{"id":3519,"date":"1994-12-24T15:46:16","date_gmt":"1994-12-24T15:46:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3519"},"modified":"1994-12-24T15:46:16","modified_gmt":"1994-12-24T15:46:16","slug":"die-observation-die-kunst-zu-sehen-ohne-gesehen-zu-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3519","title":{"rendered":"Die Observation &#8211; Die Kunst zu sehen, ohne gesehen zu werden"},"content":{"rendered":"<h3>von Otto Diederichs<\/h3>\n<p>&#8222;Irgendetwas stimmt da nicht, Harry. Fahr mal hinterher.&#8220; Keine Sendung vergeht, ohne da\u00df Deutschlands bekanntester Fernsehkriminaler, Oberinspektor Stefan Derrick, seinem Assistenten diesen Auftrag erteilt. Sein amerikanischer Kollege Kojak schickt seinen Stavros schon gezielter los: &#8222;Ich will genau wissen, was der Kerl treibt. Also nimm&#8216; Dir ein paar Mann mit &#8211; und Lockenk\u00f6pfchen: verlier ihn nicht wieder.&#8220; Und bei Crockett und Tubbs von &#8218;Miami Vice&#8216; sind gleich ganze Gruppen in einer &#8218;Dose&#8216;, so nennt man im Jargon die mit Observationstechnik vollgestopften Kleintransporter, im st\u00e4ndigen Einsatz.<\/p>\n<p>&#8222;Eine aufmerksame Beobachtung von Personen oder Objekten geh\u00f6rt seit eh und je zu den Aufgaben von Sicherheitskr\u00e4ften vornehmlich im Schutzdienst. Typische Beispiele sind der &#8218;Schutzmann an der Ecke&#8216; oder der zivil gekleidete Polizeibeamte, der in das &#8218;Milieu&#8216; ging, um verdeckt das kriminelle Potential zu beobachten&#8220; , wei\u00df hierzu das Kriminalistikhandbuch zu berichten.<!--more--><\/p>\n<p>Derricks Spontanobservation kann vernachl\u00e4ssigt werden: &#8222;Der sofortige Beginn einer Observation ohne Planungsm\u00f6glichkeiten ist immer mit hohen Risiken verbunden, die Gefahr der Enttarnung besonders gro\u00df.&#8220; Interessanter sind schon Kojaks vorbereitete Eins\u00e4tze: &#8222;Auftrag und Ziel m\u00fcssen klar und eindeutig formuliert sein. (&#8230;) Damit wird der Handlungsspielraum f\u00fcr die taktischen Ma\u00dfnahmen abgesteckt, so da\u00df man in jedem Falle mit entsprechenden Ergebnissen zufrieden sein mu\u00df.&#8220; Im Rahmen einer Befassung mit der Observation als operative Polizeima\u00dfnahme sind jedoch auch die kurzfristig angelegten Eins\u00e4tze des Theo Kojak von nachrangiger Bedeutung. Anders das Vorgehen von Crockett und Tubbs. Ihr Vorgehen entspricht am ehesten der Definition des &#8218;Kriminalistik-Lexikons&#8216;: &#8222;Die Observation ist die systematische, unauff\u00e4llige, meist mit Mitteln der Konspiration vorgenommene Beobachtung von Personen und Sachen.&#8220;<\/p>\n<p>Ebenso wie im (television\u00e4ren) Florida gibt es auch in der Bundesrepublik f\u00fcr solche Aufgaben eine Sondereinheit: Die &#8218;Mobilen Einsatzkommandos (MEK)&#8216;.