{"id":3737,"date":"1993-12-24T22:21:37","date_gmt":"1993-12-24T22:21:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3737"},"modified":"1993-12-24T22:21:37","modified_gmt":"1993-12-24T22:21:37","slug":"ausbildung-und-praxis-schock-missverhaeltnis-zwischen-berufserwartung-ausbildung-und-berufsalltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3737","title":{"rendered":"Ausbildung und &#8218;Praxis-Schock&#8216; &#8211; Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen Berufserwartung, Ausbildung und Berufsalltag"},"content":{"rendered":"<h3>von Burkhardt Opitz<\/h3>\n<p>Wenn sich heute junge Schulabg\u00e4nger f\u00fcr den Polizeiberuf entscheiden, geschieht dies in der Regel aus zwei Hauptgesichtspunkten. Zum einen ist das Interesse durch Eltern, Verwandte oder Bekannte, die selbst den Polizeiberuf aus\u00fcben, geweckt worden, zum anderen auf die in der \u00d6ffentlichkeit durchgef\u00fchrten Werbekampagnen der Einstellungsreferate der L\u00e4nderpolizeien. Insbesondere aus dem zweiten Punkt ergeben sich Ans\u00e4tze f\u00fcr den sp\u00e4teren &#8218;Praxis-Schock&#8216;.<\/p>\n<p>Seitens der Medien bzw. durch Einstellungsberater der Polizei wird insbe-sondere mit folgenden Punkten geworben: Den Berufsanf\u00e4nger erwarten Per-spektiven, wie etwa ein vielseitiges Bet\u00e4tigungsfeld in interessanten Aufga-benbereichen, g\u00fcnstige und z\u00fcgige berufliche Aufstiegschancen sowie eine \u00fcberdurchschnittliche finanzielle Ausbildungsverg\u00fctung. Desweiteren werden \u00fcberwiegend T\u00e4tigkeiten des polizeilichen Einzeldienstes vorgestellt.<!--more--><\/p>\n<p>Entscheidet sich ein jugendlicher Schulabg\u00e4nger &#8211; in der Regel im Alter von 16 Jahren mit absolvierter mittlerer Reife &#8211; f\u00fcr eine Ausbildung im mittleren Dienst der Schutzpolizei\/Polizeiverwaltung, so erwartet ihn nach bestandener Einstellungspr\u00fcfung und gesundheitlicher Eignung eine dreij\u00e4hrige Ausbildung. Neben der Vermittlung polizeispezifischer Rechtsf\u00e4cher werden insbesondere Grundlagen im Hinblick auf praktische Dienstkunde auch Grundlagen demokratischer Rechtsstaatlichkeit und Gepflogenheiten gelehrt. Erg\u00e4nzt werden diese grundlegenden Dinge durch Ausbildungsinhalte wie z.B. einsatzbezogenes Training\/Formalausbildung, Verhaltenstraining, psychologische Schulung und Konfliktbew\u00e4ltigung sowie Absolvierung mehrw\u00f6chiger Berufs- und Sozialpraktika. Weiterhin werden ebenfalls allgemeinbildende F\u00e4cher wie Deutsch, Englisch und Geschichte erg\u00e4nzt bzw. erweitert.<\/p>\n<h4>Vom Motivationsverlust&#8230;<\/h4>\n<p>Bei der \u00fcberwiegend theoretisch gehaltenen Ausbildungsstruktur kommt es schon sehr fr\u00fch zu dem Problem, die urspr\u00fcngliche Motivation, den Polizeiberuf zu ergreifen, mit der tats\u00e4chlichen Ausbildung in \u00dcbereinstimmung zu bringen. Insbesondere deshalb, weil f\u00fcr den kritischen Auszubildenden ersichtlich wird, da\u00df das eingesetzte Ausbildungspersonal bei der Vermittlung von praxisorientierten Inhalten nicht immer auf dem aktuellen Stand der \u00f6f-fentlichen Diskussion ist. Selbst die praxisorientierten Ausbildungsabschnitte lassen sich in ihrem Ablauf nicht mit dem Idealbild und der bisherigen Vor-stellung davon, was es hei\u00dft Polizeibeamter\/in zu sein, in Einklang bringen. Die praxisorientierte