{"id":21788,"date":"2023-08-12T07:57:29","date_gmt":"2023-08-12T07:57:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=21788"},"modified":"2023-08-12T07:57:29","modified_gmt":"2023-08-12T07:57:29","slug":"pauschaler-verdacht-traditionslinien-des-antiziganismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=21788","title":{"rendered":"Pauschaler Verdacht &#8211; Traditionslinien des Antiziganismus"},"content":{"rendered":"<h3>von Guillermo Ruiz und Tobias von Borcke<\/h3>\n<p><strong>Diskurs und polizeiliche Praxis der Bek\u00e4mpfung von \u201eClankriminalit\u00e4t\u201c betreffen auch Sinti und Roma in besonderem Ma\u00dfe. Die mediale und polizeiliche Ethnisierung von Kriminalit\u00e4t und das Konstrukt \u201ekrimineller Gro\u00dffamilien\u201c ist Ausdruck eines tiefsitzenden Antiziganismus in Polizei und Gesellschaft. <\/strong><\/p>\n<p>Sowohl in den Medien wie auch in Ermittlungspraxis und \u00f6ffentlicher Kommunikation der Polizei werden Sinti und Roma oft <!--more-->mit Kriminalit\u00e4t in Verbindung gebracht. In den letzten Jahren wird dabei h\u00e4ufig \u00fcber \u201eClans\u201c berichtet und so suggeriert, dass Angeh\u00f6rige der Minderheit sich zusammentun, um gemeinschaftlich, als \u201eFamilie\u201c organisiert, Verbrechen zu begehen. So wird die ganze Minderheit als kriminell stigmatisiert, ohne dass es tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr kriminelle Aktivit\u00e4ten gibt.<\/p>\n<p>Die Erfassung, Stigmatisierung und Verfolgung von Sinti und Roma durch die Polizei ist nicht neu, sondern l\u00e4sst sich \u00fcber Jahrhunderte zur\u00fcckverfolgen. Die stigmatisierenden Bilder, die noch heute in polizeilichen Ermittlungsverfahren eine Rolle spielen, st\u00fctzen sich auf den seit dem 15. Jahrhundert entstandenen Bildervorrat von <span style=\"text-decoration: line-through\">\u201aZigeunern\u2018<\/span> und \u201eFah\u00adrenden\u201c. Diese wurden in polizeilichen Unterlagen anf\u00e4nglich als \u201eM\u00fc\u00dfigg\u00e4nger\u201c und \u201eDiebe\u201c sowie ab dem 19. Jahrhundert als \u201eArbeitsscheue\u201c bezeichnet, die durch Verordnungen und Mandate verbannt bzw. diszipliniert werden sollten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Ab Ende des 19. Jahrhunderts diente der Begriff der \u201e<span style=\"text-decoration: line-through\">Zigeuner<\/span>kriminalit\u00e4t\u201c zur Sondererfassung von Sinti und Roma durch die Polizei.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Diese Praxis aus der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik kulminierte im Nationalsozialismus in der systematischen Erfassung und Ausgrenzung im Zeichen der \u201eRassen\u201c-Ideologie der Nazis. Zentrale Instanz war dabei die Kriminalpolizei, die auch die Deportationen von Sinti und Roma in die Konzentrations- und Vernichtungslager organisierte. Die Zeit nach 1945 war bei der Polizei durch personelle und ideologische Kontinuit\u00e4ten gekennzeichnet.