{"id":2558,"date":"1997-12-21T18:55:19","date_gmt":"1997-12-21T18:55:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=2558"},"modified":"1997-12-21T18:55:19","modified_gmt":"1997-12-21T18:55:19","slug":"kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=2558","title":{"rendered":"Kriminalit\u00e4t und Kriminalit\u00e4tsfurcht &#8211; Wo gehobelt wird, fallen Sp\u00e4ne"},"content":{"rendered":"<h3>von Otto Diederichs<\/h3>\n<p><b>&#8222;Deutsche f\u00fcrchten um ihr Eigentum&#8220;; &#8222;Berliner f\u00fchlen sich unsicher&#8220;; &#8222;B\u00fcrger f\u00fchlen sich von Krimellen bedroht&#8220;; &#8222;Kieler leben gef\u00e4hrlich&#8220;, lauten einige willk\u00fcrlich aufgegriffene Schlagzeilen der letzten Jahre. Nimmt bzw. beh\u00e4lt man die &#8218;Polizeiliche Kriminalstatistik&#8216; (PKS) zum Ma\u00dfstab f\u00fcr die Kriminalit\u00e4tsentwicklung, wird man nicht umhin k\u00f6nnen, gemeinsam mit dem Chor aus Politik, Polizei und Presse in das Klagelied von der stetig steigenden Kriminalit\u00e4t einzustimmen, denn mit dem Instrument der PKS vermessen, w\u00e4chst die Kriminalit\u00e4tsbelastung in der Bundesrepublik nahezu kontinuierlich an und hat sich in den vergangenen 30 Jahren mehr als verdoppelt.<a name=\"Text1\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#1\">(1)<\/a> Auch wenn verschiedene Indizien f\u00fcr eine tats\u00e4chliche Steigerung von Kriminalit\u00e4t sprechen, ist der Trend doch weitaus weniger dramatisch als dies der \u00d6ffentlichkeit immer wieder suggeriert wird.<a name=\"Text2\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#2\">(2)<\/a> <\/b>Aus dem Anspruch, Leib, Leben und Eigentum seiner B\u00fcrgerInnen zu sch\u00fctzen, leitet der moderne Staat einen Gro\u00dfteil seiner Legitimation ab. Die &#8218;Innere Sicherheit&#8216; genie\u00dft deshalb bei den Parteien einen hohen Stellenwert und in der Diagnose sind sich alle einig: Kriminalit\u00e4t und Gewalt bedrohen die \u00f6ffentliche Sicherheit. Wo es jedoch konkret werden m\u00fc\u00dfte, herrscht im Regelfall eher Ratlosigkeit und der Ruf nach &#8218;Mehr Gr\u00fcn auf die Stra\u00dfe&#8216; und\/oder verst\u00e4rkter Repression zur Abschreckung potentieller T\u00e4ter.<!--more--><\/p>\n<h4>Die Angst vor Kriminalit\u00e4t und die Wirklichkeit<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend die Rezepte der politisch Verantwortlichen im wesentlichen immer dieselben geblieben sind, ist die (angebliche) Bedrohung einem mehr oder weniger raschen Wechsel unterworfen: So galt z.B. der Politik in den siebziger Jahren noch der Linksterrorismus als die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung der inneren Sicherheit in der Bundesrepublik. F\u00fcr jegliche Versch\u00e4rfung des Strafrechts und der Erweiterung polizeilicher Befugnisse wurde eine Bedrohung durch die RAF herangezogen. Dennoch ermittelten Forschungsinstitute durch Umfragen im November 1977, auf dem H\u00f6hepunkt der bundesdeutschen Terroristenfahndung, da\u00df sich lediglich 16% der Bev\u00f6lkerung durch den Terrorismus unmittelbar bedroht f\u00fchlten.<a name=\"Text3\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#3\">(3)<\/a> Best\u00e4tigt wurde dieses Ergebnis durch eine andere, zeitgleich durchgef\u00fchrte Erhebung, nach der 19% der Bev\u00f6lkerung sich durch Terrorakte und Bombenanschl\u00e4ge bedroht f\u00fchlten, gefolgt von Einbruch und Bankraub mit ebenfalls 16% und der Angst vor Rockern, Schl\u00e4gern und betrunkenen Autofahrern mit je 15%. Mit einer zweiten Frage sollte ermittelt werden, ob sich die B\u00fcrgerInnen in ihrer unmittelbaren Wohngegend sicher f\u00fchlten; 87% der Befragten beantworteten dies mit einem klaren Ja.