{"id":3741,"date":"1993-08-24T22:24:27","date_gmt":"1993-08-24T22:24:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3741"},"modified":"1993-08-24T22:24:27","modified_gmt":"1993-08-24T22:24:27","slug":"hochschulstudium-fuer-die-polizei-das-niedersaechsische-reformkonzept-fuer-die-polizeiausbildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3741","title":{"rendered":"Hochschulstudium f\u00fcr die Polizei &#8211; das nieders\u00e4chsische Reformkonzept f\u00fcr die Polizeiausbildung"},"content":{"rendered":"<h3>von Michael Rothschuh-Wanner<\/h3>\n<p>In einem umfassenden Verfahren hat die rot-gr\u00fcne Landesregierung in Niedersachsen eine Reform der Polizei vorbereitet. Ein wesentlicher Bestandteil ist dabei die Neugestaltung der Polizeiausbildung. Die grundlegende Ausbildung soll danach als Studium an einer Fachhochschule stattfinden, die &#8211; jedenfalls nach der Absicht der VerfasserInnen des Konzepts &#8211; tats\u00e4chlich Hochschule und nicht einfach Polizeischule unter anderem Namen sein soll. Nach der Ver\u00f6ffentlichtung des Konzepts werden nun die Chancen seiner Umsetzung diskutiert.<\/p>\n<p>Den Ausgangspunkt der nieders\u00e4chsischen Reformbem\u00fchungen bildet die Ko-alitionsvereinbarung der SPD mit den GR\u00dcNEN von 1990. Sie markiert unter dem Leitbild einer &#8222;grundrechtsorientiert(en) und b\u00fcrgerfreundlich arbeitenden Polizei (B\u00fcrgerpolizei)&#8220; Eckpunkte f\u00fcr die Schwerpunktsetzung polizeilicher T\u00e4tigkeiten, eine straffere Organisation und eine Ausbildung der PolizistInnen, damit sie &#8222;zur L\u00f6sung von Konflikten bef\u00e4higt werden und nicht zur Angepa\u00dftheit und blo\u00dfem Funktionieren&#8220;. <!--more--><\/p>\n<p>Koordiniert von einer kleinen hauptamtlichen Gesch\u00e4ftsstelle erarbeitete eine zw\u00f6lfk\u00f6pfige Kommission aus Polizei- und Verwaltungsangeh\u00f6rigen sowie Wissenschaftlern auf dieser Grundlage umfangreiche Reformempfehlungen, die von einem Berufsbild der Polizei \u00fcber die Organisation, die Kriminalit\u00e4tsverh\u00fctung und -verfolgung und den geschlossenen Einsatz bis zur Aus- und Fortbildung reichen. Die Aussagen zur Aus- und Fortbildung basieren auf dem Untersuchungsbericht einer Arbeitsgruppe, die &#8211; ungew\u00f6hnlich f\u00fcr polizeibezogene Gruppen &#8211; plural zusammengesetzt war, von M\u00e4nnern und Frauen, aus den beiden Sparten Kriminal- und Schutzpolizei, aus Angeh\u00f6rigen aller Dienststufen vom mittleren bis zum h\u00f6heren Dienst. Neben den bei der Polizei und im Innenministerium Besch\u00e4ftigten geh\u00f6rte der Verfasser als Dozent einer \u00f6ffentlichen Fachhochschule dazu. W\u00e4hrend der neunmonatigen Arbeitszeit standen der Arbeitsgruppe innerhalb der Polizei fast alle T\u00fcren offen; so konnte der Verfasser als Polizei-Fremder z.B. im Unterricht von Landespolizeischule und Fachhochschule und in Auswahlgespr\u00e4chen f\u00fcr die Polizeischule hospitieren, Sch\u00fclerInnen und StudentInnen befragen sowie an einer Konferenz der Fachbereiche Polizei der Fachhochschulen f\u00fcr \u00f6ffentliche Verwaltung teilnehmen.