{"id":3733,"date":"1993-12-24T22:18:15","date_gmt":"1993-12-24T22:18:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3733"},"modified":"1993-12-24T22:18:15","modified_gmt":"1993-12-24T22:18:15","slug":"ausbildung-bei-den-spezialeinheiten-spitzenmaessig-ausgebildet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3733","title":{"rendered":"Ausbildung bei den Spezialeinheiten &#8211; &#8222;spitzenm\u00e4\u00dfig ausgebildet&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>von Werner Schmidt<\/h3>\n<p>Urspr\u00fcnglich waren Spezialeinheiten wie die GSG 9 oder die Spezialeinsatzkommandos (SEK) der L\u00e4nder, aber auch Pr\u00e4zisionssch\u00fctzenkommandos (PSK), zum Kampf gegen den Terrorismus ins Leben gerufen worden, nachdem sich w\u00e4hrend des \u00dcberfalls auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in M\u00fcnchen die M\u00f6glichkeiten der Polizei als unzureichend erwiesen hatten. Sp\u00e4testens seit den noch immer weitgehend r\u00e4tselhaften Ereignissen auf dem Bahnhof von Bad Kleinen, wo der mutma\u00dfliche Terrorist Wolfgang Grams und der GSG 9-Beamte Michael Newrzella den Tod fanden, stellt sich auch wieder die Frage nach der Ausbildung von Beamten, die in Spezialeinheiten ihren Dienst versehen.<\/p>\n<p>&#8222;Abenteurer brauchen wir f\u00fcr das SEK nicht. Auch keine verhinderten James Bonds &#8230;&#8220;. Gesucht wird der &#8222;Typ des Astronauten&#8220;, stellte sich der fr\u00fchere Polizeipr\u00e4sident Klaus H\u00fcbner, einer der geistigen V\u00e4ter der Spezialeinheiten, den idealen Typ solcher Beamten vor. Besonnenen, nervenstark, geduldig, belastbar, beherrscht, charakterlich fest und k\u00f6rperlich fit soll er nach den Auswahlkriterien f\u00fcr das Berliner Mobile Einsatzkommando (MEK) sein. Diese Kriterien gelten entsprechend auch f\u00fcr SEK und PSK. Die Ausbildungsrichtlinien sind bundeseinheitlich in einem als &#8222;Verschlu\u00dfsache&#8220; eingestuften &#8218;Leitfaden 206&#8216; festgehalten.<!--more--><\/p>\n<h4>Die Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9)<\/h4>\n<p>Bei der GSG 9 k\u00f6nnen sich die Beamten zwar bereits nach Abschlu\u00df der Grundausbildung bewerben, in der Regel werden sie jedoch \u00fcber mehrere Jahre normalen Grenzschutzdienst versehen m\u00fcssen, bevor sie der Spezialeinheit beitreten k\u00f6nnen. Da\u00df dort auch Beamte auf Probe Dienst tun, begr\u00fcnden die Verantwortlichen u.a. mit der gr\u00f6\u00dferen k\u00f6rperlichen Leistungsf\u00e4higkeit junger Menschen. Die GSG 9-Beamten sind zwischen 20 und 25 Jahre alt, der Durchschnitt liegt bei 23 Jahren.<br \/>\nIhre Ausbildung betr\u00e4gt acht Monate &#8211; eine H\u00e4lfte Grundausbildung, die andere Spezialausbildung. Die Grundausbildung gliedert sich in Sport, Waffen- und Schie\u00dfausbildung, Rechtskunde und ein zweit\u00e4giges Grundseminar Psychologie; u.a. werden dabei die psychologischen Aspekte des Terrorismus und der Terroristen erl\u00e4utert und analysiert.<\/p>\n<p>&#8222;Schie\u00dfen ist f\u00fcr uns nur die letzte M\u00f6glichkeit&#8220;, hatte sich die GSG 9 auf ihre Fahne geschrieben. Dennoch legte der Gr\u00fcnder und erste Kommandeur dieser Einheit, Ulrich Wegener, gro\u00dfen Wert darauf, da\u00df ein mit dem R\u00fckken zur Zielscheibe stehender Sch\u00fctze im Schie\u00dfkeller nur beste Ergebnisse vorlegte: Wer innerhalb einer Sekunde die Waffe zog, aus der Drehung feuerte und dabei die Scheibe im vorgeschriebenen Zielpunkt traf, galt bei ihm als &#8222;guter bis sehr guter Mann&#8220;. Durchschnittliche Sch\u00fctzen schickte Wegener wieder nach Hause.<br \/>\nGeschossen wird dabei u.a. auch mit den verschiedenen Versionen der Ka-laschnikow, und selbst panzerbrechende Waffen zum Beseitigen von Barrikaden lagern in den GSG-9-Waffenschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ihrer Spezialausbildung lernen die Beamten nicht nur, ihre Fahrzeuge in jeder Lage und bei jeder Geschwindigkeit sicher zu beherrschen, sondern ebenso das Abseilen aus Hubschraubern oder den Absprung aus geringen H\u00f6hen. Unterdessen gibt es zudem eine eigene Fallschirmspringergruppe, und sogar ihre eigenen Taucher bildet die GSG 9 aus.