{"id":3467,"date":"1995-02-24T14:52:52","date_gmt":"1995-02-24T14:52:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3467"},"modified":"1995-02-24T14:52:52","modified_gmt":"1995-02-24T14:52:52","slug":"das-buero-jansen-janssen-gegenstrategie-aus-den-niederlanden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3467","title":{"rendered":"Das B\u00fcro &#8218;Jansen &amp; Janssen&#8216; &#8211; Gegenstrategie aus den Niederlanden"},"content":{"rendered":"<h3>von Wil van der Schans<\/h3>\n<p>Das in Amsterdam ans\u00e4ssige B\u00fcro Jansen &amp; Janssen ist aus den niederl\u00e4ndischen &#8218;Sozialen Bewegungen&#8216; der 80er Jahre entstanden. Seit dieser Zeit unterh\u00e4lt Jansen &amp; Janssen ein Archiv und eine Bibliothek zu den Bereichen Polizei, Justiz und Geheimdienste. Au\u00dferdem wurden durch ein eigenes &#8218;Untersuchungsb\u00fcro&#8216; bereits verschiedene Untersuchungen \u00fcber die Arbeitsweise der genannten Beh\u00f6rden durchgef\u00fchrt. Zur Finanzierung ihrer Arbeit schreiben die MitarbeiterInnen des B\u00fcros immer wieder Artikel und Beitr\u00e4ge in Wochenmagazinen und Fachzeitschriften. Die erwirtschafteten Honorare flie\u00dfen, ebenso wie Einnahmen aus der Archivnutzung durch JournalistInnen u. \u00e4. in die Arbeit. Auf diese Weise werden ca. Zweidrittel der Kosten bestritten; der Rest wird durch Spenden getragen.<\/p>\n<p>Archiv und Bibliothek bestehen in erster Linie aus einer Zusammenf\u00fchrung von \u00f6ffentlichen und halb\u00f6ffentlichen Quellen: So werden z.B. sowohl die g\u00e4ngigen Tages- und Wochenzeitungen gesammelt und ausgewertet, wie auch polizeiliche Fachzeitschriften, offizielle und interne Berichte, Auswertungen und Protokolle. Desweiteren wird die Politik der Ministerien aufmerksam beobachtet und dokumentiert. Alles wird seit einigen Jahren systematisch aufbereitet, verschlagwortet und elektronisch gespeichert. Nach und nach ist das Archiv so auf einen Bestand von ca. 20.000 Dokumenten angewachsen. Neben einem Zeitungsarchiv verf\u00fcgt das B\u00fcro weiterhin \u00fcber eine Spezialbibliothek mit ca. 500 B\u00fcchern.<!--more--><\/p>\n<h4>Das Objekt der Begierde<\/h4>\n<p>Die Themen, mit denen sich die vier MitarbeiterInnen von Jansen &amp; Janssen besch\u00e4ftigten, sind dabei recht umfassend und vielf\u00e4ltig. Sie beginnen beim allgemeinen Polizeiauftreten und f\u00fchren \u00fcber die polizeilichen Sondereinhei-ten und die \u00fcber\u00f6rtliche Zusammenarbeit der Sicherheitsdienste bis hin zur Terrorbek\u00e4mpfung.<br \/>\nDa\u00df dabei auch die organisatorische Seite der Polizei und die Besonderheiten der Neuorganisation des letzten Jahres interessieren, ist selbstverst\u00e4ndlich. Ebenfalls beobachtet und dokumentiert werden die privaten Sicherheitsunter-nehmen und ihre Zusammenarbeit mit der Polizei.<\/p>\n<p>Besondere Aufmerksamkeit genie\u00dft der niederl\u00e4ndische Inlandsgeheimdienst &#8218;Binnenlandse Veiligheidsdienst&#8216; (BVD). Alles was hierzu an allgemeinen Presseinformationen oder amtlichen Ver\u00f6ffentlichungen, was \u00fcber die Struk-turen und die Informationsgewinnung oder \u00fcber neue geheimdienstliche Zweige zu erfahren ist &#8211; schlichtweg alles ist von Interesse. Dies gilt auch f\u00fcr die Aktivit\u00e4ten von ausl\u00e4ndischen Diensten in den Niederlanden. Angefangen bei der verdeckt arbeitenden US-Drogenbek\u00e4mpfungsbeh\u00f6rde &#8218;Drug Enforcement Administration&#8216; (DEA) bis hin zu den Spionageaktivit\u00e4ten der unter-schiedlichsten Dienste.