{"id":3713,"date":"1994-02-24T21:58:06","date_gmt":"1994-02-24T21:58:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3713"},"modified":"1994-02-24T21:58:06","modified_gmt":"1994-02-24T21:58:06","slug":"die-grenzschutzgruppe-9-gsg-9-keine-truppe-fuer-den-polizeidienst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3713","title":{"rendered":"Die &#8218;Grenzschutzgruppe 9&#8216; (GSG 9) &#8211; Keine Truppe f\u00fcr den Polizeidienst"},"content":{"rendered":"<h3>von Otto Diederichs<\/h3>\n<p>Mit rund 40 Sch\u00fcssen meldete sich am 27. Juni 1993 auf dem Bahnhof des mecklenburgischen Provinznestes Bad Kleinen eine polizeiliche Elitetruppe ins \u00f6ffentliche Bewu\u00dftsein zur\u00fcck, die w\u00e4hrend der ca. 20 Jahre ihres Bestehens zum gr\u00f6\u00dften Teil im Verborgenen agiert hatte: die GSG 9. Dieser Einsatz, der der Festnahme der mutma\u00dflichen RAF-Mitglieder Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams galt, war ebenso spektakul\u00e4r wie das erste \u00f6f-fentliche Auftreten der Truppe \u00fcberhaupt im Oktober 1977 auf dem Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Bereits 1978 nach dem im Auftrag des Verfassungsschutzes vorget\u00e4uschten Sprengstoffanschlag auf die Justizvollzugsanstalt Celle war die Truppe heftig ins Gerede gekommen. Mit dem v\u00f6llig mi\u00dflungenen Einsatz von Bad Kleinen beendete die GSG 9 nun endg\u00fcltig den Mythos der &#8222;Helden von Mogadischu&#8220;, der sie seit damals umgeben hatte.<!--more--><\/p>\n<p>Dieser Mythos beruhte im wesentlichen auf dem seinerzeitigen filmreifen Sturmangriff auf eine Boing der &#8218;Lufthansa&#8216;, in der 86 Geiseln von vier pal\u00e4-stinensischen Guerillas festgehalten wurden, die mit dieser Aktion die Forde-rungen der Schleyer-Entf\u00fchrer auf Freilassung der RAF-Gr\u00fcnderInnen um Andreas Baader unterst\u00fctzen wollten. Exakt sieben Minuten, nachdem der Angriff begonnen hatte, meldeten die eingesetzten GSG 9-M\u00e4nner um 00.12 Uhr Ortszeit: &#8222;Vier Terroristen ausgeschaltet, Geiseln befreit, drei Geiseln verletzt, vermutlich durch Gegnereinwirkung. Ein Angeh\u00f6riger der Sturmtrupps leicht verletzt (Halsdurchschu\u00df)!&#8220;<\/p>\n<h4>Die Anf\u00e4nge<\/h4>\n<p>Zum Zeitpunkt des Mogadischu-Einsatzes am 18.10.77 war die GSG 9 bereits f\u00fcnf Jahre alt, ohne da\u00df von ihrer Existenz irgendjemand gro\u00df Notiz genommen h\u00e4tte. Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Aufstellung der damals einzigartigen Spezialtruppe war eine wilde Schie\u00dferei, die sich die bayerische Polizei und das pal\u00e4stinensische Kommando &#8218;Schwarzer September&#8216; am 5.9.72 auf dem Flug-platz F\u00fcrstenfeldbruck bei M\u00fcnchen geliefert hatten. Bei dem Massaker, zu dem die Befreiungsaktion zugunsten israelischer Geiseln geriet, starben 15 Menschen.