<a name=\"Text4\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#4\">(4)<\/a><\/p>\n<p>Ohne Zweifel ist die jeweilige Fragestellung f\u00fcr das Auskunftsverhalten der Befragten von gro\u00dfer Bedeutung; je mehr m\u00f6gliche Gefahrenquellen z.B. in einer Frage bereits benannt werden, umso gr\u00f6\u00dfer wird auch die Wahrscheinlichkeit, da\u00df sich die Betreffenden in irgendeiner Weise bedroht f\u00fchlen. Dies mitbedenkend, steigerte sich den vorliegenden Erhebungen zufolge die Kriminalit\u00e4tsfurcht der Deutschen von 1960 (ca. 43%) bis zum Jahr 1975 auf den bislang h\u00f6chsten Wert von 51%; nahm danach bis 1990 jedoch wieder nahezu kontinuierlich bis auf 31% ab.<a name=\"Text5\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#5\">(5)<\/a> Nach der deutsch-deutschen Vereinigung steigerte sie sich bis 1993 danach wieder auf das Niveau von Mitte der achtziger Jahre (ca. 36%). Trotz gegenteiliger Presseverlautbarungen <a name=\"Text6\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#6\">(6)<\/a> haben sich bis zum Sommer 1995 danach keine wesentlichen Ver\u00e4nderungen mehr ergeben.<a name=\"Text7\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#7\">(7)<\/a><\/p>\n<p>Insbesondere in den L\u00e4ndern der ehemaligen DDR hat die Furcht vor Kriminalit\u00e4t zugenommen. In erster Linie steht diese Entwicklung in unmittelbarem Zusammenhang mit den durch die &#8218;Wende&#8216; verursachten sozialen Umbr\u00fcchen. Ebenso wie andere in der Ex-DDR weitgehend unbekannte soziale Probleme, etwa Arbeitslosigkeit, Armut etc., bildet die (vormals heruntergespielte bis totgeschwiegene) Kriminalit\u00e4t eines der Risiken des gesellschaftlichen Umbruches vom &#8218;realen Sozialismus&#8216; in den westlichen Kapitalismus. Versch\u00e4rfend kommt hinzu, da\u00df dieser Umbruch zeitgleich auch die \u00fcbrigen ehemals sozialistischen Staaten erfa\u00dfte und in diesem Gefolge die bis dato festgeschlossenen Ostgrenzen durchl\u00e4ssig machte. Das west-\u00f6stliche Wohlstandsgef\u00e4lle mu\u00dfte in einer solchen Situation geradezu zwangsl\u00e4ufig auch Kriminelle aus Mittel- und Osteuropa in die Bundesrepublik und die anderen westlichen Anrainerstaaten (Skandinavien, \u00d6sterreich, Italien) locken. Untersuchungen ergaben denn auch, da\u00df sich das Ausma\u00df der Kriminalit\u00e4t in Ostdeutschland bereits im Herbst 1990 weitgehend auf Westniveau bewegte und sich sp\u00e4testens im Fr\u00fchjahr 1991 endg\u00fcltig angeglichen hatte.<a name=\"Text8\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#8\">(8)<\/a> Die Furcht vor Kriminalit\u00e4t hatte in den neuen Bundesl\u00e4ndern 1991 ihren H\u00f6hepunkt erreicht; sie hat danach nicht mehr gravierend zugenommen. Bis zum Fr\u00fchjahr 1991 war der Anstieg insbesondere in den Gro\u00dfst\u00e4dten Berlin (Ost), Leipzig und Dresden betr\u00e4chtlich, ging ab 1993 jedoch wieder zur\u00fcck. Zugleich nahm das Unsicherheitsgef\u00fchl aber in den St\u00e4dten bis 500.000 EinwohnerInnen z.T. erheblich zu.