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich geh\u00f6rt auch die Besch\u00e4ftigung mit der verwendeten Technik hierher: Abh\u00f6ren, Observation, Fahndungspraktiken der niederl\u00e4ndischen Polizei usw. aber auch neue Entwicklungen bei der kriminaltechnischen Un-tersuchung, insbesondere auf dem Gebiet der Gentechnik (DNA-Analyse). Weiterhin ausf\u00fchrlich beobachtet werden Registrierungen im Rahmen der allgemeinen Polizeierfassung, insbesondere auch die Registrierung von Aus-l\u00e4nderInnen und die Entwicklung der polizeilichen Automatisierung im all-gemeinen.<\/p>\n<p>Betrug und Korruption innerhalb der Polizei (aber auch bei Beh\u00f6rden, in Po-litik und Industrie) runden die unmittelbaren Interessen von Jansen &amp; Janssen an der Polizei innerhalb der Niederlande zwar ab, stellen jedoch noch lange nicht das Ende der Aktivit\u00e4ten dar.<\/p>\n<h4>Blick \u00fcber den eigenen Tellerrand<\/h4>\n<p>Entwicklungen bei der europ\u00e4ischen Polizei- und Geheimdienstarbeit im Rah-men des &#8218;Schengener Abkommens&#8216; interessieren ebenso. Grenz\u00fcberschrei-tende Polizeizusammenarbeit in Form von &#8218;Europol&#8216;, Informationsaustausch durch das &#8218;Schengen-Information-System&#8216; (SIS) k\u00f6nnen als Stichworte ausreichen. Mit &#8218;Schengen&#8216; und den Folgen allein ist es indes nicht getan. Das deutsche Bundeskriminalamt (BKA), die Staatssicherheit (Stasi) der fr\u00fcheren DDR, der amerikanische Geheimdienst CIA und die staaten\u00fcbergreifende Geheimorganisation &#8218;Gladio&#8216;, die Ende der 80er Jahre bekannt wurde, sind weitere Themenbereiche. Vorallem zu &#8218;Gladio&#8216; besitzt Jansen &amp; Janssen eine Vielzahl von Informationen. Gemeinsam mit einigen anderen niederl\u00e4ndischen Archiven (AMOK, FOK und &#8218;De Stelling&#8216;) wurden \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum intensive Untersuchungen \u00fcber &#8218;Gladio&#8216; in den Niederlanden und Europa durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren haben sich die Themen zudem ausgedehnt auf die nie-derl\u00e4ndische Ausl\u00e4nderpolitik. Von Meldungen \u00fcber illegale Ausl\u00e4nderInnen bis zu aktuellen Informationen \u00fcber das speziell f\u00fcr Ausl\u00e4nderInnen eingerichtete Datensystem &#8218;Vremdelingen Registratie System&#8216; ist unterdessen nahezu alles im Archiv zu finden. Auch die Entwicklungen der niederl\u00e4ndischen Asylpolitik werden seit einiger Zeit dokumentiert.<\/p>\n<p>Als weiteres (Teil)Archiv liegt bei Jansen &amp; Janssen das &#8218;Krijnen-Archiv&#8216; zur Einsicht aus. Es enth\u00e4lt Dokumente \u00fcber Aufbau und Arbeit der &#8218;Weerbaarheidsorganisaties&#8216;. Unter diesem Namen bildeten sich nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-50) rechte Organisationen in den Niederlanden, die neben ihrem Kampf gegen die kommunistische Gefahr in Europa u. a. auch daf\u00fcr eintraten, Indonesien als niederl\u00e4ndische Kolonie zu behalten.<\/p>\n<h4>Untersuchungen und Aktivit\u00e4ten<\/h4>\n<p>Neben den Archivarbeiten wird der gr\u00f6\u00dfte Teil der Zeit f\u00fcr eigene Untersu-chungen ben\u00f6tigt. Hierbei wird Jansen &amp; Janssen zumeist von anderen In-itiativen oder Einzelpersonen unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>So wurde z.B. Ende der 80er Jahre eine Untersuchung \u00fcber die Aktivit\u00e4ten des BVD in der Protestbewegung durchgef\u00fchrt. Der Grund hierf\u00fcr war, der l\u00e4hmenden Paranoia vor Spitzeln, die zeitweise \u00fcberall in den Niederlanden herrschte, die Spitze zu nehmen. Im Ergebnis kam dabei ein Buch heraus. Es beschreibt zwar eine gro\u00dfe Zahl von Ann\u00e4herungen durch den Geheimdienst, der sowohl in der Hausbesetzer-, der Anti-militaristischen, wie auch der Friedensbewegung Menschen angeworben oder unter Druck gesetzt hatte, zugleich analysiert es jedoch auch die Arbeitsweise des BVD und sein Zusammenspiel mit der Polizei. Zudem gibt das Buch eine Anleitung zum Umgang mit Situationen, in denen jemand (u.U. ungerechtfertigt) in den Verdacht ger\u00e4t, mit der Polizei oder dem Geheimdienst zusammenzuarbeiten.