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>In einer Studie im Auftrag des Bundeskriminalamts (BKA) von 2011 wird der Umgang der Beh\u00f6rde mit der Minderheit untersucht. Der Autor Andrej Stephan bezieht sich sowohl auf fr\u00fchere Arbeiten zum Thema als auch auf freigegebene Akten des BKA und besch\u00e4ftigt sich vor allem mit der stigmatisierenden Sichtweise des BKA auf Sinti und Roma. Diese dr\u00fcckte sich in Fachpublikationen und Kriminalstatistiken der 1950er bis 1980er Jahre aus, die an Kategorien der NS-Zeit ankn\u00fcpften. Stephan stellt fest, dass beim BKA und den Landeskriminal\u00e4mtern offenbar die Ansicht vorherrschte, Sinti und Roma seien pauschal verd\u00e4chtig und m\u00fcssten weiterhin als Gruppe polizeilich erfasst werden. Als Legitimation wurde dabei herangezogen, dass es eine vergleichbare Praxis schon vor 1933 gegeben habe und sie damit nicht als rassistisch gelten k\u00f6nne.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a><\/p>\n<h4>Antiziganismus und polizeilicher Verdacht<\/h4>\n<p>Wie sehr Antiziganismus polizeiliche Ermittlungsstrategien pr\u00e4gen, zeigt die vermutete T\u00e4terschaft von Sinti und Roma im Fall des Mordes an der Polizistin Mich\u00e8le Kiesewetter durch den \u201eNationalsozialistischen Untergrund\u201c (NSU). Bei den Ermittlungen erstellte die Polizei auf Grundlage einer DNA-Spur, die an mehreren Tatorten auftauchte, ein T\u00e4terinnenprofil. Dieses T\u00e4terinnenprofil, durch die Medien als \u201eHeilbronner Phantom\u201c bekannt, verwies auf eine angeblich aus Osteuropa stammende, hochmobile und hochkriminelle weibliche Person, die mehrere Straftaten in Deutschland, \u00d6sterreich und Frankreich begangen haben sollte. Die DNA-Spur wurde dann in Verbindung gebracht mit etwa 100 Schausteller*innen eines Fr\u00fchlingfestes sowie Roma-Familien, die mit ihren Wohnw\u00e4gen auf Durchreise waren und sich zum Tatzeitpunkt auf der an den Tatort angrenzenden Festwiese aufhielten. Die Polizei fokussierte ihre Ermittlungen daraufhin zunehmend auf Romnja, begann Speichelproben f\u00fcr DNA-Untersuchungen zu nehmen und machte aus der \u201eosteurop\u00e4ischen, hochmobilen und hochkriminellen weiblichen Person\u201c eine Romni. Die Parameter \u201eosteurop\u00e4isch\u201c, \u201ehochmobil\u201c (da an mehreren Tatorten aufgetaucht) und \u201ehochkriminell\u201c wurden praktisch in \u201e<span style=\"text-decoration: line-through\">Zigeuner<\/span>kriminalit\u00e4t\u201c \u00fcbersetzt. Die Schaffung eines antiziganistischen Ermittlungsprofils ist keine Ausnahme, sondern tradierte Praxis der deutschen Kriminalistik, wie Anna Lipphardt feststellt: \u201eDies [die Schaffung der oben beschriebenen Ermittlungskategorie, A.\u00a0d.\u00a0V.] verweist wiederum auf die lange Tradition der polizeilichen Sondererfassung und Verfolgung von ,<span style=\"text-decoration: line-through\">Zigeunern\u2018<\/span> sowie von ,nach <span style=\"text-decoration: line-through\">Zigeuner<\/span>art herumziehenden Personen\u2018. Bis heute werden diese im polizeilichen Sprachgebrauch auch MEMs \u2013 ,mobile ethnische Minderheiten\u2018 \u2013 oder ,reisende Gruppen\u2018 genannt, zu denen seitens der Polizei neben Sinti und Roma auch Jenische gerechnet werden (oft unabh\u00e4ngig davon, inwieweit die Betroffenen tats\u00e4chlich reisen oder festans\u00e4ssig sind) sowie Angeh\u00f6rige mobiler Professionen wie Schausteller und Zirkusleute\u201c.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a> Erst sp\u00e4ter wurde bekannt, dass die sichergestellte DNA-Spur von einer Mitarbeiterin des Herstellers der am Tatort eingesetzten Watte\u00adst\u00e4b\u00adchen stammte, also um eine Verunreinigung der Wattest\u00e4bchen.