<\/p>\n<p><strong>Heraus aus der Wagenburg<\/strong><\/p>\n<p>Die bisherige Ausbildung ist ein in sich weitgehend geschlossenes System: Polizisten lernen in Polizeieinrichtungen von Polizisten, was Polizisten von Polizisten in Polizeieinrichtungen gelernt haben usw. Dieses Modell gilt auf allen Stufen, von der Polizeischule und &#8222;Ausbildungshundertschaft&#8220; \u00fcber die Fachhochschule bis hin zur Polizeif\u00fchrungsakademie. Solch ein Ausbildungs-system &#8211; das auf milit\u00e4rische Urspr\u00fcnge zur\u00fcckzuf\u00fchren ist &#8211; kann sehr ef-fektiv sein, wenn es darum geht, Traditionen weiterzutragen und jemanden in den Polizeiapparat hineinzusozialisieren; es ist weniger geeignet, Herge-kommenes zu hinterfragen und neue Erkenntnisse zu erarbeiten. Auch tr\u00e4gt es nicht dazu bei, die Polizei in den gesellschaftlichen Dialog einzubeziehen. Im Gegenteil dr\u00e4ngt es die jungen Lernenden in eine &#8218;Wagenburg-Mentalit\u00e4t&#8216;, bei der andere Menschen zun\u00e4chst das &#8222;polizeiliche Gegen\u00fcber&#8220; sind. Die bisherige Ausbildung kann die PolizistInnen kaum zum Dialog und zum Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die von der Polizeiarbeit Betroffenen bef\u00e4higen, weil sie zu einer &#8218;Trennung der Lebenswelten&#8216; f\u00fchrt: fr\u00fche materielle Sicherheit wird eingetauscht gegen zugeteilte Freiheit; so sind die Lernenden schon vor der Vollj\u00e4hrigkeit Beamte mit einem spezifischen &#8222;Treueverh\u00e4ltnis&#8220; zum Staat und leben in kasernen\u00e4hnlichen Einrichtungen.<br \/>\nDabei ist die Ausbildung am herk\u00f6mmmlichen M\u00e4nnerleben orientiert, in dem die an einen Wohnort gebundene Familient\u00e4tigkeit allein Sache der Frauen ist. Frauen und solche M\u00e4nner, die f\u00fcr ihre Kinder sorgen, haben damit kaum Aufstiegschancen.<br \/>\nDie ggw. Ausbildung der Polizei pa\u00dft so zu einem Berufsbild, nach dem die Polizei durch milit\u00e4r\u00e4hnlichen Aufbau, die Geschlossenheit des Apparates und die Vorstellung gepr\u00e4gt ist, Polizeit\u00e4tigkeit sei blo\u00dfer &#8218;Vollzug&#8216; von Recht und Ordnung.<br \/>\nNach den Vorstellungen der Arbeitsgruppe soll die Ausbildung die Einbeziehung der PolizistInnen in die gesellschaftliche Kommunikation f\u00f6rdern und damit konkret eine &#8218;\u00d6ffnung der Polizei&#8216; bewirken. Sie soll deshalb nicht im Apparat selbst erfolgen; soll weder kaserniert noch vom normalen Lebensrhythmus getrennt sein und PolizistInnen als Lernende wie auch Lehrende sollen eng mit anderen Berufsgruppen zusammenarbeiten. Aus dem M\u00e4nnerberuf &#8218;Polizei&#8216; soll ein Beruf beider Geschlechter werden, in dem Polizistinnen durch Ausbildungsstruktur und -inhalte real gleiche Chancen &#8211; auch f\u00fcr den Aufstieg &#8211; haben. Daraus resultiert die Forderung, die Ausbildung nicht nur zum allgemeinen Bildungssystem hin zu &#8218;\u00f6ffnen&#8216;, sondern sie in dieses zu integrieren und damit die Polizeiausbildung aus ihrem Sonderstatus herauszul\u00f6sen.