<\/p>\n<p>Im Jahre 1990 bat die Hilfsorganisation f\u00fcr AsylberwerberInnen &#8218;Landelijke Steunpunt Vluchtelingen&#8216; um Hilfe bei einer Untersuchung. Ihr Ziel war es herauszufinden, wie der BVD AsylbewerberInnen einsch\u00fcchtert, um sie zur Zusammenarbeit zu zwingen. Gemeinsam mit &#8218;Steunpunt&#8216; und weiteren Fl\u00fcchtlings- und Migrantenorganisationen wurde eine breit angelegte Unter-suchung durchgef\u00fchrt. Das Ergebnis war nicht \u00fcberraschend: In erster Linie nutzte der BVD die schwache Position von AsylbewerberInnen dazu, sie unter Druck zu setzen. Insbesondere aus Angst ausgewiesen zu werden, so scheint es, sind viele auf die &#8218;Angebote&#8216; des Geheimdienstes eingegangen. Ferner zeigt sich eine Verquickung mehrerer Funktionen, etwa derart, da\u00df Beamte der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde zugleich f\u00fcr den BVD t\u00e4tig sind. Die meisten Migranten wissen dies nicht. Auch aus den Ergebnissen dieser Recherche entstand ebenfalls ein Buch.<\/p>\n<p>1992 schien es mit der Amts\u00fcbernahme des neuen Chefs, Arthur W.H. Doc-ters van Leeuwen, beim BVD zu einer gewissen \u00d6ffnung zu kommen. Erstmalig erschien sogar ein Jahresbericht \u00fcber die Arbeit des BVD. Die neue &#8218;Offenheit&#8216; blieb jedoch auf diese aufgesetzte Demonstration beschr\u00e4nkt. Als Reaktion erstellte Jansen &amp; Janssen anschlie\u00dfend einen alternativen Jahresbericht. Ziel dieses Buches war es, die Diskussion \u00fcber Geheimdienste und deren mangelnde demokratische Kontrolle in den Niederlanden zu bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Im letzten Jahr schlie\u00dflich erschienen zwei B\u00fccher. Eines \u00fcber die aktuellen Entwicklungen der niederl\u00e4ndischen Fl\u00fcchtlingspolitik und eines, in Zu-sammenarbeit mit Computerspezialisten, \u00fcber die technischen M\u00f6glichkeiten des Abh\u00f6rens, Verschl\u00fcsselungen und andere technische Sp\u00e4\u00dfe. Schon nach kurzer Zeit wurde es ins t\u00fcrkische und spanische \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Ebenfalls 1994 enth\u00fcllte Jansen &amp; Janssen die Arbeitsweise eines Informanten des privaten Sicherheitsdienstes ABC, der jahrelang in verschiedenen linken Gruppen aktiv war.<\/p>\n<p>Etwa zeitgleich mit dem Erscheinen dieses Artikels wird ein weiteres Ge-heimdienst-Jahrbuch erscheinen. Darin werden dieses Mal nicht nur die neuesten Entwicklungen des BVD behandelt, sondern auch die anderen nie-derl\u00e4ndischen Dienste an die Reihe kommen, der Milit\u00e4rische Geheimdienst &#8218;MID&#8216;, private Geheimdienste usw. Ebenso wird ein ausf\u00fchrlicher Blick in die Schmuddelkiste der Arbeit verschiedenster Dienste gegen Umweltsch\u00fctzer in den Niederlanden, Gro\u00dfbritannien und den USA vorgenommen.<\/p>\n<p>Weitere Aktivit\u00e4ten und B\u00fccher von Jansen &amp; Janssen d\u00fcrfen erwartet werden.<\/p>\n<h5>Wil van der Schans ist Mitarbeiter im B\u00fcro Jansen &amp; Janssen in Amsterdam<\/h5>\n<h6>Mit Fu\u00dfnoten im <a href=\"http:\/\/archiv.cilip.de\/Hefte\/CILIP_050.pdf\">PDF der Gesamtausgabe<\/a>.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Wil van der Schans Das in Amsterdam ans\u00e4ssige B\u00fcro Jansen &amp; Janssen ist aus<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,56],"tags":[],"class_list":["post-3467","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-050"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3467","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3467"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3467\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3467"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3467"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}