<\/p>\n<p>Bis 2010 wurden im Zusammenhang mit dem Mord an Mich\u00e8le Kiesewetter fast ausschlie\u00dflich Sinti und Roma verd\u00e4chtigt, und das auch \u00f6ffentlich. Ein politisches Motiv f\u00fcr den Mord wurde hingegen nicht in Betracht gezogen, Hinweise auf eine m\u00f6gliche Verbindung zu den neun Morden des NSU an Migranten \u00fcbergangen. Auch hier verstellten rassistische bzw. antiziganistische Annahmen den Blick der Strafverfolgungsbeh\u00f6rden und verhinderten eine Ermittlung in alle Richtungen. Von\u00adseiten des zust\u00e4ndigen Justizministeriums wurde die Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft legitimiert. Obwohl sich die DNA-Spur im Jahre 2009 als Ermittlungspanne herausstellte, erfolgten weder eine Rehabilitierung der Minderheit noch eine \u00f6ffentliche Entschuldigung. Ausk\u00fcnfte durch Vertreter*innen von Polizei und Staatsanwaltschaft f\u00fchrten \u00fcber l\u00e4ngere Zeit dazu, dass Sinti und Roma in der \u00d6ffentlichkeit unter Generalverdacht gestellt wurden.<\/p>\n<h4>Gegenw\u00e4rtige Ermittlungskategorien<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><strong>[6]<\/strong><\/a><\/h4>\n<p>Dieser lang tradierte Zusammenhang zwischen der Konstruktion des <span style=\"text-decoration: line-through\">\u201aZigeuners\u2018<\/span> und Kriminalit\u00e4t besteht bis heute und bedingt antiziganistische Handlungsmuster in der Polizei. W\u00e4hrend Sinti und Roma als (potenzielle) kriminelle Gruppe zun\u00e4chst als <span style=\"text-decoration: line-through\">\u201aZigeuner\u2018<\/span> und nach 1945 bis in die 1980er Jahre hinein als \u201eLandfahrer\u201c kategorisiert und kodiert wurden, werden heute zumeist andere Bezeichnungen genutzt. In Ermittlungsakten, Kriminalstatistiken oder Pressemeldungen der Polizei war und ist von \u201emobilen ethnischen Minderheiten\u201c, Menschen mit \u201eh\u00e4ufig wechselndem Aufenthaltsort (HWAO)\u201c, \u201eBulgaren und Rum\u00e4nen\u201c oder \u201ebestimmten Ethnien\u201c die Rede, um Mitglieder der Community zu markieren.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Polizeibeh\u00f6rden machen von diesen Kategorien immer wieder in Pressemeldungen, bei \u00f6ffentlichen Auftritten, Warnungen an die \u00d6ffentlichkeit oder Aufrufen zur Unterst\u00fctzung bei Fahndungen Gebrauch. Ein Beispiel f\u00fcr diese Praxis ist die Pressemeldung der Polizeidirektion Essen \u00fcber ein Integrationsprojekt, in der der Polizeipr\u00e4sident folgenderma\u00dfen zitiert wird: \u201eAuch f\u00fcr die jungen, rum\u00e4nischen, tatverd\u00e4chtigen Roma sieht er mit dieser Initiative eine Chance, zuk\u00fcnftig ein m\u00f6glichst straffreies Leben zu f\u00fchren.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> Formulierungen wie \u201ePolizei warnt vor <span style=\"text-decoration: line-through\">Zigeuner<\/span>-Frauen\u201c, \u201evom Erscheinungsbild Sinti\/Roma oder Landfahrer\u201c, \u201ees handelt sich um Betr\u00fcger einer ethnischen Minderheit aus Rum\u00e4nien\u201c, \u201eFrauen mit langen schwarzen Haaren und bunten R\u00f6cken\u201c oder \u201es\u00fcdosteurop\u00e4ische Erscheinung\u201c sind in \u00f6ffentlichen Warnungen oder Pressemitteilungen der Polizei in verschiedenen Bundesl\u00e4ndern immer wieder zu finden. Diese \u00f6ffentlichen Mitteilungen werden von den Medien in der Regel kritiklos weiterverbreitet, und damit wird die Minderheit als kriminell stigmatisiert.