<\/p>\n<h4>Das Mobile Einsatzkommando<\/h4>\n<p>Das blutige Versagen der Polizei im &#8218;Fall Rammelmayr&#8216; 1971 und beim \u00dcberfall des Pal\u00e4stinenserkommandos &#8218;Schwarzer September&#8216; auf die israelische Olympiamannschaft 1972 gelten als Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Aufstellung von Sonderkommandos bei der deutschen Polizei. W\u00e4hrend die &#8218;Spezial-Einsatzkomandos (SEK)&#8216; und die Sondereinheit des Bundesgrenzschutzes &#8218;GSG 9&#8216; unterdessen relativ bekannt sind, sind die Observationsspezialisten der &#8218;Mobilen Einsatzkommandos&#8216; weitgehend unbekannt geblieben.<\/p>\n<p>Waren diese polizeilichen Eliten anf\u00e4nglich noch f\u00fcr die gesamte Bandbreite der neuen Sonderaufgaben geplant, fand recht bald auch eine innere Spezialisierung statt: Am 15.2.74 beschlo\u00df die Innenministerkonferenz (IMK) die &#8222;bundeseinheitliche Errichtung von Spezialeinheiten f\u00fcr Observationen &#8211; Mobile Einsatzkommandos (MEK) (&#8230;). Zu ihren Aufgaben geh\u00f6ren Beobachtungen von Anlauf- und Ansatzpunkten terroristischer Gruppen und Personen; Erkennung m\u00f6glicher Tatorte, Aufenthaltsorte, Treffpunkte und Schlupfwinkel schwer krimineller Personen; \u00dcberwachung bestimmter Berufs- und Gewohnheitsverbrecher; Vorfeldbeobachtung (Verhinderung oder Erschwerung des Einnistens und Ausbreitens organisierter Kriminalit\u00e4t); Observation auf dem Gebiet der Schwerkriminalit\u00e4t.&#8220; In besonderen Situationen k\u00f6nnen sie auch zu Festnahmeaktionen herangezogen werden , die innerhalb des polizeilichen Konzeptes eigentlich jedoch Aufgabe des SEK sind. Dies soll &#8211; um die Anonymit\u00e4t der BeamtInnen zu wahren &#8211; jedoch nur in Ausnahmef\u00e4llen geschehen.<\/p>\n<p>In der Alt-Bundesrepublik verf\u00fcgt seither jedes Bundesland in der Regel \u00fcber mehrere MEK, die dem jeweiligen Landeskriminalamt (LKA) und bei \u00fcber-regionalen Dienststellen (z.B. einer Landespolizeidirektion) angegliedert sind. In den Stadtstaaten k\u00f6nnen sie auch mit anderen Spezialeinheiten zu-sammengefa\u00dft sein; so etwa in Berlin, wo eines der sechs Kommandos im Bedarfsfall die Aufgaben des &#8218;Pr\u00e4zisionssch\u00fctzenkommandos (PSK)&#8216; \u00fcbernimmt und organisatorisch dem SEK zugeordnet ist. \u00dcber den aktuellen Stand der MEK in den neuen Bundesl\u00e4ndern ist derzeit wenig bekannt. Anzunehmen ist jedoch, da\u00df der Aufbau auch hier abgeschlossen ist und man sich, wie beim sonstigen Polizeiaufbau auch, am Modell der jeweiligen &#8218;Patenl\u00e4nder&#8216; orientiert. Die territoriale Zust\u00e4ndigkeit der MEK erstreckt sich auf das gesamte Bundesland, f\u00fcr das sie aufgestellt sind. Dabei sollen sie von allen kriminalpolizeilichen Dienststellen zur Ermittlungsunterst\u00fctzung f\u00fcr Observationseins\u00e4tze herangezogen werden k\u00f6nnen. Diese urspr\u00fcngliche Planung ist jedoch seit langem bereits durch die personellen Ressourcen faktisch aufgehoben. MEK-Eins\u00e4tze finden heute im wesentlichen nur noch in Staatsschutz- und Drogenf\u00e4llen sowie bei Ermittlungen gegen sog. organisierte Kriminalit\u00e4t und in spektakul\u00e4ren Einzelf\u00e4llen statt.