<\/p>\n<p>Bedenkt man, wie lange es normalerweise dauert, bis Politiker sich zu einer Entscheidung durchringen, so ging diesmal alles mit geradezu unglaublicher Geschwindigkeit: Bereits eine Woche nach dem Blutbad, am 13.9.72, beschlo\u00df die Innenministerkonferenz (IMK) auf Anregung des seinerzeitigen Bundesinnenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP) die Gr\u00fcndung einer Sondertruppe. Am 21.9. billigte der Haushaltsausschu\u00df des Bundestages die Pl\u00e4ne der IMK, und am 26.9. fertigte Genscher den Erla\u00df zur Aufstellung der GSG 9 aus. Mit der Aufstellung der Truppe war der Oberstleutnant Ulrich Wegener &#8211; seit 1958 beim BGS und zwischen 1970 und 1972 als Genschers Adjudant Verbindungsoffizier zum BGS &#8211; betraut worden.<\/p>\n<p>Wegener, kurz zuvor von einem achtmonatigen Lehrgang am &#8218;NATO Defense College&#8216; in Rom zur\u00fcckgekehrt , hatte die Grundlagen der Geiselbefreiungstechnik in Israel gelernt. Im Rahmen dieser Ausbildung soll er auch bei dem legend\u00e4ren israelischen Kommando-Unternehmen zur Geiselbefreiung im ugandischen Entebbe dabei gewesen sein.<br \/>\nMit 60 Freiwilligen begann Wegener im November &#8217;72 mit dem Aufbau. Rund ein Jahr sp\u00e4ter meldete er am 1.9.73 Einsatzbereitschaft ; am 22.9.73 wurde die Truppe mit einer St\u00e4rke von 122 Mann (Soll = 175 ) der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt. Danach wird es ruhig um die Einheit.<\/p>\n<h4>Organisatorischer Aufbau<\/h4>\n<p>Die Angaben \u00fcber die zum Aufbau der GSG 9 aufgewendeten Finanzmittel schwanken zwischen 5 Mio. DM und 15 Mio. DM . Organisatorisch wurde dem &#8218;Grenzschutzkommando (GSK) West&#8216;, heute &#8218;Grenzschutz-pr\u00e4sidium (GSP) West&#8216; angegliedert und in St. Augustin bei Bonn stationiert. Die grunds\u00e4tzliche Organisationsstruktur der heute 180 Mann umfassenden Truppe (Soll = 220 ) hat sich seit den Anf\u00e4ngen nicht sonderlich ver\u00e4ndert. Nach wie vor besteht der Verband aus einer F\u00fchrungsgruppe, einer Fernmelde- und Dokumentationseinheit, einer Technischen Einheit, einer Ausbildungs-, einer Versorgungs- und den Einsatzeinheiten. Komplettiert wird das Ganze durch eine Hubschrauberkette. Seit einer Umgliederung in Verbindung mit der Erweiterung des taktischen Gesamt-konzeptes im Jahr 1984 besteht die Truppe heute aus zwei &#8218;Observationseinheiten&#8216; (1. und 4. GSG 9), einer &#8218;Maritime-Einheit&#8216; (&#8218;2. GSG 9&#8216;) und einer &#8218;Fallschirmspringer-Einheit&#8216; (&#8218;3. GSG 9&#8216;). Herzst\u00fcck all dieser Gruppierungen sind die Einsatzeinheiten mit je ca. 30 Mitgliedern , die ihrerseits wieder in mehrere f\u00fcnfk\u00f6pfige &#8218;Spezial-Einsatztrupps&#8216; (SET) als der kleinsten taktischen Einheit gegliedert sind.