<\/p>\n<h4>\u201eClankriminalit\u00e4t\u201c<\/h4>\n<p>In den letzten Jahren spielt der Begriff der \u201eClankriminalit\u00e4t\u201c eine zunehmend wichtige Rolle f\u00fcr die Arbeit der Polizei und f\u00fcr die Darstellung dieser Arbeit nach au\u00dfen. Es gibt dabei keine verbindliche Definition, was unter \u201eClankriminalit\u00e4t\u201c zu verstehen ist. Die Polizeibeh\u00f6rden der L\u00e4nder beziehen sich auf die BKA-Lagebilder zur Organisierten Kriminalit\u00e4t. Dort hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u201e,Clankriminalit\u00e4t\u2018 ist die Begehung von Straftaten durch Angeh\u00f6rige ethnisch abgeschotteter Strukturen. Sie ist gepr\u00e4gt von verwandtschaftlichen Beziehungen und\/oder einer gemeinsamen ethnischen Herkunft und einem hohen Ma\u00df an Abschottung der T\u00e4ter, wodurch die Tatbegehung gef\u00f6rdert oder die Aufkl\u00e4rung der Tat erschwert wird. Dies geht einher mit einer eigenen Werteordnung und der grunds\u00e4tzlichen Ablehnung der deutschen Rechtsordnung.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Begehung von Straftaten mit \u201everwandtschaftlichen Beziehungen\u201c und einer \u201egemeinsamen ethnischen Herkunft\u201c in Verbindung gebracht wird, ist oft unklar, welche Delikte unter \u201eClankriminalit\u00e4t\u201c gefasst werden. Teils soll es nur um organisierte Kriminalit\u00e4t im engeren Sinne gehen, teils aber auch um allgemeine Kriminalit\u00e4t oder gar um blo\u00dfe Ordnungswidrigkeiten. Da die Zuordnung von Vergehen zum Bereich der \u201eClankriminalit\u00e4t\u201c sich nach bestimmten Nachnamen richtet, geraten auch Personen in dieses Raster, die Bagatelldelikte ohne erkennbaren Bezug zur organisierten Kriminalit\u00e4t begangen haben.<\/p>\n<p>Als Beispiel f\u00fcr die mitunter explizit antiziganistische Wendung des Konstrukts der \u201eClankriminalit\u00e4t\u201c kann hier der Vortrag eines Mitarbeiters der Berliner Direktion der Bundespolizei auf einer Veranstaltung beim Tag der offenen T\u00fcr des Bundesinnenministeriums im August 2017 dienen. Dort wurde gesagt, Roma seien als \u201eVerbrecher-Clans\u201c organisiert und w\u00fcrden \u201eals kriminelle Gro\u00dffamilien durch Europa ziehen\u201c.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr eine kontroverse Diskussion sorgte eine Passage aus der Berliner Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) f\u00fcr das Jahr 2017. Unter der \u00dcberschrift \u201eTrickdiebstahl in Wohnungen\u201c hie\u00df es dort:<\/p>\n<p>\u201eBei den hierzu durch die Fachdienststelle ermittelten Tatverd\u00e4chtigen handelt es sich \u00fcberwiegend um Angeh\u00f6rige der Volksgruppe der Sinti und Roma. Diese Familienclans leben mittlerweile seit Jahren in Deutschland und besitzen \u00fcberwiegend die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Schon weil staatliche Stellen in Deutschland keine ethnischen Statistiken f\u00fchren, d\u00fcrfte eine solche Passage in einer offiziellen Statistik der Polizei gar nicht auftauchen. Sinti und Roma werden als einzige ethnische Gruppe explizit in der PKS erw\u00e4hnt \u2013 was unweigerlich einen stigmatisierenden Effekt hat. Die Ethnisierung von Kriminalit\u00e4t geht auch hier mit dem Hinweis auf \u201eFamilienclans\u201c einher. Die Aussage aus der PKS wurde durch die Medien aufgegriffen. Der <em>Zentralrat Deutscher Sinti und Roma<\/em> wandte sich direkt an den damaligen Berliner Innensenator Andreas Geisel und forderte die Streichung der Passage. Der Senator lehnte dies mehrfach ab, da die Aussage auf dem \u201epolizeilichen Sachverstand\u201c der Ermittler*innen beruhe. Erst auf Druck von Selbstorganisationen von Sinti und Roma und nach der Intervention der Berliner Datenschutzbeauftragten wurde die Passage aus der PKS gestrichen.