektiven \u2013 am Beispiel von Migration und Sexualit\u00e4t skizziert, wie durch die Ber\u00fccksichtigung unpers\u00f6nlicher, v.\u00a0a. \u00f6konomischer Macht strukturelle Dimensionen der repressiven Staatsgewalt problematisierbar werden. Dies beruht auf einer Abkehr vom Fokus des Strafjustizsystems auf individuell zurechenbare (bzw. als individuell konstruierte) Gewalt.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich Polizei und <em>Race<\/em> domminierte lange Zeit ein Bewegungsdiskurs, der Racial Profiling ins Zentrum r\u00fcckte und in der medialen Rezeption oft rassistische Einstellungen der Polizeibeamt*innen betonte. Initiativen wie Copwatch problematisierten zudem polizeiliche Themenschwerpunktsetzungen und rechtliche Instrumente wie Drogentaskforces oder \u201everdachtsunabh\u00e4ngige\u201c Kontrollen.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Die Argumentation tendierte dennoch dazu, ideale Opfer zu kreieren, die denen konservativer Diskurse \u00e4hneln: unschuldig Verd\u00e4chtigte. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Clangewaltdebatte, wo der Rassismus der Polizeikontrollen im Fokus aktivistischer Kritiken steht, w\u00e4hrend etwa nationalstaatliche Ausgrenzung und \u00f6konomische Prekarisierung kaum eine Rolle spielen.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<p>Dieses Anschlie\u00dfen an herrschende Diskurse ist verst\u00e4ndlich, geht es doch z.\u00a0B. darum, Tote durch Polizeisch\u00fcsse und Brechmitteleinsatz zu verhindern oder Haftstrafen, die bei Armen und Nichtdeutschen besonders hoch ausfallen und Verarmung oder Ausweisung bef\u00f6rdern, abzuwenden (vgl. Graebsch in diesem Heft). Doch durch den Fokus allein auf \u00fcberproportionales Polizieren konnten Konservative, v.\u00a0a. in der US-amerikanischen, in quantitativen Studien ausgefochtenen Debatte, Kritik teils zurecht damit abwehren, dass rassifizierte Arme z.\u00a0B. h\u00e4ufiger in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen anzutreffen sind.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Der Fokus auf \u00dcberproportionalit\u00e4t lie\u00df auch die Herrschaftslogik des Polizeihandelns und die sozialen Lagen der Betroffenen weitgehend unangetastet. In der akademischen Debatte wird dies schon l\u00e4nger kritisiert.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Mit der Wiederentdeckung des Kapitalismus bzw. Marxismus wird auch im aktivistischen Diskurs sagbar, dass etwa bestimmte street-level-Positionen im Drogenverkauf aufgrund nationaler und \u00f6konomischer Ausgrenzung tats\u00e4chlich meist von prekarisierten EU-Ausl\u00e4nder*innen \u00fcbernommen werden, mithin der polizeiliche Fokus auf Ethnie hier ebenso funktional ist, wie wenn in Z\u00fcgen das bereits strukturell rassistische Migrationsregime durch Kontrollen nach Hautfarbe\/Aussehen abgesichert wird.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> D.\u00a0h., ohne Abschaffung dieser \u00f6konomischen und nationalstaatlichen \u201estummen Zw\u00e4nge\u201c kann auch keine (reformierte, diversifizierte) Polizei entstehen, die diese Muster nicht reproduziert oder versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches gilt f\u00fcr Sexualit\u00e4t, wo die Debatte noch st\u00e4rker enggef\u00fchrt ist, und ein stummer Zwang \u00f6konomischer Verh\u00e4ltnisse im Gegensatz zu Geschlechterverh\u00e4ltnissen kaum thematisiert wird.<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a> Aktivist*innen, die ich im Feld der Sexualgewaltbek\u00e4mpfung in Partykontexten beobachte, fordern teils eine Ausweitung von Strafrecht, versuchen ihre Interessen also direkt in das Gesetz einzuschreiben.