{"id":3432,"date":"1995-08-24T13:05:50","date_gmt":"1995-08-24T13:05:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3432"},"modified":"1995-08-24T13:05:50","modified_gmt":"1995-08-24T13:05:50","slug":"grossstadt-brutstaette-des-verbrechens-methodische-und-systematische-aspekte-mit-einigen-empirischen-hinweisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3432","title":{"rendered":"Gro\u00dfstadt &#8211; Brutst\u00e4tte des Verbrechens? Methodische und systematische Aspekte mit einigen empirischen Hinweisen"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;In den sorgf\u00e4ltig manik\u00fcrten Rasenpl\u00e4tzen der Westside von Los Angeles sprie\u00dfen ganze W\u00e4lder mit merkw\u00fcrdigen kleinen Warnzeichen: &#8218;Bewaffnete Antwort!&#8216; (&#8230;) Im Stadtinnern hat eine \u00f6ffentlich gef\u00f6rderte &#8218;Stadterneuerung&#8216; die umfangreichste Unternehmensburg der USA gebaut, von der armen Umgebung getrennt durch ein monumentales architektonisches Glacis. (&#8230;) In Watts demonstriert der Entwicklungsplaner Alexander Haagen seine Strategie, die Warenh\u00e4user der Innenstadt zu rekolonisieren: Ein \u00fcberall einsehbares Verkaufszentrum wird von einem hohen Metallzaun umgeben und besitzt eine Unterstation der Polizei von Los Angeles in einem zentralen \u00dcberwachungsturm. (&#8230;) Willkommem im nachliberalen Los Angeles. (&#8230;) Die Obsession mit sachlichen Sicherheitsvorkehrungen, die auch darin zum Ausdruck kommt, da\u00df die Architektur soziale Grenzen durch Beton verst\u00e4rkt, ist zum Geist der Stadterneuerung geworden, zum Muster der Baupl\u00e4ne der neunziger Jahre. (&#8230;) In St\u00e4den wie Los Angeles, auf der Scheide zur Postmoderne, kann man beobachten, wie beispielslos St\u00e4dteplanung, Architektur und Polizei in einer umfassenden Sicherheitsanstrengung verbunden werden&#8220;.<br \/>\nIst das die Perspektive st\u00e4dtischer Gewalt und st\u00e4dtischer Sicherheit, einer sichernden Gewalt, die Gewaltsicherheit garantiert?<!--more--><\/p>\n<p>Was aber bedeutete eine solche Aussicht &#8211; Los Angeles als Muster gro\u00dfst\u00e4dti-scher Entwicklung? Moralische Sicherheitspaniken, die zusammen mit dem expansiven Kalk\u00fcl \u00f6konomischer und politischer Interessen zu einer neuen und anderen &#8218;Verburgung&#8216; und Segmentalisierung der St\u00e4dte f\u00fchren &#8211; dem Ende aller st\u00e4dtischen Freiheiten und b\u00fcrgerlichen Aneignung von st\u00e4dtischen R\u00e4umen? Los Angeles ist ein extremer Fall. Ebenso faszinierend wie mehr noch bedrohlich. Ein Menetekel der globalen Stadt der Zukunft: In Stadtringen oder &#8218;individualisierten&#8216; st\u00e4dtischen Inseln perfekt segmentiert mit \u00dcberschneidungen nur dort, wo die Ware Arbeit, getrennt vom Wohnort der sie tragenden Subjekte, mobil gebraucht wird oder wo ausgebaute und gesch\u00fctzte Verkehrswege und Verkehrsarten Freizeit- und globale Mobilit\u00e4t erm\u00f6glichen.<\/p>\n<h4>Der Horizont der Analyse<\/h4>\n<p>Ernste Anzeichen daf\u00fcr sind vorhanden, da\u00df Los Angeles nicht nur f\u00fcr sich selbst spricht. Es w\u00e4re jedoch falsch, der moralischen Panik sicher-heits\u00e4ngstlicher B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in hohler Analyse zu folgen. Sei&#8216; s unter der Perspektive einer ressentimentgeladenen Kulturkritik, die sich schon fr\u00fch um das Thema &#8218;Stadt und Masse&#8216; versammelt hat; sei&#8216; s im poli-tisch-polizeilichen Interesse einer unvermittelten Sicherheit durch repressive und pr\u00e4ventive Verrechtlichung und technischen Ausbau des Sicherheitsapparates, die sich pr\u00e4chtig zum Politikersatz und zur leicht vollziehbaren Mobilisierung eignen. Was w\u00e4re politisch unter den gegebenen (Vers\u00e4umnis-)Um-st\u00e4nden geeigneter als die weitverbreitete moralische Panik von B\u00fcrgerInnen durch eine gezielte &#8218;politische Panik&#8216; mitzuschaffen und zu nutzen?