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a> Bis heute ist nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt, auf welcher Grundlage die Aussage erfolgte. Hinweise, dass Ethnizit\u00e4t und Kriminalit\u00e4t innerhalb der Polizei als eng miteinander verbunden angesehen und Sinti und Roma gezielt erfasst werden, gibt es leider immer wieder.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\"><sup>[12]<\/sup><\/a> Auch, dass Familien dabei als \u201eClans\u201c quasi zu kriminellen Vereinigungen erkl\u00e4rt werden, ist kein Novum. Bei Angeh\u00f6rigen der Minderheit weckt dies schlimmste Erinnerungen und kann dazu beitragen, das Vertrauen in staatliche Stellen zu untergraben.<\/p>\n<p>Wie Wechselwirkungen zwischen einer medialen Verdachtshaltung gegen \u201eClans\u201c und \u201eGro\u00dffamilien\u201c und polizeilicher Praxis zu Stigmatisierung und Kriminalisierung f\u00fchren k\u00f6nnen, zeigte sich etwa im April 2020 in Castrop-Rauxel. Nach dem Tod eines Sinto wurde \u00fcber dessen bevorstehende Beerdigung \u00f6ffentlich diskutiert, weil angeblich eine hohe Anzahl an Teilnehmenden sowie Verst\u00f6\u00dfe gegen die Bestimmungen zum Infektionsschutz wegen der Corona-Pandemie zu bef\u00fcrchten waren. Die Beerdigung wurde von den Hinterbliebenen in enger Abstimmung mit den lokalen Beh\u00f6rden vorbereitet. Doch zur Bedrohung wurde das Ereignis vor allem, da die Trauernden von den Medien als \u201eClans\u201c und \u201eGro\u00dffamilien\u201c bezeichnet wurden. Ob 250 Trauerg\u00e4ste anwesend waren, wie die Hinterbliebenen angeben, oder 500, wie die Presse berichtete, kann hier nicht gekl\u00e4rt werden. Polizei und Ordnungsamt jedenfalls sahen sich zu keinem Eingreifen gen\u00f6tigt. Eine Woche sp\u00e4ter starb eine weitere Angeh\u00f6rige der Familie, die auf demselben Friedhof beigesetzt werden sollte. Nun zeigten die Hetzartikel nach der ersten Beerdigung und die Stimmungsmache auf Facebook ihre Wirkung. Obwohl bei der ersten Beerdigung keine Regelverst\u00f6\u00dfe registriert worden waren und zur zweiten Beerdigung deutlich weniger Trauerg\u00e4ste erwartet wurden, ging den Hinterbliebenen vorab ein Schreiben mit Androhung von Zwangsma\u00dfnahmen bei Regelverst\u00f6\u00dfen und einer Beschr\u00e4nkung der Trauergemeinschaft auf 20 Personen zu. Bei der Beerdigung war die Polizei mit 60-80 Beamt*innen vor Ort, unterst\u00fctzt durch Mitarbeitende des Ordnungsamtes. Der Zugang zum Friedhof wurde von der Polizei mittels \u201eEintrittskarten\u201c geregelt. Ein w\u00fcrdiger Abschied von der Verstorbenen war unter diesen Umst\u00e4nden kaum m\u00f6glich. Zudem wurden die Trauernden durch den massiven Polizeieinsatz vor Ort exponiert und stigmatisiert. Trauernde bei der ersten Beerdigung wurden von Journalis\u00adt*innen der <em>Ruhr Nachrichten<\/em> fotografiert, ohne auch nur ein Wort mit ihnen gesprochen zu haben. Zudem wurde ein Zusammenhang hergestellt zwischen der ersten Beerdigung und Corona-F\u00e4llen in einem von Rum\u00e4n*innen und Bulgar*innen bewohnten Haus im Ort. Die Menschen bei der Beerdigung und in dem Haus haben allerdings nichts miteinander gemein, au\u00dfer dem Antiziganismus, der ihnen durch die Dominanzgesellschaft entgegenschl\u00e4gt.