{"id":2792,"date":"1996-12-21T21:42:08","date_gmt":"1996-12-21T21:42:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=2792"},"modified":"1996-12-21T21:42:08","modified_gmt":"1996-12-21T21:42:08","slug":"neuerscheinungen-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=2792","title":{"rendered":"Neuerscheinungen"},"content":{"rendered":"<p><b>G\u00f6ssner, Rolf \/ Ne\u00df, Oliver:<\/b><br \/>\n<em>Polizei im Zwielicht. Ger\u00e4t der Apparat au\u00dfer Kontrolle?; Campus Verlag, Frankfurt\/M., New York 1996, 266 S., 29,80 DM<\/em>Der Bremer Rechtsanwalt, Publizist und rechtspolitische Berater der b\u00fcndnisgr\u00fcnen Landtagsfraktion in Niedersachsen hat ein neues Buch ver\u00f6ffentlicht. Diesmal gemeinsam mit dem Hamburger Journalisten Oliver Ne\u00df und mit informatorischer Unterst\u00fctzung der &#8218;Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizistinnen und Polizisten&#8216;. Ein erster orientierender Blick auf die sechs Kapitel\u00fcberschriften des Buches deutet an, da\u00df es sich hier in weiten Teilen um eine Fortschreibung seines ersten Buches &#8218;Der Apparat&#8216; (1982) handelt. So wird den &#8218;Insidern&#8216; unter den LeserInnen denn auch vieles bekannt vorkommen. Dennoch ist eine Aktualisierung nach rund 15 Jahren kein unvern\u00fcnftiges Herangehen. Schlie\u00dflich geht mit den Jahren doch immer wieder vieles an Wissen und Information verloren.<!--more--><\/p>\n<p>Zugleich ist dieses Buch in erster Linie als Einstiegslekt\u00fcre f\u00fcr interessierte Laien zu betrachten. Auch wenn Polizei\u00fcbergriffe, Rechtsradikalismus und (polizeiliche) Fremdenfeindlichkeit die Leitlinien des Buches sind, finden diese auch \u00fcber den jeweiligen Skandal hinaus eine F\u00fclle von Fakten und Hintergr\u00fcnden. Ein mehrseitiger Literaturanhang gibt Interessierten dar\u00fcber hinaus die M\u00f6glichkeit, entsprechend den eigenen &#8218;Vorlieben&#8216; gezielt im Thema weiterzulesen.<br \/>\nSo weit &#8211; so gut. Fakten- und Facettenreichtum ist man von G\u00f6ssner gewohnt; es geh\u00f6rt zu den st\u00e4rkeren Seiten seiner B\u00fccher, auch wenn ihm gelegentlich kleinere Fehler unterlaufen: Etwa wenn er die Polizeipr\u00e4sidentin von Eberswalde Uta Leichsenring, zur &#8222;erste(n) und einzige(n) Polizeipr\u00e4sidentin im vereinten Deutschland&#8220; ernennt (S. 92). Damit wird mit Monika Scheuffler als Wasserschutzpolizeipr\u00e4sidentin nicht nur Brandenburgs zweite Frau in der Polizeispitze unterschlagen, insgesamt liegt der Autor hier um gut dreieinhalb Jahre in der Zeit zur\u00fcck (20.5.88: Gertrud Bergkemper-Marks, Leverkusen). Doch das sind &#8218;peanuts&#8216;, die der ansonsten \u00fcberwiegend richtigen Ein- und Zuordnung der Informationen keinen Abbruch tun. Sie w\u00e4ren nicht einmal erw\u00e4hnenswert, durchschiene das gesamte Buch nicht immer wieder die Neigung, eigenes Wissen und Wirken besonders herauszustellen (insb. S. 27-30) und g\u00e4be es da nicht jene Stelle, wo &#8218;B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP&#8216; eine ablehnende Haltung zur Einrichtung von sog. &#8218;Polizeibeauftragten&#8216;, als Kontrollinstanz und Mittler zwischen Polizei und Bev\u00f6lkerung nachgewiesen werden soll (S. 231). Das hierzu angef\u00fchrte Zitat stammt indes aus dem Jahre 1983, also der ganz fr\u00fchen Zeit der