{"id":3763,"date":"1993-12-24T22:43:32","date_gmt":"1993-12-24T22:43:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3763"},"modified":"1993-12-24T22:43:32","modified_gmt":"1993-12-24T22:43:32","slug":"zum-verhaeltnis-zwischen-mitarbeiter-innen-und-vorgesetzten-bei-der-bereitschaftspolizei-erfahrungen-eines-zugfuehrers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3763","title":{"rendered":"Zum Verh\u00e4ltnis zwischen Mitarbeiter-Innen und Vorgesetzten bei der Bereitschaftspolizei &#8211; Erfahrungen eines Zugf\u00fchrers"},"content":{"rendered":"<h3>von Manfred Mahr<\/h3>\n<p>Im Gegensatz zu anderen Bundesl\u00e4ndern werden in Hamburg nur voll ausgebildete PolizeibeamtInnen in der Bereitschaftspolizei verwendet. Dar\u00fcber hinaus werden sie &#8211; \u00e4hnlich wie in Berlin &#8211; in bestimmten Abst\u00e4nden zur Unterst\u00fctzung des Reviereinzeldienstes herangezogen. Diese Bedingungen unterscheiden Hamburg positiv von der Situation in den Bereitschaftspolizeien der meisten anderen L\u00e4nder. Doch auch sie verm\u00f6gen die \u00fcblichen Spannungsfelder nicht aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die 18 &#8211; 20j\u00e4hrigen PolizeibeamtInnen, die ihren Dienst bei der &#8218;Bereit-schaftspolizeiabteilung Hamburg'(BPAH) beginnen, haben zun\u00e4chst ein Rol-lenverst\u00e4ndnis, das von ihrem Ausbildungswissen zwar beeinflu\u00dft wird, im wesentlichen aber gef\u00fchlsbetont (affektiv) bestimmt ist: &#8222;Die jungen Leute lernen das berufliche System an konkreten Handlungsfolgen. Gehorsam wird gelernt, indem Ungehorsam nachteilige Folgen hat. Auch die Vermittlung von Rechtskenntnissen geschieht vorwiegend affektiv, weil sie im Gehorsam gegen\u00fcber Bezugspersonen &#8230; gelernt wird. Die Wirkung ist affektiv, weil sie ein Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit und der Sicherheit vermittelt. Rollenorientierung verschafft kollektive Geborgenheit in der Berufsgruppe.&#8220;<!--more--><\/p>\n<h4>Wechselbeziehungen<\/h4>\n<p>Da der Beruf des Polizeibeamten \u00fcberwiegend ein Erfahrungsberuf ist, 20j\u00e4hrige \u00fcber diese Erfahrungen aber noch nicht verf\u00fcgen k\u00f6nnen, mu\u00df dieses Defizit kompensiert werden. In dieser Situation f\u00e4llt den Vorgesetzten eine herausragende Funktion zu, denn junge BeamtInnen orientieren sich anfangs sehr stark am Verhalten berufserfahrener KollegInnen. Welche Auswirkungen dies haben kann, konnte ich selbst feststellen, als ich 1990 von der Hamburger Polizeif\u00fchrung zur BPAH umgesetzt wurde. Hier verrichtete ich f\u00fcnfzehn Monate meinen Dienst als stellvertretender Zugf\u00fchrer.<\/p>\n<p>Der Ruf als Sprecher der &#8218;BAG Kritischer Polizisten und Polizistinnen&#8216; war mir &#8211; u.a. wegen meiner Kritik an geschlossenen Eins\u00e4tzen &#8211; bereits vorausgeeilt. Dies wurde von den BeamtInnen zun\u00e4chst mit deutlicher Verunsicherung aufgenommen. Aber sehr schnell fa\u00dften sie Vertrauen. Selbst daran, da\u00df w\u00e4hrend eines Einsatzes gelegentlich auch einmal ein Handschlag mit VertreterInnen der sog. &#8218;Szene&#8216; ausgetauscht wurde, gew\u00f6hnten sich meine neuen MitarbeiterInnen ungew\u00f6hnlich schnell. Die beklemmende Frage kam auf, wie weit mein Einflu\u00df als Vorgesetzter ggf. reichen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Von Anfang an war klar, da\u00df ich mir der BeamtInnen nicht aufgrund tieferer Einsicht sicher sein konnte. Als Vorgesetzter war man jedoch eine Bezugs-person, die Orientierung versprach. Gleichzeitig konnten sie davon ausgehen, da\u00df ich zu ihnen halten w\u00fcrde, solange der Rahmen vorgegebener Regeln nicht verlassen wurde. So gab es kaum nennenswerte Probleme &#8211; und das, obwohl mehrere brisante Eins\u00e4tze (Golfkriegsdemos, Hafenstra\u00dfe, Premiere &#8218;Phantom der Oper&#8216; usw.) unseren Alltag bestimmten. Nicht einmal meine massive \u00f6ffentliche Kritik an einer Durchsuchungsaktion des Bundeskriminalamtes in den H\u00e4usern an der Hamburger Hafenstra\u00dfe im Fr\u00fchjahr 1990 f\u00fchrte zum Vertrauensbruch.