Ausbildung ist z.Zt. vom Grundsatz nicht so struktu-riert, da\u00df bestimmte Inhalte zwingend vermittelt werden m\u00fcssen. Vielmehr liegt es am erlebten &#8218;Tagesgesch\u00e4ft&#8216; (z.B. Begleitung einer Funkstreife \/Gruppenstreife), was die Auszubildenden f\u00fcr ihren sp\u00e4teren beruflichen Ein-satz lernen. Hier h\u00e4ngt es an der Gutwilligkeit der jeweiligen Stammbesatzung, inwieweit Erkl\u00e4rungen zu Hintergr\u00fcnden beim Einschreiten in bestimmten polizeilichen Lagen gegeben werden. Durch den hierarchischen Aufbau der Polizei in Befehl- und Unterstellungsverh\u00e4ltnis und die allgemeine Unsicherheit der Auszubildenden, wird von deren Seite die in der Theorie erlernte polizeiliche Praxis im Hinblick auf die Fertigung von spezifischen Formularen und den Umgang mit den B\u00fcrgern nicht hinterfragt.<\/p>\n<p>Durch eine stetige Erweiterung der Ausbildungskapazit\u00e4t f\u00fcr den vermehrten Bedarf an Polizeibeamten\/innen und ein Abdriften in einen reinen Schulbetrieb ist im Rahmen der Ausbildung eine individuelle Betreuung der Dienstanw\u00e4rter\/innen seitens der Fachausbilder oder der Fachlehrer kaum noch m\u00f6glich. Bestimmte Defizite und Unklarheiten der Auszubildenden k\u00f6nnen so nur in den wenigsten F\u00e4llen erkannt bzw. ausger\u00e4umt werden. Dieser Umstand schl\u00e4gt sich nach Beendigung der Ausbildung in der praktischen Umsetzung des Erlernten oftmals negativ nieder.<\/p>\n<p>Weiterhin erscheint es wichtig, darauf hinzuweisen, da\u00df die Polizeisch\u00fc-ler\/innen nach Beendigung ihrer Ausbildung nicht nur in den vermehrt ver-mittelten Einzeldienst (Funkstreifendienst) entsandt werden, sondern in glei-chem Ma\u00dfe auch zu &#8218;Geschlossenen Einheiten&#8216; (GE) kommen. Die T\u00e4tigkeiten in beiden Bereichen weichen jedoch erheblich voneinander ab. Bestim-men im Einzeldienst selbst\u00e4ndige und oftmals auch schon eigenverantwortliche T\u00e4tigkeiten direkt &#8222;am B\u00fcrger&#8220; den t\u00e4glichen Arbeitsablauf, so liegt beim Dienst in den &#8218;Geschlossenen Einheiten&#8216; der Bereitschaftspolizei der Schwer-punkt der T\u00e4tigkeiten im Verband oder der Gruppe. Ein direkter Kontakt zum B\u00fcrger und Einzelnen ist dabei leider oft nicht gegeben. Konfliktsituationen werden und k\u00f6nnen nicht praktisch aufgearbeitet werden. Der\/die einzelne Polizeibeamte\/in kommt somit gerade im Anfang seines\/ihres Berufslebens nicht in erforderlichem Ma\u00dfe dazu, die erlernten fachtheoretischen Inhalte umzusetzen. Dies f\u00fchrt insbesondere in den &#8218;Geschlossenen Einheiten&#8216; bereits zu Beginn der Laufbahn zu starken Motivationsverlusten und einer hohen Frustration.<\/p>\n<h4>&#8230; zum &#8218;Praxis-Schock&#8216;<\/h4>\n<p>Erf\u00e4hrt der\/die Beamte\/in im Einzeldienst eine unmittelbare Bewertung sei-ner\/ihrer T\u00e4tigkeiten durch den B\u00fcrger bzw. Vorgesetzten, ist dies in den GE erst nach l\u00e4ngerer Beobachtungszeit durch die jeweiligen Vorgesetzten m\u00f6glich. Au\u00dferdem sind der im Rahmen der Ausbildung vermittelte &#8222;Teamgeist&#8220; und das kooperative Verhalten in den festen Strukturen der GE nicht immer erw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Leider neigen insbesondere dienst\u00e4ltere Kollegen\/innen oft auch dazu, jungen Mitarbeiter\/innen unliebsame und stupide T\u00e4tigkeiten zu \u00fcbertragen. Es er-scheint nicht logisch, warum gerade die &#8218;Neuen&#8216; im vermehrten Ma\u00dfe z.B. die vollen M\u00fclleimer entleeren oder im Einsatz den auf Dauer recht unhandlichen und schweren Feuerl\u00f6scher tragen m\u00fcssen. Auch hier werden Frustrationen und &#8218;Schockerlebnisse&#8216; hervorgerufen.