<\/p>\n<p>Um also diese Gefahren zu vermeiden, die \u00c4ngste von B\u00fcrgerInnen miterzeugend auszubeuten, um dann selbst &#8218;Sklave&#8216; der \u00c4ngste zu werden, ist es angezeigt, den Horizont der Analyse auszuweiten. Nur dann ist man in der Lage, die t\u00e4gliche F\u00fclle der mord-, raub- und diebstahlsreichen Schreckensmeldungen gerade um der Sicherheit der B\u00fcrgerInnen willen n\u00fcchtern abzuw\u00e4gen und ursachenbezogene Konsequenzen zu ziehen, die nicht einfach ein sicherheitspo-litisches X f\u00fcr ein nur rechtsminderndes und apparatausbauendes U vormachen. Kurzum: Um so konkret wie m\u00f6glich Gewalt-, Raub- und Diebstahlsvorf\u00e4lle von Rostock bis Konstanz und von Aachen bis Frankfurt\/Oder einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, ist es vonn\u00f6ten, von diesen F\u00e4llen Abstand zu nehmen, damit dieselben in dem, was sie aussagen, angemessen getestet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist eine Banalit\u00e4t: Menschen als k\u00f6rperliche Wesen agieren in Zeit und Raum. Sie bewegen sich jedoch nicht in einem absoluten Raum und in einer absoluten Zeit. Vielmehr leben und vergehen Menschen, indem sie sich Zeit und Raum aneignen, die zugleich ihre Eigenart pr\u00e4gen. Also ist immer von sozialer Zeit und von sozialem Raum zu sprechen, Konstrukte, die ihrerseits mit ihren kultivierten Merkmalen, die Menschen, ihre Wahrnehmungen, ihr Bewu\u00dftsein und ihr Verhalten pr\u00e4gen, dasselbe einschr\u00e4nken und\/oder befreien &#8211; jedenfalls immer in historisch-r\u00e4umlich spezifischer Weise kanalisieren. Zeit und Raum sind somit sozio-historisch jeweils relativ.<\/p>\n<h4>Land, Stadt, Gro\u00dfstadt, Metropole, Global City<\/h4>\n<p>Zun\u00e4chst \u00fcberwiegen jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausendelang die quantita-tiven und qualitativen Unterschiede. Diese sind grob und eindeutig. Noch Marx f\u00fchrt die ganze \u00f6konomische Geschichte der Gesellschaft im &#8218;Kapital&#8216; auf den Gegensatz zwischen &#8218;Stadt&#8216; und &#8218;Land&#8216; zur\u00fcck. Im Gegensatz zur &#8222;Idiotie des Landlebens&#8220;, die sich durch die Statik der Verh\u00e4ltnisse auszeichnet, setzt erst die zun\u00e4chst organisierte, sp\u00e4ter, vor allem heute entgrenzte Dynamik des Stadtlebens die Menschen konkurrierend und kooperierend frei. Mit dem Gegensatz Land vs. Stadt l\u00e4\u00dft sich in den entwickelten kapitalistischen und durchstaateten Gesellschaften heute kaum noch arbeiten. Der &#8218;Abschied von der Provinz&#8216;, das Ende des l\u00e4ndlichen Raums als einer sozial eigenst\u00e4ndigen Gr\u00f6\u00dfe ist l\u00e4ngst eingel\u00e4utet. Ausufernde Ballungsr\u00e4ume mit mehr oder minder stark ausgepr\u00e4gten Zentren reichen tief in die &#8218;Provinz&#8216;. Der Verkehr hat den &#8218;letzten&#8216; Ort erschlossen &#8211; von der Mas-senkommunikation ganz zu schweigen. Der Arbeitsmarkt und seine nationale, ja globale Dynamik bestimmen das \u00fcber kaum noch eigene soziale Gewichte verf\u00fcgende &#8218;Dorf&#8216;. Statt einen Stadt-Land-Gegensatz anzunehmen mit qualitativ unterschiedlichen Bewu\u00dftseins- und Assoziationsformen, ist heute ein Kontinuum unterschiedlicher &#8218;Verst\u00e4dtertheit&#8216; zu unterstellen.