<\/p>\n<h4>Eins\u00e4tze unter Ausschlu\u00df der \u00d6ffentlichkeit<\/h4>\n<p>Interessanter allerdings als eine Aufz\u00e4hlung funktionaler und waffentechni-scher Besonderheiten ist die Besch\u00e4ftigung mit den Eins\u00e4tzen der GSG 9. Hier geben die in der \u00d6ffentlichkeit bekanntgewordenen von Mogadischu und Bad Kleinen oder die Festnahme der RAF-Mitglieder Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz am 11.11.82 bei Offenbach ein vollkommen schiefes Bild. Tats\u00e4chlich ist die Spezialtruppe mit dem &#8222;offensiven Zugriffsauftrag&#8220; weitaus h\u00e4ufiger unterwegs als zumeist angenommen, von der Sicherung von Geldtransporten der &#8218;Deutschen Bundesbank&#8216; oder Gefangenentransporten bis zur Bewachung von Staatsg\u00e4sten. &#8222;Eins\u00e4tze, von denen keiner spricht&#8220;, werden sie bei der GSG 9 genannt . Im Jahre 1991 waren dies insgesamt 94 F\u00e4lle. Zwar besteht seit Anbeginn eine Rivalit\u00e4t zwischen den Beamten der Sondereinsatzkommandos (SEK) der L\u00e4nderpolizeien (bereits 1974 scheiterte der geplante Einsatz bei der bundesweiten Terrorismusfahndung &#8218;Aktion Winterreise&#8216; daran ), beim Bundeskriminalamt (BKA) bestehen solche Vorbehalte jedoch nicht. So war es denn auch das BKA, das den M\u00e4nnern der GSG 9 auf dem Wege der &#8222;Organleihe&#8220; 1974 ihren ersten Einsatz gegen &#8222;eine internationale Bande von Dieben, R\u00e4ubern und Waffenschmugglern in Frankfurt&#8220; bescherte. Auch heute noch ist das BKA der h\u00e4ufigste Auftraggeber, vereinzelt das Ausw\u00e4rtige Amt und in we-nigen F\u00e4llen auch einmal die L\u00e4nder. \u00dcberlegungen, wie sie nach dem Desaster von Bad Kleinen angestellt wurden, die GSG 9 komplett dem Bundeskriminalamt anzugliedern, werden vor diesem Hintergrund nur zu verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Doch auch im Ausland sind sie immer wieder aktiv. So haben M\u00e4nner der GSG 9 im Jahre 1978 die Deutsche Nationalelf w\u00e4hrend der Fu\u00dfball-WM in Argentinien und 1986 in Mexiko gesch\u00fctzt. W\u00e4hrend es sich hierbei wohl um eine Art Sonderurlaub f\u00fcr die eingesetzten Beamten gehandelt haben d\u00fcrfte, waren die folgenden vermutlich eher nach dem Geschmack der Truppe: 1979 Unterst\u00fctzung der britischen Sicherheitskr\u00e4fte beim Papst-Besuch in Irland ; 1980 Unterst\u00fctzung bei den Einsatzvorbereitungen der britischen Spezialtruppe SAS bei der Botschaftsbesetzung in London ; 1982 Schutzauftrag f\u00fcr das Ausw\u00e4rtige Amt in Beirut usw.<\/p>\n<h4>Exportschlager GSG 9<\/h4>\n<p>&#8222;Die Bundesrepublik hat mit dieser Truppe einen sicherheitspolitischen Trumpf erster G\u00fcte in der Hand. Ausbildung und Konzept des Verbandes halte ich f\u00fcr das Beste, was es derzeit gibt&#8220;, schw\u00e4rmte bereits 1977 der israelische General Bar Zvi nach einem Besuch bei der GSG 9. So wie er dachten offenbar auch die meisten anderen ausl\u00e4ndischen Sicherheitsprotagonisten. Hatte die GSG 9 in ihrer Gr\u00fcndungsphase noch amerikanische und israelische Unterst\u00fctzung ben\u00f6tigt, so gaben sich bereits kurze Zeit sp\u00e4ter &#8211; angefangen bei schweizerischen Polizeigrenadieren, die seit 1973 regelm\u00e4\u00dfig an GSG 9-Kursen teilnehmen &#8211; internationale Polizeiexperten in St. Augustin die Klinke in die Hand. Von Finnland \u00fcber Italien und die T\u00fcrkei bis hin nach Singapur, Thailand und S\u00fcdkorea reicht die Palette. Bis 1982 waren Minister, Milit\u00e4rs und Polizeigener\u00e4le aus insgesamt 60 Staaten um Ausbildungsunterst\u00fctzung nachgekommen. Selbst in Moskau und Peking zeigte man sich an der Spezial-Truppe des damaligen &#8218;Klassenfeindes&#8216; interessiert.