<\/p>\n<h4>\u201eReisende T\u00e4ter\u201c<\/h4>\n<p>Auch das polizeiliche Vorgehen gegen \u201ereisende T\u00e4ter\u201c, dem seit 2008 gro\u00dfe Bedeutung zugeschrieben wird, ist durch Antiziganismus gekennzeichnet.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Mit einem Schwerpunkt in NRW richtete sich dies prim\u00e4r gegen als Roma etikettierte Zuwander*innen aus S\u00fcdosteuropa. Ging es zun\u00e4chst um Wohnungseinbr\u00fcche, wurde das Bild der zu ahndenden Delikte im Zuge der Anwendung eines \u201et\u00e4terorientierten Ansatzes\u201c immer diffuser. So wird das Vorgehen gegen Personengruppen legitimiert, die pauschal als verd\u00e4chtig gelten, wobei der Bezug zu konkreten Verdachtsmomenten gegen\u00fcber Einzelnen kaum eine Rolle spielt. Gerade bei \u201eFahndungstagen\u201c in NRW standen die Aus\u00fcbung von Kontrolle gegen\u00fcber vermeintlich Kriminellen und die Gewinnung von Informationen \u00fcber \u201eNetzwerke und Strukturen\u201c im Vordergrund.<\/p>\n<p>Ebenso werden in Fachartikeln immer wieder antiziganistische Topoi bedient, etwa das einer angeblich \u201enomadischen\u201c Lebensweise, die kriminelle Aktivit\u00e4ten beg\u00fcnstige. In den Mutma\u00dfungen \u00fcber ethnisch definierte kriminelle Netzwerke fehlen auch Verweise auf Verwandtschaftsverh\u00e4ltnisse nicht. So hei\u00dft es etwa in einem Artikel \u00fcber \u201eRoma-Syndikate\u201c, der 2014 in der Zeitschrift <em>Kriminalistik<\/em> erschien: \u201eEs sind kriminalistisch vielfach noch nicht entschl\u00fcsselte, in ihrer Gesamtheit kaum erkannte Systeme, an deren Spitze ein Clan-Chef stehen k\u00f6nnte, der von Bulgarien aus seine Netze auslegt und die F\u00e4den spannt.\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<h4>Fazit<\/h4>\n<p>Im Zentrum der Debatten um \u201eClankriminalit\u00e4t\u201c als gesellschaftliche Bedrohung und ihre Bek\u00e4mpfung durch die Polizei stehen als \u201earabisch\u201c oder \u201et\u00fcrkisch\u201c etikettierte \u201eGro\u00dffamilien\u201c. Doch auch Sinti und Roma werden unter R\u00fcckgriff auf das Konstrukt \u201ekrimineller Clans\u201c von Polizei und Medien stigmatisiert. Dies ist keine neue Entwicklung \u2013 vielmehr setzt sich unter aktuellen Vorzeichen eine schlechte Tradition polizeilichen Denkens und polizeilicher Praxis fort. Sich diese Traditionslinien bewusst zu machen und sich mit ihren Auswirkungen gerade im Rahmen der von vielen Sinti und Roma als \u201ezweite Verfolgung\u201c erlebten Nachkriegszeit auseinanderzusetzen, ist eine dringende Aufgabe f\u00fcr die Dominanzgesellschaft. Der Blick auf diesen Teil deutscher Geschichte kann auch dazu beitragen, die Risiken einer an \u201eClans\u201c und Ethnizit\u00e4t orientierten Polizeipraxis zu verstehen. Zu reflektieren ist dabei auch die Rolle der Medien, die polizeiliche Narrative in vielen F\u00e4llen nur allzu gerne aufgreifen und damit zur weiteren Reproduktion von Stereotypen sowie zur Versch\u00e4rfung gesellschaftlicher Ausgrenzung beitragen.