<br \/>\nIst der herk\u00f6mmliche Begriff des Landlebens, des Dorfes weithin \u00fcberholt, so hat sich ein einigerma\u00dfen fester Begriff der Stadt l\u00e4ngst aufgel\u00f6st. Wer von Stadt spricht oder von Verst\u00e4dterung mu\u00df jeweils genau sagen, welche vormoderne, moderne oder nachmoderne Phase in welchem \u00f6konomisch-nationalen und globalen Kontext gemeint ist; von welchen Gr\u00f6\u00dfenordnungen und entspre-chenden Organisations- oder &#8218;Chaos&#8216;-Formen gesprochen wird. Die Stadt, die Gro\u00df-, ja die grenzverwischende Riesenstadt, von der heute in der Regel die Rede ist &#8211; und dies strahlt auf die Klein- und Mittelst\u00e4dte zur\u00fcck, ist mit der Stadt des Mittel- und Sp\u00e4tmittelalters bzw. der fr\u00fchen Neuzeit quantitativ und qualitativ nur noch in ihrer vielseitigen Un\u00e4hnlichkeit zu vergleichen. Beide Stadtformen, wenn man nicht dazwischen noch mehr Varianten einf\u00fcgen mu\u00df, etwa die nationale Stadt des 19. Jahrunderts, also lassen sich nicht mehr auf denselben &#8218;Idealtyp&#8216; beziehen. Idealtyp in diesem Sinne meint ein Muster gesellschaftlicher Bez\u00fcge\/gesellschaftlichen Verhaltens, das aus historisch gewachsenen Verhaltensweisen gebildet worden ist, um mit Hilfe dieses Idealtpys herauszufinden, wie gro\u00df der Abstand bestimmter Institutionen bzw. Ereignisverl\u00e4ufe &#8218;in Wirklichkeit&#8216; zu dem idealtypisch gefa\u00dften Begriff etwa &#8218;der Stadt&#8216; ist.<\/p>\n<h4>St\u00e4dtische Verdichtung, Intensivierung und Externalisierung<\/h4>\n<p>Gro\u00dfst\u00e4dte zeichnen sich durch ihre Menschen-&#8218;Ballungen&#8216; aus. Dieses vor allem von Georg Simmel hervorgehobene Merkmal zeitigt einen &#8218;Rat-tenschwanz&#8216; von Folgen. Die Vereinzelung, die Anonymisierung, der t\u00e4gliche Umgang mit Fremden u.v.a. geh\u00f6ren dazu. Freilich: Was diese in immer erneut wiederkehrenden Interpretations-Wellen benannten Verhaltensmerkmale jeweils spezifisch bedeuten und ob sich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit verl\u00e4\u00dfliche Aussagen machen lassen, ist aus guten Gr\u00fcnden umstritten. Gerade auch die dauernde Ver\u00e4nderung kennzeichnet die St\u00e4dte und ihre proteusf\u00fcllige Verst\u00e4dterung.<\/p>\n<p>Ist es jedoch zutreffend die (Gro\u00df)Stadt als Brutst\u00e4tte von Verbrechen zu be-zeichnen? Sind es in der Tat Gr\u00fcnde, die mit der gro\u00dfst\u00e4dtischen Eigenart notwendig verbunden sind, die z. B. Bindungslosigkeit, A-Sozialit\u00e4t, feindli-chen Umgang mit dem anonymen Anderen bewirken? Sind Verbrechen aller Art in den Gro\u00dfst\u00e4dten quantitativ nachweislich signifikant und auf Dauer h\u00e4ufiger? Oder sind es zu Zeiten des etablierten Nationalstaates und seiner National\u00f6konomie, ja heute zu Zeiten einer t\u00e4glich mehr in die lokale \u00d6ko-nomie und Politik herunterreichenden Welt\u00f6konomie nicht &#8218;externe&#8216;, d. h. nicht stadtspezifische Faktoren, die Normalit\u00e4t und somit auch a-normisches Verhalten prim\u00e4r definieren?