<br \/>\nDas Konzept orientiert sich an einem sich ver\u00e4ndernden Berufsbild, in dem PolizistInnen nicht mehr in erster Linie als Beamte in einem Polizei-&#8218;Apparat&#8216; fungieren, sondern zu Tr\u00e4gern eines anspruchsvollen Berufs mit einem fachlichen Profil werden, f\u00fcr das Schl\u00fcsselqualifikationen wie Flexibilit\u00e4t, Selbst\u00e4ndigkeit und eigenverantwortliches Handeln pr\u00e4gend sind. Ausbildung kann zu einem solchen Proze\u00df der &#8218;Professionalisierung&#8216; der Polizei nur einen Beitrag leisten, wenn zugleich die Polizeistruktur mehr eigenverantwortliche Teamarbeit statt blo\u00dfem Vollzug von Anordnungen erm\u00f6glicht, wenn also das konkrete polizeiliche Handeln erh\u00f6hte Qualifikationen auch abfordert. Die h\u00f6here Bewertung k\u00fcnftiger Polizeiarbeit schl\u00e4gt sich in der Einstufung polizeilicher Basisarbeit in den gehobenen Dienst nieder, wodurch der bisher dominierende mittlere Dienst langfristig wegf\u00e4llt.<br \/>\nDie Arbeitsgruppe hat daher f\u00fcr die Ausbildung zum mittleren Dienst an der Polizeischule nur \u00dcbergangsvorschl\u00e4ge entwickelt und sich auf die Ausbildung zum gehobenen Dienst als k\u00fcnftige Basisausbildung konzentriert. Der gehobene Dienst setzt nach dem Beamtenrecht eine fachhochschul-ad\u00e4quate Ausbildung voraus. Die Arbeitsgruppe will dies nicht als blo\u00df formale Bestimmung verstehen, sondern als Chance f\u00fcr eine wissenschaftlich begr\u00fcndete und praxisbezogene Ausbildung. Polizistinnen und Polizisten sollen k\u00fcnftig auch auf der Ebene der Ausbildungsanforderungen auf gleicher Stufe wie das mittlere Management in der Wirtschaft, wie Sozialp\u00e4dagogInnen, SozialarbeiterInnen und IngenieurInnen stehen.<br \/>\nDen Kern der k\u00fcnftigen Ausbildung bildet die Ausbildung auf dem Fachhochschul-Niveau. Dabei soll es grunds\u00e4tzlich um eine Grund-Ausbildung zum Beruf &#8218;Polizei&#8216; gehen; die differenzierenden Merkmale der Bereiche Schutz- und Kriminalpolizei k\u00f6nnen ihren Niederschlag in der Wahl der Schwerpunkte im Studium finden, f\u00fchren aber nicht zu unterschiedlichen Abschl\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Zwitterwesen: Fachhochschule der Polizei<\/strong><\/p>\n<p>Seit 15 Jahren gibt es Verwaltungsfachhochschulen mit Fachbereichen Polizei oder Fachhochschulen f\u00fcr die Polizei. Diese haben \u00fcberwiegend &#8218;Aufsteiger&#8216; aus dem mittleren Dienst weitergebildet. Nur f\u00fcr das Bundeskriminalamt und zeitweise in einzelnen L\u00e4ndern f\u00fcr die Schutz- und Kriminalpolizei gab es sog. &#8218;Direkteinsteiger&#8216;, d.h. BewerberInnen, die nicht aus der Polizei kamen.<\/p>\n<p>Die Verwaltungsfachhochschulen sind Ende der 70er Jahre auf der Grundlage des Beamtenrechtsrahmengesetzes (BRRG) f\u00fcr die Laufbahnen des gehobenen nichttechnischen Dienstes gegr\u00fcndet worden (Verwaltung, Rechtspflege, Polizei, Forst, Bibliothekswesen usw.). Einige dieser Studieng\u00e4nge gibt es mittlerweile auch an \u00f6ffentlichen Fachhochschulen. Verwaltungsfachhochschulen geh\u00f6ren zwar zum Geltungsbereich des Hochschulrahmengesetzes, sind aber vorwiegend den Fachministerien unterstellt, was sich &#8211; in den Bundesl\u00e4ndern in unterschiedlichem Ma\u00df &#8211; auf die Berufungsverfahren, die Zusammensetzung des Lehrk\u00f6rpers, die Freiheit der Forschung und Forschungsm\u00f6glichkeiten, die Freiheit der Lehre und des Studiums, Pr\u00fcfungsverfahren und Wahlm\u00f6glichkeiten der Studierenden auswirkt. Die Studieng\u00e4nge sind nach dem BRRG grunds\u00e4tzlich in Form eines dreij\u00e4hrigen Vorbereitungsdienstes mit mindestens 12 Monaten berufspraktischer T\u00e4tigkeit ausgestaltet; das bedeutet, da\u00df die Studierenden als Beamte auf Widerruf eingestellt werden.