<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a> Alternativ installieren sie eigene Schlichtungsverfahren, die jene Elemente enthalten, die kennzeichnend f\u00fcr die Machtverh\u00e4ltnisse des Rechts sind: die Schaffung einer teilautonomen Sph\u00e4re, in der bestimmte Personen als Expert*innen gelten, die sich \u00fcber Verweis auf abstrakte Regeln und formelhafte Auslegungen legitimieren, so dass die herrschenden Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse sich nur mittelbar einschreiben und nicht als Partikularinteressen erscheinen.<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a> Nicht nur erkl\u00e4rt der Machtfaktor das Beharren vieler Aktivist*innen auf bestimmte Verfahren der Bearbeitung, v.\u00a0a. nach dem Prinzip der Definitionsmacht,<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a> die punitive r\u00e4umliche Exklusion abzusichern verm\u00f6gen. Vielmehr stehen die strafrecht(s\u00e4hn)lichen L\u00f6sungen auch im direkten Zusammenhang mit der Machtanalyse.<\/p>\n<p>Die aktivistischen Argumentationsmuster beruhen, statt auf der Analyse unpers\u00f6nlicher, nicht zuletzt auch \u00f6konomischer Zw\u00e4nge, auf Individualisierungen, wie sie f\u00fcr das Strafrecht typisch sind. So erfasst etwa das Menschenhandelsrecht den stummen Zwang nationalstaatlicher oder \u00f6konomischer Verh\u00e4ltnisse, der auf Menschen wirkt, nur soweit dieser zus\u00e4tzlich von Einzelpersonen ausgenutzt wird: als \u201eAusnutzung\u201c der \u201ewirtschaftlichen Zwangslage\u201c oder \u201eHilflosigkeit, die mit dem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist\u201c (\u00a7 232 Strafgesetzbuch). Mithin bleibt auch die L\u00f6sung individuell: Strafe statt Armutsbek\u00e4mpfung oder Staatsb\u00fcrgerschaftsrechte. In \u00e4hnlicher Weise erfassen die Partyaktivist*innen gesellschaftliche Strukturen. \u00d6konomischer Zwang taucht nur in Form direkter zwischenmenschlicher Verh\u00e4ltnisse auf (z.\u00a0B. sich zu Sex gedr\u00e4ngt f\u00fchlen, weil frau* zuvor teure Drogen als Geschenk annahm). Nicht thematisiert wird, dass kapitalistische Verh\u00e4ltnisse Menschen permanent in Konkurrenz setzen und dr\u00e4ngen, sexuell zu performen, weil sich soziale Werte, die damit einhergehen, als sexuelles Kapital verselbst\u00e4ndigen.<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a> Normativer Zwang wird, soweit er unpers\u00f6nlich wirkt, entlang des hierarchischen Geschlechterverh\u00e4ltnisses individualisiert, nach dem Motto: M\u00e4nner haben schuldhaft sexistische Denkweisen, w\u00e4hrend Frauen durch Geschlechterrollen gezwungen werden.<\/p>\n<p>Da die mangelnde Ber\u00fccksichtigung von unpers\u00f6nlicher, v.\u00a0a. \u00f6konomischer Macht mit einer Kritik am repressiven Staatsapparat einhergeht, die dessen individualisierende Logiken reproduziert, bedarf es verst\u00e4rkt marxistisch-foucaultscher Analysen. Dieses Heft gibt einen \u00dcberblick anhand ausgew\u00e4hlter Debatten und Praktiken. Es betrachtet die Individualisierungen (Graebsch in diesem Heft), Verwebungen von Kontrolle und Profitlogik (Stamb\u00f8l\/Jegen und Fl\u00f6rsheimer), die Rolle des Staats (Belina und Flierl) sowie \u201esanfte\u201c Kontrolle (Schreiber u.\u00a0a.).<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0 Feest, J.; Blankenburg, E.: Die Definitionsmacht der Polizei. Strategien der Strafverfolgung und soziale Selektion, D\u00fcsseldorf 1972<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0 Lautmann, R.: labeling approach, in: Fuchs, W. u.a. (Hg.): Lexikon zur Soziologie, Opladen 1978 (2. Aufl.), S. 446<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0 Lemke, T.: Gouvernementalit\u00e4t und Biopolitik, Wiesbaden 2008<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0 Carrie L.; Lenning, E.: Queer criminology, London 2022<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u00a0 z.