Diskussionen um neue demokratische Formen der Polizeikontrolle. Es ist l\u00e4ngst \u00fcberholt, und die im Laufe jahrelanger Diskussionen um derartige Fragen gefundene Position unterscheidet sich heute nicht allzu sehr von der G\u00f6ssners. Da ihm dies wohlbekannt ist, mu\u00df man (wohl oder \u00fcbel) mutma\u00dfen, da\u00df bewu\u00dft kein aktuelleres Material herangezogen wurde, um die &#8218;Exklusivit\u00e4t&#8216; des eigenen Gesetzentwurfes zur Einrichtung eines Polizeibeauftragten in Hamburg (S. 227-233) nicht zu &#8218;gef\u00e4hrden&#8216;.<\/p>\n<p>Bleibt abschlie\u00dfend die Frage nach Oliver Ne\u00df, der als Autor eines der sechs Kapitel (Kap. 1) im Buch allerdings eine eher nachgeordnete Rolle spielt. Seine Darstellung des Anfang Juni 1995 (aller Wahrscheinlichkeit nach gezielt) gegen ihn gerichteten Polizei\u00fcbergriffes, bei dem ihm die B\u00e4nder des rechten Fu\u00dfes zerrissen wurden, ist die Schilderung aus der Perspektive des Geschundenen (S. 32-47). Sie darf deshalb subjektiv ausfallen und in entsprechend starken Worten erz\u00e4hlt werden. Das ist legitim! Problematischer wird es jedoch, wenn sich der gleiche Ton in den \u00fcbrigen Teilen seines Kapitels fortsetzt. Was bei der Darstellung der eigenen Mi\u00dfhandlung verst\u00e4ndlich und akzeptabel ist, wird in diesen Texten zu jenem skandalisierenden Tenor, der die eigene Person stets ins warme Licht der &#8218;reinen Wahrheit&#8216; r\u00fcckt und sie zugleich davor bewahrt, sich einer tiefergehenden Analyse zu stellen.<\/p>\n<p>Eine Gesamtwertung des Buches mu\u00df somit zwiesp\u00e4ltig bleiben: Der Versuch, mittels einer \u00fcbergreifenden Betrachtung des deutschen Polizeiapparates den Wissensl\u00fccken der nachwachsenden Generationen, dem inflation\u00e4ren Ausbau polizeilicher Rechte und Zust\u00e4ndigkeiten bei gleichzeitigem (allgegenw\u00e4rtigem) Desinteresse an B\u00fcrgerrechtsfragen etwas entgegenzusetzen, ist richtig und vern\u00fcnftig. Da\u00df dies vorrangig entlang vergangener und j\u00fcngerer Polizeiskandale geschieht, ist insoweit etwas ungl\u00fccklich, als es das Gesichtsfeld unn\u00f6tig einengt. Geht der Blick da nicht immer wieder zur\u00fcck auf das gesellschaftliche Ganze, entsteht schnell ein Zerrbild. Davon ist das Buch leider nicht frei geblieben.<\/p>\n<p><b>20 Jahre radikal.<\/b> <em>Geschichte und Perspektiven autonomer Medien, Verlag Libert\u00e4re Assoziation, Hamburg; Unrast Verlag, M\u00fcnster; Verlag der Buchl\u00e4den Schwarze Risse\/Rote Stra\u00dfe, Berlin; Edition ID-Archiv Berlin 1996, 240 S., 29,80 DM<\/em><br \/>\nDieses Buch hat keine namentlichen Autoren. Daf\u00fcr aber eine F\u00fclle von Mitherausgebern, deren Nennung eine halbe Seite f\u00fcllt (darunter auch unsere Redaktion) und gleich vier Verlage. Das hat es seit dem Nachdruck des sog. &#8218;Buback-Nachrufes&#8216; 1977 in der Geschichte linker Ver\u00f6ffentlichungen nicht mehr gegeben. Versucht wird die Darstellung der Geschichte und der wechselvolle Weg der 1976 entstandenen Zeitschrift &#8218;radikal&#8216; von einem Bl\u00e4ttchen der Berliner undogmatischen Linken zur wichtigsten (konspirativ hergestellten und vertriebenen) Publikation der militanten Linken in der Bundesrepublik. An dieser Entwicklung haben die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden, allen voran