<\/p>\n<p>In Niedersachsen ist am Fachbereich Polizei von einer &#8218;Hochschule&#8216; kaum etwas zu sp\u00fcren: Der Fachbereich ist &#8222;polizeiliche Einrichtung&#8220;, die theoretisch auch in Einsatzpl\u00e4ne einbezogen werden kann. Es gibt keine ProfessorInnen; fast alle Lehrenden, auch f\u00fcr Rechts-F\u00e4cher sind abgeordnete Polizeibeamte &#8211; die Schutzpolizisten unter ihnen unterrichten in Uniform. \u00dcber den Lehrplan bestimmt das Innenministerium. Die Lernenden haben Pr\u00e4senzpflicht und keine Wahlm\u00f6glichkeit von Veranstaltungen. Pr\u00fcfungen finden nur in Form von Klausuren statt, es gibt keine Diplomarbeiten. Es gibt praktisch keine Forschungsm\u00f6glichkeiten und auch keine Studentinnen und Studenten, sondern &#8222;studierende Beamte&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Auf dem Weg zu einer Hochschule<\/strong><\/p>\n<p>Aufgrund ihrer Struktur sind die Verwaltungshochschulen und insbesondere die Fachbereiche Polizei abgekoppelt von der Entwicklung der \u00f6ffentlichen Fachhochschulen, die sich seit 1970 von umbenannten Ingenieurschulen und Akademien zu weithin anerkannten Hochschulen gewandelt haben. Kritik an diesen Verh\u00e4ltnissen und Ans\u00e4tze zur Ann\u00e4herung an die Hochschulen sind zwar vorhanden, aber rar:<br \/>\n&#8211; in einzelnen Bundesl\u00e4ndern haben die Verwaltungsfachhochschulen den Status der rechtf\u00e4higen K\u00f6rperschaft zuerkannt bekommen;<br \/>\n&#8211; an vielen Fachbereichen werden zumindest in Ann\u00e4herung an die hoch-schulrechtlichen Regelungen ProfessorInnen berufen;<br \/>\n&#8211; w\u00e4hrend die allgemeinen Studienbedingungen sehr von beamtenrechtlichen Einfl\u00fcssen und \u00fcberfrachteten (aufsichtsbeh\u00f6rdlich genehmigten) Studienpl\u00e4nen beeinflu\u00dft sind, gibt es zumindest Versuche zur Lockerung der Pr\u00e4senzpflicht und zur Wahl von Lehrveranstaltungen.<br \/>\nVerbreitet ist die Forderung nach einer &#8218;\u00d6ffnung&#8216; der Fachhochschulen; dies geht hin bis zu Vorstellungen, da\u00df auch andere als PolizeibeamtInnen an den Fachbereichen Polizei der Verwaltungsfachhochschulen studieren k\u00f6nnen oder der Studiengang auch f\u00fcr die privaten Sicherheitsdienste ausbilden sollte.<br \/>\nDie externe L\u00f6sung wird zwar diskutiert, aber es liegt bisher kein konkreter Vorschlag f\u00fcr eine &#8218;externe&#8216; Fachhochschule der Polizei vor.<\/p>\n<p>Trotz aller Reformbestrebungen ist die Umwandlung von einer &#8218;Beamten-Schul-Anstalt&#8216; zu einer selbstverwalteten \u00f6ffentlichen Hochschule bisher nirgends gelungen, denn es gibt systembedingte Schranken. Soll n\u00e4mlich die Dienstaufsicht des Innenministeriums Bedeutung behalten, so ist es geradezu notwendig, die Freiheit von Forschung, Lehre und Studium einzuschr\u00e4nken.