{"id":3754,"date":"1993-12-24T22:36:30","date_gmt":"1993-12-24T22:36:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3754"},"modified":"1993-12-24T22:36:30","modified_gmt":"1993-12-24T22:36:30","slug":"frauen-in-der-schutzpolizei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3754","title":{"rendered":"Frauen in der Schutzpolizei"},"content":{"rendered":"<h3>von Kea Tielemann<\/h3>\n<p>Frauen sind in der Polizei heute keine Seltenheit mehr. In der Kriminalpolizei sind sie bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts t\u00e4tig. Urspr\u00fcnglich kamen sie meist aus f\u00fcrsorgerischen Berufen und waren haupts\u00e4chlich in frauenspezifischen Bereichen wie der Bek\u00e4mpfung von Jugend- und Frauenkriminalit\u00e4t sowie der Betreuung jugendlicher und weiblicher Opfer eingesetzt. In die Schutzpolizei werden Frauen jedoch erst seit Ende der 70er Jahre eingestellt &#8211; abgesehen von einer kurzen Phase in der Nachkriegszeit, als ihnen aufgrund des M\u00e4nnermangels auch M\u00e4nnerberufe offenstanden.<\/p>\n<p>Als erstes Bundesland setzte 1978 Berlin mit der \u00dcbernahme von Politessen Frauen in der Schutzpolizei ein. Danach folgten 1979 Hamburg, 1981 Nie-dersachsen und Hessen sowie 1982 Nordrhein-Westfalen.<!--more--><\/p>\n<p>In den Bundesl\u00e4ndern Hamburg, Niedersachsen und Hessen wurden zun\u00e4chst Modellversuche durchgef\u00fchrt. Die Ausbildung war von Anfang an nahezu identisch mit jener der M\u00e4nner, mit der Ausnahme, da\u00df die Frauen in den ersten Jahren nicht f\u00fcr den Einsatz in &#8218;Geschlossenen Einheiten'(GE) ausgebildet wurden. Nach der Ausbildung verblieben sie daher auch nicht in der Be-reitschaftspolizei, sondern wurden direkt im Streifendienst eingesetzt. So sollten m\u00f6glichst schnell Erfahrungen mit dem Einsatz von Polizistinnen ge-wonnen werden. Au\u00dferdem waren bis Ende der 80er Jahre Eins\u00e4tze in &#8218;Geschlossenen Einheiten&#8216;, bei denen gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen nicht auszuschlie\u00dfen waren, nicht vorgesehen, da dies als mit der Frauenrolle unvereinbar galt.<\/p>\n<p>Die \u00fcbrigen Bundesl\u00e4nder warteten die Ergebnisse der Modellversuche ab. Nachdem diese durch den &#8218;Arbeitskreis II&#8216; (AK II) der Innenministerkonferenz 1986 positiv bewertet worden waren, nahmen 1986 auch das Saarland und Schleswig-Holstein sowie 1987 Baden-W\u00fcrttemberg, Bremen und Rhein-land-Pfalz Frauen in die Schutzpolizei auf. Am l\u00e4ngsten z\u00f6gerte Bayern, wo erst Anfang 1990 Schutzpolizistinnen eingestellt wurden. In den f\u00fcnf neuen Bundesl\u00e4ndern wurden mit der Neuorganisation der Polizei gleich auch weib-liche Auszubildende eingestellt.<\/p>\n<h4>Argumente<\/h4>\n<p>Hauptgrund f\u00fcr die Einstellung von Schutzpolizistinnen waren Rekrutie-rungsschwierigkeiten. Die Bef\u00fcrworter konnten sich in ihrer Argumentation allerdings zus\u00e4tzlich auf den Gleichberechtigungsgrundsatz st\u00fctzen. Sie be-tonten, da\u00df die Weigerung, Frauen in die Schutzpolizei einzustellen, mit Art. 3 des Grundgesetzes nicht zu vereinbaren sei. Au\u00dferdem zeigten Frauen seit den 70er Jahren infolge der Frauenbewegung zunehmend Interesse an &#8218;M\u00e4nnerberufen&#8216;.