<\/p>\n<p>Am Beispiel der gewaltt\u00e4tigen Unruhen in zahlreichen britischen St\u00e4dten im Sommer 1981 verdeutlicht Peter Saunders seine Warnung, nicht fixiert auf eine Stadttheorie die wahren Ursachen von Gewalt (oder Verbrechen und seinem st\u00e4dischen Vorkommen) zu verkennen: &#8222;Diese Gewaltunruhen k\u00f6nnen wahrscheinlich nur mit Hilfe einer Reihe sozialer Faktoren erkl\u00e4rt werden. Sowohl wei\u00dfe wie schwarze Jugendliche nahmen an diesen Unruhen teil. Dieselben brachen vor allem dort aus, wo eine hoher schwarzer Anteil vor-handen war (z. B. Brixton und Southall in London oder Toxteth in Liverpool). Die Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen, besonders Jugendlichen aus dem Westen Indiens bildete zweifelsohne einen Faktor. Damit indes nicht genug. Wir m\u00fc\u00dften die Polizeipraktiken mitber\u00fccksichtigen, die \u00fcber eine Reihe von Jahren rassistisch waren oder so erfahren worden sind. Au\u00dferdem provokative politische Aktivit\u00e4ten von Faschisten (&#8230;); schlie\u00dflich Mobilisierungen von linken Parteien (&#8230;). Die Gr\u00fcnde der Unruhen sind in der britischen Gesellschaft insgesamt zu finden. (&#8230;) Rassismus ist ein Produkt der langen imperialistischen Geschichte der britischen Gesellschaft, des Regie-rungshandelns und der Passivit\u00e4t der Regierung, der wissenschaftlichen und der pseudowissenschaftlichen Spekulation und so weiter &#8211; keiner dieser Gr\u00fcnde ist genuin st\u00e4dtisch. Gleiches gilt f\u00fcr die Arbeitslosigkeit. Sie ist ein Produkt der internationalen Rezession, der dramatischen Umstruktrierung der britischen \u00d6konomie, der regierungsamtlichen monetarischen Politik usw. Erneut gilt: Keiner dieser Faktoren besitzt eine spezifische st\u00e4dtische Qualit\u00e4t. Da\u00df die Gewaltunruhen in bestimmen R\u00e4umen stattfanden, darf nicht \u00fcbersehen werden. Doch diese r\u00e4umlichen Umst\u00e4nde sind allenfalls von se-kund\u00e4rer Bedeutung. Dieselben vermitteln den genaueren Ort der Auseinan-dersetzungen (z. B. dort, wo benachteiligte und frustrierte Bev\u00f6lkerungsan-teile konzentriert auftraten und auf den Stra\u00dfen eine freilich unorganisierte Kraft bildeten) oder verhindern, da\u00df sie an anderen Orten stattfinden (etwa dort, wo diese Leute nur verstreut zugegen sind)&#8220;.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund \u00fcberzeugt Saunders Schlu\u00dffolgerung: &#8222;Interventionen der Regierung oder anderer Institutionen, die sozialen Wandel durch stadtspezifische Ma\u00dfnahmen bewirken wollen, sind deswegen fehlplaziert. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Probleme n\u00e4mlich, die in den St\u00e4dten offenkundig werden, liegen au\u00dferhalb derselben. Deswegen m\u00fcssen entsprechende L\u00f6sungen auch dort ansetzen&#8220;.<\/p>\n<h4>Guckkasten Frankfurt\/M.<\/h4>\n<p>Am Beispiel von Frankfurt\/Main, polizeilichen Selbstaussagen, ihren Wider-spr\u00fcchen und L\u00fccken k\u00f6nnen Saunders Argumente zus\u00e4tzlich illustriert werden. In einer der angeblichen &#8222;Hauptstadt des Verbrechens&#8220; in Deutschland gewidmeten Nummer der &#8218;hessischen polizeirundschau&#8216; wird u.a. ein daten-bespickter \u00dcberblick \u00fcber die &#8218;Kriminalit\u00e4t in Frankfurt&#8216; im Vergleich mit anderen Gro\u00dfst\u00e4dten in der BRD und zu Hessen insgesamt gegeben. Die Schlu\u00dffolgerungen von Klaus Timm, Direktor des hessischen Landeskrimi-nalamtes, lauten: &#8222;Bereits seit langem immer wieder best\u00e4tigte Erkenntnis ist, da\u00df Gro\u00dfst\u00e4dte besonderes Kriminalit\u00e4tspotential bergen (&#8218;Metropolensyn-drom&#8216;), vor allem bedingt durch \u00fcberdurchschnittlich zahlreiche und ver-dichtete Tatgelegenheiten, geringe informelle soziale Kontrolle, besondere Bev\u00f6lkerungsstrukturen (z.B. hoher Ausl\u00e4nderanteil), aber auch durch Sog auf Kriminelle bzw. Verhaltensauff\u00e4llige, wie die hohe Zahl der nicht ortsan-s\u00e4ssigen T\u00e4ter bzw. der aufgegriffenen vermi\u00dften Kinder und Jugendlichen oder die Zahl der nicht aus Frankfurt kommenden BTM-Konsumenten bzw. Rauschgifttoten belegt.