{"id":23138,"date":"2024-07-19T06:50:38","date_gmt":"2024-07-19T06:50:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=23138"},"modified":"2024-07-19T06:50:38","modified_gmt":"2024-07-19T06:50:38","slug":"nachruf-auf-biplab-basu-solidarity-is-a-weapon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=23138","title":{"rendered":"Nachruf auf Biplab Basu: Solidarity is a weapon!"},"content":{"rendered":"<h3>von Lina Schmid und Gonca Sa\u011flam f\u00fcr KOP Berlin<\/h3>\n<p><strong>Biplab Basu ist am 14. M\u00e4rz 2024 in Berlin verstorben. Zwei Mitstreiterinnen blicken zur\u00fcck auf einen Revolution\u00e4r, dessen Schwerpunkt immer auf dem Zwischenmenschlichen lag. Um die Menschen sollte es gehen, was sie im Hier und Jetzt brauchen, und um Menschlichkeit. F\u00fcr Biplab Basu hat die Arbeit nie bei abstrakten politischen Fragestellungen aufgeh\u00f6rt. Stattdessen war ihm klar, dass sich Ver\u00e4nderung nur durch liebevolle und radikale Beziehungen zueinander erreichen l\u00e4sst und indem wir alternative R\u00e4ume schaffen, wo genau dies m\u00f6glich ist.<\/strong><\/p>\n<p>Biplab, du hast dich nie als Abolitionist verstanden. Im Gegenteil, Abolitionismus war f\u00fcr dich ein Trend und ein ausgeh\u00f6hltes Wort. Wer wei\u00df, ob du \u00fcberhaupt Erw\u00e4hnung in dieser Ausgabe h\u00e4ttest finden wollen. Aber wir sind der \u00dcberzeugung, dass du fernab von Labels, Theorien oder sozialp\u00e4dagogischen Konzepten ein Vorreiter und Leuchtturm warst. Du hast uns den Weg geebnet f\u00fcr vieles, wof\u00fcr wir jetzt eine Sprache haben: Racial Profiling, Transformative Justice, Abolitionismus. Wenn wir eingeladen wurden, um \u00fcber abolitionistische Praxis zu sprechen, hast du beim Wort geschmunzelt oder leise in dich hinein gekichert.<!--more--><\/p>\n<p>Deine Kritik ging aber auch tiefer als das. Du hast hinterfragt, was Menschen eigentlich meinen, wenn sie \u201eAbolish the Police\u201c schreien. Denn nur weil die Polizei abgeschafft wird, hei\u00dft das nicht, dass wir direkt weniger Gewalt erfahren, weniger diszipliniert, schikaniert, inhaftiert oder get\u00f6tet werden. Dass wir in einer gerechteren Welt leben w\u00fcrden. Du hast das Justizsystem als Ganzes angegriffen. F\u00fcr dich ging es nicht nur um die Abschaffung der Polizei, sondern darum, die Zusammenarbeit von Gerichten, Staatsanwaltschaft, Gef\u00e4ngnissen und der Polizei als vollst\u00e4ndiges Justizsystem zu verurteilen und abschaffen zu wollen. Denn deine Rassismuskritik hat immer die beteiligten Institutionen der Disziplinierung in den Blick genommen. Deiner \u00dcberzeugung nach sollten wir doch etwas ganz Anderes abschaffen: das kapitalistische System. \u201eWei\u00dft du, was die Leute eigentlich sagen wollen? Abolish the whole capitalist system. Aber das trauen sie sich nicht, weil sie sonst verhaftet werden.\u201c Deshalb hast du deine eigenen Wege gefunden, um dem System und der Gewalt, die es mit sich bringt, etwas entgegenzusetzen. Und du hast es geschafft, dadurch unz\u00e4hlige Menschen zu inspirieren.<\/p>\n<h4>Ein unerm\u00fcdlicher K\u00e4mpfer<\/h4>\n<p>Dein Weg f\u00e4ngt fr\u00fch an und es ist unm\u00f6glich dir hier gerecht zu werden. Aber was wir versuchen k\u00f6nnen, ist nachzuempfinden, mit was f\u00fcr W\u00fcnschen und Visionen du an das Leben herangetreten bist. F\u00fcr dich war immer klar, Privates und Politisches m\u00fcssen verkn\u00fcpft werden. Du bist 1951 in Kalkutta geboren, vielleicht direkt als Kommunist, aber genau l\u00e4sst sich das nicht sagen. Jedenfalls hast du dich fr\u00fch politisch engagiert, auf diversen Pl\u00e4tzen \u00f6ffentliche