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 vgl. Meuser, M.: Vagabunden und Arbeitsscheue. Der Zigeunerbegriff der Polizei als soziale Kategorie, in: Hund, W. (Hg.): Fremd, faul und frei. Dimensionen des Zigeunerstereotyps, M\u00fcnster 2014, S. 105-123<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 End, M.: Antiziganistische Ermittlungsans\u00e4tze in Polizei- und Sicherheitsbeh\u00f6rden. Kurzexpertise im Auftrag des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg 2017, S. 3, <a href=\"https:\/\/zentralrat.sintiundroma.de\/download\/6809\">https:\/\/zentralrat.sintiundroma.de\/download\/6809<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 vgl. Reuss, A.: Kontinuit\u00e4ten in der Stigmatisierung: Sinti und Roma in der deutschen Nachkriegszeit, Berlin 2015<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00a0\u00a0 Stephan, A.: \u201eKein Mensch sagt HWAO-Schnitzel\u201c \u2013 BKA-Kriminalpolitik zwischen best\u00e4ndigen Konzepten, politischer Reform und \u201eSprachregelungen\u201c, in: Baumann, I. u.a. (Hg.): Schatten der Vergangenheit \u2013 Das BKA und seine Gr\u00fcndungsgeneration in der fr\u00fchen Bundesrepublik, K\u00f6ln 2011, S. 247-322<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Lipphardt, A.: Das Phantom von Heilbronn, in: freispruch 2017, H. 11, S. 8-12<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Der Inhalt dieses Abschnittes erschien teilweise in: Sozialfabrik u.a.: Monitoring zur Gleichbehandlung von Sinti und Roma &amp; zur Bek\u00e4mpfung von Antiziganismus, Heidelberg 2018, <a href=\"https:\/\/zentralrat.sintiundroma.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/monitoring_2017_final.pdf\">https:\/\/zentralrat.sintiundroma.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/monitoring_2017_final.pdf<\/a><\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 End a.a.O. (Fn. 2), S. 7<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Pressemitteilung der Polizei Essen v. 2.8.2017<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Bundeskriminalamt: Organisierte Kriminalit\u00e4t, Bundeslagebild 2020, S. 24<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Rose, R., Gru\u00dfwort in: End, M.: Antiziganismus und Polizei, Heidelberg 2019, S. 12<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a>\u00a0 Presserkl\u00e4rung der Berliner Senatsverwaltung f\u00fcr Inneres, Digitalisierung und Sport v. 15.01.2020<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a>\u00a0 Beispiele bei End a.a.O. (Fn. 2)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> T\u00f6pfer, E.: \u201eReisende T\u00e4ter\u201c. OK-Bek\u00e4mpfung und rassistische Stigmatisierung, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 2021, H. 126, S. 72-79<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> zit. n. T\u00f6pfer, E. a.a.O, S. 78<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Guillermo Ruiz und Tobias von Borcke Diskurs und polizeiliche Praxis der Bek\u00e4mpfung von \u201eClankriminalit\u00e4t\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,133],"tags":[218,382,517,1226],"class_list":["post-21788","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-129","tag-antiziganismus","tag-clankriminalitaet","tag-ethnic-profiling","tag-rom_nja"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21788","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21788"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21788\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21788"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21788"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21788"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}