&#8220;<br \/>\nIn diesen Behauptungen spiegelt sich fast die gesamte Palette der g\u00e4ngigen stadtbezogenen Vorurteile jenseits allen Analyseversuchs. Um so \u00fcberra-schender f\u00e4hrt Timm fort: &#8222;Kriminalit\u00e4t mu\u00df &#8211; wie insbesondere die Lage in Gro\u00dfst\u00e4dten zeigt &#8211; eingebettet in die gesamtgesellschaftliche Entwicklung interpretiert werden.&#8220; Von letzterer und ihren Auswirkungen auf Frankfurt oder andere Gro\u00dfst\u00e4dte ist indes nicht die Rede. Das auf diesen datenunkriti-schen \u00fcberblicksartikel folgende Interview mit dem Frankfurter Polizeipr\u00e4si-denten Dr. Karl Heinz Gemmer zeichnet sich gleicherweise dadurch aus, da\u00df die kriminalpolitisch-polizeilich Guckkastenb\u00fchne Frankfurt kaum verlassen wird. Immerhin macht Gemmer deutlich, da\u00df die &#8222;Angst vor Kriminalit\u00e4t&#8220;, gar vor der kriminellen Hochburg Frankfurt, &#8222;weitgehend unbegr\u00fcndet&#8220; ist und wie durch Kraut- und R\u00fcben-Informationen (und entsprechende Statistiken) Gefahren akkumulierend konstruiert und zugespitzt werden, so da\u00df sie sich leicht f\u00fcr Projektionen der Angst eignen.<\/p>\n<h4>Die neue Angst der Deutschen<\/h4>\n<p>So lautet der rei\u00dferische Titel eines Buches von Anne Schneppen. Mit der auf Absatzf\u00f6rderung getrimmten Dramatik korrespondiert nicht nur ein unkritisch-fahrl\u00e4ssiger Umgang mit angeblich informationsfesten und eindeutigen Daten. Diese M\u00f6chtegerndramatik verdeckt zudem die in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden erfolgende Wiederkehr der Verk\u00fcndigungen fasziniert verdammter, sich unendlich steigernder Kriminalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Helmut K\u00f6nig hat zusammenfassend referiert, wie fr\u00fch im 19. Jahrhundert Stadt\/Verst\u00e4dterung &#8211; Masse &#8211; Gewalt &#8211; Angst zu einer Gleichung geworden sind, in der sich die einzelnen &#8218;Faktoren&#8216; aufschaukelten und von ihren Kon-strukteuren wie &#8218;Sachzw\u00e4nge&#8216;, wie objektiv zusammenh\u00e4ngende Verhalte abl\u00f6sten: Stadt = Masse = A-Sozialit\u00e4t = Unruhe\/Gewalt\/universelle Dauerbedrohung. Hierbei interessierte es wenig, da\u00df sich diese Zusammenh\u00e4nge nicht nachweisen lie\u00dfen. (Im R\u00fcckblick l\u00e4\u00dft sich in machen F\u00e4llen sogar eindeutig zeigen, da\u00df gegenteilige Zusammenh\u00e4nge bestanden.)<br \/>\nTrotz gr\u00fcndlich ver\u00e4nderter St\u00e4dte &#8211; das Vorurteilssyndrom ist weithin geblieben. So sind&#8216; s Stadt-Gespenster\u00e4ngste. Helga Cremer-Sch\u00e4fer hat das dramaturgische Arrangement in wichtigen Ausschnitten beschrieben: &#8222;Auf Junkies, Penner, jugendliche Gewaltt\u00e4ter, ausl\u00e4ndische Stra\u00dfenr\u00e4uber und Dealer richtet sich in den Gro\u00dfst\u00e4dten inzwischen eine \u00fcberhaupt nicht mehr &#8218;versch\u00e4mte&#8216;, sondern offensiv legitimierte Politik der Vertreibung. Ein ge-meinsames PR-Unternehmen von Polizeif\u00fchrung und Magistratsspitze de-monstrierte 1992 in Frankfurt beispielhaft den neuen Kurs: &#8218;Sicherheitspolitik ist ein fester Bestandteil der Sozialpolitik&#8216; und jeder &#8217;n\u00e4chste Schritt der Hilfsangebote z. B. an die Drogenszene rechtfertige die n\u00e4chste Stufe der