Reden gehalten und dich in der Schule gegen Ungerechtigkeiten eingesetzt. Schlie\u00dflich organisierst du dich und ziehst in den bewaffneten Untergrund, sodass du zeitweise zehn Monate deines Lebens inhaftiert warst. Zwar teilst du diese Zeit auf deine so humorvolle Weise, aber die Kritik an staatlicher Repression, Gewalt und Bestrafung wird darin mehr als deutlich. Du hattest keine Angst, die Wahrheit auszusprechen, gegen die herrschende Regierung und f\u00fcr die Unterdr\u00fcckten dieser Welt zu k\u00e4mpfen. Daf\u00fcr musstest du mit deiner Freiheit bezahlen.<\/p>\n<p>Dein ganzes Wesen war politisch und deine ganze Politik dein privates Wesen. Als du 1979 nach Deutschland ziehst, wird institutioneller und struktureller Rassismus dein zentrales Thema. Denn f\u00fcr dich ordnet Rassismus die Gesellschaft und zwingt die Menschen dazu, sich voneinander zu entsolidarisieren. Dagegen hast du dich gewehrt. Vor allem aber hast du Betroffenen ihre Stimmen zur\u00fcckgegeben, sie sollten am lautesten sein. Du hast nicht zugelassen, dass ihre Schreie nach rassistischen Polizeima\u00dfnahmen ins Leere verlaufen, ihre Geschichten nicht erz\u00e4hlt werden, ihre Verletzungen nicht verheilen und Angeh\u00f6rige verstummen. Mehr als 20 Jahre hast du bei ReachOut, der Beratungsstelle f\u00fcr Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, Lebensberatungen gegeben. Menschen kamen zu dir, weil du eine Beziehung zu ihnen aufgebaut hast und weil du an sie geglaubt hast. Du hast mit kreativen Ans\u00e4tzen entmenschlichende Institutionen umgangen und das Sicherheitsgef\u00fchl von Betroffenen au\u00dferhalb staatlicher Regularien wiederhergestellt.<\/p>\n<p>Mit der Kampagne f\u00fcr Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) dokumentieren wir F\u00e4lle, planen Aktionstage, machen \u00d6ffentlichkeitsarbeit und geben Workshops. Dir war es egal, ob du vor 5 oder 5.000 Menschen gesprochen hast, alle sollen wissen, was Racial Profiling ist und wie man sich dagegen wehren und solidarisieren kann und wie tiefreichend die Kritik am Justizsystem sein muss, um Ver\u00e4nderungen zu provozieren. Solidarische Anw\u00e4lt*innen befinden sich schnell in deinem Freund*innenkreis und unterst\u00fctzen zudem Betroffene vor Gericht, die Lawyers of Color gr\u00fcnden sich \u2013 du verstehst dich als Anwalt der Entrechteten.<\/p>\n<p>Biplab, es gibt zahlreiche Beispiele f\u00fcr diese so bewundernswerte Herangehensweise von dir: sei es, dass f\u00fcr dich Beratungsarbeit nicht nur bedeutet hat, die Menschen informativ auf Konfrontationen mit dem Staat vorzubereiten oder sie kurzfristig zu entlasten, sondern langwierige und tiefg\u00e4ngige Beziehungen zu begr\u00fcnden. Oder dass du finanziell unterst\u00fctzt hast, wo du nur konntest, ob durch den Rechtshilfefonds der KOP oder privat war dabei keine Frage. Wo du helfen konntest, hast du das getan. Du warst f\u00fcr die Menschen da, hast sie auf jedem Schritt ihres Weges begleitet: im Gerichtssaal, bei ReachOut, durch Kampagnen oder bei Hochzeiten und Gartenfesten. Du hast Freund*innenschaften aufgebaut und Menschen zusammengebracht, wo das Ziel des Staates war zu spalten. Du warst rund um die Uhr erreichbar, nicht weil du es musstest, sondern weil es f\u00fcr dich immer eine Herzensangelegenheit war, zu verdeutlichen, dass niemand seinen Weg allein gehen muss. Du hast alle, mit denen du in Kontakt kamst, selbstverst\u00e4ndlich als Ganzes begriffen und ihnen nachhaltig \u00c4ngste vor den Ungerechtigkeiten dieser Welt genommen. Und du hast dein Wissen und deine Werte geteilt: von dir durften wir lernen. Alles an dir war ein Archiv der Berliner Aktivismusgeschichte.