<\/p>\n<p>Innerhalb der Polizei gab es anfangs jedoch gr\u00f6\u00dfere Widerst\u00e4nde gegen die Aufnahme von Frauen, da diese aufgrund fehlender K\u00f6rperkraft, zu geringer psychischer Belastbarkeit und wegen familienbedingter Ausfallzeiten f\u00fcr die Schutzpolizei als nicht geeignet galten. Daneben wurde angef\u00fchrt, des wider-spreche der Frauenrolle, in gewaltt\u00e4tigen Situationen selbst Gewalt auszu\u00fcben. Zunehmend wird heute allerdings die Position vertreten, Frauen k\u00f6nnten diese Probleme durch Selbstverteidigungskurse und weibliches Verhalten, dem eine deeskalierende Wirkung zugeschrieben wird, ausgleichen. Hier zeigt sich eine Festschreibung des traditionellen Frauenbildes: Da zu den &#8218;frauenspezifischen&#8216; Eigenschaften ein gr\u00f6\u00dferes Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und ein geringeres Aggressionspotential gez\u00e4hlt werden, wird erwartet, da\u00df Polizistinnen z.B. bei Festnahmen beruhigend auf Straft\u00e4ter einwirken und diese allein durch Gespr\u00e4che bereits von Widerstand abhalten k\u00f6nnten. Insgesamt soll der Einsatz von Frauen zudem eine Verbesserung des Bildes der Polizei in der \u00d6ffentlichkeit nach sich ziehen und eine gr\u00f6\u00dfere Akzeptanz gegen\u00fcber polizeilichem Handeln in der Bev\u00f6lkerung erzeugen.<br \/>\nViele Polizistinnen sehen die indirekte Aufgabenzuschreibung auf soziale Konflikte kritisch. Sie betonen, keine Unterschiede in den Aufgaben zu wollen, da sie Konflikte mit ihren Kollegen f\u00fcrchten, die ihnen vorwerfen, bevorzugt zu werden und nur den &#8222;Sch\u00f6nwetterdienst&#8220; versehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<h4>Quotierungen<\/h4>\n<p>Bis Ende der 80er Jahre wurde in einigen Bundesl\u00e4ndern eine negative Quo-tierung praktiziert: So wurden z.B. in Hamburg bis 1987 max. 15 % und in Niedersachsen bis 1989 max. 30 % weibliche Auszubildende angenommen. Als anf\u00e4nglich wegen der geringen Einstellungszahl mehr als die H\u00e4lfte der Frauen das Abitur oder einen vergleichbaren Bildungsstand besa\u00dfen, wurde die Angst vor weiblichen F\u00fchrungskr\u00e4ften deutlich. So argumentierte z.B. 1982 der Leitende Polizeidirektor in Stuttgart, Horst Kraft, eine niedrige<br \/>\nFrauen in der Schutzpolizei &#8211; alte Bundesl\u00e4nder, Stand August 1991<\/p>\n<p>Bundes- Beginn der Anzahl Quotierung<br \/>\nland Einstellung<br \/>\nBaden- 9\/87 260 nein (Einstellungs-<br \/>\nW\u00fcrttemb. anteil &#8217;91 ca. 40 %)<\/p>\n<p>Bayern 3\/90 280 nein<\/p>\n<p>Berlin 10\/80 1078 nein<br \/>\n(10\/78: \u00dcbernahme (Einstellungsanteil<br \/>\nv. Politessen) seit &#8217;89 ca. 40 %)<\/p>\n<p>Bremen 9\/87 33 nein<\/p>\n<p>Hamburg 4\/79 ca. 500 bis &#8217;87: max. 15 %<\/p>\n<p>Hessen 10\/81 1204 nein (Einstellungsan-<br \/>\nteil seit &#8217;87 ca. 40 %)<\/p>\n<p>Nieder- 4\/81 614 bis &#8217;89: max. 30 %<br \/>\nsachsen (Einstellungsanteil<br \/>\nseit &#8217;90 ca. 40 %)<\/p>\n<p>Nordrhein- 10\/82 1776 bis &#8217;87: max. 20 %<br \/>\nWestfalen (Einstellungsanteil<br \/>\nseit &#8217;90 ca. 40 %)<\/p>\n<p>Rheinl.