Repression&#8216; (OB v. Schoeler). Das Man\u00f6ver w\u00fcrde nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig beunruhigen, wenn es ohne Etitettenschwindel die allgemein praktizierte kommunale Politik des &#8218;Kampfes gegen die Kriminmalit\u00e4t&#8216; auf den Begriff gebracht oder nur Teil des Wahlkampfes gewesen w\u00e4re. Es war und ist mehr. Nicht zuf\u00e4llig werden in den amtlichen Rechtfertigungen der Reaktion auf &#8218;kriminelle Szenen&#8216; und die Drogenszene der St\u00e4dte Deutungsmuster verwendet, an die Kampagnen gegen Fl\u00fcchtlinge und Einwanderer problemlos ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen. (&#8230;) Die polizeiliche Ordnungspolitik, so das Argument im Kampf gegen die Gro\u00dfstadtkriminalit\u00e4t, soll das Sicherheitsgef\u00fchl erh\u00f6hen, B\u00fcrgerInnen vor dem \u00e4ngstigenden Anblick von Elend und Dreck, vor bel\u00e4stigendem Gestank bewahren und bedrohliche fremde R\u00e4uber und Taschendiebe aus ihren Konsum- und Erholungsr\u00e4umen fernhalten. Diese Argumente machen die &#8218;St\u00f6rer&#8216; der kriminellen Szene zum Objekt einer Phobie, die Politiker zu \u00c4rzten der &#8218;erkrankten&#8216; B\u00fcrger, die &#8218;St\u00f6rer&#8216; zur Krankheitsursache, die es notfalls mit dem Skalpell zu entfernen gilt.&#8220;<\/p>\n<p>Diese Art der m\u00f6glichst \u00f6rtlich festgenagelten Individualisierung von Pro-blemen gemeinsam mit der Kriminalisierung der betreffenden Personen, die man vereinzelt und doch zugleich kollektiv &#8218;dingfest&#8216; zu machen angeht, ist denn auch &#8218;des Pudels Kern&#8216; der methodisch unhaltbaren Behauptungen gro\u00dfst\u00e4dtisch gegebener kriminogener R\u00e4ume und ihres &#8218;lichtscheuen Gesindels&#8216;.<\/p>\n<h4>Das Sicherheitsgef\u00fchl<\/h4>\n<p>Sei es, weil die telematisch verdoppelte, also simulierte &#8218;Wirklichkeit&#8216; zu-nimmt, sei es aus zus\u00e4tzlichen Gr\u00fcnden: So wie in der allgemeinen Politik demokratische Kontrolle durch &#8218;Glauw\u00fcrdigkeit&#8216; der Politiker ersetzt wird, so werden einigerma\u00dfen nachweisliche und das hei\u00dft zugleich durchsichtig kontrollierbare Sicherheitsleistungen durch das rechts- und ma\u00dfnahmenoffene Erfordernis ersetzt, das ver\u00e4ngstigte &#8218;Sicherheitsgef\u00fchl&#8216; der Bev\u00f6lkerung zu heben.<\/p>\n<p>Diese Absicht erkl\u00e4rt mutma\u00dflich sonst sperrige Ph\u00e4nomene: Zum ersten, da\u00df Helga Cremer-Sch\u00e4fers berechtigtes Verlangen nach einer &#8222;allumfassenden Entdramatisierung (&#8230;) in Fragen der &#8218;Inneren Sicherheit'&#8220;, die erst eine &#8222;entkriminalisierende Politik&#8220; zulie\u00dfe, nicht gefolgt wird, sondern da\u00df genau das Gegenteil geschieht. Eine &#8218;Politik der Entspannung&#8216; kennt &#8218;Innere Sicherheit&#8216; nicht. Sicherheits\u00e4ngste und ihr symbolisch in &#8218;Daten&#8216;, Worten, rechtlichen Ver\u00e4nderungen und Ma\u00dfnahmen korrespondierende Politik wirken wie ein paradox geschlossenes, wechselseitig sich antreibendes Perpetuum mobile.