<\/p>\n<p>Mitunter packte uns alle auch schon einmal der sportliche Ehrgeiz, wenn es bei Eins\u00e4tzen galt, mit zwanzig BeamtInnen Demonstrierenden den Weg abzuschneiden &#8211; eben schneller zu sein. Schwei\u00dfgebadet verbreitete sich am Ziel dann ein Gef\u00fchl der Euphorie, geradeso als habe man einen gro\u00dfen Sieg errungen. Nun kam es darauf an, dieses Gef\u00fchl nicht \u00fcberhand nehmen zu lassen, so da\u00df Gelassenheit und Rollendistanz zur\u00fcckkehren konnten. In solchen F\u00e4llen wurde bald klar, da\u00df ein Vorgesetzter in diesen Situationen alles m\u00f6gliche von den MitarbeiterInnen h\u00e4tte verlangen k\u00f6nnen &#8211; sie h\u00e4tten es wahrscheinlich getan. Dies gilt erst recht f\u00fcr Situationen, die zu eskalieren drohten. Das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, das Bed\u00fcrfnis nach Sicherheit und Geborgenheit spielt f\u00fcr Polizeianf\u00e4ngerInnen dabei nat\u00fcrlicherweise eine bestimmende Rolle. Weil sie noch keine eigene Berufssicherheit haben (k\u00f6nnen), sind die meisten von ihnen auf die Zuwendung ihrer Vorgesetzten angewiesen. Ihrerseits belohnen sie diese Zuwendung wiederum mit der erwarteten Gegenleistung: Sie funktionieren.<\/p>\n<p>Dieser Mechanismus kann somit zur einen wie zur anderen Seite ausschlagen. Die negative Seite hat &#8218;die tageszeitung&#8216; in ihrem Lokalteil dokumentiert, als sie im vorigen Jahr einen &#8218;Erlebnisbericht&#8216; der 5. Hundertschaft der Hamburger Bereitschaftspolizei nachdruckte. Unter dem Titel &#8222;Mit Bepo-Tours unterwegs&#8220; wurde der Einsatz der 5. Hu-BPHA w\u00e4hrend des Weltwirtschaftsgipfels im Sommer 1992 in M\u00fcnchen beschrieben. V\u00f6llig losgel\u00f6st von jeglicher Rollendistanz und bar jeder politischen Sensibilit\u00e4t ist dort \u00fcber die &#8222;Traumdienstreise&#8220; zu lesen: &#8222;Die 5. Hundertschaft erhielt den Zuschlag. &#8230; Man wollte es den Bayern schon zeigen, was es bedeutet, eine Hamburger Einsatzhundertschaft bei sich zu haben.&#8220; (Kurz nach der Ankunft in M\u00fcnchen traf man sich in einem Biergarten.) &#8222;Hoch geht es dort, im Wald versteckt, her. Norddeutsche Ges\u00e4nge hallen durch den Wald.&#8220; (So eingestimmt war man am 4.7.92 bei der ersten Demo dabei): &#8222;Die Prognosen scheinen sich zu best\u00e4tigen. Ca. 10.000 Teilnehmer, darunter eine gro\u00dfe Zahl gewaltbereiter Personen aus dem autonomen Spektrum. Unser Huf\u00fc bietet sich als Reserve an, blitzschnell sind die Mannen behelmt und mit Lederjacke versehen, Motoren werden angeworfen, Sekunden des Wartens werden zu Minuten, man will endlich zum Einsatz kommen, daf\u00fcr sind wir nun mal hier, eine gut ausgebildete, intakte Einsatzhundertschaft.&#8220; (Man beteiligte sich beim ber\u00fchmt gewordenen Pfeifkonzert ohne Bedenken am &#8218;M\u00fcnchener Kessel&#8216; und trat schlie\u00dflich zufrieden die Heimreise an). &#8222;Blaulichter zucken, der Torposten gr\u00fc\u00dft ein letztes Mal &#8230; Servus M\u00fcnchen, servus Bayern.&#8220; Dieser Bericht wurde nicht etwa von einem der Jungpolizisten geschrieben. Der Hunder-schaftsf\u00fchrer und sein Stellvertreter hatten ihre Eindr\u00fccke pers\u00f6nlich nieder-geschrieben. In Geist und Diktion entspricht er haargenau den Eindr\u00fccken, die ich als Berufsanf\u00e4nger bei der BPAH bereits im Jahr 1977 gewinnen konnte. Besonders nachdenklich mu\u00df es jedoch stimmen, da\u00df dieser Artikel drei Monate nach dem &#8218;M\u00fcnchener Kessel&#8216;, als der Einsatz &#8222;bayerischer Art&#8220; bereits weltweit kritisiert worden war, in der Hauspostille der Hamburger Polizei erscheinen durfte.