-Pf. 9\/87 276 nein<\/p>\n<p>Saarland 8\/86 60 nein<\/p>\n<p>Schleswig- 10\/86 185 bis &#8217;89: max. 25 %<br \/>\nHolstein<\/p>\n<p>BGS 10\/87 524 bis &#8217;89: 150 Fr.\/ Jahr<br \/>\ngesamt 6790<\/p>\n<p>Quelle: Tielemann, Kea: Ver\u00e4nderung von Rollenbildern durch Frauen in M\u00e4nnerberufen: Frauen als Schutzpolizistinnen, Diplomarbeit an der FU Berlin 1992<br \/>\nDie Tabelle wurde haupts\u00e4chlich erstellt unter Verwendung der Erfahrungsberichte des AK II der Innenministerkonferenz \u00fcber Frauen in der Schutzpolizei von 1986 und 1991.<br \/>\nQuote f\u00fchre &#8222;zu einer wesentlich besseren Auslese als bei den m\u00e4nnlichen Bewerbern, mit der Folge, da\u00df wir durchschnittlich vergleichsweise lei-stungsst\u00e4rkere Frauen in der Schutzpolizei haben werden, die bei gleichen laufbahnrechtlichen Bedingungen zu einem wesentlich h\u00f6heren Prozentsatz in Vorgesetztenfunktionen kommen werden.&#8220;<br \/>\nBisher ist diese Konkurrenzangst allerdings vollkommen unbegr\u00fcndet: So gibt es im h\u00f6heren Dienst der Schutzpolizei bundesweit nur drei Polizeir\u00e4tinnen, alle 1992 in Hessen eingestellt. Etwa seit Ende der 80er Jahre sind Quotierungen in allen Bundesl\u00e4ndern aufgehoben. In Zusammenhang mit der polizeiinternen Debatte um den Einsatzwert geschlossener Polizeiverb\u00e4nde ger\u00e4t sie ggw. jedoch erneut in die Diskussion, seit der Frauenanteil in den GE auf ca. 40% gestiegen ist. 1991 schwankte der Frauenanteil in der Schutzpolizei trotz der relativ hohen Einstellungszahlen noch zwischen 2 % (Saarland) und 8,49 % (Berlin). Derzeit arbeiten nach Gewerkschaftsangaben ca. 8.000 Frauen in der Schutzpolizei und ca. 4.500 bei der Kriminalpolizei. Die Gesamtzahl ist so gering, da\u00df derzeit durch Frauen kaum Auswirkungen auf die Polizei feststellbar sind. Auch wenn sich die Einstellungszahlen bei 40 % einpendeln sollten, ist davon auszugehen, da\u00df diese Zahl erst langfristig f\u00fcr die gesamte Schutzpolizei erreicht wird.<\/p>\n<h4>Chancengleichheit?<\/h4>\n<p>In den ersten Jahren waren die Schutzpolizistinnen aufgrund ihrer Minder-heiten- bzw. Au\u00dfenseiterinnenposition einem gro\u00dfen Erfolgsdruck ausgesetzt; besonders diejenigen, die an den Modellversuchen teilnahmen, standen unter st\u00e4ndiger Kontrolle. Um Akzeptanz und Anerkennung von den m\u00e4nnlichen Kollegen und Vorgesetzten zu erhalten, waren sie zur Anpassung gezwungen. Erst in j\u00fcngster Zeit werden sich Polizistinnen zunehmend bewu\u00dft, da\u00df ihre Probleme nicht individuell sind, sondern ihre Kolleginnen \u00e4hnliche Schwierigkeiten haben. Eva-Maria Wiegel, Psychologin an der Landespolizeischule Niedersachsen, bezweifelt, da\u00df Chancengleichheit derzeit f\u00fcr Frauen