<a name=\"Text9\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#9\">(9)<\/a> Der tats\u00e4chlichen Situation, wonach insbesondere Metropolen ungleich st\u00e4rker kriminalit\u00e4tsbelastet sind als Kleinst\u00e4dte oder mittlere Gro\u00dfst\u00e4dte, l\u00e4uft eine solche Entwicklung v\u00f6llig kontr\u00e4r. Bedenkt man zugleich, da\u00df die Kriminalit\u00e4tsfurcht in den neuen Bundesl\u00e4ndern in den Jahren 1991 bis 1993 &#8211; bei weitgehend gleichen Opferzahlen &#8211; teilweise doppelt so hoch war wie in den Alt-Bundesl\u00e4ndern,<a name=\"Text10\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#10\">(10)<\/a> so ist zu vermuten, da\u00df im Wechselspiel zwischen Bedrohung und Bedrohungsfurcht die Medienberichterstattung von erheblicher Bedeutung sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<h4>Politisch-publizistischer Verst\u00e4rkerkreislauf<\/h4>\n<p>Unabh\u00e4ngig von einer (mutma\u00dflichen) unmittelbaren Wirkung, die Kriminalit\u00e4tsberichterstattung auf den oder die einzelnen Menschen hat, gibt es einen in sich geschlossenen Kreislauf der Furchtvermarktung zwischen Medien und Politik: Was heute f\u00fcr Medien berichtenswerte Nachrichten sind, wird von Politik und Polizei nur zu gern aufgegriffen und in Handlungsbedarf umformuliert. Mit der Ank\u00fcndigung eines solchen Bedarfes (ebenso wie mit evtl. Nicht-Handeln) l\u00e4utet sich die n\u00e4chste Runde in den Medien dann fast von selbst ein. Aktuelle Beispiele sind die nicht enden wollende Debatte um organisierte Kriminalit\u00e4t und die Forderung nach Einf\u00fchrung des &#8218;Gro\u00dfen Lauschangriffs&#8216;.Der Hamburger Kriminologe Sebastian Scheerer hat dieses Ph\u00e4nomen bereits 1978 als &#8222;politisch-publizistischen Verst\u00e4rkerkreislauf&#8220; identifiziert.<a name=\"Text11\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#11\">(11)<\/a><\/p>\n<p>Eine 1989 von einer internationalen Arbeitsgruppe in 15 verschiedenen L\u00e4ndern durchgef\u00fchrte vergleichende Untersuchung zur Kriminalit\u00e4tsangst <a name=\"Text12\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#12\">(12)<\/a> ergab u.a., da\u00df bei der Bev\u00f6lkerung der Bundesrepublik die Angst, Opfer einer Straftat zu werden, am st\u00e4rksten ausgepr\u00e4gt war. Zugleich ergab die Befragung jedoch auch, da\u00df diese Angst unbegr\u00fcndet ist, da die Gefahren keineswegs h\u00f6her waren als in den Vergleichsl\u00e4ndern.<a name=\"Text13\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#13\">(13)<\/a><br \/>\nAngst ist immer auch ein sehr subjektives Ph\u00e4nomen, von dem nicht alle Bev\u00f6lkerungskreise in gleicher Weise betroffen sind. So f\u00fchlen sich z.B. besonders Frauen und \u00e4ltere Menschen in Gro\u00dfst\u00e4dten (und in erster Linie abends) unsicher, obwohl sie im Kriminalit\u00e4tsvergleich die geringsten Opferzahlen aufweisen.<a name=\"Text14\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#14\">(14)<\/a><br \/>\nDennoch ist der R\u00fcckgang an (offiziell erfa\u00dfter) Angst in den Jahren 1975 bis 1990 in der Alt-Bundesrepublik in erster Linie auf die Emanzipationsbestrebungen der j\u00fcngeren Frauen<br \/>\nzur\u00fcckzuf\u00fchren; bei den M\u00e4nnern ist das Niveau \u00fcber die Jahre im wesentlichen gleich geblieben.<a name=\"Text15\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#15\">(15)<\/a> (Ebenso interessant wie \u00fcberraschend ist in diesem Zusammenhang, da\u00df in den neuen Bundesl\u00e4ndern im Gegensatz zur Alt-Bundesrepublik bei den Anh\u00e4ngerInnen und W\u00e4hlerInnen von B\u00dcNDNIS 90\/GR\u00dcNE und PDS die Kriminalit\u00e4tsfurcht st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt ist als bei den eher konservativen W\u00e4hlergruppen).