<\/p>\n<h4>Lebenswelt Bereitschaftspolizei<\/h4>\n<p>&#8222;Die (&#8230;) Bediensteten sind verpflichtet, unmittelbaren Zwang anzuordnen, der von ihren Vorgesetzten oder einer sonst dazu befugten Person angeordnet oder befohlen wird. Dies gilt nicht, wenn die Anordnung die Menschenw\u00fcrde verletzt oder nicht zu dienstlichen Zwecken erteilt worden ist&#8220;, hei\u00dft es in 20 des Hamburger Sicherheits- und Ordnungsgesetzes (HmbSOG). Hier spiegelt sich in knappen Worten eine Lebenswirklichkeit wider, die es jungen BeamtInnen erm\u00f6glicht, ihre gesamten Unsicherheiten zu kompensieren. Die Verantwortung f\u00fcr einen Einsatz wei\u00df man (dankbar) bei den Vorgesetzten aufgehoben. Tats\u00e4chlich tr\u00e4gt jedoch jede BeamtIn letztlich f\u00fcr die Ausf\u00fchrung einer Anordnung selbst die Verantwortung. Das aber wird verdr\u00e4ngt in der Erwartung, der Vorgesetzte werde es schon richten.<\/p>\n<p>Eine Untersuchung zur &#8222;Lebenswelt Bereitschaftspolizei&#8220; kommt zu dem Ergebnis, &#8222;da\u00df 85 % der B.i.A. (BeamtInnen in Ausbildung, Anm.) ihre Freizeit am Dienstort verbringen und nur sehr wenig Kontakte au\u00dferhalb gesucht werden.&#8220; Ein Ergebnis, das die These der &#8218;Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizisten und Polizistinnen&#8216; best\u00e4tigt, wonach der gr\u00f6\u00dfte Teil der Po-lizeibeamtInnen nach Beginn ihrer Berufsausbildung die bisherigen sozialen Kontakte vernachl\u00e4ssigt und so Gefahr l\u00e4uft, sich der Au\u00dfenwahrnehmung zu verschlie\u00dfen: &#8222;Mit dem Eintritt in die Polizei betreten die Jugendlichen eine eigene Welt, in die sie einsozialisiert werden sollen. Die finanzielle Unab-h\u00e4ngigkeit wird eingetauscht gegen eine Beschr\u00e4nkung der Freiheit der Le-bensgestaltung. (&#8230;) Gerade der h\u00e4ufige Ortswechsel mit &#8218;amtlicher Unter-bringung und Verpflegung&#8216; f\u00fchrt zur Notwendigkeit, die Polizei zu etwas \u00e4hnlichem wie &#8218;Heimat&#8216; zu erkl\u00e4ren. Wer nicht zum Polizeiapparat geh\u00f6rt, ist &#8218;Externer&#8216;, d.h. er geh\u00f6rt zur &#8218;Au\u00dfenwelt&#8216;.&#8220; Die Bereitschaftspolizeien mit ihren Gruppenzw\u00e4ngen wirken hier verst\u00e4rkend. Rollendistanz ist im Zweifel nicht gefragt. Die mit Recht geforderte, f\u00fcr eine demokratische Polizei schlichtweg notwendige Rollendistanz, wird sich unter diesen Umst\u00e4nden kaum vermitteln lassen. Hier kann nur die Abschaffung von vorgehaltenen geschlossenen Einheiten Abhilfe schaffen.<\/p>\n<h5>Manfred Mahr ist Mitbegr\u00fcnder der &#8218;Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizisten und Polizistinnen&#8216;; bis Sept. 1993 war er einer ihrer drei Sprecher und ist heute innenpolitischer Sprecher der GAL-Fraktion in der Hamburger B\u00fcrgerschaft.<\/h5>\n<h6>Mit Fu\u00dfnoten im <a href=\"http:\/\/archiv.cilip.de\/Hefte\/CILIP_046.pdf\">PDF der Gesamtausgabe<\/a>.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Manfred Mahr Im Gegensatz zu anderen Bundesl\u00e4ndern werden in Hamburg nur voll ausgebildete PolizeibeamtInnen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,52],"tags":[],"class_list":["post-3763","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-046"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3763","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3763"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3763\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3763"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3763"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3763"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}