in der Schutzpolizei gegeben ist. Sie ist der Auffassung, da\u00df die Einrichtung von polizeilichen Gleichstellungsstellen f\u00fcr Frauen (z.B. in der Bereitschaftspolizei Nordrhein-Westfalens) auf vorhandene Diskriminierung hindeute. Auch weist sie auf das starke Interesse an Seminaren f\u00fcr Polizistinnen hin, etwa zum Thema &#8222;Rollenkonflikte &#8230; ein Selbstsicherheitstraining&#8220;, wie es im Juni 1989 in Niedersachsen durchgef\u00fchrt wurde. In diesen Seminaren werden die Funktionsweisen traditioneller Rollenbilder thematisiert, um die Gr\u00fcnde f\u00fcr berufliche Konflikte zu entdecken und neue Handlungsstrategien zu entwickeln. Ein wichtiger Aspekt hierbei ist die Neubestimmung des weiblichen Selbstwertes, der bisher am individuellen Aussehen und der Geltung bei den M\u00e4nnern festgemacht wurde. Ziel ist es, die Solidarit\u00e4t zwischen den Kolle-ginnen zu f\u00f6rdern. Wiegel machte jedoch die Erfahrung, da\u00df auch Polizistinnen, die an Frauenseminaren teilnehmen, anf\u00e4nglich eigene Rollenkonflikte heftig bestreiten und sogar erlebte Diskriminierungen leugnen.<\/p>\n<p>Erst im Oktober 1993 f\u00fchrte die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin ihr erstes Frauenforum durch. 75 der ca. 4.800 bei der Berliner Polizei besch\u00e4f-tigten Frauen diskutierten dort \u00fcber ihre beruflichen Probleme: Im Vordergrund stand die Forderung nach der Wahl einer Frauenvertreterin in der Berliner Polizei, die das Landesgleichstellungsgesetz vom Dezember 1990 vorsieht. Bisher wurde dies mit Verweis auf die noch ausstehende Strukturreform und eine fehlende Wahlordnung verhindert. Die Frauenvertreterin soll laut Gesetz nicht nur Ansprechpartnerin sein, sondern auch einen Frauenf\u00f6rderplan erstellen. Dieser soll u.a. die Personalstruktur analysieren, damit Ma\u00dfnahmen eingeleitet werden k\u00f6nnen, um die Unterrepr\u00e4sentanz von Frau-en in F\u00fchrungsfunktionen abzubauen (z.B. Weiterbildungsma\u00dfnahmen auch f\u00fcr Teilzeitbesch\u00e4ftigte, um einen mutterschaftbedingten Karriereknick zu verhindern). Zu den weiteren Problemen, die die Berliner Polizistinnen besch\u00e4ftigen, geh\u00f6ren frauenspezifische S\u00fcchte sowie insbesondere die sexuelle Bel\u00e4stigung am Arbeitsplatz. Hierbei verweisen sie auf eine Umfrage des DGB, wonach 99 % der befragten weiblichen Polizeibesch\u00e4ftigten mindestens einmal am Arbeitsplatz sexuell bel\u00e4stigt worden sind. Gefordert wird deshalb u.a., dieses Thema zu enttabuisieren und bei der Aus- und Fortbildung anzusprechen.<\/p>\n<h5>Kea Tielemann ist Mitarbeiterin der &#8218;Arbeitsgruppe B\u00fcrgerrechte&#8216; und Mit-herausgeberin von B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP<\/h5>\n<h6>Mit Fu\u00dfnoten im <a href=\"http:\/\/archiv.cilip.de\/Hefte\/CILIP_046.pdf\">PDF der Gesamtausgabe<\/a>.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Kea Tielemann Frauen sind in der Polizei heute keine Seltenheit mehr. 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