<a name=\"Text16\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#16\">(16)<\/a><\/p>\n<p>Nach mehr als zwanzig Jahren Erfahrung mit Krisen-, Kriminalit\u00e4ts- und Gewaltszenarien sind die B\u00fcrgerInnen der Bundesrepublik an diesem Punkt zwar weitgehend abgekl\u00e4rt, ohne damit jedoch zugleich gegen die verschiedenen &#8218;Krisen-Konjunkturen&#8216;, die ihnen angeboten werden, immun zu sein. Demgegen\u00fcber haben es die KritikerInnen der instrumentalisierten Furcht meist schwer, sich Geh\u00f6r zu verschaffen. &#8222;Der Kritik, die das gesellschaftlich Konstruierte und Dramatisierende von Sicherheits- und Moral-Paniken herausarbeiten will&#8220;, so die Soziologin Helga Cremer-Sch\u00e4fer, &#8222;wird gerne wahlweise eine romantische oder unverantwortliche Haltung vorgehalten, die die realen, erlittenen Sch\u00e4den negiere. Das Problem der gesellschaftlich organisierten Darbietung von &#8218;Kriminalit\u00e4tsgefahren&#8216; und &#8218;Sicherheitsbedrohungen&#8216; liegt darin, da\u00df durch eine inzwischen mehr als 20j\u00e4hrige Dramatisierung, nicht einmal mehr ein Wissen verf\u00fcgbar ist, auf welche Probleme Kriminalit\u00e4tsverh\u00e4ltnisse (oder auch Kriminalit\u00e4tsstatistiken) hinweisen&#8220;.<a name=\"Text17\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#17\">(17)<\/a> Aus diesem verlorengegangenen Wissen, so Cremer-Sch\u00e4fer weiter, sei unterdessen die Unterstellung entstanden, die erfa\u00dfte Entwicklung von Kriminalit\u00e4t bzw. deren Bek\u00e4mpfung, bestimme den moralischen Wert einer Gesellschaft, w\u00e4hrend die bestehende Ordnung unhinterfragt als richtig angesehen werde.<\/p>\n<h4>Modell New York?<\/h4>\n<p>Wie richtig diese These offenbar ist, zeigt sich gegenw\u00e4rtig besonders deutlich: Seit einiger Zeit pilgern deutsche Sicherheitsverantwortliche scharenweise nach New York. Die einstige &#8218;Hauptstadt des Verbrechens&#8216; gilt heute wieder als eine sichere Stadt. Als Initiator dieses &#8218;Wunders&#8216; gilt der fr\u00fchere Polizeipr\u00e4sident William Bratton. Nach seinem Amtsantritt entfesselte er eine Law-and-Order-Kampagne ohne Beispiel. In knapp zwei Jahren brachte er die Stadt &#8222;wieder in Ordnung. Im kleinen wie im gro\u00dfen r\u00e4umte er auf. Seit 1994, als er sein Amt antrat, ist nicht nur die Zahl der Schwarzfahrer um 80% gesunken, sondern auch die Zahl der Morde um fast die H\u00e4lfte&#8220;.<a name=\"Text18\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#18\">(18)<\/a> Seit seinem Hinauswurf 1996 (wegen Rivalit\u00e4ten um die &#8218;Vaterschaft&#8216; dieses Erfolges mit New Yorks B\u00fcrgermeisters Rudolph Giuliani) ist er Chef der von ihm gegr\u00fcndeten &#8218;First Security Consulting&#8216; und vermarket seine Methode. &#8218;High Performance Policing&#8216; wird dessen ungeachtet von seinem Nachfolger fortgesetzt. 38.000 Uniformierte hat das &#8218;New York Police Department&#8216; (NYPD) gegenw\u00e4rtig (die Kriminalpolizei nicht mitgez\u00e4hlt), was umgerechnet einen Cop auf weniger als 200 EinwohnerInnen ergibt.<a name=\"Text19\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#19\">(19)<\/a> Ihre Aufgabe besteht zum Teil in schlichter Pr\u00e4senz in der \u00d6ffentlichkeit, durch die potentielle Straft\u00e4ter abgeschreckt werden sollen. &#8218;Mehr Gr\u00fcn auf die Stra\u00dfe&#8216; hei\u00dft diese zwar wenig effektive aber auch bei deutschen PolitikerInnen aller Parteien beliebte Methode. Die andere, weitaus problematischere Seite von Brattons Policing-Methode ist das &#8218;Schrotschu\u00dfprinzip&#8216;: Gnadenlos werden auch sogenannte &#8218;quality of life crimes&#8216; wie das Spr\u00fchen von Graffitis, aggressives Betteln, Abspielen lauter Musik, Schwarzfahren, Radfahren auf dem B\u00fcrgersteig u.