<\/p>\n<h4>Allen Widerspr\u00fcchen zum Trotz<\/h4>\n<p>Im M\u00e4rz schreibt unsere Genossin Johanna Mohrfeldt in der Jungen Welt:<\/p>\n<p>\u201eAls vor einiger Zeit in Kreuzberg ein Reader mit Texten zu Abolitionismus vorgestellt wurde und alle Podiumsteilnehmer etliche Male betont hatten, wie wichtig es sei, gewaltvolle Institutionen wie die Polizei nicht nur zu reformieren, sondern sie abzuschaffen, meldete er sich als erster und begann, sein Statement ironischerweise mit den Worten, er sei Reformist \u2013 er, der selbst immer wieder die Abschaffung der Polizei gefordert hatte.\u201c<\/p>\n<p>Ehrlich, Biplab, wie hast du das geschafft? Du hast dich nicht hinter politischen Identit\u00e4ten versteckt, sondern Widerspr\u00fcche gelebt. Mit der h\u00e4rtesten Kritik hast du das System angegriffen und misstraut, bist selbst aber nie an den Widerspr\u00fcchen des Lebens und Grenzen des Systems verzweifelt. Du hast nicht aufgegeben. In deinem Kopf und in der Sprache hat alles immer Sinn gemacht, und zum Schluss ging es dir immer um die Entrechteten und Marginalisierten dieser Welt. Egal, ob du es als Abolitionismus, Empowerment oder Sozialreform bezeichnet hast. Du hast den Fokus nie verloren. Die politischen Machtverh\u00e4ltnisse \u00e4ndern sich: w\u00e4hrend sich derzeit so viele Menschen vor staatlicher Gewalt wegducken, weil sie Angst haben, dass sie soziale K\u00fcrzungen treffen k\u00f6nnten, hast du klar Haltung gegen antimuslimischen und antipal\u00e4stinensischen Rassismus bewahrt. Du stellst dich gegen die Kriminalisierung von Stimmen in Berlin, die Menschenrechtsverletzungen in Gaza und im Westjordanland.<\/p>\n<p>Du hattest keine Angst. Die Institutionen in Deutschland sind m\u00e4chtig, aber wenn wir mehr an Menschen glauben als an Institutionen, so wie du es getan hast, werden wir uns erfolgreich weiterorganisieren und zusammen weiterk\u00e4mpfen, in deinem Sinn. Wir sitzen in deinem B\u00fcro bei ReachOut, du dr\u00fcckst munter scharfe Analysen in einfachen Worten aus und schaust dabei liebevoll \u00fcber den Rand deiner Brille. Ich frage dich: \u201eBiplab, wie kannst du nicht an der ganzen Schei\u00dfe auf der Welt verzweifeln?\u201c Und du sagst: \u201eWarum sollte ich? Ich liebe das Leben. Und ich liebe Menschen.\u201c Diese Menschen waren f\u00fcr dich eine Energiequelle und du eine Inspiration f\u00fcr alle, die das gro\u00dfe Gl\u00fcck hatten, dich kennen zu lernen. Dich nicht zu lieben, unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Und dann bist du gegangen: Ein Vorreiter, Genosse und Held im Kampf gegen rassistische Polizeigewalt \u2013 und\u00a0 einer der liebevollsten Menschen, die wir kennenlernen durften. Bundesweit und international wird deutlich, wie viele Menschen du gepr\u00e4gt hast und wie viele um dich trauern, Biplab. Deine Klarheit, dein Humor, deine Hartn\u00e4ckigkeit, dein Mut und Unerm\u00fcdlichkeit fehlen uns. Du fehlst uns. Wir halten deinen Kampf und deinen Namen in Ehren und geben nicht auf, bis jede*r Einzelne von uns in Freiheit und Gerechtigkeit lebt. Wir geben nicht auf, den rassistischen Normalzustand zu durchbrechen, Institutionen in Frage zu stellen und aufeinander aufzupassen, uns zu inspirieren und nicht an den Ungerechtigkeiten dieser Welt zu verzweifeln. Wir denken dabei immer an dich und sind uns sicher, das w\u00fcrde dir gefallen.<\/p>\n<p>Rest in Power, Biplab Basu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Lina Schmid und Gonca Sa\u011flam f\u00fcr KOP Berlin Biplab Basu ist am 14. 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