<\/p>\n<p>Ein weiterer Umstand f\u00fcr das krasse Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen prophezeiter und tats\u00e4chlicher T\u00e4tigkeit wird im Bereich der Polizeiverwaltung deutlich. Es ist keine Seltenheit, da\u00df aufgrund der Personalknappheit neue Mitarbeiter\/innen schon kurz nach Beendigung der eigenen Ausbildung (und ohne da\u00df ihnen hier gen\u00fcgend Einarbeitungszeit zur Verf\u00fcgung gestanden h\u00e4tte) selbst mit herangezogen werden, im Rahmen von Praktika neue Auszubildende anzulernen bzw. anleiten zu m\u00fcssen. Hinzu kommen dann auch noch sogenannte gut gemeinte Ratschl\u00e4ge dienst\u00e4lterer Kollegen, &#8222;keine neuen Sitten einzuf\u00fchren&#8220; bzw. im Hinblick auf gezeigten Arbeitseifer und Kreativit\u00e4t neuer junger Mitarbeiter\/innen &#8222;die Preise nicht zu versauen&#8220;. Aus den vorgenannten Einzeldarstellungen ergibt sich zwangsl\u00e4ufig ein Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen den Vorstellungen vom Polizeiberuf und der tats\u00e4chlichen t\u00e4glichen Dienstverrichtung, kurz zu beschreiben als der &#8218;Praxis-Schock&#8216;. Das \u00fcber-wiegend jugendliche Alter der Beamten\/innen nach Beendigung der Ausbildung und das hautnahe Erleben von Ver\u00e4nderungen im Sozial- und Freizeitverhalten lassen eine Abfederung dieses Praxis-Schocks oftmals nicht zu.<\/p>\n<p>Da im allgemeinen Schulsystem der Bundesrepublik heute die intellektuellen Voraussetzungen nicht mehr in ausreichendem Ma\u00dfe vermittelt werden, hat dies auch Auswirkungen auf die Pers\u00f6nlichkeit der Berufsanf\u00e4nger. Dabei ist es im Beruf des\/der Polizeibeamten\/in besonders wichtig, das Wechselspiel von Kritik und Anerkennung zu beherrschen. Polizisten\/innen haben im Einsatz B\u00fcrgerkontakte, die nicht selten von Aggressionen gekennzeichnet sind. Dies l\u00e4\u00dft die euphorische Grundhaltung bei der Wahl des Polizeiberufs sehr schnell in einen ged\u00e4mpften Arbeitswillen umschlagen.<\/p>\n<p>Ans\u00e4tze bei der \u00c4nderung der polizeilichen Ausbildung lassen f\u00fcr die Zukunft betrachtet leider keine Besserung erkennen.<\/p>\n<h5>Burkhardt Opitz ist Landesjugend-vorsitzender der &#8218;Jungen Gruppe&#8216; in der &#8218;Gewerkschaft der Polizei Berlin&#8216; (GdP)<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Burkhardt Opitz Wenn sich heute junge Schulabg\u00e4nger f\u00fcr den Polizeiberuf entscheiden, geschieht dies in<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,52],"tags":[],"class_list":["post-3737","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-046"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3737","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3737"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3737\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3737"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3737"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3737"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}