die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe, einen entscheidenden Anteil &#8211; und so entstand die Idee zu diesem Buch auch nicht zuf\u00e4llig im Sommer 1995, als die Staatsschutzorgane in einem Rundumschlag zeitgleich bundesweit rund 50 Durchsuchungen durchf\u00fchrten, um die &#8218;radikal&#8216; und ihr Umfeld aufzurollen. Dabei hatte sie, als sie 1986 durch ein Verbot endg\u00fcltig kriminalisiert wurde, die Terrorismushysterie des &#8218;Deutschen Herbstes&#8216; (1977ff.) und die militanten Auseinandersetzungen der &#8218;H\u00e4userkampfbewegung&#8216; in den fr\u00fchen 80ern &#8211; in der R\u00fcckschau fast schadlos &#8211; legal \u00fcberstanden. Grund f\u00fcr das seinerzeitige Verbot waren Anleitungen f\u00fcr die Zerst\u00f6rung von Leitungsmasten zur \u00dcbermittlung von Atomstrom, den Bau von Sprengk\u00f6rpern mit Selbstlaborat u.\u00e4 &#8211; und last not least das offene Bekenntnis zur Notwendigkeit solcher Aktionen. Zumindest in der Anfangszeit waren solche &#8218;Bastelanleitungen&#8216; nahezu durchweg (para)milit\u00e4rischen Publikationen (insb. dem Handbuch des Schweizer Majors H. von Dach &#8222;Der totale Widerstand. Kleinkriegsanleitung f\u00fcr jedermann&#8220;) entnommen und der technischen Entwicklung entsprechend modifiziert worden. W\u00e4hrend diese Werke unbehelligt blieben, zog die &#8218;radikal&#8216; zunehmend das staatssch\u00fctzerische Interesse auf sich. Der Weg wurde damit vorgezeichnet: Anfangs von maskierten Handverk\u00e4uferInnen in Blitzaktionen in linken Kneipen angeboten, dann im benachbarten Ausland produziert und postalisch vertrieben, ist sie heute nur noch \u00fcber Deckadressen mit neutralen R\u00fcckumschl\u00e4gen (und neuerdings auch via Internet) zu haben. Zunehmend radikalisierten sich damit (beinahe zwangsl\u00e4ufig) auch die HerausgeberInnen. So hat sich die Bundesrepublik ihre GegnerInnen stets tatkr\u00e4ftig mitgeschaffen.<br \/>\nDieser Teil der &#8218;radikal&#8216;-Geschichte kommt im vorliegenden Buch allerdings zu kurz. Man mu\u00df ihn kennen oder sich (fragmentarisch) zusammensuchen. Im Vordergrund stehen Selbstverst\u00e4ndnis und Standortbeschreibungen in den Diskussionen um linke Militanz. Das ist nicht unwichtig, denn wer sonst soll die Geschichte der undogmatischen Linken (und ihrer militanten Teile) schreiben, wenn nicht diese selbst. Insoweit ein wichtiges Buch. Und noch etwas wird erkennbar: Es ist nicht wichtig, ob es die &#8218;radikal&#8216; gibt. Wichtig ist, da\u00df eine offene Diskussion um die darin vertretenen Positionen m\u00f6glich bleibt.<br \/>\n(beide: Otto Diederichs)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ssner, Rolf \/ Ne\u00df, Oliver: Polizei im Zwielicht. Ger\u00e4t der Apparat au\u00dfer Kontrolle?; Campus Verlag,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[61,148],"tags":[],"class_list":["post-2792","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cilip-055","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2792","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2792"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2792\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2792"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2792"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2792"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}