<\/p>\n<h4>Observationen<\/h4>\n<p>Zu unterscheiden sind zun\u00e4chst unterschiedliche Funktionen, die einer Ob-servation zukommen k\u00f6nnen. Soll sie Aufkl\u00e4rungsfunktion (Offensiv-Observation) \u00fcbernehmen, so geht es darum, die allgemeine Informationslage der in einem speziellen Fall ermittelnden Beamten zu verbessern. Denkbar ist auch, da\u00df sie der Verhinderung bestimmter (tats\u00e4chlicher oder vermuteter) Straftaten dienen soll (Pr\u00e4ventive Observation); sofern sie von der Einsatz-planung letztlich nicht in eine Festnahme (Repressive Observation) \u00fcbergehen soll, ist hier zumeist beabsichtigt, da\u00df die jeweilige Zielperson ihre Be-obachtung erkennt und von ihrem Vorhaben Abstand nimmt. Schlie\u00dflich kann die Observation auch Teil einer Fahndungsma\u00dfnahme sein, wobei es in diesem Falle darum geht, \u00fcber tats\u00e4chliche oder vermeintliche Ansatzpunkte im sozialen Umfeld gesuchter Personen (Angeh\u00f6rige, FreundInnen, KomplizInnen etc.) deren Festnahme zu erreichen.<\/p>\n<p>Bei der unmittelbaren Durchf\u00fchrung von Observationen unterscheidet man zwischen einer Vielzahl verschiedener, z.T. untereinander kombinierbarer Techniken, von denen hier nur die wichtigsten kurz genannt werden k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6rt zun\u00e4chst die &#8218;Stehende Observation&#8216;, d. h. die Beobachtung von Geb\u00e4uden und sonstigen Objekten oder von Gegenst\u00e4nden bis hin zu nicht in Bewegung befindlichen Personen. Nahezu jede, im Jargon &#8218;Obs&#8216; genannte Beobachtung beginnt somit als &#8217;stehende&#8216; (oder &#8217;station\u00e4re&#8216;) Observation und geht irgendwann in die &#8218;flie\u00dfende&#8216; (oder &#8218;rollende&#8216;) Observation \u00fcber, die ihrerseits wieder die &#8218;Fu\u00df-&#8218; und die &#8218;Fahrzeugobservation&#8216; (u.U auch mit Fahrr\u00e4dern, wobei dies als die schwierigste Form betrachtet wird) kennt. Innerhalb dieser groben Einordnung werden dann spezielle, dem jeweiligen Auftrag und Ziel (und\/oder der jeweiligen Zielperson) entsprechende Techniken angewandt:<\/p>\n<p>Die simpelste dieser Formen ist die &#8218;Abschnittsobservation&#8216;. Sie setzt aller-dings voraus, da\u00df die Lebensgewohnheiten der Zielperson (ZP) bekannt sind und man auf eine l\u00fcckenlose Beobachtung weitgehend verzichten kann. In der Praxis hei\u00dft dies: Begibt sich die ZP zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort (z.B. die Arbeitsstelle), so wissen die Observanten, da\u00df sie dort f\u00fcr einen ebenfalls bekannten Zeitraum (die t\u00e4gliche Arbeitszeit) bleiben wird. Also unterbricht man die &#8218;Obs&#8216;, um sie sp\u00e4ter (z.B. nach Arbeitsende oder auch in einer Kneipe) wieder aufzunehmen.<\/p>\n<p>Erheblich schwieriger wird es, wenn \u00fcber die &#8218;Zielperson&#8216; wenig oder gar nichts bekannt ist oder eine unmittelbar bevorstehende Straftat erwartet wird. Solche F\u00e4lle bedeuten f\u00fcr die Obs-Spezialisten personalintensive 24-Stunden-Eins\u00e4tze mit u.U. wechselnden Techniken: Von der Reihen- oder Doppelreihenobservation bis zum Observationskessel.