<\/p>\n<h4>Das Spezialeinsatzkommando (SEK)<\/h4>\n<p>Wie bei der GSG 9, wird auch bei den SEKs gro\u00dfer Wert auf die Schie\u00dfausbildung gelegt. Fast t\u00e4glich trainieren die Beamten mit Pistole und Maschinenpistole. Trotz &#8211; oder (wie von Polizeif\u00fchrern gern hervorgehoben wird) wegen &#8211; dieser besonderen Treffsicherheit haben die Beamten des Berliner SEK seit ihrer Gr\u00fcndung im Oktober 1973 in \u00fcber 7.600 Eins\u00e4tzen ihre Schu\u00dfwaffe bisher nicht einmal gegen Menschen einsetzen m\u00fcssen: &#8222;Wer, wie die SEK-Beamten, bei jedem Einsatz damit rechnen mu\u00df, die Schu\u00dfwaffe zu gebrauchen&#8220;, so der heutige Leiter des Berliner SEK, Polizeidirektor Martin Textor, &#8222;der sucht st\u00e4ndig nach Mitteln und Wegen, auch beim Vorliegen von tats\u00e4chlichen Gr\u00fcnden zum Schu\u00dfwaffengebrauch den T\u00e4ter auf andere Art und Weise zu \u00fcberw\u00e4ltigen&#8220;. In den vergangenen Jahren sind allerdings bei verschiedenen Eins\u00e4tzen scharfe Kampfhunde auf die Beamten gehetzt worden. Dabei machten sie die Erfahrung, da\u00df diese Hunde mit normalen Dienstpistolen nicht zu stoppen waren. Seither geh\u00f6ren auch Schrotflinten zur Standardausr\u00fcstung.<\/p>\n<p>Das Eintrittsalter der Polizisten in die Spezialeinheiten ist bei den einzelnen L\u00e4nderpolizeien unterschiedlich geregelt. Bei den Berliner Sondereinheiten SEK und PSK sind die Bewerber mindestens 27 Jahre alt und verf\u00fcgen in der Regel bereits \u00fcber zehn Jahre Berufserfahrung im Polizeivollzugsdienst, bevor sie eine Chance haben, sich beim zust\u00e4ndigen Referat &#8218;Einsatzerprobung und Sonderaufgaben&#8216; (EuS) vorstellen zu d\u00fcrfen. W\u00e4hrend des mehrt\u00e4gigen Eignungstests, an dessen Beginn eine intensive sportmedizinische Untersuchung steht, wird nicht nur die k\u00f6rperliche Konstitution des Bewerbers getestet, sondern auch dessen F\u00e4higkeit im Umgang mit der Dienstwaffe. In einem Rollenspiel, das per Video aufgezeichnet und anschschlie\u00dfend ausgewertet wird, wird der Bewerber verschiedenen, nicht allt\u00e4glichen Situationen ausgesetzt. Gepr\u00fcft wird dabei, wie sich der Beamte auf unterschiedliche Situationen einstellt, und sie letztlich bew\u00e4ltigt. Den Abschlu\u00df der Eignungspr\u00fcfung bilden psychologische Tests, mit denen versucht wird, die Pers\u00f6nlichkeitsstruktur und die Intelligenz des Bewerbers zu ermitteln. Der Intelligenztest mu\u00df einen Quotienten von mindestens 100 ergeben. In 99 von 100 F\u00e4llen reichen diese Tests aus, &#8218;die Spreu vom Weizen zu trennen&#8216;: Profilierungssucht beispielsweise ist weder beim SEK noch dem PSK gefragt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die GSG 9 fast ausschlie\u00dflich gegen Terroristen eingesetzt wird, m\u00fcssen die SEKs mit jeder Art von bewaffneten Gangstern fertig werden. Keine Situation gleicht der vorhergehenden. Das wiederum bedeutet, da\u00df alle nur denkbaren M\u00f6glichkeiten variantenreich durchgespielt und fr\u00fchere Eins\u00e4tze analysiert werden m\u00fcssen. Vor allen Dingen mu\u00df jedes Teammitglied blind auf den Kollegen und dessen F\u00e4higkeiten vertrauen k\u00f6nnen. &#8222;Einsatz-bezogenes Training&#8220; wird dies beim SEK Berlin genannt. &#8222;Wer nicht taktische Erkenntnisse schnell und effektiv umzusetzen versteht, Finten nicht parat hat, Alternativen f\u00fcr das Verhalten, zum Beispiel bei zahlenm\u00e4\u00dfiger Unterlegenheit, nicht realisieren kann, ist nicht optimal einsatzbezogen trainiert. Wer beim einsatzbezogenen Konditionstraining physische H\u00f6chstleistungen sucht, zeichnet ein falsches Anforderungsprofil des idealtypischen SEK-Beamten&#8220;.