<\/p>\n<p>Dies erkl\u00e4rt wohl auch, zum zweiten, warum die Polizei trotz des in ihr ent-haltenen und fortlaufend vermehrten Wissens (und die Polizeiintelligenz hat im Laufe der letzten Jahrzehnte ohne Frage betr\u00e4chtlich zugenommen) kurz-sichtig angelegte Bestandsaufnahmen von kriminogenen Wirklichkeitsbereichen, nicht zuletzt solchen gro\u00dfst\u00e4dtischer Art, mit ebenso kurzsichtig verlangten Ma\u00dfnahmen verbindet &#8211; vom selbstredend vorhandenen professionellen Selbsterhaltungs- und Ausweitungsinteresse einmal zu schweigen. All diese &#8217;neuen&#8216; Formen der Kriminalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung verm\u00f6gen schon auf die einfachsten Fragen, etwa nach der Wanderung bzw. auf die st\u00e4dtische Ortsverschiebung entsprechender gemutma\u00dfter Kriminalit\u00e4t und &#8218;Krimineller&#8216; keine einigerma\u00dfen befriedigende Antwort zu geben. Also bleibt nun der Schlu\u00df, da\u00df um des symbolischen Effekts und der Selbsterhaltung willen immer wieder erneut etwas geschehen mu\u00df.<\/p>\n<p>Zum dritten: Vom Buch Anne Schneppens habe ich den Untertitel unterschlagen: &#8222;Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Wiederentdeckung der Nachbarschaft.&#8220; Und in der Tat, die &#8218;Nachbarschaft&#8216;, im vorstehenden Zusammenhang genauer die &#8218;community crime prevention&#8216;, das &#8218;community policing&#8216; stehen mit st\u00e4rkerer oder geringerer Absicht wieder einmal im Modevordergrund. Doch was kann &#8218;community-policing&#8216; Neues bedeuten, nachdem insbesondere in der Bundesrepublik w\u00e4hrend der sechziger und siebziger Jahre auch noch die letzten Spurenelemente einer kommunalen Polizei getilgt worden sind? Offenkundig steht keine Re-Kommunalisierung der Polizei an. Im Gegenteil rundum werden die internationalen Verbindungen ausgebaut. Auch von einer Dezentralisierung polizeilicher Aufgaben und Aufgabenwahrnehmung ist nicht die Rede. Neu-alte Versionen des &#8218;community policing&#8216; sind vielmehr vor allem darauf angelegt, das Verh\u00e4ltnis &#8218;B\u00fcrger und Polizei&#8216; zu verbessern. Die B\u00fcrgerInnen sollen st\u00e4rker heran- und einbezogen werden, indem sie beobachtende und kontrollierende Aufgaben der Polizei \u00fcbernehmen oder genauer, den Beobachtungs- und Kontrollhof der Polizei wie einen B\u00fcrgerschatten ausdehnen. Gerade weil an den Ursachen polizeilich nichts &#8218;gedreht&#8216; werden kann (und soll), gerade darum kommt es darauf an, die b\u00fcrgerliche &#8218;Wahrnehungs- und Gef\u00fchlslage&#8216; mitbeeinflussen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nMit den aufgef\u00fchrten Beweggr\u00fcnden verbindet sich, zum vierten, ein zus\u00e4tz-licher, ein kriminalwissenschaftlicher. Er verst\u00e4rkt in seiner Weise die sym-bolische Wirkung, indem er sie wissenschaftlich absichert. Die lange Tradi-tion von Studien, die sich dem Zusammenhang von Verbrechen und Stadt bzw. kommunaler Organisation allgemein widmen, hat nicht zuletzt infolge fortdauernd ver\u00e4nderter Perspektiven, diverser angewendeter Methoden und unterschiedlich ausgew\u00e4hlter Lokalit\u00e4ten keine einigerma\u00dfen gesicherten Re-sultate erbracht &#8211; und sei&#8216; s nur im Sinne pr\u00e4zisierten Nichtwissens. Dennoch tendieren kriminologische Studien immer wieder dazu, stadtr\u00e4umliche Krimi-nalit\u00e4tsuntersuchungen lokal viel zu sehr zu begrenzen, abweichendes Ver-halten zu sehr vom &#8217;normalen&#8216; zu isolieren und ihre fragw\u00fcrdigen Ergebnisse sowohl allzu rasch mit andernorts methodisch anders gewonnen zu vergleichen, als auch kurzgegriffene Folgerungen in Richtung verbesserter Verbrechensbek\u00e4mpfung zu ziehen.