<br \/>\nAm deutlichsten werden die Grenzen des internen Modells beim Status der Studierenden, die bei der Aufstiegsausbildung vom mittleren Dienst als Beamte zum Studium abgeordnet werden und beim Direkteinstieg zu Beamtenanw\u00e4rterInnen ernannt werden:<br \/>\n&#8211; das f\u00fcr die Einstellung als BeamtIn notwendige Auswahlverfahren entwertet somit das Studium und die Pr\u00fcfungen, weil die Eignung schon bescheinigt wird, bevor sie im Studium erworben werden kann;<br \/>\n&#8211; der Beamtenstatus r\u00fcckt die Studierenden in eine Sonderstellung gegen\u00fcber allen anderen Studierenden und bedeutet (gerade f\u00fcr Polizeibeamte, die z.B. eine Strafverfolgungspflicht haben), eine dem Sinn des Studiums zuwiderlau-fende Einschr\u00e4nkung von Freiheit und Eigenverantwortlichkeit.<\/p>\n<p><strong>Studienfach Polizei<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeitsgruppe hat deshalb einen &#8222;qualitativen Sprung&#8220; von Modifikationen der internen Fachhochschule zur \u00f6ffentlichen Fachhochschule vorgeschlagen, der verhindern soll, da\u00df Reformen aufgrund der personellen, rechtlichen und organisatorischen Grundstrukturen der internen Fachhochschule zu kosmetischen Operationen verkommen:<br \/>\n&#8211; Das Studium findet als &#8217;normaler&#8216; Studiengang an Fachbereichen Polizei der \u00f6ffentlichen Fachhochschulen statt.<br \/>\n&#8211; Die Studierenden sind StudentInnen und nicht BeamtInnen &#8211; ihnen wird aber ein Stipendium angeboten, damit der Studiengang gegen\u00fcber dem Beamtenstudium in den anderen Bundesl\u00e4ndern konkurrenzf\u00e4hig bleibt. Mithilfe der Vergabe des Stipendiums kann in einer \u00dcbergangszeit der Staat auch Einflu\u00df auf die Zusammensetzung der StudentInnenschaft in dem Studiengang nehmen.<br \/>\n&#8211; Die Lehrenden werden auf Vorschlag der Fachhochschule vom Wissen-schaftsministerium berufen. Sie brauchen als ProfessorInnen eine wissen-schaftliche Qualifikation und berufliche Erfahrungen. Die Arbeitsgruppe schl\u00e4gt nun eine Regelung vor, wonach insb. in spezifischen Polizeif\u00e4chern auch qualifizierte PolizistInnen zu ProfessorInnen oder DozentInnen auf Zeit berufen werden k\u00f6nnen. Eine Reihe von PolizeibeamtInnen in Niedersachsen hat neben ihrem Beruf bereits ein Studium absolviert und ist damit m\u00f6glicherweise besonders f\u00fcr Lehrt\u00e4tigkeiten qualifiziert. Die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr ein Studium neben der Polizeit\u00e4tigkeit sollen erweitert werden.<br \/>\n&#8211; Die Fachhochschule soll eng mit der Polizeipraxis zusammenarbeiten, aber nicht mit ihr vermengt werden, weil die Hochschule ihre eigene Professiona-lit\u00e4t braucht, die nicht identisch mit der des &#8218;Abnehmers&#8216; ist. Nur so ist freie praxisbezogene Forschung m\u00f6glich, sind Lehre und Praxis in kritischem wechselseitigem Bezug zu gestalten.<\/p>\n<p>Die Rechtsgrundlage f\u00fcr ein solches Modell bietet neben dem Hochschul-rahmengesetz das BRRG, das verschiedene M\u00f6glichkeiten der Fachhoch-schulausbildung aufzeigt. So kommt ein achtsemestriges Studium mit 12 Monaten integrierter Praxiszeit ebenso in Frage wie ein Sechs-Semester-Studium mit einem anschlie\u00dfenden Vorbereitungsdienst von einem Jahr. Das zweite Modell ist analog zum Lehrerstudium, zum Studiengang Sozialwesen und zur Juristenausbildung aufgebaut und sieht vor, da\u00df die Studierenden nach ihrem Diplom zu Beamtenanw\u00e4rterInnen ernannt werden.