<\/p>\n<p>Normalerweise sind es bewaffnete Bankr\u00e4uber, Mordverd\u00e4chtige, Geiselgangster oder Hijacker, gegen die das SEK vorgeschickt wird. Die Beamten trainieren daher in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden auch an verschiedenen Flugzeugtypen, wie und wo am schnellsten in die Maschinen eingedrungen und Flugzeugentf\u00fchrer \u00fcberw\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen. Das Berliner SEK hat hierzu seit Jahren gute Verbindungen zu den Fluggesellschaften, die den Flughafen Tegel anfliegen und dort ihre Maschinen zum &#8218;Trainings-Sturm&#8216; zur Verf\u00fcgung stellen. Abseits des offiziellen Flughafenteils wird immer wieder ge\u00fcbt, imagin\u00e4re Hijacker zu \u00fcberw\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>Neben der Bek\u00e4mpfung solcher Art von Schwerstkriminalit\u00e4t wird das SEK seit Jahren aber auch als Festnehmetrupp bei Krawallen, beispielsweise am 1. Mai in Berlin, eingesetzt. Bei der R\u00e4umung besetzter H\u00e4user an der Mainzer Stra\u00dfe im Stadtteil Friedrichshain im November 1990 wurde das SEK vorgeschickt, um \u00fcber die stark befestigten D\u00e4cher vorzudringen.<\/p>\n<h4>Ausbildungsdefizite<\/h4>\n<p>Was die Beamten indes nicht lernen, ist, das im Einsatz Erlebte anschlie\u00dfend zu verarbeiten. &#8222;Wir werden spitzenm\u00e4\u00dfig ausgebildet. F\u00fcr den Einsatz. Aber nach dem Einsatz kommt das gro\u00dfe Loch, auch dann, wenn er gelungen ist&#8220;, klagt ein K\u00f6lner SEK-Beamter.<\/p>\n<p>Die psychologische Betreuung hat sich mit den Jahren jedoch deutlich ver-bessert. Auch bei der Einsatzplanung sind heute Psychologen dabei, um mit wissenschaftlichen Methoden immer neue Tricks zu entwickeln, mittels derer ein T\u00e4ter \u00fcberw\u00e4ltigt werden kann. Andererseits m\u00fcssen sie auch f\u00fcr die Probleme der Beamten ein offenes Ohr haben. Wer steht z.B. den Beamten nach einem t\u00f6dlichen Schu\u00df bei, auf den sie zwar technisch intensiv vorbereitet worden sind, dessen Konsequenzen sie aber ganz allein mit sich abmachen m\u00fcssen?<\/p>\n<p>In K\u00f6ln haben Psychologen in zwei F\u00e4llen helfen k\u00f6nnen, in denen Beamte mit den Folgen ihres Schu\u00dfwaffengebrauchs nicht fertig geworden sind. H\u00e4tte es die Psychologen nicht gegeben &#8222;w\u00e4ren sie behandelt worden wie fr\u00fcher, wo einem der Einsatzleiter auf die Schulter geklopft und gesagt h\u00e4tte: &#8222;das war zwar Schei\u00dfe, aber verge\u00dft es einfach.&#8220;<\/p>\n<h5>Werner Schmidt ist seit 1988 Polizeireporter der Berliner Tageszeitung &#8218;Der Tagesspiegel&#8216;.<\/h5>\n<h6>Mit Fu\u00dfnoten im <a href=\"http:\/\/archiv.cilip.de\/Hefte\/CILIP_046.pdf\">PDF der Gesamtausgabe<\/a>.<\/h6>\n<h3>Bild: Wikipedia (Bundesarchiv, B 145 Bild-F054220-0024 \/ Wienke, Ulrich \/ CC-BY-SA 3.0, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F054220-0024,_Bundesgrenzschutz,_GSG_9.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bundesarchiv B 145 Bild-F054220-0024, Bundesgrenzschutz, GSG 9<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/legalcode\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC BY-SA 3.0 DE<\/a>)<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Werner Schmidt Urspr\u00fcnglich waren Spezialeinheiten wie die GSG 9 oder die Spezialeinsatzkommandos (SEK) der<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12199,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,52],"tags":[],"class_list":["post-3733","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-cilip-046"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3733","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3733"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3733\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12199"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3733"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3733"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3733"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}