<\/p>\n<h4>Globalisierung und &#8218;Normalit\u00e4t&#8216;<\/h4>\n<p>Die r\u00e4umliche Gestaltung gesellschaftlicher Beziehungen bleibt eine wichtige Gr\u00f6\u00dfe. Die Konsequenz aus dem oben Gesagten besteht nicht darin, die Ver-st\u00e4dterung als eine zu vernachl\u00e4ssigende Gr\u00f6\u00dfe auch und gerade im Zusam-menhang b\u00fcrgerlicher Sicherheit zu behaupten. Eindeutig falsch ist es nur &#8211; und der fortgesetzte Irrtum weist auf eigenartige Interessen hin -, die Gro\u00df-stadt als isolierbares Gebilde zu begreifen, in dem dann noch einmal abwei-chendes Verhalten und seine lokalen Umst\u00e4nde isoliert untersucht werden k\u00f6nnten. Es kommt statt dessen darauf an, die gegenw\u00e4rtigen Probleme des sozialen oft auch a-sozialen Orts bzw. Un-Orts Gro\u00df- oder Globalstadt &#8211; Pro-bleme die auf kleinere Einheiten ausstrahlen &#8211; im Zusammenhang und als Ausdruck der allgemeinen Globalisierung, der Entgrenzung, der Mobilisierung und der Beschleunigung zu verstehen. In diesem allgemeineren, aber ausschlaggebenden Bestimmungszusammenhang gewinnen dann die unterschiedlichen Arten der Verst\u00e4dterung, der st\u00e4dtischen Antworten auf ihre quantitativen und qualitativen Gef\u00e4hrdungen eine wichtige, oft f\u00fcr die Lebensqualit\u00e4t der B\u00fcrgerInnen entscheidend vermittelnde Bedeutung.<\/p>\n<p>Los Angeles, von Mike Davis reliefscharf vorgestellt, als ein Exempel einer insularen Millionenstadt, die in die Region randlos ausufert und zugleich darin einheitlich ist, da\u00df sie keine Einheiten mehr kennt: Ein bunter Alpt-raum umbauter Ungleichheit nicht zuletzt in Sachen b\u00fcrgerliche Sicherheit. Also wird b\u00fcrgerliche Sicherheit nicht nur in hohem Masse privat erbracht. B\u00fcrgerliche Sicherheit und entsprechende Sicherungen existieren nicht einmal mehr im Ansatz, da mit der teuer erkauften Sicherheit der Reichen, der abstiegsangstdurchwachsenen Sicherheit der prek\u00e4r in Wohlstand Lebenden, die geradezu t\u00f6dliche Unsicherheit der unterschiedlich Armen korrespondiert.<\/p>\n<p>Die Themen Stadt und Gewalt, Stadt und Verbrechen, Stadt und Angst, Stadt und b\u00fcrgerliche Sicherheit gelten also durchaus. Es sind hoch bedeutsame Themen. Man vers\u00e4umt diese zusammenh\u00e4ngenden Themen jedoch analytisch und praktisch wider besseres (jedenfalls besser m\u00f6gliches) Wissen fahrl\u00e4ssig, wenn nicht schuldhaft, wenn man diese Stadtprobleme nicht im nationalen und globalen Produktionskontext betrachtet; wenn man abweichendes Verhalten nicht strikt und zu allererst im Umkreis &#8218;der Normalit\u00e4t&#8216; und ihrer Eigenarten behandelt; wenn man Sicherheit und Angst nicht als Ausdruck eines Syndroms anderer Faktoren prim\u00e4r begreift; und wenn man schlie\u00dflich nicht genau Stadt von Stadt, Verst\u00e4dterung von Verst\u00e4dterung unbeschadet aller harten Angleichungstendenzen unterscheidet, gerade um die Grade und die bitteren Grenzen demokratisch b\u00fcrgerrechtlich sichernden Handelns ausmachen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h5>Wolf-Dieter Narr lehrt Politikwissenschaft an der FU Berlin und ist Mither-ausgeber von B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP<\/h5>\n<h6>Mit Fu\u00dfnoten im <a href=\"http:\/\/archiv.cilip.de\/Hefte\/CILIP_051.pdf\">PDF der Gesamtausgabe<\/a>.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;In den sorgf\u00e4ltig manik\u00fcrten Rasenpl\u00e4tzen der Westside von Los Angeles sprie\u00dfen ganze W\u00e4lder mit merkw\u00fcrdigen<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,57],"tags":[],"class_list":["post-3432","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-051"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3432"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3432\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}