<\/p>\n<p>Fachhochschul-Studium und Vorbereitungsdienst<\/p>\n<p>6 Mon. Vorprakt. Polizei, Soz. Dienste, Verw.<br \/>\n2 Sem. Grundstudium mit Praktika Status<br \/>\nStudentIn<br \/>\n4 Sem. Hauptstudium mit Projekten und<br \/>\nSchwerpunkten<br \/>\nDiplomarbeit und -pr\u00fcfung<br \/>\n1 Jahr Vorb.-Dienst Status<br \/>\nLaufbahnpr\u00fcfung Beamtenanw\u00e4rterIn<\/p>\n<p>Das Grundstudium soll in die Aufgaben der Polizei, ihre Berufsrolle, Ge-schichte und gesellschaftliche Funktion einf\u00fchren. Im Hauptstudium sollen Schwerpunkte und Projekte gew\u00e4hlt werden k\u00f6nnen. Lernbereiche sind vor allem: &#8218;Theorie und Praxis der Polizei&#8216;, &#8218;Gesellschaft&#8216; und &#8218;Recht&#8216;. Projekte sollen auch in Zusammenarbeit mit anderen Fachbereichen der Fachhochschule entwickelt werden k\u00f6nnen, z.B. zur Stadt- und Verkehrsplanung zusammen mit Fachbereichen des Bauwesens, zur Diversion mit Fachbereichen des Sozialwesens, zur Wirt-schaftskriminalit\u00e4t mit einem Wirtschafts-Fachbereich. Mit Projekten und der das Studium abschlie\u00dfenden Diplomarbeit k\u00f6nnen StudentInnen in die poli-zeibezogene Forschung einbezogen werden, die integraler Bestandteil der Arbeit an einem Fachbereich Polizei wird.<\/p>\n<p>Der an das Studium anschlie\u00dfende Vorbereitungsdienst oder &#8211; im ersten Modell &#8211; die staatliche Abschlu\u00dfpr\u00fcfung sichert die staatlichen Interessen an der Absicherung der f\u00fcr die Polizei erforderlichen Qualifikationen. Dieses Modell ist analog auch auf die &#8218;AufsteigerInnen&#8216; aus dem mittleren Dienst anwendbar, die mit Hilfe einer Einstufungspr\u00fcfung mit dem dritten Semester beginnen k\u00f6nnen und f\u00fcr das Studium unter Fortzahlung der Dienstbez\u00fcge beurlaubt werden m\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p>Das Konzept baut auf einer schon klassischen Kritik an der Polizeiausbildung auf, in der die milit\u00e4rische Pr\u00e4gung, die &#8218;Ghetto&#8216;-Situation der Ausbildung und die Randstellung der Sozialwissenschaften moniert werden. Mit dem Modell einer konsequenten Integration in das Hochschulsystem stellt es nach Ansicht des Verfassers einen praktikablen L\u00f6sungsentwurf vor, der die Strukturen der Ausbildung so nachhaltig \u00e4ndert, da\u00df der Rahmen f\u00fcr eine innere Entwicklung hin zu einer hochschulad\u00e4quaten beruflichen Qualifizierung geschaffen wird, w\u00e4hrend Forderungen nach einer &#8218;\u00d6ffnung&#8216; bei vorgegebenen Strukturen zumeist allein appellativen Charakter haben.<\/p>\n<p>Empfehlungen der Reformkommission<\/p>\n<p>Die Reformkommission hat aus den Ergebnissen der Arbeitsgruppen ein Ge-samtkonzept entwickelt, in dem das Ausbildungsmodell in korrespondierende Reformbestrebungen eingebunden wird:<br \/>\n&#8211; ein neu formuliertes Berufsbild,<br \/>\n&#8211; eine Verschlankung der Organisationsstruktur der Polizei,<br \/>\n&#8211; eine Aufwertung des polizeilichen Einzeldienstes, f\u00fcr den h\u00f6here Qualifi-kation und insb. soziale Kompetenz erforderlich ist,<br \/>\n&#8211; eine Reduzierung der Bedeutung der Bereitschaftspolizei,<br \/>\n&#8211; eine Kriminalit\u00e4tsverh\u00fctung und -verfolgung, die den PolizistInnen in Re-pression, Pr\u00e4vention und Diversion eine h\u00f6here Veranwortung gibt.