\u00a0B. Glasze, G.; Mattissek, A. (Hg.): Handbuch Diskurs und Raum, Bielefeld 2009<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u00a0 Wilson, R.: Abolition Geography. Essays Towards Liberation, New York 2022<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u00a0 vgl. Hansson, K. u.a.: Legitimising a Feminist Agenda. The #metoo petitions in Sweden 2017-2018, in: Nordic Media Studies 2020, H. 2, S. 121-132<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00a0 Gruber, A.: #MeToo and Mass Incarceration, in: Ohio State Journal of Criminal Law 2020, H. 2, S. 275-291<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0 Institut f\u00fcr Protest- und Bewegungsforschung: Erste Ergebnisse der Befragung der &#8222;Fridays for Future&#8220;-Proteste, <a href=\"http:\/\/protestinstitut.eu\">http:\/\/protestinstitut.eu<\/a> v. 2.9.2022<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Polizeiaufgabengesetz in Bayern bleibt umstritten, Deutschlandfunk v. 21.4.2023; Berlin sieht in Letzter Generation keine kriminelle Vereinigung, Legal Tribune Online v. 19.7.2023<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Nous sommes tous des \u00e9coterroristes!, le monde v. 26.8.2023; How criminalisation is being used to silence climate activists across the world, Guardien v. 12.10.2023<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Soiland, T.: Die Verh\u00e4ltnisse gingen und die Kategorien kamen, <a href=\"https:\/\/portal-intersektionalitaet.de\">https:\/\/portal-intersektionalitaet.de<\/a> v. 7.11.2008<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Diese Erkenntnis verdanke ich Birgit Sauer und Markus Wissen.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Mau, S.: Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der \u00f6konomischen Macht im Kapitalismus, Berlin 2021<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Heinrich, M.: Vorwort, in Mau a.a.O. (Fn. 14), S. 11-14<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Denn geforscht habe ich umfassend nur zur Sexualgewaltbewegung sowie am Rande zur BLM-Bewegung.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> z.\u00a0B. <a href=\"https:\/\/copwatchhamburg.blackblogs.org\">https:\/\/copwatchhamburg.blackblogs.org<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> vgl. B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 129 (August 2022)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Pierson, E.: A large-scale analysis of racial disparities in police stops across the United States, in: Nature Human Behaviour 2020, H. 4, S. 736-745<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Seigel, M.: The dilemma of \u2018racial profiling\u2019: an abolitionist police history, in: Contemporary Justice Review, 2017, H. 4, 474-490<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Eine diversere Polizei f\u00fchrt nicht zum R\u00fcckgang von Polizeigewalt, <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\">www.deutschlandfunkkultur.de<\/a> 2.3.2023<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> vgl. B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 126 (Juli 2021)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> So v.a. in der Debatte um das Festival Monis Rache, vgl. K\u00fcnkel, J.: Carceral Feminism in Deutschland?, in: Kriminologisches Journal 2021, H. 2, S. 105-120.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Buckel, S.: Subjektivierung und Koh\u00e4sion. Zur Rekonstruktion einer materialistischen Theorie des Rechts, Weilerswist 2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Die Idee, Frauen bzw. Unterprivilegierten m\u00fcssten Gewaltvorw\u00fcrfe geglaubt werden.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Kaplan, D.; Illouz, E.: Was ist sexuelles Kapital?, Berlin 2023<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitalismus war lange Zeit out. 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