<\/p>\n<h4>Personaleinsatz<\/h4>\n<p>Unauff\u00e4llige polizeiliche Beobachtung lebt davon, da\u00df jene, die damit beauf-tragt werden, m\u00f6glichst nicht erkannt werden. Das Anforderungsprofil, das an das Personal von Observationseinheiten gestellt wird, ist somit zwangsl\u00e4ufig ein anderes als im sonstigen Polizeidienst. Physische Leistungsf\u00e4higkeit und Alter etwa, spielen hier nur eine sehr nachgeordnete Rolle: \u00c4ltere Frauen k\u00f6nnen daher ebenso vertreten sein wie \u00fcbergewichtige M\u00e4nner &#8211; sind sogar gesucht, da sie nicht der Erwartungsvorstellung entsprechen. Grunds\u00e4tzlich gilt hier jedoch wie bei allen anderen Spezialeinheiten auch der Grundsatz der Freiwilligkeit und der Eignung.<\/p>\n<p>Gute Observationen sind personalintensiv. F\u00fcr die unauff\u00e4llige und l\u00fcckenlose Observation einer einzigen &#8218;Zielperson&#8216; etwa, die ein Fahrzeug benutzt, ist der Einsatz von mindestens einer Observationsgruppe (= 12 Personen mit vier Observationsfahrzeugen) notwendig.<\/p>\n<p>Sonderformen der Observation, die bereits kr\u00e4ftige Wurzeln in den Bereich geheimdienstlicher Arbeit getrieben haben, sind die &#8218;Zielfahndungskomman-dos&#8216;, die einige Landeskriminal\u00e4mter nach dem Vorbild des Bundeskriminalamtes aufgebaut haben. Unter &#8218;Zielfahndung&#8216; versteht man dabei die &#8222;gezielte, intensive Fahndung nach einem besonders ausgesuchten, zahlenm\u00e4\u00dfig kleinen Kreis von Schwerkriminellen. Bestimmten Zielfahndungskommandos werden einzelne Zielpersonen oder mehrere, die vermutlich zusammenleben und gemeinsam handeln, zugeordnet. Die Zielfahndungskommandos verfolgen nur die Spuren ihrer Zielpersonen. Ihr Auftrag endet mit der Festnahme&#8220;. Wie sich bereits aus der vorstehenden Definition erahnen l\u00e4\u00dft, sind solche Polizeikommandos im Zuge der Terroristenfahndung der 70er Jahre entstanden. Ihr Aufgabenfeld hat sich im Laufe der Zeit jedoch stetig erweitert und so wird derzeit z.B. auch der Finanzjongleur und Baubankrotteur Dr. J\u00fcrgen Schneider von einem Zielfahndungskommando des Bundeskriminalamtes gejagt.<\/p>\n<h4>Abmoderation mit Schmunzeln<\/h4>\n<p>Sinn und Zweck einer Observation werden f\u00fcr die &#8218;Zielperson&#8216; auch bei deren Entdeckung nicht unbedingt durchsichtig. So war es z.B. dem Verfasser im Fr\u00fchjahr 1985 in einem Fall durchaus m\u00f6glich, seinen Observanten auszumachen, der sich des Nachts in einer unbelebten Stra\u00dfe um einiges zu auff\u00e4llig verhielt. Die Frage allerdings, ob es sich seinerzeit um eine &#8218;offensive&#8216; oder eine &#8218;pr\u00e4ventive&#8216; Observation gehandelt hat, ist nach wie vor offen: War der Mann einfach nur d\u00e4mlich oder hatte die Sache Hintersinn? Eine Frage, auf die keine Antwort zu erwarten ist. Aber das geh\u00f6rt nun einmal zu den &#8218;Spielregeln&#8216;.<\/p>\n<h6>Mit Fu\u00dfnoten im <a href=\"http:\/\/archiv.cilip.de\/Hefte\/CILIP_049.pdf\">PDF der Gesamtausgabe<\/a>.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Otto Diederichs &#8222;Irgendetwas stimmt da nicht, Harry. 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