<\/p>\n<p>In ihren Empfehlungen zur Ausbildung schlie\u00dft sich die Kommission der Ar-beitsgruppe weitgehend an und \u00fcbernimmt insbesondere auch die Kritik an der bisherigen Ausbildung. Die \u00dcberf\u00fchrung der Ausbildung in \u00f6ffentliche Fachhochschulen wurde unter dem Stichwort der &#8222;Externalisierung&#8220; Kern der Diskussion. Grunds\u00e4tzlich hat sich die Mehrheit der Kommission f\u00fcr das Ziel einer externen Fachhochschule ausgesprochen, sie schlie\u00dft sich auch der For-derung nach einem &#8222;qualitativen Sprung&#8220; zu einer \u00f6ffentlichen Fachhochschule an, in der die Studierenden nicht mehr Beamte sind.<br \/>\nAls &#8218;erster Schritt&#8216; wird dann die &#8222;weitestgehende Autonomie f\u00fcr den Fach-bereich Polizei&#8220; an der bestehenden Verwaltungsfachhochschule angesehen. Die Kommission formuliert nicht, wie der &#8222;zweite Schritt&#8220; aussehen kann; es werden auch keine institutionellen und rechtlichen Sicherungen weder f\u00fcr den ersten noch f\u00fcr weitere Schritte festgelegt.<\/p>\n<p><strong>Diskussion und Perspektiven<\/strong><\/p>\n<p>Kritische Argumente zum Polizei-Studium an einer \u00f6ffentlichen Fachhochschule werden u.a. hinsichtlich der Gewinnung des Polizei-Nachwuchses und zur Zukunftssicherung der Studierenden vorgebracht.<br \/>\nIn der Tat mu\u00df sich die Polizei bei einer Normalisierung ihrer Ausbildung einem Wettbewerb der Studieng\u00e4nge wie der Berufe stellen, bei dem nicht so sehr eine Absicherung von der Ausbildung bis zur Pension Anreize bietet, sondern eine inhaltlich qualfizierte und angemessen bezahlte Berufst\u00e4tigkeit. Nicht auszuschlie\u00dfen ist auch ein Wettbewerb der Nachfrager nach Absol-ventInnen des Polizeistudiums durch die Konkurrenz von privaten Sicher-heitsdiensten und Staat. (Aber auch jetzt k\u00f6nnen PolizistInnen, die sich ihre Ausbildung vom Staat haben zahlen lassen, zu den Sicherheitsdiensten wech-seln.)<\/p>\n<p>Was aus der Reform am Ende wirklich wird, h\u00e4ngt sehr von der Interessenlage der Beteiligten ab:<br \/>\n&#8211; Seitens des Innenministeriums gibt es deutliche Sorgen, die Kontrolle \u00fcber die Ausbildung zu verlieren. Ein Anreiz zur Ver\u00e4nderung k\u00f6nnte jedoch im finanziellen Bereich liegen: Das Doppelsystem von \u00f6ffentlichen Fachhochschulen und Verwaltungsfachhochschulen mit beamteten Studierenden und vom Dienst freigestellten lehrenden Polizeibeamten ist im Verh\u00e4ltnis zum Ertrag au\u00dferordentlich teuer. Eine Reform der Ausbildungstrukturen spart &#8211; langfristig &#8211; Kosten, weil sie Umwege und Sackgassen vermeidet und die Externalisierung der Fachhochschulausbildung auch die Externalisierung der Kosten bedeutet.