<\/p>\n<h5>Keine Einheit f\u00fcr Polizeiaufgaben<\/h5>\n<p>&#8222;Die GSG 9 ist zur Erf\u00fcllung polizeilicher Aufgaben in F\u00e4llen von besonderer Bedeutung vorgesehen. Sie kann vor allem dann eingesetzt werden, wenn die Lage ein geschlossenes Vorgehen &#8211; offen oder verdeckt &#8211; unter Anwendung unmittelbaren Zwangs gegen Gewaltt\u00e4ter erfordert. Dies ist insbesondere der Fall, wenn bandenm\u00e4\u00dfig organisierte Terroristen in gr\u00f6\u00dferem Umfang t\u00e4tig werden&#8220;, lautet die Formulierung zum Auftrag der GSG 9 im Konzept der IMK vom Februar 1974. Betrachtet man jedoch ihre Gliederung in spezielle Land-, Luft- und See-Kommandos, so tr\u00e4gt die Truppe ganz den Charakter milit\u00e4rischer Sondereinheiten. Wof\u00fcr eine Polizei bspw. eine eigene Fallschirmspringertruppe oder eine spezielle &#8222;maritime Einheit&#8220; vorr\u00e4tig halten sollte, ist nicht einzusehen (wenngleich letztere vom BKA bereits eingesetzt wurde ). Konsequenterweise sind vergleichbare Verb\u00e4nde anderer westlicher Staaten, wie der &#8218;Special Air Service&#8216; (SAS) und der &#8218;Special Boat Service&#8216; (SBS) der Briten ebenso wie die amerikanischen Kampftaucher der &#8218;Seals&#8216; denn auch beim Milit\u00e4r angebunden. Polizeidirektor J\u00fcrgen Bischoff, derzeitiger Chef der GSG 9, scheint das \u00e4hnlich zu beurteilen. &#8222;Ich sehe mich als Offizier, Kommandeur&#8220;, lie\u00df er 1992 verlauten. Nach dem blutigen Einsatz in Bad Kleinen kam die Truppe zudem in den unertr\u00e4glichen Verdacht, den schwerverletzten, mutma\u00dflichen RAF-Aktivisten Wolfgang Grams nach Art s\u00fcdamerikanischer &#8218;Todesschwadronen&#8216; gleich an Ort und Stelle hingerichtet zu haben, weil dieser einen ihrer Kollegen erschossen hatte. Von einem Racheschwur, wonach jemand der &#8222;einen Kameraden t\u00f6te, (&#8230;) nicht lebend davonkommen&#8220; werde, wurde berichtet. Zus\u00e4tzliches Gewicht bekommt dieses Ger\u00fccht durch den einstigen Verhandlungsf\u00fchrer der Bundesregierung 1977 in Mogadischu, Staatsminister Hans-J\u00fcrgen Wischnewski (SPD), der im Herbst 1992 in einem Interview berichtet hatte, er habe die &#8222;geladenen&#8220; GSG 9-M\u00e4nner davon abhalten m\u00fcssen, die Geiselnehmerin Suheila Sayeh noch nach dem Ende der Befreiungsaktion zu erschie\u00dfen.<\/p>\n<p>Eine solche Truppe hat im Polizeidienst nichts zu suchen.<\/p>\n<h6>Mit Fu\u00dfnoten im <a href=\"http:\/\/archiv.cilip.de\/Hefte\/CILIP_047.pdf\">PDF der Gesamtausgabe<\/a>.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Otto Diederichs Mit rund 40 Sch\u00fcssen meldete sich am 27. 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