\u00e4. verfolgt. Neuerdings hat auch der eine Geldstrafe zu erwarten, der in einer leeren U-Bahn zwei Sitzpl\u00e4tze belegt. Laut einer Umfrage der &#8218;New York Times&#8216; halten dennoch 54% der New YorkerInnen die Arbeit ihrer Polizei f\u00fcr gut oder sogar f\u00fcr ausgezeichnet.<a name=\"Text20\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#20\">(20)<\/a> \u00dcbersehen wird dabei allerdings, da\u00df die Kriminalit\u00e4tsrate nicht erst mit dem Dienstantritt Brattons gesunken ist. Von 1990 bis 1994 fiel sie bereits von 9.663 Straftaten je 100.000 Einwohner auf 8.232.<a name=\"Text21\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#21\">(21)<\/a> Ausl\u00f6ser hierf\u00fcr ist das amerikanische &#8218;Jobwunder&#8216;, das in den fr\u00fchen 90er Jahren einsetzte.<a name=\"Text22\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#22\">(22)<\/a> Mit harter Hand wurde also lediglich ein Trend, der in starkem Ma\u00dfe auf wirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen gr\u00fcndet, publikumswirksam (selbst bis in deutsche Sicherheitsetagen hinein) in Szene gesetzt. Auf der Strecke bleiben in solchen F\u00e4llen immer die b\u00fcrgerlichen Freiheitsrechte.<\/p>\n<p>Deutsche Sicherheitsexperten jedenfalls sind begeistert,<a name=\"Text23\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#23\">(23)<\/a> und so ist zu bef\u00fcrchten, da\u00df das &#8218;Modell New York&#8216; auch in der Bundesrepublik in der einen oder anderen Form Eingang in Sicherheitsphilosophien und Anklang bei der Bev\u00f6lkerung finden wird. So wird dann wohl der Straftrechtler und heutige Verfassungsrichter Winfried Hassemer recht behalten, der bereits 1995 davor warnte, da\u00df mangelnde Orientierung durch &#8222;markige Entschlossenheit&#8220; ersetzt werde. Straftatbest\u00e4nde und Sanktionen w\u00fcrden nicht mehr sorgf\u00e4ltig ausgearbeitet, sondern nur noch gehobelt. &#8222;Die Sp\u00e4ne, die dabei fallen, stammen aus den Grundrechten: Freiheit, Privatheit, Kommunikation, Wohnung, Eigentum.&#8220;<a name=\"Text24\"><\/a> <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#24\">(24)<\/a><\/p>\n<h5>Otto Diederichs ist Redakteur und Mitherausgeber von B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP; freier Journalist in Berlin<\/h5>\n<h6><a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text1\">(1)<\/a> <a name=\"1\"><\/a>vgl. Reuband, Karl-Heinz, Ver\u00e4nderungen in der Kriminalit\u00e4tsfurcht der Bundesb\u00fcrger 1965-1993, in: Kaiser, G\u00fcnther\/Jehle, J\u00f6rg-Martin (Hg.), Kriminologische Opferforschung, Kriminalistik Verlag 1995, S. 37ff. <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text2\">(2)<\/a> <a name=\"2\"><\/a>Ebd. <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text3\">(3)<\/a> <a name=\"3\"><\/a>Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.11.77 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text4\">(4)<\/a> <a name=\"4\"><\/a>Ebd. <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text5\">(5)<\/a> <a name=\"5\"><\/a>Monatsschrift f\u00fcr Kriminologie und Strafrechtsreform 2\/93, S. 65ff. <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text6\">(6)<\/a> <a name=\"6\"><\/a>vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.11.93; Berliner Zeitung v. 15.11.93; die tageszeitung v. 19.1.95; Der Tagesspiegel