<br \/>\n&#8211; Die Interessenlage der Lehrenden (und Lernenden) im Polizeibereich ist am-bivalent; die gr\u00f6\u00dfere Selbst\u00e4ndigkeit d\u00fcrfte eher Anklang finden als die m\u00f6gliche Abkopplung von Privilegien, und sei es nur die Polizeidienstzulage, das Anw\u00e4rtergehalt oder das Recht, mit 60 Jahren pensioniert zu werden. Allerdings lehren an den Polizei-Fachbereichen viele, die nie an einer Hoch-schule studiert haben; sie werden kaum Motor zur Entwicklung zu einer Hochschule sein; anders die, die sich neben dem Polizeiberuf eine wissen-schaftliche Qualifikation erworben haben.<br \/>\n&#8211; Die PolizistInnen haben \u00fcberwiegend das Interesse an der H\u00f6herstufung ihrer T\u00e4tigkeit, nicht aber (in gleichem Ma\u00dfe) an der daf\u00fcr erforderlichen h\u00f6heren Ausbildung.<br \/>\n&#8211; Auch seitens der \u00f6ffentlichen Fachhochschulen gibt es Schwierigkeiten, das Polizeistudium als vollwertiges Studium anzuerkennen und sich um einen Fach-bereich Polizei zu bewerben.<\/p>\n<p>Die vorgeschlagene Strukturreform w\u00fcrde die polizeiliche Ausbildung an das allgemeine Bildungswesen und damit die Polizei an andere gesellschaftliche Lebensbereiche heranf\u00fchren. Dies k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, da\u00df ein ver\u00e4nderter &#8218;Beruf&#8216; Polizei an Ansehen gewinnt und der gesellschaftliche Dialog erleich-tert w\u00fcrde. Die Reform w\u00fcrde den Polizeiberuf f\u00fcr engagierte, qualfizierte und selbstbewu\u00dfte junge Menschen attraktiver machen, aber auch liebgewonnene Privilegien, Hierarchien, Denkstrukturen und den zentralen Verwal-tungsgrundsatz infragestellen. Dies wird ein Grund daf\u00fcr sein, da\u00df das vor-geschlagene Modell jedenfalls derzeit in einem entscheidenden Punkt, der Verlagerung der Polizeiausbildung an \u00f6ffentliche Fachhochschulen, nicht re-alisiert werden wird. Dennoch kann das Modell die Diskussion ver\u00e4ndern, indem es zu einer &#8222;Umkehr der Beweislast&#8220; f\u00fchrt. Mu\u00dften bisher alle noch so kleinen Ver\u00e4nderungen in Richtung auf eine hochschulgem\u00e4\u00dfe Ausbildung m\u00fchsam durchgesetzt werden &#8211; und sei es nur die Frage der Uniformpflicht f\u00fcr die studierenden PolizistInnen &#8211; so bedarf k\u00fcnftig die Abweichung von den normalen Hochschulstrukturen der gesonderten Begr\u00fcndung.<\/p>\n<h5>Prof. Michael Rothschuh-Wanner lehrt am Fachbereich Sozialp\u00e4dagogik der Fachhochschule Hildesheim\/Holz-minden und hat als &#8218;Externer&#8216; zusammen mit Polizeiangeh\u00f6rigen das Konzept der Arbeitsgruppe &#8218;Reform der Aus- und Fortbildung der Polizei&#8216; in Niedersachsen erarbeitet.<\/h5>\n<h6>Mit Fu\u00dfnoten im <a href=\"http:\/\/archiv.cilip.de\/Hefte\/CILIP_046.pdf\">PDF der Gesamtausgabe<\/a>.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Michael Rothschuh-Wanner In einem umfassenden Verfahren hat die rot-gr\u00fcne Landesregierung in Niedersachsen eine Reform<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,52],"tags":[],"class_list":["post-3741","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-046"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3741","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3741"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3741\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3741"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3741"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}