v. 4.1.96 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text7\">(7)<\/a> <a name=\"7\"><\/a>Pressemitteilung der Eberhard-Karls-Universit\u00e4t T\u00fcbingen, Juristische Fakult\u00e4t &#8211; Institut f\u00fcr Kriminologie v. 28.9.95 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text8\">(8)<\/a> <a name=\"8\"><\/a>Neue Kriminalpolitik 2\/94, S. 27 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text9\">(9)<\/a> <a name=\"9\"><\/a>Ebd., S. 28 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text10\">(10)<\/a> <a name=\"10\"><\/a>Ebd. <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text11\">(11)<\/a> <a name=\"11\"><\/a>Kriminologisches Journal 10\/78, S. 223ff. <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text12\">(12)<\/a> <a name=\"12\"><\/a> van Dijk, Jan J.M.\/Mayhew, Pat\/Killias, Martin, Experiences of Crime across the World. Key findings from the 1989 International Crime Survey, Deventer-Boston, 1990 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text13\">(13)<\/a> <a name=\"13\"><\/a>S\u00fcddeutsche Zeitung v. 1.4.90; vgl. auch: Die Streife 3\/95 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text14\">(14)<\/a> <a name=\"14\"><\/a>Monatsschrift f\u00fcr Kriminologie und Strafrechtsreform 2\/93, S. 79 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text15\">(15)<\/a> <a name=\"15\"><\/a>Ebd., S. 65ff. <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text16\">(16)<\/a> <a name=\"16\"><\/a>Neue Kriminalpolitik 2\/94, S. 30 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text17\">(17)<\/a> <a name=\"17\"><\/a>Cremer-Sch\u00e4fer, Helga, Was sichert Sicherheitspolitik?, in: Kampmeyer, Eva\/Neumeyer, J\u00fcrgen (Hg.), Innere Unsicherheit, AG SPAK B\u00fccher, 1993, S. 13ff. <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text18\">(18)<\/a> <a name=\"18\"><\/a>Der Spiegel v. 7.7.97 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text19\">(19)<\/a> <a name=\"19\"><\/a>Der Spiegel v. 14.7.97 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text20\">(20)<\/a> <a name=\"20\"><\/a>Der Spiegel v. 14.7.97 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text21\">(21)<\/a> <a name=\"21\"><\/a>Der Spiegel v. 7.7.97 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text22\">(22)<\/a> <a name=\"22\"><\/a>die tageszeitung v. 11.7.97; Der Spiegel v. 21.7.97 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text23\">(23)<\/a> <a name=\"23\"><\/a>Der Spiegel v. 7.797; Berliner Zeitung v. 22.7.97; Berliner Morgenpost v. 28.7.97 <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/1997\/12\/21\/kriminalitaet-und-kriminalitaetsfurcht-wo-gehobelt-wird-fallen-spaene\/#Text24\">(24)<\/a> <a name=\"24\"><\/a>Frankfurter Rundschau v. 25.3.95<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Otto Diederichs &#8222;Deutsche f\u00fcrchten um ihr Eigentum&#8220;; &#8222;Berliner f\u00fchlen sich unsicher&#8220;; &#8222;B\u00fcrger f\u00fchlen sich<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,63],"tags":[],"class_list":["post-2558","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-057"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2558","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2558"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2558\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2558"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2558"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2558"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}